Unzerbrechlich - A. R. Stone - E-Book

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A. R. Stone

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Beschreibung

Die Welt, wie sie es einmal war, existiert nicht mehr. Die Ausbeutung und der daraus folgende Klimawandel verwandelten den blauen Planeten in eine endlose Wüste. In der Stadt Arcadia verbirgt sich, in einer schützenden Atmosphäre, das letzte Stück fruchtbare Erde, wo die gehobene Gesellschaft sicher lebt. Um die Bevölkerung zu überwachen, implantiert die Regierung allen Bewohnern Mikrochips. Jeglicher Widerstand gegen das Regime wird im Keim erstickt. Ava ist ein junges Mädchen, das außerhalb der schützenden Kuppel mit ihrer Großmutter in den Slums leben muss. Über ihre verstorbenen Eltern hat Ava keine Erinnerungen, auch die Todesumstände und ihre Herkunft sind für sie noch ein Rätsel. Eines Tages erkrankt Avas Großmutter und dem Mädchen bleibt keine andere Wahl, als in die streng überwachte Hauptstadt einzudringen. Dadurch lernt sie, dass sie besondere Fähigkeiten besitzt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Kapitel 1 - Wüste

Kapitel 2 - Hunger und Durst

Kapitel 3 - Sheep und Shepherd

Kapitel 4 - Wasteland

Kapitel 5 - Arcadia

Kapitel 6 - Ein Roach

Kapitel 7 - Zelos Corporation

Kapitel 8 - Blut an den Händen

Kapitel 9 - Sonnenaufgang

Kapitel 10 - Bluthund

Kapitel 11 - Held oder Verräter

­Kapitel 12 - Suna

Kapitel 13 - Ein stilles Versprechen

Kapitel 14 - Das Spiel mit der Hoffnung

Kapitel 15 - Ein Hirte wird geboren

Kapitel 16 - Im Untergrund

Kapitel 17 - Das Nest

Kapitel 18 - Ich pass auf dich auf

Kapitel 19 - Ein Stück Vergangenheit I

Kapitel 20 - Ein Stück Vergangenheit II

Kapitel 21 - Ein Stück Vergangenheit III

Kapitel 22 - Ein Stück Vergangenheit IV

Kapitel 23 - Führer seiner Herde

Kapitel 24 - Der Wunsch nach Freiheit I

Kapitel 25 - Vom Shepherd zum Wolf

Kapitel 26 - Ein neues Zuhause

Kapitel 27 - Ein neues Zuhause II

Kapitel 28 - Brüder

Kapitel 29 - Der Wunsch nach Freiheit II

Kapitel 30 - Der Anfang vom Ende

Kapitel 31 - Neue Welt

Kapitel 32 - Dem Herzen nach

A. R. Stone

UNZERBRECHLICH

Roman

Deutsche Erstausgabe

November 2019

Impressum

Copyright: © 2019 A. R. Stone

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Korrektorat: sks-heinen.de

Lektorat:

Maja P.,

Hans Baron [email protected],

Svenja Becker,

Melinda & Ben Narjes

Cover unter Lizenzierung eines Motives von Blazing Covers.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Etwaige unerlaubte Verbreitungen werden strafrechtlich verfolgt.

Danksagung

Ich danke allen, die meinen Traum vom Schreiben unterstützt und für das Korrektorat dieses Romans gespendet haben. Ohne euch hätte ich nicht veröffentlichen können:

Matthias F., Maja P., Tamara Gellert, Ally B., Gerd Steinmetz, Martina Imort, Franziska Lambrecht, Nadine Maltritz, A. B., Thomas Laleike, Guido Schüffelgen.

Ebenso danke ich meinen fleißigen Alpha- und Betaleser*innen, die die fehlenden Stücke zusammengefügt haben.

O. Ö., Maja P., Svenja Becker, Melinda & Ben Narjes.

In dem Moment, in dem dir bewusst wird, wie sterblich du bist –

in diesem Moment bist du am lebendigsten.

Kapitel 1 - Wüste

1        Es war so sengend heiß, dass die Luft über dem Wüstenboden flimmerte. Der Wind wehte um die hohen Dünen, formte neue Wege und erschuf auf grausame Weise ein Labyrinth, das niemand so leicht verlassen konnte.

Zwei vermummte Gestalten hockten in der ockerfarbenen Einöde, mit der Hoffnung, dass die Sonne sie übersah. Es wirkte willkürlich, wie sie auf Knien den sandigen Boden mit den Händen fortschaufelten. Sie waren mit zusammengeflickten Mänteln gekleidet. Ihre Gesichter halb bedeckt mit einem Bandana, die Augen geschützt durch eine verdunkelte Fliegerbrille, welche mit einem zerrissenen Stofffetzen zusammengehalten wurde.

»Endlich!«, rief eine der beiden Personen. Die Frau war wesentlich älter als ihre Begleiterin und dennoch freute sie sich wie ein kleines Kind, als ihre dürren Finger durch den Sand hindurch auf etwas Festes stießen. Sie zog sich das Tuch von der Nase und verschaffte sich so mehr Freiheit. »Du hast dich auch diesmal nicht getäuscht!« Angespornt durch den Fund, grub sie atemlos weiter.

»Ava«, gab die alte Frau im nächsten Augenblick fassungslos wieder. Der Sand verschluckte ihre Schritte und rann zurück in das ausgegrabene Loch. Sie zog mit solch einer Kraft an dem verschütteten Stück Metall, dass sie auf den Rücken fiel. Ihre Enkelin reichte ihr die Hand und half ihr auf. Gemeinsam bestaunten sie die weiß lackierte Platte, die bereits an den Bruchstellen verrostet war.

Boeing 747. Der schwarze Aufdruck war so weit verblasst und abgetragen, dass man nur noch die Umrisse erahnen konnte.

»Ava, du hast ein Flugzeugteil gefunden!« Ihre Großmutter umarmte sie überschwänglich und lachte.

»Ein Flugzeug?«, fragte das Mädchen irritiert und ließ die feste Umarmung zu. Ava konnte nur ahnen, wie wertvoll das Stück Blech sein musste. Es war knapp ein Meter breit und lang. Sie würden es verdecken und zu zweit direkt zum Werthof bringen.

»Hast du es vergessen? Der Metallvogel?« Die alte Frau gab ihre Enkelin frei und zählte an den Fingern ab, wie lange es her sein musste. »Wie alt bist du noch einmal, Rahel?«, sprach sie nachdenklich mit sich selbst. War es wirklich schon so lange her? Hatte Ava nicht erst gestern das Laufen gelernt?

Es war zu heiß, um wirklich nachzudenken.

Die alte Frau legte die Hand über ihre Schutzbrille und sah sich um. »Hier muss vor unserer Zeit solch ein Flugzeug abgestürzt sein. Ich bin mir sicher, wir finden noch mehr. Vielleicht war dieser Ort sogar ein Friedhof für ausgemusterte Maschinen?«

Rahel fantasierte wild weiter. »Kannst du noch etwas wittern?«, fragte sie.

Ava schloss die Augen und atmete die trockene Luft ein. Der Wind war so warm, er taugte nicht mal dazu, ihren Schweiß zu kühlen. Während der Ruhe nahm sie den Schmerz auf ihrer Haut wahr. Obwohl sie gegen die direkte Sonneneinstrahlung geschützt war, brannte ihr Körper. Durch die Arbeit am Tag waren die Spitzen ihrer dunkelblonden Haare hell gebleicht. Der Wind spielte mit ihrem Pferdeschwanz, wehte ihr Bandana auf und enthüllte ihr gebräuntes Gesicht.

Der heiße Sand knisterte, während Rahel nervös atmete. »Und?«, fragte sie und betrachtete ihre Enkelin, die regungslos dastand.

»Nein«, gab Ava schließlich nüchtern von sich und öffnete die Augen. »Aber ein Sturm zieht auf.«

»Was?« Avas Großmutter sah sich um. Sie ließ die karge Gegend auf sich wirken, doch weder regte sich etwas noch verdunkelte sich der Himmel durch einen entfernten Sandsturm.

»Wir sollten langsam zurückkehren, wenn wir es rechtzeitig nach Hause schaffen wollen.« Mit ihren siebzehn Jahren war Ava ein schlaues und vorsichtiges Kind. Ihre Großmutter lächelte bedrückt. War Ava das? Noch ein Kind? Die ernste Miene ihrer Enkelin verriet etwas anderes.

Ehe sie sich aufrafften, schlug ihnen plötzlich ein scharfer Wind entgegen. Er wirbelte den feinen Sand auf, sodass sie gleich wieder ihre Halstücher aufsetzten. Rahel fügte sich der Vermutung ihrer Enkelin. Sie nutzte die Gelegenheit, in der Ava den Schrott mit einer geflickten Decke schnürte, und orientierte sich.

Das Mädchen beobachtete ihre Großmutter und schmunzelte. »Deinem Hintern nach«, sagte sie und wies mit einer Kopfbewegung in die entgegengesetzte Richtung.

Irritiert drehte sich Rahel. Sie kniff ein wenig die Augen zu, um besser sehen zu können. Doch sie erblickte nur weitere Sanddünen. Ehe sie sagen konnte, dass sich Ava irrte, funkelte etwas in der Ferne. Es musste ein Fenster sein, welches das Sonnenlicht reflektierte. Erst jetzt wurde Rahel deutlich, wie weit sie sich von den Slums entfernt hatten.

Schließlich bückte sie sich, um Ava unter Mühe zu helfen, ihre Beute fortzubringen. Immerzu sackten die beiden mit den Füßen in den weichen Sand und zogen sie schwer heraus, als hätten sie Gewichtsmanschetten um ihre Knöchel gebunden. Der Sand war so fein, dass er in ihren Schuhen steckte und auch überall sonst. Er scheuerte und tat weh wie der Sonnenbrand. Ein ewiges Leiden, so wie ein fehlender Arm. Man lernte, damit zu leben.

»Nana? Wenn es dir zu schwer ist, kann ich vorangehen«, sprach Ava. Sie hob die Platte höher an und hoffte so, ihre Großmutter entlasten zu können.

Die alte Frau lächelte. »Nein. Ich halte das schon aus.« Mit den Jahren hatte sich ihr Körper an die Arbeit in der Wüste gewöhnt. Es war mühsam, in der unendlichen Sandlandschaft noch Schrott zu finden. Die Wege wurden weiter, der Radius, in dem sie etwas fanden, zunehmend größer.

Viel zu oft kehrten Menschen nicht zurück, weil sie sich verlaufen hatten. Der größte Fehler war es, sich im Ödland alleine auf seine Sinne zu verlassen. Sobald man keine Anhaltspunkte mehr hatte, an denen man sich orientieren konnte, verlor das Auge die Übersicht. Genau zwanzig Schritte schaffte man geradeaus. Dann sah man sich in der Dürre um. Hatte der vertrocknete Grasstrauch schon zuvor da gestanden? Man überlegte und dachte nach, was bei der brütenden Hitze unmöglich war. So orientierte man sich neu und wanderte für Stunden im Kreis, bis man seinem Schicksal erlag.

Mit dem Anhaltspunkt in der Ferne konnte das den beiden nicht passieren. Ava und ihre Großmutter bahnten sich ihren Weg durch den unebenen Wüstensand und kamen ihrem Ziel immer näher.

Es waren alte Bauten, die sich aus dem Nichts erstreckten und meterhoch in den Himmel ragten. Eng beieinander, schief, zertrümmert und zum Teil verlassen. Einige von ihnen waren umgestürzt und blockierten unzählige Gassen.

Die Betonanhäufungen der Slums ähnelten einem Theater. Die Wohntürme waren wie aufgereihte Sitzplätze im Halbkreis, die Etage für Etage, Reihe um Reihe tiefer in den Sand reichten. Bis die Dächer der Wohntürme an vorderster Front vom Boden verschluckt wurden.

Vor ihnen auf der Bühne tat sich das Wertvollste dieser Welt auf, eine unermesslich große Glaskuppel. Sie nannten sie Arcadia.

Die Hauptstadt erinnerte an ein überdimensionales Gewächshaus. Die Kuppel glänzte in der Sonne und verbarg vor ihr das letzte Stück fruchtbare Erde.

Der Sand unter ihren Füßen wurde fester, bis Ava und ihre Großmutter auf verwehten Asphalt traten. Eine der letzten Straßen.

Wasteland. Das verschmierte Graffiti in ausgeblichenem Schwarz begrüßte sie, noch ehe sie die Ortschaft betraten. Zumindest benannten die Bewohner der Slums die Stadt auf diese Weise. Das Ortsschild selbst war ein poröses Brett und schaukelte im Wind an einem Pfahl, wie ein Mann, der gehängt wurde.

Während die beiden die schwere Metallplatte weiter voran schleppten, bemerkten sie in der Ferne die ersten Menschen.

Als diese Ava und ihre Großmutter entdeckten, standen sie vom Boden auf. Sie hielten die Hand vor die Stirn und beobachteten sie. Wie abgesprochen, festigte sich ihr Griff um das Metall.

»Deine Waffe ist für den Notfall geladen?«, fragte Rahel und ließ die Fremden nicht aus den Augen.

»Ja«, antwortete Ava. Ihr Revolver war an ihrem Steiß versteckt. Mit einer Kugel im Lauf. Das sollte reichen. Misstrauisch bahnten sie sich ihren Weg weiter. Es war nie gut, wenn man mehr besaß als andere.

Die drei Gestalten trugen geflickte lange Leinenroben, die vom Wüstensand verdreckt waren. Ihnen fehlte es an Schutzbrillen. Sie waren jung, vielleicht so alt wie Ava. Ihre Münder waren mit einem leichten Schal vermummt, der im Wind wie Fahnen wehte.

Je mehr sich Ava und ihre Großmutter den Gestalten näherten, umso deutlicher wurde der Zorn in ihren Gesichtern. Es lag nicht an dem Schrott, den sie bei sich trugen, sondern weil die Jungen so lange gesucht und nichts gefunden hatten. Es war frustrierend.

Der Jüngste unter ihnen stampfte aufgebracht voran ins offene Feld.

»Bleib hier! Ein Sturm zieht auf!«, rief ihm Ava zu. Der Junge ignorierte sie und ging stur weiter. Ava wollte ihn noch einmal warnen, doch ihre Großmutter zog sie mit sich, sodass ihr keine Wahl blieb, als zu folgen.

»Nana?«, hauchte Ava und verstand nicht, wie sie ihn gehen lassen konnte.

»Bemüh dich nicht, du hast genug getan«, sagte die alte Frau. »Sie hätten dich nicht gewarnt.« Rahel sah dem Jungen nach, dessen Freunde ihn nicht abhielten. Es fiel ihnen schwer, abzuwägen, ob sie Avas Warnung vertrauen konnten. »Sheeps sind gierig und unbelehrbar.«

2        Vermummt bis auf die Augen eilten vereinzelt Menschen zwischen den hohen Ruinen. Jeder von ihnen warf einen Blick auf die verhüllte Platte. Niemand sprach es aus, doch sie wussten, es musste etwas Wertvolles sein. Der eine oder andere hegte einen düsteren Gedanken, blieb kurz stehen, war jedoch zu feige, um alleine zu handeln.

Ava hielt die Augen offen und ahnte, was die Leute vorhatten. Ihr silberner Revolver mit weißem Griff gab ihr die Sicherheit, die sie in solch einem Augenblick brauchte.

Von Süden aus durchquerten sie die Stadt Richtung Nordwesten, dorthin, wo der Schrottplatz war.

Zwischen den hohen Gebäuden waren die mit Sand bedeckten Straßen so gut wie verlassen. Die Hitze loderte unaufhörlich, als würde man zu nah an einer Feuerstelle stehen. Niemand, der bei Verstand war, wagte sich grundlos mitten am Tag aus den Wohnungen.

In den Slums gab es keine Wegweiser. Fast unkenntliche weiße Zahlen markierten die halb verlassenen Wohngebäude. Nur ab und zu gab es Anhaltspunkte wie Graffiti. Eines von dem jeder wusste, was es bedeutete, aber keiner es wagte, darüber auch nur ein Wort zu verlieren.

Ava entdeckte eine der Schmierereien in den Gassen. Sie wunderte sich, dass noch keiner der Wachmänner, die sogenannten Shepherds, es auf ihren Rundgängen gesehen und entfernt hatten.

Der Marsch auf die andere Seite der Stadt war kräftezehrend. Ava und ihre Großmutter waren erschöpft, die alte Frau bis auf die Knochen durchnässt. Auf Bildern früherer Zeiten war Avas Nana jung, groß und dynamisch gewesen. Doch jetzt war sie klein, hatte einen leichten Buckel und ihre Haare waren so weiß, dass der Staub der Wüste sichtbar an ihnen hängen blieb. Dafür funkelten ihre Augen noch immer, als wäre sie fünfundzwanzig.

Rahel war die einzige Familie, die Ava hatte.

Je näher die beiden dem Werthof kamen, umso stechender wurde der Geruch von verbranntem Motoröl, der durch die Hitze das Atmen zusätzlich erschwerte. Der Gestank stieg Ava in den Kopf und reizte ihre Nerven.

Vor der hohen Mauer tummelten sich bereits zahllose Schrottsammler und verkauften das, was sie draußen in der Wüste ausgegraben hatten. Sie unterhielten sich mit Bekannten und tauschten sich angeregt über gute Fundorte aus. Sie schienen zu beschäftigt, um die beiden Neuankömmlinge zu bemerken.

Auf dem Hof selbst standen Lastenträger. Fernlastwagen, zusammengebaut aus solch vielen Einzelteilen, dass sie die in der Wüste erforderlichen Leistungen gerade so erbringen konnten. Niemand außer den wohlhabenden Sheeps konnte sich die Fahrzeuge leisten.

Egal, wie groß die Lastenträger auch waren, sie kamen mit den geringsten Mitteln aus. Angetrieben wurden sie mit Solaranlagen, die am Deck befestigt waren. Zum Teil mit Diesel oder Benzin, der von wagemutigen Schrottsammlern verkauft wurde. Sie riskierten ihr Leben, indem sie weit in die Wüste fuhren, um dort alte Tankstellen oder liegen gebliebene Fahrzeuge zu finden, die einen kleinen Rest des kostbaren Treibstoffes bargen.

Erdöl gab es schon lange nicht mehr. Minen waren ausgebeutet oder zusammengestürzt. Obwohl Lebensgefahr bestand, wurden sie noch immer betrieben. Es gab Sheeps, die lebten mit ihren Spitzhacken unter Tage. Die Mengen von Erz und Kohle waren so gering, dass sich der Abbau kaum lohnte. Die Minenarbeit war gefährlich. Doch einige der Sheeps glaubten, eine der letzten Goldadern zu finden, um sich so den Weg nach Arcadia zu erkaufen.

Plötzlich blieb Rahel stehen und ließ ihre Enkelin keinen Schritt weiter. Sie setzte die Platte mit einem Ächzen ab und gönnte sich eine kleine Pause, um dann den Schrott alleine anzuheben.

»Nana!«, schimpfte Ava leise. »Was tust du da?«

»Du wartest hier«, antwortete sie knapp.

»Was?« Ava sah durch das offene große Gittertor in den ummauerten Schrottplatz. Drei Meter hoch türmte sich der dicke rote Backstein. Der Mörtel war so vertrocknet, dass die Stürme bereits einzelne Steine von den obersten Reihen gelöst und abgeworfen hatten.

Die Menschen reihten sich vor den breiten Theken des Hofes auf, wo die Mitarbeiter ihnen den Schrott unter Wert abknöpften.

»Ich weiß nicht warum, aber heute sind Shepherds anwesend. Ich will nicht, dass sie dich scannen. Ich gehe rein und komme schnell wieder. Pass du nur auf, dass du dich unauffällig verhältst.« Avas Großmutter wies auf die uniformierten und bewaffneten Männer, die im Innenhof standen.

Ava hatte sie nicht bemerkt, der ölige Geruch lenkte sie zu sehr ab. Ehe sie etwas einwenden konnte, bahnte sich ein Streit auf dem Hof an. Die Hitze ließ die Menschen ungeduldig werden.

»Jetzt mach hin! Während du im Schatten sitzt, brennt uns die verdammte Sonne das Hirn weg!« Ein schmächtiger alter Mann trat aus der Linie. Eine schwarze Augenklappe bedeckte sein linkes Auge. Das rechte war bereits so trüb, dass er bald erblinden würde. Er wollte endlich sein verrostetes Abwasserrohr eintauschen.

Der Mann hinter der Theke sah misslaunig auf, er ließ sich nicht provozieren und blieb auf seinem Hocker sitzen. Die dicke Wampe hing ihm auf den Schenkeln. Obwohl er sich kaum bewegte und im Schatten der hölzernen Überdachung saß, war sein graues T-Shirt nass geschwitzt. »Wenn du damit ein Problem hast, stell dich in eine andere Reihe oder geh nach Hause.«

»Wenn ich …!«, schrie der verwahrloste Mann, der die Sonne kaum noch ertrug.

»Wenn was?« Ein uniformierter Shepherd sprach ihn plötzlich an. Er hatte ein goldverchromtes Visier, das das gleißende Sonnenlicht daran hinderte, ihn zu blenden. Seine Tarnkleidung war mit Braun- und Beigetönen gefleckt. Im freien Feld hätte ihn niemand entdeckt. Hauchfeines, gewölbtes Karbon lag als Brustpanzer um seinen Torso. Der Helm schützte ihn zusätzlich vor Angreifern. Er war groß, stark und gut gebaut. Die Zelos Corporation kümmerte sich um seine Wachmänner.

»Sheep! Zurück in deine Reihe!«, forderte der Shepherd. Selbstsicher trat er vor und zog dabei sein kompaktes Sturmgewehr von der Seite auf die Brust. Kaliber 223, Magazinkapazität 30 Schuss, 700 Schuss pro Minute.

Man kannte die Waffen, die einem das Gesicht spalteten und leblos zurückließen. Oder besser gesagt, das, was von der Waffe übrig geblieben war. Wie präzise die Schusswaffe auch in der Vorzeit gewesen sein mochte, taugte sie nur noch als Warnzeichen. Ihre Funktionalität glich einem Glücksspiel. Das trockene Klima sorgte dafür, dass durch Sand und andere Kleinstteile die Mechanismen klemmten und schneller abnutzten. Manchmal entschied ein einzelnes Staubkorn darüber, ob der Wachmann Einzel- oder Dauerfeuer abgab. Oder sogar ungewollt seine eigenen Leute verletzte. Aufgrund fehlender Rohstoffe konnten Teile kaum repariert oder ersetzt werden. Meist kam die Waffe erst gar nicht zum Einsatz, weil die Munition fehlte.

Der zerzauste alte Mann senkte eingeschüchtert den Kopf und trat zurück an seinen Platz, wie ihm befohlen wurde.

Tatenlos musste Ava mit ansehen, wie der Shepherd zufrieden an seinen Platz zurückkehrte. Seine Kameraden sahen sich um und sicherten weiterhin ihren Bereich.

»Siehst du? Mach einfach keinen Mucks.« Rahel stemmte die Metallplatte auf ihren Rücken. Sie war so schwer, dass sie zur Seite knickte und gestürzt wäre, wenn Ava sie nicht gehalten hätte.

»Nana. Lass mich«, forderte Ava sanft und wollte sie so überzeugen.

Rahel schaute wütend und schüttelte den Kopf. »Ich lass nicht zu, dass sie dich scannen. Und du hast ebenfalls dafür Sorge zu tragen.«

Ava biss die Zähne zusammen und gab krampfhaft nach. Dennoch begleitete sie ihre Nana bis zum Tor. Als Ava sie gehen ließ, blieb Rahel noch einmal stehen, hopste mit Schwung und richtete die schwere Platte auf ihrem Rücken.

Die ersten Wachmänner wurden auf sie aufmerksam. Ava trat erschrocken beiseite und entkam um Haaresbreite ihrem Blick. Anstatt dass die Männer der schwachen alten Frau halfen, standen sie da und beobachteten sie. In kleinen Schritten bewegte sich Rahel ächzend in Richtung der Reihen. Immer wieder musste sie halten, um die Platte auf ihrem Rücken zurechtzurücken. Avas Herz schlug schneller, sie wollte ihrer Nana nur noch nachlaufen.

Die letzten Meter zur ersten Kasse brachten die alte Frau zum Schwanken. Die Platte war einfach zu schwer und kippte zur Seite. Ava schnappte nach Luft und trat über die Schwelle zum Werthof. Ehe sie einen weiteren Schritt machen konnte, kam endlich jemand ihrer Nana zu Hilfe.

Es war ein junger Mann. Ava kannte ihn. Sie hatte oft genug etwas an ihn verkauft. Jack, der Werthofmeister, so nannten sie ihn. Er kaufte alles, was es zu verwerten gab, und belieferte mit dem guten Zeug Arcadia. Was er selbst gebrauchen konnte, behielt er. Plastik, Schiffsteile, andere Fahrzeugteile, Gold, Silber und Edelsteine. Jenes, das vor Jahrhunderten von Sandmassen begraben worden war und das Leben auf dem Planeten bereichert hatte.

Er war Mitte zwanzig, mit kurz geschorenem dunkelblondem Haar. Muskulös und wohlgenährt. Niemand traute sich, ihn zu betrügen, und wenn doch, bekam man seine geballte Kraft zu spüren. Er war ein Schönling mit eisblauen Augen. Für einen Mann waren seine Lippen viel zu sinnlich und passten nicht wirklich zu seiner Art.

Und doch half er in diesem Moment Avas Großmutter. Ava wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie fühlte keine Erleichterung. Jack lächelte engelsgleich, stemmte die Platte zu Boden und streifte unbekümmert die staubige Decke ab. Sein Lächeln verstummte, sobald ihm klar wurde, dass es sich um ein Flugzeugteil handelte. Sein Mund zuckte, als hätte er eine Wette verloren.

»Wärst du nur an einem anderen Tag gekommen, Mütterchen«, sagte er und seufzte.

»Was meinst du?«, fragte Rahel.

»Sie konfiszieren heute alles, was uns gebracht wird«, gab Jack angestrengt von sich.

»Aber warum?« Rahel war aufgebracht. Als Jack ihr antworten wollte, traten zwei Shepherds aus der Reihe. Einer von ihnen brachte einen Handscanner hervor. Der grüngraue Monitor blinkte auf. Ehe der Shepherd überhaupt neben der alten Frau zum Stehen kam, hob er das Gerät und drückte es ihr in den Nacken.

Ava stockte der Atem. Unbemerkt von den anderen hob Rahel die Hand und beschwichtigte aus der Entfernung ihre Enkelin. Ein piepender Laut ertönte und der erste Shepherd las die Daten ab.

»Rahel, 65, Schrottsammlerin.« Er fuhr mit dem Zeigefinger über den Bildschirm, um weitere Daten abzulesen. Seine Körperhaltung lockerte sich und ein selbstgefälliges Lächeln lag ihm auf den Lippen. »Früher wohnhaft in Arcadia.«

Arcadia? Hatte Ava eben richtig gehört?

»Ich habe nichts Falsches getan«, gab Rahel verwirrt von sich, von dem ihre Enkelin wusste, dass sie die Rolle einer hilflosen alten Frau nur spielte.

»Wo hast du das Flugzeugteil her?«, fragte der erste Shepherd schroff.

Rahel sah sich aufgelöst um, hielt sich an Jack fest und spielte ihre Rolle gekonnt weiter. »Draußen, in der Wüste, wie alles.« Wenn sie ihnen den Fundort nannte, würden sie selbst mit ihren Hilfsmitteln nach Schrott graben.

»Welche Richtung?« Der Ton des ersten Shepherds war noch immer rau. Rahel ließ nicht von Jack ab und deutete mit zittriger Hand durch das Tor nach Süden.

»Da lang. Oder doch da?«, meinte sie und wies nach Osten.

Ava musste schmunzeln. Die Männer schwiegen und verstanden, dass bei der durchgeknallten Alten nichts mehr zu holen war. Dafür entwendeten sie Jack die Metallplatte und brachten sie zu einem Transporter mit weißem Container. Er trug den dunkelblauen Aufdruck der Zelos Corporation.

Rahel sah den Shepherds missmutig nach. »Was hat das zu bedeuten?« Jetzt sprach sie klarer.

Jack stöhnte. »Dass ich heute leer ausgehe und du dafür weniger bekommst.« Er legte die Hand behutsam auf Rahels Rücken und begleitete sie zu einer der Theken, wo sie ausgezahlt werden sollte. Auf den Weg dorthin warf Rahel Ava einen mahnenden Blick zu und ihre Enkelin gehorchte.

Auch wenn alles gut ausgegangen war, frustrierte die Anwesenheit der Shepherds Ava so sehr, dass sie nach einem fremden Jungen griff, der gerade den Werthof verlassen wollte. Er erschrak und atmete entsetzt.

»Warum sind heute Shepherds anwesend?«, zischte Ava und ließ den Jungen los. Er trug ein langes Hemd und lief barfuß. Wie hielt er den heißen Wüstenboden nur aus?

»R… Roaches sollen hier gewesen sein«, stotterte er und lief verängstigt davon.

»Na toll«, nörgelte Ava. Nach all den Strapazen hatte es noch gefehlt, dass sich Menschen aus dem Untergrund, an den Dingen zu schaffen machten, die ihnen nicht gehörten. Ava lehnte sich an die Mauer und wartete auf ihre Nana.

In der Zwischenzeit kamen zwei Männer vom Werthof und blieben neben Ava stehen.

»Hast du auch so wenig bekommen?« Der Mann, dem ein Schneidezahn fehlte, kniff die Augen von der blendenden Sonne zusammen. Der Schweiß perlte ihm von der Schläfe, sodass er ihn mit dem Ärmel seines T-Shirts fortwischte.

Sein Freund schnaubte unzufrieden und zog den Gürtel um die Hose enger. Im Gegensatz zu seinem Gegenüber trug er eine verdunkelte Schutzbrille auf der Nase.

»Alles nur wegen des Ungeziefers. Sollen sie sich dorthin verkriechen, von wo sie auch immer herkommen.«

»Die Roaches haben doch erst vor Wochen die Versorgungsroute überfallen. Dann gleich auch diese Woche? Sie erzählen einem, dass sie denjenigen etwas geben, die nichts haben. Ich selbst habe auch nichts, bei mir waren sie jedoch kein einziges Mal. Bin immer noch arm wie eine Kirchenmaus.« Sie lachten und gingen weiter.

»Wir können.« Diesmal zuckte Ava vor Schreck zusammen, als plötzlich ihre Großmutter neben ihr stand. Sie lächelte zufrieden, was Ava erstaunte. Ihre Ausbeute musste gut gewesen sein.

Das Mädchen stemmte sich von der Wand und begleitete sie zurück in die Slums.

»Was meinte der Shepherd, als er Arcadia erwähnte?«, fragte Ava.

»Was? Du musst dich verhört haben«, winkte ihre Nana ab.

Ava ging langsamer. Sie war sich sicher, sie hatte sich nicht verhört.

Als Rahel bemerkte, dass ihre Enkelin nicht nachkam, sah sie sich nach ihr um. »Beeil dich, ein Sturm zieht auf.«

Kapitel 2 - Hunger und Durst

1        Der Tag neigte sich dem Ende zu. Der Wind wurde stärker und brachte die Kühle aus den Teilen der Erde, in denen bereits die Nacht eingetroffen war. Die Sonne stand so tief, dass sie die Welt für einen Moment blutrot tränkte. Als wollte sie ein letztes Mal demonstrieren, wie mächtig sie war.

In einigen Gassen war es windstill, während in anderen orkanähnliche Verhältnisse herrschten. Die verfallenen Gebäude gaben dem Sturm leicht nach und ächzten bedrohlich.

Vermummt liefen Ava und Rahel durch ihre gewohnten Straßen, bis plötzlich laute Sirenen mit dem Wind um die Wette heulten. Sie warnten nicht nur vor dem Sturm, sondern läuteten die Ausgangssperre ein. Heute früher als sonst.

Die Sirenen wurden lauter und übertönten kurz den tosenden Wind. Jetzt wurde niemand mehr auf den Straßen geduldet. Wer erwischt wurde, den sperrten die Shepherds ein. Schließlich gehe es um das Gemeinwohl, so sagten sie zumindest.

Die endlos hohen Wohntürme waren so weit vom Wüstensand vergraben, dass es keine wirklichen Eingänge mehr gab. Oft nutzten die Bewohner der Slums die höher gelegenen Fenster als Zugang in die Betongebäude.

Rahel und Ava hatten gerade den Wohnturm erreicht, in dem sie lebten, als der Wind weiter an Stärke zunahm. Schmerzvoll blies er ihnen den Sand ins Gesicht. Mit Mühe stemmte sich die alte Frau dagegen. Kaum hatte sie es an das äußere Fensterbrett geschafft, stieß Ava sie mit solch einer Wucht, dass sie schmerzhaft in das Innengebäude stolperte und auf ihre geschundenen Knie fiel.

Plötzlich brach etwas über ihr ein. Panisch verschränkte Rahel ihre Hände über dem Kopf und kauerte sich auf den Boden. Es donnerte, die Erde bebte. Die alte Frau presste verängstigt ihre Augenlider zusammen und bemerkte viel zu spät, dass ihr nichts geschehen war.

Rahel blickte auf. »Ava?!«, rief sie. Ihr Echo hallte wider. Der Wind hatte aufgehört.

Verwundert wendete sich Rahel zum Fenster und erkannte einen mannsgroßen Felsen, der von außen den Eingang blockierte. »Ava?!« Wo steckte ihre Enkelin?

Mit einem Stöhnen raffte sich Rahel auf und ignorierte den Schmerz ihrer Knie. Sie stürzte sich gegen das Ungetüm, das den Weg versperrte. Der scharfe Wind zischte durch die Spalten. Was sie für einen Felsen hielt, war ein Teil der Gebäudefassade, den der Sturm losgerissen hatte.

Rahels Herz raste und trommelte ihr bis zum Hals.

Ava war draußen! Sie musste ihr helfen!

Die alte Frau drückte gegen das poröse Gebäudestück. An der Oberfläche bröckelte es, doch der Beton war zu schwer. Sie schaffte es nicht, ihn vom Fleck zu bewegen.

»Ava«, hauchte Rahel. Was konnte sie jetzt noch tun?

Mit einem Mal bewegte sich das Ungetüm. Rahel trat beunruhigt zurück. Sie musste sich in Sicherheit bringen, doch nicht ohne ihr Kind!

Dann sah sie unerwartet Finger am Rande des Betons. Rahel riss sich die zerkratzte Schutzbrille runter, um besser zu sehen. Der starke Wind strömte hinein und wirbelte ihr den Sand in die Augen, dass sie den Arm schützend vors Gesicht hielt.

Jemand trat ächzend ins Gebäude.

»Nana! Hilf mir!«, rief Ava.

Rahel war verwirrt. Wie hatte es Ava geschafft, den Felsen zu bewegen? Ob ihr der Wind dabei geholfen hatte?

Egal, was es auch war, zum Glück war Ava nichts geschehen. Rahel schluckte ihre Angst hinunter und trat zu ihrer Enkelin. Gemeinsam zogen sie das Fenster aus der Sicherung.

»Nana? Ist dir etwas passiert?« Atemlos riss sich das Mädchen ihr Bandana von der Nase und löste die Brille vom Kopf. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung und dennoch dachte sie nur an ihre Großmutter.

»Es ist alles gut, mein Kind«, antwortete ihre Großmutter heiser. Sie stützte ihre Enkelin die Stufen hinauf, deren Beton Risse warf. Die Fenster im Flur knarzten. Es war dunkel und grau geworden. Der heranziehende Sandsturm trübte die Aussicht.

Ava verschnaufte und stützte sich an die Wand, während Rahel sie hielt. Dabei blickte die alte Frau unwillkürlich in die Tiefen des maroden Hochhauses. Dorthin, wo das Tageslicht nie hineinstrahlte und die zwielichtigen Menschen dieser Gesellschaft ihr Leben verbrachten.

Als sie in den obersten Etagen angekommen waren, kramte Rahel angeschlagen nach dem Schlüssel in ihren Taschen. Die Eisentür quietschte und ein süßlich, trockener Geruch kam ihnen entgegen.

Die Wohnung, in denen die beiden lebten, war geschnitten wie ein U. Ein kleiner Flur führte direkt in den nächsten Raum, den sie als Schlafplatz nutzten, und dieser an einer offenen Kochnische grenzte.

Die Luft war abgestanden und die Räume schattig. Nur durch die äußere dunkle Klebefolie an den Fenstern drangen die letzten Sonnenstrahlen hinein. Der Wind zerrte an den zerrissenen Fetzen und arbeitete seit Jahren daran, die Schutzfolie zu lösen.

Die karg möblierte Wohnung lag schräg und war in einem der wenigen bewohnbaren Hochhäuser der Slums. Es gab keine Türen, bis auf die verrostete Außentür, die auch nicht mehr die Sicherheit versprach, die sie einst erfüllt hatte.

An den Wänden blätterten die Reste von alter himmelblauer Farbe. Der Putz bröckelte und dennoch waren sie in Sicherheit.

Die Küche war klein, es fehlten Schranktüren und Regalböden. Doch unbeschreiblich wertvoll stand die Metallspüle noch an ihrem Platz.

Der Wasserhahn war leicht korrodiert. Sein verräterischer Glanz war vom Staub bedeckt. Die kaum beschädigte Spüle war ein Vermögen wert. Jemand musste sie vergessen haben oder war gestorben, bevor er sie verkaufen konnte.

Im Wohnzimmer stand ein altes Metallbett. Der weiße Lack löste sich bereits von den rostigen Stangen, die mit verfranzten Leinentüchern verknotet waren und das Gestell zusammenhielten. Für Ava war es unnötiger Luxus. Das Metall hätten sie längst verwerten können.

Unter Protest ihrer Großmutter hatte Ava damals die Metallfedern aus der Matratze herausgeschnitten und sie einfach umgedreht. Die alte Frau war manchmal so weltfremd und hielt an dem Traum von einem schönen Zuhause fest, worüber ihre Enkelin nur den Kopf schütteln konnte. Sie war viel pragmatischer und verstand ihre Nana meist nicht.

Aber was Ava wirklich mochte, war das schmale, offene Bücherregal, das in der Wand eingelassen war. Das Holz war trocken und brüchig. Wenn man vorsichtig damit umging, hielt es zumindest drei Bücher und eine kleine, bunte Keramikschale. Sie war an den Seiten angeschlagen und quer durch den Boden ging ein Riss.

Ava hatte die Schale auf einer ihrer Routen gefunden. Für sie war es wertloser Schrott, doch sie wusste, ihre Großmutter würde sie lieben.

Das Mädchen begab sich zur Wand, in dem das Bücherregal eingelassen war. Sie setzte sich daneben auf den Boden und verschnaufte. Dabei entledigte sie sich ihres Mantels und ihrer Schutzbrille.

Rahel ging zum Bett und leerte den Beutel aus, den sie von Jack bekommen hatte. »Du solltest dich hinlegen«, sagte sie. Mittlerweile hatte sie sich von dem Schreck zuvor erholt.

»Es geht mir gleich besser«, meinte Ava matt.

Beide verstummten, als im nächsten Moment das Gebäude stärker schwankte. Das Gemäuer gab beunruhigende Geräusche von sich, als würde sich Metall biegen. Aber nichts geschah.

Ava war noch etwas blass von der Anstrengung. Doch sobald sie die Ware erblickte, verdrängte sie die letzten Erschöpfungssignale und stand auf.

»Nicht wahr!«, schimpfte sie. »Der hat dir nur sechs Lifebars mitgegeben?«

Rahel blieb besonnen. »Dafür mehr Lifedrops, als wir benötigen.«

Kleine, klare geleeartige Kugeln lagen auf der Bettdecke. Im letzten Licht der roten Abendsonne funkelten sie wie unbezahlbare Edelsteine.

Rahel nahm einen in ihre dürren Finger. Die Hülle war zwar fest, gab jedoch leicht nach.

»Hier.« Sie reichte sie ihrer Enkelin und brachte gleichzeitig unter dem Kopfkissen einen weiteren Beutel hervor.

Ava zögerte, ihre Großmutter sollte lieber zuerst eine nehmen. Doch Rahel streckte ihr den Drop auffordernd entgegen, bis Ava nachgab.

Das Mädchen nahm die kleine Kugel zwischen die Lippen und sog sie in den Mund. Augenblicklich verwandelte sich das Gelee in einen großen Schluck Wasser. Ava genoss das Gefühl und behielt das rationierte Süßwasser einen Moment länger in ihrem Mund. Ein Tropfen auf einem heißen Stein und dennoch hielt es sie am Leben.

Ava seufzte erleichtert und ihre Großmutter teilte die Rationen an synthetischer Nahrung in drei Haufen.

Die Lifebars waren eingeschweißte, braun-weiß marmorierte Klumpen. Wenn sie echt waren, waren sie weich und sättigten den halben Tag. Nicht wie das gepanschte Zeug vom Schwarzmarkt, das knusprig und hart war. Oft blieb den meisten keine andere Wahl, wenn sie draußen in der Wüste nichts zum Verwerten fanden.

Nachdem Rahel die Lebensmittel aufgeteilt hatte, zurrte sie an Avas Gurt und zog den kleinen Beutel von der Seite nach vorne. Sie gab ihrer Enkelin drei Lifedrops und zwei Lifebars.

Den Rest der Lebensmittel verstaute Rahel in dem Reservebeutel, den sie unter dem Kissen hervorgeholt hatte.

»Du hast mir einen Lifedrop zu viel eingepackt«, meinte Ava und kramte einen hervor. Sie rechnete den ab, den sie eben geschluckt hatte.

»Das ist so in Ordnung«, erwiderte ihre Großmutter.

Ava missfiel der Gedanke. »Dann nimm dir wenigstens einen aus dem Vorratsbeutel.«

Rahel reichte Ava den dritten Beutel. »Bring den Junus und seiner Familie.«

Ava betrachtete das Säckchen skeptisch und haderte mit sich.

Rahel lächelte warmherzig. »Wir werden sicher wieder Schrott finden.«

Ihre Enkelin gab nach. »Gut. Dann ruhe dich aus. Ich bringe das rüber.« Ihre Großmutter nickte und das Mädchen verließ das Zimmer. Sie schloss die rostige Metalltür auf, deren Scharniere so laut quietschten, dass Ava ihre Schultern bis zu den Ohren hochzog.

Von der Wohnung aus ging sie nach rechts. Der Betonboden gab leicht nach und kleine Steine bröckelten das Treppenhaus hinunter, was Ava als selbstverständlich vernahm.

Sie klopfte nicht, als sie vor der Türschwelle der Nachbarn stand. Vorsichtig drückte sie die Klinke und öffnete die Holztür, die eigentlich nur eine marode Holzplatte war.

Das Zimmer war dunkel und die Familie schlief bereits auf dem Betonboden, der mit verschlissener Pappe ausgelegt war. Verwirrt schaute sie ein verschlafener junger Mann an.

»Junus?«, fragte sie leise. »Komm«, flüsterte Ava dann. Der Junge folgte ihrer Aufforderung und kratzte sich müde am Hinterkopf. Sein aschbraunes Haar war kurz und dennoch gelockt. Der Undercut hielt ihm den Nacken frei. Die Sonne hatte auch ihm die Haut gebräunt, sodass seine hellblauen Augen leuchteten.

»Ava? Was ist los?« Junus war es gewohnt, dass sie nicht klopfte. Sie kannten sich von klein auf, seit dem Tag, an dem Ava mit ihrer Großmutter aufgetaucht war, waren sie zusammen aufgewachsen.

Ava antwortete ihm nicht wirklich. »Nimm das«, sagte sie.

Junus nahm den gefüllten Beutel an und blickte hinter sich in die Wohnung, wo seine Eltern und Geschwister lagen. Schlaf war die beste Option, bevor der Hunger kam.

Der Putz der Wände war aufgerissen, um an die Kupferkabel heranzukommen. Sie hatten seinerzeit alles aus der Wohnung verwertet, was sie auf dem Werthof veräußern konnten. Sie waren Schrottsammler, so arm, dass die Kleinsten von ihnen Kleidung aus Lumpen trugen.

Junus kam heraus in den Flur und zog dabei die Tür weiter zu. Egal, wie gleißend hell das Tageslicht war, so schnell verdunkelte es sich, wenn die Nacht hereinbrach. Es gab kein Licht im Hausflur, dafür hatte man zu viel in den Wohnkomplexen zerstört.

»Was ist das?«, fragte Junus. Dabei wusste er genau, was es mit dem Beutel auf sich hatte.

»Wir haben heute ein Flugzeugteil gefunden«, brüstete sich Ava, obwohl sie Schwierigkeiten hatte, das neue Wort wie ihre Großmutter auszusprechen.

»Aha«, meinte Junus. Er schmunzelte und ließ ihr die Prahlerei durchgehen. Der Beutel lag schwer in seiner Hand, er schämte sich und schaffte es nicht mehr, ihr in die Augen zu sehen.

Ava verstand sehr wohl, was in ihrem Freund vorging.

»Ich nehme dich morgen mit, dann suchen wir gemeinsam. Nana kann sich ausruhen und du hilfst mir.« Dem Mädchen war es unangenehm, wie sich Junus fühlen musste. Er brauchte auch nicht sagen, dass er in ihrer Schuld stand. Das hatte er oft genug getan.

Ava besaß eine gute Nase, am liebsten wollte Junus jeden Tag mit ihr raus. Aber es war ihm unangenehm, ihr ständig am Rockzipfel zu hängen.

»Gut«, sagte Junus leise. Er sah auf. »Ich wecke die Kleinen morgen früh, die freuen sich bestimmt.« Er lachte. Seine Augen wurden wässrig. Ava fand ihn viel zu sentimental.

»Ich hole dich dann ab«, meinte sie und tat so, als hätte sie seine Emotionen übersehen.

»Danke«, hauchte Junus.

Sie sprachen kein Wort mehr, bis Ava schließlich zurücktrat und ihren Freund verließ. Junus sah ihr nach und kehrte erst in die Wohnung zurück, als seine Freundin über die Türschwelle verschwand.

Vorsichtig schloss er dann die Tür. Es war still im Raum. Seine Familie war vom Tag so erledigt, dass sie noch immer schliefen.

Junus setzte sich im Dunkeln auf den Boden, wo er zuvor gelegen hatte. Während die Eltern nebeneinanderlagen, ruhten seine zwei Geschwister um sie herum. Als wären sie der Mond und die Kleinen ihre Sterne.

Der Junge schniefte leise. Sein Hunger war mittlerweile so stark, dass er Übelkeit verspürte. Es war nichts, was er nicht bereits kannte. Der Hunger saß fest in seinem Magen, wartete Sekunden manchmal Minuten. Jetzt hatte Ava ihnen etwas mitgebracht. Sie würden sich morgen früh alle darauf stürzen, alles aufessen wollen, was der Beutel hergab.

Junus’ Hände zitterten. Seit zwei Tagen waren sie erfolglos gewesen. Den letzten Lifedrop hatten sie heute Mittag geteilt. Eine kleine Kugel durch fünf Personen.

Die Tränen perlten dem Jungen vom Kinn auf den harten Betonboden. Er legte sich hin und kauerte sich zusammen, dabei hielt er den Beutel so fest, als hätte er das wertvollste Geschenk dieser Welt bekommen.

2        Leise schloss Ava die Metalltür. Ihre Großmutter lag bereits im Bett. Der Tag war so anstrengend gewesen, dass sie in der kurzen Zeit, in der Ava fort war, eingeschlafen war. Ihre Schuhe standen ordentlich neben dem Bett, ihr Mantel hing am Metallrahmen.

Ava lächelte bedrückt. Ihre Nana war so stur, sie wollte ihre Enkelin nicht alleine ziehen lassen und tat ständig so, als wäre sie topfit. Was sie damals auch gewesen war.

Rahel hatte sich aufopfernd um ihre Kleine gekümmert. An den schlimmsten Tagen hatte sie all ihre Rationen an Ava abgetreten, damit sie, zumindest ohne zu weinen, einschlafen konnte. Wenn sich Ava jetzt noch daran erinnerte, ärgerte sie sich, dass sie es zugelassen hatte. Aber sie war noch zu jung gewesen, um zu begreifen, wie grausam die Welt war, in die sie hineingeboren worden war.

Mit schlechtem Gewissen setzte sich Ava neben das Regal. Sie streckte sich nach einem Buch, legte es vorsichtig auf ihre Oberschenkel und schlug es auf. Es handelte von Tieren, wie Kühen und Schweinen, die schon lange nicht mehr existierten. Selbst Avas Großmutter wusste nicht viel von diesen Nutztieren. In den Texten ging es um ihre Beschaffenheit, ihre Leistungen und Haltung. Kosten-Nutzenrechnungen wurden anhand von Beispielen demonstriert, von dem Ava nicht wusste, um welches Zahlungsmittel es sich handelte. Es fehlten einfach zu viele Seiten.

Ava hatte die Arme vor ihrer Brust verschränkt und bemühte sich, das bröselige Papier nicht unnötig zu berühren. Es war bizarr. Kühe ähnelten gefleckten Kästen. Mit ihren vier Mägen musste sich doch der Hunger vervierfachen und unerträglich sein. Sie verstand es nicht und las weiter über rosa Schweine, die aussahen wie gemästete kleine Menschen, von denen Ava glaubte, dass ihre Ahnen legalen Kannibalismus betrieben hätten. Es war widerlich und dennoch interessant. Wenn das Mädchen den Berichten glauben konnte, in denen die Tiere massenweise ausgebeutet und getötet wurden, war es gar nicht mehr so schlecht, dass es sie nicht mehr gab. Ihr Körper kannte schließlich nichts außer den Lifebars und den Lifedrops – die synthetische Nahrung des armen Volkes.

Bevor Ava umblätterte, las sie die letzten Reihen ein weiteres Mal, um sich alles besser einprägen zu können. Konzentriert bewegten sich ihre Lippen, sie war zwischen den sachlichen Zeilen gefangen, flüsterte vor sich hin und übte die ungewohnten Wörter auszusprechen.

»Ökonomisch, ökologisch …« Ihr Mund fühlte sich fremd an. Es kam ihr vor, als würde sie ihr Gesicht verzerren und eine fremde Sprache sprechen.

»Ist es so interessant?«, fragte Rahel leise.

»Nana?« Ava blickte erschrocken auf und schaute ihre Großmutter ertappt an. Verlegen biss sie auf ihre Unterlippe. Sie fühlte sich schuldig, anscheinend war sie zu laut gewesen. »Du solltest doch schlafen«, sagte sie.

»Ich habe wohl ausgeschlafen.« Die alte Frau lächelte. Sie fand es wundervoll, dass ihr kleines Mädchen lesen konnte. Sie hatte es ihr beigebracht. Kaum jemand in den Slums konnte lesen und schreiben. Meist gab es einen Vorleser und andere hörten ihm zu. Wenn Ava besser werden würde, öfters laut lesen üben würde, vielleicht könnte sie dann vom Schrottsammeln abkommen und in Zukunft ihren Lebensunterhalt als Vorleserin verdienen. Vermutlich würde sie dann mehr hungern. Aber diese Arbeit war sicherer als die in der Wüste.

Plötzlich knurrte der Magen der alten Frau. Beschämt zuckte sie zusammen, was ihr zugleich Schmerzen zufügte.

»Ist alles gut?«, fragte Ava besorgt.

»Ja«, stöhnte Rahel. »Es ist halt nicht leicht, älter zu werden.«

Ihre Enkelin kicherte. »Du meinst eher, dass man auf leeren Magen nicht gut schlafen kann?« Ihre Augen funkelten.

Ava hatte besondere Augen, die gelb golden leuchteten. Selbst im Dunkeln verloren sie nicht ihren Glanz. Was hassenswert war, weil sie an die Sonne erinnerten. Noch hassenswerter war ihre Militärkleidung, besser gesagt, den Teil, den sie davon trug. Die Hose saß gut, das Tarnfleckenmuster wies keine Löcher und Flicken auf. Sie war abgetragen, aber das Material schützte zumindest vor einem Sonnenbrand. Es war selten, dass jemand gute Schuhe besaß. Doch die schwarzen ledernen Einsatzschuhe mit hohem Schaft hatten noch eine dicke feste Sohle. Sie waren zwei Nummern zu groß, aber die Kleine würde hineinwachsen. Genauso wie in ihr zu groß geratenes weißes T-Shirt, das sie in den Bund der Hose gestopft hatte. Der Schweiß und der Staub hatten es vergilbt, am Kragen war ein Loch. Rahel war nicht dazu gekommen, es mit einer ihrer Haarsträhnen zu flicken.

Beunruhigender war, dass Ava einen Gürtel mit einer Silberschnalle trug. Kein Edelmetall und dennoch riskierte sie, dass Sheeps unnötig auf sie aufmerksam wurden. Sie hatten nicht viel, und wenn, dann die guten Sachen.

Aber ihre Enkelin war geschickt und wusste auf sich aufzupassen. Ava hatte von klein auf das Handeln gelernt. Konnte den guten Schrott vom schlechten unterscheiden. Sie hatte es mittlerweile in der Nase, wenn es unter der Erde nach Metall roch. Alleine deswegen lebten sie gut.

Ava war wunderschön. Ihre vollen Lippen waren spröde. Ihre kleine Nase war am Rückenbogen leicht nach innen gedrückt, sodass sie etwas platt wirkte. Sie hatte dichte Augenbrauen und lange Wimpern. Es kam nicht oft vor, doch wenn sie lachte, ging einem das Herz auf.

Das Mädchen hatte noch immer ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen und brachte einen der eingeschweißten Lifebars aus ihrem Lederbeutel.

»Jetzt habe ich wirklich Hunger«, meinte Rahel. Sie seufzte, als Ava die vakuumverpackte Folie aufriss, es leise zischte und das Bruchstück herausholte. Es war weich, teilte sich leicht und jeder von ihnen hatte ein fast gleich großes Stück zwischen den Fingern.

»Riechst du, wie süß das duftet?« Rahel kicherte und gönnte sich einen kleinen Happen, der sich buttrig im Mund verteilte.

Ava setzte sich zu den Füßen ihrer Großmutter und knabberte an dem weichen Stück, welches Fäden zog. Sie war froh, dass ihre Nana bereit war, ihre Ration mit ihr zu teilen. Sonst bestand sie immer darauf, erst ihre aufzubrauchen, damit ihre Enkelin mehr hatte.

Die Lifebars bestanden aus synthetischem Zucker, Vitaminpulver und Proteinen, welches aus Insekten gewonnen wurde, die Zelos weit außerhalb der Städte in einem Lager züchteten.

In der Wüste gab es kaum noch Tiere. Ab und zu fand Ava beim Graben eine kleine Echse oder einen Skorpion. Sie machte es davon abhängig, wie nötig sie die Lebensmittel hatte, ob sie das gefangene Tier eintauschte oder es mit ihrer Nana verspeiste. Es war schön, etwas Festes zwischen den Zähnen zu bekommen. Doch wirklich zu verachten waren die süßen Lifebars nicht. Sie sättigten gut aufgeteilt einen ganzen Tag. Ein Lifedrop löschte für zwei Stunden den Durst.

Ava wurde stutzig, als ihre Großmutter sich zurück ins Bett legte und die Hälfte ihres Bars nicht aufaß.

»Ist alles in Ordnung, Nana?«, fragte Ava besorgt und schluckte den letzten Bissen hinunter.

Rahel seufzte und deckte sich zu. »Ich glaube, heute war es zu viel für mich. Mir ist etwas schwindelig.« Sie klang träge.

Ava stand vom Bett auf und streichelte über ihre Schulter. »Ich hätte dich schonen sollen. Morgen geht es dir besser.« Mit den tröstenden Worten schloss ihre Großmutter die Augen und schlief ein. So schnell, Ava fürchtete kurz, sie wäre ohnmächtig geworden.

Leicht beunruhigt fühlte das Mädchen nach dem Puls ihrer Nana. Sie legte ihr die Hand auf den Rücken und spürte ihr Herz. Sie atmete noch. Erleichtert richtete sich Ava auf. Ihre Nana war schmal und gebrechlich. Heute war sie mit ihr einfach zu weit draußen gewesen.

3        Es war Nacht. Der Sturm hatte sich gelegt und der Mond schien so hell, dass er die Sterne um sich herum verblassen ließ. Ava saß noch im Schneidersitz auf dem Boden, den Kopf an die Wand gelehnt und das Buch auf ihrem Schoß.

Der Platz neben dem Bücherregal war ihr Lieblingsort. Obwohl sie keinerlei Komfort hatte, empfand sie es so gemütlich, dass sie beim Lesen eingeschlafen war. Sie hatte darüber fantasiert, wie es wohl sein würde, wenn die Erde mit grünen Pflanzen bedeckt wäre und die Zuchttiere herumgrasten, um ihren Hunger zu stillen. Ob auch Menschen Gras essen konnten? In dem Buch hatte sie keinerlei Anhaltspunkte dazu gefunden.

Doch sie wachte auf, als ihre Nana sich unruhig im Bett wälzte und vor Schmerz stöhnte.

»Nana?« Ava stand sofort auf und ließ es sich dennoch nicht nehmen, das Buch vorsichtig zurück an seinen Platz zu stellen. Rahel hielt ihren Bauch. Ava deckte ihre Großmutter auf. Sie war nassgeschwitzt.

»Nana?«, wiederholte Ava unruhiger. Sie gab ihr keine Antwort. Avas Herz schlug schneller, sie wusste nicht, was sie tun sollte. Es war das erste Mal, dass es ihrer Großmutter so schlecht erging. Sonst war sie immer diejenige, die sich um ihre Enkelin kümmerte.

»Es tut weh«, jammerte Rahel und krümmte sich. Ava packte die Panik. Ihre Nana brauchte Hilfe!

Das Mädchen stürmte aus der Wohnung und polterte im dumpfen Licht des Mondes die Treppen hinunter. Durch ihre Unachtsamkeit lösten sich kleine Steine und fielen in die Tiefe. Ihr Aufprall hallte nach wie Avas hastiger Atem. Sie lief zwei Stockwerke hinab und trommelte ungehalten an eine Wohnung, was vermutlich alle Anwohner erschreckte.

»Was ist denn los?!«, rief ein Mann hinter verschlossener Tür.

»Dr. Phil! Dr. Phil!«, gab Ava aufgebracht von sich. »Ich brauche Ihre Hilfe!«

Ein großes Schloss knackte von innen auf, die Tür öffnete sich eine Handbreit. Der Arzt blickte durch den Spalt. Er richtete sich die Brille, die aus oval geschliffenem Glas und mit dünnem Draht zusammenhielt.

»Was ist?«, fragte er verunsichert.

»Bitte schnell«, haspelte Ava. »Meine Großmutter, Rahel, sie hat plötzlich Schmerzen.« Das Mädchen schluckte entsetzt, ihre Kehle war so trocken, als hätte sie die ganze Wüste durchquert.

Der ältere Mann zögerte und nickte schließlich zustimmend. Er sah über seine Schulter, seine Frau stand hinter ihm.

»Verschließ die Tür«, forderte er und löste die letzte Sicherheitskette, um dem aufgebrachten Mädchen zu folgen.

»Nicht so schnell«, protestierte Dr. Phil. Es war dunkel und er hatte nicht mehr die besten Augen. Er tastete sich regelrecht blind an der Fassade entlang.

Ava jedoch ging es nicht schnell genug. Sie war ihm immerzu ein paar Stufen voraus und drehte sich ungeduldig nach ihm um. Sie wartete auf den Mann, von dem sie sagten, dass er aus der Hauptstadt verbannt worden war, weil er öffentlich Kritik an der Regierung geäußert habe. Er hatte die Ungerechtigkeiten nicht ausgehalten und musste sie nun dafür mit seiner Familie ertragen. In den Slums, in dem es jeden Tag um das Überleben ging.

»Ava. Was ist passiert?« Junus war aus der Wohnung gekommen. Seine Familie stand ebenso besorgt an der Haustür, doch von ihnen traute sich niemand auf den Flur hinaus.

Nachts waren die Slums gefährlich, selbst wenn sie sich im Hausflur aufhielten.

Ava antwortete nicht, sah sie nur an und kehrte zurück in die Wohnung, wo ihre Großmutter noch immer mit den Schmerzen kämpfte.

Die weiteren Menschen verunsicherten Dr. Phil. Mittlerweile kam es ihm wahnsinnig vor, dass er um diese Uhrzeit die Wohnung überhaupt verlassen hatte, und hoffte nur, dass er es lebendig zurückschaffte.

Im Schein des Mondes kamen ihm Junus’ Gesichtszüge bekannt vor. Dr. Phil schnaufte erleichtert. Er hatte den Jungen des Öfteren gesehen, der ihn sogar einige Male freundlich begrüßte. Hatte er nicht noch zwei kleine Geschwister?

Der Junge gab dem Mann etwas Sicherheit, der ihn in die Wohnung begleitete, aus der Rahels qualvolles Leiden drang.

Dr. Phil ging auf das Bett zu und beugte sich über die alte Frau, die sich quälte. Er fragte nicht, was ihr fehlte. Dafür zog er ihr die Hände weg, mit denen sie ihre schmerzende Stelle hielt. Er tastete über ihren harten Bauch, wodurch Rahel lauter jammerte. Dr. Phil hielt ein und fühlte an ihrem Handgelenk nach ihrem Puls.

Ava zappelte nervös. Das alles dauerte ihr zu lang. »Was kann ich tun?«, fragte sie hilflos.

»Nichts«, flüsterte Dr. Phil, sah das erschütterte Mädchen nicht einmal an. Er hob den Zeigefinger, schwang ihn im Takt und schnipste dann.

»Rahel, der Schmerz ist nicht das Ganze. Ihr Kopf ist frei, Sie sind frei. Halten Sie es aus. Atmen Sie ein und aus. Tragen Sie den Schmerz, atmen Sie ein und aus.«

Dr. Phil sprach ruhig und monoton, ignorierte Avas Angst. Dafür wurden die qualvollen Laute ihre Großmutter leiser.

Ava sah verwirrt zwischen dem angeblichen Arzt und ihrer Nana hin und her. »Was haben Sie getan?«, fragte sie und wollte wissen, wie er es geschafft hatte, sie so schnell zu beruhigen.

Dr. Phil stand auf und seufzte. Er nahm sich die Brille von der Nase und säuberte die Gläser mit dem Saum seines Shirts. »Hypnose«, meinte er knapp. »Hier in den Slums gibt es kaum jemand, der sich Medikamente leisten kann, und so gut wie keine Möglichkeiten, jemandem zu helfen oder ihn am Sterben zu hindern. Aber ich kann den Weg dahin erträglich machen.«

»Was?«, zischte Ava. Ihr missfiel, was der Mann eben gesagt hatte. »Ein Sonnenstich?«, fragte sie dann und versuchte sich selbst zu erklären, was mit ihrer Nana plötzlich geschehen war.

Dr. Phil sah Ava abwägend an. Hinter ihr stand Junus, der ebenso verwirrt war wie das Mädchen.

»Deine Großmutter hat dir also nichts erzählt?«, fragte er.

Das junge Mädchen wurde ungeduldiger, ballte die Hände zu Fäusten, was dem Arzt nicht entging.

»Was soll sie mir nicht erzählt haben!?« Ava wurde lauter und blickte beschämt zu Junus, der sie ermahnend ansah.

Dr. Phil schwieg, weil er keinen Streit riskieren wollte. Er war alleine hier, sie zu zweit und aus Nachlässigkeit hatte er seine Waffe zu Hause vergessen.

In Arcadia brauchte man das nicht. Die Shepherds sorgten für Recht und Ordnung, waren sofort zur Stelle, wenn Gefahr drohte. Doch hier in den Slums konnte man um sein Leben schreien, betteln, bis einem die Stimmbänder versagten, niemand half einem. Niemand.

Dass er dazu bereit war, war eine dumme Angewohnheit aus der Vergangenheit. Es war wie das Fingernägel kauen, er kam nicht davon ab Gutes zu tun.

Mit einem Mal überkam Dr. Phil wieder diese Reue, wie sie es immer tat, wenn er einen Moment zu viel Zeit zum Nachdenken hatte.

Die Reue darüber, dass er es gewagt hatte, an der Regierung Kritik zu äußern, weil sie es nicht schafften, die Slums von den Kriminellen zu säubern. Dass sie die Menschen hier draußen hungern ließen, obwohl sie selbst so viel besaßen. Hätte er bloß den Mund gehalten, oder wäre ihm die Zunge abgefault, als dass er hier zwischen Mördern und gewalttätigen Sheeps leben musste. Mit der ständigen Angst, dass seiner Familie oder ihm etwas zustoßen konnte.

Junus trat näher an Ava heran und berührte sie an der Schulter, damit sie ruhiger wurde. Er ahnte, wie unwohl sich Dr. Phil fühlte, dabei wollte der Mann nur helfen.

»Sie kam vor zwei Wochen.« Dr. Phil legte eine Pause ein und studierte Avas entsetzte Gesichtszüge. Dann sah er zu Junus und bat ihn unausgesprochen dazu, seine Freundin im Notfall zurückzuhalten. Der Junge verstand alleine durch seinen Blick und hielt Ava ein wenig fester.

»Sie hatte Schmerzen am Bauch, schon länger«, fügte der Arzt schließlich hinzu.

»Das kann nicht sein! Sie hat mir nichts gesagt! Ich habe nichts davon bemerkt!«, knurrte Ava. Dr. Phil war ein mieser Lügner! Hätte Junus sie nicht gehalten, wäre sie wahrhaftig auf den Mann losgegangen.

»Sie wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.« Diesmal war Dr. Phil mutiger und brachte Ava zum Schweigen. »Sie hat ein Geschwür. Es ist faustgroß und wird immer größer.«

»Das kann nicht sein«, wiederholte Ava wütend. Sie dachte nach, aber ihr Kopf war leer. Sie hatte die Augen weit aufgerissen, als würde sie so schneller eine Lösung finden. »Was kann ich tun?«, fragte sie im nächsten Moment.

Dr. Phil sah sie wieder abwägend an und ließ sie ungewollt zappeln. »Sie bräuchte Medikamente, eine Operation.« Eine Sache des Unmöglichen.

Ava stand fassungslos da. Das Atmen kam ihr falsch vor. Sie wurde unruhiger. Medikamente waren unbezahlbar, da hätte sie ein ganzes Flugzeug finden können, es hätte ihr nicht geholfen. Eine Operation? Hier in den Slums? Ihre Großmutter würde vor Schmerzen sterben, in dem Moment, in dem man sie aufschnitt. Oder während des Eingriffes oder danach an einer Infektion.

»Beruhige dich«, gab Junus einfühlsam von sich, aber er stachelte seine Freundin damit ungewollt auf.

»Welche Medikamente braucht sie?«, fragte Ava schließlich. Dr. Phil antwortete wieder nicht. Sie trat näher an ihn heran und schüchterte ihn ein, dass er vor Schreck zuckte. Bis Ava aus ihrem Beutel einen Lifebar hervorbrachte und ihn verzauberte. Es war ein ganzes Stück für seine Arbeit. Dr. Phil nahm es an und zog dabei ihre Hand zu sich.

»Zytostatika muss auf der Verpackung stehen und dann braucht sie ein schmerzlinderndes Medikament, C17 H19 NO3.« Dr. Phil wiederholte die Namen der Arzneimittel langsam, damit es sich Ava besser einprägen konnte. Er zeichnete mit dem Finger in ihre raue Handfläche die Buchstaben und Ziffern.

Im nächsten Augenblick riss sich Ava von Junus frei, der nicht einmal erahnen konnte, was seine Freundin jetzt vorhatte.

Anstatt ihren Mantel, nahm Ava die Schutzbrille und ihre zerrissene Jeansjacke mit. Noch ehe sie über die Türschwelle treten konnte, hielt Junus sie auf.

Er sah Ava entsetzt an. Langsam dämmerte es ihm. »Das wirst du nicht tun«, gab er fassungslos von sich. »Das wird dich dein Leben kosten.«

Ava funkelte ihn wütend an. Sie stieß ihn grob beiseite und verschwand.

Kapitel 3 - Sheep und Shepherd

1        Die Sonne ging langsam auf und begann den nachtblauen Himmel aufzuhellen. Die Strahlen sahen so zahm aus, man glaubte, auch diesen Tag zu überstehen. Der Wind war kühler, die Luft frischer. Ava kam atemlos in den letzten unteren Etagen an. Sie stieg aus dem Fenster, wo noch der Betonblock von der Fassade lag, und zog sich ihr Bandana auf die Nase.

Der Sturm am Tag zuvor hatte die Dünen neu geformt und doch schienen die endlosen Ockerfelder unberührt.

Ava schlich durch die verlassenen Gassen. Vom Horizont stieg die Sonne empor, die die Kühle am Morgen gnadenlos niederbrannte. Auch die Schatten verbannte sie nach und nach aus den Straßen. Nicht mehr lang und die Ausgangssperre würde aufgehoben werden. Der eine oder andere stand sicher bereits vor der Wohnungstür und wartete ungeduldig, dass die Sirenen schrien und die Sheeps ihren Alltag durchleben konnten. Sie waren fügsam, eingeschränkt in ihrem Handlungsumfang.

Shepherds betraten schon lange nicht mehr die einsturzgefährdeten Gebäude und doch hatten sie die Sheeps so weit eingeschüchtert, dass sie ihnen selbst dort gehorchten, wo ihre Befehlsgewalt nicht mehr hineinreichte.

Wer nicht nach draußen ging, um Schrott zu suchen, verhungerte und starb. Wer sich zu weit in die Wüste wagte und nicht zurückfand, starb. Wer sich gegen die Shepherds stellte, wurde eingesperrt oder direkt erschossen. Der Tod kam, wenn nicht heute, dann sicherlich morgen.

Es war ein Instinkt, ein innerer Antrieb zu überleben, der die Menschen ohne besonderen Grund einfach weitermachen ließ und sie auf den Beinen hielt.

Das junge Mädchen eilte geduckt zwischen den Wohntürmen. Sie durfte keine Zeit verlieren. Einige Shepherds mussten auf der Straße sein, ihre Runden drehen und den Anschein erwecken, als hätten sie alles unter Kontrolle.

Avas Herz schlug schnell. Sie konnte deutlich ihren Pulsschlag spüren und fürchtete, dadurch ihre Umgebung schlechter wahrzunehmen. Das Mädchen lehnte sich an eine Hausfassade und verschnaufte kurz.

Das Arzneihaus war nicht mehr weit. Ein paar Straßen trennten sie noch von ihrem Ziel.

Ava schloss die Augen, überlegte, welche Gasse sie nehmen sollte, um die Shepherds, die das Gebäude bewachten, zu umgehen. Sie wollte sich von hinten hineinschleichen. Sie war nervös, zappelte mit den Fingern und bemühte sich, sich so zu beruhigen. Wenn sie nichts tat, litt ihre Nana weiter. Entdeckte man sie, würde man sie verhaften und ihre Großmutter würde ebenso leiden. Egal wie sie sich entschied, Ava saß in einer Zwickmühle.

Das Mädchen schaute empor zu den schiefen Türmen. Die Gebäude standen so nah beieinander, dass sie von Dach zu Dach springen könnte. Was war, wenn die Shepherds durch den dumpfen Aufprall auf sie aufmerksam wurden? Jede Entscheidung brachte Ava in Gefahr, verhaftet zu werden.

Das Außengefängnis war weit von den Städten entfernt, zwischen Kleinkriminellen und Mördern – niemand kam da wieder lebend raus. Ava atmete schwer und tat einen Schritt. Ihr Leichtsinn trieb sie voran. Lieber wollte sie hinter Gittern verrotten, als ihrer Großmutter nicht helfen zu können.

Ehe Ava überhaupt eine Wahl treffen konnte, nahm sie Stimmen wahr. Alleine der innere Antrieb zu überleben, führte sie von der Straße ans nächste Gebäude. Hektisch ging sie am unteren Stock die Fenster ab, sah sich um, bis sich eins davon öffnen ließ. Sie stieg hinein, verschloss das Fenster und versteckte sich.

In den Gemäuern war es kühl, die Hitze war noch nicht durch die Risse hineingedrungen. Im Inneren war es so stickig, dass Ava ihre Mühe hatte, ruhig zu atmen. Ihre Knie zitterten. Wie heraufbeschworen gingen zwei Wachen ihre Kontrollpunkte ab. Sie scherzten, lachten und hatten sie nicht bemerkt. Das junge Mädchen atmete auf und schaute sich in der verlassenen Etage um. Die Räume standen leer. Meist waren die Etagen, in denen sich die Einstiegsmöglichkeiten befanden, unbewohnt.

Obwohl Ava niemanden mehr auf der Straße hörte, blickte sie den Shepherds ein letztes Mal nach und verließ dann wachsam die Räume. Der Treppenaufgang war intakt. Vorsichtig glitt sie an der Fassade entlang. Ava sah nach oben und wägte ab, ob jemand seine Wohnung frühzeitig verlassen würde. Unruhiges Raunen drang hinter verschlossenen Türen zu ihr hin. Die Sheeps waren bereit, warteten auf ein Signal und tigerten durch die Zimmer, um als Erstes in die Wüste zu jagen. In die Arme der Sonne, um vergeblich nach etwas zu suchen, das sie auf dem Werthof verkaufen oder untereinander tauschen konnten.

Ava beeilte sich, war dennoch bedacht, keinen falschen Schritt zu machen. Manche Sheeps waren vom Hunger getrieben. Ihnen wäre jedes Opfer recht. Selbst wenn sie ein armes Mädchen, das sich unbefugt außerhalb ihres Wohnortes bewegte, gegen eine Belohnung an die Shepherds aushändigten.

Avas Herzschläge pulsierten ihr mittlerweile auf der Zunge. Aber sie hatte es durch eine Dachluke hinaufgeschafft. Die Sonne stach ihr so sehr in die Augen, dass sie ihre Schutzbrille aufsetzte. Der Wind hier oben war kräftiger, der Schweiß auf ihrer Haut verdampfte, wodurch die Hitze für einen Moment erträglicher wurde. Ava schaute sich um, niemand war zu sehen. Sie schlich an den Abgrund, wo der verlockend weiche Sand sie begrüßte und ihr trügerisch versprach, sie aufzufangen, sollte sie stürzen. Doch jeder Knochen würde ihr aus fünfzig Meter Höhe brechen.

Ein weiteres Mal atmete Ava aus und gönnte sich einen Moment Ruhe. Zwei Straßen trennte sie nun vom Arzneihaus. Von unten kam ihr das Vorhaben leichter vor. Hier oben klaffte die Lücke der Häuser knapp vier Meter weit auseinander. Ava schluckte und war sich nicht mehr sicher. Das würde sie niemals schaffen.

Ein heulender Klang zerriss plötzlich die Stille. Die Sirenen begannen früher, als Ava erhofft hatte. Das war jetzt ihre Chance. Der ohrenbetäubende Lärm würde jeden Schritt, den sie tat, übertönen. Sie musste handeln, ehe die ersten Sheeps die Straßen betraten.