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Frankfurt am Main, 2042 Nach dem Tod ihrer Eltern findet die 19-jährige Clare nur mithilfe von V-Sights Halt im Leben — Kontaktlinsen, die ihr eine erweiterte und bessere Realität vorspielen. Wie zerbrechlich diese vermeintliche Sicherheit ist, merkt sie erst, als sie einer Unbekannten das Leben rettet. Clare fühlt sich schon bald von der schwerverletzten Lynn angezogen, ahnt allerdings nicht, dass es sich bei ihr um eine ausgebildete Killerin und V-Sights-Hasserin handelt. Denn Lynn ist auf der Flucht — und auf einmal erwächst aus bloßem Gefühlschaos ein Kampf um Leben und Tod.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Realität ist nicht genug
Teil 1
Veronika Carver
Eisermann Verlag
Veronika Carver ist 33 Jahre alt, gelernte medizinisch-technische Analytikerin der Funktionsdiagnostik und studierte Drehbuchautorin. Sie wohnt mit ihrer Frau und zwei Hunden in einem Dorf bei Tübingen, wo sie teils als MTAF, teils als Autorin, Lektorin und Social Media Marketing Agentin arbeitet. Für ‚V-Sights – Die Realität ist nicht genug‘ wurde sie 2023 für den Seraph nominiert. 2025 erschien ihr vierzehnter Roman »Nebby Dove – Gefährliche Winde«.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96173-249-4
E-Book-ISBN: 978-3-96173-300-2
Copyright (2025) Eisermann Verlag
Lektorat & Korrektorat: Teja Ciolczyk
www.gwynnys-lesezauber.de
Umschlaggestaltung: Franziska Stern | www.coverdungeon.com
Bildmaterial: © freepik.com Illustrationen: © Dreamstime.com
Buchsatz & Farbschnittgestaltung: Grit Richter, Eisermann Verlag
Hergestellt in Deutschland (EU)
Eisermann Verlag
ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH
Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Blut
Digitale Abhängigkeit
Emotionale Manipulation
Gewalt
Krankheit
Mord
Panikattacken
Selbstverletzung
Sexuelle Handlungen
Suizidgedanken und -versuch
Tod
Trauer
Trauma
Für Mama,
du hast den Anstoß gegeben.
»Ist das Video für die Skyscraper-Holos endlich fertig?«
»Hab es Ihnen gerade geschickt, Boss.«
Er warf sich in den Sessel und wischte über die Smartwatch an seinem Handgelenk, die mit den technischen Kontaktlinsen in seinen Augen verbunden war. In seinem Gesichtsfeld ploppte ein dreidimensionales Bild auf, mit einem bestätigenden Blinzeln startete er das Video.
»Das Warten hat ein Ende! Mit Einführung der V-Sights Generation 4.0. werden Apps und Implantate zur Steuerung der Augmented-Reality-Kontaktlinsen überflüssig. Das NUI – Natural-User-Interface – ist da! Kontrollieren Sie Ihre V-Sights allein durch Gesten und Sprache!«
Ein Model machte die Bewegungen vor, während die neutrale und angenehme Stimme das Video über die Frequenzhörer hinter seinen Ohren begleitete.
»Durch die verbesserte Technik können Sie die V-Sights nun direkt über das Netz updaten und holografische 3D-Erlebnisse im Stream genießen.«
Das Model fand sich plötzlich in der Verfolgungsszene eines bekannten Actionfilms wieder. Die Kooperation mit der zuständigen Produktionsfirma hatte NewReality Industries zwar ein kleines Vermögen gekostet, aber das würden die neuen V-Sights locker wieder einspielen.
»Machen Sie sich die Welt, wie Sie Ihnen gefällt. Über eine Million neue Style-Filter stehen Ihnen zur Verfügung, außerdem können Sie nun auf ein zehnstufiges Konzept bei den organischen Filtern zurückgreifen, statt der bisherigen drei.«
Diese Neuerung war der Hauptgrund dafür, weshalb sich das Produkt gut verkaufen würde. Entertainment war heutzutage alles. Dabei waren die Filter durch das inzwischen verdammt schnelle mobile Netz noch die günstigste Weiterentwicklung. Ganz im Gegensatz zu der Technik, die nötig war, damit das NUI funktionierte.
»... verbesserte Kommunikation mit Hoverboards und autonomen Fahrsystemen. Außerdem hilft das Frühwarnsystem nun auch Fußgängern und Radfahrern im Straßenverkehr. Eine Allergiker-Version wurde augenärztlich bestätigt. Bestellen Sie die V-Sights 4.0. schon heute vor und erhalten Sie die ultimative Verbesserung ihres Alltags pünktlich zu Weihnachten als beste Bescherung 2042!«
Das Video blieb im Standbild hängen.
Er knirschte mit den Zähnen und rief seinen Assistenten heran. »Viel zu lang. Kürz es auf ein Drittel.«
»Aber Boss-«
»Hab ich etwa gestottert? Wir haben dreißig Prozent der Skylinefläche Frankfurts fürs Marketing gebucht. Wer bleibt denn lang genug auf der Straße stehen, um sich das alles anzusehen? Denk an die Zielgruppe! Wir nehmen die kurze Version. Abmarsch.«
»Verstanden.«
Sobald ich den Kopf aus dem Zug in die überfüllte Bahnhofshalle streckte, bemerkte ich meinen Fehler.
Mein erster Impuls war, zurück in den engen Gang des Abteils zu fliehen, doch die Menschenmasse hinter mir drückte mich auf den Bahnsteig.
Ich beugte die Knie und winkelte die Arme leicht vom Körper ab. Wie ein scheuer Luchs ließ ich den Blick über die zweite Ebene über uns wandern, auf der die Überschallzüge ankamen, und betrachtete die Galerie an den Seiten der Halle.
Ganz ruhig, Lynn, sie werden es nicht wagen, in eine Menschenmenge zu schießen, versuchte ich, mich zu beruhigen – wohl wissend, dass es andere Möglichkeiten gab, mich hier aus dem Weg zu räumen.
Jemand rempelte mich an und schimpfte wild drauf los. »Dumme Kuh, geh doch weiter!«
Ich schenkte der anzugtragenden Gelfrisur mit dem pingelig gepflegten Dreitagebart mein kältestes Lächeln, erwiderte jedoch nichts.
Es war an der Zeit, unterzutauchen.
Ich mummelte das Gesicht in den Wollschal, der nach nassem Schaf stank, und zog die Strickmütze tiefer in die Stirn. Mit hochgezogenen Schultern drängte ich mich in die winzigen Lücken des beständig fließenden Stroms aus Individuen. Zu geschäftig waren sie, zu sehr auf sich selbst konzentriert, um mich oder ihre Umgebung wahrzunehmen.
Sie sind blind. Und taub. Ich presste die Zähne aufeinander, um die aufkommende Übelkeit zu überwinden. Weil sie die Wahrheit nicht sehen wollen und die Realität lieber verschleiern. Ihnen geht die Empathie verloren.
Ich ließ die Hände in die Manteltaschen gleiten und legte meine Finger um das kalte Eisen der Pistole. Es klebte vom Blut ihres vorherigen Besitzers, doch in ALVEAs Augen war ich ohnehin nur ein Tier, das gejagt werden musste, damit es gezüchtigt und in seine Schranken verwiesen werden konnte.
Was mache ich mir vor, ich bin längst zu weit gegangen. Sie werden mich töten und verschwinden lassen. Ich bin ein Fehler in ihrem System. Ausgebrochen und gefährlich, weil ich ihre Regeln missachtet habe.
Ich befeuchtete meine Lippen und blickte wachsam umher. Jeder konnte zu ihnen gehören. Sie hatten Kinder zu Waffen gemacht und schreckten vor nichts zurück. Der Punk-Opa auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig konnte unter seiner LED-leuchtenden Bomberjacke zwei AD-Taser versteckt halten. Oder das von Botox aufgedunsene Püppchen in rotglänzendem Latex und der wasserstoffblonden Perücke hinter mir zielte in diesem Augenblick mit einer Laser-Gun auf mich.
ALVEAs Killer waren wandlungsfähig, etwas Besonderes. Hauptsächlich deswegen, weil wir die Welt unverfälscht sahen. Wir trugen keine V-Sights, die uns eine erweiterte Realität vorspielten. Nein, unsere Hirne wurden noch nach altmodischem Muster gewaschen. Darauf gedrillt, als willenlose Waffen zu funktionieren.
Ich biss mir auf die Innenseite der Wange. Der Schmerz half mir, meine aufgeregt flatternden Nerven in Schach zu halten.
Ich will keine willenlose Waffe mehr sein!
In meinem Nacken kribbelte es und ich beschleunigte meine Schritte. Mit den Ellbogen verschaffte ich mir den nötigen Platz, lenkte allerdings auch den Unmut der Menschen auf mich, die ich so aus dem Weg stieß.
Zu laut, zu auffällig. Ist das dein Plan, Lynn?Bewundernswert, dass du es bisher geschafft hast, nicht getötet zu werden, schalt ich mich selbst und zog den Kopf tiefer zwischen die Schultern.
Mir war, als hörte ich ihre Rufe.
Dort ist sie!
Dort, hinter dem Schild!
Wir fangen sie ab. Nimm du den Nordausgang!
Diesmal entwischt sie uns nicht!
Ich biss mir fester auf die Wange, bis sie blutete. Der metallische Geschmack vertrieb die eingebildeten Stimmen. War ja klar, dass ich langsam paranoid wurde. Allerdings behinderte es mich bei der einzigen Sache, die wirklich wichtig war: zu überleben.
Ich spannte die Bauchmuskeln an, bis sie brannten. Bis sich mein Atem beschleunigt und mein Blickfeld geschärft hatte.
Die Werbeanzeigen über den Gleisen leuchteten in Neonfarben aus Grün und Rot, versprachen potenziellen Käufern Sonderangebote und Neuerscheinungen. Natürlich wurde auch die neue Generation Augmented Reality-Linsen beworben, V-Sights genannt, die pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in drei Monaten erscheinen sollten.
Meiner groben Einschätzung nach trugen ungefähr achtundsiebzig Prozent der Leute um mich herum diese kleinen technischen Plättchen in ihren Augen. Über die Netzhaut wurden Informationen direkt ans Hirn übertragen, die in der Realität, wie ich sie sah, überhaupt nicht existierten. Ein Filter lag über der Welt, der eindrücklich bewies, wie einfach wir gestrickt waren. Unsere Sinne wurden problemlos getäuscht. Der überquellende Mülleimer, an dem ich gerade vorbeiging, musste für V-Sights-Träger sauber und ordentlich ausgeräumt erscheinen, denn es flogen weitere Kaffeebecher und Taschentücher auf den Haufen davor. Aber ich hatte nicht vor, mich von solchen Kleinigkeiten ablenken zu lassen. Ob nun die Menschen ihren Müll absichtlich auf einen Berg Unrat warfen, oder durch die V-Sights schlichtweg davon überzeugt wurden, dieser Berg würde nicht existieren; im Kern waren es ihre Erfindungen und die Menschen selbst, deren Gesinnung ich verachtete.
Ich fühlte mich schrecklich, kam mir beobachtet vor. Wo war der nächste Schatten, in dem ich mich verstecken konnte? Mein Herz schlug derart heftig gegen meine Rippen, dass es vermutlich platzen würde, ehe ich endgültig in Sicherheit war.
Gab es die für mich überhaupt? Sicherheit? Dieses trügerische Konstrukt, ohne das die Menschheit wahnsinnig werden würde?
Ich folgte dem Strom zu einem der vielen Ausgänge des Bahnhofs. Über die Rolltreppen gelangte ich auf die nächste Ebene und entdeckte auf einen Schlag gleich fünf geeignete Stellen für einen Scharfschützen.
Doch ich lebte noch, das konnte ein gutes Zeichen sein.
Hatte mich das ungute Gefühl beim Aussteigen aus dem Zug etwa betrogen? Ich wäre sicher nicht traurig darüber, auch wenn das bedeuten würde, dass ich mich nicht mehr darauf verlassen konnte.
Sobald ich auf die breite Fußgängerbrücke ins Freie trat, die Straße unter mir dicht von hupenden Wagen im Feierabendverkehr befahren, schlug mir ein eiskalter Wind entgegen. Vom Geländer blätterte der Rost ab und durch den Beton zu meinen Füßen zogen sich lange Risse, obwohl er noch nicht so alt sein konnte. V-Sights-Trägern wurden stattdessen blinkende Werbung und ein frisch geteerter Weg vor die Augen projiziert. Und die Wolkenkratzer der grauen Skyline im Hintergrund, in dem Teil dieser versifften Millionenstadt, in der das Geld noch in reale Außenfassaden gesteckt wurde, dienten als gigantische Projektionsflächen für Holo-Marketing. Das wusste ich sogar ohne AR-Linsen.
Ich hob die Schultern und versteckte mein Gesicht so tief ich konnte im Schal. Die Hände hatte ich in den Manteltaschen zu Fäusten geballt, meine Unterarme waren angespannt, wie auch der Rest meines Körpers. Ich musste Energie produzieren, um mich zu wärmen.
Minusgrade, sicherlich. Pass auf, Lynn, der Boden ist äußerst gl...
In diesem Moment rempelte mich jemand von hinten an und ich rutschte aus. Der Schock traf mich mit voller Wucht, ehe das Unglück überhaupt geschehen war.
Mit der Hüfte stieß ich gegen das Geländer, und durch den hohen Schwung kippte ich drüber. Ich unterdrückte einen Schrei, riss die Hände aus den Taschen und konnte mich gerade noch an dem bröckeligen Metall des Geländers festhalten. Die Kälte biss mir in die Hand und es bog sich gefährlich, doch das war nichts im Gegensatz zu dem Ruck, mit dem mir mein eigenes Körpergewicht beinahe die Schulter auskugelte.
Jemand schrie und löste damit eine Kaskade entsetzter Ausrufe aus.
Haltlos baumelten meine Beine in der Luft. Die Schwerkraft riss an mir, ich spürte es in meinen Eingeweiden und knirschte vor Schmerz und Anstrengung mit den Zähnen.
»Du bist unvorsichtig geworden, kleine Apis«, raunte eine männliche Stimme über mir, wo sich ein Anzugträger mit lächerlicher hellblauer Krawatte über mich beugte. Ich kannte weder die Züge um die Mundwinkel des Mannes, noch erinnerte mich sein Tonfall an irgendjemanden von ALVEA.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Mein Leben hing von der Gunst dieses Scheißkerls ab. Sollte er sich entschließen, meine Finger um das Geländer zu lösen, würde ich in den Tod stürzen. Hinab in den mahlenden Strom aus elektrischen Aluminiumautos, deren Reifen mich ohne Anteilnahme ihrer Fahrer überrollen würden. Ganz gleich, ob sie autonom fuhren, wie die meisten Bonzen hier, oder manuell wie jene, die sich den Spaß am Fahren nicht nehmen ließen.
Wie würden mich ihre V-Sights darstellen? Eine fallengelassene Dose? Eine Unebenheit im Asphalt? Alles wäre sanfter als die grausame Wahrheit, einen Menschen zu überfahren.
Das war zu einfach! Du bist eine Schande, Lynn!
Ich konzentrierte mich mit ganzer Kraft darauf, nicht loszulassen, obwohl ich mit der freien Hand nach der Pistole suchen und meinen Angreifer schleunigst aus dem Weg räumen sollte.
Darauf hatte man mich seit meiner Kindheit vorbereitet. Sie hatten mich den schlimmsten Witterungen und Gegnern ausgesetzt, mich weiter gedrillt als bei einer Folter. Nur damit ich in diesem einen Moment, in dem es tatsächlich darauf ankam, versagte?
Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, mit meinem Leben abzuschließen, brachte nur ein gedankliches Auflachen zustande, da packte der Anzugträger meinen Unterarm und zog mich ächzend wieder hinauf. Meine Beine zitterten so stark, dass ich atemlos auf dem Boden zusammensank, nach Luft schnappte und versuchte, die Situation einzuschätzen.
Warum hat er mich gerettet? Wollen sie mich doch lebend?
Ich spürte seinen Arm auf meiner Schulter, so schwer, als würde er mich mit seinem Gewicht in die Knie zwingen wollen. Meine Lippen bebten und ich hatte das Gefühl, als würde jemand einen Amboss in meinen Magen fallen lassen. Die Übelkeit wallte wieder auf.
Sie wollen bloß kein Aufsehen erregen.
»Geht es ihr gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?«, fragte jemand.
»Wie konnte das passieren? Ist sie ausgerutscht?«
»Alles ist in Ordnung, beruhigen Sie sich. Meine Tochter hat sich bloß erschreckt«, gab der Anzugträger in beschwichtigendem Tonfall von sich, ohne auch nur einen Millimeter von meiner Seite zu weichen.
Er half mir auf die Beine. Ein kurzer intensiver Schmerz schoss durch meine linke Seite, als er sie berührte. Ich stöhnte auf, doch er hielt mich aufrecht.
Was war das?
»Lynn, alles ist gut, ich hab dich. Wir gehen jetzt nach Hause. Macht Platz, na los, hier gibt es nichts zu begaffen!«
»Nein«, flüsterte ich.
Geht nicht! Macht keinen Platz. Seht ihr denn nicht, dass er mich vor euren Augen entführt?
Der Schmerz breitete sich aus, fraß sich wie ein Geschwür durch mein Fleisch und krallte sich am unteren Rippenbogen fest. Er verhinderte, dass ich aufrecht gehen konnte und brannte, als würde er ein Loch in mich schmelzen wollen. Ich keuchte und blinzelte dunkle Flecken vor meinen Augen fort.
»Es ist gleich vorbei, meine süße kleine Ausreißerin«, raunte mir der Mann ins Ohr und ließ dort eine Gänsehaut sprießen.
Ich begriff und mir wurde eiskalt.
Ein Tracker. Er hat mir einen Tracker eingesetzt.
Eine Welle der Müdigkeit schwappte durch meinen Schädel.
Das Propofol … Nein! Ich muss ... mich bewegen.
Der Anzugträger packte mich unsanft am Oberarm und hielt mich so aufrecht. Ich stolperte eher, als dass mich meine Beine trugen, und gemeinsam eilten wir die vereisten Treppen hinab.
»Das hast du sehr gut gemacht, Kleine. Dein Vater wird stolz sein, wenn er erfährt, was du getan hast. Leider stehen das, was er möchte, und das, was er wollen sollte, oft im Konflikt miteinander. Das hast du offenbar von ihm geerbt. Keine Sorge, das treiben wir euch schon aus.«
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon der Kerl sprach. Allerdings kämpfte ich auch mit den Schlieren am Rande meines Blickfeldes und einem ekelhaften Rauschen in den Ohren. Das verdammte Betäubungsmittel würde mich in einer Minute völlig ausgeknockt haben.
Ein dunkles Dröhnen kündigte den massigen SUV an, der abrupt am Straßenrand hielt. Offenbar eine Sonderanfertigung mit der Lizenz, fossile Brennstoffe als Antrieb zu nutzen.
Ich war geliefert.
Eine Tür wurde von innen aufgestoßen, der Anzugträger schubste mich nach vorn.
Zu leicht ... Viel zu leicht ... Wenn sie wollten, wärst du längst tot.
Dieser Gedanke löste zwei Dinge aus:
Zum einen erkannte ich, dass dies der richtige, einzige und womöglich auch letzte Moment war, um zu fliehen. Irgendetwas sagte mir, dass ich es tatsächlich schaffen konnte, allerdings nicht mit dem Tracker in meinem Körper, der weiterhin Anästhetikum in meinen Kreislauf speiste und meinen Standort sendete.
Deshalb zog ich zum anderen unvermittelt und ohne darüber nachzudenken die Pistole aus der Manteltasche, schoss der fetten Glatze im Wagen zweimal zwischen die Augen, dem Anzugträger von unten durch den Rachen ins Hirn und mir selbst unter den linken Rippenbogen in die Seite, um den Tracker darin zu zerstören.
Es war wahnsinnig und ein Akt der Verzweiflung, doch nur so hatte ich überhaupt eine Chance, zu entkommen, auch wenn ich mich dadurch in Lebensgefahr brachte.
Meine Sinne schrien auf, Adrenalin pumpte durch meine Adern und ich konnte wieder klar sehen und denken.
Ich war auf die Knie gesunken, sprang nun jedoch hoch und stützte mich mit blutiger Hand an der offenstehenden Autotür ab.
Ich hinterlasse Spuren, aber das ist jetzt auch egal. Ich muss hier weg!
Die Tür der Fahrerseite wurde aufgerissen.
»Stehenbleiben!«
Ich dachte nicht daran.
Mit einem Satz über den zu Boden gegangenen Anzugträger eilte ich die Straße hinunter, hielt dabei die Pistole in der einen Hand, und mit der anderen meine Seite, um die Blutung einzudämmen. Schüsse knallten in den metallenen Mülleimer neben mir, gingen aber glatt durch ihn durch und schlugen in dem Cronut-Wagen weiter vorn ein.
Ich stieß Passanten aus dem Weg, wich einer Highspeed-Network-Verteilersäule aus und rannte über die Straße. Reifen quietschten, ich wurde angehupt und musste über die Motorhaube eines Wagens springen, der nicht rechtzeitig anhielt. Im Flug warf ich die Beine nach vorn, doch mir fehlte ein Quäntchen Schwung, sodass ich von der Windschutzscheibe aus der Bahn geworfen wurde und eine Rolle über den Asphalt machte. Das geschah instinktiv und bewahrte mich vor schlimmeren Verletzungen als einem aufgeschürften Ellbogen.
Für einen kurzen Augenblick raubte mir der Schmerz den Atem. Ich sammelte mich, biss die Zähne zusammen und lief weiter.
Da traf mich etwas am linken Oberschenkel. Ich wäre fast erneut gestürzt, flüchtete mich gerade so in die Schatten einer Seitenstraße und warf mich mit dem Rücken gegen eine Wand, um durchzuatmen.
Ein Blick auf die neue Wunde brachte mich aus dem Takt.
Ein Scharfschütze?
Ich lachte als Zugeständnis an meine Verzweiflung und Schwäche auf.
Sie haben hier auf mich gewartet. Sie wussten, ich würde nicht weiter kommen als bis in die Innenstadt. Mein Gefühl hat mich also doch nicht getäuscht.
Ich sah auf die Waffe in meiner Hand, ließ sie schließlich zurück in die Manteltasche gleiten und stieß mich wieder ab.
Ich muss weiter!
Der erste Schritt ließ mich beinahe ohnmächtig werden. Leise entwich mir Luft zwischen meinen Zähnen und ich humpelte los, tiefer in die Dunkelheit zwischen den gläsernen Wolkenkratzern hinein. Vorbei an rauchendem Sicherheitspersonal, das am Hinterausgang zwischen hohen Containern lungerte.
Ich spürte ihre Fragen in meinem Rücken, während ich meine Konzentration sammelte.
Ich hinterlasse deutliche Spuren. Es bringt überhaupt nichts, mich unter die Leute zu mischen.
Der Schweiß auf meiner Stirn lenkte die Kälte in mein Hirn.
Kälte … Kälte betäubt Schmerz.
Ich versuchte, einen Blick auf die Sonne zu erhaschen. Dafür trat ich aus den Schatten, direkt neben eine Metalltreppe, die zu einer Magnetbahn-Haltestelle hinaufführte, und blinzelte in das milchige Grau des Oktoberhimmels hinauf.
Wasser verwischt Spuren. Kälte betäubt Schmerz.
Ich sagte mir diese beiden Sätze wie ein Mantra auf, ohne die Lippen zu bewegen. Die Worte kreisten in meinem Kopf und brachten meinen Körper dazu, mich zu dem gerade haltenden Shuttle hochzukämpfen und einzusteigen.
Ich kannte Frankfurts Straßen und wusste alle Haltestellen der Magnetbahn auswendig, die vor vier Jahren endgültig die U-Bahn abgelöst hatte. In den Schächten, die nicht zugeschüttet oder von Obdachlosen in Beschlag genommen worden waren, hatten sich Banden ausgebreitet wie Parasiten. Ich war oft dort gewesen, hatte Aufträge im Namen ALVEAs ausgeführt und den Schwarzmarkt infiltriert.
In diesem Moment kam mir ein mögliches Versteck in den Sinn und ich setzte ein mechanisches Lächeln auf.
Der Weiher hinter Sachsenhausen …
Eigentlich war der eine beliebte Touristenattraktion, umgeben von den letzten Resten des Frankfurter Stadtwaldes, andererseits entstand dort gerade eine Tiny-House-Siedlung, die noch nicht vollständig belegt war. Ich würde mich in einer öffentlichen MedCabin verarzten lassen und mich anschließend wie ein verletzter Fuchs in einem Neubau der Siedlung verkriechen.
Inzwischen klebte meine Jeans vom Blut, das aus der Wunde am Oberschenkel sickerte. Es hätte jedoch viel schlimmer sein können. Der Schuss war durchgegangen, hatte aber keine Arterie getroffen. Mit einer Fleischwunde hatte ich noch Chancen, das Versteck zu erreichen.
Sie predigen das Untertauchen in Menschenmassen. Dort, wo man nicht in aller Heimlichkeit erstochen werden kann. Aber für wen gelten diese Regeln wirklich?
Die blutverschmierten Hände versteckte ich in den Manteltaschen. Ich hatte keine Zeit, den Schaden an meiner Seite einzuschätzen, allerdings interpretierte ich es als gutes Zeichen, noch nicht bewusstlos geworden zu sein.
Das würde anders aussehen, wenn ich die Milz getroffen hätte.
Ich senkte den Blick und drehte mich so, dass mein Gesicht nicht in den Kameras zu sehen war und mich niemand direkt ansehen konnte. ALVEA wusste, wie man die V-Sights der Zivilisten anzapfte. Diese Schafe ahnten nicht, wie sehr sie überwacht wurden – und zur Überwachung beitrugen.
Mein Blick glitt träge zu den weißen Quadraten an der Decke des Shuttles. Es interessierte mich nicht, welche Werbung oder welche Nachrichten den V-Sights-Trägern dort über Hologramme abgespielt wurden, war aber dankbar dafür, dass die meisten meiner Mitreisenden gebannt draufstarrten.
Die Situation wurde immer verfahrener. Je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir einer Sache:
ALVEA will mich lebend. Sonst hätte der Scharfschütze nicht auf mein Bein gezielt.
Blei zog an meinen Augenlidern. Ich fuhr mit der Zunge über die Bisse auf der Innenseite meiner Wange, die bereits angeschwollen war und irritierend pochte. Das lenkte mich immerhin ein wenig von dem eigentlichen Desaster meines Körpers ab.
Die hohen Häuser, blinkenden Ladenschilder und Ampeln, Fußgänger und Autos verschwammen zu bunten Farbstrichen. Etwas zog an meinem Magen, als die Magnetbahn über den Main sauste und ich das Wasser unter uns betrachtete. Wären da nicht das Geschrei von Kindern und die laute Musik einer Gruppe Jugendlicher, hätte es so still sein können. Die HGMB schwebte über den Gleisen, ohne auch nur ein winziges Geräusch zu verursachen.
Hochgeschwindigkeitsmagnetbahn, formulierte ich das elendig lange Wort in Gedanken und wiederholte es so oft, bis wir die Wolkenkratzer und verspiegelten Fassaden der gewaltigen Skyline hinter uns ließen. Sie wurden von den mehrstöckigen Villen Nord-Sachsenhausens abgelöst, die sich die Superreichen in den letzten Jahren des kometenhaften Wirtschaftswachstums der Stadt errichtet hatten. Innerhalb von zwanzig Jahren war die Bevölkerungszahl Frankfurts um zweihundert Prozent angewachsen, hauptsächlich aufgrund der rasant fortschreitenden vertikalen Bauweise.
Doch schon zwei Haltestellen später ließen wir das Bonzenviertel hinter uns und schwebten über dessen dreckigen kleinen Bruder hinweg. Die Häuser hier waren ungepflegt, die Fassaden grau und rissig, von den meisten Gebäuden bröckelte der Stuck. Vom Holz der Fensterrahmen splitterte der Lack ab und von penibel gestutzten Rasen konnte schon lange keine Rede mehr sein.
Sie sehen es nicht, dachte ich. Weil ihnen selbst der einfachste organische Filter der V-Sights vorgaukelt, ihre Häuser und Gärten seien perfekt. Und selbst wenn sie es wissen, trägt fast jeder heutzutage AR-Linsen. Sie sehen also alle nur eine Projektion.
Dunkle Flecken tanzten vor meinen Augen. Ich spürte, wie ich langsam aber sicher das Bewusstsein verlor.
Nein, verdammt!
Instinktiv zwang ich mich in die Höhe, taumelte zur Tür und krallte mich an der Griffstange fest, bis die Magnetbahn zum Halten kam. Geräuschlos glitten die Türen auseinander und ich stolperte hinaus. Niemand kam mir entgegen, um einzusteigen.
Wenigstens ein Gutes haben V-Sights, ging es mir grimmig durch den Kopf. Sie erkennen eine blutverschmierte Flüchtende nicht einmal dann, wenn sie direkt vor ihnen steht.
Ich kämpfte gegen Schwindel und neuerlich aufkommende Übelkeit an, während ich der bröckeligen Asphaltstraße zu einer Gasse folgte, die zur Rückseite der Villen führte. Mit jeder Abzweigung entfernte ich mich vom Kern dieser Siedlung, bis die Dächer der Häuser von grauen Schindeln und Moos bedeckt waren.
Inzwischen musste ich all meine Konzentration aufbringen, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Jeder einzelne Schritt schien eine halbe Tonne zu wiegen. Ich spürte durch den Vorhang aus Schmerz und Atemnot, weil ich das Luftholen vergaß, dass ich es nicht mehr schaffen würde. Was auch immer mein Plan gewesen war, er scheiterte bereits in der Magnetbahn, als ich zwei Stationen zu früh ausstieg, um durch die Bewegung bei Bewusstsein zu bleiben.
Ein tödlicher Fehler, war mein letzter Gedanke, ehe ich mich seitwärts in ein paar Büsche fallen ließ. Den Aufprall spürte ich schon nicht mehr.
Unten auf der Straße brach die Hölle los. Quietschende Autoreifen gingen im Geschrei der Passanten unter, empörte Rufe mischten sich mit panischen. Er konnte das Adrenalin in der Luft beinahe schmecken, so hysterisch klangen die Zivilisten, denen trotz ihrer V-Sights aufging, dass dort gerade Menschen gestorben waren.
Doch das interessierte ihn nicht.
Lynn war eine der zuverlässigsten Apis‘ gewesen, die ALVEA je ausgebildet hatte, mit einem messerscharfen Verstand und dem unbeugsamen Willen, niemandem zu vertrauen – außer ihm.
Und das wurde ihr nun zum Verhängnis.
Lächelnd schwenkte er das Gewehr, bis das Zielkreuz vom zerborstenen Schädel des Agenten, der die entlaufene Adeptin in den SUV hatte stoßen wollen, auf ihren Hinterkopf zeigte. Sie trug eine dunkle Strickmütze in derselben Farbe ihrer Haare, pechschwarz, und sprintete gerade die Straße runter.
Im nächsten Moment schlugen Schüsse in den Mülleimer neben ihr ein. Das Knallen entlockte ihm ein Fluchen.
»Johnson, was ist da los?«, fauchte er in das Mikro an seinem Kragen, und bereute den Ausbruch sofort. Die tiefe Stichwunde an seinem Hals war zwar verheilt, das Fleisch allerdings extrem schmerzsensibel. Es war ein Wunder, dass er noch lebte.
Oder auch nicht.
»An alle Einheiten, verhindert die Flucht des Subjekts! Gregor, hast du sie im Blick?«, bellte es aus den Lautsprechern seiner verspiegelten Sonnenbrille.
Zur Antwort drückte er ab, der Rückstoß des Gewehres stieß seine Schulter nach hinten.
»Scheiße, ist die schnell! Ich häng‘ mich an sie dran!« Er sprang auf. Kurz wurde ihm schwindelig, doch er blinzelte die Sternchen vor seinen Augen rasch fort und eilte die Feuertreppe hinab.
»Gregor, denk dran, wir brauchen sie lebend!«
Was denn sonst? Ein totes Druckmittel nutzte ja niemandem was. Aber er verstand durchaus, warum ihm Johnson das derart einschärfte. Schließlich dachte Lynn, sie hätte ihn getötet. Und so ein wenig Rache für die verschissene Abschlussprüfung ...
Ehe Gregor weiter darüber nachdenken konnte, überquerte er bereits die Straße. Lynn hatte eine ordentliche Blutspur hinterlassen, die es ihm lächerlich einfach machte, sie zu verfolgen.
»Guter Einsatz, aber ich hatte das Gefühl, du warst etwas neben der Spur.«
Ich wich Stinas forschem Blick aus ihren olivgrünen Augen aus und zuckte abwehrend mit den Schultern.
»Sorry, aber hast du Mels neue Schuhe gesehen? Sie hat einen Penisfilter drübergelegt! Einen Penisfilter!«
Stinas herzhaftes Lachen löste eine Kaskade der Erleichterung in mir aus. Die weißblonde Kapitänin meiner Augmented Reality Sports Mannschaft, kurz AR-Sport, berührte mich flüchtig am Knie, ehe sie Richtung Autotür nickte. »Davon lassen wir uns nicht ablenken, klar? Übermorgen bist du wieder voll bei der Sache. Unsere Teilnahme an der Meisterschaft steht auf dem Spiel!«
»Ja, ja«, murrte ich. »Wie könnte ich das vergessen? Du hast die Trainingszeiten verdoppelt!«
Zwei gehobene Augenbrauen. »Na, das tut uns allen mal gut. Hopp, hopp! Ab ins Bett, du musst den Fitnessplan einhalten.«
Ich verkniff mir ein gespieltes Stöhnen, das mir beinahe schon ins Blut übergegangen war, und schenkte Stina stattdessen ein Grinsen. »Dito, Käpten! Ich hab den Schokoriegel in deiner Tasche gesehen!«
Stina boxte mir freundschaftlich gegen die Schulter und scheuchte mich aus ihrem feuerroten Flitzer. Sie winkte zum Abschied. Sobald ich die Tür zugeschlagen hatte, sauste sie in ihrem Elektroauto fast lautlos davon.
Noch während ich ihr nachsah, tropfte das Lächeln aus meinem Gesicht. Ich wandte mich zu dem um, was ich als Zuhause bezeichnete, in dem ich mich allerdings seit Jahren nicht mehr wohlfühlte. Doch was sollte ich schon tun? Ein Haus wie dieses könnte ich mir nirgendwo sonst leisten. Es gehörte streng genommen auch nicht mir, sondern NewReality Industries, dem Konzern, der die V-Sights erfunden und auf den Markt gebracht hatte.
Ich durfte kostenlos darin wohnen, weil meine Eltern auf einer Geschäftsreise im Namen der Firma umgekommen waren. Flugzeugabsturz über dem Atlantik.
Bumm! Zack! Aus und vorbei war meine Kindheit. Meine Naivität und meine Lebenslust gingen mit Fanfaren im salzigen Wasser unter, und ich ...
Ich dachte schon wieder daran.
Wie nahezu jedes Mal, wenn es mich in die Vergangenheit einsog, sobald ich über den gepflasterten Weg durch den wilden Vorgarten zur Wohnungstür ging, eine Handfläche auf den Touchscreen legte und das leise Klicken sowie das anschließende Aufschwingen der Kunststofftür erklangen.
Unter den leicht muffigen Geruch alter Wände mischte sich der zarte Duft von Vanille. Vielleicht bildete ich ihn mir auch nur ein, denn nach vier Jahren, in denen niemand mehr Waffeln gebacken oder sein liebstes Parfum aufgelegt hatte, konnte eigentlich nichts mehr davon übrig sein. Dennoch war Mutter in meinen Gedanken allgegenwärtig. Oder besser ihre Abwesenheit.
Noch schlimmer war es im Keller. Dort drangen aus jeder Ritze des Gesteins Holzspäne, und wenn ich meinem einzigen Hobby neben dem AR-Sport nachging und aus einfachen Zaunlatten geschwungene Unikate schliff, lag der Schatten meines Vaters über den Werkzeugen an der Wand.
Er ist verdammt penibel gewesen. Bei meinem Chaos kann ich wahrscheinlich froh sein, dass er es nie sehen wird.
Ich ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen und trat den direkten Weg zum Keller an. Die meisten Zimmer dort blieben mir verschlossen, weil meine Eltern mir verboten hatten, sie zu betreten. Natürlich könnte ich nachsehen, welche dunklen Geheimnisse sie vor mir versteckt hatten, aber ich wollte es gar nicht. Zum einen war da diese unsichtbare Abneigung gegen ihre Arbeit, die sie schlussendlich umgebracht hatte. Zum anderen hatte ich Angst, dass mich Erinnerungen einholen würden, die ich seit Jahren krampfhaft zu vergessen versuchte.
Stoisch folgte ich dem grauen Gang in die Werkstatt. Kleine Fenster nahe der Decke ließen den letzten Rest Tageslicht herein und tauchten die gegenüberliegende Wand in ein fast schon hypnotisch goldenes Leuchten.
Die Hämmer, Sägen und Zangen reflektierten es gleißend und warfen weiße Flecken auf den drei Meter breiten Tisch, auf dem sich Holzreste, Tackerpistolen, verklebte Pinsel und angetrocknete Glasuren in fleckigen Dosen stapelten. In den Ecken am Boden türmten sich Schmutz und Späne, Staub tanzte in der Luft, den ich durch meine Bewegungen aufwirbelte.
Mein Blick fiel auf das halb fertige Produkt des gestrigen Abends. Ich war zu grob vorgegangen und hatte die Holzlatte zu fest in die Halterung des Werktisches eingespannt. Ein langer Riss spaltete sie unrettbar. Ehe Wut und Frustration über dieses Missgeschick in mir aufflackern konnten, ging ich vorbei.
Ich nahm den abzweigenden Gang zur Waschküche, stopfte meine Sportklamotten in die Waschmaschine und startete sie. Anschließend stieß ich die Tür zur Außentreppe auf und ging mit der leeren Tasche zur Terrasse hoch. Die Betonstufen wirkten weiß und glatt, doch wenn ich meine Schritte daraufsetzte, federten sie. Der optische Filter meiner V-Sights löschte wahrscheinlich Moos und gammeliges Laub aus meinem Sichtfeld, anders konnte ich mir diesen Moderduft nicht erklären. Er zog sich durch den ganzen Garten, der von einer hohen, perfekt gestutzt wirkenden Hecke sowie einem innen liegenden Lattenzaun begrenzt wurde und im hinteren Teil sogar ein kleines Kiefernwäldchen beherbergte.
Das war schon eine seltsame Sache mit den optischen Filtern der V-Sights. Sie brauchten eine Verbindung zum Netz, um aktuell zu bleiben, denn die Datenströme der Satelliten wurden permanent an die Geräte weitergeleitet. Würde eine Katze vor meinen Augen überfahren werden, wäre ich unfreiwillige Zeugin. Eine Sekunde später hätten die V-Sights aber bereits ein Update runtergeladen und würden mir das Tier vielleicht eher als schlafend darstellen, oder die zerfetzten Eingeweide einfach komplett mit dem Bild von Asphalt überspielen, wenn der Träger die höchste Filterkraft eingestellt hatte.
Ich selbst dümpelte bei mittel herum und hatte sie im Arbeitskellerraum sogar gänzlich ausgestellt, um die Zaunlatten, an denen ich herumbastelte, auch genau so zu sehen, wie sie wirklich aussahen.
Erschöpft legte ich die Sporttasche zum Ausdünsten auf den Wäscheständer auf der Terrasse und wollte mich wieder umdrehen, als etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Wehe diese nervigen Kids schlafen wieder ihren Rausch in meiner Hecke aus!
Mit zusammengezogenen Augenbrauen und tausend bissigen Bemerkungen auf der Zunge ging ich die Treppen zum Garten hinab und überquerte den Löwenzahnteppich, den ich als Rasen bezeichnete. Da lag eindeutig ein Körper im kahlen Gestrüpp, allerdings wiesen der Mantel und die langen schwarzen Haare, die unter einer Strickmütze hervorlugten, nicht auf die Nachbarskinder hin.
Ich beugte mich hinunter und versuchte, durch die Zweige und Zaunlatten besser zu erkennen, um wen es sich handelte.
»He, du! Bist du tot? Dann würde ich dich bitten, dein Ableben anderswo zu zelebrieren. Das hier ist ein Privatgrundstück.«
Keine Antwort. Die Dame rührte sich nicht und machte auch keinen Mucks, obwohl ich sehen konnte, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte.
Genervt stand ich wieder auf und nahm den Umweg über das Gartentor. Das Haus auf der anderen Straßenseite war seit zwei Jahren verlassen. Manchmal schraubte ich die Filterstärke der V-Sights runter, um mir dessen Garten anzuschauen, der in eigentümlicher Schönheit verwilderte. Hinter den geschlossenen Fensterläden brannte nur Licht, wenn die Penner, die ab und zu vor besonders kalten Nächten oder sturzflutartigen Regenfällen Schutz suchten, von irgendwoher Batterien oder Kerzen aufgetrieben hatten. Meine Vorgehensweise, um betrunkene oder zugedröhnte Kids loszuwerden, war, sie einfach über die Straße zu schleppen und dort zwischen hohem Gras und stacheligen Brennnesseln zu sich kommen zu lassen.
Nicht mein Problem.
Dasselbe hatte ich nun auch mit der schlafenden Grazie vor, die ich kurzerhand an den Beinen auf den Gehweg zog.
Ihrem Stöhnen folgte eine ungezielte, schwache Handbewegung, doch das war nicht der Grund, weshalb ich in meinen Abschleppbemühungen innehielt.
Stutzig bemerkte ich die Feuchtigkeit an meiner linken Hand, und als ich sie vor die Augen hob, glänzte sie rot.
Ich sah die junge Frau an. »Blut?«
Sobald ich einen zweiten Blick auf meine Hand warf, war die Farbe verschwunden und sie wirkte, als ob ich in brackiges Wasser gegriffen hätte. Ich rieb die Finger aneinander. Kein Zweifel, die Flüssigkeit begann zu kleben. Die V-Sights hatten zwar gerade die Visualität adjustiert, doch gegen das Gefühl konnten sie nichts tun.
Die Frage war allerdings, was ich mit dieser Information anfangen sollte. Den Notruf wählen? Darauf wäre meine unliebsame Besucherin sicher selbst gekommen.
Ich sah die Straße hinab, ging einige Schritte und zählte stumm die feuchten Flecken auf dem Asphalt, von denen ich nun wusste, dass sie nicht vom Himmel gefallen waren.
Ist sie vor jemandem geflohen?
Ich überlegte angestrengt. Einfach liegenlassen, oder in den gegenüberliegenden Garten bringen, konnte ich die Frau mit den schwarzen Haaren nicht. Sie war verletzt und bewusstlos, das wäre nicht richtig.
Aber wollte ich mir Ärger einhandeln?
Ich ballte eine Faust.
Der Notruf erschien mir dann doch die bessere Idee.
Ich prüfte, ob ich diesen über die V-Sights der Dame absetzen konnte, doch sie trug offenbar keine. Irritiert beugte ich mich über sie und klopfte die Manteltaschen ab, auf der Suche nach einem Ausweis oder irgendetwas, das mir ihren Namen und ihr Geburtsdatum verriet, wie man es für den KI-Doc brauchte, der die Notrufe koordinierte. Natürlich ginge es auch ohne, aber der bürokratische Aufwand für mich wäre ungleich größer.
Gerade wollte ich am Mantel zerren, um auch die zweite Tasche zu überprüfen, auf der die Bewusstlose lag, da flatterten ihre Augenlider und sie packte mich am Handgelenk. Ich zuckte vor Schreck zusammen und versteifte mich.
»Wer bist du?«, fragte die Fremde schwach, sodass ich mich zu ihr hinunterbeugen musste, um sie zu verstehen.
»Geht dich nix an. Ich setze den Notruf für dich ab und das war‘s, Lolita. Und Pfoten weg!«, gab ich unwirsch zurück. Hätte sich der Griff um meinen Unterarm nicht ohnehin schon gelockert, würde ich mich gewaltbereit losreißen.
»Nein!« Die Fremde keuchte auf. »Auf keinen Fall den … Notruf … Bitte.« Ihre Augen rollten herum und sie verlor wieder das Bewusstsein.
Toll …
Damit stand ich wieder ganz am Anfang.
Keine Ahnung, wie lange ich dahockte. Eine Minute bestimmt, in der ich mir übers Gesicht rieb und frustriert stöhnte.
Ich hatte echt keine Lust auf Stress. Gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht nichts tun konnte. Verdammt, wie hoch standen die Chancen, jemand Bewusstlosen in seiner Hecke zu finden, der partout nichts mit den Offiziellen zu tun haben wollte? Das stank gewaltig und drängte mich außerdem in die unbequeme Lage, zu handeln.
Seufzend sah ich mich ein letztes Mal um. Man würde mich jedenfalls nicht für unterlassene Hilfeleistungen drannehmen. Diesem Planeten fehlte es ohnehin an Menschlichkeit.
Sei menschlich, so gut du es noch kannst, dachte ich, ging in die Knie und legte mir den Arm der Unbekannten um die Schulter. Sie war erstaunlich schwer, doch als ich ihre Hüfte stützte, schien Kraft in ihre Beine zurückzukehren, denn sie setzte schlurfende Schritte. Gemeinsam kämpften wir uns durch das Gartentor zur Terrasse.
Die Balkontür glitt automatisch zur Seite, sobald ich meine Hand auf den Touchscreen legte. Ich durfte nicht vergessen, ihn zu reinigen, sonst würde mich der Alarm, der eine zu große Verschmutzung anzeigte, schnell in den Wahnsinn treiben.
Ich bugsierte die Verletzte auf meine Couch aus schwarzem Kunstleder und bettete ihren Kopf auf ein Plüschkissen. Für einen Moment verharrte ich über ihr und überlegte mir den nächsten Schritt.
Inspektion. Situation einschätzen. Ausziehen!
Ich schnürte die teuflisch fest zugezogenen Stiefel auf und zog sie ab. Es folgte der Mantel, dessen Taschen so schwer waren, dass er vom Sofa glitt und mit einem dumpfen Aufprall auf dem Parkett aufschlug.
Ohne mich beirren zu lassen, nahm ich den Kasten unter dem Couchtisch hervor und förderte eine Schere zutage, mit der ich den dunklen Rollkragenpulli aufschnitt und mich zum vollgebluteten Unterhemd vorarbeitete.
Ich hörte die Warnung meiner Mutter, ich sollte bei Erster Hilfe unbedingt Handschuhe tragen – und als hätte dieser Gedanke irgendeinen Schalter umgelegt, leuchtete ebendiese Warnung auch in roten Buchstaben vor meinen Augen auf.
»Ja, ja«, murmelte ich, blinzelte zweimal und löschte damit den Hinweis in der erweiterten Realität.
Vorsichtig schob ich das Unterhemd nach oben. Es klebte am getrockneten Blut, das aus einer Wunde an der linken Seite zu kommen schien. Auch mehrmaliges Blinzeln half mir nicht, den Ursprung genau festzumachen, weshalb ich auf einen der verschiedenen visuellen Filter tippte, der mir hier in die Quere kam.
Ich zögerte, wischte dann über meine Smartwatch und schaltete sämtliche organischen Filter aus. Nach einem kurzen Flackern sprang mir das Rot des Blutes beinahe entgegen.
Ich starrte einen ganzen Atemzug lang fasziniert auf die glänzende Flüssigkeit, ehe mir auffiel, dass sie mit jedem Pulsschlag einen kleinen Hügel bildete, der danach wieder abflachte.
Mir kam eine Idee.
Ich gab den Befehl Maßnahmen für Erste Hilfe anzeigen in die V-Sights-App ein und wartete gespannt.
Theoretisch sollten die V-Sights das Bild vor mir analysieren können. Daran hatten meine Eltern zumindest gearbeitet, und mit der aktuellen Generation der AR-Linsen war dies erstmals eingeführt worden. Ich hatte diese Funktion nur noch nie benutzt, aber da tauchte auch schon eine deutlich lesbare Liste in der Luft vor mir auf. Stirnrunzelnd überflog ich die Zeilen.
Schusswunde am äußeren linken Abdomenbereich, direkt unter dem Rippenbogen. Der Position nach keine Verletzung der inneren Organe oder größerer Blutgefäße. Weitere Abklärung dringend empfohlen. Siehe hierzu auch Artikel Röntgen-V-Sights. Kurzvideo zu Erste-Hilfe-Maßnahmen abspielen?
»Abspielen.«
Während ich den Bildern folgte, fragte ich mich, wie Linsen dazu imstande sein sollten, Röntgenbilder zu machen. Diese Möglichkeit beeindruckte mich. So sehr, dass ich mir den Link zum Artikel abspeicherte und für später aufhob.
Mein Blick wanderte beständig vom Rücken der Couch zu der Pistole auf dem Küchentresen. Sie wirkte wie die Plastikimitate, die man zu Fasching trug und die maximal so laut knallten, dass man einen Hörsturz befürchten konnte. Schlimmstenfalls.
Dieses Exemplar hier wog jedoch zu viel, um aus billigem Kunststoff zu bestehen. Nein, es war ganz sicher aus kaltem, hartem Eisen, das wie elektrisiert von meinen Fingerspitzen abgestoßen wurde.
Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es allein durch seine Anwesenheit eine Delle in dem Holz hinterlassen würde. Oder einen Brandfleck. Oder reinätzte.
Ich musste mein gesamtes technisches Geschick aufbringen, die Barrieren und Sicherungen in meinen V-Sights zu umgehen und den nötigen Scan durchführen zu lassen, der meine Vermutung bestätigte, dass die Schusswunde in Schneewittchens Seite von dieser Waffe herrührte. Nicht jedoch diejenige in ihrem Oberschenkel.
Es fehlten allerdings drei weitere Kugeln im Magazin, und außer den Fingerabdrücken meines Gastes waren noch andere darauf zu finden.
Zugegeben, ich war etwas stolz darauf, meine V-Sights zu all diesen Scans gebracht zu haben. Ich besaß zwar nicht die stinknormalen Alltags-Geräte, die siebenundachtzig Prozent der AR-Linsentragenden Bevölkerung nutzten, sondern die Sport-Variante, aber selbst die war weit von den Hightech-Monstern entfernt, die Mediziner, Polizei oder Feuerwehr gebrauchten. Ohne staatliche Förderung waren die einfach viel zu teuer.
Tja, ich bin wohl doch die Tochter meiner Eltern, überlegte ich. Ein wenig technisches Verständnis muss mir ja im Blut liegen.
Natürlich überschlugen sich meine Spekulationen.
Wer war diese Frau, die kaum älter sein konnte als ich? An ihrem Körper war kein einziges Gramm Fett, sie war durchtrainiert wie diese ganzen Fitnessheinis aus den Sozialen Medien. Zu gern hätte ich ihre V-Sights angezapft, um ihre Vitalfunktionen zu überprüfen, aber Madam war wohl von der altmodischen Sorte.
Also musste ich darauf hoffen, dass ich den Anweisungen im Video ordentlich Folge geleistet hatte und warten, bis sie wach wurde, um sie mit Fragen zu löchern.
Meine Fingerkuppen juckten. Ich hatte sie mit so viel Seife geschrubbt, dass die Haut ganz sensibel geworden war.
Draußen war es inzwischen stockfinster. Ich hatte den Touchscreen der Terrassentür geputzt, die Rollläden heruntergefahren und sämtliche Türen doppelt gesichert. Und obwohl man meinen könnte, ich wäre es nach vier Jahren Einsamkeit in diesem riesigen Haus gewohnt zu warten, beschwor das mulmige Gefühl in meiner Magengegend die Art von Übelkeit, die mich vor fast jedem AR-Spiel befiel. Genau wie das leichte Vibrieren meiner Muskeln, als würde ich in Eiswasser baden.
Wieder fiel mein Blick auf die Pistole. Die Blutflecke fielen auf ihrem dunklen Hintergrund kaum auf.
Etwas zog an meinen Mundwinkeln. Erstaunt bemerkte ich das winzige Lächeln – die Erkenntnis fiel mir wie Schuppen von den Augen.
Ich fühlte mich lebendig!
Beschwingt rutschte ich vom Barhocker und holte tief Luft.
Sie könnte eine Mörderin auf der Flucht sein. Eine Prostituierte, die beschlossen hat, sich gegen ihren Zuhälter oder vielleicht einen Freier zu wehren. Aber für eine Hure ist sie nicht aufgestylt genug.
Ich ging zum Sofa und stützte mich an der Lehne ab, während ich die schwarzhaarige Fremde beim Schlafen beobachtete.
Sie ist hübsch. Angeschlagen und offensichtlich ziemlich fertig, aber irgendwie ...
Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Ohne es zu merken, wollte ich die dunklen Strähnen beiseiteschieben, um die Frau besser betrachten zu können.
Sie hatte die schmalen Lippen leicht geöffnet. Ich hörte ihren Atem in kurzen Abständen entweichen. Ihre Augen bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern unruhig hin und her und auf ihrer linken Wange zog sich ein oberflächlicher Kratzer Richtung Ohr. Schweiß glänzte auf ihren Schläfen und an ihrem Hals.
Sie würde ein Bad brauchen, um all das Blut, die Erde, die abgebrochenen Zweige und Schottersteine vom Körper zu spülen.
Ihre Wunden, beide glatte Durchschüsse, hatte ich nach bestem Gewissen und strikt nach Anleitung gereinigt und anschließend mit Sprühpflastern versiegelt. Bei der Menge an Schürf- und Platzwunden, die ich durch meinen Sport erlitt, hatte ich mir einen ganzen Schrank voller Verbandsmaterial angeschafft. Prellungen, Brüche, Verstauchungen, Bänder- oder Sehnenrisse - es gab keinen Zeitpunkt, zu dem mein Körper unversehrt war. Selbst jetzt kurierte ich einen langen blauen Fleck an der Hüfte aus, den ich mir verdient hatte, weil ich gegen ein Trainingshindernis gerannt war. Der Zeitverlust, den ich dabei erlitt, hatte Stina einem Tobsuchtsanfall nahe gebracht. Wenn man sich für die AS-Landesmeisterschaft qualifizieren wollte, stolperte man eben nicht über eine flatternde Reißverschlusslasche.
Als würde dieser Gedanke in direktem Kontakt zu meinem Parasympathikus stehen, schlug die Müdigkeit wie eine Welle über mir zusammen. Ich streckte den Rücken durch und verzog das Gesicht, als meine Muskeln protestierten.
An den Trainingsplan halten, klar. Etwas Wellness wäre eher angebracht!
Ganz kurz nur flackerte der Gedanke in mir auf, ob ich Stina, oder besser unsere Krankenpflegerin Mel, über meine Patientin informieren und um Rat fragen sollte, aber es war ziemlich deutlich, dass diese jede Aufmerksamkeit vermeiden wollte.
Ich ging um die Couch herum und breitete auch die zweite dunkelbraune Kuscheldecke über der Fremden aus. Dabei kam ich mit dem Gesicht sehr nah an ihres und hielt einen Moment inne. Kleine Falten furchten ihre blasse Stirn und liefen in drei Linien zwischen ihren Augenbrauen nach unten.
Sie ist zweifellos attraktiv …
Verwirrt über diesen Gedanken stopfte ich die Decke in die Spalte zwischen Körper und Couch, schob den kleinen Tisch fort, damit sich die Fremde nicht versehentlich den Kopf an der Kante anschlug, und durchquerte das Wohnzimmer. Im Flur blickte ich noch einmal zurück, ehe ich das Licht löschte und mich mental darauf vorbereitete, diese Nacht kein Auge zu zumachen.
Regional:
Frankfurt am Main zieht Fazit aus 5 Jahren verkehrsberuhigter Innenstadt. Im September 2037 wurde das Herz der Weltmetropole weiträumig abgesperrt. Nur Anwohner und Kurierdienste dürfen seither durch die Fußgängerzonen rollen und den dortigen Luftraum nutzen. Laut Oberbürgermeisterin Stanic habe dies zu einer signifikanten Verbesserung der Luftqualität und Attraktivität in diesem Bereich geführt. Zusammen mit der seit 2035 in Betrieb genommenen HGMB, die das U-Bahnsystem abgelöst hat, sei die Klimabilanz auf den tiefsten Stand seit 2020 abgesunken.
Wirtschaft:
Solapteras auf Vormarsch. Die solarbetriebenen Mini-Cars aus Kanada erfreuen sich auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Durch ihre ergonomische Form verbrauchen sie bis zu 30 % weniger Energie als herkömmliche Elektroautos. Das Besondere: Aufgrund ihrer Größe und Leistung dürfen bereits 16-Jährige diese Fahrzeuge führen. Außerdem sind sie mit einem Preis von unter 10.000 Euro vergleichsweise günstig.
Sport:
Die IFAS – die International Federation of Augmented Sports – übernimmt die Beisetzungskosten von Vera Ilić und bedauert in einem offenen Brief an die Familie der verstorbenen serbischen AR-Sportlerin die Umstände, die zu deren Suizid geführt haben. Ilić habe in der serbischen Unversehrten-Liga nicht genug verdient, um ihre Familie zu ernähren, weshalb sie sich die Beine amputieren ließ, um als Enhanced-Player in die oberste Liga aufzusteigen. Eine absichtliche Selbstverstümmelung ist von Verbandsrichtlinie jedoch strikt verboten, weshalb Ilić gänzlich vom AR-Sport ausgeschlossen wurde. Ihr Tod sei die traurige Konsequenz eines unethischen Systems, lautet die Anklage der Angehörigen. Die IFAS hat nun angekündigt, die Verbandsrichtlinien sowie die Gehälter der verschiedenen Ligen zu überdenken.
Der bunte Geruch von Eiern mit Speck und angebratenen Zwiebeln hob mich aus dem dämpfenden Nebel des Schlafes.
Meine Lider zitterten vor Anstrengung, und statt des kalten weißen Lichtes meiner Kammer begrüßte mich ein blinder Kronleuchter, der von staubigen Spinnweben verhangen wurde.
Wo bin ich?
Ich wagte es nicht, auch nur einen Finger zu rühren. Stattdessen durchforstete ich mein Gedächtnis nach den letzten Erinnerungen.
Nichts. Absolute Leere.
Geschirr klapperte und mein Herz setzte zum Galopp an. Ich riss die Augen weit auf, horchte auf verräterische Schritte und kämpfte gegen das Rauschen in meiner Halsschlagader an.
Meine Seite begann dumpf zu klopfen – dann fiel mir die Hetzjagd wieder ein.
Die Flucht durch den Bahnhof, die Schüsse, die Seitengasse und die Fahrt in der Magnetbahn. Das halb bewusstlose Stolpern durch die Straßen und das plötzliche Verlöschen aller Lichter.
Kurz gesagt: mein Versagen.
Ich muss rausfinden, wo ich bin!
Ich drehte den Kopf und starrte eine schwarze Sofalehne an. Auf der anderen Seite glitt mein Blick über eine weiße Wand bis zu einem chaotischen Couchtisch, auf dem sich Bücher mit gewellten Seiten, benutzte Tassen und Stifte stapelten. Mir fiel ein geöffneter Umschlag auf – gewöhnlich wurde jegliche Post elektronisch versandt – atmete probeweise etwas tiefer ein und zuckte nur wenig zusammen.
Aushaltbare Schmerzen beim Atmen, das ist gut.
Mit dieser Information wagte ich es, mich aufzusetzen.
Diesmal explodierte meine Seite und ich stöhnte auf.
Schritte.
»Oh, du bist wach.«
Obwohl ich die Lider zusammenpresste, filterte ich aus diesen vier Wörtern eine Menge heraus.
Es handelte sich höchstwahrscheinlich nicht um eine Apis. Wir verschwendeten keine Luft für offensichtliche Bemerkungen. Andererseits könnte das der Tarnung dienen. Dagegen sprach wiederum, dass ich noch lebte. Meine, der Stimme nach zu urteilen, weibliche Gastgeberin wurde außerdem von dem Duft begleitet, der meinen Hunger und somit mich geweckt hatte. Natürlich könnte sie in der anderen Hand eine Waffe halten, doch als ich die Augen öffnete, war da nur eine Gabel.
»Bist du allein, Clare?«, fragte ich das Mädchen mit den kinnlangen blonden Haaren, von denen einige Strähnen der Erdanziehungskraft vehement trotzten.
Sie trug einen hellrosa Schlafanzug mit kleinen weißgelben Häschen darauf, die so verwaschen waren, dass ich im ersten Moment dachte, sie hätte sich das Rührei drüber gekippt.
Auf ihrem Gesicht standen Erstaunen und Misstrauen. »Ähm ... Woher weißt du, wie ich heiße?«
Ich rührte mich nicht. »Deine Post«, gab ich zurück und verbarg meine Erleichterung darüber, dass sie mir nicht sofort widersprochen hatte. Eine Gegnerin weniger als befürchtet.
Clares Blick wanderte zum Couchtisch und Erkenntnis keimte darin auf. »Oh, okay.« Sie sah wieder zu mir.
Hoffentlich merkt sie nicht, wie schwach ich bin.
Ich lehnte zwar halb gegen den Sofarücken, doch das Vibrieren meiner Muskeln und der leichte Schwindel brachten mich in keine gute Position.
»Ja, also ... Nein, ich bin nicht allein.«
Ich biss die Zähne zusammen.
Sie grinste schief. »Du bist hier, oder? Aber wenn du wissen wolltest, ob ich allein lebe, dann ja. Nur ich und dieses große, leere, hallende Haus.«
Während Clare das sagte, sah sie sich im Zimmer um, als würde sie etwas suchen. Oder jemanden. Kurz wirkte sie betrübt, doch meine Sicht war leidlich eingeschränkt und kaum etwas, auf das ich mich momentan zu einhundert Prozent verlassen konnte.
Clare setzte sich auf den schwarzen Sessel am Kopfende des Couchtisches und zog die Nase hoch. Dabei musterte sie mich mit einem seltsamen, für mich nicht einzuordnenden Blick. »Und wer bist du?«
Kurz stockten meine Gedanken. War das eine Falle? Eine Frage, deren Antwort eines Codewortes bedurfte, das ich nicht kannte? Oder schätzte ich es gerade ganz falsch ein und ich brachte nicht nur mich, sondern auch Clare in Gefahr, falls sie bloß eine Zivilistin mit Helfersyndrom war?
So oder so, Kollateralschäden gab es überall. Für mich wäre es gefährlicher, sie nicht als Gegnerin zu betrachten.
»Lynn«, antwortete ich deshalb wahrheitsgemäß und beobachtete, wie sich die Züge in Clares Gesicht änderten.
»Und weiter?«
»Es geht nicht weiter.«
»Warum? Du musst doch einen Nachnamen haben.«
Vermutlich musste ich das. Ich erinnerte mich nur nicht. Außerdem war es belanglos.
Clares Finger verkrampften sich um die Gabel. Bisher hatte sie ihr Ei nicht angerührt. »Okay ...« Sie schluckte. »Warum wurdest du angeschossen?«
Ich zog die Augenbrauen zusammen. War das eine Alibifrage, um ihr wahres Ich zu verbergen?
