Unterwassermüllmänner - Alex Langenmaier - E-Book

Unterwassermüllmänner E-Book

Alex Langenmaier

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Beschreibung

Zwei Jahre nach den Ereignissen von »Heldenschlussverkauf« ist wieder Ruhe eingekehrt in Toms Leben. Er und Kathi haben sich längst gut eingerichtet im neuen Zuhause in Oberkreuzbach, der erste Nachwuchs ist auch schon unterwegs. Doch dann stellt ausgerechnet Toms bester Kumpel Kai das Leben der Kleinschmidts gehörig auf den Kopf. Der will nämlich Zuflucht finden auf unbestimmte Zeit in der ländlichen Enklave von Toms Zuhause, um sein Leben von Grund auf umzukrempeln - und das von Tom und Kathi gleich mit. Als ob das nicht genug wäre, entpuppt sich auch noch der neue Nachbar als windiger Immobilienspekulant, der das ganze Dorfleben in Gefahr bringt. Und so muss sich Tom einmal mehr dem Chaos stellen, das seinen Alltag unversehens durcheinanderwirbelt. Wie gut, dass es die ehemaligen Bandmitglieder von »Biedermeiers Blutgericht« gibt, auf die man in der Not zählen kann. Und natürlich Rentier-Xaver! Tom Kleinschmidt ist zurück und stellt sich einmal mehr den großen und kleinen Herausforderungen des Lebens - lustiger, wahnwitziger und ehrlicher als je zuvor

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Zwei Jahre nach den Ereignissen von »Heldenschlussverkauf« ist wieder Ruhe eingekehrt in Toms Leben. Er und Kathi haben sich längst gut eingerichtet im neuen Zuhause in Oberkreuzbach, der erste Nachwuchs ist auch schon unterwegs. Doch dann stellt ausgerechnet Toms bester Kumpel Kai das Leben der Kleinschmidts gehörig auf den Kopf. Der will nämlich Zuflucht finden auf unbestimmte Zeit in der ländlichen Enklave von Toms Zuhause, um sein Leben von Grund auf umzukrempeln – und das von Tom und Kathi gleich mit. Als ob das nicht genug wäre, entpuppt sich auch noch der neue Nachbar als windiger Immobilienspekulant, der das ganze Dorfleben in Gefahr bringt. Und so muss sich Tom einmal mehr dem Chaos stellen, das seinen Alltag unversehens durcheinanderwirbelt. Wie gut, dass es die ehemaligen Bandmitglieder von Biedermeiers Blutgericht gibt, auf die man in der Not zählen kann. Und natürlich Rentier-Xaver!

Über den Autor

Alex Langenmaier, geboren 1980, studierte sich zunächst an der LMU München einmal quer durch die deutsche Literatur- und Theatergeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Dass er dabei fast doppelt so lange wie andere benötigte, mag seiner tief empfundenen Liebe zu guten Geschichten ebenso geschuldet sein wie seiner nicht minder großen Liebe zum Münchner Nachtleben und den Versuchungen der Großstadt. Bereits als Student begann er mit dem Verfassen erster Kurzgeschichten und Erzählungen. Nach fast zwanzig Jahren in München lebt er heute mit seiner Familie irgendwo im Nirgendwo der oberbayerischen Prärie. »Unterwassermüllmänner« ist nach »Heldenschlussverkauf« sein zweiter Roman über das Leben von Tom Kleinschmidt.

Für Alicia, Konstantin & Elias

»Eigentlich bin ich ganz anders.

Ich komme nur viel zu selten dazu.«

Ödön von Horváth

Inhaltsverzeichnis

UNERWARTETER BESUCH

DER LAUF DER DINGE

GÖTZ KLOETZ

DER KURS DES GRAUENS

TRAUTES HEIM – DOCH NICHT ALLEIN

GÖTZKRIEG BOP

UNTERWASSER- MÜLLMÄNNER

BABY WORLD

BORSTELMANN

DER TRAUM VON KATHMANDU

POSITIVE AFFIRMATIONEN

ERTAPPT!

DER LAUF DER DINGE (MAIBAUM-REMIX)

DER TRAUM VON KATHMANDU II

DIE KREUZBACH- KRIEGE I (DIE GEISELNAHME)

KING BLEIBT KING

MÄNNERGESPRÄCHE

DIE KREUZBACH- KRIEGE II (SCHIFFE VERSENKEN)

DIE DIFFERENZ DER SUMMEN ALLER DINGE

MÄNNERGESPRÄCHE II

EPILOG I: DIE LETZTE SCHLACHT

EPILOG II: NOCHMAL KATHMANDU

DANK & MEHR

UNERWARTETER BESUCH

Wann immer Tom später darüber nachdachte, an welchem Punkt in seinem Leben der ganze darauffolgende Irrsinn seinen Anfang nahm, gelangte er unweigerlich zu dem Schluss, dass das Chaos mit Kais Anruf begann. Was ihm leidtat, schließlich war Kai sein bester Kumpel seit Studententagen. Trotzdem: In dem Moment, als Toms Handy klingelte, löste sich unbemerkt ein kleiner Chaos-Stein, ein winziger Konfusions-Kiesel im mittlerweile geordneten Getriebe seines Lebens. Auf seinem unaufhaltsamen Weg durch die beschaulich dahintuckernde Maschinerie von Toms Alltag würde er andere, größere Steine anstoßen, eine Tumult-Lawine auslösen, die sich irgendwann nicht mehr stoppen lassen und zu ganz und gar unvorhergesehenen Ereignissen führen würde, einer Form von Wahnsinn, die anderen – normaleren Menschen, wie Tom bedauernd denken sollte – zum Glück ihr Leben lang erspart blieb.

Von alledem wusste Tom noch nichts, als er an jenem schicksalshaften Freitagabend gemütlich im Bett lag und einen fesselnden Fantasy-Schmöker las, während Kathi neben ihm schlief. Und hätte er geahnt, was in den folgenden Wochen über ihn hereinbrechen würde, er hätte vermutlich sein Handy im Klo versenkt, sich tief unter seiner Bettdecke verkrochen und tot gestellt. So aber wähnte er sich sicher und geborgen, während er im gedimmten Schein seiner Nachttischlampe einer Gruppe Zwerge durch den tiefen, dunklen Winterwald folgte, auf der Flucht vor einer Söldnertruppe untoter Orks.

Gerade als ein markerschütterndes Heulen die dunkle Nacht durchschnitt und auch noch ein Rudel Riesenwölfe aus dem Unterholz gesprungen kam, schrillte Toms Handy auf dem Nachttisch los. Tom erlitt beinahe einen Herzinfarkt, doch dafür war zum Glück keine Zeit. Schließlich musste er um jeden Preis verhindern, dass Kathi aufwachte, die in ihrem aktuellen Zustand nicht nur unter einem sehr unruhigen Schlaf litt, sondern momentan generell und überhaupt bei jeder Gelegenheit zu heftigen emotionalen Ausbrüchen neigte.

Sich innerlich verfluchend, weil er so doof gewesen war, sein Handy nicht auf lautlos zu schalten, warf Tom die Bettdecke zur Seite, während AC/DC »Highway to Hell« in die Stille des Schlafzimmers hineinbrüllte, sprang aus dem Bett, stolperte dabei über seine eigenen Füße, schlug mit dem Knie schmerzhaft gegen den Nachttisch, griff – sich innerlich noch mehr verfluchend – nach dem Handy und hüpfte unter Schmerzenstränen auf einem Bein aus dem Zimmer hinaus auf den Gang (wobei er sicherlich auch ein wenig wie Angus Young aussah, wenn dieser in seiner typischen Pose über die Bühne hüpfte).

Sekunden später hatte Tom die Tür zum Schlafzimmer hinter sich geschlossen, lehnte sich, sein schmerzendes Knie massierend, an die Wand, und nahm den Anruf entgegen.

»Kleinschmidt.«

»Tom, wie schön, dass ich dich um diese Uhrzeit noch erreiche.«

»Kai?«

»Genau der. Ich hoffe, es ist okay, dass ich so spät noch anrufe.«

»Natürlich, jederzeit«, log Tom. »Was liegt an? Wie gehts dir?«

Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende, dann drang Kais Stimme seltsam tonlos an Toms Ohr: »Um ehrlich zu sein eher bescheiden. Darum rufe ich auch an. Ich weiß, das kommt jetzt ziemlich überraschend, aber wäre es in Ordnung, wenn ich noch kurz vorbeikomme?«

»Wie … jetzt?«

»Ich will dich echt nicht überfallen, aber, na ja, ich bräuchte wirklich jemanden, mit dem ich eine Halbe Bier trinken und reden kann.«

Das klang so gar nicht nach seinem stets fröhlichen Kumpel, dachte Tom, der sich in diesem Moment aus gleich mehreren Gründen Sorgen zu machen begann.

»Das kommt jetzt ein wenig überraschend«, sagte er ausweichend, um einen Moment Zeit zu gewinnen. »Wegen mir jederzeit, das weißt du. Es ist nur so – Kathi schläft schon. Und sie reagiert extrem empfindlich auf jede Störung. Die Schwangerschaft setzt ihr gerade ziemlich zu. Da genügen Kleinigkeiten, um sie aus der Fassung zu bringen, und dann … na ja.«

»Versteh schon. Und es tut mir auch wirklich, wirklich leid, dich so zu überfallen. Aber ich würde dich nicht darum bitten – als meinen besten Freund –, wenn es nicht wichtig wäre. Wenn ich jetzt gleich ins Auto springe und losflitze, bin ich in einer knappen Stunde da. Um Mitternacht spätestens bist du mich wieder los, versprochen«, sagte Kai und klang dabei so dermaßen unkaihaft kleinlaut, dass Toms Sorge um ihn alle anderen Sorgen verdrängte. Wie hätte er es übers Herz bringen sollen, nein zu sagen?

»Natürlich. Egal, wo dich der Schuh drückt, ich bin für dich da. Was hältst du davon, wenn wir uns beim Müllerwirt am Ortseingang treffen? Das ist besser – wegen Kathi.«

»Perfekt! Tom, das werde ich dir nie vergessen, ernsthaft. Ich leg jetzt auf. Bis gleich dann.«

Gesagt, getan, und schon stand Tom mit tausend Fragen, einem immer noch schmerzenden Knie und einem das Leerzeichen tutenden Handy am Ohr im dunklen Hausflur und begann sich zu fragen, ob es wohl unangemessen sei, sich selbst leid zu tun.

Dann seufzte er – denn ein kleines selbstmitleidiges Seufzen sollte doch auf jeden Fall erlaubt sein – und schlich zurück ins Schlafzimmer. Kathi schien gottlob von alledem nichts mitbekommen zu haben, was tatsächlich an ein Wunder grenzte. Tom kramte Jeans, T-Shirt und Unterwäsche aus dem Schrank. Er schrieb Kathi in der Küche eine kurze Notiz, dass er nochmal wegmüsse, klebte den Zettel mit einem Stück Tesa innen an die Schlafzimmertür, schaltete die Nachttischlampe aus und zog sich im dunklen Flur an.

Vor der Haustür empfing ihn eine erstaunlich laue Aprilnacht. Doch obwohl es gerade einmal halb elf war, war alles still und menschenleer im Dorf.

So ist das hier auf dem Land, dachte Tom, als er den Hang hinab zum Dorfkern wanderte. In München waren die Straßen der Innenstadt an einem dieser ersten Frühlingsabende sicherlich bunt gefüllt von Menschen, Lärm und Trubel. Ein typischer Freitagabend zu Beginn der warmen Jahreszeit. Wie wenig er es mittlerweile vermisste. Das überraschte Tom selbst immer wieder, wenn es ihm, so wie jetzt gerade, wieder einmal bewusst wurde. Nur hier und da das Flackern eines Fernsehers, das diffuse Lichtspiele an die zugezogenen Gardinen malte. Von irgendwoher leise Musik, die durch ein gekipptes Fenster in die Dunkelheit entwich und ab und an fernes Pferdewiehern von einer der Koppeln am Dorfrand oder das gelegentliche Mähen eines Schafs. Die einzigen Geschöpfe, denen Tom auf seinem Weg durchs freitagabendlich dahindösende Dorf begegneten, waren zwei Katzen, die sich in der kargen Licht-Insel einer Straßenlaterne sonnten und Tom verärgert musterten, als er vorbeischritt.

Ich bin angekommen, dachte Tom, und wie immer dachte er es mit einer Mischung aus Belustigung, innerlichem Kopfschütteln und einer Spur Wehmut. Wie und wann das auch immer geschehen sein mochte in den zwei Jahren, die sie mittlerweile hier in Oberkreuzbach lebten – er war angekommen. Angekommen und heimisch geworden in einem Dorf am Arsch der Welt, in das er nur Kathi wegen gezogen war, in das er selbst nie hatte ziehen wollen, weg von dem irrlichternden Trubel der Großstadt. Und jetzt, zwei Jahreszeitenzyklen später? Jetzt hätte er gar nicht mehr gewusst, ob er überhaupt noch zurück nach München gewollt hätte, hätte sich die Gelegenheit dazu ergeben. Tom konnte es drehen und wenden, wie er wollte: Er schätzte sein Leben hier mittlerweile aufrichtig. Sicher, es war ein kleines Leben verglichen mit dem Leben andernorts, ein bescheidenes, sich oft selbst genügendes. Aber auch ein in sich ruhendes, geordnetes Leben in einer Welt, die bisweilen arg aus dem Ruder zu laufen drohte.

Auch beim Müllerwirt war schon alles dunkel; die Lichter in der Wirtsstube ausgeschaltet, die Bierbänke im Garten hochgestellt. Allerdings hatte Wirt Schorsch unlängst einen Fleisch- und Wurstautomaten aufgestellt. Der stand bunt leuchtend neben der Eingangstür der Wirtschaft mit hauseigener Metzgerei und versorgte das Dorf auch abseits der Öffnungszeiten mit allerlei Leckereien – und mit Bier.

Vorsorglich zog Tom zwei Halbe Augustiner und ein Fünfer-Päckchen Landjäger aus dem Automaten und setzte sich an die einzelne Biertischgarnitur, die Müllerwirt Schorsch netterweise rund um die Uhr neben dem Automaten für Nachtschwärmer aufgestellt ließ.

Tom öffnete sein Bier und nahm einen Schluck. Zwei Jahre, dachte er. Wie die Zeit verging. Obzwar das ein ganz furchtbarer Gemeinplatz war, ließ es sich nicht leugnen: Gerade noch war man am Diskutieren – mit sich selbst, seiner Freundin, mit Gott und der Welt –, wie das weitere Leben aussehen sollte, hatte sich mit viel Hadern einen Fahrplan für die zweite Hälfte seines Lebens zusammengezimmert, hatte seinem alten Leben Lebewohl gewunken und war mit Sack und Pack und all den Erinnerungen an turbulentere Zeiten weggezogen aus der großen Stadt; und kaum versah man sich, schon war man Teil dieses neuen Lebens geworden, dieses Lebens, das man sich früher nie hätte träumen lassen. Und Tom war tatsächlich glücklich damit. Da konnte man mal sehen!

Sie hatten schlussendlich geheiratet, Kathi und er, natürlich beim Müllerwirt, wo sonst? Sie hatten sich integriert und neue Freunde gefunden, die alten dabei zum Glück nicht aus den Augen verloren. Und jetzt war auch noch Nachwuchs unterwegs, ein kleiner Sohn, wie verrückt war das denn? Tom würde Vater werden, in erschreckend wenigen Monaten schon. Ein Gedanke, der ihn immer noch umhaute, der zu groß war, um sich daran gewöhnen zu können.

Abgesehen davon hatte sich wenig getan in seinem Leben, pandemiebedingt und überhaupt. Nach all den Monaten des Stillstands, des Eingesperrtseins war Tom fast froh, mittlerweile wieder unter der Woche nach München in die Arbeit pendeln zu können – etwas, das ihn früher ziemlich verdrossen hatte.

Wie sehr sich unsere Einstellungen doch ändern können, wenn man die Dinge nur eine Weile aus einer anderen Perspektive betrachtet, dachte Tom. Ob nun aus eigenem Antrieb oder aus der Notwendigkeit heraus.

Eine halbe Stunde später zerschnitten Scheinwerferlichter die Dunkelheit der kurvigen Landstraße, die nach Oberkreuzbach führte, und gleich darauf rollte Kais Audi TT auf den Parkplatz des Müllerwirts.

»Tom! Wie schön, dich zu sehen.« Kai umarmte Tom überschwänglicher als gewöhnlich. Dann blickte er sich um. »Wirt Schorsch hat jetzt einen Wurst- und Bierroboter? Sachen gibts.«

»Das ist der unaufhaltsame Fortschritt, der sogar in Oberkreuzbach Einzug hält«, grinste Tom.

Das Grinsen indes gefror ihm einen Moment darauf schon auf den Lippen, als er Kai genauer in Augenschein nahm. Sein Kumpel sah nicht gut aus, ganz und gar nicht. Er wirkte übermüdet, die Augen lagen tief in den dunkel umrandeten Höhlen, sein Gesicht war von Sorgenfalten zerfurcht.

»Himmel Kai, du siehst aus wie der leibhaftige Tod. Was ist nur los mit dir?«

»Lass uns erst mal hinsetzen und ein Bier aufmachen, in Ordnung?«

»Natürlich. Hier, nimm dir einen Landjäger dazu. Eine kleine Stärkung kann sicher nicht schaden.«

»Das ist wirklich nett. Und es bedeutet mir viel, dass wir uns hier treffen. Ich musste einfach jemanden sehen, mit dem ich reden kann.«

»Du machst mir Angst, Kai. Jetzt sag doch endlich, was dich bedrückt.«

»Der Onkel Willy ist gestorben.«

»Dein Onkel Willy, der Bruder deiner Mutter?«

»Freilich, genau der. Gestern stand er noch im vollen Leben, heute ist er bei den Würmern. Heute Morgen kam der Anruf von meiner Mama. Herzinfarkt. So mir nichts, dir nichts von einem Tag auf den anderen. Da klingelt das Telefon und du denkst dir nichts Böses und dann das. Bamm.«

»Das ist ja furchtbar. Mein Beileid. Aber so überraschend kann das doch gar nicht gekommen sein, oder? Der hat doch sein Lebtag Kette geraucht und kein Bier ausgelassen; keinen Schnaps auch nicht, nach allem, was ich mitbekommen habe.«

»Stimmt schon. Aber trotzdem …« Kai nahm einen Schluck Bier und seufzte. »Der hatte doch noch so viel vor im Leben. Aber immer hat er alles, was wichtig gewesen wäre, vor sich hergeschoben. Hat gesagt, in Rente, wenn er mal ist, dann macht er dieses und jenes und überhaupt und hast du nicht gesehn. Und jetzt – drei Monate vor der Rente fährt er in die Grube ein. Und was bleibt? Nichts bleibt. Der hat doch außer Mama und mir auch keine Familie gehabt. Es sei denn, du zählst die Handvoll Saufkumpane aus seiner Stammkneipe und dem Schützenverein dazu. Und sonst? Eine Briefmarkensammlung und ein Aquarium hat er hinterlassen, sonst nichts.«

»Das ist nicht schön, das stimmt«, sagte Tom, der wünschte, er hätte stattdessen etwas Tiefgründigeres zu sagen gehabt. Etwas, das seinen Kumpel hätte aufbauen können, so elendig wie er dasaß. Stattdessen fiel ihm ansonsten nur noch ein, zu sagen: »Es ist, wies ist. Wenns vorbei ist, ists vorbei. Irgendwann müssen wir alle gehen.« Und weil er sich angesichts seiner verbalen Hilflosigkeit jetzt erst recht blöd vorkam, fügte er das einzig irgendwie Tröstliche hinzu, das ihm zum Glück noch in den Sinn kam: »Wenn du nach dem Bier noch eins willst, spendier dir noch eins.«

»Gern!«

Sie prosteten sich zu und blickten einander bekümmert über ihre Flaschen hinweg an.

»Weißt du, Tom, da beginnt man sich schon zu fragen, wie es eigentlich um einen selbst und das eigene Leben bestellt ist. Denn du hast schon recht: Irgendwann werden wir alle ins Jenseits einbestellt. Und wenn es so weit ist, wärs schon gut, wenn man in seinem letzten Stündchen sagen könnte, man hat ein bisschen mehr gehabt im Leben als eine Briefmarkensammlung und ein Aquarium.«

»Das stimmt wohl«, nickte Tom.

Er nahm einen weiteren Schluck Bier und dachte darüber nach, wie sein eigenes Leben wohl wäre, wenn er nichts hätte außer einer Briefmarkensammlung und ein paar Fischen. Wenn er Kathi nicht hätte und ihre gemeinsamen Lebenspläne und das Kind, das auf den Weg zu ihnen war, und das sein Leben, wie man allgemein sagte, bereichern würde auf eine Art, die er sich jetzt noch gar nicht vorstellen konnte. Dann sah er seinen Freund an, der, wenn man es recht bedachte, auch nur seine Kumpels hatte, an denen er sich in Momenten wie diesem festhalten konnte. Und er dachte an einen völlig aus dem Ruder gelaufenen Tag vor zwei Jahren, als ihm Kai aus der Patsche geholfen hatte. Kai hatte alles stehen und liegen lassen und ihre gemeinsamen Freunde mobilisiert, um Toms geplante Verlobungsfeier zu retten. Also fasste er einen Entschluss:

»Du, Kai, wenn du heute Nacht nicht allein sein willst, kannst du schon bei uns übernachten. Nach zwei Halben Bier solltest du eh nicht mehr Autofahren. Und ich glaube, du könntest sogar noch ein, zwei Halbe mehr vertragen danach.«

»Meinst du wirklich, dass das für Kathi in Ordnung geht?«

»Na klar.«

Und mit diesen zwei kleinen Wörtchen, so sollte Tom später denken, nahm der Wahnsinn seinen Lauf.

DER LAUF DER DINGE

Am nächsten Morgen wurde Tom von einem infernalischen Schrei jäh aus dem Schlaf gerissen. Einen süßen, ungewissen Moment lang versuchte er ihn abzutun als Teil seines Traums – obzwar sein Traum eigentlich ein äußerst angenehmer gewesen war, in dem Muffins, Marmeladenpfannkuchen und singende und tanzende Gummibärchen eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hatten. Weshalb so ein grässlicher Schrei auch gar nicht so recht zu seinem Traum passen mochte und es wohl oder übel deshalb nur logisch war, dass der Schrei in Wahrheit gar nicht Teil seines Traums, sondern vielmehr Teil der Realität war – und noch dazu einer gewiss recht unangenehmen Realität, wie Tom dachte, während selbige unerbittlich an ihm rüttelte und ihn vollständig aufzuwecken versuchte

Und tatsächlich: Einen Moment später kam Kathi energisch ins Schlafzimmer marschiert und ragte fassungslos und allem Anschein nach ernsthaft sauer über Tom auf, wie ein vorsichtiger Blick in die Umgebung ihm verriet, so dass nicht einmal daran zu denken war, den Kopf unter dem Kissen zu verstecken und die Wirklichkeit des neuen Tages noch länger schönzureden.

»Du!« Anklagend zeigte Kathi mit dem Finger auf Tom.

»Ich?«, piepste Tom kleinlaut.

»Wieso zur Hölle hast du mich nicht vorgewarnt?«

»Vor was denn?«

»Ich gehe nichtsahnend ins Bad und werde fast von einem splitterfasernackten Kai umgerannt. Was macht der da?«

»Äh … duschen vielleicht?«

»Thomas Kleinschmidt, du wirst mir auf der Stelle erklären, was das zu bedeuten hat.«

Tom richtete sich schlaftrunken auf und versuchte seine Gedanken zu sortieren.

»Der Kai hat mich angerufen, als du gestern Abend schon geschlafen hast. Dem gings nicht gut. Sein Onkel ist gestorben. Der war beinahe die einzige Familie, die Kai hatte. Dann haben wir uns unten beim Müllerwirt getroffen – extra, um dich nicht zu wecken«, fügte er vorsorglich hinzu, um möglicherweise wieder ein paar Punkte gut zu machen. »Da haben wir geredet und ein paar Bier getrunken. Und weil Kai dann natürlich nicht mehr Autofahren konnte, hab ich ihm angeboten, bei uns zu übernachten.«

»Oh«, sagte Kathi. Und dann nochmal: »Oooh.« Ihr grimmiger Gesichtsausdruck wich einer Miene der Bestürzung. »Der arme, arme Kerl.« Und schon begannen ihre Augen feucht zu werden.

Diese ewigen Gefühlsanwandlungen, die eine Schwangerschaft so mit sich brachte, damit würde Tom vermutlich nie klarkommen. Gefühlsschwankungen, Gefühlsumschwünge und -ausbrüche, eine einzige ständig brodelnde Gefühlssuppe, das waren Schwangerschaften. Da konnte man als Mann wenig mehr tun, als den schlimmsten Auswüchsen auszuweichen und etwaige Scherben notdürftig einzusammeln.

»Na dann wollen wir dem armen Tropf erstmal ein schönes Frühstück machen«, bestimmte Kathi resolut und eilte in Richtung Küche davon. Tom stieg bedauernd aus dem Bett und eilte hinterher.

Kai, dem das schlechte Gewissen, Kathi erschreckt zu haben, deutlich ins Gesicht geschrieben stand, bot zerknirscht an, zum Frühstück Weiße und Brezen vom Müllerwirt zu holen, und eine halbe Stunde später saßen sie zu dritt um den Esstisch und ließen sich die Weißwürste schmecken. Kathi, die Kai (und glücklicherweise auch Tom) recht schnell verziehen hatte, ließ sich die Geschichte von Onkel Willys Leben und Ableben erzählen.

»Natürlich war es richtig von dir, dass du angerufen hast und zu uns gekommen bist!«, rief sie, als Kai geendet hatte. In ihren Augen staute sich schon wieder das Wasser. »Wir sind jederzeit für dich da, hörst du! Jederzeit. In so schweren Momenten ist das Alleinsein nicht gut.«

»Ja«, nickte Kai und zuzelte den Rest seiner dritten Weißwurst weg. »In solchen Momenten ist das Alleinsein wirklich scheiße.«

Immerhin seinen Appetit schien er schon wiedergefunden zu haben, dachte Tom erleichtert. Das war doch sicherlich ein gutes Zeichen.

Während er sich und Kai Kaffee nachschenkte – Kathi verzichtete schweren Herzens auf den morgendlichen Muntermacher, seit sie schwanger war –, klopfte es an der Terrassentür. Es war Resi, ihre Nachbarin und Xavers Frau, die fröhlich den Kopf hereinstreckte.

»Guten Morgen, ihr Lieben«, strahlte sie. Dann bemerkte sie Kai. »Ja, wen haben wir denn da? Wie schön, dass du unser verschlafenes Nest auch mal wieder mit deiner Anwesenheit beehrst.«

»Die Resi! Servus«, strahlte Kai nicht weniger erfreut. Er und Toms Nachbarn kannten und mochten sich seit jenem denkwürdigen Tag von Toms und Kathis Verlobungsfeier.

»Ich wollte Kathi und Tom eigentlich nur an die Einladung zum Mittagessen heute erinnern. Der Tag ist so schön – höchste Zeit, den Grill aus seinem Winterschlaf zu wecken«, erklärte Resi. »Nachdem du endlich einmal wieder zu Besuch hier bist, bleibst du hoffentlich noch ein bisschen und kommst mit. Ich sag dem Xaver gleich, dass er unten beim Schorsch noch ein paar zusätzliche Spareribs besorgen soll.«

»Selbstverständlich«, nickte Kai glücklich. »Wie käme ich denn dazu, so eine schöne Einladung auszuschlagen. Aber macht euch wegen mir bitte keine Umstände.«

Nachdem Resi gegangen war, räumten er und Tom die Reste des Frühstückstischs auf, während Kathi auf der Couch die Beine hochlegen musste.

»Es gibt vieles, was an einer Schwangerschaft nervt«, erklärte sie Kai missmutig. »Aber auf meinem persönlichen Ranking kommt dieses Gefühl, ein bewegungsunfähiges Walross zu sein, das sich alle paar Momente lang ausruhen muss, ziemlich weit oben. Zum Kotzen.«

»Aber ansonsten läufts hoffentlich gut?«, fragte Kai Tom, nachdem Kathi in Richtung Wohnzimmer davongewatschelt war.

»Doch, ja. Kathi schlägt sich ziemlich tapfer, und ich – na ja, du kennst mich. Ich halte eben die Stellung, so gut es geht.«

»Tom, der Mann, der die Stellung hält«, grinste Kai. »Hört, hört.«

Nachdem sie das Geschirr in die Spülmaschine geräumt und den Tisch gewischt hatten, holte Kai zu Toms Erstaunen einen riesigen Reisekoffer aus seinem Auto und verschwand damit in Toms ehemaligem Arbeits-Schrägstrich-Herrenzimmer. Kai hatte es sich nachts darin auf einer Luftmatratze bequem gemacht, die Tom nach einigem Suchen in der Garage gefunden hatte. Um Kathi eben nicht gleich zu erschrecken, wenn sie morgens nach einer unruhigen Nacht als erste ins Wohnzimmer kam und Kai schlafend auf der Couch vorfand.

Das ehemalige Arbeits-Schrägstrich-Herrenzimmer war mittlerweile auf dem besten Wege, zum Kinderzimmer umfunktioniert zu werden, während Toms Sachen – seine Stereoanlage, die Plattensammlung, seine Gitarren – in Kisten verpackt im mittlerweile fast fertig ausgebauten Dachgeschoss darauf warteten, eine neue Heimat zu finden. In einem gerade mal halb so großen, düsteren Kabuff mit Dachschräge, wie Tom nicht zum ersten Mal, dafür nach wie vor ziemlich missmutig, dachte.

Zehn Minuten später kam Kai zurück in die Küche, wo Tom angefangen hatte, eine Schüssel seines legendären Kartoffelsalats vorzubereiten.

»Alter, nicht dein Ernst jetzt?« Tom starrte Kai einigermaßen verblüfft an. Dieser hatte sich umgezogen und sah in seinem vermutlich sündhaft teuren italienischen Designer-Poloshirt, dem wahrscheinlich nicht minder teuren Leinensakko, den cremefarbenen Chinos und den hellen Wildlederschuhen aus wie ein Nachwuchs-Filmstar auf dem Weg zu seiner ersten Oscarverleihung. »Das ist sogar für deine Verhältnisse ein bisschen zu krass.«

»Egal, wie einem das Leben mitspielt, es gibt keine Entschuldigung, schlecht gekleidet zu sein«, entgegnete Kai eitel.

»Ja schon, aber wir gehen zu Xaver und Resi – nicht zum Lunch auf Jay Gatsbys Jacht.«

»Meinst du, die Komposition könnte womöglich ein klein wenig over the top sein?«, fragte Kai und blickte traurig an sich herab.

»Womöglich«, grinste Tom. »Aber ganz bestimmt nur ein klein wenig.«

»Na gut«, seufzte Kai und zog wieder von dannen. Weitere zehn Minuten später kam er in einem etwas legerer wirkenden Aufzug aus schlichtem Button-Down-Hemd, Jeans und Sneakers erneut in die Küche.

»Dafür, dass du eigentlich nur auf einen halbspontanen Freitagabend-Besuch vorbeikommen wolltest, scheinst du aber ganz schön viel Kleidung eingepackt zu haben«, bemerkte Tom stirnrunzelnd.

»Man muss stets für alle Eventualitäten gerüstet sein im Leben«, erklärte Kai munter. Er wirkte alles in allem weit weniger geknickt als noch am Vortag, wie Tom dachte. Die Luftveränderung schien ihm tatsächlich gut zu tun.

Gegen zwölf machten sich Tom, Kathi und Kai auf den Weg durch ein Loch in der Hecke, die die beiden Grundstücke voneinander trennte, in den Nachbargarten. Tom mit seiner Schüssel Kartoffelsalat, Kathi mit einem selbst gebackenen Streuselkuchen und Kai mit einer Tafel Schokolade als Gastgeschenk, die er im Handschuhfach seines Autos gefunden hatte.

Wie jedes Mal, wenn Tom den Weg durch die Hecke nahm, musste er an sein erstes Zusammentreffen mit Xaver gut zwei Jahre zuvor zurückdenken, als sein Nachbar völlig ungeniert plötzlich in seinem, Toms Garten gestanden hatte. Nach einer Reihe verblüffender Fehleinschätzungen hatten sie dann doch recht schnell einen Draht zueinander gefunden. Ja, Xaver (formerly known as »Rentier-Xaver«) und Tom waren in kurzer Zeit sogar gute Freunde geworden.

Und da stand er auch schon am Grill, eine Zange in der einen und etwas, das verdächtig nach einem dicken Joint aussah, in der anderen Hand, und winkte seinen Gästen fröhlich entgegen.

»Genau zur rechten Zeit«, rief Xaver. »In einer Viertelstunde sind die Spareribs fertig. Perfektes Timing für einen Aperitif vorneweg. Und eine Tüte. Oder für einen alkoholfreien Hugo«, fügte er mit einem Blick auf Kathi bedauernd hinzu.

»Lass gut sein, Xaver«, lächelte Kathi wehmütig. »Diese süße Plörre ist mit Alkohol schon kaum zu ertragen, ohne erst recht nicht. Ich bleib bei Apfelschorle.«

»Kommen auch wieder andere Zeiten«, tröstete Xaver sie. »Die edelste Flasche Wein in unserem Keller ist für dich reserviert. Da steht dein Name drauf.«

»Ich nehm dich beim Wort!«

»Sowieso«, lachte Xaver. Und dann: »Mensch Kai, wie schön, dich zu sehen. Du bist genau der richtige Mann für unsere kleine Party.«

»Ich bin immer der richtige Mann für jede Party«, grinste Kai gut gelaunt zurück und umarmte Xaver.

»Na, du Jungspund!« Tom klatschte Xaver mit einem High Five ab. »Wie fühlt man sich als ewiger Neunundsechziger, wenn der Countdown langsam in die Zielgerade einläuft?«

»Ach, drauf ge … pfiffen. Heute ist heute. Über das morgen machen wir uns Gedanken, wenn es so weit ist.«

Xaver drückte Tom und Kai je ein Bier in die Hand und ließ den Joint in der Runde kreisen.

»Gute Einstellung!« Tom nahm einen Zug von Xavers selbstangebautem Gras – nach dessen eigenem stolzen Bekunden das beste Kraut in ganz Altbayern – und reichte die Tüte an Kai weiter.

»Ich glaub, ich hab ganz offensichtlich irgendwas verpasst.« Kai blickte irritiert von einem zum anderen.

»Ja wie? Hat dir der Tom noch gar nix erzählt? Ich werd doch morgen siebzig. Runder Geburtstag – große Sache und so. Das ganze Dorf kommt, der Müllerwirt grillt ein Spanferkel und die Blaskapelle spielt dazu. Was für ein Glück, dass du dieses Wochenende zu Besuch hier bist. Ich hoffe doch sehr, du kommst auch. Sonst wär ich dir schon arg beleidigt.«

»Davon hab ich tatsächlich nichts mitbekommen. Ich komm natürlich wahnsinnig gern. Es sei denn … Tom und Kathi, ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich eure Gastfreundschaft noch einen Tag länger in Anspruch nehme, oder?«

»Das passt schon«, winkte Kathi ab. »Das tut dir bestimmt gut und wird dir helfen, auf andere Gedanken zu kommen.«

»Danke, das ist wirklich nett«, freute sich Kai.

»Nichts zu danken.« Tom schüttelte den Kopf. »Wir freuen uns doch, dich noch ein bisschen länger bei uns zu haben. Ehrlich!«

Und dann feierst du heute schon mal rein, oder wie?«, erkundigte sich Kai bei Xaver.

»Ne, ne. Heute feiere ich mit euch Abschied von meinen Sechzigern. Schön waren sie, aber morgen löst die Sieben die Sechs ab, da muss ich dann ein paar Sachen ändern im Leben.

Das hab ich der Resi versprochen. Doch heute lass ichs nochmal ein bisschen krachen.«

»Ach komm schon, schau dich doch an«, winkte Kai ab. »Einer wie du gehört noch lange nicht zum alten Eisen. Der Rock 'n' Roll hat dich jung gehalten. Was den Keith Richards konserviert, ist für einen Xaver gerade recht.«

»Hört, hört!«, lächelte Xaver, und Tom schien es, als täte er es ein wenig wehmütig.

»Bringt ihr mir den Xaver bloß nicht auf falsche Gedanken«, rief Resi. »Ab morgen ist zum Beispiel endgültig Schluss mit Kiffen.«

»Ernsthaft?«, fragte Tom.

»Mei, es hilft ja nix, gell? Ob ich mich noch jung genug fühle oder nicht – irgendwann reichts halt. Wenn ich mal siebzig bin, dann bau ich nur noch Tomaten und Gurken an in meinem Treibhaus. Das hab ich vor zehn Jahren schon zur Resi gesagt und daran werde ich mich auch halten.«

»Heißt das, wir werden in Zukunft mit Tomaten und Gurken am Lagerfeuer sitzen und die halbe Nacht lang philosophieren?«, fragte Tom ungläubig. Der Gedanke, dass der rüstige Xaver, der bedächtige, ruhige Fels in der Brandung, der sein Nachbar nun mal war, bereits kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag stand, machte Tom ein wenig beklommen, aus Gründen, über die er an einem so schönen Tag wie heute nur ungern nachdenken wollte.

»Keine Sorge«, schüttelte Xaver den Kopf. »Das ein oder andere kleine Bier werden wir uns schon noch weiterhin dazu gönnen.«

»Hört, hört«, seufzte nun wiederum Resi.

Nach dem Essen saßen Tom, Kai und Xaver pappsatt – und von drei Bieren und dem ein oder anderen geteilten Joint auch ein wenig angedudelt – in ihren Stühlen und blickten auf die Weite jenseits des Gartens: Auf die Pferdekoppel, die ansteigenden Felder dahinter und den Wald, der das Panorama zum Horizont hin abschloss. Resi und Kathi hatten sich derweil nach drinnen auf die Couch verzogen, damit Kathi die Beine hochlegen konnte.

»Jetzt wirst du morgen wirklich schon siebzig«, sagte Kai kopfschüttelnd zu Xaver. »Das haut mich echt um. Und … wie ist das so für dich?«

»Das Überraschendste ist wahrscheinlich, wie rasch die Zeit vergeht, wenn man älter wird. Als ob sie mit jedem Jahrzehnt einen noch schnelleren Spurt hinlegen wollte. Und dabei ist das Älterwerden an sich ganz anders, als ich mir das früher immer vorgestellt habe. Ich dachte, dass man irgendwann alles weiß übers Leben und was richtig und was falsch ist und so. Und dass man es mit seiner im Laufe der Jahre angesammelten Erfahrung irgendwann schafft, seinem Leben eine Mitte zu geben, es zu einer runden Sache zu machen vor sich selbst. Dabei bin ich – wenn freilich auch viel ruhiger – immer noch innen drinnen ein Stück weit der kleine Bub, der ich vor Urzeiten mal war. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich heute eigentlich noch immer nicht viel mehr über das Leben als dieser Bub.«

»Ich glaube, das geht uns allen so«, meinte Tom mit einem schiefen Seitenblick auf Kai.

»Aber im Gegensatz zu euch werd ich nichts großartig Neues mehr anfangen im Leben«, schüttelte Xaver den Kopf. »Obzwar immer noch neugierig, bin ich für manches schon auch zu müde inzwischen. Das ist ein eigenartiger Gedanke – auf der einen Seite ernüchternd, freilich, aber auch irgendwie erleichternd. Und wenn man sagen kann, dass man alles im Leben so einigermaßen gut über die Bühne gebracht hat – nicht alles überragend, aber auch nicht auf Sparflamme –, dann passt das schon. Mit dem Alter und überhaupt.«

»Du bist das genaue Gegenteil vom Onkel Willy«, meinte Kai, der Xaver und Resi beim Mittagessen vom eigentlichen Grund seines Besuchs erzählt hatte. »Wäre der Onkel Willy, der blöde Hund, bloß ein bisschen mehr wie du gewesen, hätte er ein erfülltes Leben haben können. Da fragt man sich unweigerlich schon, wer man selbst einmal sein wird, wenn man dereinst zurückblickt – der Onkel Willy oder der Xaver.«

»Oder einfach der Kai, wie wärs damit?«, versuchte Tom seinen Kumpel auf andere Gedanken zu bringen. »Der ist nämlich ein prima Kerl, wenn er den Kopf nicht so hängen lässt.«

Doch Kai blickte weiter nachdenklich in die Ferne und sagte dazu nichts.

»Mensch Kai, am Ende kommts vielleicht eh ganz anders, als du denkst«, versuchte Xaver Tom Schützenhilfe zu geben. »Da musst du dir nur den Huber Hans anschauen. Das ist der Nachbar, der bei Tom und Kathi zur anderen Seite hin wohnt – oder besser gesagt gewohnt hat.«

»Wie meinst du das, gewohnt hat?«, fragte Tom überrascht. »Was ist mit dem Huber Hans?«

»Der ist zwanzig Jahre lang schaffen gegangen als Pflasterer. Und nebenher hat er Woche für Woche brav seine zwei Kästchen Lotto gespielt. Er hat immer gesagt, wenn er tatsächlich mal im Lotto gewinnt, dann verkauft er sein Haus, zieht mit seiner Frau nach Mallorca in eine Finka und lässt es sich dort gutgehen. Und jetzt ist es tatsächlich so gekommen – zack, sechs Richtige plus Zusatzzahl. Der Wahnsinn, oder? Die Finka ist schon gekauft und die Koffer sind gepackt.«

»Wow«, staunte Tom ehrfürchtig. »Das gibts ja nicht. Kathi, hast du davon was gewusst?«

»Überhaupt nicht«, schüttelte Kathi den Kopf. »Ich bin dem Hans und der Maria aber auch schon länger nicht mehr über den Weg gelaufen.«

»Die wollen das auch gar nicht an die große Glocke hängen«, erklärte Xaver. »So viel Glück ist dem Hans fast schon peinlich. Ich habs auch nur mitbekommen, weil er sich nach ein paar Bieren beim Stammtisch verplappert hat.«

»Sachen gibts, die gibts gar nicht«, sagte Tom, der immer noch ganz baff war.

»Und doch gibts solche Sachen halt schon auch. Zumindest manchmal, wie der Hans beweist«, entgegnete Xaver. »Nächste Woche ist er weg und auf und davon in den Süden.«

»Aber eines gibts ganz bestimmt nicht«, schüttelte Kai den Kopf. »Nämlich, dass zwei Menschen aus demselben Dorf einen Sechser samt Zusatzzahl haben. Wenn ihr zwei also bislang Lotto gespielt haben solltet, könnt ihr getrost damit aufhören.«

»Nun sei mal nicht so pessimistisch«, protestierte Tom.

»Ist doch so! Man hört immer wieder solche Geschichten – von Lottogewinnen und unerwarteten Erbschaften, von Leuten, die in Discos auf dem Klo angesprochen werden, um für die Hauptrollen von Filmen gecastet zu werden. Von Menschen, die kaum drei Akkorde spielen, geschweige denn singen können und trotzdem ihren Nummer Eins-Hit schreiben. Aber dummerweise hört man halt immer nur davon. Es sind immer die anderen, die so ein Glück haben. Einem selbst passiert sowas im Leben nicht. Höchstens, dass man ganz entfernt einen kennt, dem sowas widerfahren ist.«

»Geh Kai, dass die Kirschen in Nachbars Garten immer süßer schmecken, ist doch bekannt und ein alter Hut. Außerdem ist Glück für jeden etwas anderes. Das muss doch nicht unbedingt mit Geld oder Erfolg zu tun haben«, wandte Xaver ein. »Und wer weiß – vielleicht war dein Onkel Willy am Ende ja gar nicht so unglücklich mit seiner Briefmarkensammlung und seinem Aquarium. Auch wenn du denkst, dass es zu wenig für ein Leben war.«

»Vielleicht hast du nicht ganz unrecht«, gab Kai zu. »Tom, wie schauts eigentlich bei dir aus? Bist du glücklich, jetzt, da du bald Vater wirst und deine eigene richtige Familie hast?«

Tom dachte einen Moment nach. »Ich glaube schon. Freilich, es macht mir auch Angst. Nicht zu wissen, was genau da jetzt so alles auf mich zukommt und ob auch alles glattläuft. Der Gedanke, ein neues Leben in diese chaotische, problembehaftete Welt zu setzen. Ein wehrloses Leben, das nicht danach verlangt hat, in diese Welt befördert zu werden, eines, für das ich verantwortlich bin. Ich würde sagen, momentan halten sich Sorgen und Glück noch die Waage.«

»Und das ist auch okay so«, nickte Xaver weise. »Glück muss sich nicht in jeder Sekunde wie Glück anfühlen, um trotzdem da zu sein. Glück ist auch dann noch Glück, wenn es dich vor Sorgen manchmal nicht schlafen lässt oder manchmal so wehtut, dass es dir fast das Herz zerreißt; wenn es dich umtreibt und niederdrückt und am Ende doch wieder aufstehen lässt. So ist es mit dem Glück, und so wars schon immer und ändern kannst du es nicht. Das sag ich euch, der kluge alte Sack, der doppelt so viel Lebenserfahrung besitzt wie ihr zwei. Also solltet ihr wohl besser auf mich hören.«

»Ein schönes Schlusswort, grinste Kai und stand auf. »Ich muss mal.«

Als er in Richtung Haus davongegangen war, wandte Xaver sich zu Tom um, und sein Blick war bekümmert: »Auf den musst du aufpassen. Der brütet irgendwas aus.«

»Du kennst doch Kai«, winkte Tom ab. »So eine gedrückte Stimmung hält bei dem nie lange an. Spätestens am Montag ist er übern Berg und wieder ganz der Alte.«

Xaver schüttelte langsam den Kopf. »Wenn du dich da mal nicht täuschst.«

Am nächsten Morgen kurz nach sieben wankte Tom schlaftrunken den Flur entlang und klopfte energischer, als er sich zu dieser frühen Stunde fühlte, an die Tür seines ehemaligen Arbeits-Schrägstrich-Herrenzimmers. Als Kai auch nach dem dritten Klopfen nicht reagierte, öffnete Tom die Tür und linste vorsichtig hinein.

Zwischen der bereits installierten Wickelkommode und den noch unausgepackten Kartons mit dem Kindersitz und der Wippe lag Kai in eine von Kathis Decken eingeigelt und schnarchte selig vor sich hin. So gern auch Tom wieder zurück in sein eigenes Bett gekrochen wäre, es half nichts, da mussten sie jetzt beide durch.

»Wasnlos?«, stöhnte Kai verschlafen, als Tom ihn unsanft an der Schulter rüttelte.

Trotz seiner Müdigkeit gab Tom sich betont munter, einfach nur, um Kai ein wenig zu ärgern: »Raus aus den Federn, Compadre. Wer sich in meinem Haus einquartiert, muss auch für seine Kost und Logis arbeiten.«

»Arbeiten?« Kais Augen öffneten sich einen winzigen Spalt weit und glotzten Tom verständnislos an. »A-ham-Sonn-onntag?«, fügte er mit einem herzhaften Gähnen hinzu.

»Heute ist Xavers große Geburtstagsparty. Du erinnerst dich – Xaver, das ist der Kerl, dessen Bier und Gras wir gestern verputzt haben.«

»Witzbold«, knurrte Kai. Er kramte sein Handy hervor und klickte das Display an. »Und die Party beginnt schon um viertel nach sieben? Mir war immer klar, dass ihr hier auf dem Land anders tickt. Aber so anders …«

»Natürlich nicht, du Hirni. Aber so eine Feier bereitet sich nicht von selbst vor. Also hab ich Xaver letzte Woche versprochen, mit anzupacken. Und selbstverständlich gilt das dann auch für dich. Mitgefangen, mitgehangen.«

Als sie zwanzig Minuten später durch das Loch in der Hecke Xavers Garten betraten, herrschte bereits reger Trubel. Auf der Straße vor der Einfahrt waren etliche Leute dabei, Biertischgarnituren von einem Laster zu laden und in den Garten hochzutragen, wo sie von Resi und ihren Freundinnen aufgebaut wurden. Ein paar andere mühten sich derweil ab, ein riesiges Partyzelt aufzubauen. Eine Handvoll kleinerer Pavillons stand bereits. Über allem thronte am rückwärtigen Ende des Gartens Müllerwirt Schorsch, der einen Spanferkelgrill überwachte, auf dem sich bereits ein stattliches Ferkel am Spieß drehte. Gerade war er dabei, die Sau mit Gewürzen einzureiben und mit dunklem Bier zu begießen. Herrlicher Grillduft umschmeichelte Toms Nase und ließ ihm trotz der frühen Morgenstunde das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Komm«, sagte er zu Kai. »Lass uns erstmal dem wichtigsten Mann am Platz Guten Morgen sagen.«

»Dem Grillmeister?«

»Logo, wem sonst? … Servus Schorsch!«

»Ha, Servus Tom! Und dich kenn ich auch irgendwoher, oder?«

»Ich bin Kai, ein Kumpel von Xaver und Tom. Wir sind hier, um mit anzupacken. Was können wir tun?«

»Am besten, ihr helft bei den Biertischen und den Bänken mit. Und dann wärs super, wenn ihr gegen halb zehn zur Metzgerei runterfahren und die Kessel, die Weißen und die Brezen fürs Frühstück abholen würdet. Ich kann hier nicht weg.«

»Kein Problem. Kümmere du dich mal um die Sau«, sagte Tom.

»Eh klar. Aber holts euch erstmal einen Kaffee. Die Resi hat da drüben ein paar Kannen hingestellt.«

Das taten sie dann auch. Auf dem Weg quer durch den Garten wurden sie von allen Seiten herzlich begrüßt. Oberkreuzbach war mit seinen drei-, vierhundert Einwohnern ein kleines Dorf, und selbstverständlich kannte jeder jeden.

»Du bist hier echt völlig integriert, oder?«, fragte Kai, als sie sich jeder eine Tasse dampfenden Kaffee einschenkten.

»Tja, irgendwie ist das so gekommen. Schon seltsam, auf welche Wege das Leben einen manchmal führt.«

»Das nennt sich dann wohl der Gang der Dinge.«

Einen Moment lang blickten beide über das eifrige Treiben im Garten hinweg in die Weite des Panoramas. Die Sonne ging gerade weit hinten überm Wald auf und zerriss mit ihren ersten zaghaften Strahlen die Nebelfetzen, die von den noch brachen, kalten Feldern aufstiegen, ließ sie in einem Nebelfädentanz aufsteigen und verwehen.

»Oft denke ich, es wäre schöner, die Dinge würden nicht immer irgendeinen Gang gehen müssen und könnten einfach mal so bleiben, wie sie sind. An Ort und Stelle und überhaupt«, sagte Tom. »Aber das geht nicht. Weil nichts bleibt, wie es ist und die Dinge sich immer verändern. Und hinterher sieht man, dass es oft ganz gut ist, dass sie das tun. Weil die Dinge nun mal ihren Gang gehen und sich verändern müssen. Weil man sie immer mal wieder nehmen und umstellen muss – an einen neuen Platz. Um sich herum und in einem selbst drinnen. Die Dinge.«

»Oder man nimmt alte weg wie den Onkel Willy und fügt dafür neue hinzu – wie Kathi und du mit eurem in der Produktion sich befindenden Sohn.«

»Und wenn man ehrlich ist, macht das doch manchmal gerade erst einen Teil ihrer Schönheit aus, oder? Dass die Dinge nicht nur Dinge an sich sind, sondern dass ihnen von Anfang an ein bestimmter Gang eingeschrieben ist.«

»Das tut es«, stimmte Kai zu. »Nimm zum Beispiel diese Batterien an Bierbänken.«

»Oh ja«, stöhnte Tom. »Wir müssen wohl unseren Gang zu ihnen tun, damit sie wiederum ihren Gang den Garten hinauf nehmen können.«

»Woraufhin wir sie von ihrem derzeitigen Zustand des Zusammengeklapptseins in den weit schöneren Zustand des Aufgebautseins überführen müssen.«

»Das ist wohl der ihnen vorbestimmte Gang.«

»Damit wir uns irgendwann auch mal hinsetzen können mit einem Bier und einem schönen Stück Spanferkel.«

»Und ausruhen – von all den Gängen.«

»So siehts wohl aus.«

Sie tranken ihren Kaffee aus und machten sich an die Arbeit.

Je höher die Sonne stieg, desto mehr Menschen fanden sich im Garten ein. Gegen neun, gerade als das Zelt und die letzten Biertischgarnituren an Ort und Stelle standen, trudelten nacheinander die Mitglieder der örtlichen Blaskapelle ein und bauten ihre Instrumente auf. Tom und Kai fuhren hinunter zum Müllerwirt und bekamen von dessen Frau in der Metzgerei einen Einkochtopf, zwei Steigen mit Weißwürsten und zwei riesige Körbe mit Brezen ausgehändigt.

Wieder zurück in Xavers Garten bauten sie unter Resis Anleitung in einem der Pavillons die Brotzeitausgabe neben den Bierfässern und der Zapfanlage auf.

»Wärt ihr nachher vielleicht so nett und könntet einen Blick auf die Wursttöpfe haben und ein bisschen beim Bierzapfen mithelfen?«, fragte Resi.

Natürlich waren Tom und Kai gern dazu bereit. Vor allem, als sie vom Unterhofer Hias, der hauptverantwortlich fürs Bierzapfen war, jeder einen Krug Bier hingestellt bekamen. Der Unterhofer Hias war ein Oberkreuzbacher Original – ein meist etwas grantelnder, greiser Altbauer, der aber alles in allem das Herz nicht am falschen Fleck trug.

»Es geht doch nichts über einen Platz direkt am Bierausschank«, strahlte Kai.

»Und am Weißwursttopf«, fügte der Unterhofer Hias hinzu.

»Was zusammengehört, soll man nicht trennen«, grinste Tom. Die drei prosteten sich zu.

Als es auf halb elf zuging, füllte sich der Garten rapide mit Gästen. Ganz Oberkreuzbach war gekommen, um mit Xaver zu feiern. Von diesem wiederum fehlte noch jede Spur.

»Dem hab ich gesagt, dass er erst aus dem Haus kommen darf, wenn die Musik zu spielen anfängt«, erklärte Resi. »Der hätte sich sonst ja doch nur in alles eingemischt. Dabei soll er seinen Geburtstag genießen.«

Irgendwann tauchte Kathi aus der Hecke auf und winkte Tom und Kai fröhlich zu.

»Dass ihr zwei schon wieder Bier trinken könnt«, sagte sie kopfschüttelnd, wenn auch nicht ohne Neid, wie Tom dachte.

Punkt halb elf gab der Dirigent der Kapelle den Einsatz und diese begann einen schmissigen Marsch zu spielen. Das war der Einsatz für Xaver, der unter dem Applaus aller Anwesenden grinsend zur Terrassentür herausschritt. Unter unzähligen Beglückwünschungen, Schulterklopfen und Händeschütteln bahnte er sich seinen Weg durch den Garten und nahm einen Krug Bier entgegen. Dann stieg er – wenn auch mit einigem Ächzen und Stöhnen – auf eine Bierbank und bat, nachdem die Kapelle zu spielen aufgehört hatte, die Anwesenden um einen Moment Aufmerksamkeit.

»Liebe Gäste aus nah und fern«, rief er über die Menge hinweg, »ich freue mich ganz unglaublich, euch alle zu sehen. Freunde, Verwandte, Nachbarn, ehemalige und aktuelle Weggefährten aus sieben Jahrzehnten. Man sagt, man könne einen Menschen und sein Leben am besten beurteilen, wenn man sich ansieht, mit welchen Leuten er sich umgibt. Und wenn ich mir euch so anschaue, muss ich sagen, ich hätte es weit schlechter treffen können, gell? Ach was, eigentlich könnte ich es gar nicht besser haben.«

Das brachte ihm eine Salve Applaus ein.

»Also dann ‒ genug der Worte. Holt euch was zu essen und zu trinken und genießt den Tag.«

Unter einem finalen Applaus und vielen Zustimmungsrufen stieg Xaver vom Biertisch herab. Nachdem der offizielle Startschuss gefallen war, wurde die Schlange vorm Bierausschank und der Brotzeit rasch länger. Die nächste halbe Stunde waren Tom und Kai unter den wachsamen Augen vom Unterhofer Hias vollauf damit beschäftigt, Bier zu zapfen und dafür zu sorgen, dass der Kessel mit den Weißen nie leer wurde.

»Es gibt wirklich wenig, das so befriedigend wäre, wie Bierzapfen im großen Stil«, grinste Tom, als die Schlange endlich einmal versiegt war.

»Da hättest du mich früher auf dem Volksfest sehen sollen«, krächzte der Unterhofer Hias. »Vierzig Jahre hab ich da immer eine Woche lang am Zapfhahn gearbeitet. Harter Job, aber auch eine riesige Gaudi.«

»Heilige Scheiße«, entfuhr es Kai. »Ist das da drüben etwa Udo Lindenberg, der sich gerade mit Xaver unterhält?«

»Ne, bestimmt nicht«, lachte Tom. »Woher denn.«

»Klar ist er das. Schau doch mal hin.«

»Na ja, jetzt wo du es sagst – er hat schon eine verblüffende Ähnlichkeit.«

»Ne, Mann. Der sieht nicht nur so aus, das ist er.«

»Weißt du, möglich wärs schon«, gab Tom verunsichert zu. »Der Xaver war sein halbes Leben lang Kulturjournalist. Der hat da sicher einige Leute kennengelernt während der Zeit.«

»Du, ich geh da jetzt rüber und bring ihm ein Bier.«

»Ne, lass mal. Wenn der ein Bier will, dann kommt der schon.«

»Alter, das ist Udo Lindenberg. Warum soll der kein Bier wollen? Ne du, ich bring dem mal eins.«

Doch Kai kam nicht dazu, denn in diesem Moment löste sich eine imposante Erscheinung aus der Menge und kam auf sie zu.

»Howdy, Tom! Wie läufts denn immer so?«

»Was zur Hölle?« Kai war baff. »Udo Lindenberg lass ich mir ja noch eingehen, aber … Elvis?«

In der Tat sah der Neuankömmling mit seiner respektierlichen Wampe, den aufgeplusterten Koteletten und der wagemutig hochtoupierten Schmalztolle aus wie der späte Elvis. Dazu trug er ein unsäglich grelles Hawaiihemd, das bis zur füllig behaarten Brust aufgeknöpft und in eine viel zu enge Jeans gequetscht war, sodass er in seinen Cowboystiefeln nur staksend voranschreiten konnte. Das Bild wurde von zwei kichernden, aufgetakelten Blondinen abgerundet, die sich links und rechts bei ihm untergehakt hatten.

»Servus«, lachte Tom dem Kerl entgegen. »Darf ich vorstellen: Kai, das ist der King. King, das ist der Kai.« Mit einem Nicken auf die beiden Begleiterinnen fügte er mit schiefem Grinsen hinzu: »Schon wieder gut dabei, wie ich sehe.«

»Tja, King bleibt King«, grinste der King. »Das hier« – er nickte nach links – »ist die Ische Uschi, und das hier« – ein Nicken nach rechts – »ist die Motorhauben-Vroni. Die heißt so … na ja, du kannst dir sicher denken, wieso. Die beiden hab ich noch von gestern dabei. Da gabs großen Discoabend, eh klar. B52-Party mit 90er-DJ im Saustall, riesige Gaudi das. Die hab ich direkt von der Tanzfläche weg in meinen Caddy gepackt und nach Oberkreuzbach entführt. Und wer genau ist das?« Der King deutete auf Kai.

»Kai ist ein alter Freund von mir aus München und mittlerweile auch ein Kumpel von Xaver. Der ist dieses Wochenende zu Besuch.«

»Ich wusste immer, dass Elvis noch lebt«, grinste Kai, der seine Fassung einigermaßen wiedergefunden hatte. »Ich dachte zwar, dass er heim auf den Mars gekehrt sei, aber Mars oder Oberkreuzbach – wo ist da der Unterschied? Und ich soll jetzt echt King zu dir sagen, oder wie?«

»Klar«, nickte der King, nicht im mindesten verlegen. »Außer, du brauchst eine neue Autoversicherung, dann bin ich der Ignaz Jennerwein für dich – Mr. Allianz, der Mann mit den besten Deals in Town.«

»Werd ich mir merken«, bemühte sich Kai, möglichst ernsthaft zu nicken.

Der King wandte sich seinen Begleiterinnen zu. »Mädels, gehts euch doch ein bisschen ohne mich amüsieren, ja? Ich muss mal mit dem Tom reden.«

Giggelnd trollten sich die beiden.

»Auf Wiedersehen, Ische Uschi und Motorhauben-Vroni«, winkte Kai neidisch hinterher.

»Also, was kann ich für dich tun?«, fragte Tom.

»Ja mei, ich komm am besten gleich zur Sache«, seufzte der King. »Es geht mal wieder um die verdammten Unterkreuzbacher.«

»Oh weh«, lachte Tom. »Die alte Geschichte mit Ober- und Unterkreuzbach.«

»Was ist mit Ober- und Unterkreuzbach?«, fragte Kai neugierig und blickte von einem zum anderen.

»So, wies halt immer ist mit den Obern und den Untern«, sagte der King. »Es gibt ein gesundes traditionelles Konkurrenzdenken.«

»Lass mich raten«, warf Tom ein. »Ihr habt es immer noch nicht verwunden, dass die verdammten Unterkreuzbacher unsere letzten drei Maibäume gestohlen haben. Deshalb wollt ihr es ihnen so richtig heimzahlen.«

»Wenn das so einfach wäre«, seufzte der King. »Es ist, als ob sie tatsächlich einen Pakt mit dem heiligen Cyriacus geschlossen hätten, der sie vor allen Anfechtungen schützt, vor teuflischen und generell. Egal ob beim Schützenfest, beim Fußball, bei der Schafkopfmeisterschaft, beim Watten, Eisstockschießen oder Kegeln, die verdammten Unterkreuzbacher liegen immer eine Nasenlänge vorn. Von dem Maibaum-Debakel reden wir lieber gar nicht.«

»Habts ihn eigentlich schon wieder?«, fragte Tom.

»Ja, schon, aber teuer ists uns zu stehen gekommen. Ein komplettes Goaßnmaß-Fest haben wir für den Unterkreuzbacher Burschenverein ausrichten müssen.«

»Der erste Mai ist doch erst in ein paar Wochen«, warf Kai ein. »Wie können die denn da schon euren Maibaum geklaut haben?«

»Das ist es ja!«, fuhr der King auf. »Die werden immer noch dreister, ich sags euch. Der Baum war ja noch nicht mal geschlagen – wir hatten ihn gerade erst ausgesucht, markiert und beim Miller Bauern, dem der Wald gehört, bezahlt. Und am nächsten Tag war er einfach weg. Umgesägt und abtransportiert bei Nacht und Nebel von den vermaledeiten Untern. Als ob die nichts Besseres zu tun hätten, als uns auszuspionieren. Und dabei soll doch der Ober den Unter stechen und nicht andersherum! Aber jetzt ist Schluss, jetzt zeigen wir es ihnen so richtig. Und zwar beim Sautrogrennen, das traditionell am letzten Julisonntag stattfindet.« Er blickte Tom an. »Das wiederum bringt mich endlich zu dem Punkt, über den ich mit dir reden wollte.«

»Und welcher Punkt wäre das?«, fragte Tom, dem Übles schwante.

»Unser bester Mann, der stärkste Ruderer, das war doch der Fuchs Anderl. Bloß, dass der Depp jetzt eine Freundin hat, wegen der er nach Franken weggezogen ist. Und dann auch noch nach Mittelfranken, ze fix. Und deshalb brauchen wir jetzt schleunigst Ersatz für den Anderl. Und von der Statur her wärst du schon ideal. Nicht ganz dünn, eher so ein bisserl kräftig.«

»Was soll das denn bitte schön heißen?«, fragte Tom pikiert, während Kai still in sich hineingrinste.

»Wenn du ordentlich trainierst, wird das schon«, fügte der King aufmunternd hinzu.

»Das ist momentan echt schlecht«, wand Tom sich. »Meine Frau ist schwanger und der Termin ist ausgerechnet Ende Juli. Und dann das ewige Pendeln jeden Tag nach München rein und wieder raus, da hab ich wenig Zeit zum Trainieren. Das verstehst du sicher.«

»Ach, komm schon, stell dich nicht so an. Sag wenigstens, dass du darüber nachdenkst.«

»In Ordnung, ich denke darüber nach«, log Tom.

»Na dann, man sieht sich. Sauber bleiben, Kleinschmidt!«

Als der King davongestakst war, konnte Kai nicht länger an sich halten und prustete lachend los. »Was war das denn jetzt?«

»Unterschätze nie die Fehden zwischen Ober- und Unterdörfern oder zwischen benachbarten Gemeinden generell«, warf der Unterhofer Hias grimmig in die Runde, der das Gespräch verfolgt hatte. »Du musst wissen, Münchner, Unterkreuzbach war früher einmal ein nicht ganz unbedeutender Wallfahrtsort. Weil die doch zwei der drei rechten Mittelohrknochen vom heiligen Cyriacus in ihrer Kirche aufbewahren. Daher unser alter Grant auf die aufgeblasenen Unterkreuzbacher, die glauben, sie müssen sich ganz furchtbar wichtig machen – von wegen der eigenen Historie verpflichtet sein und so weiter. Dass ich nicht lache! Zu denen ist doch schon seit bestimmt hundert Jahren keiner mehr gepilgert. Denen ist ja noch nicht einmal mehr ein ordentlicher Biergarten geblieben von ihrer ach so tollen Wallfahrt.«

»Ja, so ist das mit Ober- und Unterkreuzbach«, nickte Tom.

»Alles klar«, lachte Kai. »Jetzt müsste mir bitte nur noch einer erklären, was es mit diesem Sautrogrennen auf sich hat.«

»Das Wittelsbacher Sautrogrennen hat bei uns seit Jahrzehnten Tradition, das ist eine ernste Angelegenheit«, erklärte der Unterhofer Hias finster. »Eine sehr ernsthafte.«

»Na, so viel hab ich schon mitbekommen. Aber was ist denn jetzt ein Sautrog?«, fragte Kai.

»Das ist ein hölzerner Trog, in den man früher die frisch geschlachteten Schweine zum Abbrühen gelegt hat. Damit man die Borsten und Haare hat abschaben können. Der ist groß genug, dass zwei gestandene Leute hintereinander drinsitzen können.«

»Warum sollten sich zwei Leute in einen Trog für geschlachtete Schweine setzen?«

»Um damit einen Fluss hinab zu paddeln«, entgegnete Tom grinsend. »Du kannst nicht sagen, dass sich die Menschen hier nicht einiges einfallen lassen würden zu ihrer Unterhaltung.«

»Abgefahren«, schüttelte Kai den Kopf. »Und mit solchen Trog-Booten wird dann ein Wettrennen veranstaltet, ja?«

»So ist es«, bestätigte der Unterhofer Hias. »Aber nicht einfach nur irgendein Rennen, sondern das überregional legendäre Wittelsbacher Sautrogrennen. Als Gemeinde überhaupt eingeladen zu werden, mit zwei Athleten daran teilnehmen zu dürfen, ist eine große Ehre. Dafür trainieren die Mannschaften oft das ganze Jahr. Dem Gewinner winken ewiger Ruhm, ein Vier-Gänge-Menü im Hotel Habicht und ein Jahr lang zehn Prozent Rabatt im Optikstudio Klarsicht.«

»Das wär schon was, die verdammten Unterkreuzbacher ausgerechnet beim Sautrogrennen zu schlagen«, sagte Tom grimmig. »Dieser Schlag würde so manch anderen mehr als wett machen. Aber wie auch immer, darum müssen sich andere kümmern. Den Schuh zieh ich mir nicht an.«

Natürlich hätte er es besser wissen müssen.

Mittags holten Tom und Kai sich – mit der Erlaubnis vom Unterhofer Hias – beim Müllerwirt Schorsch jeder eine riesige Portion Spanferkel mit Knödel und Krautsalat und setzten sich an einen der Biertische.