Unverfroren - Madlen Jacobshagen - E-Book

Unverfroren E-Book

Madlen Jacobshagen

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Beschreibung

Nie hat Georg etwas Aufregenderes erlebt als das Auftauen seiner Tochter Saskia. War es richtig, sie einfrieren zu lassen? Wird man sie je wieder zum Leben bringen können? Und in welcher Verfassung? Saskis konnte sich an die Prozedur überhaupt nicht erinnern. Ihr ging es nach 17 Jahren um einen Neuanfang in ihrem Leben. Es war oft bitter, auch wenn es Phasen voller Lebensfreude gab. Aber das gefiel einigen überhaupt nicht...

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Madlen Jacobshagen

Unverfroren

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Teil 1

1998

15 und 17 Jahre später

Teil 2

2015

Impressum neobooks

Teil 1

1998

Saskia blickt immer wieder hoch zur Zimmerdecke. Sie ist makellos weiß, ohne Fugen und Flecken. Nicht einmal ein Fliegenschiss ist drauf. Für Saskia ist diese weiße, glatte Fläche genau das Richtige, um ihre Träume zu bändigen und ihre Gedanken zu sammeln. Sie ist froh, die Operation gut überstanden zu haben und stört sich nicht an dem Infusionskabel an ihrer Hand. Wie schnell alles gegangen war! Vorgestern noch die Super-Party auf Isabells Geburtstag. Die Musik war umwerfend, ihr Bruder wirklich ein guter DJ. Und Marc, der war ein bisschen peinlich. Nur weil sie nicht dauernd mit ihm getanzt hatte, ließ er sich volllaufen. Eklig war das. Über die Köpfe der Paare hatten Isabell und sie sich beim Tanzen angefeixt. Mit ihr verstand sie sich wirklich super. Wie schnell hatte sie letztes Jahr vergessen, dass sie ihr Ralf ausgespannt hatte. Jetzt waren es nur noch zwei Monate bis zu ihrer großen Reise in die USA. Was hatten sie Glück, in derselben Stadt einen Studienplatz bekommen zu haben. Nur ist jetzt mal was dazwischen gekommen, so eine Geschwulst. Drei Wochen hatte der Arzt ihr heute bei der Visite gesagt, dann würde sie den Bauchschnitt kaum mehr merken. Aber blöd findet sie es schon, dass sie am Ende der Party umgekippt ist. Wie die Leute alle um sie herumstanden! Doch sie bleibt nicht lange bei diesen Bildern.

Viel schlimmer war es für sie vor einem Monat. Saskia konnte seither nie einschlafen, ohne noch einmal daran zu denken. Die Beerdigung war grauenhaft. Ihre liebe Omi wurde einfach in die Erde versenkt. Niemanden hatte sie auf der Welt so geliebt wie sie. Ihr konnte sie immer alles erzählen; sie konnte wunderbar zuhören und trösten. Wieder schaut Saskia unverwandt an die Decke, als ob sie hofft, dort ihre Omi wiederzusehen. Plötzlich hört sie draußen Schritte. Eine Schwester kommt herein, um die Infusion zu wechseln. Wieder Stille. Saskia bewegt sich vorsichtig im Bett, die Schmerzen haben wieder begonnen. Fast unmerklich lächelt sie, als sie sich ausmalt, wie Isabell und ihr Vater sie morgen vielleicht besuchen werden. Papa sicher mit einem großen Blumenstrauß und Isabell mit einem ihrer Lieblingsbücher. Bald wird dies hier überstanden sein, spricht sie sich nun selbst Mut zu.

Der geliebte Vater taucht schon früh in ihrem Zimmer auf, allerdings bewegt er sich nicht so resolut wie sonst, sondern setzt seine Schritte behutsam, fast ängstlich. „Es geht schon ganz gut“ sagt Saskia lächelnd, ohne dass er sie nach ihrem Befinden gefragt hat. Der Vater drückt einen Kuss auf ihre Stirn, rückt einen Stuhl an ihr Bett, nachdem er sein Jackett über die Lehne gestreift und sich die Krawatte gelockert hat. „Hast du schon Einzelheiten über die OP erfahren?“ fragt er dann. „Der Arzt hat nur gesagt, dass die Operation gut verlaufen ist und wir in einer Woche mehr wüssten.“

„So ist das wohl,“ entgegnet der Vater. Dabei muss er einen Sekundenbruchteil sorgenvoll ausgesehen haben, denn Saskia fragt nun: „Was Schlimmes kann es doch nicht sein, oder?“

„Du brauchst wegen der Geschwulst überhaupt keine Sorgen zu haben, weil du noch so jung bist. Deine Omi war über 70, als es bei ihr auftrat. Übrigens hat Isabell gestern angerufen. Sie wird dich heute bestimmt besuchen. Ich glaube, sie hat gestern ihren Sprachtest bestanden.“

Beide plaudern nun fröhlich über die bevorstehende Zeit in den USA.

Eine Woche später taucht der Vater erst nach der Arbeit im Krankenhaus auf. Er will dabei sein, wenn der Oberarzt wie angekündigt Saskia über ihren Befund informieren wird. Saskia kommt ihm schon auf dem Flur entgegen. Der blauseidene Kimono steht ihr ausgezeichnet. Er passt zu ihren natürlichen blonden Locken und ihren blauen Augen und deutet dezent ihre weibliche Figur an. Auch wenn sie noch etwas bleich ist, zieht sie auch hier – mitten in dem unruhigen Medizinbetrieb – viele Augen auf sich. Sie begrüßen sich herzlich und verschwinden in ihrem Privatzimmer.

„Aufgeregt?“ beginnt der Vater das Gespräch. „Nicht richtig,“ beruhigt ihn Saskia. Nach einer kleinen Weile betritt der Oberarzt den Raum. Er wirkt abgespannt nach seinem langen Operationstag und bittet Saskia und ihren Vater in der Sitzecke Platz zu nehmen, während er sich selbst auf die Kante ihres Bettes setzt. In der Hand hält er ein paar beschriebene DIN A-4 Seiten.

„Ich bin selbst sehr überrascht über das Ergebnis“ beginnt er. So früh taucht diese Krebsart nur äußerst selten auf. Es tut mir sehr leid für Sie.“ Dabei schaut er Saskia gerade ins Gesicht. Saskia reißt ungläubig die Augen auf. Sie hört nur das Schlucken ihres Vaters neben ihr.

„Man kann operativ heute natürlich eine Menge machen. Das Entscheidende ist, dass Sie ganz dichtmaschig kontrolliert werden müssen, damit man jeden neuen Tumor sofort entdecken kann.“

Saskia bedeckt mit beiden Händen ihr Gesicht, aber gibt keinen Ton von sich.

„Ein längerer Auslandsaufenthalt ist dann wohl nicht mehr möglich, oder?“ lässt sich der Vater nun vernehmen.

„Wohl kaum. Ihre Tochter muss sich jetzt auch gleich mehreren Untersuchungen unterziehen, um Metastasen auszuschließen. Das kann noch ein paar Tage dauern. Der vorgesehene Entlassungstermin muss verschoben werden. Danach muss sie alle 3 Monate durchgecheckt werden. Tut mir wirklich sehr leid.“

Saskia spürt die Hand des Vaters auf ihrer Schulter und hört dann wieder die Stimme des Arztes. „Wenn Sie noch Fragen an mich haben, melden Sie sich gern bei mir. Ich muss mich verabschieden, weil ich die Visite fortsetzen muss.“ Sie hört das Schließen der Tür und die sich entfernenden Schritte draußen. Obwohl sie weiß, dass ihr Vater sehr leidet, will sie ihn jetzt nicht bei sich haben. Sie will allein sein mit der schlimmen Nachricht.

„Papa,“ beginnt sie, „nimm es mir nicht übel, ich muss das jetzt erst einmal ganz allein verarbeiten. Du brauchst es ja Mutter und Helge nicht gleich zu sagen. Ich könnte ihr angebliches Mitleid im Moment nicht ab. Bis morgen!“

Der Vater steht noch unschlüssig da, wendet sich aber dann mit schweren Schritten der Tür zu.

Saskia ist in dem Besucherstuhl sitzen geblieben und starrt unentwegt auf den Platz, auf dem eben noch der Arzt gesessen hat. ‚Aus! Alles aus!‘ sagt es in ihr. ‚Ich glaub es nicht. Es ist nur ein Traum‘ geht es weiter. ‚Doch, es stand auf diesem weißen Papier. Aber so krank fühle ich mich doch nicht! In Amerika haben sie auch gute Ärzte. Dann überprüfen sie mich halt da. Ich lasse mir doch nicht alles versauen!‘ Langsam erhebt sie sich vom Stuhl und geht vor ihrem Bett hin und her. Sie achtet nicht darauf, dass sie mit ihren graziösen Pantoffeln über den Boden schlurft. ‚Dann soll ich also zig mal operiert werden und muss am Ende früh sterben. Gibt es doch nicht! Gibt es doch! Ob Isabell ohne mich fahren wird? Sie wird genauso geschockt sein wie Papa. Ich würde ihn gern trösten, aber wie denn? Und Mama? Sie würde sich bei meiner Beerdigung sicher den schönsten Hut, der in Hamburg auffindbar ist, kaufen. Dann wird sie endlich die Schönste in unserer Familie sein! Ich weiß, ich bin jetzt ungerecht, aber als sie mich hier letztes Mal besucht hat, hat sie mir den hübschen Kimono und die elegantesten Pantoffeln mitgebracht, die sie finden konnte. Es geht immer nur um Schönheit. Alles andere schien ihr nicht wichtig zu sein. Hat sie den Ernst meiner Krebserkrankung nicht begriffen? Na ja, die beiden Sachen werden sich nun amortisieren, wenn ich noch so oft operiert werden muss! Saskia versucht eine Welle der Bitterkeit, die sich in ihr ausbreitet, zu stoppen. Selbst ihr Speichel ist inzwischen bitter geworden. Sie legt sich vorsichtig ins Bett und zieht die Decke bis über ihre Nasenspitze.

Eine Woche später beim Abendbrot. Nachdem die Mutter sich von dem leckeren Fricassé aufgegeben hat, fragt sie in die Runde, ob alle schon gepackt hätten. Morgen früh ginge es los. Sie habe schon Ilona vorgeschickt, um das Haus auf Amrum zurechtzumachen. „Also, macht eure Sachen fertig!“

„Ich denke, Ihr beiden müsst allein fahren. Das ist noch nichts für Saskia. Es ist etwas dazwischengekommen. Sie wird auch nicht in die USA fahren,“ hört Saskia nun den Vater einwenden.

„Was? Du fährst nicht? Das ist aber schade! Ich hatte mich schon so auf die HIFI-Anlage in deinem Zimmer gefreut!“ lässt sich Helge zwischen zwei Bissen hören.

„Eines Tages wirst du sie ganz bekommen. Kannst dich schon drauf freuen.“ sagt Saskia. „Wieso denn das?“

„Weil ich nicht mehr lange mache. Hat Papa euch noch nichts erzählt?“

Mit einem scheuen Blick zu seiner Frau antwortet er: „Ich wollte euch die bösen Nachrichten nicht alle auf einmal bringen.“

„Was ist los? Sprich jetzt! Das ist ja die Höhe, dass ihr mir was verschweigt!“ herrscht sie ihn an.

„Bei Saskia hat man erbbedingten Darmkrebs erkannt, der ungewöhnlich früh ausgebrochen ist. Wahrscheinlich wegen einer besonderen Belastung.“

„Den muss sie von dir haben. Deine Mutter hatte ja Brustkrebs. Ich bin gesund.“ ereifert sie sich sofort.

„Ist deine Mutter nicht gerade an Darmkrebs verstorben?“ Nun wird sie bleich und schaut angespannt auf ihren Teller.

„Ihr solltet euch beide einer genetischen Beratung unterziehen, damit man es wenigstens bei euch rechtzeitig erkennt!“ fügt der Vater sachlich hinzu. Doch mit einem Blick auf Saskia seufzt er tief.

„Die Untersuchung zum Lynch-Syndrom ist nicht schlimm. Brauchst du keine Angst zu haben“ wendet sich jetzt Saskia ihrem Bruder zu.

„Was hast du gesagt? Ihr wollt mich lynchen?“ schreit nun die Mutter dazwischen.

„Ruhig Yvonne! Niemand will dich lynchen. Die Krankheit heißt nur nach einem Doktor Lynch. Außerdem geht es jetzt mal nicht um dich, sondern um Saskia, die so viel verkraften muss.“

„Wenn du meinst. Ich kann nicht mehr weiteressen.“ Sprach es und ging in die Küche. Später hallten ihre hohen Absätze weiter hinten in der Villa.

Helge schaute Saskia erschrocken an. Auch er hatte seine Gabel sinken lassen.

Saskia piekte sich indessen den nächsten Bissen auf die Gabel und murmelte: „Ich werde mitfahren nach Amrum, bin erst nach Weihnachten für die nächsten Untersuchungen dran. Viel schlimmer ist, dass ich jetzt gleich Isabell beibringen muss, was mit mir los ist und dass sie allein in die USA fahren muss. Sie wird entsetzt sein. Aber was soll ich machen?“

Vater legt ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. „Saskia, für alles wird sich ein Weg finden, glaub mir!“

Er ist gleich einverstanden, als Saskia ihn bittet, sie zu ihrer Freundin nach Wandsbek zu fahren. Nun sitzen beide still im Wagen und müssen die Staus in der Innenstadt ertragen. Doch nach einer halben Stunde ist es geschafft. Der Vater wendet den Wagen und überlässt Saskia das Klingeln an der Wohnungstür. Freudestrahlend öffnet Isabell die Tür. Nach liebevoller Umarmung führt sie Saskia zur Garderobe. „Was ist mit dir? Du schaust so ernst.“

„Es ist auch ernst“, sagt sie, während sie Isabells Zimmer betritt. Als sie Isabell alles erzählt hat, liegen sich die beiden Freundinnen lange weinend in den Armen. Schließlich beginnt Isabell:

„Du kannst doch trotzdem mitkommen, solange es dir gut geht. Meinst du, in Kalifornien gibt es keine guten Ärzte?“

„Schon. Ich will aber nicht so weit weg. Ich brauche Papa an meiner Seite und ein bisschen mein Zuhause.“

„Bei deiner Mutter?“

„Vielleicht versteckt sie ja nur ihre Gefühle.“

„Wenn sie als Erstes nach der bösen Nachricht mit deinem Vater einen Streit anfängt, von wem du es geerbt haben könntest?“

„Aber sie ist meine Mutter. Und Helge und die Freunde sind da und das Haus und die nahe Elbe. Kannst du das verstehen?“

„Und ich soll allein mach Kalifornien gehen? Mit dir zusammen hätte ich es geschafft. Aber allein habe ich Schiss.“ Und nach einer Pause: „Ich bleibe hier. Wer soll dich sonst besuchen am Krankenbett und dir gute Bücher bringen?“

„Das will ich nicht annehmen. Wenn du drüben bist, können wir ja ganz viel telefonieren und du kannst mir alle deine Liebesgeschichten erzählen.“

„Du Unverbesserliche!“

Wochen und Monate vergehen. Der Winter hat schon angekündigt mit ersten Frösten, einmal sogar schon mit Schnee. Isabell ist inzwischen doch gefahren. Saskia ist auf dem Weg zu einer ganz normalen gynäkologischen Untersuchung. Nach längerem Warten wird sie schließlich hereingerufen und untersucht. „Was ist denn das?“ sagt die Ärztin, als sie in dem Stuhl liegt, den sie gar nicht mag. „Der linke Eierstock gefällt mir gar nicht. Begeben Sie sich so bald wie möglich nach Eppendorf zur Kontrolluntersuchung. Hoffen wir auf eine harmlose Zyste!“

Damit hat Saskia nicht gerechnet. Bisher war nur ihr Darm erkrankt. Als ihr Vater sie am nächsten Morgen ins Klinikum Eppendorf begleitet, sieht er sie einen Moment äußerst sorgenvoll an, bevor er ihr lächelnd Mut zuspricht. Wieder ist es Krebs, der so schnell wie möglich herausgeschnitten wird. Und wieder ist es der Vater, der sie als Erster nach der Op besucht. Leise und eindringlich fragt er Saskia nach ihrem größten Wunsch zu Weihnachten. Er wolle alles für sie möglich machen.

„Steht es so schlimm um mich?“ fragt ihn daraufhin Saskia.

„Ich muss dir gestehen, dass ich das denke. Ich habe inzwischen mit mehreren Ärzten gesprochen. Kapazitäten weißt du. Ihres Wissens gibt es in Deutschland bisher keinen Fall eines Lynch-Syndroms, bei dem der Krebs so früh aufgetreten ist. Vielleicht hast du auch zwei Krebsarten gleichzeitig. Jedenfalls breitet er sich rasant aus. Und deswegen habe ich in kurzer Zeit weiße Haare bekommen.“ Er schnäuzt sich ins Taschentuch, während Saskia Tränen in die Augen treten, und geht unruhig im Raum umher.

„Vielleicht gibt es ja ein Wunder und man findet ein Mittel, das ganze auszubremsen.“

„Glaubst du an Wunder?“

„Nicht so leicht, aber im tiefsten Herzen schon.“

Weihnachten darf Saskia zu Hause verbringen. Aber die Freude ist ihr abhanden gekommen. Sie fröstelt innerlich, schaut zu dem hübsch geschmückten Lichterbaum und denkt, dass sie ihn wahrscheinlich nächstes Jahr nicht mehr sehen wird. Helge hat sich nach der Bescherung gleich zu seinem Freund verabschiedet. Sie wollen abends in eine Disco gehen mit allen Weihnachtsspöttern zusammen. Yvonne hat sich heute selbst um das Menü gekümmert, weil ihre Hausangestellten frei haben. Es scheint für sie nichts Wichtigeres als das Essen zu geben. Festlich angezogen serviert sie Mann und Tochter die Speisen, die einsilbig und offenbar mit wenig Appetit im Essen stochern.

„Georg, kannst du dich nicht mal um die Musik kümmern?“ fragt Yvonne.

Georg erhebt sich schwerfällig und legt die Weihnachts-CD auf, die im letzten Jahr Beifall gefunden hat.

An diesem Heiligen Abend ändert sich nicht mehr viel. Alle essen stumm, helfen beim Abräumen und hören ebenso still einer weiteren Weihnachtsmusik zu. Sie gehen ungewöhnlich früh ins Bett. Nur Yvonne hört spät in der Nacht ihren Sohn heimkommen.

Saskia geht es im folgenden Jahr von Monat zu Monat schlechter. Sechs Operationen und eine starke Chemotherapie hat sie schon überstanden. Von ihren Freunden taucht niemand mehr am Krankenbett auf. Ihre Zuversicht ist Resignation gewichen. Sie wird immer bleicher und schwächer. Noch ein paar Wochen, noch ein paar Tage, dann wird es aus sein, denkt sie. Nur ihr Vater kümmert sich jeden Tag um sie, versucht sie aufzumuntern mit Sprüchen oder kleinen Geschenken. Er berichtet von langen einsamen Spaziergängen und gelegentlichen Besuchen in einer Kapelle, in der er inständig um ihre Heilung betet. Sie erfährt, dass er mehrere Ämter aufgegeben habe und in seiner großen Firma nur noch das Notwendigste erledige. Sie würde ihm so gern den Kummer ersparen und versucht in seiner Gegenwart immer so tapfer wie möglich zu sein.

Eines Tages im November sitzt er in der Klinik an ihrem Bett und sieht ausnahmsweise nicht so traurig aus. Irgendetwas muss ihm eingefallen sein.

„Saskia,“ beginnt er. „Was jetzt kommt, ist etwas ganz Schwieriges. Bist du ganz wach?“

„Natürlich, sag schon!“

„Die Ärzte haben mir im Vertrauen gesagt, dass du wahrscheinlich dieses Weihnachten nicht mehr erleben wirst.“

„Warum sagen sie es mir nicht selbst? Ich möchte doch wissen, wie viele Tage mir noch bleiben.“

„Lass gut sein. Sie meinen es nur gut. Aber ich habe mich inzwischen mit etwas ganz Verrücktem beschäftigt. Vielleicht ist das was für dich.“

„Willst du mich auf die Folter spannen? Au, entschuldige, es sind nur diese blödsinnigen Schmerzen.“

„Hier, nimm die nächste Tablette! Sag mir, wenn es anschlägt.“ Nach einer Weile meint Saskia: „Du kannst jetzt gern reden. Was führst du im Schilde?“

„Ich habe gelesen und es haben mir hier die Ärzte bestätigt, dass man dabei ist, an die genetischen Ursachen von Krankheiten heranzugehen. Jedes Jahr machen sie Fortschritte. In Tierversuchen hat schon vieles geklappt. Aber es dauert ja oft Jahrzehnte, bis sie taugliche Medikamente für den Menschen auf den Markt bringen.“

„Und?“

„Deine fürchterliche Krankheit ist erblich bedingt. Wenn man deine Gene reparieren könnte…“

„Papa, du träumst. Ich bin ja jetzt todkrank und nicht in Jahrzehnten.“

„Klar, du hast zur falschen Zeit diese fürchterliche Krankheit, aber vielleicht kannst du sozusagen eine Zeitreise in die Zukunft machen.“

„Papa jetzt spinnst du wirklich!“

„Saskia, du wirst bald sterben. Du weißt, wie traurig mich das macht. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer für uns beide.“

„Du meinst, wenn wir uns im Himmel begegnen?“

„Viel nüchterner: wenn du dich unmittelbar nach dem Tod einfrieren lässt und wir dich dann wieder auftauen, wenn die Medizin so weit ist.“

„Das meinst du doch nicht im Ernst!“

„ Aufgetaute Embryonen haben schon wunderbare Menschen gegeben. Und man hat vor kurzem einen Weg gefunden, die sogenannte Vitrifikation, die es möglich machen soll, dass das Körpergewebe beim Einfrieren nicht so beschädigt wird. Auch hier arbeitet man mit Hochdruck dran, die Schäden beim Einfrieren zu verringern.“

„Was sagt Mama denn dazu?“

„Ich habe sie natürlich nicht eingeweiht. Du weißt ja, wie sie ist.

Vielleicht kann ich dich in 15 oder 20 Jahren auftauen lassen und erlebe, wie du ganz gesund wirst. Das ist die einzige mir verbliebene Hoffnung.“

„Armer Papa“ Dabei richtet sie sich etwas auf und streichelt liebevoll seine Hand.

„Ich kann nichts mehr verlieren. Deshalb bin ich einverstanden,“sagt sie nach einer Pause.

„Dann werde ich mich so bald wir möglich um die Modalitäten kümmern. Das Einfrieren von Menschen ist nämlich in Deutschland verboten. Aber ich habe schon gehört, wie man dieses Verbot umgehen kann. Morgen, spätestens übermorgen sage ich dir Bescheid. Aber sag inzwischen niemand ein Wort darüber.“

Saskia lächelt, als sie ihren Vater sich aufrichten und raschen Schrittes der Tür zustreben sieht. Sie freut sich über sein Augenzwinkern. Wie in alten Zeiten, als sie noch ein Kind war, haben sie jetzt ein Geheimnis miteinander.

Saskia bekommt nicht mehr mit, dass ihr Vater schon Tickets nach Amerika für sich und sie gebucht hat. Er will sie dort in eine Klinik bringen, sie dort sterben lassen und sofort vor Ort ihre Präparation und Einfrierung in einem speziellen Institut veranlassen. Sie weiß nichts davon, mit welcher Mühe und Ausdauer sich ihr Vater Spezialkenntnisse über Kryonik, die Wissenschaft vom Einfrieren von Tieren und Menschen, besorgt hat. Sie erlebt auch nicht mehr die Vorbereitung für die große Millenniumfeier in Hamburg.

Als ihr Vater zwei Tage nach ihrem Gespräch in Eppendorf auftaucht, befindet sie sich bereits in bewusstlosem Zustand in der Intensivstation. Er zögert keinen Moment und leitet sofort ihren Transport mit lebenserhaltenden Infusionen in die USA ein. Alles verläuft nach Plan. Seiner Frau sagt er, dass er einen letzten Heilungsversuch mit Saskia unternehmen will. Wenn sie ihn auf dem Mobiltelefon anzurufen versucht, geht er nicht ran. Immerhin schafft er, es so zu organisieren, dass nur wenige Minuten nach ihrem Ableben die Vorbereitungen für das Einfrieren vorgenommen werden können. Als er das Institut verlässt, ist er einem Zusammenbruch nahe. Er hat tagelang nicht geschlafen und gegessen und schämt sich, seine Frau belogen zu haben. Im Hotel kramt er sich ein paar Kekse aus der Tasche und findet in der Minibar eine Flasche Wasser, die er gierig hinunterspült. Allmählich geht es ihm etwas besser und er setzt sich auf seine Bettkante und grübelt hin und her, was er Yvonne nun sagen soll. Wegen der Zeitverschiebung möchte er sie vor Mitternacht nicht anrufen. Noch bleiben ihm ein paar Stunden, in denen er ganz in Ruhe an seine geliebte Tochter denken kann. Das Gefühl der Hilflosigkeit übermannt ihn wieder. Sie ist tot. Weder die Medizin noch Gebete haben es verhindern können. Ihr Einfrieren ist der einzige Strohhalm, der ihm bleibt. Um nicht verlacht oder in Deutschland juristisch verfolgt zu werden, muss ihre kalte Ruhe sein strenges Geheimnis bleiben. Für lange, vielleicht für immer.

Yvonne würde ihn nie verstehen. Seit Saskia ein kleines Mädchen war, war sie eifersüchtig auf seine zärtliche Liebe zu dem Kind. Er muss ihr die Wahrheit verschweigen, leider. Als er merkt, er wird müde, stellt er sich den Wecker auf 0.30 Uhr und legt sich aufs Ohr. Bald ist er eingeschlafen.

Als der Wecker schrillt, weiß er erst gar nicht, wo er ist. Er tastet nach dem Ausstellknopf und geht langsam ins Bad. Eine Handvoll kalten Wassers im Gesicht hilft ihm weiter. Geradezu bedächtig nimmt er sich nun das Telefon vom Tisch und wählt die häusliche Nummer. Nach dem dritten Klingeln hört er ein unwilliges „Ja“.