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Eine Frau, ein Handicap, ein Wunsch: Olivia möchte allein leben, weit weg von allen anderen. Denn sie hasst die, die sie anstarren, über sie reden, mit dem Finger auf sie zeigen. Ihr Vater, ein Chemiker, der jahrzehntelang in einem Forschungszentrum tätig war, hat ebenfalls einen großen Traum. Er arbeitet an einem Schutzschild, der fähig ist, Mensch und Tier vor Leid und Tod zu bewahren. Eines Tages gelingt es ihm, einen Schutzpanzer über einem Waldgebiet entstehen zu lassen, der undurchdringbar ist. Doch Robert Weber lässt bei dem Experiment sein Leben und so kommt es, dass seine Tochter sich plötzlich tatsächlich in einer Welt wiederfindet, die abgeschottet ist von allem anderen. Nach erster Verarbeitung ihrer Trauer ist die junge Frau zunächst froh, denn ihr größter Wunsch hat sich erfüllt. Doch schon bald stellt sich heraus: Diese neue Welt, in der sie sich nun befindet, birgt unzählige Gefahren für Leib und Seele. Widerwillig muss Olivia erkennen, dass es alles andere als gut ist, sich diesem Ort alleine stellen zu müssen ...
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Urwaldgeflüster
Roman
Science Fiction
Nadja Harsch
1
Menschen können grausam sein
Olivia lief über den Hof, die Schultern hoch zu den Ohren ziehend. Nur noch wenige Blätter in rot und gelb hingen an den Büschen und Bäumen, die rund um den Schulhof wuchsen. Hinter Olivia stand ein altes Unterrichtsgebäude in ergrautem Weiß, das seine besten Zeiten längst hinter sich hatte, vor ihr befand sich die Turnhalle, in deren Garagen sich löchrige Matratzen und verschlissene Sportgeräte stapelten, und über ihr breitete sich ein Dach aus Plexiglas aus, das die pausierenden Schüler vor Regen und Sonne schützen sollte. Gelächter und ein Durcheinander von Stimmen erfüllten die kalte klare Luft dieses Wintertages, dessen grau-weiß bewölkter Himmel Schnee anzukündigen schien. Olivia setzte ihre fellumrandete Kapuze auf und lief, die grauen Pflaster unter ihren Füßen fest im Blick behaltend, an ihren Mitschülern vorbei. Sie schaute weder nach rechts noch nach links und erst, als sie die Ecke des Hofes erreichte, in der niemand gerne stand, da Katzen dort oft ihre würzige Notdurft verrichteten, ließ sie die Schultern ein Stückchen nach unten fallen. Kaum merklich hob sie den Kopf und schaute sich um. Alles war wie jeden Tag: Die hübschen Mädchen standen neben der Vesperbude und kicherten über die Blicke der Jungen; diejenigen Schüler, die gerade eine Klassenarbeit hinter sich gebracht hatten, standen Fingernägel kauend und diskutierend beieinander, und die jüngeren Kinder warfen den älteren wie stets bewundernde Blicke zu. Olivia atmete hörbar aus, ehe sie in ihr Pausenbrot biss, das sie zermahlte, als sei es ein alter geschmackloser Kaugummi, der längst ausgespuckt gehört.
Sie hatte ihr Essen noch nicht vollständig hinuntergewürgt, als sie plötzlich seine Stimme hörte. Olivia lugte um die Ecke und etwas, das einem Lächeln glich, huschte über ihr Gesicht. Nael, ein großer schlanker Junge mit brauner welliger Haarpracht und einer Haut, die den Eindruck vermittelte, er sei soeben erst aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt, kam aus der Turnhalle. Neben ihm lief ein kräftiger Junge mit dunkler Igelfrisur und einem flaumigem Oberlippenbart. Der kräftige Dunkelhaarige sprang die vier Stufen, die von einem Seiteneingang zu einer Wiese führten, auf einmal hinunter, und warf einen Fußball auf plattgetrampeltes Gras. Er fragte: "Na, wollen wir eine Runde?"
Nael schüttelte den Kopf. "Nein, keine Lust."
Der Junge mit der Igelfrisur gab dem Ball einen kräftigen Tritt. "Sag mal, Alter, was ist denn heute los mit dir?"
Nael winkte ab. "Ach, nichts."
"Noch immer wegen Olivia?"
Nael blies Luft aus der Nase. Dann schimpfte er los: "Ich kann immer noch nicht fassen, was sie gesagt hat ... Ich dachte immer, sie wäre keine so blöde Kuh."
Der Kräftige lachte fies. "Nur eine einäugige hässliche."
Olivia zuckte in ihrem Versteck zusammen. Sie ballte die Fäuste, murmelte: "Du Arschloch ... aber du wirst schon sehen,", ihr hoffnungsvoller Blick wanderte zu Nael hinüber, "gleich kriegst du dein Fett weg!"
Doch ... Nael verteilte kein Fett, er lachte. "Du hast recht,", sagte er, "der Glöckner von Notre-Dame ist eine Schönheit gegen sie."
"Du Schwein!" Olivia saß senkrecht in ihrem Bett. Schweiß lief ihre Stirn hinunter und ihre Hände packten das weiße Laken unter ihr so fest, dass ihre Adern dick und blau hervortraten. Olivia atmete zitternd ein und aus, dann sah sie sich um. Alles war gut. Sie war in ihrem Zimmer, alleine, ohne andere; es war still und friedlich. Olivia entkrampfte die Fäuste, wischte sich über die Stirn und hob die Beine über die Bettkante. Sie stützte ihre Ellenbogen auf die Knie und legte das Gesicht in schweißnasse Hände. So saß sie da, drei, vier, fünf Minuten. Dann stand sie auf. Sie zupfte ihr Nachthemd zurecht und ging zu ihrem Spiegel, der über einer dunkelbraunen Kommode an der Wand hing. Das Glas des Spiegels war staubig, denn Olivia putzte es nie. Eine kleine Weile stand sie da, zu Boden schauend, und es schien, als bereite es ihr größte Mühe, ihren Kopf zu heben. Irgendwann jedoch sah sie sich an. Braune Locken umrandeten dick und glänzend ein ovales Gesicht mit Stupsnase, sinnlich rosigen Lippen und zarter Haut. Die Frau im Spiegel war zwar nicht sonderlich groß, aber schlank und mit ansprechenden Kurven. Hübsch war all das. Doch Olivia sah das Schöne an sich nicht. Sie sah nur ihre Augen. Zuerst das linke. Es war außen grün und innen braun mit einem blauen Ring um die Iris. Es war schön, harmonisch und voller Leben. Doch das rechte, ihr Blick wanderte zu diesem hinüber, war, wenngleich es ähnliche Farben zeigte, leer und tot. Olivia berührte das Glasauge mit einem langgestreckten Finger und schob es leicht hin und her. Ihre Lippen begannen zu zittern und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Doch ehe das Wasser über ihre Wangen fließen konnte, zog Olivia die Nase hoch, wischte sich hektisch die Tränen weg und drehte dem Spiegel den Rücken zu.
Sie ging zu einem schmalen Schrank, der ebenfalls in dunkles Holz gefasst war, und holte aus ihm eine Jeans, ein T-Shirt und Socken heraus. Sämtliche Kleidungsstücke waren Olivia zu groß; sie waren farblos und hingen sackartig an ihr herunter. Die junge Frau zog das Nachthemd aus und die Tageskleidung über, kämmte sich die dicken braunen Locken und verließ, ohne noch einmal einen Blick in den Spiegel zu werfen, ihr Zimmer.
Über eine alte knarrende Holztreppe erreichte sie die Küche. Ein älterer Mann saß am Esstisch vor einer dampfenden Tasse Kaffee. Er war groß und dürr, hatte zerzaustes graues Haar und einen wilden Bartwuchs um dünne Lippen. Über ihm, an der Wand, hing eine silber eingerahmte Ehrenurkunde, auf der in schwungvollen Buchstaben geschrieben stand:
Das Forschungszentrum für zukunftsorientierte Technologien ehrt seinen treuen Mitarbeiter, Robert Weber, der über 40 Jahre Leiter der Abteilung Chemische Sicherheitstechnik war, und der nun in den wohlverdienten Ruhestand startet. Er wird unserem Unternehmen mit seinem Ideenreichtum, seinem Wissen und der Bereitschaft, dieses mit anderen zu teilen, sehr fehlen.
Wir wünschen ihm und seiner Familie alles erdenklich Gute für die Zukunft, die Robert Weber sicherlich, zumindest zeitweise, weiterhin der Forschung widmen wird ...
Olivia fuhr sich mit beiden Händen über die Wangen, die sich heiß anfühlten, und lenkte ihren Blick wieder auf ihren Vater. Ein zaghaftes Lächeln zeigend sagte sie: "Guten Morgen Papa!"
Robert Weber zuckte zusammen, als hätte er das Knarren der Treppe nicht wahrgenommen, und schaute auf. Als er seine Tochter sah, wanderten seine Lippen ebenfalls nach oben. Er grüßte: "Hallo mein Schatz." Das Lächeln wich einem Stirnrunzeln, ehe er fortfuhr: "Ist alles in Ordnung mir dir? Ich hatte vorhin für einen Moment den Eindruck, ich hätte einen Schrei gehört."
Olivia nickte lediglich zaghaft.
Sie ging zu einem cremefarbenen Küchenschrank mit silberner Griffleiste, stellte sich auf Zehenspitzen und fischte eine weiße Tasse aus dem obersten Regal, deren Rand stellenweise abgesplittert war. Sie füllte den Porzellanbecher ebenfalls mit brauner dampfender Flüssigkeit und setzte sich zu ihrem Vater an den Tisch. Olivia nippte an ihrem Kaffee, ehe sie fragte: "Und, was steht heute an?"
Ihr Vater zeigte mit einer Kopfbewegung Richtung Kalender. "Es ist Mittwoch ... du bist dran." Der Blick der jungen Frau wanderte zu dem Papier an der Wand. Es war der 25. April 2035 und es stand in großen roten Buchstaben auf dem Blatt: Einkaufen - Olivia.
Die Frau zeigte tiefe Falten zwischen den Brauen. "Oh, nein! Nicht heute. Können wir nicht tauschen? Du heute, ich ... nächste Woche?"
Ihr Vater schüttelte den Kopf. "Nein, Olivia. Wir haben letzte Woche schon getauscht. Außerdem muss ich heute dringend arbeiten."
Olivia faltete ihre Finger ineinander, als wollte sie beten. "Bitte."
Robert Weber legte seine Hände über die seiner Tochter. "Olivia. Geh nach draußen. Es wird dir gut tun, mal wieder unter Menschen zu sein."
Olivia schüttelte den Kopf. "Nein, das wird es nicht. Aber wenn du darauf bestehst ..."
Der Vater nickte. "Das tue ich."
Nach dem Frühstück, das für Olivia lediglich aus der dampfenden Tasse Kaffee bestand, schlüpfte die junge Frau in eine braune verfusselte Strickjacke und verließ das Haus. Mit gesenktem Kopf, als hätte sie ihren Traum noch nicht verlassen, lief die junge Frau langsam durch Straßen und Gassen, von Gartenzaun zu Gartenzaun, bis die Häuser schließlich dichter beieinander standen und die Vorgärten seltener wurden. Immer wieder begegnete sie anderen Menschen, die Hunde ausführten, mit ihren Kindern spazieren gingen oder selbst zum Einkaufen eilten, und viele von denen, die ihren Weg kreuzten, nickten Olivia zu oder grüßten sie gar mit Worten. Doch die junge Frau sah nicht auf und reagierte nicht, so als wären die anderen gar nicht da.
Im Kern der Stadt angekommen, der gekennzeichnet war von alten aber liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern, rot gepflasterten Fußgängerzonen und üppigem Blumenschmuck, ging Olivia zum Wochenmarkt, der alles bot, was der hungrige Magen begehrte und die fleißige Hausfrau suchte. Ohne den Standbesitzern ins Gesicht zu blicken, kaufte die junge Frau 10 Eier, eine neue Spülbürste und frische Blumen für den Küchentisch. Dann steuerte sie auf den Wurststand zu, hinter dessen Theke ein dicker Mann mit fettverschmierter Schürze stand. Laut rief er den Vorübergehenden zu: "Frische Hausmacher Blutwurst, dasStück 3,50 €, Katenschinken 100 gr. 3,00 € , Schweinerücken, das Kilo 15,00 € ..."
Olivia ging, nahezu schleichend, zu dem Stand hinüber und stellte sich an dessen Rand. Der Dicke drehte sich in ihre Richtung und fragte: "Junge Dame, was darf es sein?" Olivia nickte dem Metzger flüchtig zu und wollte gerade ihre Bestellung aufgeben; doch der Mann starrte sie an, sekundenlang, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Planten. Olivia spürte, wie Hitze ihre Wangen hinaufstieg. Sie senkte den Kopf und atmete tief durch. Doch der Dicke sagte langsam und laut, als wäre die junge Frau schwerhörig und dumm zugleich: "Guten ... Tag! ... Was ... möchten ... sie? ... Soll ... ich ... ihnen ... alle ... Wurstsorten ... mit ... Preisen ... vorlesen?"
Olivia hob weder den Blick, noch verabschiedete sie sich. Sie drehte um und ging. Beim Weglaufen hörte sie ein kleines Mädchen fragen: "Mama, was hat die Frau denn da am Auge?" Die Mutter machte "Pssst." Olivia rannte.
Sie hetzte schlängelnd zwischen Ständen und Menschen hindurch und kam erst in einer schmalen Gasse zum Stehen, in die kein Sonnenstrahl vordrang. Sie presste ihren Körper gegen eine harte ungleichmäßige Hauswand, atmete schnell. So stand sie da, eine Weile, sie wusste nicht wie lange.
Erst als sich eine Frau mit einem großen Hund an ihr vorbeidrückte, rührte Olivia sich wieder. Sie drehte sich in die Richtung, die aus der Innenstadt herausführte, zu ihr, nach Hause. Sie hob einen Fuß, wollte losgehen, doch da fiel ihr Blick in den Einkaufskorb. Sie sah Eier, Bürste, Blumen. Olivia biss sich auf die Unterlippe, zischte: "Mist!" Kopfschüttelnd schaute sie über ihre Schulter hinweg, zurück, Richtung Markt.
Alles war wie immer: Marktschreier schrien, Leute mit vollen Körben und dicken Einkaufstüten eilten von Stand zu Stand, Kinder spielten lachend Fangen.
Olivia atmete hörbar aus, ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und zu den Verkaufsständen zurückging. Nun war eine der Obst- und Gemüsetheken ihr Ziel.
Sie war noch nicht ganz dort angekommen, als sie plötzlich ihn sah: Nael, ihren einstigen Freund aus Kindertagen, mit dem sie seit dem Tag, an dem er sie mit Worten so sehr verletzt hatte, nicht mehr gesprochen hatte. Die junge Frau stoppte, starrte ihn an. Sie hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, da er laut Olivias Vater eine Zeit lang im Ausland gewesen war. Nun stand er da, groß und muskulös; seine Haut war südländisch getönt, braune Locken umspielten sein markantes Gesicht und ein Drei-Tage-Bart unterstrich seine Männlichkeit.
Nael bediente gerade eine Kundin, präsentierte ihr Bananen, Äpfel, Orangen ... Er sprach, lachte, zeigte blühend weiße Zähne.
Die Frau wählte fünf Bananen, zwei Äpfel, eine Schale Erdbeeren, eine Gurke ... Als die Tüte in Naels Händen voll war, ging er zur Kasse. Dabei streifte sein Blick plötzlich den von Olivia. Die beiden sahen einander an. Sekunden vergingen, Sekunden, in denen Olivias Augen größer wurden und ihre Hände zu zittern begannen. Sie stand noch einen Augenblick lang da, bewegungslos starrend; dann jedoch drehte sich ruckartig um und rannte los.
"Olivia.", hörte sie Nael rufen, "Olivia." Doch sie reagierte nicht; sie rannte und rannte, vorbei an Fachwerkhäusern, durch Straßen und Gassen, bis zu dem Stadtteil, in dem die Grundstücke wieder großzügiger wurden und Vorgärten zeigten.
Am Haus ihres Vaters angekommen, eilte sie durch das Gartentor, schlüpfte durch die Eingangstür und knallte sie hinter sich zu. Sie drehte den Schlüssel zwei Mal im Schloss und lehnte sich gegen die Tür, als müsste sie eine zusätzliche Sperre errichten. Als ihr Atem sich etwas beruhigt hatte, ging sie in die Küche und stellte den Einkaufskorb mit Eiern, Bürste und Blumen seufzend auf den Tisch.
Auf ihm lag ein Zettel. Olivia langte nach dem Stück Papier und las:
Hallo Liebes!
Bin im Wald.
Bis später
Papa
2
Die Hütte im Wald
Das drei Hektar große Grundstück, das in der Mitte eines weitreichenden Waldgebietes am Rande der Stadt lag und das ihr Vater von ihrem Großvater, einem Jäger aus Leidenschaft, vor einigen Jahren geerbt hatte, war ein paar Kilometer von Olivias Zuhause entfernt. Die junge Frau musste daher eine Weile gehen, ehe sie die kleine Hütte erreichte, die ihr Opa einst aus hellen Holzlatten zusammengezimmert hatte. Das störte Olivia jedoch kaum, denn sie liebte die großen schattenspendenden Bäume, das Knacken von Ästen und Rascheln von Blättern unter ihren Füßen und allem voran den Geruch von Erde und feuchtem Moos. Olivia bückte sich auf ihrem Weg immer wieder nach Wildblumen und Bärlauch, fasste Baumrinde an und strich über dunkelgrüne Moosgewächse. Und nun, so ganz alleine im dichten Grün, fernab der Stadt, der Straßen und Menschen, erschien ein gar Lächeln auf ihren Lippen und ein Strahlen in ihrem gesunden Auge.
"Hallo Papa!", grüßte Olivia ihren Vater, als sie schließlich die kleine Lichtung in der Mitte des Waldes erreichte. Robert Weber stand in einem knöchellangen grauen Kittel und mit einer großen durchsichtigen Schutzbrille auf der Nase vor seiner Hütte. Vor ihm befand sich ein großer dunkelgrauer Behälter; neben ihm ein Tisch, auf dem sich allerlei Fläschchen mit bunten Flüssigkeiten darin sowie Dosen mit verschiedenen Pasten und Pulvern tummelten. Immer wieder griff Robert nach einer der kleinen Flaschen oder Dosen und gab deren teils roten, teils blauen oder grünen Inhalt in den Laborbehälter vor sich. Dabei ging er jedes Mal mit dem Gesicht so weit wie möglich weg von dem Gefäß, als fürchte er, der Inhalt könnte jederzeit verpuffen.Olivia ging nah an den Behälter heran und schaute hinein. "Du arbeitest an dem Schutzschild", Olivia sah ihren Vater an, "ohne mich?"
Robert langte nach der Schulter seiner Tochter und schob sie von dem Gefäß weg. "Pass auf. Das ist gefährlich."
Olivia ging nicht darauf ein, fragte stattdessen: "Warum hast du nicht auf mich gewartet?"
Robert legte seiner Tochter einen Arm um die Schulter und führte sie zu einer hölzernen Sitzbank, die auf der schmalen Terrasse der Hütte stand. Er schob die durchsichtige Schutzbrille seine Stirn hinauf, so dass sein ohnehin zerzaustes graues Haar wild nach oben stand. "Liebes, ich habe dir doch gesagt, dass die letzten Schritte gefährlich sind. Ich möchte dich nicht dabei haben." Ehe seine Tochter sich erneut zur Wehr setzten konnte, fügte er hinzu: "Erzähl mir lieber, was du eingekauft hast ... Ich habe Hunger."
Olivias Lächeln verschwand. Sie blickte zu Boden. "Ich habe nicht viel eingekauft."
Ihr Vater runzelte die Stirn. "Warum nicht?"
"Ach, nur so!"
Robert drückte seine Tochter fest an sich. "Nun sag schon. Was ist passiert?"
Olivia atmete hörbar aus. "Es war wie immer: Die Leute haben gestarrt, mit dem Finger auf mich gezeigt, über mich geredet."
