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Upper End ist die wahre Geschichte von Linda. Als Kind wird sie von ihrem Opa sexuell missbraucht. Nachdem sie im hohen Alter verstorben ist, steht sie vor Upper, dem Schöpfer aller Menschen, und liefert ihren Lebensbericht ab. Auch ihre Familie ist anwesend. Endlich kommt die Wahrheit ans Licht. Aber auch ein Familiengeheimnis wird gelüftet. Und was hat Gott mit alldem zu tun? Missbrauch verjährt nie – zumindest nicht im Jenseits. Ein Roman über das Leben, den Tod und danach – spannend und überirdisch – aber nichts für zarte Gemüter.
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Seitenzahl: 649
Veröffentlichungsjahr: 2023
Anna-Maria Luberg
Upper End
Denkwürdiges Gerangel mit Gott
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Titel
Prolog
Linda kehrt heim
Wirklich schlechte Menschen
Ankunft auf der Erde
Linda ist auf der Welt
Begegnung mit dem Teufel
Der Teufel
Die Hölle und andere Orte
Mann oder Frau?
Ein unerwünschter Balg
Eine Frage der Herkunft
Fridolin hat ein Einsehen mit Linda
Das böse Spiel geht weiter
Kanep findet Linda wieder
Ruhe vor dem Sturm
Ansichtssache
Von Liebe und Tod
Aufstellung der besonderen Art
Hannah muss gehen
Die Hexe ist tot!
Gut und Böse
Uppers Spiele
Epilog
Impressum neobooks
Upper End
Denkwürdiges Gerangel mit Gott
Roman von
Anna-Marie Luberg
Bevor die Geschichte beginnt
Der Ort der Handlung: Ozoz (O:soß) Ort der Zeit ohne Zeit, jenseits des Universums, die Heimat von Gott
Auf Ozoz existiert alles, was ist. Hier ist der wirkliche Ort des Lebens. Hier werden alle Erfahrungen, die ein Mensch aus einem gelebten Leben von der Erde mitbringt, gesammelt. Von hier aus startet ein jeder in ein Menschenleben und hierher kehrt jeder wieder zurück. Wer an diesem Ort verweilt, ist pures Sein.
Ozoz ist umgeben von einem gigantischen schwarzen Gebiet, dem Nichts. Kein Leben, kein Gedanke, keine Erinnerung existiert dort. Es gibt eben nichts.
Außerhalb der Zone aus Nichts befindet sich das, was die Menschen das Universum nennen – unter anderem unsere Erde. Sie ist der Planet im Universum, zu dem einige Seins-Anteile reisen, wenn sie das Leben erforschen und Erfahrungen sammeln möchten. Das sind die Forscher unter den Seins.
Es gibt auch andere erdreisende Seins-Anteile. Zum Beispiel gibt es Neutro-Seins, kurz Neutros genannt. Sie sind nichts anderes als Statisten – manch einer würde sie als Füllmaterial oder Platzhalter bezeichnen. Neutros haben während eines Menschenlebens weder nennenswerte Bedeutung noch die Aufgabe zu forschen oder Erfahrungen zu sammeln.
Das Füllmaterial ist zudem ohne jegliche Interessen. Außer Lebenserhaltung haben Neutros keinerlei weitere Motivation. Es liegt ihnen fern in irgendeiner Weise aktiv zu werden.
Die Forscher erklären sich am Ort der Zeit ohne Zeit bereit, bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Sie können entweder selbst wählen, welche Erfahrung sie auf der Erde machen möchten, oder es wird ihnen eine Aufgabe übertragen.
Der Koordinator und Chef aller Seins ist Upper, Gott. Er ist das Überwesen des Lebens. Upper ist das führende Mitglied einer omnipotenten Triade, die gemeinsam allen Seins Weisungen erteilt.
Upper entsendet und empfängt persönlich die forschenden Seins-Anteile, wenn sie nach Hause, nach Ozoz, zurückkehren. Außerdem stattet Upper jedes reisebereite Sein mit einem Archetyp aus, der drei gute, starke Eigenschaften besitzt.
Tomasin ist der zweite Teil der Triade. Er ist das Unterwesen des Lebens. Tomasin beäugt die Reisenden vor Reiseantritt und stattet sie mit je einem Schatten aus. Jeder Schatten beinhaltet drei schwächende Eigenschaften. Der Schatten ist Gegenpol zum Archetyp.
Die insgesamt sechs Attribute aus Archetyp und Schatten sollen das Sein auf der Erde unter anderem als Mensch definieren und seinen Charakter ausmachen.
Tomasin kann als Uppers Flügelmann dem individuellen Leben Impulse setzen. So kann er einem Reisenden zum Beispiel Ideen eingeben, die dem Menschen auf der Erde im Unbewussten haften. Oder – wenn es Teil des Auftrags ist – kann er jemanden im Vorfeld auf eine falsche Spur schicken und in die Irre führen.
Fridolin, der Tod, komplettiert die Triade. Er ist der Chronometer und Guide der reisenden Seins. Wenn die Lebenszeitspanne auf der Erde abgelaufen ist, beendet Fridolin den Aufenthalt des Seins. Im Anschluss weist er jedem Rückreisenden den Weg nach Hause.
Der Rückweg gleicht einem gewundenem Pfad, einem verzweigten Korridor durch das Nichts. Wer sicher nach Ozoz kommen möchte, kann den Weg nur mit seinem Reiseleiter Fridolin beschreiten. Nur er kennt die Route. Wie auf einer viel befahrenen Fernstraße herrscht unterwegs reger Verkehr. Auf der einen Seite sind Heimkehrer on Tour, auf der anderen Seite des Wegs reisen Seins-Anteile zur Erde. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.
Fridolin steht jedem am Startpunkt zur Erde zur Seite. Er heftet sich an den Lebensfunken des Seins, der mit Quod, dem Lebenselixier für den Menschen, angereichert ist. Diese Grundversorgung an Quod ist quasi die Wegzehrung bis zur Ankunft.
Am Zielpunkt angekommen, koppelt sich der Seins-Anteil an eine Eizelle an und nistet sich in seinem Wirt, der ab diesem Zeitpunkt Mutter genannt wird, ein. In einer Höhle im Bauch seiner Mutter wächst und reift der Anteil dann dank Zellteilung heran. So geschützt, gut aufgehoben und mit allem versorgt, wächst der Seins-Anteil zum Menschen heran. Das geschieht jedoch nur, wenn das Mutter-Sein empfangsbereit ist und auf einen impulsgebenden Seins-Anteil, der ab Entstehung des Menschen Vater genannt wird, trifft.
Die Erinnerung an Ozoz wird mit Ankunft des Seins auf der Erde gelöscht.
Auch die Existenz von Archetyp und Schatten wird bei der Ankunft vom Menschen-Sein vergessen. Es ist sich ihrer nicht mehr bewusst.
Wenn der Mensch ankommt, hat er also jede Erinnerung an sein
wahres Zuhause auf Ozoz verloren.
Kehrt das Menschen-Sein später wieder nach Ozoz zurück, wird es zunächst von Fridolin an dessen Randzone begleitet. Dort angekommen, entlässt er das zurückkehrende Sein in der Regel aus seiner sicheren Obhut in Uppers Refugium.
Jeder Eintreffende wird von den bereits heimgekehrten Lebenskontakten empfangen. Meist kommen sie ihm freundlich entgegen und holen ihn zu sich in ihre Mitte, um dann mit ihm gemeinsam in den Seins Pool zu steigen.
In einigen Fällen läuft die Rückkehr anders ab. Das ist dann der Fall, wenn ein Forscher Sein heimkehrt, das ein Leben unter besonders schwierigen Beziehungsumständen hat erdulden müssen. Die Vorausgegangenen müssen in diesem Fall solange auf das Sein warten, bis es zurückgekehrt ist. Erst nach Klärung der Lebensereignisse dürfen sie dann endlich weiter ins Zentrum von Ozoz aufrücken. Wenn Upper es erlaubt, dürfen sie in die Mitte gehen, um dort im großen Pool des allumfänglichen Seins mit allen anderen zu verschmelzen.
Linda ist solch ein Sonderfall. Ihr Lebensstart war überaus unerfreulich verlaufen. Auch ihr weiterer Weg war gespickt mit Drangsal und Hindernissen.
Linda kam in den neunzehnhundertsechziger Jahren irgendwo am Niederrhein zur Welt. Sie war das dritte Kind ihrer Eltern. Ihre Ankunft war weder geplant noch erwünscht. Mit den beiden, um einiges älteren, sehr kurz hintereinander geborenen Kindern hatten sie schon genug zu tun. Ihr Vater Erhard war ein einfacher Arbeiter mit wenig Geld in der monatlichen Lohntüte. Ihre Mutter Hannah war Hausfrau. Sie hatte Näherin gelernt, übte wegen der Kinder ihren Beruf jedoch nicht aus. Auch die Hausarbeit nahm überaus viel ihrer Zeit in Anspruch, denn Hannah war stets darauf bedacht alles sehr sauber und ordentlich zu halten. Penibel und putzversessen, wie sie war, fraß dieser Ehrgeiz den Tag und ihre Kräfte auf. Und da waren ja auch noch die Kinder und sie selbst, die wie aus dem Ei gepellt, adrett gekleidet und in sauberer Garderobe den Leuten begegnen mussten. Was sollten sonst die Nachbarn, die Bewohner des kleinen Ortes, in dem sie wohnten und die Familie sagen. Kurzum, Hannahs spärliche Freizeit reichte gerade einmal, um ab und zu ihre Eltern im Nachbarort zu besuchen, regelmäßig mit den Kindern zum Gebet in den Tempel des Alleinrichtigen Glaubens zu gehen und ab und zu Kleidung für sich und die Kinder zu nähen. Das Geld war knapp – oft war nicht einmal genug da, um die Miete für die kleine Wohnung zu zahlen und Essen zu kaufen. Am Monatsende war es besonders schlimm. Da gab es zwar regelmäßige Mahlzeiten, doch die Kost war sehr einfach. Haferschleim kam auf den Tisch oder Graupensuppe und ähnliches. Nur sonntags gab es immer Braten. Der musste sein. Für ein Stück Bratenfleisch wurde während der Woche sogar am sonst schon kargen Essen gespart. Mit dem sonntäglichen Braten hatten Hannah und Erhard zumindest den Eindruck nicht ganz arm zu sein. Vier Bäuche jeden Tag zu sättigen, ein warmes, sauberes Zuhause zu erhalten, den Eindruck bei anderen Menschen einer gutgestellten, intakten Familie zu erwecken und dann noch zufrieden zu wirken war gar nicht einfach. Und so war Linda, wie man sich vorstellen kann, unwillkommen. Sie war für ihre Eltern ein ungebetener Gast, ein weiterer Bauch, der gefüllt werden musste, ein weiteres Kind, das gekleidet werden musste und, das darf man nicht vergessen, absolut nicht geplant.
Auch Erhards Eltern, Martha und Heinrich, sahen das so. Ein drittes Enkelkind hielten sie für unangebracht. Sie wussten um die finanzielle Situation ihres einzigen Sohnes. Hin und wieder halfen sie mit Geld aus, aber gerne taten sie es nicht. Auch wenn sie genug davon besaßen, sie behielten ihre Groschen lieber beisammen und teilten nicht gerne. Man könnte auch sagen, beide waren hartherzig und geizig. Martha, Heinrich und Erhard stammten aus Schlesien. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden sie von den Russen aus ihrer Heimat vertrieben und fanden am Niederrhein ein neues Zuhause. Heinrich verdingte sich zunächst als Schuster. Doch bald wurde er krank und konnte nicht mehr arbeiten. Martha fand darauf eine Anstellung als Haushälterin bei einer Fabrikantenfamilie und brachte das Geld nach Hause. Es war genug um gut zu leben.
Als Erhard Hannah heiratete und auszog, war mehr als genug Geld für Martha und Heinrich da. Und dann kam ihnen noch das Glück zu Hilfe. Der Staat zahlte an Vertriebene eine Ausgleichszahlung für den Verlust ihres Hab und Gutes. Das war ein beträchtliches Sümmchen. Obendrauf gab es für jeden ein üppiges Fördergeld für den Bau eines Eigenheims. Das ließen sich Erhards Eltern nicht entgehen. Fortan wurde noch mehr auf das eigene Wohlergehen geschaut. Erhard und Hannah hatten das Nachsehen. Sie mussten in Marthas und Heinrichs Augen sehen, wie sie allein zurechtkamen mit ihren beiden Bälgern, die sie zwar mochten, ihnen doch eher lästig waren. Und Hannah, ihrer Schwiegertochter konnten sie auch nicht rechtes abgewinnen. In ihren Augen war sie die Verkehrte. Sie war weder Schlesierin noch hatte sie den richtigen Glauben. Alle waren zwar getauft im Namen des Alleinrichtigen Glaubens, doch hatte es vor sehr langer Zeit innerhalb der Glaubensgemeinschaft eine Spaltung gegeben. Die einen wollten es besser machen und einen noch richtigeren Glauben etablieren, die anderen beharrten auf die herkömmliche Lehre der Glaubensobrigkeit. Zunächst bekämpfte man einander, doch später gab es eine Annäherung, die ein akzeptables Nebeneinander ermöglichte. Dennoch, die Spaltung hatte einen tiefen Graben zwischen den beiden Richtungen hinterlassen. Man beäugte sich gegenseitig immer noch mit Vorbehalten und Argwohn. Aus dem Grund galt Hannah bei Erhards Eltern wenig. Sie hatte den anderen Glauben und war zudem Rheinländerin – zwei Dinge, die nicht zu ihnen passten. Und da waren auch noch Erhards Kinder, die Hannahs Wunsch gemäß in ihrem eigenen, falschen Glauben getauft wurden. Allesamt Umstände, die das Leben der kleinen Familie erschwerte.
Man kann sich vorstellen, wie ungünstig es Linda antraf und wie schwer sie es hatte, sogar besonders schwer. Sie war, wie gesagt, nicht willkommen, ein Störfaktor für alle, und überdies hatte sie Hannah bei ihrer Geburt beinahe getötet. Nicht auszudenken, welch unangenehme Auswirkung das auf Erhard und vor allem Martha und Heinrich gehabt hätte. Insgesamt war Linda für alle eine unerwünschte Belastung. Das bekam sie ihr ganzes Leben lang von ihrer Familie zu spüren. Außerdem stand zwischen Linda und ihren Großeltern etwas Unausgesprochenes, Zurückweisendes, wodurch sie sich selbst oftmals als Fremde in der eigenen Familie fühlte. Wie ein nicht bewusstes, dunkles Geheimnis schien Linda davon eingehüllt und gebannt.
Und so gibt es auch bei Lindas Rückkehr von der Erde niemanden, der sie freudig empfängt.
Die auf der Erde beteiligten Personen, hatten sich auf Uppers Anordnung am Rand von Ozoz versammeln müssen. Jeder von ihnen erwartete Linda mit mulmigen Unbehagen. Gewiss wäre es ihnen lieber gewesen, wenn sie nie mehr auf Linda hätten treffen müssen. Jeder einzelne von ihnen schien schuldbeladen und wollte sich vor der Begegnung mit ihr drücken. Doch Upper beharrte auf dieses Treffen. Da kannte er kein Pardon. Schließlich musste Linda, wie jedes andere heimkehrende Sein auch, Bericht erstatten. Dazu mussten aber, besonders in diesem Fall, die auf der Erde Beteiligten zwingend anwesend sein. Nur so konnte Upper sich ein allparteiliches Bild von den Geschehnissen auf der Erde machen.
Fridolin begleitete Linda in die illustre Runde. Auch er war gespannt auf Lindas umfassenden Bericht und Uppers Resümee.
Fridolin war Linda ein guter Freund und Ratgeber geworden. Sie war froh ihn an ihrer Seite zu wissen. Er würde ihr nötigenfalls helfen. Er hätte sogar die Befugnis, natürlich im Einvernehmen mit Upper, jemanden vom Rand des Ortes der Zeit ohne Zeit in das Nichts zu stoßen – in die ewige Verdammnis – um sich dort für immer aufzulösen.
Lindas Geschichte beginnt mit ihrer Ankunft am Empfangsplatz von Ozoz – einer mit ätherischem Staub bedeckten Arena.
Upper, Tomasin, sowie alle maßgeblich beteiligten Personen sind anwesend, als sie eintrifft.
Upper und Tomasin stehen allmächtig vor den imposanten Säulen des Portals zu Uppers göttlichem Refugium. In gebührendem Abstand stehen die Beteiligten und harren der Dinge, die geschehen werden.
Upper End ist eine erfundene Geschichte nach wahren Begebenheiten.
Als Linda in den frühen Morgenstunden erwachte, war sie tot.
Der Tod, Lindas Freund und Wegbegleiter Fridolin, hatte sie abgeholt und nach Hause begleitet.
Nach etlichen Jahrzehnten auf der Erde stand sie nun vor Upper, ihrem Schöpfer.
Auch ihre Familie, die ihr vorausgegangen war, hatte sich am Empfangsplatz versammelt.
Linda war wütend – sehr wütend, als sie die schändliche Mischpoke erblickte. Denn ihre Zeit auf der Erde war mühsam und überaus misslich gewesen.
„Sagt mal, spinnt Ihr?! Tickt Ihr noch ganz sauber?! Habt Ihr noch alle Tassen im Schrank?! Was sollte das?! Hmm?! Was sollte dieses verkackte Leben?!“
Upper, der oberste Boss allen Seins versuchte Linda zu beruhigen. „Jetzt reg dich mal nicht so auf, Linda! Schließlich hast du dir dieses Leben selbst ausgesucht! Wenn ich dich daran erinnern darf, meine Liebe: Du warst es doch, die nicht mehr wollte. Du warst die, die gesagt hat, jetzt sei Schluss mit dem Kram – ein für alle Mal. Du wolltest gehen. Nach zig Jahren hattest du genug vom Leben auf der Erde.“
„Ja, das stimmt,“ gab Linda zu „ich konnte nicht weiter mit ansehen, wie immer wieder das gleiche in meiner Familie geschieht – dieses Unrecht, diese Qual – das musste ein Ende haben, jawohl. Aber dass ihr mich dort derart habt hängen lassen – was sollte das? Wer hat sich das ausgedacht?“
Verschämt schauten alle Anwesenden auf den Boden.
„Na sagt schon, wem habe ich diesen Schlamassel zu verdanken?“
Linda blickte in die Runde. Da stand Hannah, die auf der Erde ihre Mutter gewesen war und Erhard, ihr Vater, stand gleich neben ihr. „Na, ihr zwei, wie wär´s mit euch – könnt ihr mir meine Frage beantworten? Habe ich euch dieses miese Leben über Jahrzehnte hinweg zu verdanken?“ Mit gesenkten Köpfen verharrten ihre damaligen Eltern schuldbewusst. Hannah malte verlegen mit ihrem Fuß Kreise in den staubigen Boden. Linda konnte beobachten, wie Erhard Hannah verstohlen anschaute. Er schien darauf zu warten, dass Hannah etwas sagte. Und tatsächlich, genau wie zu Erdenzeiten, lohnte sich das Warten für ihn. Damals schon hielt er sich in allen brenzligen Fragen gerne zurück. Erhard war ein stattlicher, angenehm anzusehender Mann. Obwohl er mit den Jahren seinen ehemals blonden Lockenschopf verloren hatte, war er, trotz seines nur noch von grauem Flaum bedeckten Oberkopfes, immer noch attraktiv. In seinem Herzen allerdings war er ein Feigling. Wann immer es möglich war, versteckte er sich hinter seiner Frau Hannah. Sie war diejenige, die in ihrer Ehe das Zepter in der Hand hielt, die Erhard beistand, wenn seine Schwäche ihn mal wieder in die Knie zwang. Jeder, der Hannah sah, wusste sofort, dass sie eine starke, mutige Frau war. Was sie nicht sahen und nie zu sehen bekamen war eine Hannah, die innerlich zerrissen war zwischen ihrer Stärke und ihrer Furcht vor Erhards Eltern und vor Gott. Die hielt sie zu Lebzeiten stets gut verborgen. Doch hier vor Uppers Angesicht, musste sie sich ihrer Furcht stellen. So stand die hochgewachsene, schlanke Hannah mitten in der Arena, in bedrohlicher Nachbarschaft zu ihren Schwiegereltern und vor den göttlichen Hoheiten. Nervöse fuhr sie sich durch ihre lockigen, haselnussbraunen Haare. Sie wusste, sie konnte sich Lindas Frage nicht entziehen und musste antworten. Und so begann sie verlegen: „Also Linda, weißt du, wir haben das nicht gewollt. Wir wussten ja auch nichts davon. Wir konnten nicht sehen was werden sollte. Du musst uns glauben, Linda, wir wollten immer nur, dass es dir gut geht.“
„Aha, meine Liebe, das ist ja schön zu hören, aber irgendwie kann ich es nicht so recht glauben. Na ja, lass mal gut sein. Vielleicht kann mir Heinrich oder Martha ja meine Frage beantworten?“ Linda schaute Heinrich und Martha streng an. Im Gegensatz zu Hannah und Erhard blickten sie Linda unverhohlen in die Augen. Beide, sowohl Martha als auch Heinrich, waren zwei äußerst unangenehme, mit Falschheit beschlagene Menschen gewesen. Kein Wunder, dass Hannah sie fürchtete. Vor allem Martha fürchtete sie, denn Martha war meisterlich darin Intrigen zu spinnen und konnte ungemein boshaft sein zu Menschen, die ihr nicht passten. Zu diesen Menschen zählten auch Hannah und Linda.
Martha und Heinrich hatten sich in einiger Entfernung zu Linda positioniert. Dadurch standen sie sich wie im Duell feindselig gegenüber. Linda war froh in schutzgebender Nähe zu ihrem fahlhäutigen, hageren aber dennoch überaus eindrucksvollen Freund Fridolin zu stehen. Er gab ihr den nötigen Rückhalt.
Linda war immer noch aufgebracht. Ihr ansonsten freundliches, rundes Gesicht war vor Wut gerötet. Ihre untersetzte, frauliche Statur hatte sie, so gut sie es vermochte, kampfbereit aufgestellt.
Gegenüber ihren Eltern war Linda eher klein geraten. Gerade einmal einen Meter fünfundsechzig zeigte das Maßband an. Sie war damit nicht nur das jüngste Mitglied, sondern auch die kleinste in der fünfköpfigen Familie. Ihre Eltern, wie auch ihre Geschwister Ute und Hans überragten sie um einiges. Das betraf allerdings lediglich ihre körperliche Größe. Innerlich war Linda tatsächlich viel Größer als die anderen. In der kleineren Linda steckte eine gutmütige Frau mit großem Herzen, Mut, Tapferkeit und Schläue. Diese Eigenschaften hatten sie so manches Mal im Leben gerettet. Und so wunderte es nicht, dass ihr Wille, die ganze Wahrheit über ihr unschönes Erdenleben aufzudecken, auch vor dem großen Upper ungebrochen war.
Bei ihren Großeltern Martha und Heinrich hingegen, verhielt es sich ganz anders. Sie hatten etwas Niederträchtiges, unangenehmes, hinterlistig Scheues an sich. Auch von ihrer Statur unterschieden sie sich. Martha maß gerade einmal einen Meter einundsechzig und war damit noch ein Stück kleiner als Linda. Martha war beinahe rund wie hoch. Ihre struppigen, aschgrauen Haare gaben exakt das Bild ihres Inneren wieder – düster, böse, kalt. Mit eisigem Blick starrte sie Linda an. Heinrich stand ihr da in nichts nach. Auch er beäugte seine Enkeltochter herzlos und feindselig. Sein Anblick war jämmerlich und zugleich abschreckend. Eine Krankheit hatte Heinrich, als er etwa fünfzig Jahre alt war, verunstaltet. Zwar traf ihn daran sicherlich keine Schuld, dennoch spiegelte sich darin sein hässliches Inneres wider. Heinrich war, solange Linda ihn kannte, ein perfider Mistkerl, ein herzloses Scheusal gewesen, dem man besser nicht zu nahekam. Es konnte sein, dass er einen packte und dann nach seinen Gelüsten malträtierte. Seine Körpergröße hatte mit den Jahren die Marthas eingenommen. Sein verkrümmter Rücken, mitsamt seinem immensen Buckel, drückten Hals und Kopf auf Marthas Niveau hinunter. Seine Hände waren infolge der Krankheit verformt, seine Finger knöchern und krumm. Martha und Heinrich gaben beide ein wirklich furchteinflößendes Bild ab.
Linda lief bei dem Anblick ihrer Großeltern ein kalter Schauer über den Rücken. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut. Während ihrer Zeit auf der Erde wurde sie immer von diesem kalten Schauer geschüttelt, wenn sie ihnen begegnete. Linda fasste allen Mut zusammen und fragte beide so streng sie es vermochte: „Nun, meine lieben Großeltern, mit euch habe ich zwar später auch noch ein ernstes Wörtchen zu reden, aber könnt ihr mir vielleicht meine Frage beantworten? Was sollte dieser ganze Mist in meinem Leben? Warum habt ihr mir all diese Dinge angetan?!“
Heinrich tat unschuldig und wehrte sich. „Jetzt stell dich mal nicht so an! Tu mal nicht so, als wären wir an allem Schuld. Du hast ja auch brav mitgemacht. Und außerdem: So schlimm war das ja nun auch nicht. Aber, um deine Frage zu beantworten: Nein, wir waren das nicht. Du verdächtigst die Falschen!“
„Das soll ich euch glauben?!“
„Ja, glaub es nur. Und das eine will ich dir mal sagen“, zeterte Martha, „was du da mit meinem Heinrich gemacht hast …“ Martha verstummte plötzlich. Ihr fiel auf, dass sie im Begriff war pikante Details preisgeben.
„Was soll ich gemacht haben, hä?!“
„Na, du wirst schon wissen, was. Warst auf jeden Fall kein Unschuldslamm, Linda – ganz wie deine Mutter da drüben, nicht wahr Hannah?“ Hannah schaute immer noch verlegen auf den Boden. Sie versuchte allen Blicken auszuweichen.
„Lass du mir Hannah in Ruhe!“ Entrüstet trat Linda Martha entgegen. Sie war kampfbereit – aufs äußerste gefasst. Nach ihrem Leben auf der Erde wollte Linda sich jetzt hier, auf Ozoz, im Angesicht Uppers, Marthas Gemeinheiten nicht mehr gefallen lassen.
Martha stemmte die Arme in ihre Seiten. Sie schnaubte vor Wut. „Linda, du kleiner mieser Bastard! Was bildest du dir ein?! Schau mal da vorne, der Kleine da. Er wäre dein Sohn gewesen, aber er wollte nicht! Und ich glaube, aus gutem Grund! Gerade noch rechtzeitig hat er es sich anders überlegt und ist zu uns nach Ozoz zurückgekehrt. Hier geht es ihm gut. Bei dir …, naja, das kann man sich ja denken …!“
Linda war empört. „Martha, pass ja auf, was du sagst und lass Max aus dem Spiel! Hier gelten andere Regeln. Du solltest lieber anfangen kleinere Brötchen zu backen. Ich werde dafür sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Verlass dich drauf!“ Linda musste an sich halten. Um ein Haar hätte sie Martha gepackt und eigenhändig vom Rand des Ortes der Zeit ohne Zeit hinab ins Nichts gestoßen. Doch sie überlegte es sich in letzter Sekunde anders. Linda wollte erst Klarheit schaffen. Klarheit über das, was auf der Erde tatsächlich passiert war. Dazu brauchte sie alle Beteiligten – und natürlich Upper als obersten Richter. Er sollte sich alles noch einmal in Anwesenheit aller beteiligten Personen anhören und dann entscheiden, ob jemand ausgelöscht werden sollte. Linda war gespannt. Aber erst mal war sie fürchterlich wütend.
Max kam angelaufen und packte verängstigt Lindas Hand. „Mami, wer ist die böse Frau?“
Linda war fassungslos. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihren nichtgeborenen Sohn an der Hand hielt. Verwundert sah sie Max an. Sie war gerührt. Dicke, warme Tränen der Freude kullerten über ihre Wangen. Sie ging auf die Knie, schaute Max voller Liebe in die Augen und drückte ihn fest an sich. „Max, mein Sohn! Es gibt dich! Du lebst?! Ich habe dich so vermisst. Ich wollte dich so gerne aufwachsen sehen. Es tut mir leid. Mein Bauch wollte dich nicht in mir behalten. Nur acht Wochen warst du bei mir. Dabei hätte ich dich so gerne bei mir gehabt, dich mit deinen Schwestern spielen und streiten sehen. Es tut mir leid.“ Tief aus ihrem Inneren sprudelten die Worte nur so heraus. Es gab so viel in ihr, dass sie ihrem Sohn nie sagen konnte und es zu gerne getan hätte. Linda spürte, wie mit Max´ Erscheinen eine große Wunde ihres Herzens zu heilen begann.
Linda ließ Max los und betrachtete ihn. „Du bist Kanep, deinem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber die Farbe deiner Haare und deiner Augen, die hast du von mir.“
Max war verwirrt. „Papis Gesicht? Deine Haare und Augen? Aber du hast deine doch noch, Mami.“
„Ach, Max.“ Linda streichelte ihrem kleinen Sohn liebevoll über
den Kopf. „Natürlich. Ich wollte dir damit sagen, dass ich in dir
eine Ähnlichkeit zwischen uns entdeckt habe.“
„Na dann ist gut. Ich will euch nichts wegnehmen. Aber Mami, weißt du denn nicht, dass ich immer bei dir war? Okay, das war blöd, dass Upper Fridolin gesagt hat, ich solle zu ihm zurückkehren. Ehrlich gesagt, war es ja mir egal. Doch als ich dich dann weinen sah, weil ich wieder gegangen bin, war ich darüber schon ein bisschen traurig. Aber weil du mir dann später einmal in Gedanken gesagt hast, dass ich immer einen Platz in deinem Herzen haben werde, war ich trotzdem ab da immer bei dir. Toll, nichtwahr?“
„Ja, Max, toll. Ich bin so froh, dich zu sehen und in meinen Armen halten zu können.“
Max rückte ein Stück von Linda ab. „Ja, ja, schon gut. Ich bin auch froh. Doch lass mich bitte wieder los. So viel Nähe bin ich nicht gewohnt. Hier bei uns ist alles normalerweise viel leichter, fluffiger. Aber“, Max sah Linda fragend an. „Was ist denn nun mit dieser bösen Frau? Warum sagt sie so komische Sachen über mich und dich?“
„Die ist Martha, meine Oma und beinahe deine Uroma. Ja, Max, sie ist böse. Sie kann mich nicht leiden. Und ich weiß nicht einmal warum.“
Linda spürte, wie die Wut wieder begann in ihr hochzukochen. Bei Marthas Anblick konnte sie nicht mehr an sich halten.
Linda richtete sich auf und stellte sich schützend vor Max. Empört wendete sie sich an Upper. „Was soll das?! Darf das hier so weiter gehen? Darf Martha mich beleidigen?!“
„Linda“, begann Upper versöhnlich. Sofort fiel Martha ihm ins Wort. Sie grinste Linda höhnisch an.
„Linda, ich beleidige dich überhaupt nicht. Ich sage nur, wie es ist.“
„Hörst du immer noch nicht auf, du alte Hexe?!“, platzte es aus Linda heraus. „Und du da Heinrich, du mieses Schwein – Pass bloß auf!“
„Aber, aber, Kinder, bitte beruhigt euch!“ Upper mischte sich jetzt schlichtend ein. Er konnte nicht mehr mit anhören, wie Martha und Linda sich beschimpften. Auch die anderen Familienmitglieder aus Lindas Sippe redeten mittlerweile wild durcheinander. Erhard lag im Disput mit seinem Vater Heinrich, Hannah beschwerte sich bei den beiden wegen irgendwelcher falscher Versprechungen, dann versuchte Heinrich sich zu rechtfertigten, wurde aber jäh von Martha unterbrochen und beschimpft - kurz, es war ein chaotisches Stimmengewirr. Alle waren so mit sich beschäftigt, dass sie Uppers Bitte nicht wahrnahmen. Upper erhob seine Stimme. „Ruuuhe!!! Zum Donnerwetter noch mal!“ Dröhnend rauschte Uppers Stimme mitten durch die Anwesenden. Der Boden unter ihren Füßen erbebte. Upper hatte sich zu bedrohlicher Größe aufgebläht. Er schnaubte nur so vor Wut wegen der ungeheuren Respektlosigkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Uppers weißes Gewand wehte, getrieben von seinen göttlichen Atemzügen, wie bei Sturm an der Küste. Die weiß gelockten Haare seines Kopfes und seines Bartes leuchteten beinahe vor dem Hintergrund seines zornroten Gesichts. „Jetzt beruhigt euch endlich!“ Auch diesmal dröhnten seine Worte durch die Arena. „Ich versteh ja mein eigenes Wort nicht mehr, und ihr wisst: Das Wort ist bei mir! Von Anfang an! Also Ruhe jetzt! Bedenkt -“, Uppers Stimme wurde milde, „Linda ist gerade erst zurückgekehrt. Sie ist noch voller Quod, meinem Lebenselixier. Ich hatte ihr, so glaube ich, etwas viel davon mitgegeben und Hannah hat es auch gut mit ihr gemeint. Oder hattest du, Fridolin, etwa auch noch nachgeholfen?“ Upper sah Fridolin forschend an. Zu seinem Glück hatte Upper sich wieder auf menschliche Größe gebracht. Sonst hätte selbst den taffen Tod die Angst gepackt. Fridolin nestelte verschämt an seiner dunklen Kutte herum. „Nun ja, Upper“, antwortete Fridolin verlegen, „es könnte sein, dass mir da ein Fläschchen von dem Zeug aus der Hand geglitten ist, als es brenzlig wurde, weißt du – ähem.“
„Soso!“ Upper konnte sein Schmunzeln nicht verbergen. Er begann sogar zu lächeln. Irgendwie konnte er Fridolin nicht böse sein. Schließlich war Linda eines seiner Lieblings-Seins und gut wieder zu ihm zurückgekehrt. Nur Tomasin, der alte Zausel, begann zu mäkeln: „Das war unfair! Sie ist mit einem Vorteil auf die Reise gegangen. So war das nicht abgemacht!“
Linda wurde hellhörig. „Abgemacht? Was war abgemacht?“ Nun war es Upper, der verlegen wurde, seine Verlegenheit allerdings gut vor Linda und den anderen verstecken konnte.
„Nichts, Linda. Tomasin meint manchmal, er könne meinen Job übernehmen. Da irrt er sich! Nicht wahr, Tomasin?!“
„Ja! Ist ja gut, Upper! Man kann´s ja mal probieren.“ Tomasin winkte ab. Der ansonsten verschlagene Tomasin rückte ein Stückchen von Upper ab und gab kleinlaut bei. Neben Upper wirkte auch er imposant. Doch, nachdem er von ihm abgerückt war, erkannte man, dass er Upper zwar, genau wie Fridolin, ebenbürtig war, aber dennoch in der Ausstrahlung viel glanzloser. Vielleicht lag es an seinem grauen Gewand und seinen staubgrauen Haaren, dem grobschlächtigen Gesicht und dem spärlichen aschrauen Bart, vielleicht aber auch wegen seiner Position als Uppers Flügelmann – immer ein wenig im Schatten des großen Upper.
Upper schenkte Tomasins Gehabe keine Aufmerksamkeit. Stattdessen beharrte er auf Fridolins Antwort. „Also, Fridolin, du hast Linda Quod gegeben?“
„Ja, Upper, ganz aus Versehen.“
„Das soll ich dir also glauben?“
„Ich denke schon. Du weißt doch wie verlässlich ich bin.“ Mit einem fast betörenden Augenaufschlag zwinkerte Fridolin Upper zu. Beinahe hätte Linda bei dem Anblick laut losgeprustet. Sie wusste, wie überzeugend und charmant ihr Freund Fridolin sein konnte. Das hatte sie so manches Mal miterleben dürfen. Aber, dass er es auch bei Upper, dem Überwesen versuchte, das erstaunte Linda dann doch.
„Lass gut sein, alter Freund“, lenkte Upper ein. „Ist schon okay. Schließlich habe ich dir persönlich ein paar Fläschchen Quod abgefüllt, die du nach deinem Ermessen und bei Bedarf verabreichen darfst.“
Tomasin guckte immer noch grimmig. „Ach so?! Hört, hört! Das sind ja ganz neue Sitten. Ihr trefft ohne mein Wissen geheime Absprachen? Upper, das ist ganz schön mies!“
„Sei du mal ruhig, Tomasin. Ich glaube, du bist noch nie zu kurz gekommen. Schließlich hast du von mir die Aufgabe bekommen, jedem Reisenden einen Schatten mit drei Anteilen zu geben.“
„Ist ja gut. Ich will nur keine Heimlichkeiten, so hinter meinem Rücken.“
„Du hättest mich einfach fragen können, Tomasin“, warf Fridolin ein. „ICH habe keine Geheimnisse!“
„Damit du dich nicht noch mehr übergangen fühlst, Tomasin: Kanep hatte auch ein Extra-Fläschchen Quod für Linda dabei“, fügte Upper hinzu.
„Wieso das denn, Upper?“
„Ganz einfach, weil sie mich darum gebeten hat.“
„Wann hat sie das denn gemacht? Ich meine, woher wusste sie…, wie konnte sie…?“
„Nachdem mir zu Ohren kam“, sagte Fridolin, „dass du Linda davon überzeugt hattest, ihren Schatten zurückzulassen – was ich übrigens richtig fies von dir fand, Tomasin. Ich hatte Mitleid mit Linda. Ich kannte ja ihre Aufgabe. Also musste ich handeln. Ich erzählte Linda, was es für Folgen haben würde, wenn sie ohne Schatten leben würde. Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig bei Upper ihren Schatten nachzubestellen, bevor sie bei ihrer Ankunft auf der Welt alles vergessen würde. Wenige Augenblicke nach ihrer Bestellung ging Linda auch schon durch den Kanal des Vergessens und erblickte das Licht der Welt.“
Tomasin wunderte sich. „Wieso ausgerechnet Kanep? Er hatte doch schon genug gemeinsame Leben mit Linda gehabt.“
„Eben, genau deshalb“, erklärte Upper. „Kanep kennt sich aus. Ich wusste, er würde Linda auf jeden Fall rechtzeitig treffen.“
„Rechtzeitig? Was heißt rechtzeitig?“
„Tomasin, das solltest du wissen!“ sagte Upper. „Rechtzeitig natürlich, bevor Lindas Vorrat an Quod aufgebraucht wäre, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Ich wusste, sie hatte schon überaus viel davon verzehren müssen. Für den Rest der Zeit hätte es nicht mehr gelangt. Linda hätte abbrechen müssen!“ Upper blickte Tomasin vielsagend und tiefgründig in die Augen.
Tomasin guckte seine Mitbrüder fragend an. „Das hatte ich damals auch nicht ganz verstanden, Tomasin. Ich hatte Kanep doch gerade erst nach Hause begleitet. Wieso also sollte er es sein? Kanep war gerade erst von seiner Forschungsreise aus dem großen Krieg, der auf der Erde getobt hatte, heimgekehrt. Er sollte seine wohlverdiente Ruhepause genießen. Wieso also Kanep?“
„Ganz einfach“, schmunzelte Upper. „Die beiden sind schon seit Anbeginn der Zeit ohne Zeit ein Paar. Sie lieben sich. Die reinste, tiefste Liebe, die ich je gesehen habe. Das haben mir die beiden über viele Erdenleben gezeigt. Also, welche Macht könnte größer sein – mich ausgenommen – als die Liebe? Die Liebe der beiden füreinander war die Garantie, dass Linda es schafft.“
Martha konnte Uppers Gutgerede nicht aushalten. „Aha! Und wo ist Kanep jetzt? Sollte der nicht hier sein, wenn seine ach so geliebte Linda heimkehrt?“ Sie hoffte mit ihrer niederträchtigen Frage Linda einen weiteren schmerzlichen Schlag versetzen zu können. Doch Upper kam allem zuvor. Bevor irgendjemand auf Marthas boshafte Frage reagieren konnte, verkündete er: „Kanep ist schon auf dem Weg hierher. Er müsste jeden Moment hier eintreffen.“
Heinrich und Martha zuckten zusammen. Eine wütende Linda, das war das eine. Damit konnten sie bestimmt fertig werden und sich vor Upper rechtfertigen. Da waren sie sich sicher. Wenn aber nun dieser Kanep hier auftauchen würde, dann würde es für sie schwer werden in Uppers Gnade zu bleiben. Linda und Kanep, jeder für sich, waren starke Seins-Anteile. Wenn sie sich jedoch zusammentaten, entfachten sie eine große, gemeinsame Kraft. Das wussten alle Anwesenden. Nur, es half alles nichts, niemand konnte Kaneps Ankunft verhindern.
„Kanep braucht noch etwas Zeit“, verkündete Fridolin. „Er ist noch geschwächt. Schließlich hat er lange Zeit zwei Schattenkomponenten in sich getragen – seinen und den von Linda. Ich kann euch sagen, Tomasin hat den beiden nicht gerade die leichtesten gegeben. Kanep konnte sich zwar in der zweiten Hälfte seiner Erfahrungszeit erholen und Kraft sammeln, indem er endlich seinen Archetyp leben durfte, seine Kraft ist dennoch immer noch nicht zur Gänze wiederhergestellt. Habt also bitte noch ein wenig Geduld.“
„Linda kann ja schon mal damit beginnen von ihren Erfahrungen zu berichten, bevor ihre Erinnerung daran verblasst“, schlug Upper vor.
Heinrich, Martha und jetzt auch Hannah zuckten abermals heftig zusammen. Wie konnten sie dem aus dem Wege gehen? Hannah hatte einen rettenden, zeitbringenden Einfall: „Upper, ich hab´ da mal zwei Fragen: Was geschieht, wenn man ohne seinen Schatten auf der Welt lebt? Und wie ist das, wenn man mit zwei Schatten gleichzeitig dort ist?“
Tatsächlich ließ sich Upper darauf ein. „Oh ja, Hannah, das sind in der Tat zwei interessante Fragen. Tja, was geschieht, wenn man ohne Schatten lebt? Tomasin, was sagst du?“
„Nun, wenn jemand ohne Schatten auf der Erde leben würde, würde er höchstwahrscheinlich von seinen Mitmenschen argwöhnisch betrachtet – kann ich mir vorstellen“, sinnierte Tomasin.
„Ach so, Tomasin, du hast also eine Vorstellung davon, wie es einem meiner Forschungs-Reisenden ergehen könnte, wenn es von dir ohne Schatten losgeschickt wird?“
„Ja vielleicht, Upper. Ich fabuliere halt, wie es sein könnte.“
„Und warum hast du dann Linda dazu überredet, auf ihren Schatten zu verzichten?“
„Ich weiß auch nicht, Upper, was mich da geritten hat“, gab Tomasin kleinlaut von sich. „Ich kann mir vorstellen, dass ich dir vielleicht eine neue Erfahrung liefern wollte?“ Tomasin versuchte sich herauszureden. Er wollte unbedingt vermeiden, Uppers Zorn auf sich zu ziehen.
„Tomasin“, donnerte Upper laut los. „Über dein schändliches, unverantwortliches Verhalten, werden wir noch reden – mein Freund!“ Mit dieser dunklen, verheißungsvollen Ankündigung ließ er Tomasin stehen und wendete sich wieder Hannah zu: „Um deine erste Frage zu beantworte, Hannah: Wenn du ohne Schattenanteil zur Erde reist, kann das in der Tat schwerwiegende Auswirkungen haben. Alle Menschen, mit denen du es zu tun haben wirst, werden dich als seltsam empfinden. Du bist anders – und Anderssein löst Angst aus bei deinen Mitmenschen.“
„Aber Upper“, wendete Hannah ein, „der Schattenanteil stellt doch den negativen Aspekt meines Seins dort auf der Erde dar. Dann kann es doch nur gut sein, wenn ich ausschließlich den positiven Archetyp lebe. Oder sehe ich das falsch?“
„Nun ja, nicht ganz. Schau Mal, wenn alle Menschen ihren Schattenanteil haben, mehr oder weniger bewusst, dann sehen sie im Gegenüber etwas Bekanntes, nämlich dass auch er, genau wie sie selbst, einen Schattenanteil in sich trägt. Wenn du jetzt aber als einzige ohne Schattenanteil auf der Erde lebst, bist du automatisch ein Sonderling. Die Menschen sehen dich als zu gut an. Für ihr Verständnis kann das einfach nicht sein. Es ist das schier Unmögliche für sie. Deshalb fangen sie an, den Makel an dir zu suchen, den du natürlich einfach nicht hast. Er fehlt dir schlicht und ergreifend. Die Menschen können den Makel logischerweise nicht an dir entdecken. Die Konsequenz ist, dass jedem, mit dem du länger zu tun hast, immer bewusster auffällt, dass dir dein Schattenanteil fehlt. Dein Gegenüber wird so lange weitersuchen, bis er eine vermeintlich negative Kleinigkeit an dir findet. Erst dann bist du seiner Ansicht nach richtig, also so, wie es sich gehört. Es kann zum Beispiel sein, dass du in seinen Augen zu freundlich oder zu ehrlich bist. Dann wird dieser Jemand dir unter Umständen negative Dinge andichten, um das berühmte Haar in der Suppe zu finden.“
„Kann man denn zu freundlich oder zu ehrlich sein, Upper?“
„Hier bei mir, in der Zeit ohne Zeit, gibt es natürlich kein zu freundlich oder zu ehrlich, denn bei uns gibt es weder Archetyp noch Schatten. Bei uns gibt es das pure Sein. Auf der Erde ist das allerdings anders.“
Erhard war skeptisch. „Wieso gibt es dann hier im Moment Streit unter den Anwesenden? Wenn doch alle hier im ´Ich bin` Zustand sind, dann ist jeder Konflikt hinfällig, sogar überflüssig. Oder sehe ich das falsch?“
„Jain, Erhard. Das ist möglich, weil ihr alle zur Begrüßung Lindas noch einmal in euer Erden-Sein geschlüpft seid. Das ist auch wichtig, denn nur so kann ich Lindas Bericht authentisch in die große Chronik eingeben. Eure Attribute sind im Augenblick von Lindas Ankunft wieder aktiviert worden. Verstehst du?“
„Okay, ich glaube, ich habe es verstanden. Wir alle hier sind im Augenblick so, wie wir es während unseres Aufenthalts auf der Erde waren. Korrekt?“
„Ja, in etwa ja.“
„Also, Upper“, setzte Hannah erneut an, „damit ich das richtig verstehe: Wenn ich auf der Welt bin und meine Schattenanteile nicht dabeihabe, dann kann ich also zu freundlich oder zu ehrlich sein? Ich bin deshalb den anderen suspekt? Sobald ich aber meinen Schattenanteil habe, geht das nicht mehr und bin ihnen nicht mehr suspekt?“
„Ja genau. Sobald du den Schatten in dir trägst, ist der negative Gegenpol zu Freundlichkeit und Ehrlichkeit hinzugefügt. Deine Mitmenschen sehen dich als „ganz“ an, weil die gewohnte Polarität hergestellt ist. Die Menschen brauchen auf der Erde diese Polarität, sonst könnten sie keine Erfahrungen sammeln.“
„Was sind das denn für Polaritäten“, fragte Max wissbegierig.
Upper dachte nach. „Tja, Max, ich versuch es dir zu erklären. Da gibt es zum Beispiel Gut und Böse, schwarz und weiß, hell und dunkel, Ying und Yang, Tag und Nacht. Ich könnte dir noch viele weitere Beispiele nennen. Es geht darum zu jedem Pol einen Gegenpol zu haben.“
„Wenn ich also auf der Welt bin, muss ich erkennen, was in ergänzender Wechselbeziehung zueinandersteht?“
„Ja, so ist das, Max.“ Upper lächelte Max liebevoll an. Was für ein schlaues, aufgewecktes Kerlchen, dachte er bei sich.
„Puh, da bin ich aber froh, dass ihr mich beizeiten wieder nach Hause geholt habt. Das wäre mir viel zu kompliziert gewesen. Die Erfahrung, den Weg in die Nisthöhle zu machen, war für mich schon Aufregung genug gewesen. Gut, dass ich wieder hier bin.“
Upper beruhigte Max. „So anstrengend, wie sich das für dich vielleicht im Moment anhören mag, ist es nun auch wieder nicht. Du musst nicht denken Max, dass die Menschen sich immerzu damit auseinandersetzen müssten. Das wäre auch ihrem Auftrag nicht unbedingt zuträglich. Denn wenn es sich so verhielte, würden die Menschen einen großen Teil ihrer Verweildauer damit verbringen zu erkunden, wer gut von uns komponiert wurde. Das wäre zum einen viel zu aufwendig und zum anderen Quatsch.“
Hannah dachte immer noch über Uppers Worte nach. „Die Menschen auf der Erde sagen oft so treffend: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo demgemäß ein Archetyp ist, ist auch ein Schattenanteil?“
„So ist es“, bestätigte Upper.
„Wieso gibt es dann aber auf der Erde Menschen, die nur ihren Archetyp leben und verehrt werden?“
Upper schaute Hannah nachdenklich an. „Ja, das ist eine gute Frage. Du hast recht, Hannah, die gibt es. Da gab es zum Beispiel Mutter Theresa, die ihr eigenes Leben ganz beiseite stellte und sich aufopfernd um die Kranken und Armen kümmerte. Oder Buddha zum Beispiel, er setzte sich einige Zeit unter einen Baum und war von da an nur noch gut. Die Menschen nannten ihn den Erleuchteten. Es gibt noch eine ganze Reihe Menschen mehr, die ich nennen könnte. Eins ist allen gemeinsam: Sie reisten mit Archetyp und Schatten zur Erde. Nach einiger Erfahrungszeit auf der Erde, erkannten sie ihren Schatten und legten ihn ab. Ihre Mitmenschen wiederum erkannten dies und bewunderten sie dafür. Alle waren zunächst von Ihresgleichen. Wenn du so willst, konnten alle Menschen einen Abgleich zu sich selber machen. Wären Mutter Theresa oder Buddha allerdings gleich ohne ihren Schatten angereist, wären sie mit Sicherheit in ihren Augen nichts als Sonderlinge gewesen.“
„Gehörte ich zu den sogenannten Sonderlingen“, wollte Linda wissen?
„Ja, in gewisser Weise schon. Zumindest so lange, bis Kanep dir deinen Schattenanteil überbracht hatte.“
„Welchen Archetyp hast du mir damals mitgegeben?“
„Du willst es aber genau wissen, Linda.“
„Ich glaube, es ist mein verdammtes Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren, Upper. Weißt du, ich fühlte mich so manches Mal regelrecht verarscht von euch.“
„Linda! Wie sprichst du mit uns?!“ Tomasin war entsetzt über Lindas Respektlosigkeit.
„So, wie ich es schon lange tun wollte, Tomasin! Verflixt noch eins, denkt ihr, ihr könnt alles machen? Denkt ihr, ihr dürft euch alles herausnehmen?“
Upper dröhnte mit lauter Stimme dazwischen, dass der Boden wieder bebte. „Ja, das können wir!“ Langsam verlor er die Geduld. Er fühlte sich mehr und mehr durch Lindas Fragerei in die Enge getrieben.
Fridolin blieb gelassen. „Beruhigt euch alle mal wieder. Bedenkt, Linda hat immer noch viel Quod in sich. Außerdem hat die überdurchschnittlich große Menge von dem Zeug bei ihr bewirkt, dass sie die Erinnerung an Zuhause nie ganz verloren hatte und später zum Großteil sogar wiedererlangte. Ich, für mein Teil, kann verstehen, dass Linda so reagiert. Wenn ich so versuche mich in sie hineinzuversetzen, dann glaube ich, würde ich genauso reagieren wie Linda. Mich wundert es nicht, dass sie wütend ist und Rechenschaft von uns fordert.“
Upper dachte nach. „Hm, wahrscheinlich hast du Recht, Fridolin. Wir wollen Mal nicht so sein. Nun gut! Du hast mich nach deinem Archetyp gefragt, Linda, ich sag´s dir: Dein Archetyp besteht, wie bei jedem reisenden Sein, aus drei verschiedenen positiven Aspekten. Zum einen beinhaltet deiner: Die gute Fee. Du solltest gütig und barmherzig sein. Du solltest Wünsche erfüllen. Du hattest die Gabe, Träume zu erfüllen. Du konntest Wünsche und Bedürfnisse erkennen und befriedigen. Anderen eine Freude zu machen oder sie zu überraschen, bereitete dir selber die größte Freude. Du warst intuitiv und feinfühlig. Deshalb fiel es dir leicht, Menschen glücklich zu machen. Durch dich floss etwas vom Ort der Zeit ohne Zeit in die Welt. Du warst eine wunderbare Kameradin und hast Menschen in ihren jämmerlichsten Zeiten gerettet. Ich finde es überaus bedauerlich, dass deine wunderbaren Aspekte so schändlich missbraucht wurden.“ Upper schaute beim Schlusssatz böse zu Heinrich und Martha. „Dann beinhaltete dein Archetyp weiterhin noch den Aspekt des Kraftstrotzenden. Du solltest viel innere Stärke besitzen. Nichts sollte dich aufhalten können. Nur der Tod wäre dazu fähig gewesen.“
„Also ich, hihi“, kicherte Fridolin verschmitzt.
„Du hattest die Kraft, dich ohne fremde Hilfe aus hoffnungslosen Situationen zu befreien. Selbst, wenn du geschwächt warst, gelang dir das. Deine unerschöpfliche Kraft machte es dir auch leicht, auf jeden freundlich zuzugehen und denjenigen so zu akzeptieren, wie er war. So konntest du Großes vollbringen. Leider wurde das nie von jemandem in deiner Familie gewürdigt. Im Gegenteil, auch diese starke Eigenschaft von dir wurde missbraucht und du wurdest hintergangen. Du wurdest in deinen ureigenen Fähigkeiten, in deiner enormen Kraft gebremst.“ Diesmal blickte Upper Hannah streng an.
„Ich wollte doch nur das Beste für Linda. Ihre Stärke und ihre Fähigkeiten machten mir Angst“, versuchte Hannah sich zu verteidigen.
Upper ignorierte Hannahs Rechtfertigungsversuch. „Im Hinblick auf die Menge Quod, die du von uns bekommen hast, Linda, wundert mich jetzt nicht mehr, dass du stärker warst als ursprünglich geplant. Na ja, es hat dir ja nicht geschadet – ganz im Gegenteil, es hat dich gerettet.“
„Danke Upper! Das war ein großes Geschenk für mich.“
„Der dritte Aspekt deines Archetyps war der der hilfsbereiten Gönnerin. Du warst zuverlässig und konntest anderen und dir fast immer helfen. Du hattest immer eine Idee, das zu besorgen, was gerade benötigt wird. Und du hattest das Talent, immer genau zu wissen, was zu tun war, um Notwendiges zu beschaffen.“
„Das stimmt, Upper. Ich wusste auch mir immer zu helfen, um aus dem Mangel herauszukommen. Außerdem erinnere ich mich, hatte ich auch immer – selbst bei dem Quatsch, den ihr verzapft habt – das Vertrauen, dass ihr mich versorgen würdet, wenn es ganz hart kommt.“
„Das höre ich gerne, Linda. Habe ich also doch nicht alles verbockt.“
„Das habe ich auch gar nicht behauptet, Upper. Vielmehr waren das die da drüben.“ Linda zeigte abfällig auf ihre Familie.
„Linda, nicht nur dich wusstest du zu beschenken“, fügte Upper hinzu, „sondern auch andere Menschen. Das hat dir in diesem Aspekt hier ebenfalls sogar noch mehr Freude bereitet. Wenn du teilen konntest, warst du glücklich. Leider wurde dir auch das verübelt.“
„Nochmals danke dafür, Upper. Ich fühle mich reich beschenkt von dir.“
„Das habe ich gerne gemacht, Linda. Du weißt, du bist mir sehr nahe.“
„Und du sagst, all diese tollen Dinge wurden mir als schlecht vorgeworfen, weil ich in den ersten zwanzig Jahren meines Aufenthalts auf der Erde meinen Schatten nicht dabei hatte? Upper, habe ich dich da richtig verstanden?“
„Ja, genau. Du hattest so viel Gutes und Schönes in dir. Das konnten deine Mitmenschen, die dir nahe waren, nicht aushalten. Deshalb versuchten sie, wie gesagt, den schlechten Gegenpol in dir zu finden, was ihnen ja, aus bekannten Gründen, nicht gelingen konnte. Zum Glück hatten dich einige, wenige meiner Notfall-Seins gefunden und dir immer mal wieder geholfen. Ich befürchte, du hättest sonst deine Reise vorzeitig abgebrochen.“
Max schaute fragend zu Upper. „Was sind denn nun schon wieder Notfall-Seins?“
„Nun ja, das sind Seins-Anteile vom Ort der Zeit ohne Zeit, die ich zur Erde geschickt habe, falls einer meiner Forscher Hilfe benötigt. Die Menschen nennen sie manchmal Engel oder Erdenengel oder himmlische Helfer.“
Linda fand Uppers Erklärung äußerst aufschlussreich. Sie atmete erleichtert auf. „Jetzt wird mir so manches klar! Ich erinnere mich: Hin und wieder gab es jemanden, der mir, aus mir unerklärlichen Gründen, etwas gegeben hat oder für mich getan hat. Ab und zu war es auch nur ein Blick, der mich von einem Fremden traf, wenn ich mich erschöpft fühlte und danach fühlte ich mich wieder besser. Jetzt wundert mich das nicht mehr. Herzlichen Dank dafür!“
„Linda, habe ich deine Frage damit ausreichend beantworten können?“
„Ja, fast.“
„Was gibt´s denn nun noch?“
„Du sprachst davon, Kanep hatte meinen Schatten in seinem Reisegepäck. Ich möchte gerne wissen, welchen Schatten mir Tomasin gegeben hatte. Und, wenn wir schon mal dabei sind: Welchen Archetyp und welchen Schatten hatte Kanep selbst?“
„Da fragst du am besten Tomasin. Er weiß es ja am besten. Und was Kanep anbelangt, da muss ich erst noch nachdenken, ob ich dir das erzählen möchte.“
„Upper?! Darf ich dich daran erinnern, dass du an meinem verkorksten Leben nicht ganz unschuldig warst?“ Linda stand mit verschränkten Armen vor Upper, wippte ungeduldig mit ihrem rechten Fuß, zog ihre linke Augenbraue hoch und schaute Upper dabei sehr streng in die Augen. Das blieb nicht ohne Wirkung. Der allmächtige Upper schien sehr beeindruckt zu sein, versuchte dies allerdings zu verbergen. Ein Upper war schließlich unantastbar.
„Okay, ist schon gut, ich machs, ich erzähl es dir, Linda. Aber guck mich nicht mehr so an! Wenn du mich so streng ansiehst, könnte ich fast Angst vor dir bekommen. Mit dem Blick könntest du glatt Hexen und Teufel verjagen.“
„Ja, das kann ich auch!“ Während Linda das sagte, lugte sie zu Heinrich und Martha hinüber. Wieder zuckten die beiden zusammen, als sich ihre Blicke trafen. Nur Hannah nickte Linda bestätigend zu.
„Tomasin, verrate Linda bitte, welchen Schatten du ihr mitgegeben hast“, forderte Upper Tomasin auf.
„Aber Upper, das geht doch nicht! Ich kann doch nicht einfach so aus dem Nähkästchen plaudern. Da könnte ja jeder daher spaziert kommen und Einsicht in seine Akte verlangen. Schließlich sind das Geheimsachen.“
„Tomasin, ich gebe dir vollkommen Recht. Nur in diesem Fall müssen wir, ich betone: müssen! wir eine Ausnahme machen. Wir haben es hier mit einem Sonderfall zu tun. Noch nie zuvor ist jemand mit der Erinnerung an Zuhause auf der Erde gewesen.“
„Upper, da irrst du dich! Hast du nicht Inos…“ Weiter kam Tomasin nicht.
„Tomasin, schweig! Kein Wort! Ich will nicht mehr darüber sprechen!!! Du wirst Linda jetzt alles erzählen, was sie wissen möchte. Nicht mehr und nicht weniger – verstehst du? Schließlich hat sie viel mitgemacht. Und sie hat nicht mal mit ihrer Herkunft geprahlt. Das nenne ich tapfer! Deshalb darf sie alles wissen, was sie möchte. Auch über diejenigen, die maßgeblich auf der Erde bei ihr waren, darf sie Fragen stellen.“
Ein Raunen erhob sich. Es kam von den Anwesenden, die Linda empfangen mussten. Sie schienen von Uppers Anweisung nicht gerade begeistert zu sein.
„Gut, wenn du das so willst, Upper?“
„Ja! Ich will das so, Tomasin! Nun mach endlich! Gib Linda die gewünschte Auskunft! “
„Aber nicht mehr!“ Tomasin stampfte trotzig mit seinem Fuß auf. Ganz so, als wolle er damit seinem Unmut über Uppers Anweisung Luft machen.
„Ich sagte dir doch Tomasin, nicht mehr und nicht weniger.“ Upper kniff Tomasin verschwörerisch ein Auge.
„Tja, Linda“, begann Tomasin unwillig. „Dein Schatten besteht, genau wie dein Archetyp, aus drei Aspekten. Jeder Aspekt beinhaltet einen negativen Gegenpol zum Archetyp. Da ist zunächst als erster Schatten der Knauser.“
„Was?! Ich soll geizig gewesen sein?! Ich glaube jeder hier wird
dir bestätigen können, dass ich alles andere war als das.
Tomasin, das ist eine unverschämte Verleumdung!“
„Mensch, Linda! Jetzt reg dich nicht so auf. Ich sagte, ich hatte dir den Schatten des Knausers gegeben. Das heißt noch lange nicht, dass du ein Geizhals warst. Hast du eben nicht richtig zugehört, als Upper Hannah die Sache erklärt hat?!“
Upper verdrehte genervt die Augen. „Leute, hört auf euch so anzukeifen! Kommt mal wieder runter! Linda, Tomasin hat Recht. Aber ich erkläre es dir gerne noch einmal: Tomasin gab dir den Schatten des Knausers – ja. Ich hatte dir den Archetyp der hilfsbereiten Gönnerin mitgegeben – so. Du hattest in deinen ersten gut zwanzig Jahren nur deinen Archetyp gelebt. Nachdem du von Kanep deinen Schatten bekommen hattest, stand dir auch der Knauser zur Verfügung. Das hatte für dich zur Folge, dass dir auf einmal all die Leute bewusstwurden, die geizig waren. Sie sind dir sehr unangenehm aufgefallen. Du hast sie automatisch abgelehnt. Diese Geizhälse haben dir aber nur, na sagen wir mal“, Upper überlegte einen Moment „oh ja, das ist ein gutes Bild – sie haben dir einen Spiegel vorgehalten. Du hast in einen Spiegel geblickt und dort deinen Schatten des Knausers erblickt. Der hat dich so sehr erschreckt, dass du ihn erst mal für dich als Trugbild verleugnet hast. Mit der Zeit, und mit Hilfe deiner Erinnerung an Zuhause, hast du dieses Trugbild aber als deinen Schatten erkennen können und ihn akzeptiert. Von diesem Zeitpunkt an sahst du andere Knauser als das an, was sie waren – nämlich einfach nur Geizhälse. Sie störten dich nicht mehr, weil sie keine Resonanz mehr in dir fanden. Indem du deinen Schatten akzeptiertest, hattest du diesen Anteil in dir erlöst, im Sinne von aufgelöst. Verstehst du? Du warst immer die hilfsbereite Gönnerin – auch mit dem Schattenaspekt des Knausers in dir. Du hast die Sache mit deinem Schatten nur leider mit deiner Ankunft hier wieder vergessen.“
„Ach so! Ich glaube, jetzt habe ich es verstanden.“
„Okay, kann´s weitergehen?“
„Ja, Upper.“
„Na endlich!“ seufzte Tomasin. „Der Knauser also, er will nichts geben – meistens zumindest. Das, was er besitzt, ist so etwas wie ein Abgott für ihn. Er wähnt sich mit seinem Besitz leider in einer trügerischen Sicherheit. Denn nichts ist von Dauer. Der Besitz kann schnell, durch unvorhersehbare und unkontrollierbare Umstände, fort sein. Geizig zu sein macht einsam, denn die Sorge und die Aufmerksamkeit um den Besitz verhindert wahre Verbindung mit anderen Menschen. Knauser werden praktisch von ihrem Besitz besessen, ohne es selbst zu merken.“
„Ja, genau. Das waren genau die Menschen, die ich nicht mochte. Sie waren auch so kalt und so verknöchert in ihrem Herzen. Brrr!“ Linda schüttelte sich bei der Erinnerung an diese Menschen.
„Dein zweiter Schattenaspekt“, fuhr Tomasin fort „war der der Verbergerin. Du solltest dich fürchten und glauben, dass du deine Aufgabe alleine erfüllen müsstest - ganz ohne Hilfe von anderen. Wenn du diesen Aspekt gehabt hättest, hättest du dich vermutlich verborgen, weil dir die Erfüllung deiner Aufgabe als schier unmöglich erschienen wäre. Du hättest dich versteckt, weil du Angst vor deiner Lebensaufgabe gehabt hättest, vor deinen Begabungen, deiner Macht und letztendlich vor dir selbst.“
„Wieso hast du ihn mir gegeben und mir dann gesagt, ich solle ihn zurücklassen?“
Tomasin schluckte. Verlegen versuchte er eine Ausrede zu finden. „Ähem, das sollte ein kleines Experiment sein, entschuldige bitte, Linda. Ich dachte mir, wenn du erst einmal ohne diesen Aspekt reisen würdest, also nur mit dem Archetyp des Kraftstrotzenden – wer weiß, was dann passieren würde?“
„Ich habe die Verbergerin in mir jedenfalls nicht vermisst! Der Kraftstrotzende war prima“, triumphierte Linda.
„Aber ich – zum Donnerwetter nochmal!“, schimpfte Hannah. „Ich hatte eine Scheißangst!“
„Vor wem, vor mir etwa? Ich war doch nur deine Tochter!“
„Nicht vor dir – vor deinen Fähigkeiten! Du warst von Anfang an anders als deine Geschwister: gewitzter, aufgeweckter, schlauer, wissender. Ich hätte mir was von der Verbergerin in dir gewünscht. Das hätte mich beruhigt. Selbst die Hebamme, damals in der Geburtsklinik, hat direkt über dich gesagt, ´du seist eine andere Sorte´.“
„Hannah, wie meinte sie das?“
„Sie meinte du wärst anders als deine Geschwister, die sie auch auf die Welt geholt hatte.“
„War die eine von deinen Notfall-Seins, Upper?“
„Yep! Jemand musste drauf aufmerksam machen. Hat aber leider nicht gereicht“, gab Upper zu.
„Okay, Schwamm drüber. Erzähl bitte weiter, Tomasin. Welcher ist der dritte Aspekt?“
„Gestatte mir zuvor bitte eine Frage Linda: „Wie war das für dich,
als Kanep dir den Schatten brachte und du die Verbergerin in dir hattest?“
„Nun ja, ich glaube mich zu erinnern, dass ich Menschen doof fand, die von sich überzeugt waren. Lange Zeit vermutete ich, ich sei neidisch auf sie. Ich konnte sie einfach nicht leiden, diese präsenten, erfolgreichen Typen. Ich selbst versteckte mich tatsächlich. Meine Größe und meine Fähigkeiten, die ich an mir entdeckte, ängstigten mich auf einmal selber. Doch dann half mir Kanep in den Spiegel zu sehen und diesen Schattenaspekt zu entlarven. Danach wurde alles gut.“
„Das ist sehr interessant, danke. Ah ja, der dritte Schattenaspekt ist die Gierige. Dieser Aspekt verhindert Erfolg und Glück. Als Gierige gerätst du automatisch in einen Suchtkreislauf: Du bist mit dir nicht im Reinen, magst dich oder deine Lebens-Situation nicht – dann gibst du dich deiner Hab-Gier hin – darauf folgen dann Schuldgefühle oder Scham – deshalb verachtest du dich dann selber – und dann beginnt der Suchtkreislauf von vorne.
„Was heißt denn Hab-Gier? Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals gierig gewesen zu sein.“
„Bist du nicht?! Denk mal genau nach, Linda! War da nicht was mit Essen und Trinken?“
„Wieso? Gilt in deinen Augen Genuss denn auch als Gier?“
„Nun ja, es kommt darauf an, in welchem Maß, das geschieht. Bei dir hatte ich zeitweise schon Bedenken, ob es noch Genuss oder schon Gier war. Ein ´Zuviel-haben-wollen` bedeutet automatisch, dass du über ein gutes Maß hinausschießt. Meiner Ansicht nach hast du dich so manches Mal hart an dieser Grenze bewegt – gerade, wenn du mal wieder an den Rand deiner Kräfte gelangt warst. Da hatte ich schon dass ein oder andere Mal die Befürchtung, dass du in einen Suchtkreislauf geraten könntest.“
„Wie jetzt, Sucht? Wieso Sucht, Upper?! Ich habe nie zu Drogen gegriffen. Das musst du doch wissen! Heroin, Kokain, Designer-Drogen und wie sie alle heißen habe ich von jeher abgelehnt.“
„Und was ist mit einem Gläschen Wein – oder zwei, drei? Mit Gänsebraten, Schweinshaxen, Torten oder holländischen Gewürzkeksen? Gab es da nicht reichlich Gelegenheiten, etwas mehr als üblich davon zu nehmen? Erfüllte das nicht den Tatbestand der Völlerei – na? Aber gut, ich will mal nicht so sein und ein Auge zudrücken, Linda. Du warst ja letztendlich auch nur ein Mensch. Worauf ich eigentlich hinaus wollte, war, dass all das, also wenn du den Schatten der Gierigen lebst, dass dich das vom wahren Genießen des Lebens abhält. Im Übrigen kann der Mensch nach vielen verschiedenen Dingen gierig sei. Das bezieht sich nicht allein aufs Essen und Trinken. Du kannst nach so ziemlich allem gierig sein. Da gäbe es zum Beispiel noch Geld, Sex, Bewundert-Werden, Aufmerksamkeit, Medikamente, Computerspiele, Sammeln von Dingen und noch viel, viel mehr. Mit allem kannst du den Schatten der Gier ausleben.“
„Ich verstehe, Upper. Kanep brachte mir auch diesen Schattenaspekt. Deshalb kam ich plötzlich mit diversen Suchtpotenzialen in Kontakt. Zum Glück habe ich beizeiten diesen Aspekt im Spiegel erkennen können. Puh, da hab´ ich aber Schwein gehabt!“
„Ja Linda, auch ein Quäntchen Glück gehört immer dazu“, fügte Upper zu. „Der rechtzeitige Blick in den Spiegel hat dich schlussendlich vor echter Sucht bewahrt.“
„Danke. Und jetzt, Tomasin, erzähl mir bitte noch, welchen Schatten du Kanep mitgegeben hattest.“
Tomasin sah Upper flehend an. „Ach komm schon Upper, muss ich wirklich?“
„Auf jeden Fall Tomasin. Ich hab´s Linda versprochen.“
„Och nö!“
„Keine Widerrede, Tomasin! Los, fang an!“
„Gut Linda“, begann er mürrisch, „dann erzähl ich dir das eben auch noch: Kanep hatte natürlich auch einen Schatten mit drei Aspekten von mir bekommen. Der erste Aspekt …“, Tomasin stockte. Von allen unbemerkt standen plötzlich ganz in seiner Nähe zwei Personen und spitzten die Ohren. „Ja bitte?“, forderte er die beiden auf, sich zu erklären.
„Och nichts. Wir wollten nur mal hören, was du so über unseren Sohn, den wir auf der Erde hatten, zum Besten geben wolltest.“
Tomasin reagierte sehr ungehalten auf die beiden. „Zum einen gebe ich hier nichts zum Besten, zum anderen bin ich mir gar nicht so sicher, ob euch das überhaupt was angeht!“ Ratsuchend schaute er Upper an. Der verdrehte aber nur genervt seine Augen. Also musste Tomasin deutlicher werden: „Nun sag du doch auch mal was, Upper! Schließlich hörst du es zu gerne, wenn alle dich Bibo – Big Boss – nennen. Nun benimm dich auch dementsprechend! Sag´ was!“
„Na gut, Tomasin.“ Upper sah die beiden Neuankömmlinge forschend an. „Wieso seid ihr jetzt schon hier?“
„Du kennst die beiden?“ Tomasin wunderte sich, wie gleichgültig Upper tat.
„Ja, natürlich! Ich kenne alle hier. Ich hatte den beiden
Anweisung gegeben herzukommen, wenn Kanep eintrifft. Das sind tatsächlich Kaneps Eltern in seiner gerade abgelaufenen Erdenzeit gewesen. Das sind Olaf und Gisela. So hießen sie auf der Erde.“
„Ja, ich kenne sie natürlich auch“, fügte Linda hinzu. „Sie waren meine Schwiegereltern.“
„Ach ja“, meldeten sich nun auch Erhard und Hannah zu Wort. „Wieso seid ihr hier und nicht am Ankunftsplatz, um Kanep in Empfang zu nehmen?“
„Upper hatte uns angewiesen hierher zu kommen“, beteuerte Gisela. „Er meinte, der Bericht von Linda und der von Kanep wäre für uns alle von Bedeutung. Die Geschichte der beiden sei so sehr miteinander verwoben, dass wir alle stark darin verstrickt wären. Wo ist unser Sohn übrigens?“
„Genau, wo bleibt Kanep nur?“, wunderte sich auch Upper.
Linda hatte eine Vermutung. „Der quatscht bestimmt noch mit Fridolin. Ich kann mir vorstellen, die beiden trödeln rum und führen „wichtige Männergespräche“. Ihr müsst wissen, Kanep hat da einen enormen Nachholbedarf und außerdem bestimmt auch eine Menge Fragen an Fridolin. Schließlich hatte er keine Erinnerung an sein Zuhause und seine Aufgabe, als er auf die Welt kam.“
„Wieso Fridolin?“, wunderte sich Gisela. „Der ist doch hier.“
„Ihr habt die Erklärung vorhin ja nicht mitbekommen“, begann Tomasin: „Jeder, der auf die Erde reist, bekommt seinen eigenen Fridolin an die Seite gestellt. Er ist sozusagen euer Reiseleiter, der unter anderem auch die Reisezeit beendet.“
„Ach soooo?! Gemeiner Kerl! Wenn du das kannst, dann kannst du bestimmt auch das Leben verlängern. Warum hast du mir und Olaf nicht die ewige Jugend gegeben?“, beschwerte sich Gisela leise, aber dennoch vernehmlich. Fridolin äußerte sich nicht dazu. Er tat so, als hätte er Giselas Beschwerde überhört.
„Da! Da ist er!“ Linda hatte Kanep als erste bemerkt. Plötzlich tauchte er neben ihr auf. „Da bist du ja, mein Liebster – endlich!“
