Unterwegsgeschichten - Frank Schwarz - E-Book

Unterwegsgeschichten E-Book

Frank Schwarz

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Beschreibung

Kreuz und quer von den Lofoten in die Sahara, über die Pyrenäen bis in den Hochkaukasus fuhren wir mit unserem Campingbus. Aus dieser Zeit stammen die Geschichten von unseren Begegnungen mit Ländern und Leuten. Wir trafen auf Böhmerdeutsche, Heckenschwaben, Hundehalter, islamische Fanatiker, Haselnussplantagenbesitzer, Raumfahrttechniker, Fortpflanzungsmediziner, Stalins Andenkenbewahrer, Tankkostensparer, Müllverbrenner, Emigranten und Rückkehrer, Aussteiger und Einsteiger, Dauerreisende, Heimatlose und Verwurzelte, auf Alltägliches und Außergewöhnliches. In Unterwegsgeschichten aus den verschiedenen Ländern spiegelt sich das wirkliche Leben. Flüchtige Begegnungen wechseln mit intensiven Gesprächen, manchmal skurril und komisch, dann wieder tragisch und in einigen Fällen sind die Lebenslinien der Protagonisten mit der großen Weltgeschichte verknüpft. Wir sind die Beobachter, die von außen auf das Geschehen schauen.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

I. Fernweh

Die Sehnsucht nach der Ferne

Skurrile Orte

II. Länder und Leute

Müllverbrennungstag

Corona-Exil in Marrakesch

Böhmerdeutsche und Heckenschwaben

Weltall, Erde, Mensch in der Sahara

Herr Schuster und Frau Schneider

Von Hof zu Hof

Gagausien

III. Sachen gibt’s

Flötengas

Diesel und Wasser

In diplomatischen Diensten

Dellen- und Knitterkriminalistik

Ablegemanöver

Zollstation

IV. Heimat

Dobrudscha – Irland – Dobrudscha

Vom Airbus zur Haselnuss

Spurensuche

V. Vorwärts in die Vergangenheit

Im Land, das es nicht gibt

Schlaraffenland

Stalins Klo

VI. Leute gibt’s

Generalimmunisierung

Der Rückwärtspieper

Tankkostensparer

Feigentaucher

Münchhausen

VII. Lebenslinien

Waldemar

Enis aus Elbasan

Verlorene Heimat

Elena & Vasile

Piet

VIII. Zu Hause

Nach der Reise

Frank Schwarz

Unterwegsgeschichten

Erzählungen von Ländern und Leuten

Texte:

Frank Schwarz © 2012 – 2023

Umschlagbild:

Susanne Irrgang © 2024

Verlag:

Birgit & Frank Schwarz

Salzunger Str. 82

36433 Leimbach

Herstellung:

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Mai 2025

I. Fernweh

Die Sehnsucht nach der Ferne

Was ist der Anstoß dazu, sich fortzubegeben aus seinem gewohnten Umfeld, aufzubrechen ins Ungewisse, Unbekannte?

Einigen genügt es, nach Blicken ins aktuelle Fernsehprogramm oder ins Internet, doch lieber zu verharren, das Gewohnte zu genießen und sich lieber keinen Unwägbarkeiten auszusetzen.

Andere begeben sich ab und an dorthin, wo alle hinfahren.

Ein zunehmender Teil der Menschen aber fragt sich, wie es wohl dort hinter dem Horizont weitergeht, setzen sich ins Auto, aufs Motorrad, Fahrrad, besteigen Schiff, Flugzeug oder laufen einfach los, ohne dass am anderen Ende der Route feststeht, was sie erwartet.

Wir beide, Birgit und Frank, steigen in unseren Campingbus und machen uns auf die Reise. Als im Osten sozialisierte Menschen haben wir doch einen recht spezifischen Bezug zu den Begriffen Reisen und Freiheit.

Ende der siebziger Jahre war das Trampen in alle für uns erreichbaren Gegenden eines unserer Hobbys. Anfang der achtziger dann schon als Paar. So kurz mal Prag und Budapest als Daumen-im-Wind-Tour. Im Szenetreff U Fleků in der goldenen Stadt Schwarzbier trinken oder auf der Margareteninsel im Gras liegen.

Reisebüroreisen waren für unseren Geldbeutel zu diesem Zeitpunkt unerschwinglich und so war mit der Öffnung der Welt auch für uns das eigene Reiseverhalten schon sehr individuell geprägt. Wir zogen mit unseren Kindern in abgelegene Waldhäuser in Schweden, waren mit Zelt in den Pyrenäen und anderswo unterwegs. Mit einem selbstausgebauten VW T3-Bus fuhren wir umher, dann auch mit gemieteten Wohnmobilen in Europa und den USA-Südstaaten. Später besaßen wir lange Jahre einen eigenen Wohnanhänger. Insgesamt haben wir so einige Evolutionsstufen der mobilen Freiheit durchgemacht.

Aber so richtig intensiviert wurde das Reisen erst ab dem Jahr 2011 mit dem Erwerb der „Blauen Zitrone“, einem Wohnmobil als Kastenwagenausbau. Bisher haben wir 37 Länder bereist. Waren es anfangs auch nur Eilreisen von drei Wochen, konnten wir unsere Reisedauer allmählich verlängern. In den letzten Jahren waren uns nun auch Reisen bis zu drei Monaten möglich. Kreuz und quer von den Lofoten in die Sahara, über die Pyrenäen bis in den Hochkaukasus führten unsere Wege. Aus dieser Zeit stammen die Geschichten von unseren Begegnungen mit Ländern und Leuten.

Wir trafen auf Böhmerdeutsche, Heckenschwaben, Hundehalter, islamische Fanatiker, Haselnussplantagenbesitzer, Raumfahrttechniker, Fortpflanzungsmediziner, Stalins Andenkenbewahrer, Tankkostensparer, Müllverbrenner, Emigranten und Rückkehrer, Aussteiger und Einsteiger, Dauerreisende, Heimatlose und Verwurzelte, auf Alltägliches und Außergewöhnliches.

In Unterwegsgeschichten aus den verschiedenen Ländern spiegelt sich das wirkliche Leben. Flüchtige Begegnungen wechseln mit intensiven Gesprächen, manchmal skurril und komisch, dann wieder tragisch und in einigen Fällen sind die Lebenslinien der Protagonisten mit der großen Weltgeschichte verknüpft. Wir sind die Beobachter, die von außen auf das Geschehen schauen.

Einen Teil dieser Geschichten habe ich aus unserem Reisebuch „Elche und Kamele“ entnommen, andere sind hier das erste Mal zu lesen.

Skurrile Orte

In der Kalahari, der Namib und der Sahara sind wir schon umhergestreift. Aber was ist dies schon gegen den deutschen Ort Wüstenbrand?

Beim Lesen der Ortsschilder überkommt uns ab und an das Schmunzeln. Wo wir nicht schon alles waren, oder mindestens durchgekommen sind. Namensgleichheiten zu unserem Heimatort haben wir auf unseren Reisen schon sechs Mal gesichtet. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, der Schweiz und Frankreich.

Vor dem Ortsschild von Thüringen in Österreich haben wir Fotos gemacht. Durch meinen eigenen Vornamen bin ich bereits zwei Mal durchgefahren.

Es gibt wahrlich Orte mit kantigen, sperrigen Namen, aber auch welche, die wirklich im Gedächtnis bleiben, auch wenn der Ort noch so klein oder unbedeutend ist. Selbst Deutschland hat da einiges zu bieten: Pforzheim und Darmstadt kennt jeder. Wir fuhren aber auch schon durch Kotzen, Jucken, Katzenhirn und auch Lederhose.

Im benachbarten Ausland haben wir so manches besucht oder durchquert: Wir waren in Pest und Colera, auch in Condom. Klo kennen wir ebenfalls. Die kleinen Dörfchen Camembert sowie Cognac haben wir gesehen.

Nicht nur verschiedene Orte, sondern auch das Orte, das so malerisch auf einer Felsnase über dem Fluss Tiber liegt, besichtigten wir ausgiebig. Wir wissen inzwischen auch, was so alles im Argen liegt, denn wir standen bis zu den Waden selbst schon drin.

Furzton wäre einmal ein Ziel, da waren wir noch nicht.

II. Länder und Leute

Müllverbrennungstag

Auf einer kleinen Landstraße fast ohne Verkehr kommen wir in den nur aus wenigen Häusern bestehenden Fischerort Laukvik auf den Lofoten. Überall stehen Trockengestelle für den Stockfisch.

An einem Schuppen eines einzelnstehenden Gehöftes hat jemand die Außenwand mit einer Collage aus allerlei Gefundenem verziert. Treibgut, Fundgegenstände, Muscheln, Knochen von Land- und Meerestieren wurden ins Bild gesetzt. Als wir anhalten und es betrachten, kommt der freundliche Eigentümer aus dem nahestehenden Wohnhaus und bietet uns an, uns beide vor seinem Kunstwerk zu fotografieren.

In Svolvær ergänzen wir unsere Vorräte und fahren weiter nach Henningsvær. Bis vor dreißig Jahren war das Fischerdorf mit dem Auto nicht zu erreichen, weil es aus mehreren kleinen Felseninselchen besteht. Heute sind Dämme aufgeschüttet und Brücken verbinden die einzelnen Teile. Die alten Lagerhäuser sind größtenteils zu Restaurants, Cafés und Souvenirläden umgestaltet. Es herrscht ordentlich Betrieb.

Am Übergang zur nächsten Insel, Vestvågøy, vor der Auffahrt zur Brücke spiegelt sich die gewaltige Natur in einem Kunstwerk, das uns doch sehr rätseln lässt.

Borg, ein Dorf mit vielleicht zwanzig Häusern im Inselinneren von Vestvågøy birgt eine Sehenswürdigkeit von Rang. 1981 wurden dort die Fundamente und viele andere Artefakte einer Wikingersiedlung aus dem siebenten Jahrhundert entdeckt. Man hat ein Wikingerlanghaus nachgebaut und so schlendern wir heute durch eine sehr lebendige Ausstellung des Lofotr–Viking–Museum. In dem über achtzig Meter langen, innen kaum unterteilten Gebäude ohne Fenster wohnten sehr viele Menschen eines Clans gemeinsam mit ihrem Vieh. Das Museumspersonal agiert original gekleidet wie die Wikinger aus dieser Zeit. Außerdem gibt es unten am See noch ein Wikingerschiff, mit dem man auch Rundfahrten machen kann. Heute ist Samstag nach der Sommersonnenwende. An diesem Tag wird in Norwegen traditionell Mittsommer gefeiert. Auch auf dem Museumsgelände ist so manches gerichtet. Auf der Weiterfahrt sehen wir schon einige Mittsommerfeuer brennen. Ein Camp an unserer Strecke wirbt auf Bannern mit großem Mittsommerfest. Doch leider, leider kein Platz mehr.

Wir fahren zurück auf die Butterblumenwiese an den Strand an den Platz, den wir von vergangenen Tagen schon kennen. Hier ist heute keiner außer uns. So sitzen wir abends um zehn allein in der Sonne und beobachten, wie sie sich gen Norden dem Meereshorizont nähert.

Kurz vor Mitternacht kommt ein Stück entfernt von uns ein Traktor an den Strand gefahren und kippt aus seinem Anhänger zwei hölzerne Scheunentorflügel wirklich gewaltigen Ausmaßes. Aus einem Kanister wird noch etwas drüber geschüttet und das Ganze dann im Stück angezündet. Die zwei aus dem Traktor entstöpfeln ihre Bierflaschen, stehen eine Weile an den hochlodernden Flammen und fahren dann wieder ab. Noch am nächsten Morgen rauchen die Reste und die gigantischen handgeschmiedeten eisernen Torbeschläge, die aus dem Aschehügel hervorragen, sind so heiß, dass man sie nicht berühren kann.

Das Mittsommerfest scheint bei den sonst so umweltbewussten Norwegern auch als Sperrmüllverbrennungstag zu fungieren. Wir sind an so manch aufgeschichtetem Scheiterhaufen vorbeigekommen, auf dem Spanplatten, kunststoffbeschichtete Schrankwände, sogar Plastikstühle, Autoreifen und anderer Unrat seiner thermischen Umwandlung entgegensah. Einige pechschwarze Qualmwolken rings um uns am Horizont künden davon. Wahrscheinlich kann hier an keinem anderen Tag im Jahr sanktionsfrei so kostengünstig entsorgt werden wie heute.

Corona-Exil in Marrakesch

In der vorletzten Februarwoche 2020 starten wir zu unserer dritten Marokkoreise. Das aus den geplanten acht Wochen Reisezeit ein Vierteljahr werden wird, ahnen wir zu Beginn noch nicht.

Kurz vor Beginn unserer Tour vermelden die verschiedenen Nachrichtenkanäle, dass erste Fälle einer neuen Atemwegserkrankung aus China auch bei uns in Deutschland aufgetreten seien. Wir bereisen ab Ende Februar bereits zwei Wochen den Südosten Marokkos, als uns auf dem Weg weiter in den Süden Berichte von Grenzschließungen und weiteren geplanten drastischen Maßnahmen aus Europa erreichen. Nach einer weiteren Woche beschließt auch die Regierung Marokkos für die Bevölkerung und Touristen weitgehende Bewegungseinschränkungen. Am 19. März telefonieren wir mit mehreren Bekannten und Freunden in Marokko, um uns Rat einzuholen. Die Telefonate bringen Beunruhigendes zutage. Ganz kurzfristig beschließen wir, nicht weiter nach Süden zu reisen, sondern nach Marrakesch zurückzufahren. Mit dem ersten Lichtstrahl am nächsten Morgen brechen wir auf. Diese Passübergänge aus dem Draa-Tal über Antiatlas und Hohen Atlas sind wir schon mehrmals gefahren. Doch als große Überraschung stellt sich heraus: Die Gebirgsstraße ist komplett eine Baustelle und wir holpern über den 2260m hohen Tichka-Pass auf Baustellen-Behelfspisten in Matsch und Nebel.

Kurz vor Beginn der ersten Ausgangs- und Reisesperrfrist erreichen wir das Anwesen von Aicha und Reinhard, einem marokkanisch-deutschen Paar, das dicht vor den Toren Marrakeschs sein Unternehmen „Marokkoreisen“ betreibt. Wir kennen die beiden schon länger.

In ihrem weitläufigen Garten, in dem auch ihre Pension „Schlosshotel“ für 20 Gäste steht, parken wir unseren Campingbus.

Fast zur gleichen Zeit treffen auch Tini und Uwe mit ihrem Wohnmobil und Oli mit seinem Allrad-LKW ein. Sowohl Tini und Uwe als auch Oli wohnen dauerhaft in ihren Fahrzeugen. Sie bilden mit uns den „harten Kern“ der Corona-Exilanten, es werden die Menschen sein, die mit uns nun 62 Tage in Marrakesch verbringen und uns sehr ans Herz wachsen.

Ab und an kommen weitere Leute mit Wohnmobilen oder Geländefahrzeugen hinzu und ziehen auch wieder weiter. Die Pensionsgäste konnten alle noch planmäßig nach Hause fliegen und diejenigen, die für jetzt hier gebucht hatten, können Marokko nun nicht mehr erreichen.

Da wir mit der Hausherrin Aicha, die perfekt arabisch, französisch und deutsch spricht, nun auch uneingeschränkten Zugang zu den hiesigen Nachrichtenquellen haben, wird zuerst einmal die Lage sondiert. Die Fakten sind: Marokko hat trotz bedeutend niedrigeren Infektionsraten und Erkrankungsfällen weitreichende Maßnahmen, analog zu den europäischen Ländern, zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen: Schulen und Moscheen, Museen und Geschäfte, die nicht dem täglichen Bedarf dienen, haben geschlossen. Der reguläre Personen-Flug- und Fährverkehr ist seit dem 15. März eingestellt. Alle touristischen Aktivitäten sind zu unterlassen.

Am heutigen Tag, dem 20. März, treten drastische Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Es wird eine tägliche totale Ausgangssperre von 18 bis 5 Uhr angeordnet. Fahrten innerhalb des Stadtgebietes zum Einkaufen sind gestattet, bedürfen jedoch nach einer Übergangsfrist eines Erlaubnisscheins der jeweiligen Gemeinde. Fahrten zwischen verschiedenen Kommunen bedürfen eines Permits der zuständigen Polizeibehörde. In öffentlichen Bereichen ist Mundschutz zu tragen, auch bei Fahrten im eigenen Auto.

Danach kommen noch andere Dinge hinzu: So wird die Schuldendeckelung aufgehoben, das Parlament beschließt neue Auslandskredite aufzunehmen. Der König empfiehlt den Staats- und Kommunalbeamten auf einen Tag Gehalt pro Monat zu verzichten. Eine Empfehlung vom König bedeutet hier: Das ist ein Befehl. Die Abgeordneten verzichten einen Monat auf ihre Bezüge.

Spät abends kommen drei Ehepaare mit Expeditionsmobilen hier an. Wir sitzen gemeinsam bei Aicha und Reinhard im Salon und besprechen bei Tee und im Hause selbstgefertigtem Gebäck die Lage.

Der Hausherr gibt sich optimistisch: Die Maßnahmen werden nicht von langer Dauer sein. Sie sind für drei Wochen befristet angesetzt und am 23. April beginnt der Ramadan. Da wollen die Marokkaner allabendlich nach Sonnenuntergang zusammensitzen und feiern. Der allgemeine Konsens lautet: Das werden wir dann wohl hier aussitzen.

Am nächsten Morgen bringt Aicha frische Brötchen und Gebäck. Die Besatzungen der Expeditionsmobile scheinen schlecht geschlafen zu haben, sie wirken etwas panisch. Es wird eine Krisensitzung für 10 Uhr im Salon vereinbart. Es werden noch einmal Argumente ausgetauscht.

Die Informationen des Auswärtigen Amtes und der deutschen Botschaft in Rabat auf ihren Websites sind nicht sehr hilfreich: „Infolge der Coronakrise hat die deutsche Botschaft ihren Dienstbetrieb reduziert. Von Routineanfragen bitten wir abzusehen.“ Und weiter heißt es: „Der Flug- und Fährverkehr ist eingestellt. Als Individualtourist versuchen sie so schnell wie möglich das Land zu verlassen.“

Aus den sozialen Netzwerken ist bekannt, dass an der Grenze zur spanischen Enklave Ceuta EU-Bürgern noch der Grenzübertritt möglich ist und auch Fähren nach Spanien verkehren. Es haben sich schon jede Menge Fahrzeuge angestaut und warten auf Abfertigung. Jedoch hat Spanien angekündigt seine Grenzen generell zu schließen. Außerdem ist die Durchfahrt durch Spanien und Frankreich stark reglementiert oder ganz untersagt. Da ist die Nachrichtenlage momentan uneindeutig. Das ist uns alles zu unsicher. Tini, Uwe, Oli und auch wir beschließen zu bleiben. Die drei Expeditionsmobile brechen panisch auf. Wir bleiben mit ihnen in Kontakt.

Als sie am 23. März an der Grenze zu Ceuta ankommen, verweigert Spanien inzwischen jegliche Einreise.

Das Drama von Ceuta beginnt. Dort oben im Norden Marokkos ist es kalt, es regnet schon seit mehreren Tagen. Die hygienischen Bedingungen in der Warteschlange von hunderten PKWs, Motorrädern und Wohnmobilen werden untragbar. Ein Ehepaar aus den Expeditionsmobilen, beide Anwälte von Beruf, nehmen sich gemeinsam mit einem weiteren Anwalt aus der Warteschlange der Sache an. Sie schreiben juristisch fundierte Petitionen an das Auswärtige Amt und die Europäische Kommission, an einige Abgeordnete. Auch die Medien werden eingeschaltet, das Fernsehen verschiedener Länder berichtet.

Es nützt nichts, die Grenze bleibt geschlossen. Die marokkanischen Behörden stellen in der Nähe einen Platz mit Infrastruktur zur Verfügung. Nach vier Tagen entschließen sich viele, das Angebot anzunehmen. Andere können unbehelligt trotz bestehender Reiseverbote auf Plätze im Landesinneren zurückkehren.

Auch das Anwaltspaar kommt den weiten Weg nach Marrakesch zu uns zurück, mit ihnen der weitere Anwalt aus der Ceuta-Schlange. Sie sind schwer enttäuscht von den deutschen Behörden. Zumal gerade eine Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes die Runde durch die verschiedenen Medien macht: „Die Rückholaktion des Auswärtigen Amtes für deutsche Urlauber ist erfolgreich abgeschlossen. Mehrere hunderttausend Personen konnten nach Deutschland zurückgeführt werden. Zur Zeit befinden sich nur noch wenige hundert Deutsche im Ausland.“

Von diesen wenigen hundert befinden sich 1.500 allein in Marokko, wie eine Umfrage auf den sozialen Medien gezeigt hat. In Australien und Neuseeland sollen es mehrere tausend sein. Auch in anderen Ländern hält sich noch eine Vielzahl Deutscher auf, denen eine Rückkehr verwehrt bleibt. Nachdem die Pauschalurlauber, die bei den großen Reisekonzernen gebucht hatten, fast alle wieder zu Hause sind, fühlt sich für die vielen tausend Individualreisenden die noch in aller Welt festsitzen, anscheinend keiner zuständig.

Durch die Initiative von Maren und Ralf, die vom Palmenhain in Tafraout aus eine Plattform in den sozialen Medien organisiert haben, mit der die in Marokko Verbliebenen gezählt und vernetzt werden, ist inzwischen auch bei der deutschen Botschaft in Rabat die Sachlage angekommen. Der Kultur- und Sportattaché der Botschaft wird als Ansprechpartner installiert. Denn nicht jeder ist in der komfortablen Lage, so viel Zeit zu haben, wie wir. Manch einer müsste schon längst wieder zu Hause an seinem Arbeitsplatz sein.

Bei uns ist Alltag eingekehrt. Wir können trotz fehlender Erlaubnisscheine unbehelligt in den Vororten Marrakeschs Einkaufen fahren. Die Straßen erscheinen ohne das sonst so quirlige Leben öde. Alle Läden, die keine Lebensmittel führen, sind geschlossen. Die großen Supermärkte haben strenge Hygienemaßnahmen eingeführt. Das Maskentragen im Laden wird kontrolliert, man bekommt den Einkaufswagen und die Hände von einem Angestellten desinfiziert. Es wird nur eine bestimmte Anzahl von Kunden gleichzeitig eingelassen. Die kleinen Händler handhaben das sehr unterschiedlich. Manche ziehen sogar jeden Geldschein und jede Münze durch ein Desinfektionsbad, für andere scheint Corona überhaupt nicht zu existieren. Mit zunehmender Zeit neigen alle zu Letzterem.

Aber es fällt auf, dass es hier keinerlei Hamsterkäufe gibt. Es ist alles überreichlich vorhanden. In Deutschland geht zu dieser Zeit gerade die Klopapierkrise um.