Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Leben der Krankenschwester Bettina verläuft ziemlich normal. Der Dienst im Krankenhaus und auch das Familienleben hat seine eigenen Routinen. Bis zu dem Tag, als ein schrecklicher Albtraum sich scheibchenweise in Wirklichkeit verwandelt. Nicht ist mehr wie vorher. Welche Geheimnisse verschweigt ihr Mann vor ihr? Welche dunklen Seiten ihrer Schwester tauchen plötzlich auf? Dem Schicksal reicht es scheinbar noch lange nicht. Muss Venedig dabei eine Rolle spielen? Irgendwie schon. Oder ist die Umgebung einer Berghütte mitbeteiligt? Würde sie sonst heute in der psychosomatischen Klinik aus dem Fenster schauen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Heri Hamann
Urlaub und Hölle in Venedig
Ein Albtraum wird Wirklichkeit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Urlaub und Hölle in Venedig
Albtraum
Impressum neobooks
Der 15.03.2007 ist sicher für viele Leute nicht von großer Bedeutung. Dafür für Bettina umso mehr. Es ist ihr Hochzeitstag. Doch nun, sechs Jahre später ist dieses Datum eher ein Ärgernis für sie. Denn ihr Mann hatte diesen Tag ganz einfach vergessen und nicht einmal verspätet daran gedacht.
Kein Geschenk, kein Anruf, keine Blumen. Einfach nur vergessen. Ausgerechnet 2 Tage später prallt ein metergroßer Meteorit auf den Mond auf und verursacht sogar einen auf der Erde sichtbaren Lichtblitz. Das konnte sie Tage danach in der Presse nachlesen. Ob dieses Ereignis auf ihr persönliches Schicksal Einfluss hatte, lässt sich nur vermuten.
Denn warum veränderte sich ihr „normales Leben“ genau in dieser Zeit so gewaltig, dass sie noch heute im Krankenzimmer 307 im dritten Stock einer psychosomatischen Klinik bei München sein muss. Doch der Tag ihrer Entlassung ist in greifbarer Nähe. Das Abendrot leuchtet in wunderbaren Farben durch das große Fenster. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages finden die Wand mit zwei großen Puzzlebildern. Es ist, als möchte die Sonne, bevor sie am Horizont verschwindet, der Patientin noch etwas sagen. Bettina Hansen heißt die junge, hübsche Frau, welche im Krankenzimmer diese Stimmung genießt. Noch steht sie am Fenster und blickt nach draußen. Innerlich spürt sie, dass sie solche Momente wieder in sich aufnehmen kann. Entsprechend zeigt sich ihr entspannter Gesichtsausdruck. Das herrliche Grün der Parkanlagen, die blauen Berge im Hintergrund, dazu dieser Sonnenuntergang, all dies konnte ihre Seele bis vor einigen Wochen überhaupt nicht mehr erfassen. Hier in der Klinik fühlt sie sich geborgen, wie ein junger Vogel in seinem Nest. Langsam ist sie so weit, dass sie sich vorstellen kann, wieder ein Leben außerhalb der Klinik zu führen. Nichts wünscht sie sich mehr, als wieder bei ihrer Familie zu sein. Nach ihren Kindern hat sich regelrecht Sehnsucht. Ein paar Tage braucht sie noch Geduld. Ihr Blick bleibt an den beiden großen Puzzlebildern hängen und sie erinnert sich, was der Stationspsychologe damit in Verbindung brachte. Das eine Puzzle zeigt das Gesicht einer jungen Frau mit strahlendem Blick, freundlichem Ausdruck, aber auch mit leichten Querfalten auf der Stirn. Die Halskette und das rote Shirt verstärken den positiven Ausdruck dieses Bildes. Das andere Bild zeigt eine wunderbare Landschaft mit See, Bergen und einem Bauernhaus. So, wie sie auch ihre Heimat kennt.
Bettina wurde vor ein paar Wochen ziemlich geschockt, als der Stationsarzt dem Frauenbild absichtlich einen gewaltigen Schubs gab und dieses von der Wand fiel, dabei auch noch das Landschaftsbild mitriss. Beide Bilder zerfielen auf dem Boden in hunderte von kleinen einzelnen Puzzleteilchen. „Was soll das denn?“, fragte sich Bettina. Doch der Arzt kam ihr mit seinen Erklärungen entgegen.
„Entweder sie kehren mit einem Besen alles auf eine Schaufel und werfen die Reste weg und sehen nie mehr etwas davon oder sie machen sich die Mühe, setzen schrittweise alle Teile wieder aneinander und haben anschließend noch viele Jahre Freude an diesen Bildern.
Bevor sie sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden, stellen sie am besten eine gedankliche Verbindung zu sich selbst und ihrem Leben her, bis kurz vor dem Zeitpunkt, als ihre verheerende Situation begann. Auch ihre Lebensbilder hingen noch schön und stabil an der Wand. Zumindest waren sie im festen Glauben. Doch plötzlich schlug das Schicksal zu und brachte ihren „normalen“ Rhythmus gewaltig durcheinander. Sie standen vor einem Dilemma, ihre Sicherungen brannten durch und sie wussten nicht mehr, was zu tun ist. Sie resignierten erst einmal.“
Tage danach verstand sie diesen tieferen Sinn.
Sie entschied sich, für ein Zusammensetzen der Puzzles. Mit stabilen Nägeln und einer festen Wand können diese Puzzles noch viele Jahre Freude bereiten. Jetzt, wo die Abendsonne auf die Bilder scheint, weiß sie, dass sie es wirklich geschafft hat. Dies gilt sinngemäß auch für ihre Lebenssituation.
Innerlich zufrieden und ausgeglichen legt sie sich auf ihr Bett und denkt an morgen. Ein wenig Unbehagen empfindet sie vor dem Härtetest, den der Herr Professor mit ihr durchführen möchte. Er will von ihr die ganze Geschichte hören und wird sie dabei beobachten, ob sie bei diesem Thema noch leidet oder stabil genug, für ein Leben außerhalb des Nestes ist. Während der vielen Wochen Klinikaufenthalt hatte sie schon mehrere Gespräche geführt und wurde dadurch immer offener und mutiger.
Einige Therapien, wie Musik, Gestaltungs- und Kreativkurse halfen, dass ihre seelischen Puzzleteile wieder gut verklebt sind und so schnell nicht mehr auseinander fallen können. Das heißt, sie fühlt sich für die kommende Zeit stark genug. Sie weiß auch, dass morgen beim Erzählen der Punkt des „Albtraumes“ kommt. Am liebsten möchte sie diese Stelle weglassen, Nie hätte sie gedacht, diesen Albtraum am eigenen Leib zu erfahren, nur um festzustellen, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist. „Wenn ich morgen dem Professor meine Geschichte erzähle, muss ich wenige Tage vor diesem Traum beginnen. Von einer gewissen Normalität, wie es bei vielen anderen Familien auch abläuft. Dann ändert sich plötzlich innerhalb weniger Tage die Richtung des Lebens. Am besten werde ich so reden, als wäre es ein Film, jedoch mein eigener“, denkt Bettina und schläft beruhigt ein.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück hat sie gute Laune, die Sonne scheint und sie fühlt sich fit für das große Gespräch. Als es endlich so weit ist und der Professor sie in das Therapiezimmer bestellt, erklärt er ihr seine Vorgehensweise. Auch entsprechende Pausen sind vorgesehen. „Ich werde gar nicht so viel fragen, sondern lasse sie einfach nur reden, jedoch ab und zu meine Sichtweise einbringen. Legen sie sich bequem auf die Liege und beginnen sie mit ihren Erinnerungen, aber auch mit den Tatsachen, welche sie von ihrem Mann, ihren Eltern und Geschwistern nachträglich erfahren haben.“
Sie hat Vertrauen zu diesem Professor, der mit seinem Vollbart und seiner tiefen, beruhigenden Stimme eine angenehme Ruhe ausstrahlt. Bettina schließt die Augen und beginnt mit der Erzählung ihres eigenen Filmes. Sie und ihre Familie in den Hauptrollen.
„Es ist die Zeit kurz vor Ostern“. „Die große Uhr im Stationszimmer des Klinikums, in welchem Bettina arbeitet, scheint eine Pause einzulegen, obwohl der große Zeiger sich vorwärts bewegt. Das Dienstende lässt auf sich warten. Für Bettina, die hier als leitende Stationsschwester tätig ist, würde es eigentlich schon reichen. Immerhin war während der Frühschicht die Hölle los. Hektik pur. Bloß nicht jammern, denn Job ist Job, beruhigt sie sich selbst. Besonders anfangs der Woche, am Montag. An diesem Tag werden viele neue Patienten für Operationen, Untersuchungen oder Nachuntersuchungen einbestellt. Meistens schon für acht, neuestens sogar schon für sieben Uhr. Von dieser Zeit an merkt man nicht, wann die die alte Hektik in die neue Hektik übergeht.
Mit viel Routine und guter kollegialer Zusammenarbeit funktioniert alles sehr gut. Die Pflege und Versorgung der Patienten haben Vorrang. Es gibt doch tatsächlich Patienten, die wollen zwischendurch mal ein hübsches Schwesterngesicht sehen und testen diese Klingel auf ihre Weise. Zudem gibt es außer den braven oder lustigen Kranken ja auch noch die Meckerer. Die letzten Jahre waren meist sehr interessant. Die Verantwortung, samt Papierkram ist zwar bedeutend mehr geworden und doch macht das meiste ziemlich Spaß. Ein gutes Arbeitsklima in einem kompetenten Team. Die Kolleginnen, aber auch die Stationsärzte sind ein Glücksfall. Dies ist auch der Grund, warum auf dieser Station meistens gute Laune herrscht.
Der Stationsbetrieb läuft gut. Die Visite ist aber immer eine Sache für sich. Die anschließenden Therapieanweisungen werden konzentriert abgearbeitet. „Was sein muss, muss sein.“
Ein Blick aus dem Stationszimmer während der kleinen Pause ergibt nicht unbedingt Grund zum Jubeln. Bettinas Stirn legt sich in leichte Falten. Es regnet und schneit gleichzeitig. Während ihre Gedanken ein wenig außerhalb der Klinik weilen, setzt sich ihre Kollegin „ Schwester Rosi“ auf einen Stuhl, um etwas Pause zu machen. Kaum stellt sie an Bettina die Frage „ wie geht es Dir heute so?“, steht die Oberärztin locker aber mit einem bestimmten Gesichtsausdruck zwischen dem Türrahmen. „ Schwester Bettina, wir müssen noch die verschiedenen Laborergebnisse der Patienten durchgehen“. „ Ja gerne.“ Es schneit ja eh, was soll ich denn schon daheim, denkt sie natürlich nur ganz leise. Die folgende halbe Überstunde verläuft ziemlich normal. Jetzt aber nichts wie weg, rein in die Zivilklamotten, mit Absatzgeklapper durch den Flur, in den Aufzug, Erdgeschoß, Ausgang, Parkplatz. Der Stressmontag ist vorbei. „ Freizeit ich komme.“ Kein Wunder, dass in der Klinik so viel los ist, wenn schon der Parkplatz und die umliegenden Straßen zugeparkt sind. „Gott sei Dank hat mich keiner eingeparkt“. Bettina drückt die Fernbedienung für ihr Auto. Klack, die Türe des Van öffnet sich. Inzwischen hat sogar der Regen aufgehört. Beim Einsteigen gönnt sie sich einen kleinen abschweifenden Wunschgedanken. An einen netten, flotten, sportlichen Kleinwagen. Doch wohin dann mit den Kindern, deren Kleidung und Spielsachen? Denn bei Oma und Opa brauchen die Kleinen einiges. Bettina ist sehr, sehr dankbar, dass es die Möglichkeit für die Kinder Mia und Jan gibt, dort die Ferien zu verbringen. Hier sind sie sowieso fast zu Hause und fühlen sich richtig wohl. Immer dann, wenn Mama ihren Krankenhausjob erfüllt.
Es ist ein großer Tag, der eigentliche Ferienbeginn im Kindergarten.
Jan und Mia freuen sich riesig auf die Osterferien.
Dazu noch auf dem Bauernhof mit den vielen Spielmöglichkeiten. Die Freundinnen und Freunde der Kinder dürfen auch ab und zu eingeladen werden. Jan wird sich bestimmt von Opa den alten Traktor vorführen lassen. Für seine 5 Jahre hat er schon sehr viel Interesse für technische Dinge. Die Fahrt zum Hof ihrer Eltern dauert nicht lange. Zu dem kleinen Ort in der Nähe des Simssees sind es nur knapp 15 Kilometer. Als sie mit dem Van durch die Hofeinfahrt des elterlichen Anwesens fährt, hat sie den Eindruck dass sie niemand bemerkt. Alle sind mit eigenen Dingen beschäftigt. Sogar die robuste Oma Lena ist voll in ihrem Element. Mit der Axt haut sie wie ein Scharfrichter die großen Holzstücke auseinander. Sie trifft fast immer. Bettina ist richtig stolz auf ihre Eltern. Beide sehen jünger aus, als sie sind. Mama hat noch richtig kräftiges und volles Haar. Die Haarpracht von Papa ist zwar leicht ergraut und etwas licht, doch fit ist er allemal. Und siehe da, die Kinder helfen sogar beim Aufschlichten des Holzes an die Hauswand. Mama wird nun doch noch wahrgenommen und mit Freuden begrüßt. Die Werkzeuge bleiben liegen. Nun geht es dem Duft nach in Richtung Haus. Während dem Essen ist es den Kindern irgendwie zu leise, denn plötzlich plappert die kleine dreijährige Mia drauflos, was sie an den letzten Kindergartentagen alles gebastelt hatte. „ Das darfst du doch nicht erzählen, es soll doch eine Osterüberraschung für Mama und Papa werden“, versucht Jan, die kleine Schwester von ihrem Redeschwung abzuhalten. Nach kurzen Tischgesprächen geht Bettina mit den Kindern nach draußen. Es ist herrlich hier. Die Sonne kämpft sich langsam durch die Wolken. Schon wird es auch etwas wärmer. Nur ein bisschen im Liegestuhl ausruhen, ist Bettinas größter Wunsch für die folgenden Minuten. In den Wolkenhimmel schauen und sich Bilder vorstellen. „Eigentlich geht es mir so richtig gut“, denkt sie für sich. Die schneebedeckten Berge sind von der Liege aus, zu sehen. Es ist schon ein herrlicher Ausblick.
Kaum schaut sie Gedankenverloren in den Himmel, überkommt sie die wohltuende Müdigkeit und schnell ist sie im tiefsten Schlaf. Von Entspannung kann jedoch keine Rede sein. Denn schweißgebadet und mit heftigem Herzklopfen schreckt sie auf. Sie hat den Eindruck als würde ein sehr schweres Gewicht auf ihrer Brust lasten, so dass sie regelrecht nach Luft schnappt. Sie erkennt sofort, es ist ein Albtraum. Einer der schlimmsten Sorte. „Dieses Gesicht mit dem hässlichen Grinsen werde ich wohl nie mehr vergessen“, denkt sie mit einem Zittern am ganzen Körper. Noch Minuten nach diesem Traum spürt sie die Kälte des Alleinseins und die Ohnmacht, etwas dagegen zu tun. Völlig aufgelöst starrt sie ins Leere. Sie hatte sich sogar selbst schreien gehört. Es war wohl ein Hilferuf. Nach diesem Traum schaut sie sofort nach den Kindern und ist heilfroh, dass Jan und Mia in fröhlicher Stimmung mit Opa Ball spielen.
Jetzt in der Klinik stoppt der Professor ihr filmgemäßes Erzählen, denn es entgeht ihm nicht, dass sie es kaum noch auf der Therapieliege aushält. „Genau hier veränderte sich mein Leben“, sagt sie zum Professor. Er wiederum fragt so nebenbei, ob sie an den letzten Tagen vor Ostern Beruflich oder Privat überfordert gewesen sei. „Nicht mehr oder weniger als sonst“, ist ihre Antwort. „Mein Dilemma begann ab diesem „Albtraum“ mit verschiedenen Ereignissen“. Mit etwas Mineralwasser stillt sie ihren Durst und ist wieder bereit zum Weitermachen. Bettina schließt ihre Augen und wundert sich, wie schnell sie an ihren eigenen Film anknüpfen kann. Sie ist auch überrascht, dass sie von sich und all den Anderen sprechen kann, als seien es fremde Personen.
Ruhig formuliert sie wieder Sätze ihrer Erinnerung.
Nach dem „ Albtraum“ möchte Bettina schnell alles vergessen. Jedoch kreist das Geschehen voll in ihrem Kopf.
Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht wissen, dass dieser Traum sie in den nächsten Monaten wieder finden wird, dann aber mit voller Wirklichkeit.
„ Woher kommen bloß solch blöde Träume? Sind es die vielen unterschiedlichen Patienten? Die Gesichter und Typen?“, fragt sie sich, um eine Antwort zu finden. „Oder bin ich ganz einfach überarbeitet. Es wird höchste Zeit, dass mein Urlaub für Ostern vom Chefarzt genehmigt wird. Hoffentlich klappt es auch bei meinem Mann „Fred“ mit seinen freien Ostertagen“. Noch ist er in Spanien mit Meetings, Verhandlungen und Vorträgen beschäftigt. Für seine Firma gibt er alles. Natürlich hat er dafür seinen Erfolg und entsprechende Anerkennung. Wie er dies schaffte, wusste sie nie ganz genau. Sie nehmen beide in Kauf, dass sie sich häufig auf Zeit trennen müssen. Durch den Kauf des neuen Hauses vor drei Jahren ist es wichtig, dass der Verdienst stimmt. Immerhin gehört er in diesem Konzern zu den Besserverdienern. Als zweiter Chef ist er mehr mit diesem Unternehmen verheiratet, als mit seiner Frau. Auch Bettina trägt mit ihrer Arbeit zur finanziellen Entlastung bei. „Zu Ostern machen wir uns bestimmt ein paar schöne Tage mit der ganzen Familie. Vielleicht ist sogar auch ein interessanter Ausflug drin“.
„Bettina machen sie ihre Augen auf“, sagt der Professor in einem ruhigen Ton und hindert sie bei ihrem Redefluss und Gedankengängen.
„ Ich tue mich natürlich leicht, weil ich ihre Geschichte kenne und auch weiß, warum sie hier in der Klinik sind. Nun sollten wir uns noch einmal über besondere Vorereignisse Klarheit verschaffen. In ihren Erzählungen habe ich gerade einen solchen Punkt zum Nachdenken gefunden. Es fällt mir auf, dass sie an ihrem steinigen Weg mitbeteiligt sind, obwohl sie es anders empfunden haben. Ihr Mann konnte sie in den Anfangsjahren begeistern. Toller Job, viel Selbstbewusstsein, sportliches Aussehen, dazu noch charmant. Gleichzeitig nahmen sie die Trennungen auf Zeit einfach so in Kauf. Am Anfang nur selten und dann eher dauerhaft. Sie lebten mit ihren Kindern. Ihr Mann lebte mit der Firma.“
Aus dieser Sichtweise hat der Professor bestimmt Recht. „Ob ich beim Kennen lernen meines Mannes schon reif genug war, bezweifle ich nachträglich schon.“ Nach einem Schluck Wasser ist Bettina schnell in der Lage, weiter zu erzählen.
„Die Vorfreude auf die gemeinsamen Urlaubstage werden immer wieder durch Gedanken von diesem blöden Albtraum gestört. Abwechslung und Ablenkung ist angesagt. Eine neue Frisur könnte Wirkung zeigen. Schnell hat sie mit ihrer guten Bekannten, welche einen Friseursalon führt, telefonisch einen Termin für Donnerstag festgelegt. Nun gibt keine Ausreden mehr. „Vielleicht lasse ich mir gleich einen ganz anderen Haarschnitt verpassen. Ob ein flotter, kurzer Haarschnitt mir wohl passt?“, das wäre andererseits schade um die schönen, langen blonden Haare. Die müssen ja auch nicht unbedingt blond bleiben. Ich glaube, ich hab einen Vogel. Wie komme ich nur auf so eine Schnapsidee?“ In diese seltsamen Gedanken platzt plötzlich Mama Lena mit einer Bitte und schon ist die Realität wieder hergestellt. „Könntest Du uns ein paar Kisten mit Getränken besorgen? Du weißt ja, wir bekommen wie jedes Jahr an Ostern Besuch.“ „ Kein Problem, mach ich doch gerne.“ Irgendwie muss sie sich wieder einmal nützlich machen. Ohne groß darauf einzugehen, wer alles zu Besuch kommt, schnappt sie sich Omas Einkaufszettel. Die dreijährige Mia darf mit, denn sie geniest jede Minute mit ihrer Mama. Mit viel Glück gibt es meistens ein Extra. Bettina parkt so nah wie möglich bei der Getränkehalle. Sie macht das ja nicht zum ersten Mal. Viel lieber würde sie mit ihrem Mann solche Einkaufstouren machen, denn der könnte ja auch einmal etwas schleppen. Kraft hätte er. Doch das ist nicht sein Ding. Er, als erfolgreicher Manager einkaufen? Da könnte ihn jemand aus der Nachbarschaft sehen, welch mindere Arbeit er sich da auflädt. Bettina sieht diesen Job nicht unbedingt negativ an. So ganz nebenbei kommt es ihren Muskeln zu gute. Eine sinnvolle Ergänzung zu ihrem Judotraining. „ Das darf ich morgen ja nicht vergessen, dann sind vierzehn Tage Pause.“
Mia schafft es alleine, aus dem Kindersitz herauszukrabbeln. Sie will unbedingt dabei sein. Mit dem großen Einkaufswagen, auf welchen sich Mia draufstellen kann, kurven sie durch die Gänge. Drei Kasten Bier, 1 Kasten Limo und mehrere Flaschen Saft machen den Einkaufswagen sehr unbeweglich. Auch die Räder rollen nicht perfekt, denn ein Rad blockiert ständig. Was sie nicht hindert, mit etwas Wut über den blöden Wagen am Ende des Ganges sehr rasant und kraftvoll abzubiegen. Mit voller Wucht knallt ihr Einkaufswagen einem anderen Kunden von hinten in die Beine. Dieser geht zu Boden, lässt dabei seinen Wagen los, welcher wunderbar in Richtung Regal weiterfährt. Es gibt einen Höllenlärm, Flaschen zersplittern. Der Mann hockt auf dem Boden und jammert erbärmlich. Bettina und Mia, beide total blass, wissen erst einmal gar nicht, was sie tun sollen.
„ Schatz, hast Du dir wehgetan?“, fragt Bettina voller Sorge ihre Tochter. Diese schüttelt den Kopf und bringt keinen weiteren Ton heraus.
„Ich bin nicht ihr Schatz“, mault der Mann, welcher nicht mitbekommt, dass ein Kind im Geschehen dabei ist. Es sammeln sich immer mehr Kunden und dieser Mann fängt auch noch mit lautem Geschimpfe an. Er sieht seine Kontrahentin noch nicht. Irgendwie glaubt Bettina, falsch zu hören und zu sehen, wenn auch nur von hinten. Das ist doch Dr. Hermann, Oberarzt und einer ihrer Chefs in der Klinik. Das gibt es doch nicht. Ihre Gesichtsfarbe wechselt auf rot. Bis jetzt hat er sie scheinbar nicht erkannt, denn dazu ist er viel zu aufgeregt. „Ich muss helfen“, denkt sie blitzartig.
„ Hallo, Dr. Hermann, ich bin’s, ihre Oberschwester, Entschuldigung, ich war in Gedanken. Kann ich ihnen helfen?“ „ Ja, du dumme Kuh…, sie dumme Gans“, rutscht ihm geradezu unbedacht heraus.
Mit hochrotem Kopf merkt er seinen verbalen Ausrutscher überhaupt nicht und grummelt tief in sich hinein.
„ Helfen sie mir auf und bringen sie mich nach Hause, denn fahren kann ich heute nicht mehr. Ich brauche keinen Arzt, denn das bin ich selber.“ So nach und nach bekommen seine grauen, vielleicht auch verschobenen Gehirnzellen mit, wer seine Kontrahentin ist. „Ja, selbstverständlich“, bringt sie sehr kleinlaut heraus. In ihrem Kopf schwirrt es total durcheinander. Wie bekomme ich das bloß auf die Reihe.
Ihren gefüllten Einkaufswagen stellt sie in eine Ecke des Ladens. Den Wagen ihres Chefs neben dran. „ Ich bringe meine Tochter schnell zum Auto, dann kümmere ich mich um sie, Dr. Hermann.“ An der Kasse geht die Debatte über die zerbrochenen Flaschen und den Einkaufswagenunfall schneller vorbei, als sie denkt. Sie werden sich auch über die Schadensregulierung einig. Immerhin hatte der Einkaufswagen seine Macke. Auf dem Weg zum Auto und auch im Kindersitz bekommt Mia keinen Ton heraus, sie ist bestimmt geschockt. Hoffentlich denkt sie nicht, sie sei schuld an diesem Dilemma. Das muss unbedingt noch geklärt werden, überlegt Bettina. Zurück im Laden sieht sie den Doktor wie ein Häuflein Elend an einem Regal angelehnt. Zumindest hat er seine verbalen Kraftausdrücke eingestellt. Täuscht sie sich, oder hat ihr Vorgesetzter wirklich ganz kurz eine grinsende Miene aufgesetzt. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als den Chef mit ihrem Auto nach Hause zu bringen. Unter anderen Umständen wäre diese Situation bestimmt angenehmer. Bisher wusste sie auch nicht, wo der Herr Doktor wohnt. Bad Aibling, Harthausen ist für sie nicht sehr bekannt. Seinen grimmigen und schmerzverzerrten Ausdruck, echt oder nicht echt, versucht er mit einem Lächeln zu vertuschen, um mit der kleinen Mia etwas ins Gespräch zu kommen. Das ist wohl der Startschuss für Mia, denn plötzlich redet sie in ihrer kindlichen Unbekümmertheit und Sprache über diesen Unfall. Ganz fasziniert hört Dr. Hermann zu und bemerkt nicht, dass sie mit dem Auto gar nicht mehr fahren. Vor einer herrlichen Villa im alten Stil mit einem fast parkähnlichen Garten sind sie laut Navi am Ziel. „Hier wohnt er also, mein Chef.“ Als wollte er gar nicht mehr aussteigen, schaut er leicht verdattert. „ Ich kann schon alleine“, murmelt er vor sich hin, als Bettina beim Aussteigen helfen möchte. Bestimmt wurden sie schon vom Fenster aus gesichtet. Denn plötzlich steht eine jüngere Frau zum Empfang an der Eingangstüre.
„ Wir sprechen uns morgen noch, danke und auf Wiedersehen“, sind seine Abschiedsworte. Bevor Bettina ihr Auto startet, atmet sie erst ein paar Mal kräftig durch. Irgendwie kommt ihr alles komisch vor. „Kann mein Chef wirklich so gut schauspielern?“, dieser kleine Zwischenfall war doch überhaupt nicht so tragisch. Eine hübsche Frau hat er auch, oder ist es vielleicht seine Schwester“, denkt sie noch etwas darüber nach. „Morgen ist bestimmt alles schon wieder vergessen“, hofft Bettina. Gerade, als sie im Getränkemarkt den Einkauf weiter durchführen möchte, klingelt das Handy.
„ Wo bleibt ihr denn, ist etwas passiert?“, fragt Oma neugierig. „Es ist schon etwas passiert, aber eigentlich auch nicht.“ Was sollte Oma mit so einer Antwort anfangen.
„ Irgendetwas stimmt heute nicht mit Bettina“, versucht Lena ihren Mann Thomas aufzuklären. „ Es ist bestimmt das Wetter und urlaubsreif ist sie schon lange. Wir sollten am Abend ein gemütliches Essen vorbereiten und dann mit einem Gläschen Wein die Stimmung lockern.“ Fix und fertig kommen Bettina und Mia bei Oma vor der Haustüre an. Jan, der fünfjährige Sohn macht sich sofort beim ausladen nützlich. Für den schönen Sonnenuntergang hat niemand einen ruhigen Blick. Mit der ganzen Familie gemütlich am Tisch zu sitzen und eine Brotzeit mit viel Appetit zu essen ist momentan wichtiger. Mia muss unbedingt Oma und Opa erzählen, was in der Stadt alles los war. „ Mama, der Mann vor uns hat doch geschlafen. Mitten auf dem Gang. Du hast doch gesagt, der pennt noch. Also können wir gar nichts dafür.“ Opa kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, versucht aber die Stimmung in eine andere Richtung zu lenken. Etwas später stellt er den Kindern die Frage „Wie sagt die Holzwurmmutti am Abend zu den Kleinen“? Ist doch einfach. „husch, husch ins Brettchen.“ Das ist der Startschuss für die Kinder zum verschwinden, in Richtung Bett. Natürlich erst nach der Zeremonie des Waschens und Zähneputzens. Endlich kommen sie zur Ruhe. Das Gläschen Wein kann nun genießerisch Schluck für Schluck getrunken werden. „ Entschuldige, wo bist du momentan mit deinen Gedanken? Du wirkst total abgelenkt.“ Urplötzlich fällt ihr der Traum vom Nachmittag wieder ein. Erzählen möchte sie diese Geschichte erst einmal nicht. „Ich bin einfach überarbeitet, überfordert und brauche Urlaub. Wenn Fred daheim ist, wird es bestimmt wieder entspannter.“ Ihre Gedanken kreisen auch um ihren Mann. Es war doch ausgemacht, dass er am Abend anruft. „Hoffentlich schlafe ich nachher im Bett nicht gleich ein, denn ich möchte diesen Anruf ungern verpassen. Doch für meinen Frühdienst muss ich morgen gut ausgeschlafen sein.“ Die Gedanken an Doktor Hermann bringen sie mehr in Unruhe, als ihr lieb ist. Ob so oder so. Ein wenig Schiss hat sie vor dem morgigen Tag schon. Denn da wird der Chef automatisch ihren Weg kreuzen. „Im schlechtesten Fall versetzt er mich in die Urologie und diese Gerüche dort sind überhaupt nicht mein Ding.“
Mit solchen Gedanken schläft sie ein. Als das Handy dann doch noch klingelt, schreckt sie auf. Es ist kein Traum, sondern echt. Doch wie viel Uhr ist es? Verschlafen und total neben der Spur nimmt sie das Handy in die Hand, ein Blick auf die Uhrzeit zeigt drei Uhr früh. Das kann doch nicht sein. Ihr Puls wird rasend schnell und das Herz pocht stark. Auf dem Display sieht sie Freds Bild. Schlaftrunken bekommt sie erst einmal keinen Ton heraus, hört jedoch lautes Gelächter im Hintergrund und sogar Discomusik. Als ihr Mann, scheinbar alkoholisiert, etwas vom Osterhasen plappert, ist sie irritiert. Er erzählt etwas von einem Hasen, dem es zu Hause zu kalt ist und deshalb nicht fliegen darf, zumindest nicht an Ostern. Er selbst wäre dieser arme Hase, dafür darf sein Chef, der Oberhase in Urlaub fliegen. Bettina kann diese Sätze nicht auf die Reihe bringen. Zugleich hat sie den Eindruck, dass es rings um Fred sehr laut ist und er in seinem Zustand sowieso nichts verstehen wird. Ohne dass Bettina noch etwas sagen kann, kommt noch ein „ guten Abend meine Häsin“ aus ihm heraus und weg ist er. „Was war denn das? Hätte er wenigstens Häschen gesagt. Und um diese Uhrzeit?“ Völlig aufgewühlt und fast hellwach denkt sie über einen Rückruf nach, was das denn eben sollte. Sie wählt die zuletzt empfangene Nummer. Doch es ist keine Verbindung möglich. Noch zwei Stunden bleiben ihr zum schlafen. Fünf Uhr, der Wecker meldet sich ohne großes Verständnis mit lautem Ton. Aufstehen, jetzt oder nie. Fast automatisch, noch im Halbschlaf putzt sie sich die Zähne. Trotz Müdigkeit erkennt sie sich im Spiegel wieder. Auch die Erinnerung an die Nacht holt sie ein. „Was war denn mit Fred los? Habe ich das alles nur geträumt oder war das die Wirklichkeit?“ Der Kaffee, dazu das Käsebrot mit Gurken und Tomaten, gibt ihr langsam Auftrieb und auch ihrem Denkapparat wieder entsprechende Impulse. Somit weiß sie auch, dass Freds Anruf real war. Mit ein wenig Gesichtskosmetik, etwas modischer Kleidung sieht sie richtig toll aus. Diese Tatsache hat sie in letzter Zeit nicht mehr registriert und machte sich auch keine großen Gedanken darüber. Manch anderer sieht sie aber schon, als eine Frau mit dem gewissen „Etwas“. Doch die Familie ist ihr ein und alles.
Im Haus bleibt es ruhig. All die anderen dürfen noch schlafen. Ihr Arbeitstag beginnt. Locker und entspannt kommt sie am Parkplatz vor der Klinik an. Mit einem freundlichem
„ guten Morgen“ geht sie mit flottem Schritt an denen vorbei, die froh sind, dass die Nachtschicht zu Ende ist. In den nächsten Stunden bekommt sie von der strahlenden Morgensonne nichts mit. Höchstens ein
„ Donnerwetter“, wenn Dr. Hermann zum Dienstbeginn aufkreuzt. „Hoffentlich kann er überhaupt aufstehen. Wie kommt er überhaupt zur Klinik? Sein Auto steht ja noch beim Getränkemarkt.“ Solche Gedanken schwirren in ihrem Kopf herum.
Die Schichtwechselübergabe von Nacht- auf Tagdienst geschieht relativ schnell. Über Nacht gab es bei keinem der Patienten besondere Beschwerden oder Komplikationen. Scheinbar hatten die Ärzte ihre Sache, sprich Operationen gut gemacht. Gerade als Bettina dem Pfleger Robert, sowie der Schwester Maria ihre Aufgaben übertragen möchte, hört sie die Schritte des Oberarztes Dr. Hermann. Seinen langsamen, gleichmäßigen Schritt kennt sie ja schon in und auswendig. Doch irgendwie ist dieser Schritt heute nicht gleichmäßig. Hinkender Schlappschritt ist vielleicht der richtige Ausdruck dafür. „Jetzt passiert es gleich und mein Tag ist gelaufen, bloß nichts Verkehrtes sagen. Tief durchatmen hat sich gut bewährt, wenn eine Konfrontation bevorsteht“, denkt sie im Eiltempo. Ihr Puls möchte dieses Tempo mithalten und rast mit Höchstgeschwindigkeit durch ihren Körper. „ Ruhig Blut“, versucht sie sich abzulenken.
Endlich steht er im Stationszimmer. Ganz gegen ihre Erwartung kommt von ihm ein freundliches „ Guten Morgen, ein wunderbarer Tag heute“, in die Runde. Bettina ist überrascht. „Schwester Bettina, bitte kommen sie in zehn Minuten in mein Arztzimmer und bringen sie die Dienstpläne für die kommende Woche mit.“ Gleich passiert es. Zehn Minuten Galgenfrist. Flott geht sie durch die Patientenzimmer und erkundigt sich nach Besonderheiten, Schmerzen und sonstigen Befindlichkeitsstörungen. Gerade drei Zimmer schafft sie, als die zehn Minuten schon vorbei sind. Nun gibt es kein Entrinnen mehr. An der Arztzimmertüre klopft sie erst einmal, wie es sich gehört. Mit einem freundlichen „ herein“, macht der Chef die Türe auf. „ Bitte setzten sie sich und keine Angst, ich reiße ihnen den Kopf nicht ab. Vorwegnehmen möchte ich gleich, dass der Unfall von gestern Nachmittag nur geringe Beschwerden hinterlassen hat. Mehr verursachte mir mein verbaler Ausrutscher, sie wissen schon „ dumme Gans“ und so weiter, eine schlaflose Nacht. Dass dieser kleine Unfall passierte war möglicherweise Schicksal. Der persönliche Ausraster von mir jedoch ein peinlicher Benehmensfehler. Dafür möchte ich mich entschuldigen und ich hoffe, sie können dies auch so annehmen.“ Bettina kann ihre Gesichtsfarbe nicht mehr kontrollieren, denn von weiß bis hochrot ist alles dabei. Am liebsten würde sie ihren emotionalen Gefühlen freien Lauf lassen und den Arzt vor Freude umarmen. Doch ihr Verstand sagt „ halte dich zurück“ und sie beißt sich erst einmal ersatzweise auf ihre Zunge, bevor ein befreiendes „ Danke schön“ über ihre Lippen springt. Dr. Hermann ist letztendlich auch etwas durcheinander und bemüht sich intensiv, wieder dienstliche Worte anklingen zu lassen.
„ Leider muss ich ihr Urlaubsgesuch etwas verändern. Schwester Rosi hat gerade in dieser Zeit eine Zahnoperation, wobei sie dann ein paar Tage ausfällt. Schwester Inge hatte schon lange zuvor den Hotelaufenthalt gebucht, so dass auch sie nicht in Frage kommt. Ich muss gezwungenermaßen von ihren 3 Wochen Urlaub zwei Tage abzwicken, das heißt genau das dritte Wochenende nach Ostern. Geht das für sie in Ordnung?“ „ Kein Problem, wir haben sowieso nichts besonderes auf dem Urlaubsplan.“
Im Grunde ist sie froh, aus dieser dummen Geschichte heil davongekommen zu sein. „ Dann wünsche ich ihnen einen schönen Arbeitstag“, beendet der Arzt das Gespräch. „ Ihnen auch und nochmals danke“, kommt von Bettina zurück. Auf dem Flur begegnet ihr die Schwesternschülerin Ida, welche sich über das farbenfrohe, rot-weiße Gesichtsmuster der Stationsschwester ein wenig wundert.
Gut, dass jetzt die Arbeit mit voller Intensität gemacht werden muss, sonst könnte schon passieren, dass Bettina noch ein paar Gedanken an den Herrn Dr. verliert. Zwischendurch testet mancher Patient mit der Rufanlage die Schnelligkeit der Schwestern. Oft aus wichtigem Grund, häufig sind aber auch nur die Hosen oder das Op-Hemd voll, was nicht unbedingt diesen Beruf zum Traumjob macht. Bettina kann da weitermachen, wo sie vor dem Gespräch mit ihrem Chef aufhörte. Auch die Visite wird vorbereitet. Einzelne Patienten haben das Schild „ Nüchtern“ am Bett hängen und warten hungrig auf ihre Untersuchung oder gar Operation. Bettina wundert sich, dass sie sich auf die bevorstehende Visite mehr freut als sonst. Ist es dieses Mal mehr als nur Routine? Ja, irgendwie ist heute alles anders. Beschwingt und fröhlich traut sie sich ein Lied zu pfeifen, was man von ihr so nicht kennt. Ist es, dass sie heute mit heiler Haut davon kam oder etwas ganz anderes? Ihr Unterbewusstsein hat bestimmt schon eine Ahnung. Dann endlich die Visite. Oberarzt Dr. Hermann und die Stationsärztin Grabner führen das Geschwader an, welches mit Schwester Bettina, dem Pfleger Robert und der Schwesternschülerin Ida in den einzelnen Krankenzimmern bei den Patienten für Spannung sorgt. Wer wird heute noch entlassen? Andere dagegen freuen sich über ihre Genesung, welche durch Untersuchungsbefunde bestätigt werden. Leider ist ein junger Patient dabei, dem der Oberarzt zuerst einen Schrecken und zusätzlich Ungewissheit vermittelt. „ Beim Röntgen zeigte sich in einem Leberabschnitt ein Knoten, welchem wir nachgehen müssen. Das erklärt möglicherweise ihre ständigen Durchfälle.“ Auch solche Aussagen oder Feststellungen bekommt sie zwangsläufig mit. Schnell geht es weiter durch die nächsten Krankenzimmer. Ob sie möchte oder nicht, sie muss ihren Chef natürlich anschauen.
„
