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Unvollkommen E-Book

Sven Berenz

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Beschreibung

Wie im Geheimdienst Ihrer Majestät? Deutsche Verfassungsschutzbehörden stehen oft in der Kritik. Die einen fühlen sich durch ihre Tätigkeit bespitzelt und in ihren Grundrechten eingeschränkt. Anderen dagegen gelten sie als völlige Versager, die man am besten abschaffen sollte. Wieder andere nehmen sie kaum zur Kenntnis oder wissen gar nichts von ihrer Existenz. Doch selbst in solchen Einrichtungen, die auf Grund ihrer besonderen Aufgaben von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben sind, arbeiten nur ganz normale Menschen. Menschen wie du und ich. Menschen, die mit den besten Absichten ihren beruflichen Anforderungen gerecht zu werden versuchen und trotzdem immer wieder an der Wirklichkeit scheitern. Sven Berenz war einer von ihnen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg arbeitete er in der operativen Nachrichtenbeschaffung einer deutschen Verfassungsschutzbehörde. Wie er diese Zeit erlebt hat, schildert er in diesem Buch. Nach seinen Erfahrungen kommt die nachrichtendienstliche Arbeit oft überraschend eintönig und harmlos daher, aber nur um im nächsten Moment wieder voller unkalkulierbarer Entwicklungen und böser Überraschungen zu sein. Wer in diesem Metier nicht ständig auf der Hut ist, droht unter die Räder zu kommen. Und noch eine Erkenntnis reifte all die Jahre in Sven Berenz heran: An James Bond Typen hat diese Arbeit absolut keinen Bedarf. Wagen Sie mit dem Autor einen Blick hinter die Kulissen deutscher Inlandsnachrichtendienste.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impres­sum

1. Auf­lage 2024Copy­right © 2024 Sven Berenzc/o Post­flex #5671, Ems­det­te­ner Str. 10, 48268 Gre­venKeine Pakete oder Päck­chen!Tele­fon: +49 1514 4612781E-Mail: [email protected]

Lek­to­rat/Kor­rek­to­rat: Eli­sa­beth Lang, text­werk­statt-ffb.de

Umschlag­ge­stal­tung und E-Book Kon­ver­tie­rung: Con­stanze Kra­mer, cover­bou­tique.de

Bild­nach­weise: ©Kor­di­ush, ©orb­cat – stock.adobe.comfree­pik.com

Alle Rechte vor­be­hal­ten. Das vor­lie­gende Werk darf weder in sei­ner Gesamt­heit noch in sei­nen Tei­len ohne vor­he­rige schrift­li­che Zustim­mung der Recht­e­in­ha­ber in wel­cher Form auch immer ver­öf­fent­licht wer­den. Das betrifft ins­be­son­dere jedoch nicht aus­schließ­lich elek­tro­ni­sche, mecha­ni­sche, phy­si­sche, audio­vi­su­elle oder ander­wei­tige Repro­duk­tion oder Spei­che­rung und oder Über­tra­gung des Wer­kes sowie Über­set­zun­gen. Davon aus­ge­nom­men sind kurze Aus­züge, die zum Zwe­cke der Rezen­sion ent­nom­men wer­den.

Biblio­gra­fi­sche Infor­ma­tion der Deut­schen Nati­o­nal­bi­blio­thek.Die Deut­sche Nati­o­nal­bi­blio­thek ver­zeich­net diese Publi­ka­tion in der Deut­schen Nati­o­nal­bi­blio­gra­fie. Details sind unter http://www.dnb.dnb.de abruf­bar.

Inhalt

Ein paar Worte zur Ein­lei­tung

Kapi­tel 1 – Obser­va­tionDie bizarre Welt des Kon­spi­ra­ti­ven

Mein Name ist nicht Hase

Erste Ein­drü­cke

Der Berufs­all­tag beginnt

Ich ent­wickle mich

Aus dem Obser­van­ten­le­ben

Auf­ga­ben­spek­tren – unser hoch geschätz­tes Publi­kum

Immer Ärger mit der Geheim­hal­tung

Ende mit Schre­cken

Kapi­tel 2 – Rechts­ex­tre­mis­musSehn­sucht nach dem »Drit­ten Reich«

Ein neuer Start

Als »Youngs­ter« unter »alten Hasen«

Nazis unter uns?

Es wird prak­tisch: Ein­ar­bei­tungs­phase

End­lich: meine ers­ten Quel­len­treffs

VM-Tätig­keit, was ist das?

Geschafft: Ich bin VM-Füh­rer

Hen­ner

Hen­ner ist raus

Ob Hen­ner anbei­ßen wird?

Das liebe Geld

Passt Hen­ner in den Job?

Mar­tin

Ich lerne Mar­tin ken­nen

Hen­ner hat ein glü­ck­li­ches Händ­chen

Zwei­tes Tref­fen mit Mar­tin

Die Tref­fen müs­sen pro­fes­si­o­nel­ler wer­den

Bei Hen­ner läuft es gut

Mar­tin zurück von der Sonn­wend­feier

Tors­ten treibt uns die Schweiß­per­len auf die Stirn

Ich Wer­ber? Ich kann’s nicht glau­ben!

Hen­ner gibt wich­tige Hin­weise

Mel­dung von Mar­tin

Die Poli­zei bedankt sich

Tors­ten wird obser­viert

Hen­ner in Nöten

Mar­tin fin­det sein Plätz­chen in der Gruppe

Neues von Tors­ten

Hen­ner beru­higt sich

Plötz­lich muss es schnell gehen

Außen­stel­len

Hen­ner hat es geschafft

Wer­bung

Erste Wer­bung – es wird ernst

Zum Kaf­fee mit Cook

Ein Schock fürs Leben

Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis

Wie­der ein­mal der Jüngste

Ich muss ran

Meine ers­ten Erfah­run­gen

Erste Bilanz

Skin­heads, Skin­heads, Oi, Oi, Oi!

Skin­heads, was sind das für Leute?

Meine Tref­fen mit Malte

Abschied von Malte

Es braucht neue Wege

Nagende Selbst­zwei­fel

Erste Erfah­run­gen

Die Arbeit wächst mir über den Kopf

Auf, auf in die Welt der Legen­den!

Die erlö­sende Wende

Wer­ber meets Nazi­gruppe – Legen­den machen es mög­lich

Zäher Start

Hitch-hike-Baby mit Glatze und Stie­feln

Neue Per­spek­ti­ven?

Wirk­lich eine gute Idee?

Mit­ten­drin

Schreck­mi­nu­ten

Jetzt aber nichts wie raus hier

Gro­ßes Pech mit Mark

Mark stürzt ab

Mein Kopf soll rol­len

Der Prä­si­dent zit­tert

Auf Distanz – mit euch nicht mehr!

Sonia – mein Arbeit­s­all­tag wird weib­li­cher

Grie­chisch essen mit einem Skin Girl

Ein Skin fährt 1. Klasse

Zei­ten­wende: Die »Mauer« fällt!

Resü­mee

Ein hohes Gewalt­po­ten­zial bei Neo­na­zis und Skin­heads

Das Pro­blem der VM-Ent­tar­nung

Die kri­mi­nelle Ener­gie in der Szene

Das Risiko des VM-Füh­rers

Das Ver­hal­ten der Behörde

Das »Ende der Geschichte«?

Ver­fas­sungs­schutz und Tech­nik

Kapi­tel 3 – Orga­ni­sierte ­Kri­mi­na­li­tätAgen­ten, Mafi­osi oder doch nur Schwind­ler?

Mie­ses Arbeits­klima

Abso­lu­tes Neu­land

Neue Spie­ler, neues Glück?

Red Mer­cury, Bank­ga­ran­tie-Geschäfte und zu allem Übel auch noch die ’Ndrang­heta

Ema­nuel

Agen­ten, Intri­gen und falsche Fähr­ten

Ich muss mal wie­der los

Kapi­tel 4 – Church of Sci­en­to­logyVon Ope­rie­ren­den The­tanen und psy­chi­schen Wracks

Auf ins neue Mill­en­nium

Mein Job wird zwan­zig

Mili­eu­wech­sel

Erste Berüh­run­gen mit Sci­en­to­logy

Info­te­le­fon – läs­ti­ges Anhäng­sel, wenig Effi­zi­enz

Eine »außer­ir­di­sche« Begeg­nung

Anne

Die Nuss ist geknackt

OSA – ent­zau­bert

Ver­zei­hen Sie!

Die Kara­wane zieht wei­ter

Kapi­tel 5 – Links­ex­tre­mis­musWie klasse ist die »klas­sen­lose Gesell­schaft«?

Tur­bu­lente Zei­ten, wie­der ein­mal!

West­deut­sche Links­ex­tre­mis­ten im Schat­ten kom­mu­nis­ti­scher Impe­rien

Anti­im­pe­ri­a­lis­ten

Die Bewe­gung der Auto­no­men

Wunsch und Wirk­lich­keit

»Bullshit-Castle«

Neue »Fir­men-Phi­lo­so­phie«

Anna und Arthur hal­ten ’s Maul

Im stän­di­gen Wett­lauf mit der mili­tan­ten Szene

»Wel­come to Hell« – der G20-Gip­fel in Ham­burg

Adieu, Ver­fas­sungs­schutz!

Ein paar Worte zum Schluss

Ein paar Worte zur Ein­lei­tung

Ich hab’s tat­säch­lich geschafft, sagte ich mir, als ich vor nicht allzu lan­ger Zeit in den Ruhe­stand ging. 45 Dienst­jahre lagen hin­ter mir. Die meis­ten davon habe ich beim Nach­rich­ten­dienst abge­leis­tet. Genauer gesagt, bei einem Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (LfV) eines Bun­des­lan­des der alten Bun­des­re­pu­blik. Diese Behör­den sind soge­nannte Inlands­nach­rich­ten­dienste. Jedes Bun­des­land in Deut­sch­land unter­hält eine sol­che. Sie sind direkt den jewei­li­gen Innen­mi­nis­te­rien unter­stellt oder aber orga­ni­sa­to­ri­scher Teil der­sel­ben. Im Gegen­satz zur Poli­zei sind sie reine Ver­wal­tungs­be­hör­den, die über keine Exe­ku­tiv­be­fug­nisse ver­fü­gen. Ihr Auf­ga­ben­schwer­punkt liegt auf der Beob­ach­tung ver­fas­sungs­feind­li­cher Bestre­bun­gen und damit auf der Beschaf­fung von Infor­ma­ti­o­nen aus die­sen Spek­tren. Dafür ste­hen ihnen soge­nannte nach­rich­ten­dienst­li­che Mit­tel zur Ver­fü­gung, wie das Abhö­ren von Tele­fo­nen, Obser­va­ti­o­nen oder der Ein­satz von Infor­man­ten, intern auch Ver­trau­ens­leute (V-Leute) oder Quel­len genannt. Die Ver­wen­dung die­ser Ein­satz­mit­tel ist recht­lich genau gere­gelt.

Fast zwei Jahre habe ich gebraucht, bis Stress und Belas­tung der letz­ten Dienst­jahre von mei­ner Seele abge­fal­len sind und ich wie­der in Kon­takt zu mir selbst gekom­men bin. Jetzt, wo ich die nötige Distanz zu mei­nem Berufs­le­ben habe, spürte ich das Ver­lan­gen, all die Jahre in Gedan­ken noch ein­mal Revue pas­sie­ren zu las­sen, um Ant­wor­ten auf die bren­nende Frage in mir zu fin­den, was ich da eigent­lich getan habe und was diese Zeit aus mir gemacht hat. Wer bin ich durch jahr­zehn­te­lange ope­ra­tive Tätig­keit bei einem deut­schen Inlands­nach­rich­ten­dienst gewor­den? Bin ich noch nor­mal? Oder muss ich mir Sor­gen um mich machen? Ich dachte mir, wenn du dich gedank­lich schon rein­kne­test in die zähe Masse der Erin­ne­run­gen, warum schreibst du sie nicht gleich auf? Es war ein guter Gedanke, und so ent­stan­den diese Sei­ten.

Wer nun heiße Agen­ten­sto­ries oder Hel­den­ge­schich­ten sucht, möge bes­ser auf­hö­ren wei­ter­zu­le­sen. Ich habe sie nicht zu bie­ten. Es wäre ver­schwen­dete Zeit. Ebenso habe ich keine Ent­hül­lungs­ge­schich­ten oder Skan­dale im Sor­ti­ment. Mir liegt sowas nicht. Ich will schlicht erzäh­len von mei­nen Erleb­nis­sen als ope­ra­tiv täti­ger Ver­fas­sungs­schüt­zer. Von mei­nen Erfol­gen und Nie­der­la­gen. Von den Men­schen, die mir dabei begeg­net sind. Von ihren Pro­ble­men und ihren Schick­sa­len. Davon, dass das Leben manch­mal so ist, wie es eben ist. Tat­säch­lich sind wir bei allem Enga­ge­ment und allen Bemü­hun­gen um Pro­fes­si­o­na­li­tät zu oft nur ein Spiel­ball des Lebens. Unvoll­kom­men eben.

Natür­lich war es mir beim Schrei­ben ein gro­ßes Anlie­gen, dem Aspekt der Geheim­hal­tung gerecht zu wer­den. Nicht nur, weil dies zu mei­nen beam­ten­recht­li­chen Pflich­ten gehört. Son­dern auch um der Sicher­heit der Men­schen wil­len, mit denen ich beruf­lich zu tun hatte. So ist eben vie­les nicht beschrie­ben, bei ande­rem Namen genannt oder nur ange­deu­tet. Dies sei mir ver­zie­hen. Aber meine Erzäh­lun­gen sind den­noch authen­tisch. Sie haben sich ihrem Wesen nach so zuge­tra­gen, wie berich­tet. Meine Inter­pre­ta­ti­o­nen des Erleb­ten und meine Reak­ti­o­nen dar­auf sind aller­dings sehr sub­jek­tiv. Ein ande­rer Typ mit ande­rer Per­sön­lich­keitss­truk­tur würde wohl zu ande­ren Schluss­fol­ge­run­gen kom­men. Diese Zusam­men­hänge dürf­ten nicht über­ra­schen. Wir ken­nen sie aus der Psy­cho­lo­gie.

Auf detail­lierte Beschrei­bun­gen ver­fas­sungs­feind­li­cher Organi­sa­tio­nen und Struk­tu­ren (soge­nannte Beob­ach­tungs­ob­jekte), mit denen ich zu tun hatte, habe ich ver­zich­tet. Ich gehe inhalt­lich nur so weit in die Tiefe, wie es für das Ver­ständ­nis der nach­rich­ten­dienst­li­chen Arbeit in die­sen Insti­tu­ti­o­nen nötig ist. Wer trotz­dem mehr zu den soge­nannte Beob­ach­tungs­ob­jek­ten erfah­ren möchte, wird schnell fün­dig. Infor­ma­tive Pro­dukte hierzu gibt es auf dem Markt behörd­li­cher oder wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen in Fülle. Aber jetzt wird es end­lich Zeit ein­zu­stei­gen in die geheim­nis­volle und son­der­bare Welt der bun­des­deut­schen Inlands­nach­rich­ten­dienste.

Kapi­tel 1 – Obser­va­tionDie bizarre Welt des Kon­spi­ra­ti­ven

Meine Geschichte beginnt Ende der 1970er Jahre. Ich war Anfang zwan­zig und in Bonn, der dama­li­gen Bun­des­haupt­stadt regierte eine sozial-libe­rale Koa­li­tion unter Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt (SPD). Die poli­ti­sche Lage in Deut­sch­land war geprägt vom Ost-West-Kon­flikt. Im Osten stan­den die Trup­pen des kom­mu­nis­ti­schen War­schauer Pak­tes. Im Wes­ten leb­ten die Bür­ger in Frei­heit und zuneh­men­den Wohl­stand. Die Demar­ka­ti­ons­li­nie, der »Eiserne Vor­hang«, ging mit­ten durch Deut­sch­land. Die poli­ti­schen Span­nun­gen zwi­schen den bei­den Blö­cken bestimm­ten die deut­sche Innen- und Außen­po­li­tik. Denn wir waren ein geteil­tes Land und wir wuss­ten, sollte es zum Gro­ßen Krieg kom­men, wür­den wir am meis­ten abge­kom­men.

Mein Name ist nicht Hase

Ich denke, ich sollte mich mal vor­stel­len. Mein Name ist, sagen wir ein­mal Sven Berenz. Klingt gut, finde ich und passt zu mir. Den nehme ich. Sie ver­ste­hen schon, ich schreibe unter Pseud­onym, der Ver­trau­lich­keit wegen. Ich bin Anfang der 1960er-Jahre in einer unbe­deu­ten­den länd­li­chen Klein­stadt in einem der alten Bun­des­län­der gebo­ren. Nach mei­nem Schul­ab­schluss ent­schied ich mich für ein Fach­hoch­schul­stu­dium bei der Poli­zei mit Schwer­punkt Kri­mi­na­lis­tik. Aus Neu­gierde und weil die dama­li­gen Per­spek­ti­ven bei der Poli­zei für mich nicht attrak­tiv gewe­sen sind, bewarb ich mich bald nach Abschluss des Stu­di­ums auf eine Stel­le­n­aus­schrei­bung des Lan­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz (LfV) in unse­rem Bun­des­land. Es sollte zur dor­ti­gen Obser­va­ti­ons­gruppe gehen. Viel mehr wusste ich nicht.

Erste Ein­drü­cke

Es war Ende der 1970er-Jahre, als ich mit meh­re­ren ande­ren jun­gen Leu­ten, die eben­falls eine Aus­bil­dung bei der Poli­zei absol­viert hat­ten, mei­nen Dienst begann. Ich hatte keine Vor­stel­lung davon, was mich erwar­ten würde. Am Tag des Dienst­be­ginns muss­ten wir uns bei der Ver­wal­tung der Behörde mel­den. Anschlie­ßend wur­den wir in ein kon­spi­ra­ti­ves Objekt gebracht, in dem sich unter ande­rem das Büro des Beschaf­fungs­lei­ters befand, dem auch die Obser­va­tion unter­stellt war. Der begrüßte uns und gab uns ein paar wich­tige orga­ni­sa­to­ri­sche Hin­weise. Das Thema Geheim­hal­tung war ihm dabei das größte Anlie­gen. Er ermahnte uns ein­dring­lich, nie­man­dem von unse­rer Tätig­keit beim Ver­fas­sungs­schutz zu erzäh­len, auch nicht in unse­rem pri­va­ten Umfeld. Was diese Ver­pflich­tung, die ich mit mei­ner Berufs­wahl ein­ge­gan­gen bin, für mein Pri­vat­le­ben tat­säch­lich bedeu­ten würde, spürte ich erst einige Jahre spä­ter.

Dann wur­den wir von eini­gen unse­rer neuen Kol­le­gen in ein wei­te­res kon­spi­ra­ti­ves Objekt gefah­ren, in dem die Obser­va­ti­ons­ein­heit unter­ge­bracht war.

Vor der Ein­gangs­tür hing das Fir­men­schild einer Gewer­beim­mo­bi­lie – man war ja kon­spi­ra­tiv ein­ge­mie­tet. Die Räum­lich­kei­ten bestan­den aus einem gro­ßen Kon­fe­renz­raum mit lan­gem Tisch und Stüh­len. Darum herum waren im Halb­kreis meh­rere klei­nere Büros grup­piert. Sie stan­den dem Lei­ter der Obser­va­ti­ons­ein­heit sowie den Füh­rern der ein­zel­nen Obser­va­ti­ons­trupps und deren Stell­ver­tre­tern zur Ver­fü­gung. Der Lei­ter hatte zudem ein Vor­zim­mer samt eige­ner Sekre­tä­rin. Im Kon­fe­renz­raum saßen die Obser­van­ten, die gerade nicht im Ein­satz gewe­sen sind. Wir wur­den gebe­ten, uns einen freien Platz an dem gro­ßen Tisch zu suchen, wo die Obser­van­ten saßen – das Arbeits­pro­le­ta­riat der Ein­heit. Für mich war das alles sehr span­nend und unge­wohnt.

Die ers­ten Tage wur­den wir über Struk­tur und Auf­ga­ben­stel­lung der Behörde und über das Wesen der Obser­va­ti­ons­a­r­beit unter­rich­tet. Die Obser­va­ti­ons­ein­heit bestand aus vier soge­nann­ten Obser­va­ti­ons­trupps. Die Trupps wie­derum waren mit jeweils zehn bis zwölf Obser­van­ten besetzt, die einen Lei­ter mit Stell­ver­tre­ter hat­ten und denen etwa fünf Fahr­zeuge zur Ver­fü­gung stan­den. Bei den Fahr­zeu­gen han­delte es sich um hoch­mo­to­ri­sierte Mit­tel­klasse-Pkws unter­schied­li­cher Her­stel­ler für die jeweils meh­rere Tarn­kenn­zei­chen aus den ver­schie­dens­ten Zulas­sungs­be­rei­chen unse­res Bun­des­lan­des exis­tier­ten. Wir selbst erhiel­ten auch Tarn­do­ku­mente wie Per­so­na­l­aus­weise oder Füh­rer­scheine, die auf unter­schied­li­che Iden­ti­tä­ten aus­ge­stellt waren, aus­ge­hän­digt. Ein Basis­sor­ti­ment an Tools also, die wir für unsere Arbeit benö­tig­ten. Nach der the­o­re­ti­schen Ein­füh­rung wur­den wir Neuen auf die vier Trupps auf­ge­teilt. Wir wur­den fes­ter Bestand­teil die­ser Ein­hei­ten.

Der Berufs­all­tag beginnt

Ja, und als Fres­hers star­te­ten wir in der Hier­a­r­chie ganz unten, als »Fuß­ob­ser­van­ten«. Machte auch Sinn. Wir hat­ten schließ­lich noch keine Ahnung. Den­noch wur­den wir gleich mit­ge­nom­men in echte Ein­sätze und lern­ten an der Pra­xis. Ich kann mich noch gut an mei­nen ers­ten Ein­satz erin­nern: Es war eine Obser­va­tion, die uns von der Lan­des­haupt­stadt in eine etwa 150 km ent­fernte, andere Groß­stadt unse­res Lan­des führte. Die Per­son, die zu obser­vie­ren war, intern Ziel­per­son (ZP) genannt, war mit dem Inter­city unter­wegs. Damals fuh­ren die Züge noch und wir hat­ten Mühe mit dem Auto mit­zu­hal­ten. Zum ers­ten Mal erlebte ich den Stress einer sol­chen Aktion. Ohne Blau­licht und Mar­tins­horn (man war ja kon­spi­ra­tiv unter­wegs) mit hoher Geschwin­dig­keit durch den dich­ten Stadt­ver­kehr und über die Auto­bahn. Gefähr­li­che Über­hol­ma­nö­ver zum Teil auf dem Sei­ten­strei­fen waren nötig, um recht­zei­tig da zu sein und am Ziel­bahn­hof den im Zug mit­ge­fah­re­nen Kol­le­gen zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Mein ers­ter Wett­lauf gegen die Zeit. Ich war völ­lig fer­tig nach dem Tag, obwohl ich nur als Bei­fah­rer den Funk bediente.

Und am nächs­ten Tag ging es auch schon mun­ter wei­ter, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ich wurde hin­ein­ge­schubst in die völ­lig neue Welt, in der Geheim­dienst­ler und Akteure aus kon­spi­ra­tiv arbei­ten­den extre­mis­ti­schen Polits­ze­nen unter­wegs sind. Mir wurde klar, wir waren im Krieg – im Kal­ten Krieg. Und Deut­sch­land war Fein­des­land für die Agen­ten des War­schauer Pak­tes, die hier arbei­te­ten und die wir beob­ach­ten soll­ten. Deut­sch­land war auch Fein­des­land für die Links­ter­ro­ris­ten der Roten Armee Frak­tion (RAF), der Nazi­ter­ro­ris­ten, die ihr »Drit­tes Reich« ver­lo­ren hat­ten und am Auf­bau eines Vier­ten arbei­te­ten. Deut­sch­land war aber auch Ruhe­raum für Exilan­ten, die aus ihren Hei­mat­län­dern flie­hen muss­ten, von hier aus aber gegen die Regi­mes dort kämpf­ten und in Deut­sch­land von deren Nach­rich­ten­diens­ten ver­folgt wur­den. Deut­sch­land war Aus­tra­gungs­ort kon­spi­ra­tiv geführ­ter Klein­kriege, Tum­mel­platz tau­sen­der Agen­ten, Ziel kom­mu­nis­ti­scher Pro­pa­ganda und wir waren mit­ten­drin in die­sem Geflecht und ver­such­ten, so gut es eben ging, unse­ren Job zu machen.

Die­ser Job hat mich voll­kom­men gefor­dert. Müh­sam musste ich kon­spi­ra­ti­ves Ver­hal­ten ler­nen, spon­ta­nes Anpas­sen an sich stän­dig wech­selnde Sze­nen. Gefähr­lich schnelle Auto­fahr­ten waren zu meis­tern, mit Ziel­per­so­nen, die eben­falls nach­rich­ten­dienst­lich geschult waren. Die wir »hal­ten« soll­ten, wie man in der Fach­spra­che sagt. Die man also nicht ver­lie­ren durfte, um Kon­takt­per­so­nen fest­zu­stel­len, ohne dabei auf­zu­fal­len. In der Regel waren wir zwei Wochen am Stück im Ein­satz, bis wir dann eine Woche frei hat­ten. Das hieß zwei Wochen lang kein Pri­vat­le­ben. Seite an Seite mit dem Kol­le­gen im Auto und Seite an Seite mit ihm im Hotel­zim­mer. Wir arbei­te­ten oft bis spät in die Nacht. Und in aller Frühe ging es wei­ter. Man­che Obser­va­ti­o­nen waren ein­fach nur öde: Die Ziel­per­so­nen beweg­ten sich kaum. Ver­lo­rene Zeit, dachte ich oft. Andere Ein­sätze dage­gen waren vol­ler Hek­tik und Stress. Für jede Situa­tion muss­ten wir fit sein.

Ich ent­wickle mich

Ein Jahr hat es gedau­ert, bis ich als Fuß­ob­ser­vant Sicher­heit erlangte und mein spon­ta­nes Anpas­sungs­ge­schick aus­rei­chend trai­niert hatte. Dabei waren unsere tech­ni­schen Ausstat­tun­gen Ende der 1970er nicht ansatz­weise ver­gleich­bar mit den heu­ti­gen Mög­lich­kei­ten. Unsere abge­tarn­ten Foto­aus­rüs­tun­gen waren schon sehr gut. Aber in Sachen Funk haperte es enorm: Die klo­bi­gen Funk­ge­räte für Fuß­ob­ser­van­ten muss­ten am Kör­per ver­staut wer­den. Der Laut­spre­cher war in das Mikro­fon inte­griert. Die­ses war wie­derum mit einem arm­lan­gen Kabel mit dem Gerä­te­kor­pus ver­bun­den, das durch den Ärmel der Jacke gefum­melt wer­den musste. Wenn wir funk­ten, muss­ten wir in die Muschel spre­chen, die in unse­rer Hand lag. Das führte zu bizar­ren Situa­ti­o­nen, beson­ders in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Die Fahr­gäste guck­ten uns oft ent­setzt an und hiel­ten uns für völ­lig durch­ge­knallt, wenn wir Funksprü­che absetz­ten und dazu in unsere Hand­flä­chen hauch­ten. Heute ist es nor­mal, dass Leute über­all vor sich hin labern, weil sie über ihr Smart­phone tele­fo­nie­ren. Ja und Tele­fone gab es nur zu Hause oder in Tele­fon­zel­len. Anfang der 1980er-Jahre wur­den die ers­ten Auto­te­le­fone ange­schafft, im C-Netz. Die waren groß wie ein Hand­kof­fer, die Gesprä­che sünd­haft teuer und nur die Trupp­füh­rer waren mit einem Exem­plar aus­ge­rüs­tet.

Nach­dem ich mich als Fuß­ob­ser­vant bewie­sen hatte, durfte ich eine Stufe in der Hier­a­r­chie nach oben stei­gen. Mir wurde ein Fahr­zeug anver­traut. Eine neue Her­aus­for­de­rung für mich. Pro­ble­ma­ti­sche Fahr­ma­nö­ver im dich­ten Stadt­ver­kehr kamen auf mich zu. Enorme Geschwin­dig­kei­ten auf den Auto­bah­nen, auch bei schlech­tem Wet­ter. Sich stän­dig ver­än­dernde Situa­ti­o­nen, auf die spon­tan rea­giert wer­den musste und die trotz Fahrt­rai­ning nur unzu­rei­chend ein­ge­übt wer­den konn­ten, waren von nun an zu meis­tern.

Aus dem Obser­van­ten­le­ben

Die Ziel­per­son nicht zu ver­lie­ren und dabei nicht auf­zu­fal­len war nur mög­lich, wenn wir lau­fend gegen Ver­kehrs­vor­schrif­ten vers­tie­ßen, was uns nach der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung (StVO) erlaubt war. Dabei durf­ten aber keine Ver­kehrs­teil­neh­mer gefähr­det oder gar geschä­digt wer­den. Das war nicht erlaubt und hätte schwere straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen für uns gehabt. Außer­dem woll­ten wir selbst nicht zu Scha­den kom­men. Wir tru­gen ein enor­mes Risiko, für uns und für andere. Oft kam es zu film­rei­fen Sze­nen auf den Stra­ßen. Wie schon erwähnt, benutz­ten wir kein Blau­licht und schon gar kein Mar­tins­horn. Unsere Ziel­per­so­nen soll­ten und durf­ten nichts von ihrer Beschat­tung ahnen.

Ich erin­nere mich noch an meine erste soge­nannte Rot­fahrt: Als wohl­er­zo­ge­ner Bür­ger hatte ich enorme Hem­mun­gen, eine rote Ampel zu miss­ach­ten. Es dau­erte, bis ich meine Kom­plexe ablegt hatte und mich selbst­be­wusst auf die nöti­gen Regel­ver­let­zung ein­las­sen konnte. Bei aller Rou­tine blieb es für mich aber stets ein enor­mer Stress, mich bei Rot mit dem Fahr­zeug lang­sam in die Kreu­zung zu tas­ten. Das hys­te­ri­sche Hupen der ande­ren Auto­fah­rer, die neben oder hin­ter einem an der Ampel stan­den und alles ungläu­big mit ansa­hen, nicht per­sön­lich zu neh­men und den frei gege­be­nen Quer­ver­kehr nicht zu gefähr­den, erfor­derte stets höchste Kon­zen­tra­tion. Manch ein Auto­fah­rer war so ver­wirrt von unse­ren Rot­fahr­ten, beson­ders, wenn meh­rere Fahr­zeuge von uns gleich­zei­tig in die Kreu­zung fuh­ren, dass sie sich uns anschlos­sen und mit in die Kreu­zung ein­fuh­ren. Sie dach­ten wohl, sie hät­ten über­se­hen, dass die Ampel auf Grün gesprun­gen sei. Sol­che Sze­nen waren immer wie­der ein rie­sen­gro­ßes Pro­blem für die Ver­kehrs­si­cher­heit. Ich war nach sol­chen Tagen abends oft völ­lig fer­tig von den Stress­si­tua­ti­o­nen, die ich tags­über auf den Stra­ßen erlebt hatte. Ich wun­derte mich auch, dass bei unse­ren Fahr­ma­nö­vern so wenig pas­sierte. Ver­mut­lich lag es daran, dass wir in die­sen Situa­ti­o­nen beson­ders kon­zen­triert gewe­sen waren. Unfälle pas­sier­ten meist erst, nach­dem die Obser­va­ti­o­nen been­det waren und wir uns auf den Heim­weg mach­ten.

Es gab einige wenige Natur­ta­lente in unse­rer Ein­heit. Willi, zum Bei­spiel. Willi war ein sehr ange­neh­mer Mensch: kol­le­gial, völ­lig unei­tel und ein begna­de­ter Obser­vant. Willi musste hell­se­he­ri­sche Fähig­kei­ten haben: Wenn wir eine Ziel­per­son im Stra­ßen­ver­kehr ver­lo­ren, wusste er meis­tens, wie sie wie­der zu fin­den war. Er war ein aus­ge­zeich­ne­ter Auto­fah­rer, beherrschte die schwie­rigs­ten Situa­ti­o­nen und strahlte dabei Ruhe und Kom­pe­tenz aus. In sei­nem Auto fühlte ich mich sicher, selbst bei den ner­ven­auf­rei­bends­ten Fahr­ma­nö­vern. Er fand die bes­ten Sicht­plätze, also Stand­orte, von denen man aus gut ver­steckt Ein­gang­s­tü­ren beob­ach­ten konnte. Er besaß eine scha­rfe Auf­fas­sungs­gabe, parierte die unter­schied­lichs­ten Abläufe im Stra­ßen­ver­kehr, passte sein Ver­hal­ten gekonnt der jewei­li­gen Anfor­de­rung an und ich kann mich nicht erin­nern, dass er jemals „auf­ge­platzt“, also bei der Ziel­per­son durch unge­schick­tes Ver­hal­ten auf­ge­fal­len wäre. Ich schaute ihm mit Genuss zu und lernte viel von ihm. Aber sein Niveau blieb für mich uner­reich­bar. Willi war rund­herum gemacht für die­sen Job. Er blieb auch all die Jahr­zehnte sei­nes Arbeits­le­bens bis zur Pen­sion bei der Obser­va­tion. Ein Aus­nah­me­ta­lent.

Trotz der gan­zen Belas­tun­gen hatte das Obser­van­ten­le­ben auch seine lus­ti­gen Sei­ten. Gerade bei län­ge­ren Stan­dob­ser­va­ti­o­nen, also in Situa­ti­o­nen, in denen sich die Ziel­per­son lange nicht bewegte, kam es immer wie­der zu hei­te­ren Erleb­nis­sen. Da musste schon mal mensch­li­chen Bedürf­nis­sen nach­ge­gan­gen wer­den, wie z. B. Essen gehen. Eine Wagen­be­sat­zung nach der ande­ren durfte ran. Nur dumm, wenn die Ziel­per­son sich in die­ser Zeit plötz­lich und uner­war­tet in Bewe­gung setzte. Die Kol­le­gen, die es sich im Restau­rant gemüt­lich gemacht hat­ten, muss­ten dann alles ste­hen und lie­gen las­sen und sofort los. Die Kell­ner konn­ten es oft nicht fas­sen, was da abging, wenn die Obser­van­ten die frisch ser­vier­ten Menüs unbe­rührt ste­hen lie­ßen, Geld auf den Tisch war­fen und zur Tür hin­aus­rann­ten. Wie soll man als Ser­vice­per­so­nal die­ses selt­same Ver­hal­ten nicht per­sön­lich neh­men? Wir hat­ten jeden­falls immer unse­ren Spaß, obwohl unsere Mägen knurr­ten.

Auch das Buchen von Hotel­über­nach­tun­gen war immer ein Aben­teuer. Zehn bis zwölf Mann, manch­mal eine Frau, die mit flot­ten Autos und unter­schied­li­chen Kenn­zei­chen anreis­ten, waren für meh­rere Tage unter­zu­brin­gen. Man konnte sich schlecht als Obser­va­ti­ons­gruppe outen. Also muss­ten immer wie­der glaub­hafte Erklä­run­gen her, soge­nannte Legen­den. Legen­den sind in sich logi­sche Geschich­ten, die aber nicht der Wahr­heit ent­spre­chen. Sie wer­den gestrickt, um den wah­ren Akteur hin­ter einem Ereig­nis, den Nach­rich­ten­dienst, ver­bor­gen hal­ten zu kön­nen. Legen­den sind aber wirk­lich nur der ein­zige Berüh­rungs­punkt, den Nach­rich­ten­dienste mit der Katho­li­schen Kir­che haben. Spä­ter wird die­ses Thema noch aus­führ­lich behan­delt.

Auf­ga­ben­spek­tren – unser hoch geschätz­tes Publi­kum

Unsere Ziel­per­so­nen waren zur dama­li­gen Zeit über­wie­gend Agen­ten des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit der DDR (auch MfS oder Stasi genannt) oder ande­rer öst­li­cher Nach­rich­ten­dienste. Die Obser­va­ti­o­nen die­ser Leute waren über lange Zeit­ab­schnitte sehr lang­wei­lig. Sie führ­ten ein unauf­ge­reg­tes bür­ger­li­ches Leben mit wenig Abwechs­lung. Erst wenn Treffs mit ihren Füh­rungs­of­fi­zie­ren anstan­den, wurde es rich­tig heiß. Die Herr­schaf­ten woll­ten natür­lich sicher­ge­hen, dass sie nicht beschat­tet wur­den und sich und ihre nach­rich­ten­dienst­li­che Ver­bin­dung in Gefahr brach­ten. Des­halb wurde stun­den­lang vor dem geplan­ten Treff geschüt­telt, so nennt man Bemü­hun­gen, mög­li­che Ver­fol­ger zu erken­nen und abzu­hän­gen. Schleu­ßen wur­den durch­lau­fen oder sogar soge­nannte Abde­cker ein­ge­setzt. Abde­cker sind aus­ge­bil­dete Leute vom Nach­rich­ten­dienst (ND), die kon­spi­ra­tiv Bewe­gun­gen des eige­nen Agen­ten über­wa­chen, um geg­ne­ri­sche Obser­va­ti­ons­ein­hei­ten wie uns, recht­zei­tig zu ent­de­cken.

Echte ND-Pro­fis waren nur schwer zu hal­ten. Oft bra­chen wir die Obser­va­ti­o­nen ab, um nicht die gesamte Aktion zu gefähr­den und setz­ten zwei, drei Wochen spä­ter erneut an. Wir woll­ten nicht auf­fal­len und den Geg­ner war­nen. Aber auch die Pro­fis aus dem Osten mach­ten Feh­ler, schlu­der­ten oder wur­den unvor­sich­tig. Das nutz­ten wir und so hat­ten wir in die­sem schwie­ri­gen Umfeld immer wie­der Erfolge. Es gelang uns, Abde­cker zu ent­tar­nen, wich­tige Kon­takt­per­so­nen zu ent­de­cken, sie zu foto­gra­fie­ren und zu iden­ti­fi­zie­ren und so zur Lösung diver­ser Spi­o­na­ge­fälle bei­zu­tra­gen. Unsere Geg­ner konn­ten also nie sicher sein, ob sie nicht schon ent­tarnt wor­den waren. Feh­ler waren sehr gefähr­lich für sie. Flo­gen sie auf, droh­ten zu Hause in Ost-Ber­lin, Prag, Buda­pest oder sonst wo ernste Kon­se­quen­zen. Dann war es aus mit den West­rei­sen, den Sex­shops hier oder aus­gie­bi­gen Kauf­h­aus­be­su­chen. Außer­dem droh­ten Degra­die­run­gen oder gar der beruf­li­che Nie­der­gang.

Ich erin­nere mich an die Obser­va­tion eines Stasi-Offi­ziers, der nach einem Tref­fen mit sei­nem Agen­ten in einer Uni­ver­si­täts­s­tadt unse­res Bun­des­lan­des von einem Mit­a­r­bei­ter unse­rer Behörde »umge­dreht« wer­den sollte: Nach­dem er sich von sei­nem V-Mann ver­ab­schie­det hatte, beschat­te­ten wir ihn wei­ter. Er ging zum Bahn­hof und holte dort sein Gepäck aus einem Schließ­fach. Er wollte mit dem Zug abrei­sen. Ein Sach­be­a­r­bei­ter unse­rer Spi­o­na­ge­ab­tei­lung, der mit uns unter­wegs war, kon­tak­tierte unsere Ziel­per­son, nach­dem diese das Schließ­fach geleert hatte. Er machte dem völ­lig über­rasch­ten Geheim­dienst­ler klar, dass er ent­tarnt sei und bot ihm eine Zusam­me­n­a­r­beit als Dop­pel­agent an. Ich war mit im Raum und konnte die Szene genau ver­fol­gen. Der MfS-Mann war völ­lig scho­ckiert, fing an zu zit­tern, lehnte das Ange­bot aber kon­se­quent ab. Das damit ver­bun­dene Risiko war ihm wohl zu unbe­re­chen­bar. Dar­auf­hin wurde er von Beam­ten des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes (LKA), die eben­falls mit uns unter­wegs waren, fest­ge­nom­men. Ich fand diese Szene unheim­lich span­nend. So etwas hatte ich zuvor noch nicht erlebt: Ein ech­ter MfS-Mann, eine geschei­terte Anwer­bung, Fest­nahme im Spi­o­na­ge­mi­lieu! Das gab mei­ner Arbeit Sinn. Der Mann kam nach weni­gen Jah­ren wie­der frei. Hätte sich die Szene mit umge­kehr­tem Vor­zei­chen in Ost-Ber­lin abge­spielt, wären die Betrof­fe­nen schon wegen der här­te­ren Stra­fen und schlim­me­ren Haft­be­din­gun­gen in kom­mu­nis­ti­schen Län­dern wesent­lich schlech­ter dran gewe­sen.

Wie schon erwähnt, beschäf­tig­ten uns nicht nur Agen­ten frem­der Nach­rich­ten­dienste. Nazis, Links­ex­tre­mis­ten und gefähr­li­che Akteure extre­mis­ti­scher Aus­län­der­or­ga­ni­sa­ti­o­nen zähl­ten ebenso zu unse­rem Auf­ga­ben­ge­biet. Auch soge­nannte Tref­fab­de­ckun­gen, also die Absi­che­rung von nach­rich­ten­dienst­li­chen Treffs unse­rer eige­nen VM-Füh­rer oder Wer­ber mit ihren Infor­man­ten gehör­ten zum Port­fo­lio. Die Obser­va­tion von geschul­ten geg­ne­ri­schen Nach­rich­ten­dienst­lern war aber schon die Königs­klasse. Geschick, Impro­vi­sa­ti­ons­fä­hig­keit und ech­tes Kön­nen konnte nur von die­sen Leu­ten gelernt wer­den.

Immer Ärger mit der Geheim­hal­tung

Im Laufe der Zeit spürte ich, dass mir das Thema Geheim­hal­tung doch mehr abver­langte, als ich anfangs ange­nom­men hatte. Natür­lich war es uns unter­sagt, über dienst­li­che Interna zu spre­chen. Das gibt es in vie­len Beru­fen. Diese Form der Ver­schwie­gen­heit war auch nicht das Pro­blem.

---ENDE DER LESEPROBE---