Vampire und andere Kleinigkeiten - Charlaine Harris - E-Book

Vampire und andere Kleinigkeiten E-Book

Charlaine Harris

4,7
6,99 €

Beschreibung

Neues aus dem "Sookieversum" Fünf übernatürliche Erzählungen um die Lieblingskellnerin aller Vampirfreunde, die telepathisch begabte Sookie Stackhouse. Sookie wird in heftige Turbulenzen verwickelt, bekommt ein höchst appetitliches Geschenk, erfährt mehr über ihre überraschend weitverzweigte Familie und macht sich mit Hexe Amelia daran, herauszufinden, wer es auf die Versicherungsvertreter von Bon Temps abgesehen hat. Band 8 der Sookie-Stackhouse-Reihe bei dtv

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EPUB

Seitenzahl: 187




Charlaine Harris

Vampire und

andere Kleinigkeiten

Deutsch von Britta Mümmler

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutsche Erstausgabe 2012© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, StuttgarteBook ISBN 978-3-423-41011-3 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21343-1Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/​ebooks

Für all die Leser, die nach jeder Einzelheit über Sookie dürsten

Vorbemerkung

Als ich zum ersten Mal gebeten wurde, eine Kurzgeschichte über meine Heldin Sookie Stackhouse zu schreiben, war ich nicht sicher, ob ich das überhaupt kann. Sookies Leben und Entwicklung sind so vielschichtig, dass ich nicht wusste, ob ich eine in sich stimmige Erzählung entwerfen könnte, die ihr gerecht wird.

Ich weiß immer noch nicht, ob es mir gelungen ist, aber es auszuprobieren hat viel Spaß gemacht. Einige Versuche waren sicher erfolgreicher als andere. Denn es war schon ziemlich schwierig, die Kurzgeschichten so in den größeren Rahmen von Sookies Lebensgeschichte einzufügen, dass keine Unstimmigkeiten auftraten. Die Erzählung, die ich von allen am liebsten geschrieben habe, die sich aber– sosehr ich mich auch bemühte– nicht in die chronologische Lücke fügen wollte, in die sie gehört, habe ich für diese Ausgabe etwas zu glätten versucht (»Draculas Geburtstag«).

Die hier erzählten Geschichten ereignen sich in Sookies Leben in folgender Reihenfolge: »Elfenstaub« (aus ›Powers of Detection‹), »Draculas Geburtstag« (aus ›Happy Bissday‹), »Kurze Antworten schaden nie« (aus ›Bite‹), »Glückspilze« (aus ›Unusual Suspects‹) und »Ein unvergessliches Weihnachtsfest« (aus ›Werwölfe zu Weihnachten‹).

»Elfenstaub« handelt von den Elfendrillingen Claudine, Claude und Claudette. Nach dem Mord an Claudette bitten Claudine und Claude Sookie darum, ihnen bei der Suche nach dem Schuldigen zu helfen. Claude bringt in dieser Erzählung etwas Wertvolles in seinen Besitz. Die Handlung von »Elfenstaub« spielt nach den Ereignissen von ›Der Vampir, der mich liebte‹.

In »Draculas Geburtstag« lädt Eric Sookie ins Fangtasia ein, um Draculas Geburtstag zu feiern, eine alljährliche Party, die Eric vor lauter Vorfreude kaum erwarten kann, weil Dracula sein großer Held ist. Leider stellt sich dann heraus, dass derjenige, der sich auf der Geburtstagsparty als Dracula zu erkennen gibt, ebenso gut auch nicht der echte Dracula sein könnte. Eric feiert die Party zu Ehren von »Draculas Geburtstag« vor ›Vampire bevorzugt‹.

Nach ›Vampire bevorzugt‹ erreicht Sookie in »Kurze Antworten schaden nie« die Nachricht vom Tod ihrer Cousine Hadley. Die traurige Neuigkeit wird Sookie von dem Halbdämon und Anwalt Mr.Cataliades überbracht, der einen grässlichen Fahrer hat und einen unerwarteten Passagier in seiner Limousine.

»Glückspilze« ist eine heitere Geschichte, die in der Zeit nach ›Vampire schlafen fest‹ spielt. Die Hexe Amelia Broadway und Sookie versuchen herauszufinden, wer die Versicherungsvertreter von Bon Temps schädigt.

In »Ein unvergessliches Weihnachtsfest« bekommt Sookie am Heiligabend höchst unerwarteten Besuch. Sie ist allein und badet ziemlich in Selbstmitleid, bis ihr ein verwundeter Werwolf schließlich ein befriedigendes Geschenk macht. Mich freut vor allem, dass sie vor den grauenvollen Ereignissen in ›Vampirgeflüster‹ so interessante Feiertage verlebt.

Es hat mir viel Vergnügen bereitet, all diese Erzählungen zu schreiben. Manche sind ganz und gar heiter angelegt, andere eher ernst, aber sie alle beleuchten jeweils eine kleine Facette von Sookies Leben und Erlebnissen, die ich in den Romanen nicht festgehalten habe. Ich hoffe, es macht allen genauso viel Spaß, sie zu lesen, wie es mir Spaß gemacht hat, sie zu schreiben.

Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Charlaine Harris

Elfenstaub

Ich hasse es, wenn Elfen ins Merlotte’s kommen. Ehrlich, sie geben fast nie Trinkgeld– nicht, weil sie geizig sind, sie vergessen es einfach. Claudine zum Beispiel, die Elfe, die jetzt gerade zur Tür hereinkam: 1,80Meter groß, langes dunkles Haar, hinreißend schön. Es schien ihr weder an Geld noch an schicken Klamotten zu mangeln (und auf Männer wirkte sie so unwiderstehlich wie eine Wassermelone auf Fliegen), aber Claudine dachte kaum mal daran, auch nur einen einzigen Dollar dazulassen. Und mittags muss man für sie auch noch das Schälchen mit den Zitronenscheiben vom Tisch nehmen. Elfen reagieren absolut allergisch auf Zitronen und Limetten, genauso wie Vampire auf Silber und Knoblauch.

Als Claudine an diesem späten Januarabend hereinkam, hatte ich sowieso schon schlechte Laune. Ich war sauer auf meinen Exfreund Bill Compton, alias Bill der Vampir; mein Bruder Jason, der mir helfen sollte, einen schweren alten Schrank zu verrücken, hatte mich wieder mal vertröstet; außerdem hatte ich in der Post meinen Grundsteuerbescheid gefunden.

Als Claudine sich an einen meiner Tische setzte, ging ich also nicht gerade bester Laune zu ihr hinüber.

»Keine Vampire da?«, fragte sie geradeheraus. »Nicht mal Bill?«

Vampire mögen Elfen auf dieselbe Weise wie Hunde Knochen: großartiges Spielzeug, gefundenes Fressen. »Heute Abend nicht«, erwiderte ich. »Bill ist unten in New Orleans. Ich kümmere mich um seine Post.« Schön blöd, ich weiß.

Claudine entspannte sich. »Liebste Sookie«, sagte sie.

»Was willst du haben?«

»Oh, eins dieser ekligen Biere, glaube ich«, sagte sie und zog eine Grimasse. Claudine trank nicht sonderlich gern, obwohl sie gern in Bars ging. Wie die meisten Elfen liebte sie Aufmerksamkeit und Bewunderung. Mein Boss Sam hatte mir erzählt, das sei typisch für Elfen.

Ich brachte ihr das Bier. »Hast du eine Minute Zeit?«, fragte sie. Ich runzelte die Stirn. Claudine wirkte nicht so fröhlich wie sonst.

»Mach’s kurz.« Die Männer am Tisch neben der Tür johlten und riefen schon nach mir.

»Ich habe einen Job für dich.«

Hm, das würde heißen, dass ich mit Claudine zu tun hätte, die ich zwar mochte, der ich aber nicht vertraute. Trotzdem war ich interessiert. Geld konnte ich schließlich immer gebrauchen. »Was soll ich denn für dich tun?«

»Ich möchte, dass du dir die Gedanken einiger Menschen anhörst.«

»Wollen diese Menschen das?«

Claudine sah mich mit unschuldigem Augenaufschlag an. »Wie meinst du das, Schätzchen?«

Wie ich dieses Theater hasste. »Wollen sie, dass ich ihnen, äh, zuhöre?«

»Es sind Gäste meines Bruders Claude.«

Ich hatte nicht mal gewusst, dass Claudine einen Bruder hatte. Ehrlich gesagt, wusste ich sowieso nicht allzu viel über Elfen; Claudine war die einzige, der ich je begegnet war. Wenn sie eine typische Elfe sein sollte, war ich mir nicht sicher, wie das Elfenvolk die Ausrottung überlebt hatte. Und dass der Norden Louisianas ausgerechnet Geschöpfen des magischen Elfenglaubens gegenüber besonders gastfreundlich war, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dieser Teil des Bundesstaates ist sehr ländlich und sehr bibeltreu. Meine kleine Heimatstadt Bon Temps, die kaum groß genug ist für einen eigenen Wal-Mart, hat ja sogar erst zwei Jahre, nachdem die Vampire ihre Existenz verkündet hatten und ihre Absicht, nun friedlich unter uns leben zu wollen, einen zu Gesicht bekommen. Aber vielleicht war diese Verzögerung gar nicht so schlecht gewesen, so hatten sich die Leute hier immerhin schon mal an den Gedanken gewöhnt, als Bill auftauchte.

Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese politisch korrekte Toleranz den Vampiren gegenüber ziemlich schnell verpuffen würde, wenn meine lieben Mitbürger wüssten, dass es auch noch Wergeschöpfe, Gestaltwandler und Elfen gab. Und wer weiß, was sonst noch alles.

»Okay, Claudine. Wann?«

Die Rowdys am Tisch neben der Tür johlten und schrien immer lauter. »Hey, verrückte Sookie! Hey, verrückte Sookie!« So was taten die Leute nur, wenn sie zu viel getrunken hatten. Ich war dran gewöhnt, aber es tat trotzdem weh.

»Wann hast du heute Feierabend?«

Wir machten aus, dass Claudine mich, eine Viertelstunde nachdem ich mit der Arbeit fertig war, bei mir zu Hause abholen würde. Sie ging, ohne ihr Bier auszutrinken. Und ohne Trinkgeld zu geben, klar.

Mein Boss, Sam Merlotte, wies mit einem Kopfnicken auf die Tür, durch die sie gerade verschwunden war. »Was wollte die Elfe von dir?« Sam ist selbst ein Gestaltwandler.

»Ich soll einen Job für sie erledigen.«

»Einen Job? Wo denn?«

»Vermutlich dort, wo sie wohnt. Sie hat einen Bruder, wusstest du das?«

»Soll ich dich begleiten?« Sam ist ein guter Freund, die Sorte guter Freund allerdings, über die man manchmal auch so seine Fantasien hat.

Die aber nicht jugendfrei sind.

»Danke, aber mit Claudine komme ich schon klar.«

»Und der Bruder? Den kennst du doch gar nicht.«

»Mir wird schon nichts passieren.«

Ich bin daran gewöhnt, die Nacht zum Tag zu machen, nicht nur weil ich Kellnerin bin, sondern auch weil ich lange mit Bill zusammen war. Als Claudine mich von meinem alten Haus im Wald abholte, hatte ich Zeit gehabt, mein Merlotte’s-Outfit gegen eine schwarze Jeans und ein graugrünes Twinset (aus dem Ausverkauf bei JCPenney) zu tauschen, denn die Nacht war kühl. Mein Haar hatte ich aus dem Pferdeschwanz gelöst.

»Du solltest Blau statt Grün tragen«, meinte Claudine, »das passt besser zu deinen Augen.«

»Na, vielen Dank auch für den Modetipp.«

»Oh, gerne doch.« Claudine klang, als freute sie sich, mir in Stilfragen behilflich sein zu können. Doch ihr sonst so strahlendes Lächeln schien von Traurigkeit getrübt.

»Was soll ich denn über diese Menschen herausfinden?«, fragte ich.

»Darüber reden wir, wenn wir dort sind«, erwiderte sie, und danach sagte sie gar nichts mehr, während wir Richtung Osten fuhren. Was höchst ungewöhnlich war, denn sonst plapperte Claudine unentwegt. Langsam beschlich mich das Gefühl, dass es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen sein könnte, diesen Job anzunehmen.

Claudine und ihr Bruder wohnten in einem großen Haus im Ranchstil außerhalb von Monroe, einer Stadt, die nicht nur einen Wal-Mart hatte, sondern ein ganzes Einkaufscenter. Sie klopfte in einem bestimmten Rhythmus an die Tür. Nach einer Minute wurde die Tür geöffnet. Ich staunte nicht schlecht. Claudine hatte mit keinem Wort erwähnt, dass ihr Bruder ihr Zwilling war.

Wenn Claude die Sachen seiner Schwester angezogen hätte, wäre er als Claudine durchgegangen; es war geradezu unheimlich. Sein Haar war kürzer, aber nicht sehr viel; er hatte es im Nacken zusammengebunden, doch so, dass seine Ohren bedeckt waren. Seine Schultern waren breiter, aber ich konnte nicht die Spur eines Bartes entdecken, nicht mal so spät in der Nacht. Hatten männliche Elfen etwa keine Körperbehaarung? Claude sah aus wie ein Unterwäschemodel von Calvin Klein; ehrlich, wenn der da gewesen wäre, hätte er die Zwillinge umgehend einen Vertrag unterschreiben lassen, der sicher voller Sabber gewesen wäre.

Claude trat einen Schritt zurück, um uns hereinzulassen. »Ist sie das?«, fragte er Claudine.

Sie nickte. »Sookie, das ist mein Bruder Claude.«

»Freut mich«, sagte ich und streckte die Hand aus. Etwas erstaunt griff er danach und schüttelte sie. Dann sah er seine Schwester an. »Sie ist ja ziemlich vertrauensselig.«

»Menschen eben«, sagte Claudine achselzuckend.

Claude führte mich durch ein sehr traditionell eingerichtetes Wohnzimmer und einen holzgetäfelten Flur entlang bis in einen weiteren Wohnraum. Dort saß ein Mann auf einem Stuhl– das allerdings nur, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb. Er war daran gefesselt mit etwas, das aussah wie Nylonschnüre. Er war ein kleiner muskulöser Mann mit blondem Haar und braunen Augen, etwa so alt wie ich, sechsundzwanzig.

»Hey«, rief ich, und es gefiel mir gar nicht, dass meine Stimme so piepsig klang, »warum ist dieser Mann gefesselt?«

»Na, weil er sonst weglaufen würde«, meinte Claude etwas erstaunt.

Ich schlug die Hände vors Gesicht. »Hört mal, ihr beiden«, sagte ich dann. »Es macht mir ja nichts aus, mir diesen Typen da anzugucken, falls er irgendwas verbrochen hat oder falls ihr ihn als Verdächtigen ausschließen wollt im Zusammenhang mit irgendeinem Verbrechen an euch. Aber falls ihr nur herausfinden wollt, ob er euch wirklich liebt oder irgend so was Albernes… Warum haltet ihr ihn fest?«

»Wir glauben, dass er unseren Drilling Claudette ermordet hat.«

Fast hätte ich gefragt: »Ihr wart sogar zu dritt?« Doch mir fiel gerade noch rechtzeitig auf, dass das wohl kaum der wichtigste Teil von Claudes Antwort gewesen war.

»Ihr glaubt, dass er eure Schwester ermordet hat?«

Claudine und Claude nickten gleichzeitig. »Heute Abend«, fügte Claude hinzu.

»Verstehe«, murmelte ich und beugte mich über den Blonden. »Ich nehme ihm mal den Knebel ab.«

Die beiden Elfen sahen nicht sehr glücklich drein, aber ich zog ihm das Taschentuch trotzdem aus dem Mund. »Ich war’s nicht«, platzte der junge Mann sofort heraus.

»So weit, so gut erst mal. Wissen Sie, was ich bin?«

»Nein. Aber Sie sind keine von denen, oder?«

Ich hatte keine Ahnung, wofür er Claude und Claudine hielt oder welches kleine Geheimnis ihres übernatürlichen Daseins sie ihm verraten hatten. Ich strich mein Haar zur Seite, um ihm zu zeigen, dass meine Ohren rund waren und nicht spitz, doch damit war er noch nicht zufrieden.

»Und auch kein Vampir?«, fragte er.

Also zeigte ich ihm meine Zähne. Die Eckzähne schnellen zwar nur hervor, wenn Vampire durch Blut, Kampf oder Sex erregt sind, aber auch in eingefahrenem Zustand sind sie auffallend spitz. Meine Eckzähne sind ziemlich durchschnittlich.

»Ich bin bloß ein ganz normaler Mensch«, sagte ich. »Na ja, so ganz stimmt das auch wieder nicht. Ich kann Ihre Gedanken lesen.«

Er sah zu Tode erschrocken aus.

»Wovor haben Sie Angst? Wenn Sie niemanden ermordet haben, haben Sie doch nichts zu befürchten.« Ich legte in meine Stimme einen Schmelz wie von Butter, die über einem Maiskolben zerfließt.

»Was werden die mit mir machen? Was, wenn Ihnen ein Fehler unterläuft und Sie sagen, dass ich es war? Was werden die dann mit mir machen?«

Gute Frage. Ich sah die beiden an.

»Wir töten ihn und fressen ihn auf«, sagte Claudine mit einem hinreißenden Lächeln. Als der Blonde mit vor Schreck aufgerissenen Augen von ihr zu Claude sah, zwinkerte sie mir zu.

Soweit ich wusste, hätte Claudine das genauso gut ernst meinen können. Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich sie schon jemals etwas hatte essen sehen. Wir bewegten uns hier auf gefährlichem Terrain. Ich versuche immer, mich auf die Seite der Menschen zu schlagen, wenn ich kann. Oder zumindest, sie lebend aus solchen Situationen zu befreien.

Ich hätte Sams Angebot besser annehmen sollen.

»Ist dieser Mann der einzige Verdächtige?«, fragte ich die Zwillinge. (Sollte ich sie Zwillinge nennen? Genau genommen waren sie ja zwei Drittel eines Drillingspaares. Nee. Zu kompliziert.)

»Nein, wir haben noch einen Mann in der Küche«, sagte Claude.

»Und eine Frau in der Speisekammer.«

Unter anderen Umständen hätte ich gelächelt. »Warum seid ihr so sicher, dass Claudette tot ist?«

»Na, sie kam in Geistergestalt zu uns und hat es uns erzählt.« Wieder sah Claude mich erstaunt an. »Es ist ein Todesritual des Elfenvolkes.«

Ich richtete mich wieder auf und versuchte, mir die eine oder andere intelligente Frage einfallen zu lassen. »Beschreibt der Geist euch denn nicht die Umstände seines Todes, wenn so was passiert ist?«

»Nein«, erwiderte Claudine kopfschüttelnd; ihr langes dunkles Haar schwang hin und her. »Es ist eher so etwas wie ein endgültiges Lebewohl.«

»Habt ihr die Leiche gefunden?«

Jetzt wirkten sie beide empört. »Wir lösen uns auf«, erklärte Claude in ziemlich hochmütigem Ton.

So viel dazu, dass man die Leiche untersuchen könnte.

»Könnt ihr mir sagen, wo Claudette war, als sie sich, äh, auflöste?«, fragte ich. »Je mehr ich weiß, desto gezielter kann ich Fragen stellen.« Das Gedankenlesen ist nämlich gar nicht so einfach. Nur wenn man die richtigen Fragen stellt, bekommt man auch die Antworten, nach denen man sucht. Der Mund kann alles sagen. Der Kopf lügt zwar nie. Aber wenn man nicht die richtigen Fragen stellt, taucht auch nicht der richtige Gedanke auf.

»Claudette und Claude sind Erotiktänzer im Hooligans«, sagte Claudine so stolz, als würde sie verkünden, dass sie einem Olympiateam angehören.

Ich hatte noch nie zuvor Stripper kennengelernt, weder männliche noch weibliche. Und ich muss sagen, dass ich mehr als nur ein wenig daran interessiert war, Claude einmal strippen zu sehen. Doch ich zwang mich, mich auf die verstorbene Claudette zu konzentrieren.

»Aha. Hat Claudette heute Abend denn gearbeitet?«

»Sie hatte Kassendienst. Es war Damenabend im Hooligans.«

»Oh. Okay. Dann bist also nur du, äh, aufgetreten«, sagte ich zu Claude.

»Genau. Es gibt zwei Shows am Damenabend. Ich war der Pirat.«

Vor meinem geistigen Auge stieg eine Fantasie auf, die ich zu unterdrücken versuchte.

»Und dieser Mann da?« Ich wies mit einem Kopfnicken auf den Blonden, der sich ganz gut hielt, was das Bitten und Betteln anging.

»Ich bin auch Stripper«, erzählte er selbst. »Ich war der Polizist.«

Okay. Einfach rein mit diesen Fantasien in eine Kiste und draufsetzen.

»Wie heißen Sie denn?«

»Barry der Barbier, aber das ist nur mein Bühnenname. Eigentlich heiße ich Ben Simpson.«

»Barry der Barbier?« Ich war verwirrt.

»Ich rasiere die Leute eben gern.«

Einen Augenblick lang stand ich total auf der Leitung. Doch als ich begriff, dass er nicht den Bartwuchs meinte, sondern den Haarwuchs in einer ganz anderen Körperregion, spürte ich, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. »Und wer sind die anderen beiden?«, fragte ich die Zwillinge.

»Die Frau in der Speisekammer ist Rita Child. Ihr gehört das Hooligans«, sagte Claudine. »Und der Mann in der Küche heißt Jeff Puckett. Er ist der Rausschmeißer.«

»Warum habt ihr von all den Angestellten im Hooligans gerade diese drei herausgepickt?«

»Weil sie Streit hatten mit Claudette. Sie war eine sehr temperamentvolle Frau«, sagte Claude ernst.

»Temperamentvoll, hah, so ein Scheiß!«, rief Barry der Barbier und bewies damit, dass gutes Benehmen keine zwingende Voraussetzung für einen Job als Stripper ist. »Die Frau war die wandelnde Hölle.«

»Ihr Charakter ist nicht wichtig, wenn es darum geht, herauszufinden, wer sie ermordet hat«, betonte ich, was ihn sofort verstummen ließ. »Er könnte aber darauf hinweisen, warum. Erzähl bitte weiter«, sagte ich zu Claude. »Wo wart ihr drei? Und wo waren die Leute, die ihr hier festhaltet?«

»Claudine war hier und hat Abendessen für uns gekocht. Sie arbeitet bei Dillard’s im Kundenservice.« Das machte sie sicher großartig; ihre nie versiegende gute Laune könnte jeden beschwichtigen. »Und Claudette hat, wie schon gesagt, am Eingang den Eintritt kassiert«, fuhr Claude fort. »Barry und ich sind in beiden Shows aufgetreten. Rita bringt die Einnahmen der ersten Show immer in den Safe, damit Claudette nicht mit dem ganzen Bargeld an der Kasse sitzt. Wir sind schon ein paarmal ausgeraubt worden. Jeff saß die meiste Zeit auf seinem Stuhl hinter Claudette, in einer Nische gleich beim Haupteingang.«

»Wann ist Claudette verschwunden?«

»Irgendwann kurz nach Beginn der zweiten Show. Rita sagt, sie hat die Einnahmen der ersten Show von Claudette geholt und in den Safe gebracht und dass Claudette noch an der Kasse saß, als sie ging. Aber Rita hasste Claudette, weil sie das Hoolingans verlassen und ins Foxes wechseln wollte, und ich wäre mit ihr gegangen.«

»Ist das Foxes ein anderer Nachtclub?« Claude nickte. »Warum wolltet ihr gehen?«

»Bessere Gagen, größere Garderoben.«

»Okay, das könnte Ritas Motiv sein. Was ist mit Jeffs?«

»Jeff und ich hatten was miteinander«, sagte Claude. (So viel zu den Fantasien, mein Piratenschiff sank.) »Claudette sagte immer zu mir, dass ich mit ihm Schluss machen sollte, dass ich was Besseres haben könnte.«

»Und hast du in Liebesdingen auf ihren Rat gehört?«

»Sie war nun mal die Älteste von uns, um einige Minuten jedenfalls«, erwiderte er wie selbstverständlich. »Aber ich lie-… ich mag Jeff eben sehr.«

»Was ist mit Ihnen, Barry? Was hatten Sie gegen Claudette?«

»Sie hat mir meinen Auftritt ruiniert«, sagte Barry verärgert.

»Wie hat sie das denn gemacht?«

»Als ich mich gerade vollständig auszog, rief sie laut: ›Zu schade, dass dein Schlagstock nicht länger ist!‹«

Tja, es sah ganz danach aus, als hätte Claudette es darauf angelegt, zu sterben.

»Okay«, sagte ich, bereit, zur Tat zu schreiten. Ich kniete mich vor Barry hin und legte meine Hände auf seine Arme. Er zuckte zusammen. »Wie alt sind Sie?«

»Fünfundzwanzig«, erwiderte Barry, aber seine Gedanken übermittelten mir eine andere Antwort.

»Das ist doch gar nicht wahr, oder?«, hakte ich mit sanfter Stimme nach.

Er hatte eine großartige Sonnenbräune, fast so schön wie meine, doch darunter wurde er blass. »Nein«, gab er mit erstickter Stimme zu. »Ich bin dreißig.«

»Das habe ich ja gar nicht gewusst«, sagte Claude, doch Claudine forderte ihn auf, still zu sein.

»Und warum mochten Sie Claudette nicht?«

»Sie hat mich vor dem Publikum beleidigt«, erwiderte er. »Das habe ich doch schon gesagt.«

In seinen Gedanken nahm ich jedoch etwas ganz anderes wahr. »Und privat? Hat sie privat etwas zu Ihnen gesagt?« Tja, Gedankenlesen ist nun mal nicht wie Fernsehgucken. Die Leute ordnen die Dinge in ihren Gedanken nicht so, wie sie es tun würden, wollten sie jemand anderem eine Geschichte erzählen.

Barry wirkte verlegen und gleichzeitig noch wütender. »Genau, privat. Wir hatte eine Zeit lang Sex miteinander, und eines Tages dann war sie einfach nicht mehr interessiert.«

»Hat sie Ihnen gesagt, warum?«

»Sie sagte, ich sei… unzulänglich.«

Das war nicht die Formulierung, die Claudette benutzt hatte. Er tat mir richtig leid, als ich den genauen Wortlaut in seinen Gedanken las.

»Was haben Sie heute Abend zwischen den Shows gemacht, Barry?«

»Wir hatten eine Stunde Zeit. Also habe ich zwei Rasuren eingeschoben.«

»Werden Sie dafür bezahlt?«

»Na klar.« Er grinste freudlos. »Glauben Sie etwa, ich würde wildfremden Leuten den Schritt rasieren, ohne mich dafür bezahlen zu lassen? Schließlich mache ich ein großes Ritual daraus und tue so, als würde es mich anmachen. Ich kriege jeweils hundert Dollar.«

»Wann haben Sie Claudette zuletzt gesehen?«

»Als ich rausging, um meinen ersten Kunden zu treffen, gleich nach dem Ende der ersten Show. Sie und ihr Lover standen bei der Kasse. Dort hole ich immer meine Kunden ab.«

»Haben Sie mit Claudette gesprochen?«

»Nein, ich habe sie bloß angeguckt.« Er klang traurig. »Ich sah Rita, sie war mit der Geldtasche auf dem Weg zur Kasse, und Jeff saß hinten in der Nische auf dem Stuhl, auf dem er immer sitzt.«

»Und dann sind Sie wieder gegangen, um diese Rasur zu machen?«

Er nickte.

»Wie lange dauert so was?«

»Im Allgemeinen etwa dreißig, vierzig Minuten. Zwei Termine einzuplanen war also etwas riskant, aber es hat geklappt. Ich mache es in der Garderobe, und die anderen sind so nett, so lange draußen zu bleiben.«

Er entspannte sich immer mehr, die Gedanken in seinem Kopf flossen schon viel ruhiger und leichter dahin. Sein erster Termin an diesem Abend war eine Frau gewesen, die so spindeldürr war, dass er gefürchtet hatte, sie könnte ihm bei der Rasur unter den Händen wegsterben. Sie hatte sich für wunderschön gehalten, und es hatte ihr offensichtlich Spaß gemacht, ihm ihren Körper zu zeigen. Ihrem Freund hatte das Ganze einen richtigen Kick gegeben.