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In einer Zeit, wo intensive Gespräche und persönliche Briefe allüberall elektronisch nach kurzem Aufflammen achtungslos gelöscht werden und Rück-Besinnung sowie Aufbewahren der gemeinsamen Worte vom Irr-Sinn der multimedialen Sucht nach unterhalten werden nur noch als Asche im Wind verwehen, wird die alternde U r s e l von ihrer 17 Jahre jüngeren Cousine nach ihrem Leben gefragt. Schlicht, weil sich zwei Familienmitglieder füreinander interessieren und vom Leben der anderen etwas erfahren wollen. U r s e l ist es völlig neu, dass sich jemand für ihr Leben interessiert, für das Leben einer ehemaligen Jungbäuerin, die durch den zweiten Weltkrieg entwurzelt wurde, entfremdet von jugendlichen Hoffnungen, als Landarbeiterin, Hausmädchen, Kindermädchen und später 23 Jahre am Fließband arbeitete und die Ehe mit ihrem Mann in allen Höhen und Tiefen auf der Grundlage von Treue gestaltete. Ursel sagt: Wir sind nur kleine Leute, und ihre jüngere Cousine erlebt eine große Persönlichkeit, wenn sie mit dem lebendigen Geist eines weisen, bescheidenen Menschen in W u n d e r – voller Sprache und bildhaften Erinnerungen ihr Leben schildert. In den jahrelangen Begegnungen der Cousinen, dem Austausch von Gedanken, durch Miteinandersprechen und Zuhören, Bewusstwerden von Niederlagen und Beschämungen, entsteht das kleine Wunder: sich im Anderen aufgehoben fühlen, beide an unterschiedlichen Brüchen im Leben eine Art Heilung erfahren durch die Ergänzung des Anderen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Am 27. Oktober 1924 erblickte Ursel das Licht der Welt. Sie stammt aus Steinforth in Pommern (heute Polen). Steinforth stammt ab von einer Furt, die durch zwei Seen ging, also eine steinige Furt, aus dem auf der einen Seite dann später das Dorf Steinforth entstand. Steinforth, so erzählt Ursel, war ein sehr, sehr schönes, beschauliches Dorf. Die Einwohner waren meistens selbständige Bauern, auch einige Büdner, die dort arbeiteten, aber auch Handwerker, die zu den Dorfbewohnern gehörten. Es gab keine riesengroßen Besitztümer. Es war gerade so, dass jeder seinen Bauernhof gut bearbeiten konnte. Die Noeskes, unsere Vorfahren, die waren lange, lange dort ansässig. Und ich weiß von meines Vaters Seite, also die Kopitzkes, dass sie seit dem 13. Jahrhundert in Steinforth lebten. Die Noeskes hatten einen sehr großen Besitz, also kein Gut, das erbte aber der älteste Sohn, das war früher so üblich, dass der Besitz an den ältesten Sohn vererbt wurde. Die anderen mussten sich irgendwie eine Tätigkeit suchen und dadurch ist unser Großvater Noeske nicht in den Genuss eines großen Besitzes gekommen. Aber er wie auch seine Brüder gehörten einer sehr angesehenen Familie an. Die Seite meines Vaters, also Kopitzkes, hat oft den Bürgermeister gestellt, und auch aus den Reihen unserer Großeltern, also unseres Großvaters Noeske, wurde manchmal der Bürgermeister gewählt.
Ich erinnere mich an Franz Noeske, der war auch Bürgermeister von Steinforth. Ursel erzählt weiter: Die Noeskes und Kopitzkes waren zwei grundsätzlich sehr verschiedene Familien, aber vom Stand her waren die beiden gleichwertig, nur die Charaktere waren sehr, sehr verschieden. Die Familie meiner Mutter, also die Noeskes, war still, gelassen, nicht dominant oder hervortretend mit einem Geltungsbedürfnis, das hatten sie überhaupt nicht an sich. Aber die Kopitzkes, die wollten etwas herzeigen, die hatten ein starkes Geltungsbedürfnis und im Nachhinein muss ich meine Mutter noch bewundern, sie war eine sehr stille junge Frau, aber auf dem Bauernhof, den wir hatten, hat sie alle ihre Aufgaben sehr gut gemeistert. Sie hat sich keinem aufgedrängt, sie hatte ihren Stolz und hat sich mit niemandem gekabbelt, auch weil sie keinen Streit mochte. Wenn ihr etwas nicht passte, dann zog sie sich zurück, aber sie hat nie einen Streit angefangen oder sich im Streit gewehrt. Ihr Lebenssinn war, eine tüchtige und aufrichtige Bäuerin zu sein. Zum Beispiel in der Erntezeit mussten wir Leute beschäftigen, da hat sie gleichberechtigt alle Leute beköstigt, alles vorbereitet und in Ordnung gebracht, so dass alle gut versorgt waren.
Als Ursel auf die Welt gekommen war, war sie als Erstgeborene der ganze Stolz ihrer Eltern. Sie war ein gesundes und ruhiges Baby, und dennoch erzählte ihre Mutter des Öfteren etwas Unbegreifliches, das am Tag ihrer Taufe seinen Gang genommen hatte. Ursel: Ich war gerade geboren, am 27. Oktober, und am 5. Dezember wurde ich getauft. Aber wie die alten Leute damals so dachten, wurde gemunkelt, dass mich bei der Taufe auf dem Weg zur Kirche jemand verhext haben könnte, so hieß das einfach, denn ich habe geschrien ab diesem Taufdatum, geschrien, wie ich durchs Dorf getragen wurde, während der Taufe, ich habe geschrien Tag und Nacht, Tag und Nacht… Und mein ganzer Körper war mit Blasen übersät und keiner wusste, was ich hatte. Und zu dieser Zeit war auch mein Onkel Paul zu Besuch, er war der jüngste Bruder meiner Mutter, und er war im Wartestand, das heißt, er wartete, dass er zum Militär eingezogen wurde. Und er hatte tags, aber besonders nachts keine Ruhe, mit uns im Haus zu schlafen, weil mein Schreien ununterbrochen alle wachhielt. Da ist Onkel Paul dann auf den Heuboden gezogen und hat die letzten Tage, bevor er eingezogen wurde, auf dem Heuboden geschlafen. Meine Eltern sind dann notgedrungen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wussten, zum Arzt nach Neustettin gegangen, und auf dem Weg dorthin habe ich nur geschrien. Als sie dann zum Arzt hereingekommen sind, da hat der Arzt gesagt: Na dann legen Sie den kleinen Schreihals hier mal auf die Liege, so haben sie mich dann hingelegt, und von Stund‘ an war ich ein ruhiges Kind, ich hab‘ keinen Pieps mehr gesagt, und du weißt ja, spricht Ursel zu mir, Britta, der sie die Geschichte erzählt, ja du weißt ja, wie früher der Aberglaube verbreitet war. Da haben sie gesagt: Siehste, siehste, die sind mit der Kleinen von Steinforth nach Neustettin gefahren, mit Pferd und Wagen, und wenn sie verhext war, dann sind sie zusammengezählt, über sieben Grenzen gefahren, also immer in Dörfer und Felder eingeteilt, und das waren tatsächlich sieben Grenzen, die wir überfahren haben, und tatsächlich, bei dem Arzt angekommen, auf der Liege liegend, da war der Zauber vorbei. Für diese Leute damals war diese Deutung, dass ich verhext gewesen wäre, als Wahrheit ausschlaggebend. Letztlich stimmten alle Hinweise, nach denen ich dann auch befreit war von dieser Erkrankung. Ich, Britta, frage: Gab es denn für deine Eltern damals keine andere Erklärung, denn es sah ja so aus, dass du mit deinen Hautbläschen möglicherweise auch eine wirkliche körperliche Erkrankung hattest? Ursel: Ja, meine Oma väterlicherseits, die hat mir mal erzählt, dass meine Mutter nicht so viel Milch gehabt hat, vielleicht habe ich Hunger gehabt, und meine Großmutter, die hat mir immer so kleines Zuckerpüngelchen in den Mund geschoben, das waren so kleine Leinensäckchen, in die sie Zucker getan hatte, und an diesen Zuckerpüngelchen habe ich wohl immer kräftig gelutscht, und es kann eben sein, dass diese vielen kleinen Bläschen davon gekommen sind. Britta: Ja, zu hoher Blutzucker, mit einer Hautreaktion, das könnte passen…
Es war in Pommern so üblich, dass Kinder von klein auf an der Seite ihrer Eltern aufwuchsen, während diese der anfallenden Arbeit auf dem Bauernhof nachgingen. So lernte Ursel nicht nur in der Küche der Mutter zuzuschauen, sondern auch, wobei sie auf kindliche Mädchenart schon mithelfen konnte. Die Mutter nahm beim Mithelfen Rücksicht auf die schrittweise sich entwickelnden Fähigkeiten von Klein-Ursel, die im weiteren Heranwachsen mit ihren hellblauen Augen lebendig und offen die Welt um sich herum betrachtete und neugierig erforschte. Zwei nicht sehr dicke Zöpfe konnte sie sich bald aus ihren feinen blonden Haaren selber flechten. Sie lachte und alberte oft herum und man schaute ihr gerne in ihr munteres, kindliches Gesicht. Der Vater, als arbeitsamer Bauer und gelernter sowie geschickter Zimmermann, war unermüdlich fleißig und schaffend und hatte von daher eine strenge Arbeitsmoral. Diese betraf auch die Kinder, zunächst Ursel, später sie und ihren sechs Jahre jüngeren Bruder Günter. Der Vater verlangte schon sehr früh, mit der ihm eigenen Strenge, die Mitarbeit der Kinder bei der landwirtschaftlichen Arbeit. So musste Ursel mit sechs Jahren auch Kühe hüten und eine für sie sehr schwere Tour mit den Kühen ist ihr konkret in Erinnerung geblieben. Ursel erzählt: Die Kühe sollten von Steinforth nach Wilhelmshorst, einem recht weit gelegenen Nachbardorf auf eine Weide gebracht werden. Ich musste die Kühe durch einen großen Wald treiben, ich war weit und breit ganz alleine, und da haben die Bäume so sehr gerauscht. Da ich ja erst ein sechsjähriges Kind war, hatte ich große Angst, und um das Rauschen der Bäume nicht zu hören, hab‘ ich immer ganz, ganz laut gesungen, bis ich endlich auf dem großen Wiesenfeld angekommen war, da konnte ich die Kühe grasen lassen und mich ausruhen. Manchmal kam auch meine Tante Emma mit hinzu, sie war die jüngere Schwester von meiner Mutter, das war kurzweilig, denn sie beschäftigte sich mit mir. Einmal sagte sie: Komm‘, ich will dir mal was zeigen. Sie ging mit mir ein paar Schritte durch die Wiesengräser und dann zeigte sie mir ein Lerchennest, Lerchen sind ja Bodenbrüter, und ich habe furchtbar gestaunt, was ich da zu sehen bekam. Die ganz kleinen Lerchen drängelten sich im Nest und sperrten die Schnäbel weit auf, eins ums andere Mal wieder, auch wenn die Lerchenmutter etwas hineinstopfte, blieben die Schnäbel sofort wieder weit geöffnet, ich fand das sehr spannend. Ein anderes Mal, als Tante Emma mit mir war, zeigte sie mir eine nächste Überraschung. Sie sagte: Pass mal auf, was von dort hinten kommt, da kam so ein Riesenrudel Hirsche angelaufen, und sie sagte: Pass mal auf, pass genau auf, wie die springen können. Und richtig, sie sprangen ruck über so eine kleine Gruppe von Büschen, da sprangen sie wirklich alle rüber… So etwas hatte ich als Sechsjährige vorher noch nie gesehen. Britta: Ich finde auch, dass das sehr lieb war von Tante Emma, dass sie sich um dich kümmerte und dir spannende Ereignisse in der Natur zeigte. Ursel: Das stimmt, ich habe heute noch als 87jährige diese schönen Bilder aus der frühen Kindheit in mir als Erinnerung. Das Feld, auf dem ich damals die Kühe hütete, grenzte an das Grundstück von Onkel Ernst, also auch ein älterer Bruder von Mama und eben auch von Tante Emma. Das Land dort rundherum hatte viel Wald, war weithügelig bis bergig, und dazwischen immer wieder schilfumrandete kleine Seen, manchmal gingen diese ineinander über, sie waren so sauber, dass man daraus trinken konnte. Wenn Onkel Ernst uns auf der Wiese sah, kam er rüber und hatte immer ein Stück Obst in der Tasche, einen Apfel, eine Birne, jedenfalls so wunderbares Obst, wie man es heute nicht mehr kaufen kann. Emma und ich, wir hatten ein Vergnügen damit, dies zu essen. Da wir, also meine Eltern, auf unserem Hof nur Kirschbäume hatten, also in unserem Garten, bekamen wir von Onkel Ernst für den Winter immer Birnen und Äpfel, das war sehr schön.
Steinforth hatte eine Schule, die Ursel ab dem sechsten Lebensjahr besuchte. Ursel: Wir waren nur wenige Kinder, aber was da gelehrt wurde, das hat man bis heute nicht vergessen, und die Aufführung der Weihnachtsgeschichte, die habe ich nie so schön jemals wiedergesehen wie in Steinforth. In späteren Jahren, als junge Frau, habe ich in Hamburg die Kinder einer begüterten Familie betreut, und da hieß es: Ah, die führen die Weihnachtsgeschichte in ihrer Schule auf, wir werden da alle mal hingehen, und ich mit meiner Erinnerung habe mich richtig darauf gefreut. Aber es wurde eine Enttäuschung, es war nicht mit Steinforth zu vergleichen. Steinforth war wirklich ein Dorf, das sich sehen lassen konnte, wir hatten gute Lehrer in der Schule, die sehr gebildet waren, und wir, bzw. ich habe dort sehr viel Grundlegendes gelernt. Leider fiel unser schönes altes Dorf der Kriegstreiberei der Nazis zum Opfer, es wurden überall Truppenübungsplätze angelegt, das empörte uns damals und mich auch immer noch heute. Fünf Dörfer waren dazu ausgesucht, Truppenübungsplätze zu werden, uns war es noch nicht klar, aber schon wieder nach dem ersten Weltkrieg eine Kriegsvorbereitung? Wir, die Einwohner, mussten alle weg und mussten uns eine neue Heimat suchen. Wir, das waren meine Eltern, mein Bruder Günter und ich. Unser jüngster Bruder Werner war ja noch nicht auf der Welt, der ist 1939 dann in Neustettin bei Naseband, in unserem neuen Dorf geboren. Wir bekamen Geld für die Umsiedelung, und man konnte sich überall was Neues kaufen, wir siedelten uns in Naseband an. Aber trotzdem, das Andenken an Steinforth wird nie in mir vergehen, es ist immer, bis heute, in mir. Und so ist die Weihnachtsgeschichte, die jedes Jahr aufgeführt wurde, unvergessen. Überhaupt, was Kultur – und Literatur anbetraf, das wurde uns dort in der Schule umfassend vermittelt. Die Schule in Steinforth war eine Einklassen-Schule, vom ersten bis achten Schuljahr gingen alle in eine Klasse, jeder hat von jedem gelernt, und da ich sehr wissbegierig war, bin ich schon immer ganz früh zur Schule gegangen, durfte mich ganz still hinsetzen und habe mitgelernt, das hat mir wirklich Freude gemacht, mit den Großen mitzulernen.
Ursel lächelt bei ihren Erinnerungen: Weißt du, sagt sie, als Kind hatte ich im Wald Angst, später aber liebte ich unsere großen Wälder mit ihrem Zauber von Licht und Schatten, dem Vogelsang, das geheimnisvolle Knacken mal hier mal dort, die Farne, die Blaubeeren, das weiche Moos und die Pilze… Und mir ist ein Gedicht über den Wald in den Sinn gekommen, das ich von den Großen irgendwann gelernt habe. Britta: Ich bin neugierig… Ursel nickt:
Der Wald
Mit dem alten Förster heut‘
bin ich durch den Wald gegangen
während hell im Festgeläut
aus dem Dorf die Glocken klangen.
golden floss ins Laub der Tag
Vöglein sangen Gottes Ehre
fast als ob der ganze Haag
wüsste dass es Sonntag wäre.
Und wir kamen ins Revier
wo umrauscht von alten Bäumen
junge Stämmlein sonder Zier
sprossten auf besondren Räumen.
Feierlich der Alte sprach:
Siehst du über unsren Wegen
hochgewölbt das grüne Dach
das ist unser Ahnen Segen
denn es gilt ein ewig Recht
wo die hohen Wipfel rauschen
von Geschlechtern zu Geschlecht
geht im Wald ein heilig Tauschen.
Was uns Not ist und zum Heil
ward’s gegründet von den Vätern
aber das ist unser Teil:
dass wir gründen für die Spätern.
Drum im Forst auf meinem Stand
ist’s mir oft als böt ich linde
meinem Ahnherrn eine Hand
jene meinem Kindeskinde.
Und sobald ich pflanzen will
pocht das Herz mir, dass ich’s merke
und ein frommes Sprüchlein still
muss ich beten zu dem Werke:
Schütz Euch Gott, Ihr Reiserschwank
möge unter Euren Kronen
Gottesfurcht und Freiheit wohnen.
Und Ihr Enkel still erfreut
mögt Ihr dann mein Segnen ahnen
wie’s mit frommem Dank
an die Väter will gemahnen.
Wie verstummend im Gebet
schwieg der Mann, der tief ergraute
klaren Auges ein Prophet
welcher vorwärts rückwärts schaute.
Segnend auf die Stämmlein rings
sah ich dann die Händ‘ ihn breiten
aber in den Wipfeln ging’s
wie ein Gruß aus alten Zeiten.
Ursel ist im heutigen Alter von 87 Jahren ein Phänomen der umfangreichen und klaren Erinnerung. Selbst das vielschichtige Leben aus ihrer Kindheit, Jugend, den Krieg, die Flucht, im Zusammenhang mit vielen anderen Menschen und Schicksalen schildert sie in großer Differenziertheit und Bildhaftigkeit. Die Tonbandaufnahmen, die ich, Britta, ihre 17 Jahre jüngere Cousine, von 2009 bis 2013 mit Ursel gemacht habe, sind Zeugnisse ihrer besonderen und feinsinnigen Darstellungsfähigkeit. Sie ist in dieser Zeit der Aufnahmen zwischen 85 und 89 Jahren.
Weiter geht es jetzt noch um besondere Erinnerungen aus ihrer Kindheit in Steinforth. Ursel: Steinforth war ja mein Geburtsort und mein Vater kam aus einer gutbetuchten Familie, die hatten einen großen, großen Wald, und als Mitgift hatte er Bauholz für ein neues Haus bekommen. Meine Eltern waren jungverheiratet, und 1924, das Jahr, in dem ich geboren wurde, wurde das neue Haus gebaut. Das war ganz unterkellert und sehr solide gebaut. Sechs Jahre war ich dann hier zunächst das einzige Kind meiner Eltern. Unser Dorf war klein und gemütlich, jeder kannte jeden und ich bin dort auch überall in die Häuser gegangen, habe die Leute besucht und kennengelernt, war also ein recht bekanntes und lebendiges Kind unseres Dorfes. Ich erinnere mich noch, als mein Großvater Kopitzke starb, da war alles so traurig, alle im Dorf haben sehr mitgetrauert und ein großer Posaunenchor war angereist. Alle weinten und das machte mir als sechsjähriges Mädchen gar keinen Spaß, so bin ich überall im Dorf unterwegs gewesen, überall rumgebutschert. Da begegnete ich einer Frau, die ganz, ganz gebeugt ging, ich stellte mich vor sie hin und habe zu ihr gesagt: Na, Tante Klaja, als Nächste wirst du wohl dran sein. Sie guckte mich groß an und sagte: Mädchen, wie kannst du so was sagen, du kannst noch eher dran sein als ich… Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, sagt Ursel und wir beide, Ursel und Britta, lachen über dieses lustige Erlebnis.
Mit gut sechseinhalb Jahren wird Ursel nicht mehr ein Einzelkind sein, weil ihr ein Bruder geboren wird. Ursel erzählt weiter: Ich wurde darauf vorbereitet: Du bekommst bald ein Brüderchen, so wurde es einfach gesagt, weil es ein Bruder werden sollte, und wie das Brüderchen dann da war, am 6. Juni 1930, wurde es auf den Namen Günter getauft. Ich war sechs Jahre älter, und da sollte ich auch schon ein bisschen auf ihn aufpassen, ich sollte ihm die Flasche halten, ach, das sehe ich noch vor mir, der lag in so einem grünen hohen Kinderwagen damals und ich sollte warten, bis er die Flasche ausgetrunken hat. Ach, und das dauerte und dauerte, das war mir alles viel zu lang. Er kriegte den Flascheninhalt einfach nicht auf. Das war mir alles viel zu langweilig, ich wollte nur raus und spielen. Natürlich fand ich ihn als Baby auch sehr süß, aber als er sein Fläschchen selber halten konnte, war ich froh.
Aber ich blieb auch in Zukunft nicht ganz davon verschont, meinen Bruder zu beschäftigen. Weil wir jedoch viel mit unseren Großeltern zusammen waren, bedeutete es Entlastung, diese gingen arbeitsteilig mit uns um: Die Großmutter beschäftigte sich mit mir und der kleine Günter war beim Großvater. Dieser erzählte ihm oft Geschichten, und Günter folgte dem Vorlesen von Märchen mit großer Aufmerksamkeit. Schon als er noch gar nicht richtig sprechen konnte, wusste er zwei Worte schon gut zu nutzen: Wenn der Großvater eine kleine Pause einlegte, dann sagte er: Und dann… bei jeder Atempause: und dann…. und am Ende immer weiter und dann, Opa, und dann… Na und ich, als seine ältere Schwester, hatte schon einige Gedichte gelernt, damit musste ich in jeder Pause herhalten. Er konnte schon mehr sprechen, aber noch nicht lesen, so ging es auch abends munter weiter im Bett: Nu erzähl‘… und wieder: nu erzähl‘… wie geht das weiter? …. Auch wenn ich noch so müde und auch schon halb eingeschlafen war, dann hörte ich ihn lauter: Erzähl‘ weiter…
Ein furchtbarer Schreck durch ihn fällt mir da noch ein: Als er noch kleiner war, noch in der Windelhose steckte, aber schon recht gut laufen konnte, war er eines Abends plötzlich verschwunden. So wie es damals war, gab es keine Molkereien, sondern man hat das Vieh mit der Hand gemolken und die aus der Milch gewonnene Butter hatte meine Mutter in Neustettin auf dem Markt verkauft, sie war dort sehr angesehen und war die Butter ganz schnell los. Die Milch musste also gefiltert und durch eine Zentrifuge gegeben werden. Die Zentrifuge stand in der Küche auf einem Tisch, der mit einem Vorhang versehen war. Und wenn dann in der Abendzeit die Milch gefiltert wurde, dann löste die Zentrifuge so ein summendes Geräusch aus. Und Günter als kleiner Junge schien dies Summen zu mögen. Er stand häufig daneben und versuchte mit kindlicher Stimme dies zu imitieren. Aber warum war er eines Abends aus der Küche verschwunden? Bei der Fülle der anstehenden Arbeit hatte keiner bemerkt, dass er fortgelaufen war. Als dies dann plötzlich bemerkt wurde, ging erst das Rufen los und dann das Suchen, Günter meldete sich nicht. Wo ist der Junge! Wo ist der Junge?! hieß es und rief es dann in alle Richtungen…. Und am Ende haben wir ihn, ruhig liegend, vom Summen in den Schlaf gewiegt, hinter dem Tischvorhang entdeckt und an allen Vieren, Händen und Beinen da rausgezogen. Er wies in seiner Kindersprache auf die hohe Bedeutung seines Versteckes hin: Sike-Kasten! Das war Günters Wort für Musikkasten. Er zog sich noch manchmal am Abend, um dem Singen und Summen zu lauschen, in seinen Sike-Kasten zurück.
