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Wie im Geheimdienst Ihrer Majestät? Deutsche Verfassungsschutzbehörden stehen oft in der Kritik. Die einen fühlen sich durch ihre Tätigkeit bespitzelt und in ihren Grundrechten eingeschränkt. Anderen dagegen gelten sie als völlige Versager, die man am besten abschaffen sollte. Wieder andere nehmen sie kaum zur Kenntnis oder wissen gar nichts von ihrer Existenz. Doch selbst in solchen Einrichtungen, die auf Grund ihrer besonderen Aufgaben von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben sind, arbeiten nur ganz normale Menschen. Menschen wie du und ich. Menschen, die mit den besten Absichten ihren beruflichen Anforderungen gerecht zu werden versuchen und trotzdem immer wieder an der Wirklichkeit scheitern. Sven Berenz war einer von ihnen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg arbeitete er in der operativen Nachrichtenbeschaffung einer deutschen Verfassungsschutzbehörde. Wie er diese Zeit erlebt hat, schildert er in diesem Buch. Nach seinen Erfahrungen kommt die nachrichtendienstliche Arbeit oft überraschend eintönig und harmlos daher, aber nur um im nächsten Moment wieder voller unkalkulierbarer Entwicklungen und böser Überraschungen zu sein. Wer in diesem Metier nicht ständig auf der Hut ist, droht unter die Räder zu kommen. Und noch eine Erkenntnis reifte all die Jahre in Sven Berenz heran: An James Bond Typen hat diese Arbeit absolut keinen Bedarf. Wagen Sie mit dem Autor einen Blick hinter die Kulissen deutscher Inlandsnachrichtendienste.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
1. Auflage 2024Copyright © 2024 Sven Berenzc/o Postflex #5671, Emsdettener Str. 10, 48268 GrevenKeine Pakete oder Päckchen!Telefon: +49 1514 4612781E-Mail: [email protected]
Lektorat/Korrektorat: Elisabeth Lang, textwerkstatt-ffb.de
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Bildnachweise: ©Kordiush, ©orbcat – stock.adobe.comfreepik.com
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Details sind unter http://www.dnb.dnb.de abrufbar.
Ein paar Worte zur Einleitung
Kapitel 1 – ObservationDie bizarre Welt des Konspirativen
Mein Name ist nicht Hase
Erste Eindrücke
Der Berufsalltag beginnt
Ich entwickle mich
Aus dem Observantenleben
Aufgabenspektren – unser hoch geschätztes Publikum
Immer Ärger mit der Geheimhaltung
Ende mit Schrecken
Kapitel 2 – RechtsextremismusSehnsucht nach dem »Dritten Reich«
Ein neuer Start
Als »Youngster« unter »alten Hasen«
Nazis unter uns?
Es wird praktisch: Einarbeitungsphase
Endlich: meine ersten Quellentreffs
VM-Tätigkeit, was ist das?
Geschafft: Ich bin VM-Führer
Henner
Henner ist raus
Ob Henner anbeißen wird?
Das liebe Geld
Passt Henner in den Job?
Martin
Ich lerne Martin kennen
Henner hat ein glückliches Händchen
Zweites Treffen mit Martin
Die Treffen müssen professioneller werden
Bei Henner läuft es gut
Martin zurück von der Sonnwendfeier
Torsten treibt uns die Schweißperlen auf die Stirn
Ich Werber? Ich kann’s nicht glauben!
Henner gibt wichtige Hinweise
Meldung von Martin
Die Polizei bedankt sich
Torsten wird observiert
Henner in Nöten
Martin findet sein Plätzchen in der Gruppe
Neues von Torsten
Henner beruhigt sich
Plötzlich muss es schnell gehen
Außenstellen
Henner hat es geschafft
Werbung
Erste Werbung – es wird ernst
Zum Kaffee mit Cook
Ein Schock fürs Leben
Zum besseren Verständnis
Wieder einmal der Jüngste
Ich muss ran
Meine ersten Erfahrungen
Erste Bilanz
Skinheads, Skinheads, Oi, Oi, Oi!
Skinheads, was sind das für Leute?
Meine Treffen mit Malte
Abschied von Malte
Es braucht neue Wege
Nagende Selbstzweifel
Erste Erfahrungen
Die Arbeit wächst mir über den Kopf
Auf, auf in die Welt der Legenden!
Die erlösende Wende
Werber meets Nazigruppe – Legenden machen es möglich
Zäher Start
Hitch-hike-Baby mit Glatze und Stiefeln
Neue Perspektiven?
Wirklich eine gute Idee?
Mittendrin
Schreckminuten
Jetzt aber nichts wie raus hier
Großes Pech mit Mark
Mark stürzt ab
Mein Kopf soll rollen
Der Präsident zittert
Auf Distanz – mit euch nicht mehr!
Sonia – mein Arbeitsalltag wird weiblicher
Griechisch essen mit einem Skin Girl
Ein Skin fährt 1. Klasse
Zeitenwende: Die »Mauer« fällt!
Resümee
Ein hohes Gewaltpotenzial bei Neonazis und Skinheads
Das Problem der VM-Enttarnung
Die kriminelle Energie in der Szene
Das Risiko des VM-Führers
Das Verhalten der Behörde
Das »Ende der Geschichte«?
Verfassungsschutz und Technik
Kapitel 3 – Organisierte KriminalitätAgenten, Mafiosi oder doch nur Schwindler?
Mieses Arbeitsklima
Absolutes Neuland
Neue Spieler, neues Glück?
Red Mercury, Bankgarantie-Geschäfte und zu allem Übel auch noch die ’Ndrangheta
Emanuel
Agenten, Intrigen und falsche Fährten
Ich muss mal wieder los
Kapitel 4 – Church of ScientologyVon Operierenden Thetanen und psychischen Wracks
Auf ins neue Millennium
Mein Job wird zwanzig
Milieuwechsel
Erste Berührungen mit Scientology
Infotelefon – lästiges Anhängsel, wenig Effizienz
Eine »außerirdische« Begegnung
Anne
Die Nuss ist geknackt
OSA – entzaubert
Verzeihen Sie!
Die Karawane zieht weiter
Kapitel 5 – LinksextremismusWie klasse ist die »klassenlose Gesellschaft«?
Turbulente Zeiten, wieder einmal!
Westdeutsche Linksextremisten im Schatten kommunistischer Imperien
Antiimperialisten
Die Bewegung der Autonomen
Wunsch und Wirklichkeit
»Bullshit-Castle«
Neue »Firmen-Philosophie«
Anna und Arthur halten ’s Maul
Im ständigen Wettlauf mit der militanten Szene
»Welcome to Hell« – der G20-Gipfel in Hamburg
Adieu, Verfassungsschutz!
Ein paar Worte zum Schluss
Ich hab’s tatsächlich geschafft, sagte ich mir, als ich vor nicht allzu langer Zeit in den Ruhestand ging. 45 Dienstjahre lagen hinter mir. Die meisten davon habe ich beim Nachrichtendienst abgeleistet. Genauer gesagt, bei einem Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) eines Bundeslandes der alten Bundesrepublik. Diese Behörden sind sogenannte Inlandsnachrichtendienste. Jedes Bundesland in Deutschland unterhält eine solche. Sie sind direkt den jeweiligen Innenministerien unterstellt oder aber organisatorischer Teil derselben. Im Gegensatz zur Polizei sind sie reine Verwaltungsbehörden, die über keine Exekutivbefugnisse verfügen. Ihr Aufgabenschwerpunkt liegt auf der Beobachtung verfassungsfeindlicher Bestrebungen und damit auf der Beschaffung von Informationen aus diesen Spektren. Dafür stehen ihnen sogenannte nachrichtendienstliche Mittel zur Verfügung, wie das Abhören von Telefonen, Observationen oder der Einsatz von Informanten, intern auch Vertrauensleute (V-Leute) oder Quellen genannt. Die Verwendung dieser Einsatzmittel ist rechtlich genau geregelt.
Fast zwei Jahre habe ich gebraucht, bis Stress und Belastung der letzten Dienstjahre von meiner Seele abgefallen sind und ich wieder in Kontakt zu mir selbst gekommen bin. Jetzt, wo ich die nötige Distanz zu meinem Berufsleben habe, spürte ich das Verlangen, all die Jahre in Gedanken noch einmal Revue passieren zu lassen, um Antworten auf die brennende Frage in mir zu finden, was ich da eigentlich getan habe und was diese Zeit aus mir gemacht hat. Wer bin ich durch jahrzehntelange operative Tätigkeit bei einem deutschen Inlandsnachrichtendienst geworden? Bin ich noch normal? Oder muss ich mir Sorgen um mich machen? Ich dachte mir, wenn du dich gedanklich schon reinknetest in die zähe Masse der Erinnerungen, warum schreibst du sie nicht gleich auf? Es war ein guter Gedanke, und so entstanden diese Seiten.
Wer nun heiße Agentenstories oder Heldengeschichten sucht, möge besser aufhören weiterzulesen. Ich habe sie nicht zu bieten. Es wäre verschwendete Zeit. Ebenso habe ich keine Enthüllungsgeschichten oder Skandale im Sortiment. Mir liegt sowas nicht. Ich will schlicht erzählen von meinen Erlebnissen als operativ tätiger Verfassungsschützer. Von meinen Erfolgen und Niederlagen. Von den Menschen, die mir dabei begegnet sind. Von ihren Problemen und ihren Schicksalen. Davon, dass das Leben manchmal so ist, wie es eben ist. Tatsächlich sind wir bei allem Engagement und allen Bemühungen um Professionalität zu oft nur ein Spielball des Lebens. Unvollkommen eben.
Natürlich war es mir beim Schreiben ein großes Anliegen, dem Aspekt der Geheimhaltung gerecht zu werden. Nicht nur, weil dies zu meinen beamtenrechtlichen Pflichten gehört. Sondern auch um der Sicherheit der Menschen willen, mit denen ich beruflich zu tun hatte. So ist eben vieles nicht beschrieben, bei anderem Namen genannt oder nur angedeutet. Dies sei mir verziehen. Aber meine Erzählungen sind dennoch authentisch. Sie haben sich ihrem Wesen nach so zugetragen, wie berichtet. Meine Interpretationen des Erlebten und meine Reaktionen darauf sind allerdings sehr subjektiv. Ein anderer Typ mit anderer Persönlichkeitsstruktur würde wohl zu anderen Schlussfolgerungen kommen. Diese Zusammenhänge dürften nicht überraschen. Wir kennen sie aus der Psychologie.
Auf detaillierte Beschreibungen verfassungsfeindlicher Organisationen und Strukturen (sogenannte Beobachtungsobjekte), mit denen ich zu tun hatte, habe ich verzichtet. Ich gehe inhaltlich nur so weit in die Tiefe, wie es für das Verständnis der nachrichtendienstlichen Arbeit in diesen Institutionen nötig ist. Wer trotzdem mehr zu den sogenannte Beobachtungsobjekten erfahren möchte, wird schnell fündig. Informative Produkte hierzu gibt es auf dem Markt behördlicher oder wissenschaftlicher Veröffentlichungen in Fülle. Aber jetzt wird es endlich Zeit einzusteigen in die geheimnisvolle und sonderbare Welt der bundesdeutschen Inlandsnachrichtendienste.
Meine Geschichte beginnt Ende der 1970er Jahre. Ich war Anfang zwanzig und in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt regierte eine sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Die politische Lage in Deutschland war geprägt vom Ost-West-Konflikt. Im Osten standen die Truppen des kommunistischen Warschauer Paktes. Im Westen lebten die Bürger in Freiheit und zunehmenden Wohlstand. Die Demarkationslinie, der »Eiserne Vorhang«, ging mitten durch Deutschland. Die politischen Spannungen zwischen den beiden Blöcken bestimmten die deutsche Innen- und Außenpolitik. Denn wir waren ein geteiltes Land und wir wussten, sollte es zum Großen Krieg kommen, würden wir am meisten abgekommen.
Ich denke, ich sollte mich mal vorstellen. Mein Name ist, sagen wir einmal Sven Berenz. Klingt gut, finde ich und passt zu mir. Den nehme ich. Sie verstehen schon, ich schreibe unter Pseudonym, der Vertraulichkeit wegen. Ich bin Anfang der 1960er-Jahre in einer unbedeutenden ländlichen Kleinstadt in einem der alten Bundesländer geboren. Nach meinem Schulabschluss entschied ich mich für ein Fachhochschulstudium bei der Polizei mit Schwerpunkt Kriminalistik. Aus Neugierde und weil die damaligen Perspektiven bei der Polizei für mich nicht attraktiv gewesen sind, bewarb ich mich bald nach Abschluss des Studiums auf eine Stellenausschreibung des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) in unserem Bundesland. Es sollte zur dortigen Observationsgruppe gehen. Viel mehr wusste ich nicht.
Es war Ende der 1970er-Jahre, als ich mit mehreren anderen jungen Leuten, die ebenfalls eine Ausbildung bei der Polizei absolviert hatten, meinen Dienst begann. Ich hatte keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Am Tag des Dienstbeginns mussten wir uns bei der Verwaltung der Behörde melden. Anschließend wurden wir in ein konspiratives Objekt gebracht, in dem sich unter anderem das Büro des Beschaffungsleiters befand, dem auch die Observation unterstellt war. Der begrüßte uns und gab uns ein paar wichtige organisatorische Hinweise. Das Thema Geheimhaltung war ihm dabei das größte Anliegen. Er ermahnte uns eindringlich, niemandem von unserer Tätigkeit beim Verfassungsschutz zu erzählen, auch nicht in unserem privaten Umfeld. Was diese Verpflichtung, die ich mit meiner Berufswahl eingegangen bin, für mein Privatleben tatsächlich bedeuten würde, spürte ich erst einige Jahre später.
Dann wurden wir von einigen unserer neuen Kollegen in ein weiteres konspiratives Objekt gefahren, in dem die Observationseinheit untergebracht war.
Vor der Eingangstür hing das Firmenschild einer Gewerbeimmobilie – man war ja konspirativ eingemietet. Die Räumlichkeiten bestanden aus einem großen Konferenzraum mit langem Tisch und Stühlen. Darum herum waren im Halbkreis mehrere kleinere Büros gruppiert. Sie standen dem Leiter der Observationseinheit sowie den Führern der einzelnen Observationstrupps und deren Stellvertretern zur Verfügung. Der Leiter hatte zudem ein Vorzimmer samt eigener Sekretärin. Im Konferenzraum saßen die Observanten, die gerade nicht im Einsatz gewesen sind. Wir wurden gebeten, uns einen freien Platz an dem großen Tisch zu suchen, wo die Observanten saßen – das Arbeitsproletariat der Einheit. Für mich war das alles sehr spannend und ungewohnt.
Die ersten Tage wurden wir über Struktur und Aufgabenstellung der Behörde und über das Wesen der Observationsarbeit unterrichtet. Die Observationseinheit bestand aus vier sogenannten Observationstrupps. Die Trupps wiederum waren mit jeweils zehn bis zwölf Observanten besetzt, die einen Leiter mit Stellvertreter hatten und denen etwa fünf Fahrzeuge zur Verfügung standen. Bei den Fahrzeugen handelte es sich um hochmotorisierte Mittelklasse-Pkws unterschiedlicher Hersteller für die jeweils mehrere Tarnkennzeichen aus den verschiedensten Zulassungsbereichen unseres Bundeslandes existierten. Wir selbst erhielten auch Tarndokumente wie Personalausweise oder Führerscheine, die auf unterschiedliche Identitäten ausgestellt waren, ausgehändigt. Ein Basissortiment an Tools also, die wir für unsere Arbeit benötigten. Nach der theoretischen Einführung wurden wir Neuen auf die vier Trupps aufgeteilt. Wir wurden fester Bestandteil dieser Einheiten.
Ja, und als Freshers starteten wir in der Hierarchie ganz unten, als »Fußobservanten«. Machte auch Sinn. Wir hatten schließlich noch keine Ahnung. Dennoch wurden wir gleich mitgenommen in echte Einsätze und lernten an der Praxis. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Einsatz erinnern: Es war eine Observation, die uns von der Landeshauptstadt in eine etwa 150 km entfernte, andere Großstadt unseres Landes führte. Die Person, die zu observieren war, intern Zielperson (ZP) genannt, war mit dem Intercity unterwegs. Damals fuhren die Züge noch und wir hatten Mühe mit dem Auto mitzuhalten. Zum ersten Mal erlebte ich den Stress einer solchen Aktion. Ohne Blaulicht und Martinshorn (man war ja konspirativ unterwegs) mit hoher Geschwindigkeit durch den dichten Stadtverkehr und über die Autobahn. Gefährliche Überholmanöver zum Teil auf dem Seitenstreifen waren nötig, um rechtzeitig da zu sein und am Zielbahnhof den im Zug mitgefahrenen Kollegen zur Verfügung zu stehen. Mein erster Wettlauf gegen die Zeit. Ich war völlig fertig nach dem Tag, obwohl ich nur als Beifahrer den Funk bediente.
Und am nächsten Tag ging es auch schon munter weiter, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ich wurde hineingeschubst in die völlig neue Welt, in der Geheimdienstler und Akteure aus konspirativ arbeitenden extremistischen Politszenen unterwegs sind. Mir wurde klar, wir waren im Krieg – im Kalten Krieg. Und Deutschland war Feindesland für die Agenten des Warschauer Paktes, die hier arbeiteten und die wir beobachten sollten. Deutschland war auch Feindesland für die Linksterroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), der Naziterroristen, die ihr »Drittes Reich« verloren hatten und am Aufbau eines Vierten arbeiteten. Deutschland war aber auch Ruheraum für Exilanten, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, von hier aus aber gegen die Regimes dort kämpften und in Deutschland von deren Nachrichtendiensten verfolgt wurden. Deutschland war Austragungsort konspirativ geführter Kleinkriege, Tummelplatz tausender Agenten, Ziel kommunistischer Propaganda und wir waren mittendrin in diesem Geflecht und versuchten, so gut es eben ging, unseren Job zu machen.
Dieser Job hat mich vollkommen gefordert. Mühsam musste ich konspiratives Verhalten lernen, spontanes Anpassen an sich ständig wechselnde Szenen. Gefährlich schnelle Autofahrten waren zu meistern, mit Zielpersonen, die ebenfalls nachrichtendienstlich geschult waren. Die wir »halten« sollten, wie man in der Fachsprache sagt. Die man also nicht verlieren durfte, um Kontaktpersonen festzustellen, ohne dabei aufzufallen. In der Regel waren wir zwei Wochen am Stück im Einsatz, bis wir dann eine Woche frei hatten. Das hieß zwei Wochen lang kein Privatleben. Seite an Seite mit dem Kollegen im Auto und Seite an Seite mit ihm im Hotelzimmer. Wir arbeiteten oft bis spät in die Nacht. Und in aller Frühe ging es weiter. Manche Observationen waren einfach nur öde: Die Zielpersonen bewegten sich kaum. Verlorene Zeit, dachte ich oft. Andere Einsätze dagegen waren voller Hektik und Stress. Für jede Situation mussten wir fit sein.
Ein Jahr hat es gedauert, bis ich als Fußobservant Sicherheit erlangte und mein spontanes Anpassungsgeschick ausreichend trainiert hatte. Dabei waren unsere technischen Ausstattungen Ende der 1970er nicht ansatzweise vergleichbar mit den heutigen Möglichkeiten. Unsere abgetarnten Fotoausrüstungen waren schon sehr gut. Aber in Sachen Funk haperte es enorm: Die klobigen Funkgeräte für Fußobservanten mussten am Körper verstaut werden. Der Lautsprecher war in das Mikrofon integriert. Dieses war wiederum mit einem armlangen Kabel mit dem Gerätekorpus verbunden, das durch den Ärmel der Jacke gefummelt werden musste. Wenn wir funkten, mussten wir in die Muschel sprechen, die in unserer Hand lag. Das führte zu bizarren Situationen, besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Fahrgäste guckten uns oft entsetzt an und hielten uns für völlig durchgeknallt, wenn wir Funksprüche absetzten und dazu in unsere Handflächen hauchten. Heute ist es normal, dass Leute überall vor sich hin labern, weil sie über ihr Smartphone telefonieren. Ja und Telefone gab es nur zu Hause oder in Telefonzellen. Anfang der 1980er-Jahre wurden die ersten Autotelefone angeschafft, im C-Netz. Die waren groß wie ein Handkoffer, die Gespräche sündhaft teuer und nur die Truppführer waren mit einem Exemplar ausgerüstet.
Nachdem ich mich als Fußobservant bewiesen hatte, durfte ich eine Stufe in der Hierarchie nach oben steigen. Mir wurde ein Fahrzeug anvertraut. Eine neue Herausforderung für mich. Problematische Fahrmanöver im dichten Stadtverkehr kamen auf mich zu. Enorme Geschwindigkeiten auf den Autobahnen, auch bei schlechtem Wetter. Sich ständig verändernde Situationen, auf die spontan reagiert werden musste und die trotz Fahrtraining nur unzureichend eingeübt werden konnten, waren von nun an zu meistern.
Die Zielperson nicht zu verlieren und dabei nicht aufzufallen war nur möglich, wenn wir laufend gegen Verkehrsvorschriften verstießen, was uns nach der Straßenverkehrsordnung (StVO) erlaubt war. Dabei durften aber keine Verkehrsteilnehmer gefährdet oder gar geschädigt werden. Das war nicht erlaubt und hätte schwere strafrechtliche Konsequenzen für uns gehabt. Außerdem wollten wir selbst nicht zu Schaden kommen. Wir trugen ein enormes Risiko, für uns und für andere. Oft kam es zu filmreifen Szenen auf den Straßen. Wie schon erwähnt, benutzten wir kein Blaulicht und schon gar kein Martinshorn. Unsere Zielpersonen sollten und durften nichts von ihrer Beschattung ahnen.
Ich erinnere mich noch an meine erste sogenannte Rotfahrt: Als wohlerzogener Bürger hatte ich enorme Hemmungen, eine rote Ampel zu missachten. Es dauerte, bis ich meine Komplexe ablegt hatte und mich selbstbewusst auf die nötigen Regelverletzung einlassen konnte. Bei aller Routine blieb es für mich aber stets ein enormer Stress, mich bei Rot mit dem Fahrzeug langsam in die Kreuzung zu tasten. Das hysterische Hupen der anderen Autofahrer, die neben oder hinter einem an der Ampel standen und alles ungläubig mit ansahen, nicht persönlich zu nehmen und den frei gegebenen Querverkehr nicht zu gefährden, erforderte stets höchste Konzentration. Manch ein Autofahrer war so verwirrt von unseren Rotfahrten, besonders, wenn mehrere Fahrzeuge von uns gleichzeitig in die Kreuzung fuhren, dass sie sich uns anschlossen und mit in die Kreuzung einfuhren. Sie dachten wohl, sie hätten übersehen, dass die Ampel auf Grün gesprungen sei. Solche Szenen waren immer wieder ein riesengroßes Problem für die Verkehrssicherheit. Ich war nach solchen Tagen abends oft völlig fertig von den Stresssituationen, die ich tagsüber auf den Straßen erlebt hatte. Ich wunderte mich auch, dass bei unseren Fahrmanövern so wenig passierte. Vermutlich lag es daran, dass wir in diesen Situationen besonders konzentriert gewesen waren. Unfälle passierten meist erst, nachdem die Observationen beendet waren und wir uns auf den Heimweg machten.
Es gab einige wenige Naturtalente in unserer Einheit. Willi, zum Beispiel. Willi war ein sehr angenehmer Mensch: kollegial, völlig uneitel und ein begnadeter Observant. Willi musste hellseherische Fähigkeiten haben: Wenn wir eine Zielperson im Straßenverkehr verloren, wusste er meistens, wie sie wieder zu finden war. Er war ein ausgezeichneter Autofahrer, beherrschte die schwierigsten Situationen und strahlte dabei Ruhe und Kompetenz aus. In seinem Auto fühlte ich mich sicher, selbst bei den nervenaufreibendsten Fahrmanövern. Er fand die besten Sichtplätze, also Standorte, von denen man aus gut versteckt Eingangstüren beobachten konnte. Er besaß eine scharfe Auffassungsgabe, parierte die unterschiedlichsten Abläufe im Straßenverkehr, passte sein Verhalten gekonnt der jeweiligen Anforderung an und ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals „aufgeplatzt“, also bei der Zielperson durch ungeschicktes Verhalten aufgefallen wäre. Ich schaute ihm mit Genuss zu und lernte viel von ihm. Aber sein Niveau blieb für mich unerreichbar. Willi war rundherum gemacht für diesen Job. Er blieb auch all die Jahrzehnte seines Arbeitslebens bis zur Pension bei der Observation. Ein Ausnahmetalent.
Trotz der ganzen Belastungen hatte das Observantenleben auch seine lustigen Seiten. Gerade bei längeren Standobservationen, also in Situationen, in denen sich die Zielperson lange nicht bewegte, kam es immer wieder zu heiteren Erlebnissen. Da musste schon mal menschlichen Bedürfnissen nachgegangen werden, wie z. B. Essen gehen. Eine Wagenbesatzung nach der anderen durfte ran. Nur dumm, wenn die Zielperson sich in dieser Zeit plötzlich und unerwartet in Bewegung setzte. Die Kollegen, die es sich im Restaurant gemütlich gemacht hatten, mussten dann alles stehen und liegen lassen und sofort los. Die Kellner konnten es oft nicht fassen, was da abging, wenn die Observanten die frisch servierten Menüs unberührt stehen ließen, Geld auf den Tisch warfen und zur Tür hinausrannten. Wie soll man als Servicepersonal dieses seltsame Verhalten nicht persönlich nehmen? Wir hatten jedenfalls immer unseren Spaß, obwohl unsere Mägen knurrten.
Auch das Buchen von Hotelübernachtungen war immer ein Abenteuer. Zehn bis zwölf Mann, manchmal eine Frau, die mit flotten Autos und unterschiedlichen Kennzeichen anreisten, waren für mehrere Tage unterzubringen. Man konnte sich schlecht als Observationsgruppe outen. Also mussten immer wieder glaubhafte Erklärungen her, sogenannte Legenden. Legenden sind in sich logische Geschichten, die aber nicht der Wahrheit entsprechen. Sie werden gestrickt, um den wahren Akteur hinter einem Ereignis, den Nachrichtendienst, verborgen halten zu können. Legenden sind aber wirklich nur der einzige Berührungspunkt, den Nachrichtendienste mit der Katholischen Kirche haben. Später wird dieses Thema noch ausführlich behandelt.
Unsere Zielpersonen waren zur damaligen Zeit überwiegend Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (auch MfS oder Stasi genannt) oder anderer östlicher Nachrichtendienste. Die Observationen dieser Leute waren über lange Zeitabschnitte sehr langweilig. Sie führten ein unaufgeregtes bürgerliches Leben mit wenig Abwechslung. Erst wenn Treffs mit ihren Führungsoffizieren anstanden, wurde es richtig heiß. Die Herrschaften wollten natürlich sichergehen, dass sie nicht beschattet wurden und sich und ihre nachrichtendienstliche Verbindung in Gefahr brachten. Deshalb wurde stundenlang vor dem geplanten Treff geschüttelt, so nennt man Bemühungen, mögliche Verfolger zu erkennen und abzuhängen. Schleußen wurden durchlaufen oder sogar sogenannte Abdecker eingesetzt. Abdecker sind ausgebildete Leute vom Nachrichtendienst (ND), die konspirativ Bewegungen des eigenen Agenten überwachen, um gegnerische Observationseinheiten wie uns, rechtzeitig zu entdecken.
Echte ND-Profis waren nur schwer zu halten. Oft brachen wir die Observationen ab, um nicht die gesamte Aktion zu gefährden und setzten zwei, drei Wochen später erneut an. Wir wollten nicht auffallen und den Gegner warnen. Aber auch die Profis aus dem Osten machten Fehler, schluderten oder wurden unvorsichtig. Das nutzten wir und so hatten wir in diesem schwierigen Umfeld immer wieder Erfolge. Es gelang uns, Abdecker zu enttarnen, wichtige Kontaktpersonen zu entdecken, sie zu fotografieren und zu identifizieren und so zur Lösung diverser Spionagefälle beizutragen. Unsere Gegner konnten also nie sicher sein, ob sie nicht schon enttarnt worden waren. Fehler waren sehr gefährlich für sie. Flogen sie auf, drohten zu Hause in Ost-Berlin, Prag, Budapest oder sonst wo ernste Konsequenzen. Dann war es aus mit den Westreisen, den Sexshops hier oder ausgiebigen Kaufhausbesuchen. Außerdem drohten Degradierungen oder gar der berufliche Niedergang.
Ich erinnere mich an die Observation eines Stasi-Offiziers, der nach einem Treffen mit seinem Agenten in einer Universitätsstadt unseres Bundeslandes von einem Mitarbeiter unserer Behörde »umgedreht« werden sollte: Nachdem er sich von seinem V-Mann verabschiedet hatte, beschatteten wir ihn weiter. Er ging zum Bahnhof und holte dort sein Gepäck aus einem Schließfach. Er wollte mit dem Zug abreisen. Ein Sachbearbeiter unserer Spionageabteilung, der mit uns unterwegs war, kontaktierte unsere Zielperson, nachdem diese das Schließfach geleert hatte. Er machte dem völlig überraschten Geheimdienstler klar, dass er enttarnt sei und bot ihm eine Zusammenarbeit als Doppelagent an. Ich war mit im Raum und konnte die Szene genau verfolgen. Der MfS-Mann war völlig schockiert, fing an zu zittern, lehnte das Angebot aber konsequent ab. Das damit verbundene Risiko war ihm wohl zu unberechenbar. Daraufhin wurde er von Beamten des Landeskriminalamtes (LKA), die ebenfalls mit uns unterwegs waren, festgenommen. Ich fand diese Szene unheimlich spannend. So etwas hatte ich zuvor noch nicht erlebt: Ein echter MfS-Mann, eine gescheiterte Anwerbung, Festnahme im Spionagemilieu! Das gab meiner Arbeit Sinn. Der Mann kam nach wenigen Jahren wieder frei. Hätte sich die Szene mit umgekehrtem Vorzeichen in Ost-Berlin abgespielt, wären die Betroffenen schon wegen der härteren Strafen und schlimmeren Haftbedingungen in kommunistischen Ländern wesentlich schlechter dran gewesen.
Wie schon erwähnt, beschäftigten uns nicht nur Agenten fremder Nachrichtendienste. Nazis, Linksextremisten und gefährliche Akteure extremistischer Ausländerorganisationen zählten ebenso zu unserem Aufgabengebiet. Auch sogenannte Treffabdeckungen, also die Absicherung von nachrichtendienstlichen Treffs unserer eigenen VM-Führer oder Werber mit ihren Informanten gehörten zum Portfolio. Die Observation von geschulten gegnerischen Nachrichtendienstlern war aber schon die Königsklasse. Geschick, Improvisationsfähigkeit und echtes Können konnte nur von diesen Leuten gelernt werden.
Im Laufe der Zeit spürte ich, dass mir das Thema Geheimhaltung doch mehr abverlangte, als ich anfangs angenommen hatte. Natürlich war es uns untersagt, über dienstliche Interna zu sprechen. Das gibt es in vielen Berufen. Diese Form der Verschwiegenheit war auch nicht das Problem.
