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Stell dir vor, du wachst in der Zukunft auf und die große sozial-ökologische Wende ist gelungen, die Demokratie ist aufgeblüht, es herrschen Frieden und Wohlstand, die Wirtschaft ist gemeinwohlorientiert und der Klimakrise wurde erfolgreich begegnet. Wie würde diese neue Welt aussehen? Utopia 2048 führt zwei »Zeitreisende« durch Städte, Unternehmen und Schulen einer solch inspirierenden Gesellschaft. Im Verlauf ihrer Reise erleben sie Demokratie-Innovationen in einem ergrünten Berlin, besuchen regenerative Landwirtschaft auf dem Brandenburger Umland und besichtigen den UN-Tower in Singapur, eine progressive Universität in Schweden und vieles mehr. Dabei erfahren sie, wie zahlreiche innere und äußere Entwicklungen den Systemwandel ermöglicht haben. "Lino Zeddies ist der Thomas Morus des 21. Jahrhunderts. In meisterhafter Form ist es ihm gelungen, das Mosaik der Zukunft aus realistischen Puzzlesteinen zusammenzufügen. Das beschriebene Utopia ist so überzeugend und kommt so passgenau zur rechten Zeit, dass es gar nicht anders kann, als Realität zu werden." - Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie "Die Dialoge sind so lebendig und die geschilderten Veränderungen so fantasievoll, dass es viel Spaß und auch Mut macht, Utopia 2048 zu lesen." - Ute Scheub, Autorin und Journalistin "Mit großer Lesefreude folgt man dem elegant geschriebenen Roman, der die Mosaiksteine einer alternativen Lebensweise zusammenträgt, die angesichts der Grenzen des Wachstums dringend nötig sind." - Prof. Helge Peukert, Uni Siegen "Mit Utopia 2048 haben wir nun ein Buch, mit dem wir uns lesend in eine Welt begeben, in der die meisten Probleme der Menschheit gelöst sind. Das ist ganz und gar nicht langweilig, sondern macht von der ersten bis zur letzten Seite großen Spaß." - Katrin McClean, Autorin und Journalistin
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Lino Alexander Zeddies, geboren 1990 in Hannover, ist Utopist, Ökonom und Autor für eine schönere Welt.
Nach dem Abitur trieb es ihn zum VWL-Studium nach Berlin.
Frustriert von den dort vorherrschenden Dogmen und weltfremden Modellen, engagierte er sich im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. für neues ökonomisches Denken und engagierte sich bei Monetative e.V. und im International Movement for Monetary Reform für Reformen für das Geld- und Finanzsystem.
Es folgten weitere Lebensstationen als Coach, Heilpraktiker für Psychotherapie und Organisationsberater, in denen er sich intensiv mit innerem Wandel und progressiven Formen der
Zusammenarbeit auseinandersetzte. Während der Beschäftigung mit den zahlreichen kleinen und großen Lösungen für eine schönere Welt entstand die Idee für dieses Buch. 2021 hat er die Organisation Reinventing Society – Zentrum für
Realutopien mitgegründet, deren Ziel es ist, Menschen und Organisationen mit positiven Zukunftsvisionen zu inspirieren und die Reise dorthin mit bestärkenden Impulsen, innovativen Methoden und utopischen Erfahrungsräumen zu unterstützen.
Mehr Informationen zu Projekten und Angeboten finden sich unter: www.realutopien.de/en.
Website: www.linozeddies.de
Für alle, die sich nach einer schöneren Welt sehnen.
Offene Utopie: Eine positive Gesellschaftsvision, die sich nicht als perfekte Blaupause versteht, sondern als vorläufigen Vorschlag für eine bessere Welt im ständigen Prozess der Verbesserung mit dem primären Ziel, Menschen zu inspirieren, neue Perspektiven zu eröffnen und zum Austausch von Ideen einzuladen.
"Utopia 2048" ist als offene Utopie zu verstehen.
Weiterführende Infos und Links zu den Ideen im Buch finden sich unter:www.utopia2048.de
Prolog
Tag 1 – Erwachen
Tag 2 – Hoffnung
Tag 3 – Natur
Tag 4 – Berlin
Tag 5 – Singapur
Tag 6 – Gemeinschaft
Tag 7 – Earth College
Epilog – 2049
Nachwort
Anregungen zum Wandel
Danksagung
»Die schönere Welt, von deren Möglichkeit mein Herz weiß, ist eine Welt mit viel mehr Lebenslust: viel mehr Berührung, viel mehr Liebesspiel, viel mehr Umarmungen, viel mehr tiefem einander in die Augen schauen, viel mehr duftendem, selbst gemachtem Brot, viel mehr frisch geernteten Tomaten, die noch von der Sonne warm sind, viel mehr Singen und Tanzen, viel mehr Zeitlosigkeit, viel mehr Schönheit in unser Wohnumgebung, viel mehr unberührten Ausblicken, viel mehr frischem Quellwasser.«
Charles Eisenstein
»Heute Morgen, am 17. Juni 2048, hat der Bundespräsident den Heldenmarkt auf dem Berliner Messegelände feierlich eröffnet. Der Heldenmarkt hat das deutsche und europäische Sozialunternehmertum nachhaltig geprägt und feierte dieses Jahr bereits sein 37-jähriges Bestehen. Wie jedes Jahr fand der Heldenmarkt direkt im Anschluss an die IFM statt.«
Lena fuhr dazwischen: »Was ist die IFM?«
»Die IFM ist die Internationale Fahrrad Messe«, antwortete der Computer.
»Okay. Weitere Nachrichten bitte.«
Lena saß auf einem Lehnsessel in ihrem Zimmer und blickte auf einen großen Bildschirm, der ihre Zimmerwand fast vollständig ausfüllte. Sie konnte mit dem eingebauten Computer per Stimmbefehl kommunizieren. Über den Computer hatte sie Zugriff auf die sogenannte Central Knowledge Base, eine umfassende globale Datenbank, in der das gesammelte Wissen der Menschheit eingespeist war. Gerade hatte sie entschieden, sich die Nachrichten der letzten Woche anzeigen zu lassen.
Der Computer fuhr fort und blendete Bilder verschiedener Menschen und Gebäude ein: »Das Bundeswirtschaftsministerium hat heute verkündet, innerhalb der nächsten drei Jahre hundertzwanzig weitere Berufungsämter zu eröffnen. Die Berufungsämter sollen alle Menschen in Deutschland noch besser darin unterstützen, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu entdecken und ihre persönliche Berufung zu finden.«
Auf dem Bildschirm erschienen Mosaike mit Vorschlägen für verschiedene vertiefende Informationen.
»Erzähl mir bitte mehr zu Berufungsämtern«, sagte Lena.
»Berufungsämter unterstützen die Menschen durch Beratungen und Coachings dabei, die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Begabungen zu erkennen und zu entfalten und dadurch die persönliche Berufung zu finden. Berufungsämter sind aus den früheren Arbeitsämtern und Jobcentern hervorgegangen, welche darauf fokussiert waren, arbeitslose Menschen möglichst schnell in bezahlte Erwerbsarbeit zu bringen. Diese Institutionen standen jedoch in der Kritik, da häufig finanzieller und psychischer Druck aufgebaut wurde, um Menschen in unliebsame Jobs zu drängen. Berufungsämter bieten hingegen ausschließlich positive Unterstützung durch ausgebildete Coaches und verwenden eine Vielfalt von Methoden und Seminarangeboten, um individuelle Vorlieben und Neigungen zu berücksichtigen. Das erste Berufungsamt wurde als Pionierprojekt 2038 in Nauen eröffnet. Nach einer Probephase…«
Lena unterbrach die Stimme. »Danke, das reicht. Weitere Nachrichten bitte.«
»Der europäische Verteidigungsminister hat beschlossen, Teile der europäischen Armee für einen humanitären Einsatz in den Irak auszusenden. Die Einsatzkräfte sollen insbesondere dabei helfen, mit der Roboter-Staffel Landminen zu entschärfen, die durch die heftigen Überflutungen der letzten Wochen an die Oberfläche geschwemmt wurden.« Das Video zeigte Bilder von überschwemmten irakischen Dörfern, von blau Uniformierten, die in ein Flugzeug stiegen und von schildkrötenähnlichen Robotern mit langen Hebelarmen. »Die Minen stammen überwiegend aus dem dritten Golfkrieg und haben in den letzten Tagen bereits mehrere Menschenleben gefordert.«
Der Bildschirm blieb daraufhin stehen und teilte sich in mehrere Bereiche auf: Die Lage im Irak, die europäische Armee, der dritte Golfkrieg, die Ansprache der Verteidigungsministerin, weitere Nachrichten. Jedes Mosaik war mit Bildern und Vorschauvideos hinterlegt.
»Weiter«, sagte Lena.
»Die Bundeskanzlerin hat heute Morgen auf dem Platz der Republik den internationalen Tag des Yoga eingeleitet. Zusammen mit Hunderten von anderen Yogabegeisterten führte sie vor dem Reichstag verschiedene Yogaübungen aus und machte zum Abschluss den Sonnengruß.« Gezeigt war dazu das Bild einer lächelnden älteren Frau mit nach oben gestreckten Armen zusammen mit zahlreichen anderen Menschen in gleicher Pose. Lena grinste.
Der Computer fuhr fort: »Viele Schulen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen beteiligten sich an dem Feiertag mit entsprechenden Kursen und Angeboten. Der Gesundheitsminister rief dazu auf, Yoga und Meditationen insbesondere in Unternehmen verstärkter einzubringen.« Ein junger Mann mit asiatischen Gesichtszügen wurde eingeblendet. Er sagte: »Die gesundheitlichen und psychischen Vorteile einer regelmäßigen Yoga- und Meditationspraxis sind wissenschaftlich bestens belegt. Vor allem als Mittel gegen Stress und hohe psychische Belastung sind diese Ansätze hervorragend geeignet und erhöhen außerdem die allgemeine Lebenszufriedenheit. Die deutsche Wirtschaft hat jedoch Aufholbedarf, entsprechende Angebote für die Mitarbeitenden bereitzustellen.«
Lena schüttelte ungläubig den Kopf. »Weitere Nachrichten bitte. Was ist international passiert?«
»Bei einem Treffen der französischen Präsidentin mit den Staatsoberhäuptern mehrerer afrikanischer Staaten in Dakar wurde die erfolgreiche Abwicklung der französischen Entschädigungszahlungen für die Kolonialbesetzung zelebriert. Frankreich hatte den Staaten der ehemaligen französischen Kolonien innerhalb der letzten fünfzehn Jahre insgesamt 650 Milliarden Euro als symbolische Entschädigung für die französischen Verbrechen während der Kolonialzeit ausgezahlt. Die gastgebende Präsidentin Senegals begrüßte die Ära einer neuen Beziehung auf Augenhöhe und des gegenseitigen Respekts. Frankreich hatte noch bis 2030 massiven politischen Einfluss auf seine ehemaligen Kolonien ausgeübt und sogar die Geldpolitik einiger afrikanischer Länder kontrolliert. Erst nach dem von der WFTO ausgerufenen globalen Schulden-Erlassjahr 2032 kam es zu einem Umdenken und…«
»Was ist die WFTO?«, unterbrach Lena den Computer.
»Die WFTO ist die World Fair Trade Organization. Die WFTO ist aus der WTO, der World Trade Organization hervorgegangen und…«
»Okay, danke«, sagte Lena schmunzelnd. »Weiter bitte.«
»Der Holy State of Christ versinkt zusehends im Bürgerkrieg. Wie der mexikanische Nachrichtendienst mitteilte, kam es dort in den letzten Tagen zu schweren bewaffneten Konflikten.« Auf dem Bildschirm erschien ein Video von Menschen in weißen Roben, ähnlich denen des Ku Klux Klans, die Sturmgewehre schwenkten. »Nach Informationen der UN gibt es in der Bevölkerung Engpässe von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern. Die USA und Mexiko haben humanitäre Unterstützung und Hilfsgüter angeboten. Dies wurde jedoch von den meisten Regionen des Landes ausgeschlagen.«
Lena verzog eine Augenbraue. »Mehr Informationen bit…« Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: »Nein, egal. Weitere internationale Nachrichten bitte.«
»Das UN-Generalsekretariat hat im aktuell erschienenen Jahresbericht verkündet, dass die HPGs, die Healthy Planet Goals, von 148 der 205 UN Mitgliedsstaaten zufriedenstellend erreicht worden sind. Insbesondere der südamerikanische Staatenbund wurde durch seine umfassenden Wiederaufforstungsprogramme positiv hervorgehoben. Ein großer Meilenstein sei auch die Regeneration des australischen Great Barrier Reef, was vielen Forschenden wie ein Wunder erscheint. Die Welt sei insgesamt auf einem guten Weg, aber es bleibe noch viel zu tun, verlautete der Bericht. Insbesondere die Säuberung der Meere sei zeitaufwändiger und kostenintensiver als veranschlagt. Der japanische Umweltminister hat bereits zu einem internationalen Treffen in Kyoto eingeladen, um das weitere Vorgehen zu sondieren.«
Als Lena ihre Augenlider nach all der langen Zeit zum ersten Mal wieder aufschlug, fand sie sich in einem Bett in einem kleinen Zimmer wieder. Das grelle Licht blendete sie. Sie blinzelte und schloss ihre nun tränenden Augen.
Lena fühlte sich benommen und schwach. Dennoch öffnete sie noch einmal behutsam ihre Lider und blickte umher. Durch die bodentiefe Fensterfront vor dem schräg aufgestellten Bett schien grelles Sonnenlicht herein. Sie erschrak, als sie eine kleine weiße Drohne erblickte, die an ihrer Seite schwebte. Beunruhigt schaute sie umher und versuchte sich zu orientieren.
Wo war sie? Was war passiert? Sie spürte Angst aufsteigen, die sie mühsam niederkämpfte.
»Guten Morgen Lena«, ertönte eine sanfte weibliche Stimme aus dem Gerät. »Du kannst dich entspannen. Du bist sicher und gesund.«
Verwirrung überkam sie. Was war das für eine Drohne?
Ihre Augen waren schwer und sie fühlte sich wie gerädert. Für einen Moment schloss sie ihre Lider und gab sich der Dunkelheit hin.
Lena atmete tief durch. Langsam kehrten ihre Erinnerungen und ihr Orientierungssinn zurück. Sie begann zu zittern. Erleichterung, Überwältigung und Aufregung überrollten sie.
Der Komaschlaf hatte also funktioniert.
Die Drohne schien ihre Aufregung zu registrieren: »Du brauchst keine Angst haben, Lena. Alles ist gut. Gleich wird dein Betreuer kommen und dich begrüßen.«
Sie versuchte, der Stimme aus der Drohne zu vertrauen und sich zu entspannen. Noch einmal schaute sie sich vorsichtig um. Die Wände waren in einem warmen Ockerton gestrichen, einige Pflanzen rankten an den Wänden oder hingen von der Decke. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Licht. Durch die Fenster erblickte sie einen großen See und dahinter einen Wald, den die Sonne beschien.
Ein schöner Ort zum Erwachen.
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür schreckte sie aus ihren Gedanken. Ein großer, recht junger Mann trat herein. Er blieb stehen und schaute sie erwartungsvoll an.
»Hallo Lena!«, sagte er. »Ich heiße Damian. Für die nächsten Tage bin ich dein Ansprechpartner.«
Er zögerte einen Moment und strich sich durch sein schwarzes Haar. Dann trat er noch einen Schritt auf sie zu und lächelte: »Willkommen im Jahr 2048!«
Lena blickte in den Spiegel. Glattes, schulterlanges Haar umrahmte ihr markantes Gesicht. Sie beugte sich näher an den Spiegel und musterte eine einzelne graue Strähne. Wie Ende 30 sah sie aus, dabei war sie jetzt bedeutend älter. Sie fühlte sich heute schon wieder recht sicher auf den Beinen. Erst gestern war sie völlig benommen aufgewacht. Doch ihre Lebensgeister kehrten erstaunlich schnell zurück. Auch das Denken fiel ihr leichter. Aber sie wusste noch immer nicht, was sie von ihrer Situation halten sollte.
Damian hatte gesagt, dass die Welt, in der sie erwacht war, schön sei. Dass vieles sich zum Guten gewandelt habe. Er hatte gewitzelt, dass es vielleicht sogar die bestmögliche aller Welten sei. Ob das wirklich stimmte, galt es herauszufinden.
Damian war für die nächsten Tage für ihre psychologisch-soziale Betreuung zuständig. Sein präsenter tiefer Blick und die ruhige Ausstrahlung erinnerten sie an ihren Bruder. Sie fand ihn sympathisch.
Seit heute brachte sie auch wieder einigermaßen verständliche Wörter hervor. Gleich war ein Video-Telefonat mit ihrer alten Freundin Katharina angesetzt, die sie als ihre Vertrauensperson und Bevollmächtigte während ihrer Komareise angegeben hatte.
Den gestrigen Tag hatte sie überwiegend verschlafen und ihre wachen Phasen vor allem mit medizinischen Tests und im Neurostimulator verbracht. Der Neurostimulator war eine Art Ganzkörperanzug, der an ihre Nervenbahnen und Gehirnströmungen gekoppelt wurde. Damian nannte es seine Wundermaschine. Das Gerät konnte nicht nur ihr Nervensystem und ihre Muskeln stimulieren, sondern über eine spezielle Brille konnte sie damit auch virtuelle Realitäten durchspielen und sich in diesen bewegen. Der körperenge Anzug unterstützte dabei ihre Muskeln wie ein Exoskelett, sodass sie Kraftanstrengungen und Bewegungen absolvieren konnte, für die ihr Körper eigentlich noch zu schwach war. Das Gerät wurde in eine Vorrichtung gehängt, sodass sie darin laufen konnte, ohne sich von der Stelle zu entfernen. Ein ähnlicher Neurostimulator hatte ihr Nerven- und Muskelsystem wohl auch während des Komas fit gehalten und in den letzten Wochen die Regeneration ihres Körpers für den Aufweckvorgang eingeleitet. Damian hatte sie jedoch gewarnt, dass die bei ihr erfolgte intensive Nutzung manchmal zu Nebenwirkungen führe. In den nächsten Wochen solle sie über Schwindel, unwillkürliche Muskelzuckungen und ungewöhnlich intensive Träume nicht überrascht sein.
Es klopfte an der Tür und Damian kam herein. »Katharina ruft gerade an.«
Er überreichte ihr ein großes flaches Tablet, in dem ein Bild von Katharina aufblinkte. Das Gesicht ihrer Freundin hatte viele neue Furchen und ihr Haar war ergraut. Lena fand es im ersten Moment etwas gespenstisch, ihre Freundin so gealtert zu sehen. Sie bewegte ihre Hand zum Display, um den Anruf anzunehmen und zögerte im letzten Moment. Sie schaute Damian an. »Ich glaube, ich kann das noch nicht. Ich brauche einfach noch etwas Zeit.«
Er nickte verständnisvoll. »Ich kann mir gut vorstellen, dass das alles nicht einfach ist, Lena. Aber bist du dir sicher? Sie ist doch deine beste Freundin, oder? Ich denke, dass es dir gut tun wird, mit ihr zu sprechen und sie hat wirklich lange darauf gewartet, dich wiederzusehen.«
Lena zögerte. Sie schloss einen Moment die Augen, atmete tief durch und tippte auf Annehmen.
Katharinas Gesicht erschien und diese blickte auf. »Lena! Mein Gott habe ich lange auf diesen Moment gewartet!« Sie strahlte und ihre Augen fingen an zu glitzern. Erleichterung überkam auch Lena. Dann mussten sie beide loslachen.
Damian zwinkerte Lena noch kurz zu und verließ still das Zimmer. Währenddessen machte Lena es sich auf einem Sessel am Fenster bequem.
»Es tut mir so leid, dass ich nicht dabei war, als du erwacht bist. Aber ich lebe mittlerweile in Singapur und meine Schwiegertochter erwartet jeden Moment ein Kind. Deshalb musste ich hierbleiben.«
»Deine Schwiegertochter?« Lena verschlug es die Sprache. »Das heißt du wirst Oma?«
Katharina nickte.
»Oh Gott!« Lena schüttelte lachend den Kopf. »Jetzt habe ich also eine Oma in meinem Freundeskreis.«
»Wer sich einen Dornröschenschlaf bucht, sollte auf alles gefasst sein«, erwiderte Katharina breit grinsend.
»Touché. Und wer ist der Opa? Bist du immer noch mit Hannes zusammen?«
Katharina prustete. »Mit Hannes?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie überlegte kurz. »Schon seit siebenundzwanzig Jahren nicht mehr.«
Lena schmunzelte. »Da bin ich ja erleichtert. Wobei der als Opa wahrscheinlich eine gute Figur machen würde.«
»Wahrscheinlich. Mein Mann heißt Khalish. Wir haben uns in Berlin kennengelernt.«
»Schöner Name.« Katharina nickte. Dann schaute sie Lena ernst an. »Meine Güte, wie geht es dir?«
Lena schwieg einen Moment. »Ich weiß es nicht. Es fühlt sich komisch an, plötzlich in einer neuen Zeit aufzuwachen. Ich habe Angst, dass es eine Fehlentscheidung war.« Sie schwieg einen Moment betreten. »Aber immerhin hat es funktioniert und ich lebe noch.« Katharina nickte mitfühlend.
Lena blicke ihre Freundin etwas unsicher an. Dann unterbrach sie die Stille. »Und nach Singapur hat es dich jetzt verschlagen?«
»Ja, kurz nach der Geburt von unserem Sohn sind wir hierher gezogen.«
»Abgefahren.« Lena schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich habe einiges verschlafen.«
Katharina wandte sich zur Seite und präsentierte kichernd eine kleine Kokosnuss, aus der sie grinsend durch einen kleinen Halm einen tiefen Schluck nahm. »Die hat mein Khalish mir vorhin mitgebracht.« Sie schloss für einen Moment übertrieben genussvoll die Augen. »Die kleinen Freuden des Lebens.«
»Wieso eigentlich Singapur?«, fragte Lena.
»Khalish wollte zurück in seine Heimat und ich habe hier einen Job als Managerin bei einem Eco-Hotel bekommen. Ein schöner Ort. Er heißt Green Garden.« Sie grinste. »Der Name ist Programm. Im Foyer ist sogar ein Teich. Ich gebe dort täglich Kurse in Tai-Chi und Kundalini-Yoga.«
»Klingt super!« Lena schaute ihre Freundin an und lächelte. »Es ist wirklich schön, dich zu sehen!«
Katharina nickte liebevoll. »Du hast mir gefehlt… all die Jahre.«
»Ja. Es tut mir leid, dass ich so lange weg war.«
»Du hast viel verpasst, Lena. Es gibt sooo viel zu erzählen.«
Lena blickte am Bildschirm vorbei aus dem Fenster über den See. Ein paar Enten schwammen dort umher. »Wie es scheint, hat sich die Welt weitergedreht.«
Katharina blickte nachdenklich in die Ferne. »Ich erinnere mich, wie düster und hoffnungslos dir unsere Welt früher erschien. Der Klimawandel, die Geflüchteten, das Artensterben. Verrückte Zeiten waren das. Wir fuhren auf den Abgrund zu und traten dabei voll aufs Gaspedal.«
»Ja. Und dieser Wahnsinn wurde uns als Fortschritt verkauft.« Lena machte ein grimmiges Gesicht. »Wie steht es denn zurzeit um die Welt? Damian hat mir noch nicht allzu viel erzählt.«
Katharina nahm noch einen Schluck aus ihrer Kokosnuss und legte den Kopf nachdenklich zur Seite. »Wo fange ich an?« Sie schaute Lena tief in die Augen. »Vieles hat sich tatsächlich zum Guten gewandelt. Manche reden sogar von einem neuen Zeitalter der Menschheit. Es scheint, als sei der Klimawandel fürs Erste aufgehalten. Die Meere erholen sich und das Artensterben hat aufgehört. Aber der Weg dahin war ganz schön turbulent. Es gab sehr düstere Tage und einige Opfer. Doch am Ende haben wir es geschafft, das Steuer herumzureißen.«
»Turbulent fand ich es schon, als ich noch da war. Was ist denn passiert?«
Katharina blickte ernst: »Große Teile der Pole und die meisten Gletscher in den Alpen sind geschmolzen. Durch den entsprechend erhöhten Meeresspiegel mussten einige Küstenstädte wie Jakarta und New York teilweise evakuiert werden. Es gab Unwetter, Dürren und Hungerkatastrophen im kontinentalen Süden und entsprechende Ströme flüchtender Menschen nach Europa. Das hat unsere Gesellschaft fast zerrissen.« Sie atmete einmal tief durch und fuhr fort: »Ein Atomreaktor in China ist explodiert. Es gab einen dritten Golfkrieg im Nahen Osten.«
»Ach du Scheiße.«
»Ja.« Sie schmunzelte. »Aber dafür sind Nord- und Südkorea wieder vereint. Die Demokratie erlebt eine Renaissance und die meisten Regionen dieser Welt haben den sozial-ökologische Wandel tatsächlich hingekriegt. Mehrmals stand die Menschheit am Abgrund, aber es scheint, dass das Leben am Ende immer einen Weg findet.«
Lena schaute ihre Freundin neugierig an. Sie spürte eine vorsichtige Hoffnung in ihrer Brust aufsteigen, dass vielleicht endlich alles gut werden würde.
Katharina blickte ihr nachdenklich in die Augen. »Die Welt hat sich sehr verändert, Lena. Aber ich glaube, du wirst sie mögen.«
Lena saß in einem liebevoll gestalteten, kleinen Garten, der von dem Gebäudekomplex umschlossen war. Ein paar Rosenbüsche und Bäume standen ringsum. Sie hatte sich auf einer hölzernen Bank vor einem kleinen Teich niedergelassen und beobachtete das Treiben einiger Frösche, die am Wasserrand auf vorbeifliegende Insekten lauerten. Gerade hatte ein kleiner Frosch eine ausgewachsene Libelle erwischt. Er schien mit der Größe seines Fangs etwas überfordert. Lena musste schmunzeln. Während sie dem Treiben gedankenverloren zuschaute, kam Damian mit einem unbekannten Mann zu ihr.
»Hey Lena, ich habe dir jemanden mitgebracht.«
Der Mann reichte ihr ausdruckslos die Hand. »Jannis Wagner mein Name.«
Lena ergriff die Hand. »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen!« Sie schätzte ihn auf Ende 40. Er hatte einen auffallend wachen Blick.
Jannis schaute mit einem amüsierten Gesichtsausdruck zu Damian. »Mir wurde gesagt, das Siezen sei unüblich geworden.« Er blickte wieder zu Lena. »Also nenn mich einfach Jannis.«
»Jannis ist Professor für Volkswirtschaftslehre«, erklärte Damian. »Er ist auch gestern hier aufgewacht. Ich dachte, es ist eine gute Idee, wenn ihr euch etwas austauschen könnt.« Er grinste. »So von Zeitreisender zu Zeitreisendem.«
Lena deutete auf den Teich. »Es ist schön hier«, sagte sie. »Ich muss zugeben, dass ich Angst hatte, ob und wo ich aufwachen würde. Ich hatte befürchtet, dass die Klimakatastrophe den Planeten in eine riesige Wüste verwandeln würde.«
Damian grinste wieder. »Zumindest dieses Stückchen Erde scheint dann verschont worden zu sein.« Er deutete auf das Gebäude. »Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen und lasse euch zwei mal allein. Bis heute Abend!« Er zwinkerte ihnen zu und spazierte dann lockeren Schritts durch den Garten zurück ins Gebäude.
Jannis blickte ihm hinterher und schaute dann Lena mit gerunzelter Stirn an. »Meintest du das eben ernst mit der Klimakatastrophe?«
Lena nickte. »Natürlich.«
Jannis schaute sie überrascht an. »Also ich war nicht so pessimistisch. Der menschliche Erfindergeist hat doch bisher jeder Herausforderung getrotzt. Ist nicht die Geschichte unserer Zivilisation ein kontinuierlicher Aufstieg? 30 weitere Jahre des Fortschritts werden einige technische Innovationen hervorgebracht haben. Ich bin wirklich sehr neugierig, die Früchte des Wachstums in den nächsten Wochen zu entdecken.«
»Ist das dein Ernst?« Lena guckte verdutzt. »Ich wäre sehr überrascht, wenn mehr Wachstum uns aus der Klimakatastrophe geführt hat. Das Wachstumsdogma und der Neoliberalismus waren doch genau das, was uns an den Abgrund geführt hat.«
Jannis hob irritiert die Augenbrauen. »Warum hast du diese Reise dann überhaupt angetreten, wenn du das Gefühl hattest, dass die Welt den Bach herunter geht?«
Lena lächelte bitter. »Mein Kalkül war, dass die Welt in den vielen Krisen entweder sowieso untergeht und ich dann nichts verpasse oder dass der große Wandel gelingt und ich in dem Fall lieber erst wieder aufwache, wenn das Ganze vollbracht ist.«
»Naja. Klar, gab es ein paar Krisen und etwas mehr Umweltschutz hätte der Welt nicht geschadet, aber im großen Ganzen ging es uns doch sehr gut.«
Lena platzte der Kragen. »Ganz ehrlich. Wer ist wir und was heißt gut? Vielleicht ging es dem Mittelstand in Deutschland gut, aber was ist denn mit dem Rest der Welt? Es hat mich krank gemacht zu wissen, dass irgendwo in Afghanistan Kinder auf der Straße verhungern, während wir mit SUVs durch die Gegend kurven. Und im Mittelmeer versinken Schlauchboote voller Geflüchteter mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa und wir schauen einfach zu und sorgen uns um die 5G-Netzabdeckung.« Ihre Wangen waren gerötet. »Das war doch alles krank.«
Jannis seufzte. »Natürlich gab es ein paar Probleme in der Welt. Aber man sollte nicht nur das Negative sehen. Verglichen mit der Vergangenheit hat das ökonomische Wachstum für die meisten Menschen doch unermesslichen Wohlstand geschaffen. Das sollte man nicht kleinreden. Wenn du insgeheim nicht auch an den Fortschritt geglaubt hättest, hättest du den Komaschlaf wohl kaum angetreten.«
Lenas Mund verzog sich zu einem blutleeren Strich. »Wenn du den Kapitalismus so geil fandest, warum bist du dann überhaupt hier?«
»Professionelle Neugier«, sagte Jannis lächelnd. »Als Ökonom wollte ich wissen, wie es weitergeht. Zudem war zu erwarten, dass der Fortschritt die Lebensqualität weiter steigern würde und dass es daher schlichtweg rational ist, in die Zukunft zu reisen.«
»Ernsthaft?«
Er stockte einen Moment. »Nun ja. Dazu kam auch noch eine etwas unschöne Trennung vor ein paar Jahren. Danach hat mich nicht mehr viel gehalten.«
»Aha. Wie es wohl zu der Trennung kam, fragt mensch sich.«
Jannis verzog das Gesicht und wollte etwas erwidern, besann sich aber eines Besseren und trat an den Teich. Für einen Moment schwiegen sie. Dann wandte er sich wieder zu ihr um. »Was ist mit dir? Fiel es dir leicht, alles einfach zurückzulassen?«
Sie blickte zu Boden und flüsterte: »Ich habe keine Familie mehr.«
»Oh. Das tut mir leid.«
Für eine Weile betrachteten sie in betretener Stille die quakenden Frösche, die auf den Seerosen herumhüpften. Es war Paarungszeit und ein paar Froschpärchen hatten sich schon im amphibischen Liebesakt zusammengefunden.
Schließlich ergriff Jannis wieder das Wort: »Vielleicht sollten wir unsere Meinungsverschiedenheiten erstmal ruhen lassen. Wer weiß, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat. Ein bisschen merkwürdig erscheint mir manches schon.«
Lena trat an ihm vorbei und ging in die Hocke. Sie hob einen kleinen Stock vom Boden und schob eine Biene, die hilflos im Wasser trieb, auf ein Seerosenblatt. Die Biene stellte sich wieder auf ihre Beine und strich ihre Flügel glatt.
Lena richtete sich daraufhin wieder auf. »Na gut. Wir werden ja sehen, wer am Ende Recht hat.«
Lena, Jannis und Damian saßen zum Abendessen an einer reich gedeckten Tafel. Brote, bunte Aufstriche, Möhrensalat, Tomaten, Trauben und gefüllte Oliven waren aufgetischt.
»Ein Hoch auf die Wunder der modernen Medizin.« Damian prostete ihnen lächelnd zu. »Lasst es euch schmecken! Ich nehme an, ihr platzt vor Fragen. Was haltet ihr davon, wenn ihr erstmal eure Prognosen zum Zustand der heutigen Welt zum Besten gebt? Das könnte interessant werden.«
»Prognosen sind eine schwierige Sache«, sagte Jannis. »Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.«
Damian lachte. »Mark Twain, oder?«
Jannis nickte. »Ja, gerne. Interessanter Vorschlag!«
»Dann fang mal an!«, rief Lena. »Als Ökonom sollte mensch schließlich keine Chance ungenutzt verstreichen lassen, schlechte Prognosen abzugeben.« Sie grinste ihn spöttisch an.
Jannis ignorierte sie und runzelte für einen Moment nachdenklich die Stirn: »Ich vermute, dass sich die Weltbevölkerung bei neun bis zehn Milliarden Menschen stabilisiert hat.«
»Gar nicht schlecht. 8,7 Milliarden sind es mittlerweile, um genau zu sein.«
Jannis nickte zufrieden. Dann formte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht. »Außerdem wurde Deutschland nochmal Fußballweltmeister.«
Damian hob den Daumen. Er hatte noch Möhrensalat im Mund und nuschelte: »Korrekt! Sogar zweimal.«
»Yes!«, Jannis streckte die Faust empor.
»Ernsthaft?« Lena rollte mit den Augen. »Wir reden über die großen Entwicklungen der Menschheit und das Zweitwichtigste, was dir in den Sinn kommt, ist Fußball?«
Jannis ignorierte sie wieder und fuhr fort: »Ansonsten geht es der Menschheit besser denn je. Die Wirtschaft wurde auf grünes Wachstum umgestellt, um den Klimawandel zu verhindern. Wahrscheinlich gibt es große Maschinen, die CO2 in den Boden pumpen und effizientere Solaranlagen. Technologischer Fortschritt und Erfindergeist haben ihr Übriges getan. Der Wohlstand hat also weiter zugenommen. Ich tippe auf ein durchschnittliches Weltwirtschaftswachstum von 1,5 Prozent.« Erwartungsvoll schaute er Damian an.
Dieser bewegte etwas unschlüssig den Kopf. »Die meisten Länder sind in eine Postwachstumsökonomie übergegangen. Weiteres Wachstum hätte den Planeten sonst in den Abgrund getrieben. Bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt ist Deutschland zeitweise sogar geschrumpft.« Er tippte auf ein Gerät an seinem Handgelenk und dieses fuhr daraufhin ein Display aus, das die Entwicklung der Wirtschaftsleistung verschiedener europäischer Länder darstellte. Es zeigte für die meisten Staaten langsam abflachendes Wachstum bis in die 2020er und danach unregelmäßige Schwankungen. »Materielles Wachstum gab es nur noch in den Regionen, die Aufholbedarf hatten, also in Afrika, Indien, teilweise in Südamerika. Das Ende vom Wachstum hat dem guten Leben aber keinen Abbruch getan, ganz im Gegenteil.«
»Ha! So viel zum Thema grünes Wachstum.« Triumphierend warf Lena sich eine Olive in den Mund. »Wenn mensch sich mal nicht nur aus dem Elfenbeinturm mit der Welt beschäftigt, hätte mensch auch schon früher erkennen können, dass der Kapitalismus sich nicht grün anstreichen lässt.«
»Na gut, Fräulein Neunmalklug«, spottete Jannis. »Ihr Linken seid ja immer gut im Kritisieren, aber funktionierende Gegenentwürfe fehlen meistens. Was sind denn bitteschön deine Prognosen?« Er zog sich einen lila Gemüseaufstrich heran. Mit skeptischem Blick roch er daran und schob ihn wieder von sich.
Lena reckte das Kinn empor. »Der neoliberale Kapitalismus wurde abgeschafft!«
Jannis schüttelte den Kopf. »Was genau soll das denn heißen?«
»Na, dass wir nicht mehr von Großkonzernen und Banken beherrscht werden. Alle Unternehmen sind jetzt in Staatsbesitz oder gehören kleinen sozialistischen Kollektiven. Die Reichen wurden enteignet und der ausbeuterische Imperialismus wurde besiegt.« Sie nickte, als ob sie sich selber Mut zusprach und verkündete dann feierlich: »Und das Geld wurde abgeschafft.«
Jannis hatte sich dem Möhrensalat zugewandt und verharrte mit der Gabel vor seinem Mund. Flehend blickte er zu Damian.
Dieser grinste.
»Nun sag schon!«, rief Lena ungeduldig. »Habe ich Recht?«
»Das Finanzsystem wurde grundlegend reformiert und es wurde viel umverteilt. Das Geld wurde aber nicht abgeschafft. Den Euro gibt es übrigens auch noch, zumindest in Nordeuropa.«
»Hah!«, rief Jannis. »Wieso sollte man auch das Geld abschaffen! Das ist ja, als würde man das Internet abschaffen. Was für ein Unfug!«
Lena schaute ihn ärgerlich an.
Damian fuhr fort: »Aber die Wirtschaft und die Unternehmen sind jetzt sehr viel demokratischer. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem in Deutschland wird als solidarische Marktwirtschaft bezeichnet.«
»Eine freie Marktwirtschaft! Sag ich doch.« Jannis nickte zufrieden. »Damals wie heute das ideale System.«
Damian hakte ein: »Eure Definitionen von Kapitalismus und Marktwirtschaft scheinen mir etwas unglücklich. Das System eurer Zeit wird heutzutage jedenfalls nicht mehr als freie Marktwirtschaft bezeichnet.«
»Wie meinst du das?«, Jannis blickte verwundert.
»Freie Marktwirtschaft ist doch schon ein Widerspruch in sich!«, rief Lena.
»Das System eurer Zeit war zum Großteil eher eine Machtwirtschaft als eine Marktwirtschaft. Die meisten Konzerne haben Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit und der Mitwelt eingefahren und kaum Steuern bezahlt. Heerscharen von Lobbyisten haben die Gesetze mitgeschrieben. Freihandelsabkommen und Technokraten haben die Demokratie ausgehebelt und die Banken durften das Geld schöpfen. Für die meisten Menschen war das kein fairer und freier Rahmen.«
»Neoliberaler Finanzkapitalismus«, rief Lena mit vollem Mund. »Sag ich doch!«
Damian zuckte mit den Schultern. »Wir haben jetzt jedenfalls eine solidarische, demokratische und freie Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient.«
»Das heißt?«, fragte Jannis skeptisch.
Damian suchte für einen Moment die richtigen Worte. »Die Wirtschaft dient der würdevollen Entfaltung aller Menschen und Lebewesen. Mitbestimmung und Basisdemokratie durchziehen alle gesellschaftlichen Strukturen und Unternehmen. Freiheit und Solidarität mit Mensch und Natur sind dabei die leitenden Prinzipien.«
»Klingt sehr gut!«, rief Lena.
»Ja.« Damian nickte und zögerte einen Moment. »Vieles hat sich in den letzten 30 Jahren geändert. Es gab grundlegende Reformen der Demokratie, der Arbeit, des Geldes und der Schulen. Aber ich glaube, Worte können dem nicht gerecht werden. Ihr müsst das selbst sehen. In den nächsten Tagen werde ich euch daher die Welt dieser Zeit in all ihren Facetten zeigen. Dann könnt ihr euch ein eigenes Bild machen. Wenn ihr mögt, fangen wir morgen mit einem Spaziergang durch die Umgebung an.«
Nach dem Abendessen machte Damian eine kleine Ankündigung: »Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass eure Ausweise mittlerweile ein wenig veraltet sind. Damit alles seine Ordnung hat, ihr wählen könnt und so weiter, müsst ihr euch noch offiziell registrieren und eure Ausweise aktualisieren lassen.«
»Das heißt, wir gehen morgen ins Bürgeramt?«, fragte Lena.
»Nein. Ich habe vorhin eine Behördendrohne bestellt. Die dürfte jetzt bereit stehen.«
»Behördendrohne?«, fragte Lena. »Wir müssen also nirgendwohin, sondern machen die Registrierung einfach mit einer Drohne?«
»Genau.«
»Also keine nervigen Nummern und Warteschlangen?«, rief Lena erfreut.
Damian schüttelte amüsiert den Kopf. »Seid ihr damit einverstanden, das jetzt gleich zu machen?«
Jannis zuckte die Achseln. »Warum nicht? Was man hat, hat man.«
Auch Lena nickte.
Damian schaute auf sein Armband. »Dann hole ich die Drohne jetzt ab. Die dürfte bereits unten warten. Lasst uns gleich in Lenas Zimmer treffen. Da haben wir mehr Ruhe.« Jannis und Lena nickten und Damian verließ den Speisesaal.
Wenig später betrat Damian mit einer fliegenden weißen Drohne im Schlepptau Lenas Zimmer, wo die beiden anderen bereits warteten. Das Gerät schwebte auf Höhe seiner Schultern hinter ihm her. Vorne befand sich ein Kameraauge und die Kennzeichnung »Behördendrohne Jochen 517«.
Damian deutete auf die Schrift: »Das da ist der Name dieser Drohne. Mit dem könnt ihr sie ansprechen und mit ihr kommunizieren.«
»Hallo Jochen 517!«, rief Jannis unverblümt.
»Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?«, antwortete eine sanfte Männerstimme aus dem Gerät.
»Moment noch«, sagte Damian grinsend. Dann wandte er sich an Lena und Jannis. »Soweit ich das gesehen habe, hattet ihr beide noch Ausweise ohne biometrische Daten. Es gibt mittlerweile in der EU ein elektronisches ID-System, das auf dem Scan von Iris und Fingerabdrücken beruht. Seid ihr damit einverstanden, dass diese Daten von euch erfasst werden?«
Lena schaute skeptisch. »Ich bin grundsätzlich vorsichtig hinsichtlich der Speicherung sensibler Daten durch den Staat.«
»Aus der Perspektive eurer Zeit kann ich das gut verstehen, aber die aktuellen Datenschutzgesetze sind wirklich hervorragend. Ohne euer Einverständnis kann niemand die Daten verwenden. Alles ist auf der verschlüsselten Blockchain-Datenbank.« Er zuckte die Achseln. »Aber ihr müsst dem keinesfalls zustimmen. Prinzipiell könnt ihr einfach aktuelle physische Ausweise bekommen. Die gibt es auch noch. Einkaufen und Reisen sind damit lediglich ein klein bisschen komplizierter.«
»Also ich bin einverstanden mit dem Scan«, sagte Jannis.
»Okay, sehr gut! Dann lass uns mit dir anfangen. Du, Lena, kannst es dir ja noch überlegen.«
Damian wandte sich an die Drohne: »Hallo Jochen 517! Wir möchten einen deutschen Staatsbürger elektronisch registrieren und den Ausweis aktualisieren.«
»Gerne«, antwortete Jochen 517. »Bitte identifiziere dich zuerst.«
»Ich bin Damian Elfassi-Freudberg, ID-Scan freigegeben.« Er blickte in die Kamera der Drohne und hielt seine Handfläche ausgestreckt neben sein Gesicht.
»Identifizierung als Damian Elfassi-Freudberg bestätigt. Wer soll elektronisch registriert werden?«
»Jannis Wagner.« Damian holte zwei Plastik-Personalausweise aus seiner Tasche und hielt den Ausweis von Jannis vor die Drohne. »Jannis Wagner war für mehrere Jahre im künstlichen Koma und hat daher einen veralteten Ausweis und ist noch nicht elektronisch registriert.«
»Okay.« Die Drohne schwenkte zu Jannis. »Jannis Wagner, du hast veraltete Ausweisdokumente und möchtest diese aktualisieren und dich elektronisch registrieren, korrekt?«
»Ja, richtig!«, sagte Jannis.
»Sind diese Daten von dir korrekt?« Ein kleiner Bildschirm fuhr aus der Drohne nach oben und zeigte Geburtsdatum und -ort, Namen der Eltern, Körpergröße und eine Mannheimer Adresse.
Jannis schaute konzentriert auf den Bildschirm. »Ja, bis auf die Adresse. Aber die wird sich wohl erst klären, wenn ich weiß, wo ich wohnen werde.«
»Jannis wohnt gegenwärtig im Saalen-Klinikum hier vor Ort, Waldpfad 8«, half Damian. »Sobald eine neue Adresse vorliegt, wird Jannis diese nachreichen.«
»Okay.« Im Bildschirm erschien die neue Adresse. »Jannis, bist du damit einverstanden, dass ein Iris- und ein Fingerabdruck-Scan von dir genommen werden und die Daten in der staatlichen Blockchain- Datenbank gespeichert werden?«
»Ja.«
»Okay. Dann schau bitte in die Kamera und führe deine rechte Handfläche neben dein Gesicht.« Etwas unbeholfen tat Jannis wie erbeten. »Danke! Scan erfolgreich. Ich bestätige, dass deine biometrischen Daten einzigartig und bisher in keiner nationalen Datenbank gespeichert sind. Der Fotoabgleich deines Ausweisdokuments mit deinem Gesicht ist positiv. Um den Vorgang abzuschließen, benötige ich noch eine Person mit behördlicher Vertrauensfreigabe, die deine Identität bestätigt.«
»Das übernehme ich«, sagte Damian. »Ich bestätige, dass es sich bei dieser Person um den besagten Jannis Wagner handelt.«
»Danke. Damit ist deine Registrierung erfolgreich, Jannis! Du bist nun in der elektronischen Datenbank als deutscher Staatsbürger der Europäischen Union registriert. Hier ist dein neuer Personalausweis.« Es surrte leise und aus der Seite der Drohne fuhr an einem kleinen Arm eine blaue Karte hervor. Jannis ergriff sie und beäugte seinen neuen Ausweis.
»Beeindruckend!«, entfuhr es ihm. »Das war ja wirklich unkompliziert.«
»Gibt es dann überhaupt noch Bürgerämter und menschliche Angestellte in den Behörden?«, fragte Lena mit skeptischem Blick.
»Das meiste läuft vollautomatisch«, antwortete Damian. »Aber wer lieber mit einem Menschen reden will, kann das auch tun. Die Drohne kann per Kamera jemanden aus der Behörde zuschalten.«
»Und was ist mit alten Leuten, die nicht mit Drohnen reden wollen oder können?«, fragte Lena.
»Wem das immer noch zu kompliziert ist, der kann selbstverständlich immer noch einen Termin im Rathaus machen.«
»Aber warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?«, sagte Jannis. »Dann haben sich die Voraussagen zur Digitalisierung offensichtlich bewahrheitet. Ich nehme an, dass inzwischen die meisten Arbeitsplätze durch Computer ersetzt wurden.«
»Zumindest die meisten eintönigen und langweiligen«, sagte Damian mit einem Lächeln. Dann wandte er sich an Lena: »Willst du weiter machen?«
»Ach, was soll’s. Wer Angst vor der Digitalisierung hat, sollte nicht in die Zukunft reisen. Jochen 517, bitte registriere mich und erstelle mir auch einen neuen Ausweis.«
Das war das Stichwort für die Drohne. So gingen sie das kurze Prozedere noch einmal durch und drei Minuten später hielt Lena ihren neuen Ausweis in den Händen.
»Die bestellten Behördenvorgänge sind damit erledigt«, verkündete Jochen 517. »Kann ich noch etwas für euch tun?«
Damian kam eine Idee und seine Augen leuchteten auf. »Ihr könnt euch bei dieser Gelegenheit auch als Weltbürger von Earthland registrieren lassen.«
»Weltbürger von Earthland?« Die beiden schauten Damian verwundert an.
»Es gibt mittlerweile eine Art Weltregierung, bei der sich jeder Mensch freiwillig einbürgern kann. Dafür gibt es Rechte und Pflichten. Noch sehr frisch, aber ein wirklich spannendes Konzept!«
Lena runzelte die Stirn. »Ich glaube, darüber sollten wir etwas mehr erfahren, bevor wir vorschnell mitmachen.«
»Ja, sorry, du hast vollkommen Recht. Wir sollten nichts überstürzen. Dazu kann ich euch später gerne mehr erzählen.« Er wandte sich der Drohne zu. »Danke, Jochen 517! Das war für heute alles.«
Er öffnete das Fenster und Jochen 517 schwebte davon.
Jannis blickte der Drohne schmunzelnd hinterher. »Auf zu neuen Ufern.«
Sie schlenderten durch eine ruhige Straße mit schmucken Fachwerkhäusern und großzügigen Vorgärten voller Blumen und Obstbäume. Es waren auffallend viele Menschen unterwegs, von denen Damian die meisten zu kennen schien. Auch einige Kinder tobten an ihnen vorbei.
»Schön ist es hier!«, rief Lena. Sie fühlte sich an diesem Morgen zum ersten Mal seit Langem leicht ums Herz.
»Ja, und das im tiefsten Brandenburg.« Damian grinste. »Die Gegend hier ist herrlich. Darum bin ich auch hergezogen.«
»Was bist du eigentlich von Beruf?«, fragte Jannis. »Wie kommst du zu deinem Job als Betreuer für Reisende aus der Vergangenheit?«
»Ich habe Gesellschaftswissenschaften und Geschichte studiert. Meine Abschlussarbeit habe ich zu Pfadabhängigkeiten gesellschaftlichen Wandels geschrieben. Ich sitze auch in einigen Gremien der Landesregierung von Berlin. Ab und zu gebe ich Seminare an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Als ich von einer Freundin von der Stelle als Kontaktperson für Komaschläfer hörte, wurde ich neugierig. Ich bin auch sehr gespannt, eure Sicht auf die Welt kennen zu lernen. Ich hoffe auf eine Art Realitätscheck für einige meiner Analysen.«
»Interessant!«, sagte Jannis.
Ein riesiger Schwarm Gänse zog über sie hinweg und Lena blieb einen Moment staunend stehen. »Wow! Ich glaube, ich habe noch nie so viele Gänse auf einmal gesehen. Das müssen ja hunderte sein!«
Damian nickte fröhlich. »Dank des nachhaltigen Umbaus der Landwirtschaft sind wieder viel mehr Insekten und Vögel unterwegs. Ich bin noch jung, aber selbst im Vergleich zu meiner Kindheit ist die Veränderung enorm. Noch vor 20 Jahren sah man nur ganz selten mal eine Biene.«
»Ich habe mal gelesen, dass die ersten Siedler in Nordamerika so gigantische Vogelschwärme beschrieben haben, dass sich der Himmel davon verdunkelte«, sagte Lena nachdenklich. »Vielleicht wird es irgendwann wieder so sein.«
Damian nickte. »Hoffen wir es!«
Sie gingen weiter und Lena ergriff wieder das Wort. »Ich bin übrigens überrascht, dass ich schon wieder so fit bin.«
»Geht mir ähnlich«, bestätigte Jannis und wandte sich an Damian: »Die Wunder der modernen Medizin?«
Damian nickte. »Euer Erwachen wurde schon vor Wochen eingeleitet und vorbereitet. Das Wecken eures Bewusstseins war nur der letzte Schritt. Außerdem haben wir in den letzten Jahren noch ein paar gesundheitliche Wehwehchen ausgemerzt. Ihr seid körperlich nun bei bester Gesundheit.« Er schaute Jannis mit einem Grinsen an und hielt mit den Händen einen dicken Bauch. »Das ließ sich vorher nicht unbedingt behaupten.«
Jannis verzog keine Miene. »Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel.« Lena lachte laut auf.
Sie erreichten einen großzügigen runden Platz. In dessen Mitte, umgeben von bunten Tulpen, stand die steinerne Statue einer knienden Frau mit geflochtenen Haaren. Diese pflanzte einen Baum und blickte dabei wehmütig in den Himmel.
»Dies ist der Platz der Hoffnung«, sagte Damian feierlich.
»Wer ist die Frau?« Jannis kniff die Augenbrauen zusammen. »Sie kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Das ist Greta Thunberg. Sie war UN-Generalsekretärin während der entscheidenden Jahre.«
»Ach was!« Lena spürte Gänsehaut auf ihren Armen. »Dann hatten die Fridays for Future Proteste wohl am Ende Erfolg.«
Sie trat ein paar Schritte auf die Statue zu und entdeckte eine Marmortafel, die in den Boden davor eingelassen war: Wir werden nie aufhören zu kämpfen. Wir werden nie aufhören, für diesen Planeten, für uns selbst, für unsere Zukunft und für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder zu kämpfen. – Greta Thunberg, 19. April 2019.
Noch eine Weile blieben sie an dem Ort stehen und ließen die Atmosphäre auf sich wirken. Dann nickte Damian ihnen zum Weitergehen, sie überquerten den Platz und gingen weiter die Straße entlang.
Als sie ein parkendes Auto passierten, wandte Jannis sich an Damian: »Fahren Autos eigentlich mittlerweile autonom?«
Dieser nickte. »Schon seit einiger Zeit.«
»Und wie läuft der Antrieb?«
»Elektrisch.«
»Die Brennstoffzelle hat sich nicht durchgesetzt?«
»Nein, nicht bei Autos. Aber soweit ich weiß, werden Brennstoffzellen oft im Schienenverkehr und bei Schiffen eingesetzt.«
»Und wie läuft das Aufladen bei den Autos?«
»Es gibt überall Ladestationen. Die modernen Blitzakkus lassen sich innerhalb weniger Minuten voll aufladen.«
Sie gingen weiter und erreichten ein prächtiges Bauwerk mit schmuckvoll verzierten Fenstern und Türen. Lena deutete darauf. »Was ist das für ein Gebäude?«
»Das ist unser neues Rathaus. Der Stolz unserer Kleinstadt. Ursprünglich war das ein hässlicher Betonklotz. Aber vor einigen Jahren wurde es neu gebaut und einige Bildhauerinnen und Kreative haben sich an dem Gebäude ausgelassen.« Er lachte. »Seit der Fertigstellung ist unsere Bürgermeisterin vor Stolz zehn Zentimeter größer geworden.«
Lena schaute anerkennend auf die Szenen von Gemeinschaft, spielenden Kindern und Tieren, welche die Fassade schmückten. »Es ist schön, dass Ästhetik bei diesem Bau offensichtlich eine große Rolle gespielt hat.«
»Gab es nicht sogar einen Baustil mit dem Namen Brutalismus?«, fragte Damian schmunzelnd.
»Ja. Früher hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Architektur immer hässlicher wurde. Überall nur Beton, Glas und Stahlfassaden.«
»Wenn sich alles nur ums Geld dreht, dann hat Schönheit keinen Platz«, sagte Damian. »Das ist jetzt endlich anders.«
Sie wandten sich zum Weitergehen und passierten eine kleine Tafel neben dem Eingangstor, die sich beim Näherkommen als Bildschirm erwies. Er zeigte das Programm der Woche. Jannis begutachtete das Angebot.
Montag: 9:00 Kundalini Yoga; 14:00 Club der Denker; 18:00 Schach-Club; 20:00 Improvisationstheater.
Dienstag: 10:00 Offene Tür des Bürgermeisters; 15:00 Mantra Singen; 18:00 Gesellschaftsspiele; 20:00 Treffen des Jugendrats.
Mittwoch: 11:00 Naturbegeisterten-Stammtisch 15:00 Drei-Generationen-Treffen; 19:00 Billard-Mittwoch.
»Das ist ein ganz schön buntes Angebot«, bemerkte er.
»Ja. Es gibt dort ziemlich viele Aktivitäten zur Förderung der Gemeinschaft und um die Menschen politisch einzubinden.«
Sie gingen weiter und schließlich zeigte Damian auf eine kleine Gebäudeansammlung in der Ferne. »Da hinten wohnt Helge, ein guter Freund von mir. Er ist Landwirt und betreibt zusammen mit ein paar anderen einen wunderschönen Bauernhof. Wenn ihr Lust habt, können wir dort mal vorbeischauen. Dann bekommt ihr einen Eindruck von der modernen Landwirtschaft.«
Jannis und Lena willigten ein und so überquerten sie die Straße in Richtung des Hofes. Eine Einfahrt führte an einer kleinen Steinmauer entlang zum Hofeingang. Als sie sich dem Fachwerk-Haupthaus näherten, hörten sie jemanden fluchen. Damian grinste. »Das ist Helge. Der lässt sich meist schon von Weitem hören.«
Sie bogen um die Ecke des Hauptgebäudes. Dort sprossen üppige Brombeerbüsche, aus denen der Ansatz einer kleinen Trittleiter hervorguckte.
»Verdammichte Brombeeren!«, fluchte es aus dem dichten Gestrüpp.
»Hallo Helge!«, rief Damian.
Es raschelte einen Moment und dann sprang ein stämmiger, vielleicht fünfzigjähriger Mann aus der Hecke. Halblanges braunes Haar wehte um sein sonnengegerbtes Gesicht. Er trat breit grinsend auf Damian zu, klopfte sich die vom Brombeersaft gesprenkelten Hände an der Hose ab, und erdrückte Damian mit einer herzlichen Umarmung. »Damian, mein Guter! Schön dich zu sehen!«
»Ich sehe, du gehst mal wieder deiner Lieblingsbeschäftigung nach, dem Gefecht mit den Brombeeren.«
»Diese verdammten Dornen.« Er schaute auf seine zerstochenen Hände und funkelte drohend zu den Büschen. »Irgendwann brenn ich euch nieder und setze hier einen Schweinestall hin! Zum Teufel mit der Familientradition!« Er schüttelte sich einmal. Dann wandte er sich Damians Begleitung zu und sein Gesicht erhellte sich wieder. »Wen hast du denn da mitgebracht?«
»Das sind Lena und Jannis.«
»Ach, die beiden Komaschläfer, von denen du erzählt hast.« Helges durchdringender Blick schweifte neugierig über die beiden.
»Ex-Komaschläfer«, korrigierte Damian ihn.
Er schüttelte erst Lena und dann Jannis die Hand.
»Ich dachte, ich zeige den beiden mal deinen Hof und geb ihnen einen Einblick, wo das Essen heutzutage herkommt«, sagte Damian.
Helge schaute sie ernst an. »Aha. Ihr wollt also ein paar Mehlmottenburger aus meiner Insektenzucht kosten.«
Lena entglitten die Gesichtszüge. Daraufhin lachte Helge schallend.
»Helge!«, tadelte Damian und drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger. »Hör auf mit dem Unsinn!«
Helge grinste und zwinkerte ihnen zu. »Keine Sorge! Es gibt hier zwar ziemlich viele Insekten. Aber ich beschränke mich auf den Anbau von Obst und Gemüse. Habt ihr Lust auf eine Tour durch die wunderbare Welt der Permakultur-Landwirtschaft?« Er machte eine theatralische Geste und schaute sie erwartungsvoll an. Jannis und Lena nickten.
»Dann kommt mal mit!«
Er führte sie zwischen zwei Geräteschuppen hindurch auf sein Feld. Dort erstrahlte ein grünes Paradies. Dichte Reihen aus Apfel- und Kirschbäumen, Bohnen, Himbeeren, üppigen Salatköpfen und verschiedenen anderen Pflanzen erstreckten sich vor ihnen. Bienen summten, Schmetterlinge segelten durch die Luft und auch ein paar Hühner und Laufgänse huschten zwischen den farbenfrohen Pflanzenreihen umher. Lena blieb staunend stehen: »Wow, ich bin beeindruckt! Diese Vielfalt ist überwältigend.«
Helge lächelte nicht ohne Stolz. »Schöner als Monokulturen oder?«
Jannis beäugte einige Raupen, die von einem Apfelbaum hingen. »Mit Insektenzucht hattest du wirklich nicht ganz Unrecht.«
»Das stimmt. Da ich auf Chemie und Kunstdünger verzichte, fühlt sich das ganze Getier sehr wohl bei mir. Solange das Ökosystem im Gleichgewicht ist und keine Art überhand nimmt und zur Plage wird, ist das gar kein Problem. Nur ab und an muss ich etwas nachhelfen. Vorletztes Jahr krochen hier zum Beispiel sehr viele Nacktschnecken herum und haben uns die Salate zerfressen. Da Schnecken oft ein Indikator dafür sind, dass der Boden zu verdichtet ist, habe ich dem Aufbau von organischem Material im Boden noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Und siehe da, mit der Verbesserung des Bodens verschwanden auch die Schnecken.« Er lehnte sich nach vorne und hob den Zeigefinger. »Der Trick ist es, mit Mulch immer den Boden abzudecken. Nackter Boden ist für mich wie eine offene Wunde.«
»Und dieses Vorgehen nennt man Permakultur?«, fragte Jannis.
»Richtig.« Helge nickte. »Permakultur orientiert sich an natürlichen Ökosystemen und versucht, diese so gut es geht nachzuahmen. Es wird mit der Natur gearbeitet, nicht gegen sie.« Er zeigte mit den Armen auf das Feld. »Das hier sieht auf den ersten Blick vielleicht aus wie ein wilder Garten, aber es ist ein höchst durchdachtes und präzise designtes Ökosystem. Die Hühner fressen Insekten, düngen den Boden und verteilen Nährstoffe. Bäume, Büsche, mehrjähriges und einjähriges Gemüse kooperieren miteinander.«
»Aber konkurrieren die Pflanzen auf so dichtem Raum denn nicht um Wasser und Nährstoffe?«, fragte Jannis verwundert.
»Nicht unbedingt. Das Entscheidende ist die Vielfalt und eine intelligente Integration der Pflanzen und Tiere. Viele der Beete hier sind so gestaltet, dass sich Symbiosen zwischen den Pflanzen ergeben. Alle Pflanzen sind über Mikroorganismen im Boden dicht miteinander verbunden, unterstützen sich über die Wurzeln beim Aufnehmen von Wasser und Nährstoffen, spenden sich Schatten oder schützen sich gegenseitig bei Frost. Knoblauch neben Erdbeeren hilft etwa gegen Krankheiten und Pilzbefall. Bohnen mögen Bohnenkraut. Der Trick ist es, als Landwirt auch Teil dieses Systems zu werden.«
»Und das repräsentiert die moderne Landwirtschaft?«, fragte Jannis skeptisch.
»Ganz genau«, sagte Helge und trat an eine Buschreihe heran, pflückte ein paar Himbeeren und reichte sie ihnen. Lena ließ eine Beere auf der Zunge zergehen und schloss die Augen. »Mmmh, sind die lecker! Viel besser als das Zeug früher aus dem Supermarkt.«
»Das ist hier eben keine tote Massenware. Jede Frucht wird liebevoll von mir herangezogen.«
»Helge redet auch mit seinen Bäumen«, raunte Damian ihnen halblaut zu.
»Natürlich tue ich das. Und für diese höchst anregenden Unterhaltungen bedanken sie sich bei mir mit reichen Gaben.« Er verneigte sich vor einem Apfelbaum. Lena musste lachen.
Dann wandte er sich wieder an die Neuankömmlinge: »Was habt ihr denn früher so gemacht? Beruflich.«
»Ich habe bei Brot für die Welt gearbeitet. Mein Arbeitsbereich waren Menschenrechte und Flüchtlingspolitik«, sagte Lena.
»Wie schön, eine Aktivistin!« Helge strahlte. Dann wandte er sich an Jannis. »Und du?«
»Ich bin Professor für Ökonomie, zuletzt am Institut in Mannheim.«
»Oh.« Helge zog die Augenbrauen zusammen und schwieg. Betretene Stille machte sich breit. Jannis schaute verärgert.
Lenas Blick schweifte umher und blieb auf einem kleinen Baum hängen, an dem kleine orangene Früchte hingen. »Sind das Orangen?«
»Ja«, sagte Helge. »Einige robustere Sorten wachsen aufgrund der Erderwärmung inzwischen auch hier in Brandenburg. Aber so ganz heimisch fühlen sie sich nicht. Daher habe ich nur diese zwei Bäume.«
»Orangen in Brandenburg. Ich fasse es nicht.« Lena schüttelte den Kopf. »Dann wachsen in Bayern jetzt wahrscheinlich Avocados.«
»Nein, ganz so schlimm ist es nicht geworden«, sagte Helge. »Hätte es aber werden können«, fügte er ernst hinzu.
»Musst du viel wässern?«, fragte Jannis.
»Nein. Nur bei extremer Trockenheit. Guter Boden ist wie ein Schwamm und kann sehr viel Wasser speichern. Und die mehrjährigen Büsche und Bäume machen das Grundwasser auch für die einjährigen Pflanzen verfügbar. Aber für den Notfall haben wir vorgesorgt.« Er zeigte auf einen kleinen Teich am Fuß einer Hügelkette, auf dem zwei Enten sich gerade das Gefieder putzten. »Dort zum Beispiel haben wir ein sogenanntes Wasserretentionsbecken ausgehoben. Ich besuchte mal ein Landwirtschaftsprojekt in Portugal und habe mir das bei denen abgeschaut.«
»Wasserretentionsbecken?«, fragte Jannis.
»Ja, so nennen die sich. Bei starken Regenfällen muss analysiert werden, wo genau sich das Wasser sammelt und wo es an Bodenerhöhungen herabfließt. Dann findet sich eine Stelle, an der sich mit dem geringstmöglichen Aufwand der Abfluss des Wassers stoppen und es somit stauen lässt. Dadurch wir das Wasser zum Verweilen eingeladen und mit der Zeit entsteht ein kleiner Teich. Die Idee geht auf den Österreicher Sepp Holzer zurück.«
»Voll interessant«, Lena guckte beeindruckt.
»Ja. Auf Dauer lässt sich damit sogar der Grundwasserpegel leicht anheben. Im Süden von Portugal und Spanien, wo immer noch ziemlich fiese Dürren herrschen, sind solche Becken mittlerweile sehr verbreitet.«
Jannis erhob die Stimme: »Solche Gärten im Einklang mit der Natur sind ja schön und gut. Aber mit diesen Spielereien lässt sich nicht die ganze Welt ernähren. Bewirtschaftest du auch noch richtige Felder?«
»Wenn du mit richtigen Feldern die Monokulturen aus früheren Zeiten meinst, dann solltest du vielleicht erstmal ein Buch über Grundlagen der Ökologie lesen«, fuhr ihn Helge an.
Damian griff beschwichtigend ein: »Felder mit Monokulturen gibt es in der Tat kaum noch. Die sind einfach zu empfindlich gegenüber Schädlingen und Wetterschwankungen. In den letzten Jahrzehnten sind so einige Plagen über unsere Erde hinweggefegt. Das hat die alte Agrarindustrie in die Knie gezwungen und neuen Ansätzen zum Erblühen verholfen. Im wahrsten Sinne des Wortes.«
Jannis verschränkte die Arme. »Ich muss zugeben, dass dieser Garten beeindruckend aussieht. Aber am Ende des Tages muss das Essen auf dem Tisch stehen und die globale Nahrungsmittelversorgung bereitgestellt werden. Wie passt das bitte zusammen?«
Helge schaute ihn ernst an. »Ob du es glaubst oder nicht. Solche Gärten sind extrem produktiv. Permakultur-Landwirtschaftbetriebe wie dieser sind das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion. Im Vergleich zu den Monokulturen aus eurer Zeit produzieren sie in der Regel ein Vielfaches an Ertrag pro Fläche. Ganz ohne Dünger oder Pestizide.«
Damian nickte. »Helge hat Recht. Die Produktivität ist natürlich von Region zu Region sehr unterschiedlich, aber ihr seht ja selber, was hier alles wächst.« Er deutete auf die Felder. »Das ganze Jahr über wird hier geerntet. Viele Äcker sind jedoch noch ausgelaugt von den Jahrzehnten der Monokultur-Bewirtschaftung. Es dauert, bis der Boden sich erholt. Auch dieser Hof ist noch im Aufbau.«
Helge hob einen Finger. »Es ist nicht zu unterschätzen, wie viel Hirnschmalz im Design solcher Felder steckt. Dieser Garten ist das Ergebnis jahrelanger Planung und Pflege. Aber die Früchte und Erträge, die wir heute ernten, sind gewaltig. Es braucht lediglich mehr menschliche Arbeit für die Bewirtschaftung.«
Er klatschte in die Hände und sie gingen weiter und erreichten an der Seite des Grundstücks einen kleinen Schweinepferch. Zwei haarige Schweine kauten dort an freigelegten Wurzeln und schauten interessiert auf, als sich die Neuankömmlinge näherten.
»Das sind Erna und Che Guevara«, sagte Helge feierlich. Eines der Schweine grunzte ihn an. »Che sagt, die Revolution braucht euch«, übersetzte Helge und schaute sie ernst an. »Auch dich, Jannis.«
Jannis schüttelte genervt den Kopf. Lena musste kichern. Sie riss sich mühsam zusammen und schaute Helge grinsend an. »Den Schweinen scheint es ganz gut zu gehen. Das finde ich schön. Dürfen die hier einfach so leben oder werden sie irgendwann geschlachtet?«
»Die zwei«, Helge deutete auf die Schweine, »sind freie Mitlebende. Das sind nämlich Therapieschweine. Meine Frau ist Kinderpsychologin und bezeichnet die beiden als ihre Mitarbeitenden.«
»Erna und Che sind großartig«, warf Damian ein. »Alle Kinder im Ort lieben die beiden. Ich kann dir versichern, Lena, die werden niemals geschlachtet. Sonst gibt es hier einen Zwergenaufstand.«
»Wenn Che einmal stirbt, wird es eine offizielle Begräbniszeremonie geben. Mit Kanonen und Fanfaren«, bekundete Helge feierlich.
»So habe ich mir das vorgestellt!«, rief Lena grinsend. Dann fiel ihr Blick auf ein paar Hühner, die vorbei tapsten. »Und was ist mit den anderen Tieren, die hier so rumlaufen? Hat sich der Veganismus in der Gesellschaft endlich durchgesetzt?«
»Ich fürchte, da muss ich dich enttäuschen. Meine Frau und ich ernähren uns vegan, aber einigen Menschen ließ sich das Fleischessen nicht abgewöhnen.«
Lena guckte leicht empört und Damian ergänzte: »Die Tierschutzgesetze sind inzwischen sehr strikt und Massentierhaltung gibt es nicht mehr. Außerdem ist Fleisch sehr teuer und daher zu einem seltenen Genussmittel geworden.«
Helge führte sie ein paar Meter weiter durch das Feld, wo sie einen kleinen Bachlauf passierten. Das Wasser glitzerte in der Sonne. »Diese Wasserläufe sind in den letzten Jahren aufgetaucht. Es ist, als hätte sich die Erde für die Regeneration des Bodens mit Wassergaben bedankt. Mein Vater war noch konventioneller Landwirt und hat den Boden über die Jahrzehnte ziemlich ausgelaugt. Die Heilung der Erde von den Verletzungen dieser Zeit ist noch nicht abgeschlossen. Aber das Land wird jedes Jahr fruchtbarer.«
Sie hörten jemanden rufen und vom Hof her kam eine Frau mit einigen winkenden Kindern.
Helge schaute auf. »Ah, das sind Schulkinder. Die machen hier ein kleines Projekt.«
»Ein Projekt?«, fragte Lena.
»Einige der Schülerinnen und Schüler haben Pflanzenbeete, die sie selbst pflegen, um dadurch das Gärtnern zu erlernen«, antwortete Helge. »Die sind da hinten bei den Bäumen. Wenn ihr Lust habt, geht doch mal hin. Ich würde eh gerne mal meinen Kampf mit den Brombeeren zu Ende führen. Wenn ihr Fragen habt, kann euch Damian bestimmt weiterhelfen.«
Damian nickte zustimmend und Helge stapfte nach einem kurzen Nicken in die Runde davon.
»Interessanter Typ«, sagte Lena schmunzelnd und schaute ihm nach.
»Helge ist ein Fall für sich. Aber ich mag ihn sehr«, sagte Damian.
Jannis schwieg.
Damian deutete auf die Kinder, die mittlerweile zu einer Baumgruppe gegangen war. »Dann lasst uns doch mal bei denen vorbeischauen.«
Zwei Jungen und drei Mädchen standen um ein kleines Beet, das am Fuß eines Baumes angelegt war. Die Kinder waren vielleicht acht Jahre alt, nur eines der Mädchen war größer und schien etwas älter.
»Hallo ihr Nachwuchsgärtner«, rief Damian den Kindern zu. »Ein wirklich schöner Tag für Gartenarbeit, oder?« Die Kinder begrüßten ihn freudig per Handschlag und scharten sich neugierig um sie.
»Ich zeige den beiden hier gerade Helges Hof und Garten. Habt ihr Lust, uns zu erklären, was ihr hier macht?«
Das Mädchen deutete auf kleine Beete an anderen Bäumen. »Wir haben kleine Nester um die Bäume herum gepflanzt und pflegen diese gerade.«
»Was pflanzt ihr denn?«, wollte Lena wissen.
»Ich habe drei verschiedene Sorten Linsen und gaaanz viele Heidelbeeren«, sagte ein Mädchen mit einem bunt-gestreiften T-Shirt stolz.
»Und ich habe Erbsen und Heilkräuter für meine Mama«, rief ein Junge mit roten Haaren und blasser Haut.
»Wir haben hier ganz vorbildliche Gärtner und Gärtnerinnen. Eilon hat dieses Jahr eine riesige Zucchini geerntet.« Das ältere Mädchen deutete auf den anderen Jungen, der verlegen lächelte.
Das ältere Mädchen ergriff wieder das Wort: »Außerdem erkläre ich gerade, wie das Pilzgeflecht der Bäume mit der Fruchtbarkeit der Gemüsepflanzen zusammenhängt. Wir haben hier ein kleines Experiment gemacht mit mehreren Stecklingen an verschiedenen Standorten.«
Der kleine Junge mit den roten Haaren hüpfte auf. »Es ist voll stark! Die Bäume reden miteinander und die Pilze im Boden sind wie Internetleitungen.«
Das ältere Mädchen nickte. »Wenn beispielsweise eine Pflanze in die Samenbildung geht, dann beginnt sie zu trocknen und über die Wurzeln das Signal auszusenden, jetzt kein Wasser mehr aufzunehmen. Über die Mikroorganismen im Boden geht dieses Signal dann auch gleich an ganz viele Nachbarpflanzen und auch die beginnen, weniger Wasser aufzunehmen und zu trocknen. Damit das nicht passiert, schauen wir immer ganz genau, dass wir die Pflanzen in den Beeten beschneiden, bevor sie in die Samenbildung gehen. Damit geben wir dem ganzen System das Signal, Wasser aufzunehmen und sich zu erneuern.«
»Interessant!«, rief Lena fasziniert.
»Wer seid ihr eigentlich? Ich kenne euch ja gar nicht«, fragte das Mädchen mit den Linsensorten.
»Die beiden sind Zeitreisende«, verkündete Damian geheimnisvoll. »Sie sind aus der Vergangenheit aus dem Jahr 2020 zu uns gekommen und wollen jetzt unsere Welt kennen lernen.«
»Wie alt seid ihr denn?«, fragte das kleine Mädchen.
»Ich bin…«, Lena stockte, dachte kurz nach und schmunzelte dann, »…63 Jahre alt.«
Das Mädchen guckte etwas irritiert und schaute hilfesuchend ihre ältere Gefährtin an.
Lena half ihr auf die Sprünge: »Ich habe sehr, sehr lange sehr tief geschlafen. In diesen Jahren bin ich zwar älter geworden, aber mein Körper ist jung geblieben.«
Das Gesicht des Mädchens erhellte sich. »Achsooo. Meine Mutter macht nachmittags auch manchmal Schönheitsschlaf.«
Lena schmunzelte.
Der rothaarige Junge hob den Arm. »Wenn ich groß bin, will ich auch mal zeitreisen. Dann bin ich zweihundert Jahre alt und sehe aus wie fünfzehn. Da werden die Leute aber staunen.«
Der schüchterne Junge schaute Jannis vorsichtig an. »Und wie alt bist du?«
»Ich bin dann wohl 76«, sagte er nüchtern. »Wo ist denn eure Lehrerin?«
Die Kinder guckten etwas verwundert und das ältere Mädchen ergriff wieder das Wort: »Ich bin gerade für die Gruppe zuständig.«
Damian erklärte: »Es ist üblich, dass ältere Kinder in die Ausbildung der jeweils Jüngeren eingebunden werden und frühzeitig Verantwortung übernehmen.«
»Und wo ist der Rest der Klasse?«
