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Der Band enthält Erzählungen und eine Auswahl von Gedichten. Von der Holocaust -Gedenkstätte in Jerusalem bis zu einer zeitlosen und deshalb zeitnahen Adaption des Buches Ruth aus dem Alten Testament, über Fragen nach der Zeit als Dimension und solchen nach vermeintlich alltäglichen Begebenheiten bis zu Bewusstseinsspaltungen, erzählt der Autor in einer besonderen Sprache. Den Mittelteil des Buches nimmt der Zyklus "Schweriner Elegien" ein. Rosenstein reflektiert darin einen kleinen Ort in Brandenburg und was einem beim Blick auf und in das Wasser in den Sinn kommen kann. Die anschließenden Gedichte, tiefsinnig oder ironisch oder auch beides, hat der Autor selbst ausgewählt. Einige Zeichnungen hat die Dresdner Malerin Agnes Kober für den Band geschaffen und zugeordnet. Der aufgeschlossene Leser mag sich fragen, ob die Zeichnungen zu den Texten oder die Texte zu den Zeichnungen geschaffen worden sind. Letztlich aber ist das eine ebenso unnötige Frage, wie die nach einem weißen Hund mit schwarzen Flecken oder einem schwarzen Hund mit weißen Flecken; der Leser wird sich erinnern. Ephraim Rosenstein ist etwa 1940, vermutlich in Berlin geboren. Er hat als Heizer, Tischler, Schuhmacher, Mechaniker gearbeitet und daneben immer geschrieben. Er ist Absolvent des Literaturinstitutes "Johannes R. Becher" in Leipzig (1979 - 1982) und lebt im Allgäu. Bei mehreren Dokumentarfilmen hat er die Kamera und Regie geführt (Der YouTube-Kanal "Ephraim2710" zeigt eine Auswahl). "Unterm Fluss" liegt auch als eBook vor.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Der Dichter ist nicht das Gewissen der Nation, sondern ihr Schmerz.
Max Walter Schulz
Einen Namen
Yad Vashem
Ruth
Boas
Der Ursprung
Schleier
Unterm Fluss
Der Berg
Ein Hund namens Herr
Die Wand
Die Beichte
Lebenszeit
Erwachen
Die Andere
Das Weihnachtsessen
Das fehlt noch
Déjà-vu
Der Schuss
Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Namen geben, besser denn Söhne und Töchter; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.
Jesaja 56; 5
An einem warmen Tag, zur Weihnacht, auf dem Herzelberg, einer der sieben Erhebungen zwischen denen Jerusalem liegt. Hier liegt „Yad vashem“, die Gedenkstätte für die jüdischen Opfer des Naziterrors. „Yad vashem“ ist das hebräische des Propheten Jesaja: „Einen Namen geben“.
Hier hat der Ausspruch eine neue Bedeutung; eine, die in ihrer Ungeheuerlichkeit selbst die Autoren der Heilige Schriften nicht erdacht haben konnten. Niemand kann ihnen ihren Namen geben, niemand kann ihrer gedenken indem er sie beim Namen nennt. Von vielen ahnt man nur, weil menschliche Überreste in den Lagern Rückschlüsse auf Zahlen zuließen und die sind weit größer als jene, die in den mit vermeintlicher Gründlichkeit geführten Journalen zu finden sind. So muss die Namenlosigkeit zum Gedenken werden, denn es ist niemand da, sich zu erinnern. Es bleibt nur Stille, der Versuch, jenes Vergangene in erträglichem Maß empfindbar zu machen.
Seit man weiß, dass Denken nicht allein an Worte gebunden ist, sondern auch und viel eher an Gefühle und Empfindungen, lässt sich denken, auch jenen Namenlosen einen Namen geben zu können, der freilich schwer als Wort zu fassen ist. Dennoch kann so ein yad vashem beitragen, die vielen nicht dem Abgrund jenseits der Geschichte anheimfallen zu lassen. Und schließlich gelingt es vielleicht auch, ihnen ein Stückchen unser selbst über unsere Anteilnahme zu übereignen, so wie sie uns den Namen einer Empfindung übereigneten.
Ich aber lebe.
Ich betrete das „children memorial“.
Von außen scheint es als ein halb in die Erde gebauter Betonbunker, doch ich weiß, wo ich bin. Sogar die Abdrücke der Holzverschalung kann man sehen. Ein breiter, gepflasterter Weg führt abwärts, und bald nimmt die Böschung jede andere Sicht als die auf ein zweiflügliges, schweres bronzenes Tor.
Ich gehe hindurch und stehe geblendet im Dunkeln. Von ferne höre ich leises Gemurmel.
Ein kühler Lufthauch weht mich an.
‚Wie aus einem Grab‘, denke ich, da lässt mich eine leichte Berührung erschauern, aber es ist nur ein Helfer, der meine Hand nimmt. Ich lasse es geschehen und fühle einen metallenen Handlauf. So geleitet, gehe ich einen abschüssigen Gang hinab. Das Gemurmel in der Ferne wird lauter. Dann eine Biegung und plötzlich schwebe ich. Zwar stehe ich, aber wo? Flackernde Sterne hüllen mich in ein unbekanntes Universum, das mich abhebt von der Erde.
Wohin kann mich das Schweben führen? Keine Angst verspüre ich, nur Verwunderung über das Unfassbare; eben noch war ich in einer bedrückend wirklichen Welt und nun? Indem ich mich dies frage, kommen Erinnerungen und Empfindungen und nun bekommt auch das Schweben einen angemessenen Sinn. Ich weiß wieder wo ich bin und erkenne zugleich, dass alle Sterne dem Licht von fünf kunstvoll zwischen Glasscheiben aufgestellten Kerzen entstammen. Wieder und wieder spiegeln die ihr Licht, bis es in einer unendlichen Ferne allmählich vergeht.
Mir fällt das Märchen ein, in dem ein Mann vom Tod gerufen wird, aber nicht sterben will: „Nimm doch einen andern“, rät er bittend. Da führt ihn der Tod in einen Raum mit unzähligen Kerzen. Es sind die Lebenslichter der Menschen. Manche brennen hoch und hell, andere sind dem Verlöschen nahe. Der Tod weist auf eine Kerze, die eben noch zaghaft flackert: Es ist des Mannes Lebenslicht und der Tod bietet an, es auf ein beliebiges anderes zu setzen. Freilich muss dann ein anderer sterben.
Die Entscheidung kann der Mann nicht treffen und stirbt. - Er tut es freiwillig.
Ich aber lebe.
Jetzt erst wird mir jene ferne Stimme bewusst. Sie nennt in ununterbrochener Folge Namen, Alter, Stadt, einen Namen, ein Alter, eine Stadt, einen Namen, ein Alter, eine Stadt. Von einem Tonband werden sie genannt und man sagt mir später, das Band müsste ununterbrochen drei Jahre lang laufen, um alle Namen zu nennen. Dabei weiß man längst nicht alle Namen jener Kinder, die in den Lagern umkamen.
Einen Namen, ein Alter, eine Stadt, - plötzlich schreckt es mich auf: Wie nun, wenn durch irgendeinen Zufall, eine Fügung grausamen Schicksals, dass mir das Leben geschenkt hat, auch mein Name hier genannt wird?
Ich werde es nie erfahren.
Aber, - ich lebe.
Ich lebe?
Vorweihnacht in der vielfach geschundenen Stadt Dresden.
Wir gehen in ein Kaufhaus. Vor dem Eingang sitzt, mit untergeschlagenen Beinen, ein Mann und hält ein Schild in den Händen, eigentlich nur ein Stück brauner Pappe, auf dem er kundtut, Hunger zu haben. Vor sich auf dem Boden steht eine kleine Büchse mit wenigen Münzen. Wir gehen vorbei. Hinter den sich automatisch öffnenden Türen empfängt uns Weihnachtsmusik und mäßiges Treiben derer, die bisher noch nicht beisammen haben, was sie zum Weihnachtsfest zu benötigen glauben. Nach einer Stunde müssen wir den Einkauf abbrechen; mehr können wir nicht tragen und der Weg zum Auto ist weit. Auf dem Rückweg durch die Etagen kommen wir an einer Weihnachtskrippe vorbei und ich denke: ‚Ach ja, das war ja der Anlass‘.
Die automatischen Türen schließen sich hinter uns und der milde Winter ist um uns. Der Mann mit dem Schild sitzt immer noch da - aber er sitzt nicht auf untergeschlagenen Beinen; er hat keine.
Unsere Weihnachtseinkäufe wiegen schwer.
Der Mann hat immernoch nur wenige Münzen in seiner Büchse. Früher, hätten die zumindest für etliche Brötchen, also eine Mahlzeit gereicht, nun aber ... - Freilich, hätte er früher hier auch weder sitzen können noch müssen oder dürfen - vielleicht. Aber wir schicken uns an, ein Fest zu begehen, dass die Geburt eines Mannes zu sein hat, der sagte oder dem man in den Mund gelegt hat: „Liebe deinen Nächsten, wie Dich selbst!“
Welchen Namen werden wir uns geben? Welchen können wir tragen und - mit Würde? „Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort und einen Namen geben, besser denn Söhne und Töchter; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“
Welcher ist mein Name?
Naemi
Im Lande war Hungersnot. Das hatten sie nicht zum ersten Mal erlebt; vor Jahren waren sie wegen einer Hungersnot aus dem Norden hergezogen an das Westufer des Toten Meeres, wo es sich besser leben ließ. Nun aber gab es auch hier nichts mehr zu ernten, die Felder lagen dürr in der Hitze, die Quellen waren versiegt und die Tiere kamen um vor Durst. Es gab keine Milch, kein Brot ließ sich backen; Mehl war rar.
Alte und Kranke starben so schnell, dass Trauer das Land überzog wie die Schreie der hungernden Kinder. Da beschloss mancher, eine Gegend zu suchen, die Heimat werden konnte, ihre Menschen ernährte, deren Boden Gras trug für Tiere und Ackerkrume für Weizen und Gerste.
Unter jenen, die sich auf den Weg gemacht hatten, war Elimelech mit seiner Frau Naemi und zwei Söhnen, Knaben im mittleren Alter, Mahlon und Chiljon. Sie nahmen den Weg, entlang am Ufer des Toten Meeres, immer im Angesicht des Wassers, klar wie die Wasser des Bergquells, doch ungenießbar. Mühelos überquerten sie die Ausläufer des Jordan, die nichts waren als müde Rinnsale.
Es war ein schweigsamer Weg; nicht bestimmt von der Lust der Neugier. An jedem Fußabdruck blieb in dem sandigen Boden etwas Erinnerung haften an das zurückgelassene Leben, das Haus, das sie nicht zu verkaufen vermochten, war es doch das einzige, das Gedanken an sie vermitteln konnte, Erinnerungen an die wenigen Freunde, die geblieben waren, an ihre Verstorbenen, deren Gräber sie vielleicht nie mehr besuchen würden. Wer zurück sah, konnte den Spuren folgen, die dorthin führten, wo sie hergekommen waren. Schon der abendliche Wind würde sie am Boden verwischen. In ihren Herzen aber kam kein Wind auf.
Trotz der Strapazen, kamen sie ins Land der Moabiter, von dem Reisende erzählt hatten, es sei ein reiches Land. Sie hatten das halbe Meer umwandert. An der ersten Quelle rasteten sie. Naemi war zusammengebrochen, Elimelech wusste nicht, ob es Erschöpfung war oder Verzweiflung, denn was sie sahen, war nicht anders als das, was sie von Zuhause kannten. Auch hier lag, so weit der Blick reichte, das Land unter flimmernder Hitze. Freilich, die Brunnen hatten noch Wasser, aber auch hier säumten bereits tote Tiere den Weg. Nicht so häufig wie in der Heimat, aber sie wussten, so hatte es auch dort angefangen.
Irgendwie aber überlebten sie doch. Elimelech hatte wieder ein Haus gebaut, klein, aber mit Platz für alle. Die Hitze erwies sich als erträglicher; gemildert durch gelegentlich von den Bergen herabfallende kühle Winde. Elimelech bestellte mit seinen Söhnen ein Feld mit mühsam erhaltenem Saatgut und ganz allmählich wurden die Menschen froher.
Eines Tages hatte sich eine Ziege in Naemis kleinen Gemüsegarten verlaufen und da sich niemand fand dem sie gehörte, behielten sie das Tier. Es war trächtig und bald hatten sie zwei Ziegen und Milch. Mahlon und Chiljon wuchsen heran und nahmen Frauen der Moabiter zum Weibe. Orpha und Ruth. Die Moabiter waren große Menschen, feingliedrig und von angenehmer Gestalt. Es wäre schwer gewesen, Frauen des eigenen Volkes zu finden, hier in der Fremde. Elimelech und die Seinen lebten unter Moabitern wie diese, dass sie einen anderen Gott anbeteten war nicht ersichtlich und bald dachte kaum einer noch daran, dass die Familie von weit her gekommen war. Elimelech hatte seinen Söhne das Brautgeld geben können und das allein zählte; die Söhne würden fürderhin für ihre Weiber aufkommen können. Die Zeiten waren hart; niemand konnte ohne Familie bestehen.
Die Feldarbeit wurde leichter durch die starken Frauen, so dass Naemi immer häufiger daheim bleiben konnte. Arbeit gab es auch dort genug. Elimelech hatte zugestimmt, das Haus zu vergrößern, um Platz zu schaffen für die neuen Familien. Naemi dachte an Enkelkinder und träumte davon, wie lebhaft es im Hause sein würde. Ihr fiel ein, wie es war, als ihre Söhne noch Knaben waren und sie noch alle Hände voll zu tun hatte die Dinge zu beschicken, dort in der Heimat jenseits des Meeres. Zudem dachte Elimelech schon lange daran, Stalltiere anzuschaffen, wie sie hier selten waren: Rinder und Schafe. Feld auf Feld kam hinzu. Jahr für Jahr mussten, sobald der Pflug die Erde durchzog, Steine zum Feldrand getragen werden, wuchsen die Wälle.
Eines Tages, während der Feldarbeit wurde Elimelech von einem Skorpion gestochen. Minuten später sank er bewusstlos zusammen. Die Söhne legten den schweren Mann auf jenen Karren, mit dem sie seit neuestem die Feldsteine bewegten und brachten ihn ins Haus zu der bestürzten Naemi. Am folgenden Morgen starb Elimelech.
Naemi wurde still. Der Mann war das Zentrum ihres Denkens gewesen. Sie kannte ihren Mann wie sich selbst und liebte ihn wohl ebenso, obwohl er in seinen Forderungen oft hart war, nie aber ungerecht. Nun würde nie wieder der tiefe Bass seiner Stimme durchs Haus dröhnen, muss sie frieren des Nachts auf ihrem Lager. Nie mehr würde sie sich an ihn schmiegen können. Nie wieder würde er sie streicheln, sobald sie sich im Halbschlaf regte. Wenig Schlaf würde sie finden. Nur die Söhne blieben ihr, die aber hatten ihre Weiber...
Naemi hoffte auf Enkel. Nicht allein, dass die Sorge von ihr gewichen wäre, der Söhne Namen ausgelöscht zu wissen, Enkel hätten auch ihre Tage wieder mit Leben erfüllt. Doch Jahr um Jahr verging, in denen Naemi vergeblich wartete. Dann, als Elimelech schon nicht mehr so oft in ihren Träumen war, starben binnen weniger Tage Mahlon und Chiljon. Beide dahingerafft von einer heimtückischen Krankheit, gegen die man nichts tun konnte, die zu schnell ihre Opfer forderte.
Nun waren die drei Frauen allein und wieder erfüllte Trauer das Haus. Bisher hatte sich Naemi abseits gehalten von den Schwiegertöchtern, lebte meist in ihrer Vergangenheit und da störten die jungen lebhaften Frauen. Nun aber waren sie auf
