Ute Amber 4er Box – Liebesromane - Ute Amber - E-Book

Ute Amber 4er Box – Liebesromane E-Book

Ute Amber

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Beschreibung

Diese Autorenreihe schließt eine Lücke auf dem Romanmarkt! Titel 1. Wer schenkt Felicitas ein neues Glück? Titel 2. Das Mädchen im Silberkleid Titel 3. Die Schlossherrin Titel 4. Das Schicksal hat es so gewollt

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EPUB

Seitenzahl: 772




Ute Amber –1–

Die Erbin von Burg Falkenhorst

Wer schenkt Felicitas ein neues Glück?

Roman von Ute Amber

Inhalt

Textbeginn

Das Mädchen im Silberkleid

Die Schlossherrin

Das Schicksal hat es so gewollt

»Mutter, Vater, ich habe eine herrliche Überraschung für euch«, jubelte die zwanzigjährige Felicitas Holl. Soeben hatte sie die elterliche Wohnung betreten.

Andrea, die knapp sechsjährige Schwester, stand auf und stellte sich erwartungsvoll neben Felicitas.

Weniger neugierig schien der siebzehnjährige Bruder Dieter zu sein. Er hatte nur kurz und etwas skeptisch aufgeblickt, jetzt neigte er sich schon wieder über seine Schularbeiten.

»Du bist ja ganz aus dem Häuschen geraten.« Die Mutter, Germa Holl, strich ihrer Tochter, dabei liebevoll lächelnd, über das erhitzte Gesicht. »Sogar Vater hast du aus seinem Grübeln gerissen.«

»Das wollte ich ja auch.« Die braunhaarige schlanke Felicitas schwenkte einen Brief in der Hand. »Ich habe bei dem Preisausschreiben der großen Illustrierten gewonnen. Seht ihr, wie recht ich hatte, als ich euch prophezeite, daß es dieses Mal klappen werde.«

»Das hattest du allerdings schon sehr oft vorausgesagt«, kam es spöttisch von dem Platz Dieters. »Wer weiß, ob deine Ankündigung heute stimmt.« Der Junge strich sich durch das etwas borstige blonde Haar.

»Und ob es stimmt!« triumphierte Felicitas.

»Trostpreis! Du wirst vor Neid platzen. Lange kannst du gewiß nicht den Überlegenen spielen. Die Ruhe wirst du vollkommen verlieren. Ich spreche überhaupt nicht mehr mit dir. Nur mit den Eltern.«

Felicitas umarmte die Mutter und zog sie mit zu dem Platz des Vaters.

»Ich habe eine Flugreise nach Rom gewonnen und gleich für zwei Personen. Jetzt im Herbst nach Rom zu fliegen, könnt ihr euch das vorstellen?«

»Felicitas, solch ein Glück!« Fassungslos sah die Mutter sie an.

»Wen wirst du da bloß mitnehmen?« erklang die Stimme des Bruders wieder. Allerdings war der Spott schon zum größten Teil aus ihr verflogen. »Hoffentlich verfällst du nicht auf den Gedanken, deinen Juniorchef, Arno Eisinger, einzuladen. Er hat Geld genug, um sich selbst so eine Traumreise leisten zu können.«

Unwillige Röte war in Felicitas’ Gesicht gestiegen.

Die Mutter sah ihren Sohn verweisend an. »Dieter, du sollst diese dummen Späße lassen.«

»Ich weiß, was ich weiß, die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß zwischen Arno Eisinger und meiner Schwester etwas im Gange ist.«

»Und wenn, dich ginge es bestimmt nichts an. Du kannst einem aber auch jede Freude verderben, Dieter.« Felicitas strich der kleinen Schwester dabei etwas verlegen über den Kopf.

»Ich hab’s bestimmt nicht so gemeint.« Dieter war aufgestanden. Man sah ihm an, daß es ihm leid tat, die Schwester gekränkt zu haben.

»Er ist eben in den Flegeljahren, einmal wird er auch höflicher und rücksichtsvoller werden.« Friedrich Holls ruhige Stimme wirkte sofort versöhnend. »Erzähl’, Felicitas, niemand wird dich mehr unterbrechen. Wir verstehen ja alle deine Freude. Eine Reise nach Rom hast du also gewonnen, und dein Urlaub steht vor der Tür. Nun bist du aller Sorgen ledig, wo und mit welchen Mitteln du ihn verbringen sollst. Nach dem Jahr der Mühe und Plage konnte dir kein größeres Glück beschieden sein, als nach Rom fliegen zu dürfen.«

Sie trat zu ihm und drückte sich an seine Brust. »Vater, ich weiß, wie sehr du Rom liebst.«

»Ja, als Student der Kunstakademie war es mir vergönnt, lange Zeit in Rom zu leben, lernen zu dürfen. Aber das wißt ihr ja alle. Vielleicht habe ich viel zu oft von jener Zeit gesprochen. Sie ist mir eben unvergeßlich.«

»Du wirst eine solche Zeit noch einmal erleben, Vater.« Felicitas’ Stimme vibrierte. »Ich bin überglücklich, daß ich zwei Flugkarten gewonnen habe und auch den Aufenthalt für vierzehn Tage in Rom für zwei Personen. Du und Mutter, ihr werdet reisen, für euch zwei habe ich soviel Glück gehabt.«

Sekundenlang herrschte Schweigen in der Wohnung; einer sah den anderen mehr betroffen als erfreut an.

Schließlich ermannte sich Friedrich Holl. Gerührt drückte er seine Älteste an sich. »Meine liebe freigiebige Fee, das nehmen Mutter und ich nicht an. Dein Preis ist es, dein Urlaub kommt auf dich zu, du sollst reisen und dich erholen und viel Freude dabei haben.«

»Aber mir kann Rom nie so viel geben wie dir, Vater. Für dich werden dort liebe Erinnerungen wach. Du wolltest Mutter alle Stätten einmal zeigen, die dich so begeisterten. Du bist Kunstmaler und hast einen Nutzen von dieser Reise. Ich kann mich überall anders auch erholen. Eine kleine Handweberin muß nicht unbedingt in Rom gewesen sein. Eine solche Reise hole ich später einmal nach. Bitte, tut mir den Gefallen und fliegt nach Rom. Ihr würdet mich sehr glücklich machen damit. Dieter, so steh’ du mir doch bei und hilf mir, die Eltern davon zu überzeugen, daß sie reisen müssen.«

»Ja, Mutter, Vater, ihr müßt Felicitas’ Angebot annehmen. Ich verstehe sie. Ihr seid hier aus Marburg seit Jahren nicht mehr hinausgekommen. Immer habt ihr nur für uns gesorgt und alle Entbehrungen auf euch genommen.«

»Weil dein Vater nicht genug Geld mit seiner brotlosen Kunst verdiente, Dieter. Also ist das seine Schuld, die nur die Familie büßen mußte.« Friedrich Holls Stimme klang sehr verbittert.

Seine Frau legte ihm eine Hand beruhigend auf den Arm. »Friedrich, wolltest du nicht so etwas nie mehr sagen? Wir sind alle glücklich und haben ein so inniges Familienleben wie kaum andere Menschen. Was macht es aus, daß wir nicht mit Reichtümern gesegnet sind? Sieh dir die Kinder an. Sehen sie so aus, als hätten sie unter unserer Armut gelitten?«

»Entschuldigt bitte, daß ich so bitter geworden bin.« Friedrich Holl strich sich über die Stirn. »Mein Wunsch war es eben, euch mehr bieten zu können. Felicitas’ Angebot hat mir so deutlich vor Augen geführt, daß mir das nicht gelungen ist.«

»Sollen Kinder ihren Eltern nicht eine Freude bereiten dürfen, Vater?« fragte Felicitas. Sie sah zu dem gedeckten Abendbrottisch. »Laßt uns jetzt essen, ich bin sehr hungrig nach dem aufregenden Tag. Wir überschlafen die ganze Sache, und dann entschließt ihr euch sicher, meinen Wunsch zu erfüllen. Für Mutter wird es höchste Zeit, daß sie einmal ausspannt. Daran solltest du auch denken, Vater.«

Dieses Argument war es schließlich, das Friedrich Holl dazu bewog, mit seiner Frau nach Rom zu fliegen.

*

Oft saß Felicitas mit Dieter noch in dem kleinen Wohnzimmer, wenn Andrea längst schlief. Die Geschwister sprachen dann meist über die Eltern.

So sarkastisch Dieter sein konnte, wenn er mit der großen Schwester in ein ernsthaftes Gespräch geriet, waren sie ein Herz und eine Seele.

Schwierigkeiten gab es zwischen ihnen nur, wenn das Gespräch auf Arno Eisinger kam.

Von ihm wollte Dieter nichts wissen.

»Er ist ein Playboy ganz übler Art. Daß du das nicht wahrhaben willst, Felicitas. Du, so ein feines Mädchen, kannst diesem Hallodri etwas abgewinnen? Das verstehe ich nicht.«

Dieses kleine Streitgespräch heraufzubeschwören, war Dieter am letzten Abend vor der Heimkehr der Eltern gelungen. Darauf war er sehr stolz.

Er scherte sich nicht darum, daß Felicitas den Radioapparat auf mehr als Zimmerlautstärke einstellte; Dieter meinte, noch lauter sprechen zu können.

»Meine Schulkameraden haben gestern erzählt, daß Arno Eisinger vollkommen blau aus Kassel zurückgekommen ist, am Steuer seines tollen Sportwagens. Imponiert dir so etwas vielleicht? Dann scheinst du nicht besser als er zu sein.«

Feliciatas zuckte zusammen. Nicht zum erstenmal hörte sie gerade in letzter Zeit solche Berichte.

»Und daß er wieder irgend so ein leichtsinniges Mädchen bei sich hatte, macht dir auch nichts aus?«

Felicitas wollte den Radioapparat zurückdrehen, da sie einsah, daß es vergebliche Mühe gewesen war, Dieter zum Schweigen zu bringen, da legte der Bruder plötzlich eine Hand auf ihre. Damit verhinderte er, was sie hatte tun wollen.

»Was ist das?« fragte er und beugte sich vor.

Da hörte auch Felicitas auf die Stimme des Ansagers.

Den Beginn der Durchsage hatte sie nicht mitbekommen.

»… es handelt sich um das fahrplanmäßige Verkehrsflugzeug Rom-München. Man nimmt an, daß der Pilot durch die Schlechtwetterzone über den Alpen die Übersicht verloren hat. Möglicherweise sind Apparaturen ausgefallen, so daß die Maschine an einem Gipfel der Dolomiten zerschellt ist. Die Suchaktion wird durch den anhaltenden Nebel sehr erschwert. Sobald wir genauere Nachrichten erhalten, melden wir uns wieder.«

Felicitas hatte entsetzt die Hände vor den Mund gepreßt; ihre Augen blickten voll Todesangst den Bruder an.

»Eine fahrplanmäßige Maschine aus Rom, Felicitas«, würgte Dieter hervor. Seine Stimme war kaum zu verstehen. »Es muß ja nicht gerade jene sein, die die Eltern nehmen wollten.«

»Wir müssen uns erkundigen, man soll uns genau sagen, um welche Maschine es sich handelt. Wir können etwas verhört haben, weil wir zu aufgeregt waren, Dieter.«

»Ja, wir müssen uns erkundigen. Wie macht man das nur, Felicitas? Wir haben nicht mal ein Telefon. Warum sind wir nur so arme Leute?«

»Ich gehe nach nebenan zu Hollmanns. Auch wenn es schon sehr spät ist, sie werden diese Störung unter den besonderen Umständen entschuldigen.« Schon ging Felicitas zur Tür.

Da folgte ihr Dieter. »Felicitas, versuche, zuerst in München anzurufen. Mutter hat uns doch geschrieben, daß sie diese Nacht in der Pension Freysinger verbringen wollen. Wie gut, daß wir das wissen.«

»Ja. Und morgen wollten sie durch die Stadt bummeln und dann erst weiterfliegen«, murmelte das Mädchen.

»Darf ich mitkommen, Felicitas?« fragte Dieter.

»Bleib lieber hier, Andrea könnte aufwachen. Und den Hollmanns ist es vielleicht lieber, wenn ich allein komme. Möglicherweise schlafen sie schon.«

»Es ist gut.« Dieter ließ sich in einen Sessel fallen.

Felicitas hatte richtig vermutet, das Ehepaar Hollmann schlief bereits, sie mußte es erst aus dem Schlaf trommeln.

Felicitas kam sich sehr schuldbewußt vor, sie bat um Verzeihung, aber die Angst wich auch jetzt nicht von ihr.

Es dauerte nicht lange, und das Gespräch mit der Pension Freysinger war hergestellt.

Die Inhaberin meldete sich. Sie schien nahe am Apparat gewesen zu sein.

»Bitte, Frau Freysinger, entschuldigen Sie diese Störung zu so nachtschlafender Stunde. Hier spricht Felicitas Holl aus Marburg. Meine Eltern wollten heute bei Ihnen übernachten. Sie sind doch bei Ihnen eingetroffen?«

Felicitas horchte angespannt, aber was sie hörte, schien ihr eigener Herzschlag zu sein.

»Ja, Fräulein Holl. Ihre Eltern wollten bei uns übernachten. Sie hatten mir von Rom aus geschrieben. Ich habe mich sehr auf ihren Besuch gefreut, gerade nach den langen Jahren, die wir uns nicht gesehen haben. Ja, gewiß…«

»Meine Eltern sind nicht bei Ihnen?« schrie Felicitas in die Muschel.

»Ja, ich habe mich sehr gefreut, aber Ihre Eltern sind bis jetzt nicht angekommen.« Man hörte ein schweres Atmen durch die Leitung. »Ich mache mir große Sorgen…«

»Sie haben von dem Flugzeugabsturz über den Dolomiten gehört, Frau Freysinger?« Felicitas’ Stimme war leise geworden.

»Ja, ich habe davon gehört, schon in den ersten Abendnachrichten. Ich habe auch bereits Erkundigungen eingezogen, Fräulein Holl. Ich war sehr bestürzt, als Ihre Eltern nicht ankamen.«

»Sie haben bereits Erkundigungen eingezogen?« flüsterte Felicitas Holl. »Und?« Kaum wagte sie dieses Wort auszusprechen.

»Ihre Eltern… Nein, ich kann es Ihnen nicht sagen. Es wäre besser gewesen, Sie hätten noch eine ruhige Nacht gehabt.« Man hörte deutlich, daß Frau Freysinger die Stimme nicht mehr gehorchen wollte.

Ein schweres Stöhnen brach von Felicitas’ Lippen. »Ich brauche also nicht mehr zu versuchen, etwas Genaueres zu erfahren? Sie haben es schon getan. Es war die Maschine, die meine Eltern nehmen wollten?«

»Ja, leider. Es tut mir so leid, daß ich jetzt nicht bei Ihnen sein kann. Ich mußte Ihnen eben so entsetzlich weh tun .«

Der Hörer war Felicitas’ Händen entglitten, er baumelte an der Strippe. Noch vernahm man undeutliches Murmeln. Die alte Dame in München mochte glauben, daß Felicitas ihr noch zuhörte.

Frau Hollmann kam zu dem Mädchen gelaufen und fing sie in den Armen auf.

»Was ist geschehen? Um Himmels willen, Fräulein Felicitas, ist es Wahrheit, was Sie befürchteten?«

»Es soll die Wahrheit sein. Aber ich kann es nicht glauben. Nein, nein, das stimmt nicht, es muß ein Irrtum sein. Meine Eltern leben. Hören Sie, Frau Hollmann, meine Eltern leben!« Wie eine Irre sprach Felicitas, ihr Atem flatterte, ihre Augen glühten.

Sie hatte nicht gesehen, daß die Tür vorsichtig geöffnet worden war, daß Dieter näher kam. Er hatte die letzten Worte der Schwester verstanden.

Nun wagte er keinen Schritt weiterzugehen; er stierte die Schwester an, als wäre sie ein Geist.

»Dieter«, stammelte Frau Hollmann und versuchte, Felicitas auf einen Stuhl zu drücken. »Bring ein Glas Wasser!« rief sie ihrem Mann zu, der nun auch im Wohnzimmer erschienen war.

Felicitas wandte sich dem Bruder zu, kein Wort kam über ihre Lippen.

Schritt um Schritt ging er auf sie zu, schlang die Arme um sie. »Felicitas, du hast recht, das darf nicht wahr sein. Wer hat es gesagt?«

»Armer Dieter, arme Andrea«, murmelte das Mädchen.

»Und du, Felicitas?« schrie der Bruder auf.

»Ich?« Als hätte sie nicht verstanden, blickte sich das Mädchen um. Sie griff nach dem Glas mit Wasser, das Frau Hollmann ihr reichte, und stürzte den Inhalt hinunter.

»In den Dolomiten zerschellt«, flüsterte sie mit Grauen in der Stimme. »Und ich wollte, daß sie fliegen. Ich allein bin schuld. Ich habe sie in den Tod getrieben.«

»Das dürfen Sie nicht sagen, Fräulein Felicitas. Sie wollten Ihren Eltern eine große Freude bereiten. Das haben Sie getan. Ihre Mutter hat mir doch geschrieben, wie glücklich sie ist.«

»Ja, sie waren glücklich. Aber was ist das für ein Schicksal, das ihnen nur noch einmal gezeigt hat, wie schön das Leben sein kann, um sie dann zu vernichten, so elend sterben zu lassen.«

»Aber sie können doch überlebt haben, Felicitas«, flüsterte Dieter.

Plötzlich hob das Mädchen den Kopf, es sah den Bruder an, als hätte er sie reich beschenkt. »Ja, sie können noch leben, der Herrgott wird gnädig gewesen sein. Wir wissen noch gar nicht, was wirklich passiert ist.«

»Es kann eine Vermutung sein, daß das Flugzeug zerschellt ist. Vielleicht ist dem Piloten eine Notlandung gelungen.«

»Wir sollten versuchen, auf dem Flughafen in München anzurufen, dort weiß man vielleicht schon Genaueres. Wer soll uns sonst etwas sagen können?«

»Ich übernehme das für Sie, Fräulein Felicitas«, versprach Herr Hollmann, »und sage Ihnen dann gleich Bescheid. Versuchen Sie und Ihr Bruder etwas ruhiger zu werden. Diese Stunden müssen nun durchgestanden werden.«

Die Geschwister erhoben sich und gingen in ihre Wohnung zurück.

Hier saßen sie und waren ihren Vermutungen, Hoffnungen und ihren Zweifeln ausgesetzt; einer klammerte sich an den anderen.

Als Hollmann kam, brachte er keine neue Nachrichten. Er war auf den nächsten Tag vertröstet worden.

Nur eines verschwieg er, daß man ihm gesagt hatte, wie wenig Hoffnung noch bestände, Überlebende zu bergen.

*

Kaum war Felicitas am Morgen aufgestanden, um den Geschwistern das Frühstück zu bereiten, brachte ihr ein Bote ein Telegramm.

Lange zögerte das Mädchen, bevor es wagte, den Umschlag zu öffnen.

Es war eine Benachrichtigung der Fluggesellschaft, daß die Eltern in der abgestürzten Maschine gereist waren.

Dieter stand hinter der Schwester. Mit zitternden Lippen las er: »Aufsuchen der Unfallstelle zwecklos, weitere Nachrichten abwarten.«

Eine Stunde später verließ Felicitas das Haus. Sie konnte ihrem Dienst nicht nachkommen, also wollte sie um Urlaub bitten.

Dazu mußte sie ihren Seniorchef, Rudolf Eisinger, aufsuchen.

Verärgert sah er ihr schon entgegen. Felicitas wußte, daß sie um Minuten zur gewohnen Arbeitszeit zu spät kam. Jeder in der Firma fürchtete das strenge Regiment Rudolf Eisingers.

»Ach, Fräulein Holl, bequemen Sie sich doch, eine Erklärung für Ihre Verspätung abzugeben?« fragte er zynisch.

Felicitas zuckte zusammen.

»Ja, ich bitte um Entschuldiung, Herr Eisinger. In unserer Familie ist ein großes Unglück passiert. Ich bitte Sie um einige Tage Urlaub.«

»So aus heiterem Himmel? Ja, wenn das jeder meiner Angestellten täte, wohin kämen wir da?«

»Meine Eltern sind gestern mit dem Flugzeug verunglückt.«

Kurz sah Rudolf Eisinger auf, dann runzelte er die Stirn.

»Mit dem Flugzeug? Wie kommen Ihre Eltern dazu zu fliegen? Soviel ich mich erinnere, habe ich gehört, daß sich Ihr Vater mit seiner Pinselei kaum das Salz in der Suppe verdient, daß man auch auf Ihren Verdienst in unserer Firma angewiesen ist.«

Felicitas stand noch immer. Rudolf Eisinger hatte es nicht für nötig befunden, ihr einen Stuhl anzubieten. Felicitas hielt sich an der Lehne des Stuhles fest. »Meine Eltern haben nie über ihre Verhältnisse gelebt, wie Sie anzunehmen scheinen. Diese

Flugreise hatte ich gewonnen und sie ihnen geschenkt.«

»Ach? Wie großzügig. Viel Glück gehabt, was? Ist doch allerhand, wenn so ein Mädelchen eine Flugreise gewinnt. Das müßte unsereinem mal passieren. Und dann nichts als Kindesliebe und Kindesdank, man spendiert das große Glück den armen Eltern. Auch das müßte mir einmal passieren.« Es sah so aus, als würden die Züge Rudolf Eisingers sehr ernst, der Spott schien aus den Augen zu weichen.

Aber schon hatte er wieder Oberhand gewonnen. Rudolf Eisinger neigte sich vor und sah Felicitas durchdringend an. »Ich hoffe, Fräulein Holl, daß dieser Glücksumstand, aus heiterem Himmel und ohne besonderes Verdienst, eine Flugreise gewonnen zu haben, Sie nicht dazu ermutigt hat, weiter nach den Sternen zu greifen.«

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Eisinger«, hauchte Felicitas.

»Ach was, verstellen Sie sich nicht. Ihre Unschuldsmiene können Sie sich für Leute aufsparen, die weniger aufmerksam als ich sind. Sie wissen sehr gut, was ich meine. Schlagen Sie sich meinen Sohn aus dem Kopf, hören Sie auf, ihm nachzustellen!«

Entsetzt weiteten sich Felicitas’ Augen. »Das habe ich nie getan.«

»Aber ich weiß es, und auch mein Sohn beteuert das. Schließlich habe ich ihn zur Rede gestellt, als mir berichtet wurde, was sich hinter meinem Rücken abspielt. Arno klagt darüber, daß Sie ihn auf Schritt und Tritt verfolgen. Welcher Mann nähme nicht, was ihm so offensichtlich geboten wird?« Der Spott in der Stimme Rudolf Eisingers war zu Hohn geworden. Geringschätzig und frivol lächelte er.

»Herr Eisinger!« rief Felicitas entsetzt. »Warum beleidigen Sie mich so? Nur weil ich eine kleine Weberin in Ihrem großen Betrieb bin? Deshab können Sie nicht in dieser Art mit mir sprechen, niemand gibt Ihnen das Recht dazu. Sie besudeln mit jedem Ihrer Worte auch Ihren Sohn.«

Abrupt stand Rudolf Eisinger auf, schweren Schrittes, sichtlich sehr erregt, ging er im Zimmer auf und ab. Jedesmal, wenn er an Felicitas vorbeikam, zuckte sie wie unter einem Hieb zusammen.

Er blieb vor ihr stehen.

»Das habe ich mir gedacht, daß so ein kleines Biest auch noch frech wird. Mir, Ihrem Chef gegenüber, der Ihnen Arbeit und Brot gibt, wagen Sie diese Sprache. Sie sind entlassen! Haben Sie verstanden? Fristlos entlassen. Versuchen Sie nicht, etwa über das Arbeitsgericht irgendwelche Rechte an mich geltend zu machen. Man wird mir zubilligen, daß ich mir nicht gefallen lassen muß, was Sie mir eben geboten haben. Um die Sauberkeit in meinem Betrieb zu erhalten, muß ich Ihnen kündigen. Wohin kämen wir, wenn alle Mädchen versuchten, meinem Sohn nachzustellen? Das haben Sie sich sehr einfach gedacht, sich das Terrain bei ihm vorzubereiten. Konnten Sie sich wirklich jemals der Hoffnung hingeben, vielleicht Frau Eisinger zu werden? Hungerleider haben in unserer Familie nichts verloren. Ich warne Sie, sich noch einmal an meinen Sohn heranzumachen, ich wüßte nicht, was ich täte. Und jetzt können Sie gehen, für immer.«

Felicitas straffte sich.

»Das tue ich sehr gern, Herr Eisinger. Ich habe nicht gewußt, daß Sie ein Unmensch sind, daß das Geld Sie so verdorben hat. Lieber will ich noch sparsamer leben, als bei Ihnen mein Brot zu verdienen.« Felicitas drehte sich um und lief aus dem Zimmer.

Völlig benommen kehrte sie in ihre Wohnung zurück.

Warum hatte ihr das gerade heute passieren müssen? An dem Tag, der ihr hätte von einer anderen Seite Hilfe bringen sollen, damit sie die schweren Stunden des Wartens über das Schicksal der Eltern leichter ertrug?

Dieter stand am Fenster der Wohnung und sah auf die Straße herunter. Warum machte er kein Zeichen, als er sie erkannte?

Wie eine Maske wirkte sein Gesicht. Ja, er schien sie nicht einmal wahrzunehmen.

Neben ihm tauchte das runde Gesichtchen Andreas auf. Sie winkte vergnügt und rief den Namen der Schwester, sah aber gleich darauf voll Bedenken zu dem Bruder auf.

Wieder einmal setzten sich Felicitas’ Beine schneller in Bewegung, sie hastete die Treppe hinauf. Beinah hätte sie die kleine Andrea umgestoßen, die ihr die Tür öffnete.

Schon war Felicitas bei dem Bruder. Er stierte noch immer auf die Straße hinunter.

Mit festem Griff faßte ihn Felicitas an den Schultern und drehte ihn herum. »Dieter?« begann sie mit unterdrückter Stimme.

Das düstere Licht in seinen Augen erlosch, es wurde zu einem Brennen, das Felicitas körperlich zu spüren meinte.

»Sie sind – tot, Felicitas«, murmelte der Bruder.

Felicitas’ Hände sanken herab; sie wich einige Schritte zurück.

»Wer ist tot?« erklang da Andreas Stimme hinter ihr.

Da erst erwachte Dieter, er zeigte auf einen kleinen Tisch. »Dort, das Telegramm.«

Felicitas schwankte zu dem Tischchen, langsam, als wäre sie eine Marionettenfigur, hob sie das Telegramm hoch.

Germa und Friedrich Holl bei Flugzeugabsturz tödlich verunglückt – Leichen heute aufgefunden – Überführung morgen – Ankunft Flugplatz München-Riem zwanzig Uhr dreißig. Zur Erledigung aller Formalitäten wird um Besuch im Hauptbüro unserer Fluggesellschaft in München gebeten.

Felicitas ließ das Telegrammformular sinken, es flatterte auf den Teppich.

»Dieter!« Felicitas stand neben dem Bruder. Sie sah, wie seine Schultern zuckten. Da legte sie ihren Kopf an den seinen. »Dieter, bitte, weine nicht! Wir müssen tapfer sein, wir beiden Großen, hörst du? Das würden die Eltern erwarten. Wir müssen zueinanderstehen, hörst du? Ich lasse euch nicht allein, niemals, hörst du? Uns wird niemand unterkriegen. Wir werden so kämpfen, wie Vater und Mutter zeitlebens gekämpft haben, und auch so glücklich sein wie sie.«

»Ohne sie?« Fassungslos sah Dieter die große Schwester an.

»Es wird schwer sein ohne sie, Dieter, aber wir dürfen trotzdem den Mut nicht verlieren.«

»Ja«, sagte der Junge wohl, aber man merkte, er konnte kein Wort der Schwester glauben. Zu deutlich stand auch auf ihrem Gesicht, daß sie ratlos war, nach einer Stütze suchte.

»Ich werde mir Mühe geben, dir zu helfen, Felicitas. Warum bin ich nicht älter?«

»Du kannst mir auch so zur Seite stehen.«

Plötzlich fühlte Felicitas, daß die kleine Andrea sich schutzsuchend an sie schmiegte.

»Ich will dir auch helfen, Felicitas«, sagte sie kaum verständlich.

Die Geschwister wußten nicht, hatte die kleine Schwester verstanden, was ihnen widerfahren war?

*

Mit dem Bruder stand Felicitas zwei Tage später am offenen Grab. Wohl waren die Wohnungsnachbarn gekommen, um dem Ehepaar Holl, das alle sehr geschätzt haben, das letzte Geleit zu geben, aber die Geschwister fühlten sich allein.

Andrea gegenüber hatten sie versucht, das schreckliche Geschehen noch immer zu verheimlichen, aber das kleine Mädchen war hellhörig geworden. Ihre Fragen nach den Eltern mehrten sich, Felicitas mußte nach der Beerdigung die Wahrheit gestehen.

Zum erstenmal erlebte sie, wie schwierig es sein würde, gerade der kleinen Schwester gerecht zu werden. Ihr kindlicher Verstand war gewissenhaft, sie gab sich mit oberflächlichen Erklärungen nicht zufrieden.

»Warum sind Mutter und Vater im Himmel? Der liebe Gott braucht sie doch gar nicht, wir haben doch auf sie gewartet, Felicitas. Dieter ist traurig, und du weinst, und ich werde immer allein sein müssen, wenn du zur Arbeit gehst.«

»Bald kommst du doch zur Schule, Andrea, dann hast du Freundinnen.«

»Wann trittst du deinen Dienst wieder an?« fragte Dieter.

Felicitas blickte zur Seite. Wohl war es ihr recht, daß der Bruder die Fragen der kleinen Schwester unterbrochen hatte. Aber welche Antwort sollte sie ihm geben?

»Was ist denn, Felicitas?« Forschend sah der Bruder sie an.

»Ich bin bei der Firma Eisinger gekündigt – fristlos, Dieter. Ich muß versuchen, eine neue Stelle zu bekommen.«

»Und darüber bist zu traurig? Mich kann das nur freuen.« Zum erstenmal sprach Dieter wieder in dem altgewohnten Ton. »Was ist denn passiert? Hast du etwa Krach mit Arno Eisinger gehabt?«

»Nein, aber mit seinem Vater. Frage nicht mehr, Dieter, ich bitte dich.«

»Da werden wir allerdings nicht weit kommen, Felicitas, wenn du mich immer so abwimmeln willst, sobald es um wichtige Dinge in unserem Leben geht. Ich dachte, wir wollten nun alles miteinander besprechen. Aber es zeigt sich wohl heute schon, daß ich dir zu jung und dumm bin dazu.«

»Dieter, bitte, fasse es doch nicht so auf.« Felicitas dachte einige Sekunden nach, dann überwand sie sich. »Du lehntest dich immer gegen ihn auf. Ich war schon etwas skeptisch geworden. Nun haben sich alle Warnungen bewahrheitet.« Sie sah den Bruder an.

Warum triumphierte er nicht gleich?

Nach kurzem Zögern sprach sie weiter.

Nun wußte Dieter, was sich zwischen seiner Schwester und Rudolf Eisinger abgespielt hatte, wie verletzend das Zusammentreffen mit Arno Eisinger gewesen war.

»Bist du also geheilt, Felicitas? Verzeih, so wollte ich es nicht sagen. Es tut mir leid, daß dir auf diese Art und Weise die Augen geöffnet wurden. Aber laß den Kopf nicht hängen, wir kommen auch ohne diese arrogante Gesellschaft aus. Du wirst schon wieder eine Arbeit finden. Ich werde in den Ferien immer etwas verdienen, es ist mir gleichgültig wo und wie.«

»Wir bekommen von der Fluggesellschaft eine Versicherungssumme ausgezahlt, Dieter, damit überbrücken wir die größten Notzeiten.«

»Eine Entschädigung für unsere Eltern – so ist das.« Dieter blickte zur Seite.

»So verbittert habe ich zuerst auch gedacht. Jetzt müssen wir dankbar sein, daß wir nicht ohne jeden Pfennig dastehen. Ich fürchte nur, daß ich als Handweberin nicht gleich wieder eine Stelle finden werde. Eisinger ist der einzige Betrieb dieser Art in der Stadt. Aber ich würde auch eine andere Arbeit annehmen, wenn ich nur genügend Zeit für Andrea dabei fände.«

»Überstürze nichts, Felicitas. In der ersten Zeit ist es vielleicht wichtiger, daß du zu Hause bist.«

»Ich habe auch noch mein Erspartes für den Urlaub. Wenn wir noch etwas bescheidener leben, können wir es etwas strecken.«

Solche Gespräche waren das Hauptthema der nächsten Tage. Sie halfen den Geschwistern sogar, ihren großen Schmerz etwas zu dämmen, weil sie beide den Anforderungen des Alltags gewachsen sein wollten.

*

Die Suche nach einer neuen Stelle wurde für Felicitas schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatte.

Dieter merkte, daß die Schwester immer unruhiger wurde, je öfter sie vergeblich von einem ihrer vielen Wege zurückkam.

»Ich würde auch eine Stelle im Haushalt annehmen, wenn ich dann nicht so gebunden wäre, Dieter.«

»Und ich überlege schon die ganze Zeit, ob du nicht eine Arbeit hier zu Hause tun könntest, Felicitas. Meinst du nicht, daß das am besten wäre? Auch wenn du weniger als in einem Betrieb verdienst, würde es reichen. Du brauchtest weniger neue Kleidung, könntest in Ruhe sparsamer kochen und wärest immer bei Andrea. Du siehst doch, wie verlassen sie sich ohne die Eltern fühlt. Sobald wir beide tagsüber kaum zu Hause sind, wird sie uns noch verschüchterter werden.«

»Das alles habe ich schon bedacht. Aber was kann ich zu Hause tun?«

»Weben, Felicitas. Wozu hast du deinen Beruf erlernt? Du bist eine Künstlerin, deine Fertigkeit ist genug gerühmt worden. Ich bin fest davon überzeugt, daß man dich in der Firma Eisinger sehr vermißt. Aber die haben nicht mehr verdient, als daß sie sich nun ärgern müssen.«

Felicitas überhörte die letzten Worte. »Ich müßte einen eigenen Webstuhl haben, der aber ist sehr teuer, Dieter. Was meinst du, wie oft ich auch schon solche Gedanken wie du hatte. Ich käme weiter, wenn ich nur einen Anfang hätte. Ich würde auch Abnehmer für meine Arbeiten finden. Handgewebte Sachen sind heute sehr modern. Erst recht, wenn man sich mit den Mustern etwas einfallen läßt.«

»Kannst du dir nicht von der Versicherungssumme einen Webstuhl kaufen? Das wäre doch eine gute Anlage. Niemanden in der Wohnung würdest du stören, vielleicht könnten Andrea und ich dir sogar ein wenig an die Hand gehen. Einkäufe machen, zureichen, verpacken, verschicken und Briefe schreiben – das kann ich doch sehr gut.«

»Ich habe Sorge, daß ich mein Geld vergeude.«

»Aber dafür doch nicht, Felicitas. Komm, laß uns das noch einmal überlegen. Ich besorge gleich Prospekte von Webstühlen, wie du einen brauchst. Wir nehmen nur den allerbesten, damit dir die Arbeit so gut und so flott wie möglich von der Hand geht. Und eines Tages machen wir der Firma Eisinger Konkurrenz. Du, das wird eine tolle Sache.«

Felicitas’ Arme umschlangen den Bruder. »Alter Träumer«, sagte sie lachend. »Wir beide werden doch nicht die Sterne vom Himmel holen?«

»Warum nicht? Ich träume gar nicht zuviel, ich denke schon daran, was ausführbar ist und was nicht. Du bist doch so tüchtig, Felicitas. Ich bin richtig stolz auf dich. Aber du mußt zwei Webstühle kaufen.«

Zwei Wochen lang gab es kaum ein anderes Gesprächsthema zwischen den Geschwistern, dann hatten sie sich zu diesem Kauf entschlossen. Freilich riß das eine große Lücke in die von der Versicherung ausgezahlten Summe, aber sie hatten nun etwas, dem sie zustrebten.

Dieter erwies sich beim Einkauf des Webmaterials als so tüchtig, daß Felicitas nur staunen konnte. Oft kam es ihr vor, als wäre der Bruder weit über seine Jahre hinaus gereift. Nur ab und zu merkte sie noch die Schlaksigkeit seines Alters. Nichts hätte sie ihm leichter verziehen als diese.

Die ersten Kissenplatten wanderten schon kurze Zeit nach Erstehen des Webstuhls in Marburger Geschäfte.

Sorgsam teilte Felicitas den Verdienst ein. Abend für Abend saß sie über neuen Entwürfen. Kritisch wurden sie von dem Bruder geprüft. Er übernahm auch die Auslieferung. –

Schon hoffte das junge Mädchen, daß es mit den zwei Webstühlen für das neue Leben ein gesundes und gesichertes Gleichmaß gewonnen hatte, da erschien eines Tages der Hauswirt bei ihr. Verlegen stand er im Zimmer.

»Fräulein Holl, es tut mir leid, daß ich mit so einem Anliegen zu Ihnen kommen muß. Ich habe Ihre Eltern sehr geschätzt, das wissen Sie. Es waren so anständige, ruhige Mieter, immer wurde pünktlich bezahlt. Das Unglück Ihrer Eltern hat uns alle im Haus tief bewegt, wir haben Ihnen und Ihren Geschwistern gegönnt, daß es Ihnen gelungen ist, für die Familie zu sorgen…«

Fassungslos sah Felicitas den Hausbesitzer an. Er war sonst kein Mann langer Worte, eher konnte man ihn schweigsam nennen. Warum redete er jetzt um den heißen Brei herum?

»Herr Meier, Sie kommen doch aus einem besonderen Anlaß, nicht wahr?«

»Eigentlich ja. Nur, ich sagte schon, es fällt mir schwer…«

»Bitte, sprechen Sie doch.«

»Ja, es ist so, die Mieter haben sich schon zum wiederholten Mal darüber beschwert, daß immer ein Kommen und Gehen ist. Niemand im Haus hat ein Geschäft oder eine Werkstatt, nur Sie. Das geht eigentlich gegen unseren Mietvertrag. Aber ich wollte Ihnen das Leben nach dem Tod Ihrer Eltern nicht noch schwerer machen. Deshalb erlaubte ich, daß Sie hier arbeiten. Ich habe dabei nicht bedacht, daß Webstühle einen gewissen Lärm erzeugen.«

»So ist das also.« Felicitas würgte diese Worte hervor. »Nein, zum Stein des Anstoßes möchte ich in diesem friedlichen Haus nicht werden. Ich muß Ihre Kündigung natürlich annehmen. Aber bitte, lassen Sie mir Zeit. Von heute auf morgen finde ich bestimmt keine Wohnung. Es werden auch Zuschüsse oder Vorauszahlungen verlangt, dafür habe ich kein Geld zur Verfügung. Ich habe alles in die Ausstattung meiner Werkstatt gesteckt, das war so wichtig.«

»Das kann ich mir denken. Es ist ja auch alles so bedauerlich. Aber haben Sie nicht noch einige Bilder von Ihrem Vater zur Verfügung? Ich meine, er hat doch die ganze Familie mit seiner Malerei erhalten, er muß also gute Bilder gemalt haben.«

»Was mein Vater hier geschaffen hat, ist alles verkauft, Herr Meier. Ich habe also keine Rücklage.«

»Und diese Bilder sind nicht von Ihrem Vater?«

»Doch, aber es sind seine letzten Arbeiten aus Rom. Ich verkaufe diese Bilder nicht.«

»Ihre Pietät kann ich schon verstehen, aber wenn es um so etwas Wichtiges wie eine Wohnung geht, muß man sich vielleicht davon freimachen. Ich könnte Ihnen einen Interessenten für die Bilder bringen. Durch Zufall habe ich erfahren, daß sie einer Kundin, die privat etwas bei Ihnen arbeiten ließ, sehr gut gefallen haben. Ihr Mann würde ihr sofort eines kaufen. Den Leuten käme es auf den Preis nicht an, sie haben Geld genug.«

»Nein, nein, daraus wird nichts. Ich werde mich auf meine Arbeit verlassen, Herr Meier. Bitte, gedulden Sie sich also, ich sage Ihnen sofort Bescheid, wenn ich eine Wohnung in Aussicht habe.«

Meier ging zur Tür. Ganz zufrieden schien er nicht zu sein. »Wenn es nur nicht zu lange dauert, Fräulein Holl. Es ist eben wegen der anderen. Sie wissen, ich hasse Scherereien. Meine Frau ist auch schon ganz nervös, wenn die Mieter immerzu klagen kommen.«

»Ich werde tun, was in meiner Kraft steht, Herr Meier. Bitte, verlassen Sie sich darauf.«

Kaum war Felicitas allein, sank sie auf einen Sessel. Daß diese Kündigung gerade jetzt kommen mußte. Sollte es keine Ruhe für sie geben?

*

Am nächsten Morgen kam die Mitarbeiterin Felicitas’, Rosemarie, aufgeregt zur Arbeit.

»Ich meine bald, ich sehe alles doppelt. Stell dir vor, ich stehe vor dem Kaufhaus Langner und studiere die Schaufenster, da fallen mir zwei Tischdecken mit unseren Mustern auf. Ich sehe genauer hin, etwas stimmte da nicht. Dabei entdeckte ich ein Etikett der Firma Eisinger. Hast du da noch Worte? Wie können die sich erdreisten, unsere Muster zu weben? So etwas gibt es doch nicht.«

»Hast du dich bestimmt nicht geirrt, Rosemarie?«

»Natürlich nicht. Du kannst dir denken, daß ich dann genau hingeschaut habe. Dabei merkte ich, daß die Abschlüsse etwas anders gearbeitet waren. Diese Technik haben wir bei Eisinger immer gemacht. Du kannst dich ja selbst überzeugen. Eine bodenlose Gemeinheit wäre das, wenn man uns das antäte. Diebstahl ist das. Man muß ja genaue Muster gehabt haben. Aus dem Schaufenster arbeitet keine Weberin etwas nach.«

»Ich gehe gleich selbst zu den Langners, das muß ich sehen. Hoffentlich hast du dich doch geirrt, Rosemarie«

Felicitas warf sich schon einen Mantel über, ergriff ihre Handtasche und lief aus dem Zimmer.

Fassungslos stand sie kurze Zeit später vor dem Schaufenster mit den handgewebten Arbeiten.

Nein, Rosemarie hatte sich nicht geirrt.

Felicitas brauchte längere Zeit, bevor sie imstande war, das Kaufhaus zu betreten. Sie verlangte Herrn Langner zu sprechen.

Wieder störte sie sein etwas listiger Gesichtsausdruck.

»Ich wollte mich nur erkundigen, Herr Langner, ob sie sich schon entschieden haben, wie hoch die mir in Aussicht gestellten Aufträge sein werden. Ich hoffe doch, daß die Muster auch in Ihren Zweigstellen gefallen haben.« Felicitas kam sich als Heuchlerin vor, als sie so sprach.

»Nein, leider kann ich Ihnen noch nichts Genaues sagen, Fräulein Holl. Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, Sie haben sich große Mühe gegeben, mich zufriedenzustellen. Ich habe es bisher auch an Aufträgen nicht fehlen lassen. Denken Sie allein an die fünfhundert Kissenplatten vor einigen Wochen, das war doch für Sie sicher ein Leckerbissen.«

»Ja, ja, gewiß«, murmelte das Mädchen.

»Nun, ich bin immer dafür, daß man Anfänger fördert. Das habe ich in Ihrem Fall bewiesen. Schließlich habe auch ich einmal klein begonnen. Aber ich muß Ihnen gestehen, daß Ihre Preise zu hoch sind. Ihr kleiner Betrieb ist sicher nicht rentabel genug, so viel verstehe ich natürlich vom Kaufmännischen.« Er lächelte überheblich und reckte sich. »So leid es mir tut, ich habe wieder bei allen Aufträgen auf meine alte Lieferfirma Eisinger zurückgreifen müssen. Sie wissen selbst, daß Sie mit diesem großen Betrieb nicht konkurrieren können.«

»Ja, das weiß ich. Aber Sie hätten mich Ihre Preiswünsche wissen lassen können. Vielleicht wäre es mir möglich gewesen, darauf einzugehen.«

»Niemals. Nein, mit diesem Ansinnen konnte ich gar nicht an Sie herantreten, dann müßten Sie ja mit Verlust arbeiten.«

»So billig liefert die Firma Eisinger, nur um eine ehemalige Angestellte nicht groß werden zu lassen, sie gleich in den Anfängen zu ruinieren?« Sehr bitter und aufgebracht kam das über Felicitas’ Lippen.

»Ach, Sie stehen natürlich mit Ihrem ehemaligen Chef nicht zum besten, nicht wahr? Das konnte ich mir denken, sonst hätte man Sie dort nicht entlassen. Aber mit diesen Dingen will ich nichts zu tun haben; sie interessieren mich wirklich nicht. Ich bin ein sehr beschäftigter Mann.«

»So beschäftigt, daß Sie sich die Mühe machen, mich zu neuen Entwürfen zu inspirieren, um sie dann der Firma Eisinger zum Nacharbeiten zu übergeben, Herr Langner! Dieser Plan dürfte immerhin einige Überlegungen, wahrscheinlich sogar Besprechungen mit einem der Herren Eisinger gekostet haben. Sie waren nicht berechtigt, meine Muster nacharbeiten zu lassen.« Empörung klang aus Felicitias’ Stimme. Man sah ihr an, daß sie dieser Unterredung kaum noch gewachsen war.

»Was nehmen Sie sich heraus, Fräulein Holl? Meine Aufträge gebe ich, wem ich will, und die Muster bestimme ich. Hatten Sie die Ihren vielleicht geschützt? Sehen Sie, schon zucken Sie zusammen. Wenn Sie wollen, daß etwas Ihr Eigentum bleibt, müssen Sie sich eben die Kosten aufbrummen lassen, die das Schützen mit sich bringt. Aber das wollten Sie sich ja anscheinend ersparen.«

»Ich habe nicht damit gerechnet, daß man mich bestehlen würde, Herr Langner.«

»Unerhört! Rechnen Sie nicht damit, von mir auch jemals nur mehr den kleinsten Auftrag zu bekommen. Ich werde meine Kollegen vor Ihnen warnen. Sie sind ja ein ganz gefährliches Frauenzimmer. Herr Eisinger hat also recht.«

Felicitas hatte sich umgedreht, eilig verließ sie das Kaufhaus. Sie war ihrer Sache nicht sicher gewesen, ob sie sonst diesem dreisten Menschen nicht noch stärkere Grobheiten gesagt hätte.

Empört ging sie an dem Schaufenster vorbei. Sie vermied es, noch einen Blick hineinzuwerfen.

Jetzt hatte sie nur eines im Sinn, Dieter auf der Baustelle aufzusuchen. Er arbeitete dort während der Ferien und hatte heute in das Kaufhaus Langner gehen und wegen der Aufträge nachfragen wollen. Das sollte er sich ersparen.

Erschrocken kam Dieter von dem Baugerüst geklettert, als er die Schwester erkannte.

»Ist etwas passiert, Felicitas?«

In diesem Augenblick tat dem Mädchen nur weh, den Bruder mit den kalkigen, zerschundenen Händen, in der derben Arbeitskluft, mit schwitzendem Gesicht sehen zu müssen.

Sie brauchte einige Sekunden, bevor sie ihm berichten konnte, was passiert war.

Dieter stieg die Zornesröte ins Gesicht, er schimpfte wie ein Rohrspatz.

»Du, da drüben ist Herr Wenzel. Mit dem spreche ich gleich. In solchen Sachen kennt er sich bestimmt aus. Ich glaube nicht, daß man dich einfach so übervorteilen kann.« Schon zog er die Schwester mit zu seinem Chef.

Er war ein älterer, sehr gemütlich wirkender Herr und sah die zarte Felicitas erstaunt an.

Als Dieter in seiner maßlosen Entrüstung sein Anliegen hervorgebracht hatte, sagte Wenzel lächelnd: »Er ist ein rechter Hitzkopf, Ihr Bruder, nicht wahr, Fräulein Holl?«

»Ja, aber ein sehr lieber«, kam es kaum hörbar von Felicitas’ Lippen. Sie war noch einen Schritt näher zu dem Bruder getreten.

»So leid es mir tut, Ihnen das sagen zu müssen, aber ich glaube nicht, daß Sie recht bekommen. Was man heute nicht geschützt hat, kann einem jeder stehlen. So ist eben diese Zeit. Sie waren nicht bedacht genug. Aber ich verstehe Sie, Sie sind unerfahren, Sie glauben noch zu sehr an das Gute im Menschen. Der Existenzkampf aber ist das Härteste, was zwischen den Menschen ausgetragen wird. Dabei heiligt immer der Zweck das Mittel. Das reden sich solche Leute wenigstens ein. Solchen alten Schlaumeiern, wie es Langner und Eisinger sind, werden Sie kaum gewachsen sein. Da gibt es wohl nur eins, zu versuchen, im Guten zu verhandeln. Vielleicht kommen Sie damit am weitesten. Ich würde an Ihrer Stelle einmal mit Herrn Eisinger sprechen.«

»Das mache ich, du gehst nicht dorthin«, entschied Dieter. »Herr Wenzel, dürfte ich dazu eine Stunde frei haben? Ausnahmsweise.«

»Ausnahmsweise, ja, aber nur, wenn Sie mir versprechen, Dieter, nicht das Porzellan vollends zu zerschlagen. Ihre Schwester braucht keinen Wüterich, der sie verteidigt, sondern einen Diplomaten. Haben Sie verstanden? Sie erreichen nur etwas, wenn Sie noch hinterlistiger sind als diese beiden feinen Herren.«

»Ich werde mir Mühe geben.« Dieter streifte schon seine Arbeitsjacke ab.

Wenzel reichte Felicitas die Hand. »Wenn Sie mal einen Rat brauchen, kommen Sie ruhig zu mir, aber besser, bevor es zu spät ist. Das fürchte ich nämlich heute.« Dieter rief er nach: »Sie brauchen erst am Nachmittag wiederzukommen!«

*

Wohl war Dieter nicht in seiner Haut. Eigentlich wußte er gar nicht, was er bei Eisinger sollte, außer ihnen gehörig die Meinung für ihre Gemeinheit zu sagen. Er konnte sich nicht vorstellen, welche Zugeständnisse man ihm machen sollte.

Zunächst mußte er geraume Zeit warten, bis Rudolf Eisinger, der Seniorchef, für ihn zu sprechen war.

Als Dieter eintrat, fragte er: »Holl? Diesen Namen habe ich doch schon gehört. Wollen Sie sich um eine Stelle im Büro bewerben? Bitte, machen Sie es kurz, meine Zeit ist sehr bemessen.«

»Ich glaube, Herr Eisinger, daß Sie meinen Namen schon gehört haben. Meine Schwester hat lange genug als Weberin in Ihrem Betrieb gearbeitet.«

»Jetzt erinnere ich mich, ja. Unter sehr unliebsamen Umständen ist sie gegangen. Ich hoffe, daß Sie den Ton etwas besser zu wahren wissen, als Ihre Schwester.«

»Das kommt ganz darauf an, Herr Eisinger. Ich will mich nicht bei Ihnen um die Stelle bewerben. Ich bin gekommen, Sie etwas zu fragen. Meine Schwester hat für das Kaufhaus Langner eine Reihe von neuen Mustern entworfen; jetzt arbeiten Sie danach. Haben Sie dabei wirklich ein gutes Gewissen?«

»Sie werden schon herausfordernd. Was interessiert es uns hier, wer irgendwelche Muster entworfen hat? Was unsere Kunden uns in Anftrag geben, wird angefertigt.«

»So einfach dürfte das doch nicht sein. Sie haben Herrn Langner dazu animiert, sich von meiner Schwester Muster entwerfen zu lassen, weil Sie genau wußten, wie talentiert sie dazu ist. Wahrscheinlich hat Ihnen meine Schwester hier gefehlt, und auf diesem einfachen Weg glaubten Sie in den Genuß ihrer Arbeiten zu kommen, ohne überhaupt etwas dafür zahlen zu müssen. Aber das lassen wir uns nicht gefallen. Ich bin nur gekommen, Sie zu fragen, wie Sie meine Schwester entschädigen wollen.«

»Ich werfe Sie gleich hinaus, junger Mann. Eine solche Dreistigkeit ist mir noch nicht vorgekommen. Ich hätte mir denken können, daß der Bruder nicht besser erzogen ist, als die Schwester.«

Jetzt war es mit Dieters Beherrschung vorbei. Sein Temperament ging mit ihm durch. Er spürte, wie ihm gleich viel freier zumute wurde.

»Erziehen Sie erst einmal Ihre eigenen Kinder richtig, Herr Eisinger! Zum Beispiel dazu, daß Ihr Sohn nicht betrunken durch die Stadt fährt, andere in Lebensgefahr bringt und die anrüchigsten Mädchen mit sich schleppt. Oder dazu, daß er nicht anständige Mädchen, wie meine Schwester eines ist, verführen möchte.«

»Ich habe Ihre Schwester vor die Tür gesetzt, weil sie es auf meinen Sohn abgesehen hatte.«

»Das ist mir neu. Wissen Sie, daß wir in der Familie Holl gar keinen Mann namens Eisinger haben wollen? Ich habe meiner Schwester immer gesagt, daß sie zu schade für diesen Laffen ist. Dem mögen die Geldscheine nur so aus der Rocktasche hängen, der mag seinen Sportwagen jeden Tag umtauschen und in hundert Klubs sein, ich würde ihn die Treppe hinunterwerfen, wenn er sich erdreistete, meiner Schwester zu nahe zu treten. So, jetzt habe ich Ihnen gesagt, was mir über Ihren Sohn gerade wichtig erschien. Was ich von Ihnen halte, muß ich mir verkneifen, weil Sie schließlich ein alter Mann sind. Meine Eltern haben mich gelehrt, Respekt allein vor dem Alter zu haben, auch wenn der Mensch sich an anderem bereichert, junge Leute ruiniert und Entwürfe stiehlt. Hoffentlich ersticken Sie nicht an dem Geld, das Sie aus der Arbeit meiner Schwester ziehen. Wir werden diesen Verlust verwinden.«

Dieter lief zur Tür. Dort aber stieß ihn der Bock noch einmal. Obwohl Felicitas es ihm schon so oft verübelt hatte, begann er auch in seiner Wut seiner alten Passion zu frönen.

»Seien Sie nur auf der Hut, daß Ihnen nicht trotzdem einmal die Handweberei Holl über den Kopf wächst! Ideen haben wir nämlich, und jung und gesund sind wir auch. Das Sie uns heute trotz Ihrer Säle voll Webstühle fürchten, haben Sie uns ja gezeigt.«

Als Dieter die Tür hinter sich zuschlug, hörte er ein gellendes, höhnendes Gelächter hinter sich.

*

Andrea lag bereits in ihrem Bettchen, Dieter hatte eine Verabredung mit Freunden, Felicitas saß allein im Wohnzimmer, als die Wohnungsglocke schellte.

Erschrocken zuckte das Mädchen zusammen. Was würde noch passieren? Kam vielleicht Herr Meier, um sie daran zu erinnern, daß er ihr die Wohnung gekündigt hatte?

Schweren Schrittes ging Felicitas zur Tür und öffnete.

Gleich darauf prallte sie zurück.

»Du?« fragte sie fassungslos.

»Das verwundert dich, nicht wahr?« Arno Eisinger war schon in die kleine Diele getreten und zog die Tür hinter sich zu. »Ich muß etwas mit dir besprechen, Felicitas. Entschuldige bitte, daß ich so einfach hier eindringe. Mein Vater erzählte mir, daß sehr unliebsame Dinge zwischen dir und ihm passiert sind. Oder besser, zwischen deinem Bruder und ihm.«

»Ich wüßte nicht, was es noch zu besprechen gäbe, Arno. Es ist besser, du gehst gleich wieder. Ich habe heute ohnehin einen schweren Tag gehabt. Ich bringe kaum die Kraft auf, mit dir noch zu streiten.«

»Aber wer sagt denn, daß ich streiten will? Ich möchte dir einen Vorschlag zur Güte machen…«

Zweifelnd sah Felicitas ihn an. Diesmal wirkte er nicht so blasiert wie bei ihrem letzten Zusammentreffen.

»Bitte, komm herein. Aber es wäre mir lieb, wenn du dich nicht lange aufhältst, Dieter wird bald zurückkommen. Er ist nicht dein Freund. Ich möchte einen Zusammenstoß vermeiden.«

Arno Eisinger betrat das Wohnzimmer. »Nein, dein Bruder ist nicht mein Freund, das weiß ich. Mein Vater hat mir gesagt, welche Worte Dieter über mich fallenließ. Sie waren wenig schmeichelhaft. Aber ich bin nicht nachtragend. Ich verstehe ihn zum Teil sogar. In seinem Alter ist man noch in den Sturm- und Drangjahren, da wählt man die Worte nicht so genau. Besonders nicht, wenn man sich als Beschützer seiner Schwester fühlt.

Felicitas, wir haben uns lange nicht gesehen. Ich möchte dir noch zu dem Tod deiner Eltern kondolieren. Es hat mir damals sehr leid getan, als ich von ihrem Tod hörte, bitte, glaube mir das.«

»Und was führt dich heute zu mir?« drängte das Mädchen. Sie bemerkte sehr wohl Arnos prüfenden Blick, der immer wieder über die Enge dieses Zimmers glitt.

Er wies auf die beiden Webstühle. »War das wirklich nötig, daß du dir so eine Last aufbürdest? Meinst du, damit ein zufriedener Mensch zu werden? Ich würde hier ersticken.«

»Das glaube ich dir. Aber mein Leben ist immer bescheidener als das deine gewesen. Wozu wollen wir vergleichen? Ich könnte zurechtkommen, wenn sich nicht plötzlich Menschen in mein Leben drängen würden, um mir zu schaden.«

»Du meinst die lästige Geschichte mit deinen Entwürfen?«

»Ja, genau das meine ich. Dein Vater hat sich mir von einer wenig schönen Seite gezeigt, als er mich entließ, aber ich habe nicht vermutet, daß er mir auch jetzt noch schaden will.«

»Vater geht den einfachsten Weg, den, der ihm Geld bringt. Das Geschäft mit dem Kaufhaus Langner ist ein solcher Weg.«

»Bist du gekommen, um mir das so gleichgültig zu sagen? Oder willst du mir erklären, daß alles ein Mißverständnis war, daß ich hoffen kann, nicht um den Lohn meiner Arbeit gebracht zu werden?«

»Nein, Felicitas, dieses Angebot kann ich dir leider nicht machen. Mein Vater läßt nicht mit sich sprechen. Er hat das Geschäft mit Langner abgeschlossen. Die ersten Arbeiten nach deinen Mustern sind ausgeführt. Diese Muster waren nicht geschützt, also konnte mein Vater sie nacharbeiten. Das kann dir übrigens auch noch bei anderen Firmen passieren.«

»Ich nehme an, daß dein Vater sich jetzt diese Muster schützen lassen wird. Ich unterschätze doch sicher seine Geschäftstüchtigkeit nicht.«

»So weit kann es nicht gehen. Aber laß uns dieses leidige Thema beschließen. Ich bin trotzdem hier, um dir zu helfen. Es ist ein Entgegenkommen von mir, mit dem ich gutmachen will, was mein Vater an dir gesündigt hat.«

»Weiß er, daß du hier bist?«

»Nein, um Himmels willen! Das wäre das letzte, was er erfahren dürfte«, wehrte Arno Eisinger entsetzt ab. Er neigte sich zu Felicitas. »Ich habe immer viel für dich übrig gehabt, dessen erinnerst du dich sicher genau. Du standest mir auch nicht gleichgültig gegenüber. Unselige Mißverständnisse haben uns getrennt. Felicitas, laß uns wieder wie früher sein. Ich habe es in der Hand, dir ein Leben ohne Sorgen zu bieten. Sicher fiele für deine Geschwister so viel ab, daß sie zufrieden sein könnten. So kleinlich Vater seinen Arbeitern und Angestellten gegenüber ist, so großzügig benimmt er sich in finanziellen Zuschüssen seinem Sohn gegenüber.«

»Das ist hinreichend bekannt. Darüber spricht die ganze Stadt. Was aber soll mir das nutzen?«

»Hast du mich nicht verstanden, Felicitas? Dann muß ich deutlicher werden. Ich hoffte es mir ersparen zu können. Werde meine Geliebte, Felicitas, und mein Wunsch ist erfüllt! Ich kann ihn mit klingender Münze lohnen. Die Webstühle könnten morgen hier verschwinden.«

Glühende Röte war in das Gesicht des Mädchens gestiegen; jetzt wich sie Blässe. Entsetzt sprang Felicitas auf.

»Das wagst du mir zu bieten? Dazu bist du in meine Wohnung gekommen? Habe ich dich in all deiner Erbärmlichkeit noch nicht erkannt? Ich bitte dich, geh’, so schnell zu kannst!«

Arno Eisinger wich einige Schritte zurück, sehr erstaunt blickte er Flicitas an, dann schüttelte er den Kopf. »Welches Mädchen würde ein solch großzügiges Angebot ablehnen? Ich bin mir wirklich keiner Schuld bewußt, dir zu nahe getreten zu sein.«

»Nein? Ja, gehst du nur mit Mädchen um, die für Geld ›Liebe‹ schenken, denen nichts schmutzig genug ist, daß sie sich nicht damit besudeln? Dann tust du mir leid. Bei mir bist du an die falsche Adresse geraten. Aber das hättest du wissen müssen.«

»Ich wußte nur, daß du in Bedrängnis bist, daß du diese Wohnung so schnell wie möglich verlassen mußt, dich in erhebliche Kosten durch die Anschaffung der Webstühle gestürzt hast, deinen Bruder studieren lassen willst und sogar ein Mädchen beschäftigst, für das du schließlich verantwortlich bist.«

»Ja, das alles ist so. Du bist erstaunlich gut orientiert. Nur eines stimmt nicht, daß ich nicht mehr ein und aus weiß. Meine Geschwister würden lieber mit mir hungern, als ihre Schwester als – Dirne zu sehen.«

»Nun, wähle deine Worte etwas vorsichtiger. Ich habe dir vorgeschlagen, meine Geliebte zu werden.«

»Ist das etwas anderes? Ich will kein Wort mehr hören. Wenn du nicht augenblicklich gehst, rufe ich die Nachbarn zu Hilfe.«

»Damit wirst du dir keinen Gefallen tun. Wer wird dir schon glauben, daß du mich nicht freiwillig eingelassen hast?«

Felicitas hörte, daß sich ein Schlüssel draußen im Schloß drehte.

»Dieter!« stöhnte sie.

Arno Eisinger zuckte sichtlich zusammen.

Schon öffnete sich die Tür des Wohnzimmers.

Mit bleichem Gesicht trat Dieter ein.

»Habe ich den Wagen doch erkannt«, murmelte er. Dann reckte er sich. »Felicitas, was will dieser Mann bei dir…? Ich habe Ihrem Vater schon heute angedroht, daß ich Sie die Treppe hinunterwerfe, wenn Sie es wagen sollten, zu uns zu kommen.«

Arno Eisinger war bis an die Wohnungstür zurückgewichen. Feige flatterten seine Blicke von einem der Geschwister zum anderen.

»Du brauchst es nicht mehr zu tun, Dieter. Ich bitte dich, sei beherrscht«, flehte Felicitas. »Mach keinen Skandal hier im Haus. Ich habe Herrn Eisinger schon die Tür gewiesen.«

Arno hatte die Ausgangstür erreicht, hastig öffnete er sie und rief zurück: »Und das wollen Sie Ihrer Schwester glauben? Ich kann ihr nur für die herrliche Liebesstunde danken.« Schon schlug die Tür hinter ihm zu.

Felicitas wankte durch das Wohnzimmer und sank auf einen Sessel. Dort schlug sie die Hände vor die Augen.

»Felicitas!« Dieter stand vor ihr und riß ihr die Hände herunter. Seine Lippen zitterten. »Ist das wahr, was er eben gesagt hat?«

»Nein, Dieter, nein! Wie kannst du so etwas annehmen? Er wollte sich nur an mir rächen.«

»Aber er war in der Wohnung. Du mußt ihn schließlich eingelassen haben.«

»Ja, das habe ich getan, weil ich guten Glaubens war, er würde einen Kompromiß wegen der gestohlenen Muster anbieten.«

»Und das soll ich dir glauben?«

»Ich hoffe, daß du deiner Schwester glaubst und nicht einem solchen Menschen, Dieter.«

Plötzlich ertönte ein Stimmchen neben ihnen.

»Das war ein böser Mann, nicht wahr, Felicitas? Ich habe gehört, wie du ihn fortgeschickt hast, welche Angst du hattest, aber er wollte ja gar nicht gehen.«

Felicitas beugte sich vor. Stürmisch umschlang sie Andrea in ihrem langen Nachthemd. »Ja, er war bös, mein Liebes, aber jetzt ist er fort. Du brauchst keine Angst zu haben, er wird nie wiederkommen.« Sie sah den Bruder an.

»Ich hätte dir auch ohne Andreas Aussage geglaubt, Felicitas. Ich war nur sehr erregt. Was wollte er? Bitte, erzähle es mir.«

»Nein, das werde ich nicht tun. Es könnte sein, daß du die Achtung vor deiner großen Schwester verlierst, allein wenn du hörst, welches Angebot ihr ein solcher Mann zu machen wagt. Ich bitte dich nur um eines: Vergiß dich nicht, mach keinen Unsinn. Wir haben mit den Eisingers nichts zu tun, wir können ihnen nur aus dem Weg gehen. Die Hände wollen wir uns an ihnen nicht schmutzig machen.« Ihr Blick fiel auf das Foto der Mutter. Sie hatte Arno Eisinger gefürchtet, und das mit Recht.

Lange saßen sie an diesem Abend noch wach. Der Bruder hockte neben ihr. Aber ein Gespräch wie an anderen Abenden wollte nicht in Gang kommen. Selbst über die nächste, so bedrückend aussehende Zukunft sprachen sie nicht.

*

Seit kurzer Zeit hatte Felicitas ein Telefon in der Wohnung. Es war wichtig für sie gewesen, um sich und dem Bruder unnötige Wege zu ersparen.

Als es an diesem Vormittag läutete, ging sie in der Hoffnung an den Apparat, daß ein Kunde anrief, um etwas zu bestellen.

Die meisten ihrer Gedanken kreisten um Beschäftigung für die nächste Zeit, damit sie den Ausfall der großen Bestellung des Kaufhauses Langner überbrücken konnte.

Erschrocken fragte sie: »Herr Wenzel?«

Rosemarie hielt ihren Webstuhl an, damit Felicitas besser hören konnte.

Jetzt sah sie, daß die Freundin sich krampfhaft an dem Tischchen festhielt; ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren.

»Ja, ich komme gleich, Herr Wenzel.«

»Felicitas, um Himmels willen, was ist geschehen?« Rosemarie stand schon neben ihr und stützte sie.

»Dieter ist verunglückt, vom Gerüst gestürzt«, stammelte Felicitas. »Ich habe es heute morgen gefühlt, daß etwas passieren wird. Rosemarie!« Felicitas konnte sich kaum auf den Beinen halten. »Ich muß gleich in das Guntrams-Krankenhaus. Dorthin hat man Dieter gebracht.«

»Ich komme mit dir. Wir bitten Frau Hollmann, daß sie bei Andreas bleibt.«

»Ich will mit«, weinte das kleine Mädchen.

»Bitte, Rosemarie, bleibe lieber hier. Ich möchte Frau Hollmann nicht behelligen müssen. Du weißt, sie ist in letzter Zeit nicht mehr so freundlich, weil wir sie mit den Webstühlen stören. Du brauchst keine Angst um mich zu haben. Es war nur der erste Schreck. Es kann ja nicht so schlimm sein, wie ich zuerst gedacht habe. Es darf ja nicht sein«, flüsterte sie und machte sich schon fertig zum Weggehen.

Rosemarie begleitete sie bis an die Haustür. »Wenn du mich brauchst, rufe bitte an. Felicitas, nein, es wird nicht so schlimm sein.« Rosemarie kamen ihre Worte dürftig vor, aber was sollte sie sagen?

Wieder einmal war aus heiterem Himmel ein Unglück über Felicitas gekommen. Hatte sie davon nicht schon genug erlebt, gab sich das Schicksal nicht damit zufrieden?

Felicitas war zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn gelaufen. Sie brauchte nicht lange zu warten, bis sie zum Guntrams-Krankenhaus fahren konnte.

Dennoch meinte sie, daß aus Minuten Stunden wurden.

An der Portierloge des Krankenhauses wartet Herr Wenzel auf Felicitas.

Man sah auch ihm an, wie erregt er war. Als wollte er das junge Mädchen schützen, legte er einen Arm um ihre Schulter. »Kommen Sie, da vorn ist eine Bank.«

Ohne ein Wort zu sagen, folgte ihm Felicitas. In ihr hämmerte es: Hätte er eine gute Nachricht, würde er nicht damit zögern.

Mit flackerndem Blick sah sie zu ihm auf.

»Es tut mir leid, daß ich Sie derart in Unruhe stürzen mußte, Fräulein Holl. Dieter wird operiert. Bis jetzt hat man mir nur sagen können, daß er einen Milzriß und eine schwere Kopfverletzung davongetragen hat. Er mußte gleich operiert werden.«

»War er bei Bewußtsein?«

Wenzel schüttelte den Kopf. »Nein, und es ist wohl besser so. Ich kann das Unglück nicht verstehen.«

»Wie ist es geschehen?«

»Es war mir unmöglich, den genauen Hergang zu erfahren. Die Leute waren wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen, als ich zur Baustelle kam. Man lud Ihren Bruder gerade in den Sanitätswagen.

Die einen wollen gesehen haben, daß zwei Jungen ihm etwas zuriefen und er zu ihnen hinuntersah; die anderen wissen von nichts, dafür haben sie beobachtet, daß Dieter sich nach der abgestellten Butte bückte, sie in noch vorgeneigter Haltung auf den Rücken schwang und dann stürzte, als sie ihm über den Kopf fiel. Ich kann es wirklich nicht begreifen. Dieter war geschickt, wendig und sehr sicher. Ich habe ihn oft auf dem Gerüst beobachtet. Er behauptete selbst, daß er schwindelfrei ist. Das hätte nicht passieren dürfen.« Hilflos sah sich Wenzel um, dann legte er eine Hand auf Felicitas’ Arm. »Wir dürfen nicht das Schlimmste befürchten, wir müssen hoffen, Fräulein Holl. Was ich dazu beitragen kann, daß Ihrem Bruder geholfen wird, soll geschehen. Der Junge ist mir ans Herz gewachsen.«

»In vier Tagen ist Schulanfang. Nun wird Dieter im Krankenhaus liegen. Wahrscheinlich wird ihn das am meisten bedrücken. Er hat noch knapp ein Jahr bis zum Abitur. Er stand so gut in der Schule.«

»Er wird diese Zeit nachholen, er ist ja ein tüchtiger Bursche.«

Felicitas und Wenzel spürten, daß sie nur redeten, damit die Zeit verging. In ihrem Inneren zitterten sie beide vor dem Erscheinen des Arztes.

Sie mußten darauf über eine Stunde warten.

Felicitas sprang auf, als eine Bahre aus dem Operationssaal geschoben wurde. Taumelnd stand sie davor und starrte in das bleiche Gesicht des Bruders. Hätte sie nicht gewußt, daß er es sein mußte, sie wäre nicht imstande gewesen, ihn zu erkennen. Er sah um vieles älter und eingefallen aus. Schwarze Ringe lagen unter den geschlossenen Augen; blaue und rote Flecke zeigten sich auf der einen Gesichtshälfte. Der Kopf trug einen starken Verband.

Die Schwester schob Felicitas sanft zur Seite und rollte den Wagen weiter.

Entgeistert, unfähig, sich zu rühren, starrte ihm das Mädchen nach.

Erst als Wenzel sie am Arm faßte und sagte: »Der Arzt möchte mit Ihnen sprechen«, zuckte sie zusammen.

»Oberarzt Doktor Frömmel«, stellte sich der Arzt vor. »Sie sind die Schwester des Verletzten?« Mit ernstem Gesicht sah er Felicitas an. »Ich kann noch kein abschließendes Urteil über den Zustand geben – leider. Wir müssen noch einige Röntgenaufnahmen machen. Zunächst war die Milzoperation vordringlich.«

»Hat mein Bruder eine schwere Kopfverletzung, Herr Doktor?«

»Sie wird uns vermutlich nicht so viele Schwierigkeiten bereiten wie die Verletzung des Rückgrates.«

»Des Rückgrates?« wiederholte Felicitas zutiefst erschrocken. »Ist alles andere nicht schon genug?«

»Ein Sturz aus solcher Höhe bringt meist mehrere schwere Verletzungen mit sich. Es ist wohl als Wunder anzusehen, daß Ihr Bruder überhaupt noch lebt. Wollen wir hoffen, daß meine Befürchtungen sich nicht bewahrheiten. Ich werde Ihnen morgen mehr sagen können. Es tut mir sehr leid, ich hätte Sie gern etwas zuversichtlicher gestimmt, aber es hat keinen Zweck, Ihnen mehr Hoffnungen zu machen, als wir dazu Anlaß haben. Ihr Bruder ist bei uns in besten Händen; was in unserer Macht steht, werden wir tun. Bitte, glauben Sie mir das.« Der Arzt versuchte noch mit einigen tröstenden Worten Felicitas zu beruhigen, aber deutlich spürte man, daß er selbst in großer Sorge um den Verletzten war.

»Darf ich zu ihm, Herr Doktor?«

»Vorläufig nicht. Bitte, kommen Sie gegen Abend noch einmal. Ich gestatte Ihnen dann einige Minuten Besuchszeit.«

Wenzel führte Felicitas aus dem Krankenhaus und bot ihr an, sie mit dem Wagen zu ihrer Wohnung zu fahren.

Es wurde nur wenig zwischen ihnen gesprochen, beide waren ihren angstvollen Gedanken ausgeliefert.

*

Felicitas hätte nicht sagen können, wie sie den Tag verbringen sollte, wenn Rosemarie ihr nicht zur Seite gestanden wäre.

Obwohl auch sie vor Erregung zitterte, fand sie immer wieder tröstende, zuversichtliche Worte.

An sie klammerte sich Felicitas.

Gegen Abend fuhren sie miteinander zum Krankenhaus. Auch Andrea durfte mit. Aber sie wartete mit Rosemarie im Park, während Felicitas schweren Herzens die Treppen hinaufstieg.

Eine Schwester führte sie zu dem Zimmer des Bruders. Er lag dort allein.

»Stören Sie sich nicht daran, er redet mitunter im Fieber. Das bedeutet nicht allzuviel. Ab und zu hat er die Augen aufgeschlagen und sich suchend umgesehen, aber er ist noch nicht ganz zu Bewußtsein gekommen. Er dürfte auch eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen haben. Ich bleibe im Zimmer. In fünf Minuten müssen Sie wieder gehen; mehr hat der Oberarzt nicht erlaubt.«

Felicitas ließ sich auf dem Stuhl vor Dieters Bett nieder. Sie wagte sich kaum zu rühren. Sie starrte in das mitgenommene Gesicht, auf die flatternden Augenlider.

War das alles nicht ein wüster Traum, aus dem sie jede Minute erwachen mußte?

Am Morgen war der Bruder noch gesund von ihr weggegangen, und nun sollte er so schwer krank sein.

Bebend streckte sich Felicitas’ Hand aus, ganz behutsam glitt sie über Dieters Wangen.

Wie heiß sie waren.

Jetzt kam es ihr vor, als wäre er etwas ruhiger geworden, aber das hielt nur Sekunden an, schon wieder öffnete sich der Mund und stieß murmelnde Laute hervor.

»Dieter, ich bin ja bei dir«, flüsterte Felicitas unter Tränen und beugte sich über ihn.

Aber er schien sie nicht wahrzunehmen.

»Weberknecht – Weberknecht…« verstand sie.

Sie wußte sich auf diese Worte keinen Reim zu machen, um so ängstlicher wurde ihr ums Herz.