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York Juretzky erwacht vom Ruf des Muezzins. Er lässt sein Leben Revue passieren und versucht nachzuvollziehen, wie es dazu kommen konnte, dass die Bundesrepublik sich in einen islamischen Staat verwandelt hat. Die Reise dauert über sechs Jahrzehnte und beginnt in einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet der 1970er-Jahre. Stets konservativ orientiert, doch der Tagespolitik gegenüber eher kritisch, kommentiert York das politische Geschehen, wobei er zwischen subjektiven Wahrnehmungen und präzisen Beobachtungen wechselt. Der Partymensch und Surfer empfindet sich nicht als ausdrücklich rechts, aber als definitiv nicht links. Er fühlt sich von Schönwetterpolitik - der seiner Meinung nach die Weitsicht fehlt - genauso abgestoßen wie von Weichherzigkeit, die er als Schwäche betrachtet. Jedenfalls bei anderen. Er sieht politische Fehler bei allen Beteiligten, wirft allerdings besonders dem linken Spektrum Gutmenschentum, Naivität und Meinungsdiktat vor - was ihn aber nicht daran hindert, stets eher linksorientierte Freundinnen zu haben, an denen er sich politisch sowie anderweitig reibt. Ursprünglich gelernter Broker und Investmentbanker, hat er stets ein Auge auf die Wirtschaftspolitik und die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge. So erkennt er frühzeitig einige Fehlentwicklungen und kann nicht verstehen, dass die Politiker nicht konsequent Gegenmaßnahmen ergreifen, sondern einen Kompromiss nach dem anderen schließen. Er belässt es aber bei der Erkenntnis und wird selber nie politisch aktiv. Fast nie. Als es im Jahre 2015 in Deutschland zur Flüchtlingskrise kommt, ist er wie viele andere auch entsetzt von der scheinbaren Handlungsunfähigkeit der Großen Koalition sowie der den Ereignissen folgenden politischen Zweiteilung des Landes. Sein Ton wird schärfer, doch auch als alle seine Befürchtungen eintreten, bleibt er weiterhin nur fassungsloser Beobachter eines aus seiner Sicht vorprogrammierten Untergangs.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2019
Stephan Ignatzy
Unterwerfgang
Eine Biografie aus einer nicht allzu fernen Zukunft
Copyright: © 2019 Stephan Ignatzy
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag und Druck: tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-7497-5087-0 (Paperback)
978-3-7497-5088-7 (Hardcover)
978-3-7497-5089-4 (e-Book
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Prolog
Die Wolken hingen dicht und der kühle Novemberregen prasselte gegen die Fenster. Es war ein typisch grauer Novembertag im Jahre 2064, kurz nach Sonnenuntergang – wenn man davon überhaupt sprechen konnte … Sonnenuntergang. Den ganzen Tag war es schon dunkel. Das Gefühl, dass die Sonne gar nicht existierte, beschlich ihn. Wie man hierzulande die Sonne als Orientierung für rituelle Bräuche nehmen konnte, war für ihn nicht nachvollziehbar.
Nichtsdestotrotz erklang der Ruf des Muezzin pünktlich über den Dächern der kleinen Ruhrgebietsstadt, wie zu jedem Sonnenunter- oder -aufgang, egal, ob man die Sonne sehen konnte oder nicht.
Für ihn war es logisch, dass die Völker im Orient, wo die Sonne fast immer schien, sich an deren Lauf orientierten. Aber in Nordeuropa, im Winter, machte das keinen Sinn.
Der alte Mann schüttelte frustriert den Kopf.
Jeden Tag rief der Muezzin fünfmal zum Gebet. Trotz des Regens, des Nebels und geschlossener Fenster war sein Ruf deutlich zu hören. Die Lautsprecher waren über die Jahrzehnte ständig ausgebaut worden, mit guten Verstärkern und guter Technik ausgestattet.
Als die ersten Moscheen in Deutschland gebaut wurden, gegen einigen Widerstand in der Bevölkerung, waren große Versprechen gegeben worden: Man werde auf den Muezzin-Ruf verzichten, man respektiere und verstehe die Bedenken der Bevölkerung und wolle nicht für Unmut sorgen. Doch der Ruf des Muezzin war dann doch gekommen.
Er hatte es von Anfang an gewusst.
Der fünfmalige Gebetsruf war nun Usus, dröhnte unüberhörbar aus den überdimensionierten Lautsprechern: »Allah u Akbar, Allah u Akbar. Ash-hadu al-la Ilaha ill Allah …« Er konnte es schon mitsingen, kannte auch die Übersetzung: Gott ist groß, Gott ist groß, größer als alles und mit nichts vergleichbar … Geschenkt.
Die Al-Tambra-Moschee, die früher mal die Herz-Christus-Kirche war und im Zentrum der Stadt lag, war inzwischen der religiöse Mittelpunkt der Stadt. Kirchen gab es gar keine mehr. Kleine christliche Gemeinden hatten sich erhalten, standen allerdings unter starken Repressionen. Die Kirchengebäude waren komplett und natürlich einvernehmlich an die islamischen Gemeinden übergegangen und zu Moscheen umgebaut worden. Zumindest waren diese einstigen Kirchen und jetzigen Moscheen wieder stark frequentiert und gut besucht. Keine leer stehenden Relikte einer längst vergangenen Zeit, wie es die Kirchen zum Schluss waren.
Er hatte nie Kinder gehabt, war nicht einmal verheiratet gewesen. Zu Beginn hatte er wechselnde Liebschaften, die aber nie lange hielten. Er glaubte, dass er nicht wirklich der Typ für eine langfristige Beziehung sei. Die vielen Kompromisse, die Rücksichtnahme … das war nie wirklich seins. Er mochte zwar ab und an Gesellschaft, aber Gruppenzwang war ihm sein ganzes Leben eine entbehrliche Belastung gewesen. Zum Feiern und Sport akzeptierte er Gesellschaft, sonst war er lieber Einzelgänger, da brauchte man sich nicht abstimmen. Dann hatte er aber doch noch die Liebe seines Lebens gefunden, aber Anna war inzwischen schon lange tot. Dem islamischen Weltbild hatte die Beziehung zwischen Anna und ihm jedoch nicht entsprochen, das war ihnen aber egal gewesen.
Er seufzte und rieb sich müde über das Gesicht. Er war jetzt über 90, seine Zeit war um. Trotzdem machte es ihn sehr traurig und er vermisste die Zeit seiner Jugend, als Deutschland noch abendländisch geprägt war. Er hatte sein Land so geliebt, war so stolz darauf gewesen, auf die Entwicklung nach dem Krieg, auf die wirtschaftliche Stärke, den Aufstieg Deutschlands in den Wirtschaftswunderjahren auf den Schultern seiner Elterngeneration.
Aber diese Zeiten waren lange vorbei.
Für ihn gab es für die ganze Entwicklung einen Namen, der sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hatte: Unterwerfgang. Es war die Unterwerfung unter eine neue, muslimisch geprägte Gesellschaftsform, beim gleichzeitigen Untergang der eigenen Identität im bisherigen Staatsgebilde.
Wie hatte es nur so weit kommen können?
Kindheit in den 70ern
Die 70er habe ich als eine höchst unbeschwerte Zeit in Erinnerung. Vielleicht ist es immer so, dass man die eigene Kindheit schön und unbeschwert findet, weil man noch keine Verpflichtungen hat. Man stromerte durch die Gegend, spielte auf dem Acker oder den zahlreichen Baustellen der Einfamilienhaussiedlungen, die überall aus dem Boden gestampft wurden. Es herrschte zu der Zeit ein großer Bauboom. Der Trend war zu der Zeit nicht rein in die Stadt, sondern raus ins Grüne, um von da aus mit dem Auto wieder in die Stadt zu fahren. Der Verkehr war aber noch überschaubar.
Wir wohnten in einer Siedlung aus den 30er-Jahren, meine Eltern hatten einer alten Dame ein Grundstück abgekauft und ein neues Haus gebaut. Es war das schönste Haus in der Siedlung, mit einem großen Garten in Südwest-Richtung, in dem im Sommer von mittags bis zum Sonnenuntergang die Sonne schien. Das nächste Haus in Westrichtung war 100 Meter weit weg. Das Haus der alten Dame auf der Rückseite im Osten war dichter dran, das war aber egal, weil es ja die Rückseite war und uns so nicht die Sonne nahm. Die Siedlung war typisch für die 30er, ehemals war dort Wald, die ganz Alten erzählten noch, dass sie selbst die Bäume gerodet und die Häuser zum Teil in Eigenarbeit errichtet hatten. Es war ein Aufbauprogramm des Hitler-Regimes, bei dem jeder Reichsdeutsche sein eigenes Haus bekommen sollte. Die Grundstücke waren groß und der Garten diente zur Bewirtschaftung und Selbstversorgung.
In der Siedlung arbeiteten die meisten ursprünglich in den nahe liegenden Zechen. Zu meiner Zeit, in den 70ern, war das schon nicht mehr so, einige nutzen noch einen Teil des großen Gartens als Gemüsegarten, die verschwanden dann aber auch Stück für Stück. Später hatten alle nur noch Rasen mit Bäumen und die Ersten ließen sich schon, das war in den 80ern, einen Swimmingpool bauen. In den 70ern war das größte Erlebnis im Sommer noch, wenn ein Planschbecken aufgebaut wurde. Da trafen sich dann alle Kinder aus der Umgebung, sprangen rein und blieben einfach darin liegen, bis sie bibberten. – Wasser, Sommer, Sonne und die anderen Kinder aus der Nachbarschaft, es gab nichts Größeres und wir hatten einfach unbeschwerten Spaß.
Unser Nachbar, der das Planschbecken aufgestellt hatte, war ein erfolgreicher Architekt und Bauherr – Abitur und Studium auf dem zweiten Bildungsweg. Clever und durchsetzungsstark hatte er seine Chance und die Gunst der Stunde mit dem entsprechenden Mut genutzt. Ganze Straßenzüge und Siedlungen, die in den 60ern und 70ern wie Pilze aus dem Boden schossen, trugen seine Handschrift. Auch der Wohlstand wuchs mit der Entwicklung der Firma, sodass das elterliche Haus großzügig umgebaut und sogar ein kleines privates Hallenbad mit Sauna angebaut wurde. Vom Maurer zum Architekten und Bauherrn – es waren tolle Karrieren, die die noch junge Bundesrepublik denjenigen ermöglichte, die fleißig waren und ihr Glück in die eigene Hand nahmen.
Das Früheste, woran ich mich klar erinnern kann, ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 1974. Meine Eltern hatten Bekannte zum Essen eingeladen. Es war ein lauer Sommerabend, wir waren tagsüber an einem Stausee zum Baden gewesen, es wurde gegrillt und meine Eltern saßen mit ihrem Besuch auf der Terrasse. Gegrillt wurde damals noch nicht so häufig, Fleisch war noch teuer. Es war deshalb immer etwas, worauf ich mich unendlich freute, Gegrilltes schmeckte ganz anders. Fußball war zu dem Zeitpunkt noch nicht so ein riesen Thema. Die Spiele wurden nicht in großen Gemeinschaften geguckt, die meisten guckten zu Hause, ohne großes Tamtam. Dennoch wurde viel darüber gesprochen.
Im Garten gab es ein Klettergerüst mit Schaukel. Das wurde im Sommer dann auch als Tor zweckentfremdet. Ich stellte mich ins Tor und mein Vater machte harmlose Schüsse, sodass ich den Ball meistens halten konnte.
»Von rechts dribbelt Beckenbauer, ein, zwei Gegner lässt er stehen, Übersteiger, flankt auf Müller … Müller nimmt den Ball mit der Brust, legt ihn sich rechts vor, ein Drehschuss und haut das Ding aufs Tor …«, rief Vater.
Natürlich hielt ich den Schuss von Müller.
»Sepp Maier hechtet in bekannter Flugmanier, pflückt den Ball aus der Luft und vergräbt ihn sicher unter seinem athletischen Körper.«
Es spielte keine Rolle, dass hier Gerd Müller auf das Tor von Sepp Maier schoss. Nichtsdestotrotz war es ein großer Spaß, im Garten Fußball zu spielen, und irgendwie spürte ich als Kind die Euphorie, die die Weltmeisterschaft versprühte.
»Ohne die Bayern-Spieler könntest du die Nationalmannschaft vergessen. Helmut Schön hat angeblich mit dem Gedanken gespielt, die komplette Bayern-Elf für den WM-Kader zu nominieren. Der meinte, dann müssten sich die Spieler nicht erst finden und aufeinander einstellen, er hätte dann sofort ein funktionierendes Team«, sagte mein Vater.
Damals wäre es sogar möglich gewesen, eine komplette Mannschaft von Bayern, Schalke oder Gladbach aufzustellen, da waren fast alle Spieler noch Deutsche.
»So ein Quatsch, was wäre die deutsche Nationalelf ohne Bonhof, Vogts und Heynckes von Gladbach oder ohne Breitner und Netzer von Madrid«, meinte einer der Bekannten.
So gingen die Gespräche an diesem lauen Sommerabend weiter, während ich nach dem Grillen mit dem Ball immer gegen die Garagenmauer schoss – was ich stundenlang machen konnte: schießen, Ball prallt ab, mit Vollspann die Richtung des Balls ändern und wieder auf die Mauer.
Irgendwann war es dann Zeit für mich, ins Bett zu gehen. Meine Eltern und ihre Freunde saßen noch auf der Terrasse und tranken Wein. Das Thema Fußball spielte bei uns sonst eigentlich keine Rolle, mein Vater hatte keinen engen Bezug dazu, nur die WM im eignen Land und die Nationalelf sorgten für Gesprächsstoff. Sonst war eher Politik das Thema, aber auch unsere Urlaube oder die Arbeit.
»Brandt und seine Entspannungspolitik … der biedert sich den Kommunisten an. Ist ja selbst ein ehemaliger Kommunist, der hat unsere Ostgebiete verraten. Und der Kniefall in Warschau ist ein Kniefall vor der Sowjetunion.«
»Die Schuldenmacher, die Sozen konnten noch nie mit Geld haushalten. Bis die Sozis dran kamen, hatte Deutschland keine Schulden, jetzt explodieren sie. Angeblich wegen der Ölkrise, so ein Blödsinn. Die können’s einfach nicht. Die Sozis fahren alles vor die Wand, überall. Das sieht man auf der ganzen Welt.«
»Man sieht ja, was jetzt in Vietnam los ist. Die Amerikaner sind weg. Was meint ihr, was mit den Menschen passiert, die gegen den Vietcong waren. Die werden alle hingerichtet oder bekommen eine Gehirnwäsche. Da ist jetzt ein Terror-Regime. Die Menschen fliehen in Massen auf kleinen Nussschalen, um von diesem Land wegzukommen. Das ist die neue Weltordnung, überall setzt sich der Kommunismus durch, ganz Asien fällt, das ist der Domino-Effekt. Das Ganze wird gestützt und angeleiert durch die Sowjets und die Chinesen – alles Kommunisten. Und die Sozis hier sind die Vorhut für die Kommunisten. Weil sie einfach so dämlich naiv und gutgläubig sind. Die bereiten denen den Weg.«
Die Meinung bei uns zu Hause und bei den Bekannten war klar definiert. Es gab die Guten – das war der Westen – und die Bösen, das waren der Ostblock und der Kommunismus allgemein. Der Aggressor war in Moskau und hätte eher heute als morgen den Westen überfallen, wären nicht die Abschreckung durch das Militärbündnis und vor allem die Amerikaner gewesen, die eine harte Kante gegen den Kommunismus zeigten. Nach dem Vietnam-Desaster, den politischen Umbrüchen und der 68er-Revolte, den Studentenunruhen, wurde die klare Kante der Amerikaner weicher. Die Amerikaner waren nach dem Vietnam-Abenteuer und dem damit verbundenen Trauma erst einmal mit sich selbst und der Ölkrise beschäftigt. Nach Nixon kamen Ford und der Erdnuss-Farmer Carter, ein Weichei, das die Tendenz hatte, sich übertölpeln zu lassen. Später würde der Cowboy Ronald Reagan die Zügel in die Hand nehmen und den Sowjets zeigen, woher der Wind wehte. Den bezeichnete dann mein Cousin, so wie viele grün angehauchte Friedensaktivisten, als Säbelrassler. Bei diesen Menschen war es so, dass der Westen der Aggressor war und der Ostblock eigentlich gut. Verstanden habe ich diese Betrachtungsweise nie – man brauchte sich nur die Mauer in Berlin angucken, plus Todesstreifen. Diese Leute hatten sich aus den linken Studentenbewegungen der späten 60er und frühen 70er herausgebildet. Es gab dann welche, die sich radikalisierten, woraus die RAF entstand, aus dem anderen, dem weitaus größeren Teil entstanden die Friedens- und Anti-Atom-Bewegung und schließlich die Grünen. Trotz allem waren diese Bewegungen eine Minderheit, die schweigende Mehrheit war mit den Gegebenheiten zufrieden, zumeist unpolitisch und unemotional. Aber wie es halt immer so ist, sind kleine, gut organisierte, teilweise fanatische Gruppen sehr präsent und lautstark. Und dadurch hat man das Gefühl, diese radikalen Minderheiten repräsentieren das Volk. Da jene Minderheiten sehr von jungen Leuten dominiert waren, die nun einmal mehr Zeit hatten oder sie sich nahmen, und eben auch engagierter waren als ein Familienvater oder Arbeiter, der nach der Maloche noch ein Bier in seiner Kneipe trinken oder fernsehen wollte, war diese Minderheit halt sichtbar. Was nicht heißt, dass es bei den Anhängern der Sozialdemokraten viel Sympathie für die Anti-Vietnam- und Friedensbewegung gab. Die Anhänger der Konservativen betrachteten das ganze Treiben eher skeptisch und als Verrat an unserem natürlichen Verbündeten, den USA.
Von unserem schönen Einfamilienhaus waren es nur zwei oder drei Felder, dann fing die Industrieregion an, mit ihren Zechenhäusern, den Gartenschuppen, den unansehnlichen Wohnblöcken ohne Garten, den Fördertürmen, den Chemieanlagen … Es war eine typisch urbane Landschaft, zwischendrin doch noch ein Kotten, ein altes Bauernhaus. Irgendwie passte das alles nicht zusammen, war zusammengewürfelt, hatte sich über 150 Jahre so entwickelt und dadurch seinen ganz eigenen Charme und Charakter.
Die Städte in dieser Region hatten eigentlich keine richtigen alten Kerne, keine Altstadt oder Stadtmauern und somit fehlte ihnen das, was andere Städte, die über Hunderte oder Tausende Jahre gewachsen waren: Geschichte und Gemütlichkeit. So wie in der angrenzenden ländlichen Region, wo es alte gewachsenen Städte gab, die einen alten Marktplatz mit alten Häusern und einer alten Kirche im Mittelpunkt hatten. Die Gemeinden im Industriekonglomerat waren hingegen mit dem Aufkommen der Zechen und der Industrialisierung explosionsartig zu Städten zusammengewachsen. Das ist der Grund, warum ihnen die typische Struktur fehlt. Sie waren nicht von innen nach Außen gewachsen, sondern die Siedlungen um die Zechen und Industrieanlagen waren quasi zusammengequollen. Es waren die ersten großen Boom-Regionen der Neuzeit während der Industrialisierung, die explosionsartiges Wachstum mit einem massiven Zuzug von Menschen aus allen Regionen verbanden, die gebraucht wurden, um dieses Wachstum überhaupt umsetzen zu können. Als der Zuzug aus den näheren ländlichen Regionen nicht mehr reichte, um den Hunger nach Arbeitskräften zu stillen, begann man, immer mehr Menschen aus den Ostprovinzen des Reiches anzuwerben, aus Pommern, Schlesien und Oberschlesien, aus Ostpreußen und aus Masuren. Aus diesen Provinzen konnte man viele Fachkräfte anwerben, die bereit waren, zu Hungerlöhnen zu arbeiten. Viele Weber aus Schlesien hatten zum Beispiel ihre Existenz verloren, da die Webstühle nun durch Dampfmaschinen betrieben wurden und man jetzt mit viel weniger Menschen viel mehr produzieren konnte. Aber bald zog die Industrieregion nicht nur die Deutschen aus den Ostprovinzen an, sondern auch Polen, die in immer größeren Scharen einwanderten, sodass in einigen Teilen und Siedlungen bestimmte ethnische Gruppen die Mehrheit stellten. Dies führte damals immer wieder zu Spannungen, allerdings assimilierten sich die Polen extrem schnell und nach einer Generation blieben nur noch die Namen, bestimmte Gebräuche, bestimmte Essgewohnheiten und der katholische Glaube. Richtige Probleme gab es aber nicht, es war der gleiche Kulturkreis, man war verwurzelt im gleichen christlichen Glauben und es bestand kein in irgendeiner Form geartetes Bedürfnis, sich und seine kulturelle Herkunft über Generationen zu bewahren und abzugrenzen.
Unser Haus im Grünen war einerseits im ländlichen Idyll, andererseits lag es am Rand dieser Industrieregion und einer Stadt. Deshalb gehörte es auch zu zwei unterschiedlichen Regionen. Einer meiner Onkel lebte auf der anderen Seite der Stadt, an dessen Stadtrand in nördlicher Richtung wir lagen. Ab unserem Haus in nördlicher Richtung gab es nur noch Grün und Idylle. Mein Onkel wohnte am südlichen Ende der Stadt, dort ging es aber nicht ins Grüne über, sondern direkt in die nächste Stadt. Eigentlich merkte man gar nicht, dass man in eine andere Stadt kam, es reihte sich Zechenhaus an Zechenhaus, Wohnblock an Wohnblock. Nur ein Ortsschild an der Straße verriet, dass man in eine andere Stadt kam. Na ja, Stadt war übertrieben: in einen Stadtteil einer weiteren Stadt. Der Stadtteil meines Onkels war nicht besonders schön, alte hässliche Häuser, Grau in Grau, typische Arbeitergegend, alles ein bisschen schmuddelig. Das konnte ich selbst als Kind schon wahrnehmen.
Meine Großeltern väterlicherseits lebten auch in diesem Stadtteil, aber schon ein wenig näher zur Stadt hin, es fühlte sich auch schon ein bisschen gehobener an. Hier traf sich oft die ganze Familie. Hier begegneten mir auch das erste Mal fremdländische Menschen, die so ganz anders aussahen als wir. Es waren die Türken aus Anatolien, die man Anfang der 60er-Jahre angeworben hatte, um in Deutschland zu arbeiten, vor allem in der Automobilindustrie oder im Bergbau. Hier hatte man Berührungspunkte zu den Türken, in der Industrieregion sah man sie überall, auf dem Land nicht. Obwohl … überall ist falsch: Man sah sie nur in den nicht privilegierten Stadtteilen. Bestimmte Straßenzüge entwickelten sich gar zu Gettos. Da mochte dann kein Deutscher mehr wohnen. Sie taten einem ja nichts, aber das fremdländische Aussehen, die anderen Verhaltensmuster, die Kleidung … das alles machte einen misstrauisch und führte zu Unbehagen; auch wenn das absoluter Unsinn war. Aber das Unbekannte und die Andersartigkeit führten zu Skepsis.
Mein Onkel arbeitete auch im Bergbau, er war Steiger und führte eine Kolonne im Akkord, wie das so üblich war. Er verstarb früh, Nierenversagen. Mit Sicherheit war der Bergbau mit dem Stein- und Kohlenstaub nicht förderlich, da hatten die Nieren ja noch mehr zu tun. Nierenwäsche, wie einige Jahrzehnte später, gab es noch nicht. Er ist noch vor meinen Großeltern gestorben. Meine Onkel und mein Vater gehörten zur Aufbau-Generation, mein Vater musste im Krieg sein Notabitur machen, das später nicht anerkannt wurde, und dann an die Front geworfen – zum Endkampf an der Oder. Kriegsgefangenschaft in Kiew, Malaria, Rückkehr im Viehtransport über Norddeutschland, wo er sein Abitur nachholte, dann hierher. Bergbau, um das Geld für das Studium zu verdienen – BAföG gab es noch nicht. Dann Studium und schließlich wurde er Lehrer. VW-Käfer, Familie, Haus. So funktionierte das im Wirtschaftswunder-Deutschland. Meinen Onkel habe ich streng in Erinnerung, ich glaube sogar, dass ich Angst vor ihm hatte, ganz im Gegensatz zu meinem Onkel aus Süddeutschland.
Zu irgend einem Anlass war die ganze Familie in der Wohnung meiner Großeltern zusammengekommen, auch die Tante und der Onkel von der Nordsee mit ihren Kindern. Einige schliefen bei uns im Haus, einige in der Wohnung meiner Großeltern. Meine Patentante, die mit ihrem Mann im östlichen Teil der Reviers wohnte, machte zusammen mit der Oma das Essen, es gab Hase mit Kartoffelklößen, alle Erwachsenen saßen am Esszimmertisch, die Kinder im Wohnzimmer.
»Ihr glaubt nicht, was ich alles unter Tage mit den Türken erlebe«, warf mein Onkel im vielstimmigen Chor des kreuz und quer verlaufenden Gesprächs ein. »Mitten während der Schicht wirft sich einer aus meiner Kolonne auf den Boden, gen Mekka, mit so einem kleinen Teppich, und fängt an zu beten …«
»Woher weiß der denn, wo Mekka ist. Hat der einen Untertage-Kompass?«, lachte mein Vater und guckte in die Runde, sodass die anderen mitlachen mussten.
»Gen Mekka halt, sagt man so, der weiß auch nicht wo Mekka ist«, ärgerte sich mein strenger Onkel. »Darum geht es auch gar nicht. Der war letzter Mann in der Kolonne, musste die Kohlen aufs Band schippen. Einer der Frischen aus Anatolien, von den Ersten, die Anfang der Sechziger kamen, hätte sich das nicht getraut. Die ganze Kolonne wird bei so etwas stinksauer, der Jupp wollte ihm schon in die Rippen hau’n, der Achmed hat den Betenden dann aber hochgezerrt und irgendwas auf Türkisch gesagt, dann hat der wieder geschippt. Aber so geht es zu auf dem Pütt. Werden immer mehr Türken, irgendwann sind da mehr Türken als Deutsche.«
»Wieso denn aufs Band? Ich dachte, die Kohlen kommen in die Lore?«, rief einer meiner Cousins vom Wohnzimmer aus.
»Wer ruft denn da rein von den billigen Plätzen! Ihr wisst doch: Ruhe auf der Wolfsschanze, wenn der Führer spricht«, rief mein Onkel aus Süddeutschland, hob dabei scherzend den Zeigefinger und lachte.
Der Onkel aus Süddeutschland war das komplette Gegenteil zum Bergbauonkel: immer lustig, immer gut drauf, immer für einen Scherz zu haben. Es war auch klar, dass er sich bald eine Gruppe von Jungs, also meine Cousins und einige Jungs aus der Nachbarschaft packen würde, um mit ihnen Fußball zu spielen, ich war dafür aber noch zu jung. Er liebte das Leben und lebte es. Ich habe nie verstanden, wie zwei Brüder so unterschiedlich sein konnten. Mein Vater war da so dazwischen. Er konnte lustig und charmant sein, gut tanzen, aber auch die intellektuellen Themen waren ihm wichtig. Am meisten geschafft hat mein Vater.
»Nein, heute laufen unten Fließbänder und nur die Kohlen, die vom Fließband runterfallen, müssen dann wieder draufgeschippt werden. Ist nicht mehr vergleichbar, was Onkel Franz und ich früher in die Loren schippen mussten. Da haben es die Türken heute richtig gut. Und dann wollen die während der Arbeitszeit noch beten. Können die von mir aus nach Feierabend die ganze Zeit in ihren Wohnungen machen, aber nicht während der Arbeit.«
So gingen die Gespräche weiter, aber die Themen wechselten rasant: Ölkrise, Zukunft der Kohle, Brandt, die Ostgebiete, Italien als nächstes Urlaubsziel. Das war ein Thema, bei dem meine Tante aus dem östlichen Revier schwärmte, irgendwie war das ihr Sehnsuchtsort – na ja, es war wohl der Sehnsuchtsort einer ganzen Generation nach dem 2. Weltkrieg. Meine Tante war das erste Mal in den 50ern mit ihrem Mann in Italien. Wer hätte gedacht, nach Krieg und Untergang, dass die Deutschen so schnell wieder würden verreisen können. Und vor allem so schnell, so viel und so weit wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Italien war das erste große Ziel, eben das Sehnsuchtsziel. Während man hier oft verregnete Sommer hatte, lagen direkt hinter den Alpen Sonne, Strand und warme Abende, bei denen die Teutonen mal ein bisschen so wurden wie die die Südländer. Man verbrachte die Abende bei Wein und Lasagne in kurzer Hose und selbst die Kinder durften länger aufbleiben – für die Bambinos war es eine Selbstverständlichkeit, bis Mitternacht herumzutoben, worüber die Teutonen erst den Kopf schüttelten, es ihnen dann aber gleichtaten.
»Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt und die Fischer …«, begann mein Vater zu singen und alle stimmten ein.
Ich stelle mir noch heute vor, wie viele Deutsche nach der Stunde Null, als alles in Schutt und Asche lag, sich erträumt hatten, mal an einem lauen Sommerabend an der Riviera zu stehen … das Meer spült um die Füße, die Fischerboote ziehen raus zum Fischen und die Sonne geht im Meer unter – ein Erlebnis wie aus einer anderen Welt, surreal, vor allem für die, die im Russlandfeldzug bei minus 40 Grad gekämpft hatten, in den Gräben lagen und gehofft hatten, irgendwie den Krieg zu überstehen.
Dass das so schnell gehen würde, war wirklich ein Wunder. Angefeuert von Wirtschaftsminister Erhardt, dem deutschen Wirtschaftswunder und durch die Menschen in Deutschland, mit ihrer Zähigkeit, Beharrlichkeit und dem Willen, das Land wieder aufzubauen und den Rest für eine bessere Zukunft möglichst schnell hinter sich zu lassen. Von daher ist es ungerecht, dass spätere Generationen ihnen vorwarfen, man habe die Geschichte nicht aufgearbeitet. Sollte man, als alles kaputt war, erst einmal Arbeitskreise bilden, diskutieren, debattieren und die Geschichte aufarbeiten? Es ging darum, erst einmal wieder vernünftige Lebensbedingungen zu schaffen. Gedanken kann man sich in studentischen Arbeitskreisen machen, wenn alles wieder funktioniert und aufgebaut ist und man die Muße hat, in Debattierklubs und sozialen Arbeitskreisen zu philosophieren.
»So, Jungs, kurze Hosen an, ein T-Shirt, das dreckig werden kann, und Turnschuhe. Jetzt gehts ab auf die Wiese, wir spielen Fußball.« Meinen Onkel aus Süddeutschland hielt es nicht mehr am Esstisch, er wollte an die frische Luft und forderte meine Cousins auf, ihm zu folgen.
Die Cousinen waren nicht gemeint, die hatten aber zum Teil auch schon andere Themen, die für sie interessanter waren, von den Beatles über die Rolling Stones bis hin zu den Jungs, die sie kennengelernt hatten.
Natürlich ging es auch um Mode, von den ausgewaschenen Jeans mit Schlag bis hin zu den Miniröcken, die damals für Furore sorgten und sich durchsetzten.
»Der Jörg spielt aber nicht mit«, rief meine Tante aus dem Esszimmer, »der macht sich nur schmutzig und verletzt sich vielleicht. Die Jungs aus der Nachbarschaft sind auch frech, die haben ihn schon mal geschlagen.« Meine Tante Ilse, die Frau von meinem strengen Onkel aus dem Bergbau, war immer übervorsichtig und ängstlich.
Mein Onkel Herbert dagegen wollte den Jörg immer zum Mann erziehen und war das genaue Gegenteil. Das passte dann einfach nie, es war ein ständiges Hü und Hot, sodass mein Cousin, ein Einzelkind, immer hin- und hergerissen wurde. Ich glaube, das hat ihm in seiner Entwicklung ziemlich geschadet. »Der Jörg geht mit raus, so ein Quatsch. Der Junge zeigt den anderen mal, was Fußball heißt«, brüllte mein Onkel aufgebracht.
Meine Tante ging daraufhin rüber und nahm den Jungen in den Arm – vor den anderen Jungs! Sie hätte ihn auch in ein rosa Tutu stecken können, das hätte dasselbe bewirkt.
Und jetzt nahm das Schauspiel seinen Lauf: Mein Onkel stand auf und ging zu meiner Tante: »Du lässt den Jungen jetzt sofort los und er geht raus – wie die anderen auch. Er ist ein Junge und soll sich auch so benehmen.«
»Er möchte aber gar nicht, er möchte hierbleiben.«
Mein Onkel nahm den Jörg, zerrte an ihm und befahl ihm, sofort raus zu gehen, zu den anderen. Er machte das dann auch, ohne kurze Hose, ohne Sporthemd, ohne Turnschuhe, in einer braunen Stoffhose, einem weißen kurzärmeligen Hemd, durch das das Unterhemd durchschimmerte, und in seinen braunen Lederschuhen. Außerdem trug er eine viel zu große Hornbrille, die ihm ein spießiges, biederes, etwas unbeholfenes Aussehen gab. Er wirkte immer ein bisschen linkisch, immer der Typ Außenseiter, einer, der von anderen nie anerkannt würde und wurde.
Ich hatte mich inzwischen durch die Tür gedrückt. Als Jüngster von allen durfte ich eh nicht mitspielen, aber mein Cousin Thorsten aus dem Süden sagte zu mir: »Ich glaub’, es ist besser, wir hauen jetzt ab, da zieht ein Gewitter auf«, und grinste dabei.
Für den Jörg muss es eine Qual gewesen sein. Er kam raus und alle starrten ihn an, um ihn dann nach kurzer Zeit wieder zu ignorieren. Ich als Jüngster, noch nicht schulpflichtig, war außen vor und registrierte Missachtung auch noch gar nicht; für mich war der Jörg in Ordnung. Er hatte aber noch ein kleines Handicap: Er stotterte. Doch auch das habe ich damals gar nicht wahrgenommen.
»Hey, hol’ mal den Ball«, rief einer meiner Cousins.
Damit war ich gemeint. Das war dann auch meine Aufgabe. Mitspielen durfte ich nicht, dafür war ich zu jung. Ich lief los und stand plötzlich vor Jungs, die so ganz anders aussahen als alle Kinder, die ich bisher gesehen hatte: dunkle kurz geschnittene Haare, braune Augen, einen etwas dunkleren Teint. Ich musterte sie von oben bis unten. Der größte von ihnen spielte mir dann den Ball zu. Ich nahm ihn, nickte, drehte mich um und rannte fort. Das war meine erste direkte Begegnung mit Türken, sozusagen von Auge zu Auge. Viele im angrenzenden Münsterland lernten Ausländer im eigenen Land erst kennen, als sie studierten, während der Lehre, wenn sie im Revier arbeiten mussten oder wenn sie herzogen.
»Pass auf, das sind Kümmeltürken. Die fressen kleine Kinder!«, rief mein Cousin Thorsten.
»Aber nur mit Kümmel, die fressen alles mit Kümmel, deshalb heißen die auch Kümmeltürken«, lachte einer meiner Cousins aus Norddeutschland.
»Mach’ dem York mal keine Angst«, grinste Thorsten.
»Die wohnen dahinten auf der Landstraße, da wohnen nur noch Türken, die Deutschen ziehen da alle weg. Ich war da gestern mit Tante Maria, da gehts zum Schrebergarten. Die haben alle keine Gardinen, sieht irgendwie schmuddelig aus. Bei uns an der Küste gibts so etwas nicht.«
»Na ja, ihr wohnt ja auch direkt hinterm Deich, da sind ja keine Zechen, was will da schon so ein Osmane.«
»Ein was? Osmane?«
»Ja, so nennt die mein Vater, die Osmanen.«
»Was sind Osmanen?«
»Na ja, Osmanen halt. So wie wir Germanen sind, so sind das halt Osmanen.«
»Und was heißt das, Osmanen? Mein Vater sagte, dass ihr gar keine echten Deutschen seid, da fließt slawisches Blut.«
»Was? Quatsch. Mann, Osmanen sind ’ne Volksgruppe, ist ja auch egal, verstehst du eh nicht. Dann nenn’ sie eben Kümmeltürken.«
Auf einmal ertönte ein lauter Pfiff. Onkel Georg aus München machte Dampf und beendete jede weitere Diskussion, was für meinen Cousin auch besser war, weil er selbst nicht wirklich wusste, wovon er redete. »Ihr Saubande, wir sind hier nicht zum Quatschen und in die Luft gucken, sonst gibts gleich einen Zählappell und dann heißt es stillgestanden, Augen geradeaus!«, rief der Onkel.
Dann wurde Fußball gespielt, mit einem Lärm, als ob Schalke höchst persönlich auflaufen würde. Das zum damaligen Zeitpunkt neue Parkstadion war auch fast in Hörweite. Als Tore dienten uns Stahl-Wäschehalterungen, die fast wie Tore waren, nur ohne Netz.
Als Balljunge drehte ich mich immer wieder um und schaute zu den dunkelhaarigen Jungs rüber, die sich in gebührendem Abstand zu uns aufhielten und uns beobachteten. Sie hätten bestimmt Lust gehabt mitzuspielen, es wäre aber keiner auf die Idee gekommen, sie zu fragen. Es gab zu der Zeit eine unausgesprochene Grenze: Das waren Türken, wir waren Deutsche. Es gab keinen Kontakt. Man beäugte und beobachtete sich. Dies galt für beide Seiten.
Später würden die Kinder dieser Jungs in der deutschen Nationalmannschaft spielen, was als gelungene Integration gefeiert würde. Ob es das wirklich war, darf im Nachhinein bezweifelt werden, denn bei ihnen schlugen oft zwei Herzen, das eine meist hörbar lauter und auch in der dritten Generation gingen sie einfach nicht vollständig in der Gesellschaft auf. Sie wurden halt konservativ islamisch erzogen. Die Türkei wurde ihnen immer als ihre eigentliche Heimat nahegebracht. So akzeptierten sie im lokalen Bereich zwar Gelsenkirchen als ihren Geburtsort, aber die Herzensheimat als Land blieb die Türkei. Ich glaube, dass man nicht nur den Türken diesen Vorwurf machen kann – es war beidseitig. In ihrem Elternhaus wurde Türkisch gesprochen und ihnen wurden die Werte aus der türkischen Region, aus der ihre Eltern kamen, als ihre eigentlichen Wurzeln eingeimpft. Umgekehrt wurden sie von den Deutschen auch nie richtig akzeptiert und respektiert und so entwickelten sich Parallelgesellschaften. Es fand keine Assimilation statt und die Integration, die zwar später von Politikern in Sonntagsreden wie ein Mantra beschworen wurde, konnte nicht funktionieren, weil beide Seiten es gar nicht wollten.
In den 70ern wähnte man sich immer noch in dem Irrglauben, dass das ja nur Gastarbeiter wären, die irgendwann wieder zurück in ihre Heimat gehen würden. Der Staat hatte aber in den 60ern keine Regeln aufgestellt, als die benötigten Gastarbeiter für die Bewältigung des Wirtschaftsaufschwungs aus Italien, Griechenland, dem Balkan und der Türkei angeworben wurden. Man hatte sich wohl keine Gedanken über eine geregelte Rückwanderung gemacht. Viele gingen wieder zurück, vor allem aus den europäischen Nachbarländern, weil es auch dort besser wurde. Viele blieben aber auch, weil das Leben hier besser war. Weil man etwas aufgebaut hatte. Weil man sich Ansprüche erworben hatte. Weil man hier eine Familie gegründet hatte. Und so war das die erste große Zuwanderungswelle in die Bundesrepublik, die das Land nachhaltig veränderte, auch wenn die Politik das immer bestritt. Die Bundesrepublik war ein nicht gewolltes und immer wieder dementiertes Einwanderungsland aus einem Geburtsfehler heraus. Es wurde arabischer, es wurde moslemischer. Es wurde rückwärtsgewandter – nur in einer ganz kleinen Saat, aber diese Saat war gelegt.
Im Großen und Sichtbaren bewegte sich die Bundesrepublik zu der Zeit noch in eine komplett andere Richtung, hier hatten die 68er und die Anti-Vietnam-Bewegung mit Flower-Power, freier Liebe, dem Anzweifeln aller staatlichen Autoritäten und Feminismus ein Zeichen gesetzt, das in den muslimischen Familien unverstanden blieb, an ihrer gesellschaftlich-religiösen Tradition abprallte und niemals darin Platz haben würde. Das galt als nicht nachahmenswert, westlich, nicht traditionsbewusst, dekadent und degeneriert. Die Zuwanderer aus christlichen Kulturkreisen hatten keine großen Probleme, diese Veränderungen anzunehmen, dem standen nur die üblichen Generationenkonflikte entgegen. Letztlich orientierte sich die gesamte westliche Kultur an Amerika. Die islamische Kultur sah in Amerika aber den Feind, die Türken und Araber konnten sich nicht einfach so damit abfinden. Während islamische Mädchen Kopftuch tragen mussten, ließen die deutschen den BH und das T-Shirt weg und tanzten oben ohne auf Rockkonzerten – wie sollte das zusammengehen?
Während der Osterferien gaben mich meine Eltern einige Male bei meiner Tante Maria und Onkel Konrad ab. Sie wohnten jetzt in der Wohnung meiner Großeltern, die in den frühen 70ern verstorben waren, genauso wie mein strenger Onkel, der im Bergbau gearbeitet hatte. Den Tod hatte ich damals noch gar nicht so richtig verstehen können. Ich weiß aber, dass mich mein Vater einmal mit ins Krankenhaus genommen hatte, sodass ich meinen Onkel im Sterbebett noch mal sehen konnte und er mich. Verstanden habe ich die Geste und den damit verbundenen Abschied damals noch nicht. Meinen Opa und meinen Onkel habe ich dann auch in der Leichenhalle aufgebahrt gesehen, das fand ich als Kind gruselig, weil die nicht mehr so aussahen, wie ich sie kannte – ohne Farbe und die Lippen so zusammengepresst. Das fand ich nicht schön und wollte dann auch erst mal keine Toten mehr sehen.
Wenn ich bei meiner Tante war, fuhren wir mit der Straßenbahn, die es heute nicht mehr gibt, in die Innenstadt. Oder wir fuhren in die andere Richtung, um dort in Horst in einem Hallenbad schwimmen zu gehen. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle liefen uns dann und wann Türken über den Weg. »Siehst du die Tierken?«, sagte sie einmal, »die Männer gehen immer vorne weg, stolzieren wie so Gockel, und die Frauen dackeln hinterher. Schrecklich. Und die Frauen müssen die ganzen Einkäufe schleppen. Ich würde deinem Onkel mit der Bratpfanne geben, wenn ich die Einkäufe schleppen müsste.«
Tatsächlich musste meine Tante auch immer die Einkäufe schleppen, aber nicht, weil Onkel Konrad vornweg lief, sondern weil er meistens gar nicht lief – er ging nur selten aus dem Haus. Er hatte eine Ecke auf dem Sofa und da saß er die meiste Zeit des Tages. Und auch die meiste Zeit seines Lebens – zumindest des Lebens, das ich kannte. Er saß da und wartete. Auf was, weiß ich nicht. Wenn ich da war, erwachte er teilweise zum Leben, dann bewegte er sich auch schon mal. Irgendwie hatte er Pech gehabt; er war Musiker, hatte das absolute Gehör, aber dann kam der Krieg, dann die Vertreibung. Danach hat er nie mehr so richtig Fuß fassen können. Über den Krieg erzählte er nie.
Na ja, das machten viele nicht. Mein Vater erzählte aber immer vom Krieg, er war aber auch nur noch ein Jahr dabei, mit 18 an die Oderfront geworfen und dann in Kriegsgefangenschaft geraten. Mein Onkel hingegen war die ganze Zeit dabei. Wohl in Jugoslawien, wie man damals noch sagte. Weil Onkel Konrad nichts erzählte, kamen in der Familie einige Gerüchte auf, ob er vielleicht gar nicht an der Front war, vielleicht in einem Lager gearbeitet hatte und deshalb jetzt nur in der Ecke saß und grübelte. Dabei hatte er dann immer ein Stirnband um wie Winnetou. Die Filme liefen damals als Erstausstrahlung im Fernsehen und waren Straßenfeger. Ich fand das immer lustig mit dem Stirnband und machte Witze darüber. Das durfte sonst keiner, nur bei mir sagte er nichts und lachte mit. Heute glaube ich, dass er da saß und meistens nichts sagte, weil ihn meine Tante so piesackte und als Nichtsnutz bezeichnete, sodass er dann irgendwann einfach zugemacht hat. Einfach in der Ecke sitzen, nichts mehr sagen, bis dass der Tod euch scheidet. Auch eine Möglichkeit, Diskussionen aus dem Weg zu gehen.
In unserem Haus im Grünen am Rande des Ballungszentrums bekam ich von der ersten Migrationswelle recht wenig mit, außer wenn ich eben bei meinen Verwandten im südlichen Teil des Revierstädtchens war. In unserer Dorf-Grundschule gab es damals noch gar keine richtigen Ausländer, nur ein paar Spätaussiedler, aber die sahen ja gleich aus und waren kulturell praktisch dasselbe. Deren merkwürdiges Deutsch klang eher wie ein Dialekt, recht lustig, besonders die Oberschlesier. Die sprachen das Ü auch eher wie ein IE aus.
Erst mit Ende der Grundschule mussten wir dann in die Nachbarstadt zur weiterführenden Schule, das Städtchen, in dem meine Verwandten lebten. In den Klassen gab es damals noch keine Ausländer. Wir aus dem Dorf wurden in Klassenverbänden zusammengefasst. Das Städtchen war damals auch noch gut aufgestellt, sowohl soziokulturell als auch wirtschaftlich. Es gab viel Grün mit einem schönen Stadtwald, einem großen Stadion und ein tolles Freibad. In der Stadt selbst und der Innenstadt gab es ein breites Spektrum bürgerlichen Lebens, eine gute Fußgängerzone mit einem Karstadt und einem Peek & Cloppenburg und auch noch vielen ausgefallenen inhabergeführten Geschäften, was sich über die Jahrzehnte dramatisch verschlechtern sollte und auch nie mehr an die Hochzeiten des Bergbaubooms anknüpfen würde. So veränderte die Stadt allmählich ihr Gesicht, wurde unattraktiver, mehr und mehr von unteren Einkommensschichten und Erwerbslosen dominiert, aus gehobenen Geschäften wurden Billigläden, statt zum Back-König gingen immer mehr zu Billy-Back. Die Geschäfte und die Gastronomie passten sich an das Umfeld an. Gehobene Formate verschwanden und selbst mittlere hatten es bald schwer. Von den jungen Leuten zogen viele nach dem Abitur weg, studierten, machten woanders eine Ausbildung und kamen nicht zurück, weil die Perspektiven nicht mehr so gut waren wie früher. Es blieben dann einige gut bezahlte Qualifizierte zurück, die auch hier ihr Auskommen hatten, aber der Anteil der weniger gebildeten und bürgerlichen Schicht nahm ab.
Es war einerseits mit dem Niedergang des Bergbaus erklärbar, andererseits hatten aber auch Verwaltung und Politik geschlafen, im Ruhrpott klassisch links. Jahrelang wurden von der Landesregierung und den Kommunen Gefechte auf verlorenem Posten für den Erhalt der Kohle geführt, statt sich um Neues, Innovatives und Zukunftsfähiges zu kümmern. Diesen Leuten fehlten schlicht und ergreifend der Weitblick und der Mut, etwas Neues zu wagen. Man klammert sich lieber an das Bekannte. Aber hier ging es auch, wie so häufig, um das Sichern alter Pfründe in Politik und Verwaltung. Ein System gegenseitiger Vorteilsnahme, bei dem man sich selbst die lukrativsten Brocken einverleibte. Ein bisschen Kosmetik blieb dann auch noch für die Malocher übrig, für die man diese Scheingefechte vermeintlich geführt hatte. In Wahrheit war das Lug und Betrug, diente nur dem eigenen Vorteil. Um das nächste Mal wiedergewählt zu werden und damit an den Schaltstellen der systembezogenen Macht zu sitzen, um weitere lukrative Posten in Verwaltungen, Stadtwerken, städtischen Unternehmen und öffentlichrechtlichen Institutionen und Verbänden an einen Statthalter mit dem gleichen Stallgeruch zu vergeben. Natürlich immer mit dem Hintergrund, dass eine Hand die andere wäscht und eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Hatte man für einen Stallgeruchskumpel gesorgt, würde der bei Zeiten, wenn es notwendig war, auch für einen selbst sorgen und die Pension oder Rente mit überdurchschnittlichen Bezügen war gesichert. Alles auf Kosten des Steuerzahlers. Das erklärt, warum so viele Idioten an entsprechenden Positionen saßen. Sie hatten Karriere über die Parteien oder die Gewerkschaften gemacht und so reichte diesen Leute auch der geistige Horizont und Intellekt einer Amöbe. Natürlich war das Problem in solchen Regionen auch immer in der Mentalität der Menschen selbst angelegt, sie waren in Monostrukturen aufgewachsen und es nicht gewohnt, aus eigenem Antrieb etwas kreativ aufzubauen.
Somit hatte dieses Netzwerk aus Politikern und Spitzenverwaltungsbeamten leichtes Spiel, sich in diesem System schamlos zu bedienen und Posten nach Gutsherrenart zu besetzen – es war ja kein Widerstand zu erwarten. Bauern wären in früheren Jahrhunderten mit der Mistforke dem Gutsherren an den Kragen gegangen. Hier schwafelten diese Herren nur, sie seien einer von ihnen und gaben den Arbeitern ein paar Brotkrumen, die sie vermeintlich unter Einsatz der eigenen Karriere herausgeholt hatten. Den Großteil teilten sich diese Herren dann aber unter sich selbst auf und belohnten sich für ihre Arbeit. Die Mentalität tat ihr Übriges: »Mit wat komm’n die denn als Ersatz für die Kohle?« – »Soll ich plötzlich Tulpen züchten? Dat hab’ ich nich’ gelernt!« So war natürlich auch das Anspruchsdenken. Und natürlich: Die. Man erwartete, dass jemand kam, etwas unternahm und einem ein Arbeitsangebot machte. Das war eine Grundmentalität, die bei vielen vorherrschte. In ländlichen Regionen sah das anders aus, da gab es gemischte Strukturen, stark handwerklich geprägt, die hatten dort getüftelt und dann mittelständische Betriebe aus der Not heraus aufgebaut – weil es da nicht den einen großen Arbeitgeber gab, bei dem man unters Dach schlüpfen konnte.
In diesem kleinen, aber zur damaligen Zeit noch halbwegs gesunden Revierstädtchen gingen wir also zur Schule und machten so allmählich freiwillig unfreiwillig Kontakt mit der zweiten Generation der Gastarbeiter, den Kindern der ersten Generation, die jetzt schon hier geboren waren. Sie waren ungefähr so alt wie wir, ein paar Jahre älter und jünger, im Prinzip die gleichen, jedenfalls vom Alter her, die mir als Kind beim Fußballspielen mit meinem Onkel begegnet sind. Wir kamen von der Schule, gingen noch durch die Stadt und wollten auf Höhe der Spitze, einer ein bisschen verruchten Jugendkneipe, Richtung Busbahnhof.
»Heeey, was guuckst du?«, rief einer der Türken, die auf der Lehne einer Bank saßen, die in der Mitte der Fußgängerzone stand und an der wir vorbeigingen.
Da die türkischen Jungs schon eine gewisse Grundaggressivität ausstrahlten, taten wir so, als ob wir nichts gehört hätten, und wollten weitergehen.
»Heeey, hast du nischt gehört? Du hast mein’ Brruder doof angeguckt.« Sie bauten sich vor uns auf und sahen mich an.
»Nee, hab’ ich nicht«, erwiderte ich.
Da bekam ich schon eine gedonnert. Auf die Hilfe meiner Freunde konnte ich in dem Augenblick nicht zählen. Alle waren verängstigt und guckten auf den Boden. Auch ich sah die Jungs nicht mehr an. Der Wortführer war älter als ich, noch ein älterer war dabei und ein paar jüngere, vielleicht seine Brüder, die grinsten. Das konnte ich im Augenwinkel sehen.
»Warum guckst du meinen Bruder so an. Machst du nicht mehr wieder, kapiert?«
»Ja, kapiert«, sagte ich.
»Okay, haut ab und macht nächste Mal einen Bogen.«
Wir trotten von dannen wie begossene Pudel, gingen Richtung Busbahnhof und sagten erst einmal nichts.
Ich war allerdings innerlich total aufgewühlt und stinksauer. »Mensch, ey, ihr hättet ruhig mal was sagen können. Ich hab’ so eine Wut«, fauchte ich.
»Was sollten wir denn machen? War besser, nichts zu machen«, sagte Marki. »Wir hätten den Arsch voll bekommen.«
»Ja, so hab’ ich einen vor die Fresse bekommen. Die scheiß Kanaken.«
»Vielleicht hast du ja auch doof geguckt«, meinte Basti.
»Nee, und wenn, dann unbewusst. Aber ist doch kein Grund, sofort ein’ auf die Fresse zu bekommen. Um die scheiß Bank mache ich demnächst einen dicken Bogen, die sitzen da doch immer.«
Wir diskutierten und redeten uns während der Busfahrt in Rage. Typisch für damals war, dass man den Fehler für eventuelles Fehlverhalten bei sich selbst suchte, was man falsch gemacht hatte, dass man die Gegenseite provozierte – egal, wer die Schläger waren. Letztlich war es aber verletzte Eitelkeit, da wir wussten, dass wir nichts ausrichten konnten. Würde man sich mit ein paar Älteren zusammenschließen und die Jungs aufmischen, würde das bedeuten, dass man danach nie mehr alleine durch die Stadt gehen konnte, denn was passieren würde, wenn man alleine auf die Türken stoßen würde, war klar: Dresche bis der Oberarzt kommt. Natürlich war das für die nur Spaß, die hatten auf so brave Landeier wie uns gerade gewartet.
Komischerweise habe ich zu der Zeit nie türkische Mädchen gesehen. Ich glaube, die waren nur zu Hause und wurden abgeschirmt. Einem türkischen Mädchen hätte man sich auch nie nähern dürfen, da waren sofort die Brüder ringsum oder welche, die sich dafür ausgaben. Zu kuschen, wie wir, war aber auch falsch, so konnte man sich keinen Respekt verschaffen. Dies sollte sich später auch gesellschaftlich zeigen: Wer aggressiver, fordernder auftritt, gewinnt. So kann man als Minderheit Forderungen gegen eine Mehrheit durchsetzen, wenn man nur aggressiv genug seine Rechte einfordert. Die gleiche Lektion wie wir von den Türken, hatten die Türken wahrscheinlich schon von anderen verpasst bekommen, von so Rösner-Degowski-Typen, die den Türken eine gedonnert hatten. So wurde das dann weiter gegeben. Das war gar nicht unwahrscheinlich, da die Türken ja nicht gerade in den Villenvierteln, sondern eher in den Mietskasernen, Wohnblöcken und alten Zechenhäusern der unterprivilegierten Wohnviertel lebten. Da war der Ton rauer, das Faustrecht hatte noch eine höhere Bedeutung,.
Das bekam ich immer mit, wenn ich mal bei meiner Tante war. Die Spiel- und Bolzplätze hatten dort einen anderen Gewaltcharakter als im Dorf. Ich hatte es dort verstanden, mich mit Jungs anzufreunden, die Wortführer waren und vor denen alle Respekt hatten. Hatte man die zum Freund, war man selbst abgesichert und musste sich keine Sorgen machen.
Die 70er waren eine schöne Zeit für mich, in unserem Haus im Grünen, das meine Eltern gebaut hatten, als ich zur Welt kam, mit dem riesigen Garten und dem Rasensprenger, unter dem wir im Sommer hindurchliefen, dem Schnee im Winter, der in der Erinnerung existiert, aber meistens nicht da war.
Im Sommer fuhr ich mit meinem gelben Bonanza-Rad rum, im Fernsehen liefen Winnetou, Raumschiff Enterprise, Bonanza, Die Waltons, am Sonntag Tatort, am Freitag Derrick, als Unterhaltung Dalli Dalli und die Hitparade – bei uns zu Hause alles in Schwarz-Weiß in einem Fernseher von Telefunken auf einem silbernen Bein mit fünf Füßen, acht Knöpfen aber nur drei Programmen: ARD, ZDF und WDR. Die Türen zum Garten haben wir damals nicht verschlossen, selbst wenn alle das Haus verließen. Die Zeiten waren sicherer, zumindest fühlten sie sich sicherer an.
Es gab die Fußballweltmeisterschaft 1974 und die ganze RAF-Geschichte, Schleyer und Buback. Da hörte ich meinen Vater das erste Mal sagen: »Diese Schweine«, womit er die RAF-Terroristen meinte, als Hans-Martin Schleyer mit dem Plakat vor der Brust in der Tagesschau gezeigt wurde, der dann später ermordet wurde. Verstehen konnte ich das nicht, aber ich wusste, dass die Terroristen Verbrecher waren, die es zu eliminieren galt, weil die unseren Staat kaputtmachen wollten.
Meine Schwester, die sechs Jahre älter war, hatte einen Plattenspieler und sich die ersten Singles gekauft: A Glass of Champagne und Girls, Girls, Girls hörte ich tausendmal total laut, als keiner zu Hause war. Das war meine erste Berührung mit der Pop-Kultur.
Weltpolitisch gingen die 70er mit drei Ereignissen zu Ende, die deutliche Auswirkungen auf den Weltverlauf und insbesondere Deutschland haben sollten. Da war zunächst die Rettung von Bootsflüchtlingen durch die Cap Anamur vor Vietnam durch den Journalisten und Theologen Rupert Neudeck, was ein relativ breites mediales Echo zur Folge hatte. Obwohl ja nicht sein konnte, was nicht sein durfte: dass nämlich vor den Errungenschaften des Kommunismus, der doch den Segen für alle wegen der Gleichheit aller bringen sollte, die Menschen in Scharen flohen, teilweise nach Europa, teilweise nach Australien, aber hauptsächlich zu den ach so bösen Imperialisten, den Amerikanern. Ironie der Geschichte: Anscheinend haben Freiheit und ungezügelter Kapitalismus immer noch die größte Anziehungskraft. Jedoch zeigte hier Deutschland das erste Mal seine humanitäre Einstellung, als es in vielen Ländern bezüglich der Aufnahmebereitschaft zu Diskussionen kam. Hier sprang Deutschland in die Bresche, was auch für diese vom Kommunismus verfolgten Menschen anständig und angemessen war. Die Vietnamesen passten sich schnell an, integrierten sich, respektierten unsere Institutionen und akzeptierten unsere Art zu leben, indem sie diese adaptierten.
Das zweite bedeutsame Ereignis Ende der 70er war die Islamische Revolution, eine Bewegung, die die Welt nachhaltig verändern sollte. Dieser Umsturz im Iran, von den antiimperialistisch eingestellten Linken im Westen als Befreiung gefeiert, sollte sich bald als eines der schlimmsten Terror-Regimes aller Zeiten herausstellen. Niemals hat es in so kurzer Zeit so viele Hinrichtungen, Steinigungen und Folterungen gegeben, wie zu der Zeit, als Ayatollah Khomeni in den Iran kam, den Schah stürzte und die Macht übernahm. Damit hatten diejenigen, die den Sturz des Schah trotz seiner Schutzmacht USA als Sieg feierten, natürlich nicht gerechnet und es ging ein erster heftiger Schock um die Welt, der jedoch aufgrund diverser ideologischer Prinzipien kleingeredet wurde, weil man das damals allenfalls als postrevolutionäre Auswüchse betrachtete, nicht als Blaupause für die Zukunft, geschweige denn als konkrete Bedrohung. Und so behielt der Iran, trotz allem, ein unangemessen cooles Image im Westen, einfach nur, weil er den USA Paroli bot. Dass die Menschenrechte dort nicht viel galten, ging irgendwie unter. Noch im Jahre 2019 wurde ein weiblicher Schiedsrichter bei einem internationalen Fußballspiel digital unkenntlich gemacht, das war dem Westen aber nur eine schmunzelnde Randnotiz wert.
Das dritte große Ereignis war der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, das russische Waterloo oder Vietnam, aus dem sie sich wie geprügelte Hunde zurückziehen mussten. Ein Ereignis, das die Region destabilisierte, später zu immer neuen Militäraktionen führte, Flüchtlingswellen auslöste und schließlich durch die gigantische Verschwendung von Mensch und Material, und damit von Ressourcen, die dann der Bevölkerung in Russland fehlten, letztendlich zum Untergang der Sowjetunion führte. Hätte Gorbatschow die Sowjetunion nicht geöffnet, wäre diese über kurz oder lang wirtschaftlich zusammengebrochen. Das militärische Abenteuer in Afghanistan plus das Wettrüsten mit dem Westen war der eigentliche Grund für den Niedergang des kommunistischen Experiments, denn die Sowjetunion entzog sich die wirtschaftliche Grundlage – nicht wie später von sozialistischer Seite behauptet, die angebliche Veränderung durch Annäherung.
Jugend in den 80ern
»Diese Terroristen! Diese Schweine!«, rief mein Vater. Die Bilder von der Erstürmung der Botschaft im Iran flimmerten über den Bildschirm im elterlichen Wohnzimmer. Dieses Ereignis konnte ich jetzt schon besser einordnen. Es war klar, dass das, was da passierte, absolut völkerrechtswidrig war. Selbst ein Adolf Hitler oder ein Josef Stalin hatten das nicht gewagt. Botschaften als Vertretungen des Landes sind exterritoriales Gebiet, sie gehören daher zum Staat der Botschaft und haben absoluten Schutzstatus. Kann man sich darauf nicht mehr verlassen, verlässt man den kleinsten gemeinsamen Nenner der letzten zwischenstaatlichen Verlässlichkeit und Diplomatie. – Und es geschah mit dem Segen der Mullahs, der Kleriker und des Ayatollah Khomeini. Alle 60 amerikanischen Botschaftsangehörigen waren für 444 Tage Geiseln des Iran, der damit die Auslieferung des Schahs von Persien erzwingen wollte, aber letztendlich nur eingefrorene Gelder loseisen konnte.
Der Iran hatte innerhalb kurzer Zeit nach der Revolution ein Terrorregime aufgebaut, mit Religionswächtern, die in etwa die Funktion der Gestapo in Nazi-Deutschland hatten. Hier wurden alle bisher geltenden Regeln gebrochen. Die Geiselnahme geschah im November 1979 und sollte sich bis 1981 hinziehen. US-Präsident Jimmy Carter wurde durch den draufgängerischen Ronald Reagan abgelöst, der die USA zu neuer Macht und Stärke führen sollte. Er löste durch seine unnachgiebige Art sofort das Geiseldrama in Teheran auf. Bei ihm wussten die Gegner, dass er nicht zögern würde, Atomraketen abzufeuern. So verschaffte er sich Respekt. Die Geiseln kamen frei. Das ist wohl der Unterschied zwischen einem Erdnuss-Farmer und einem Cowboy.
Neben der internationalen Großwetterlage tat sich mit Beginn der 80er auch einiges in der beschaulichen Bundesrepublik. Die Sozen, die ich bisher nur an der Regierung gekannt und erlebt hatte, wurden immer schwächer. Die Union gewann ein Bundesland nach dem anderen und die Linken ging überall mit Pauken und Trompeten unter. Die Sozis hatten es geschafft, in etwas mehr als einem Jahrzehnt die Bundesrepublik wirtschaftlich vor die Wand zu fahren. Übernommen hatten sie Ende der 60er ein so gut wie schuldenfreies Land und es dann zu einem Schuldenstaat gemacht. Während der Ära Willy Brandt gab es für Beamte und den Öffentlichen Dienst Gehaltserhöhungen in nie gewesenem Ausmaß von über zehn Prozent. Ich denke, das waren Wahlgeschenke. Dann gab es riesige Infrastrukturprojekte: Jeder kleine Ort bekam sein eigenes Hallenbad, eine Bücherei, Sportstätten wurden ausgebaut … Vieles wurde später wieder geschlossen, da der Unterhalt nicht mehr finanzierbar war. Obwohl die CDU bis auf einmal immer stärkste Partei war, stellte die SPD in den 70ern immer den Bundeskanzler. Einmal erreichte die CDU sogar über 48 Prozent mit Helmut Kohl und trotzdem war Helmut Schmidt Kanzler, weil die liberale FDP damals mit der SPD koalierte und es keine Partei daneben gab. Solche Ergebnisse sollte es später für eine Volkspartei nie mehr geben, zu der Zeit konnte man noch von stabilen Verhältnissen sprechen.
Die alte Bundesrepublik hatte es sich im provinziellen Bonn gemütlich eingerichtet, man schwätzte auf diplomatischer Ebene zwar mit, hatte aber eigentlich in der Weltpolitik nichts zu sagen. Man wollte das auch nicht, wollte keine Verantwortung übernehmen und hatte sich in dieser Rolle, die bequem war, gut eingenistet. Den anderen war das recht so, denn so war Deutschland gezähmt und der Rest der Welt musste sich keine Sorgen machen, da man mit Deutschland schließlich zwei üble Erfahrungen gemacht hatte.
Deutschland konzentrierte sich fortan auf das, was es konnte: Produkte entwickeln und diese in die Welt verkaufen. Export für das Bruttosozialprodukt, den Sozialstaat bis in den letzten Winkel und das letzte Glied ausweiten, um sich so sozialen Frieden zu erkaufen. Wie sagte es mein Freund Marki mal: »Brot und Spiele, gib den Leuten genug zu essen und ein bisschen Spaß und wir haben Ruhe, wir erkaufen uns halt den sozialen Frieden. Besser wir geben zwei Millionen Pennern Stütze, stellen denen zu Hause ’ne Glotze hin und genug Bier und Kippen, dann kommen die nicht auf dumme Gedanken. Siehst ja, was im Ausland los ist, da müssen die ihre Häuser wie Hochsicherheitstrakte schützen.«
Na ja, er hatte nicht ganz unrecht, auch wenn ich das ein bisschen anders sah. Ich fand, dass unser Staat zu lasch mit den Faulen umging und zu wenig Druck ausübte, so ruhten sich viele in der sozialen Hängematte aus – ging ja. Das sollte sich aber einige Jahrzehnte später ändern. Der Marki war auch Sozi, aber ein vernünftiger, ich würde sagen ein konservativer Sozi. Der war halt links, weil die in seiner Familie immer schon links waren – der Vater, der Opa, der Urgroßvater. Das wurde in der Region vererbt wie das Häuschen, diesen Stallgeruch bekam man nicht mehr raus. Aber sonst waren die meisten ganz okay und hatten auch vernünftige Ansichten.
Anfang der 80er hatten also die Sozis die Kiste vor die Wand gefahren. In dem beschaulichen Ländchen Namens Bundesrepublik herrschte Stagnation bei gleichzeitiger Inflation, etwas, von dem man geglaubt hatte, dass es das von der reinen volkswirtschaftlichen Lehre her nicht geben könne. Aber die Sozis hatten geschafft, was nach Lehrbuch nicht zu schaffen war. Das neue Wort hieß dann Stagflation. Die Politiker kamen dann mit neuen Verklausulierungsbegriffen wie Minus-Wachstum. So übertünchten sie das Schrumpfen mit Wachstum, halt dem Minus-Wachstum. So drehte man aus einem negativen Ereignis einen positiven Effekt: »Es ist doch immer noch Wachstum da, nur eben Minus-Wachstum, hurra.« Na ja, irgendwann nahm ihnen das auch keiner mehr ab, sodass die SPD immer mehr an Zuspruch verlor. Dann kam die Stunde des Pfälzers.
»Und – ist das Misstrauensvotum schon durch?«, fragte ich, als ich von der Schule kam und den Schulranzen in die Ecke warf.
»Nein, die sind noch bei der Debatte«, sagte mein Vater, der als Lehrer eines Gymnasiums mittags bereits zu Hause war.
Viele dachten ja, dann hätte ein Lehrer frei. Ich habe aber meinen Vater immer am Schreibtisch gesehen, Klausuren korrigieren und sich auf den Unterricht vorbereiten. Es gab wahrscheinlich solche und solche, aber mein Vater war fleißig und saß oft bis spät abends im Arbeitszimmer, wenn wir Fernsehen guckten. Er konnte aber abends besser arbeiten. Ich glaube auch, dass es anspruchsvoller ist, sich selbst motivieren zu müssen, sich Aufgaben zu geben oder auszudenken und diese umzusetzen. Anders als ein Angestellter, der morgens kommt, seine Arbeit vorgegeben bekommt, diese ausführt und am Nachmittag wieder geht. Bei einem Lehrer ist aber noch eine gewisse Struktur vorgegeben. Bei einem Selbstständigen stelle ich mir das noch schwerer vor. Es existieren keine Vorgaben, kein Plan, wie der Tag umzusetzen ist, den Tagesablauf muss man selbst organisieren und das möglichst sinnvoll, produktiv und effizient, aber auch mit genug Spielraum für Gestaltung und Kreativität – ein schwerer Balanceakt. Der Unternehmer hat eine Idee, muss überlegen, wie er die umsetzt und sich immer wieder selbst antreiben und motivieren. Und am Ende sollte auch noch was hängen bleiben. Das waren dann auch immer die Menschen, die die Welt verändert haben. Nicht die Arbeiter und Angestellten, nicht die Mitläufer oder Nutznießer gesicherter Verhältnisse.
»Unverschämt, der Brandt und der Schmidt. Werfen der CDU und den Liberalen Wortbruch, Verrat und Täuschung vor. Diese vaterlandslosen Gesellen!«, rief mein Vater in Rage.
Ich holte einen Aufkleber, den ich noch oben in meiner Schreibtischschublade hatte, mit dem Konterfei von Franz-Josef Strauß. Darunter stand: Die SPD ist der Untergang des deutschen Volkes und ganz klein Konrad Adenauer. Das wurde verteilt, als Franz Josef Strauß gegen Helmut Schmidt angetreten und mit über 44 Prozent gescheitert war. Früher waren die Wahlkämpfe noch rauer, die CDU war weiter rechts, die SPD weiter links und die FDP war linksliberal, also auch weiter links.
»Die SPD ist regierungsunfähig. Sie hinterlassen uns geplünderte Kassen und Massenarbeitslosigkeit! Sie haben ein blühendes Gemeinwesen in ein krisengeschütteltes Land verwandelt«, kritisierte Barzel im Fernsehen und rief damit Proteste auf der Gegenseite hervor. Die gesamte Debatte war extrem emotional, nichtsdestotrotz war es eine Sternstunde des deutschen Parlaments.
»Hätte damals das Misstrauensvotum beim Barzel schon funktioniert, wäre Deutschland nicht so tief gefallen. Das war Verrat, bezahlter Verrat von den Sozis zusammen mit den Kommunisten aus der Zone«, rief mein Vater.
»So ein Pack«, meinte meine Mutter.
Zone war immer die DDR, ein Staat, den es in unserer Familie nicht gab. Zack, zack, zack – Kommunisten-Pack hieß es damals. Barzel war 1972 bei einem sicher geglaubten konstruktiven Misstrauensvotum gescheitert. Es gab immer einen Verdacht, dass ein Abgeordneter der CDU gekauft worden war – und zwar von der Staatssicherheit der DDR, was die SPD immer vehement bestritt. Nach dem Zusammenbruch der DDR stellte sich dann heraus, dass die DDR tatsächlich einen Politiker gekauft hatte. Man konnte halt besser mit den Sozis, das war der gleiche Stallgeruch und von denen erwartete man nicht so eine klare Kante gegen das undemokratische DDR-Regime.
