Vampirgeflüster - Charlaine Harris - E-Book

Vampirgeflüster E-Book

Charlaine Harris

4,4
6,99 €

Beschreibung

Spannung mit Biss! Für Sookie Stackhouse, die gedankenlesende Kellnerin, ist das Leben mit Vampiren und Werwölfen nichts Besonderes. Im Gegenteil: Sie hat mehr mit übernatürlichen Wesen zu tun, als ihr lieb ist, seit die Vampire vor einigen Jahren ihre Existenz öffentlich gemacht haben. Für die meisten Menschen sind sie jedoch rätselhafte und unheimliche Wesen geblieben. Jetzt wollen es die Werwölfe den Vampiren nachtun und sich ebenfalls outen. Das scheint zunächst gut zu gehen. Doch dann wird ein junger Werwolf in der Nähe der Bar, in der Sookie arbeitet, gefunden – grausam ermordet. Sookie ahnt nicht, dass dem kleinen Ort Bon Temps noch weitaus größere Gefahren drohen: Eine Gruppe von uralten Wesen, die vollkommen im Verborgenen existiert haben, rüstet sich zum Kampf ... Band 6 der Sookie-Stackhouse-Reihe bei dtv

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EPUB

Seitenzahl: 424




Charlaine Harris

Vampirgeflüster

Roman

Deutsch von Britta Mümmler

Deutsche Erstausgabe

© 2010dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41314-5 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21222-9

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/​ebooks

|5|Kapitel 1

»Hellhäutige Vampire sollten nie Weiß tragen«, begann der Fernsehmoderator. »Wir haben Devon Dawn, die erst seit zehn Jahren Vampirin ist, heimlich dabei gefilmt, wie sie sich zum Ausgehen zurechtmacht. Und jetzt sehen Sie sich dieses Outfit an! Es steht ihr überhaupt nicht!«

»Was denkt sie sich bloß dabei?«, fiel eine Frau gehässig ein. »Total in den Neunzigern stecken geblieben! Schauen Sie sich nur die Bluse an– wenn man das überhaupt so nennen kann. Ihr Hautton schreit geradezu nach kontrastierenden Farben, und was zieht sie an? Etwas Elfenbeinfarbenes! Das macht sie doch erst recht leichenblass.«

Ich band mir gerade die Schuhe zu, aber jetzt sah ich auf, um nicht zu verpassen, wie sich die beiden Modefreaks auf ihr glückloses Opfer stürzten– oh, Entschuldigung, auf die glückliche Vampirin natürlich, die gleich unfreiwillig eine Stilberatung bekommen würde. Und die außerdem sicher hocherfreut darüber war, dass ihre Freundinnen sie bei der Modepolizei angeschwärzt hatten.

»Das geht bestimmt nicht gut aus«, sagte Octavia Fant. Meine Mitbewohnerin Amelia Broadway hatte Octavia zwar sozusagen in mein Haus hineingemogelt– nachdem |6|ich ihr in einem Augenblick der Schwäche eher beiläufig ein Zimmer angeboten hatte–, aber das Zusammenwohnen funktionierte recht gut.

»Devon Dawn, das hier ist Bev Leveto von ›Fashion Vamp‹, und ich bin Todd Seabrook. Ihre Freundin Tessa hat uns angerufen, weil Sie dringend eine Stilberatung in Sachen Mode brauchen! Wir haben Sie an den letzten beiden Abenden heimlich gefilmt, und– AAACKK!« An Todds Gurgel blitzte eine weiße Hand auf und hinterließ nichts als ein gähnendes rötliches Loch. Fasziniert folgte die Kamera Todd, der wankend zu Boden ging, ehe die Linse wieder auf den Kampf zwischen Devon Dawn und Bev Leveto gerichtet wurde.

»Meine Güte«, sagte Amelia. »Sieht aus, als würde Bev gewinnen.«

»Bessere Taktik«, erwiderte ich. »Ist dir aufgefallen, dass sie Todd als Ersten durch die Tür gehen ließ?«

»Ich habe sie überwältigt«, rief Bev auf dem Bildschirm triumphierend. »Devon Dawn, während Todd seine Stimmbänder zusammenklaubt, durchforsten wir mal Ihren Kleiderschrank. Eine Frau, die ewig leben will, kann es sich nicht leisten, geschmacklos gekleidet herumzulaufen. Vampire dürfen nicht in ihrer Vergangenheit stehen bleiben. Wir müssen stets mit der Mode gehen!«

Devon Dawn wimmerte. »Aber mir gefallen meine Sachen! Sie sind ein Teil von mir! Oh, Sie haben mir den Arm gebrochen.«

»Das heilt wieder. Sie wollen doch wohl nicht als die arme kleine Vampirin gelten, die es nicht hinkriegt, oder? Und Sie wollen sicher auch nicht selbst Vergangenheit werden!«

|7|»Äh, eigentlich nicht…«

»Na also! Ich lasse Sie jetzt los. Und wenn ich Todd so husten höre, würde ich sagen, ihm geht’s auch schon wieder besser.«

Ich schaltete den Fernseher aus und band mir den anderen Schuh zu. Über Amerikas neue Sucht nach Vampir-Reality-Shows konnte ich nur noch den Kopf schütteln. Doch der Anblick meines preiselbeerroten Mantels, den ich aus dem Wandschrank zog, erinnerte mich umgehend daran, dass ich selbst einige höchst reale Probleme mit Vampiren hatte. Im Vampirkönigreich Louisiana hatten vor zweieinhalb Monaten die Vampire aus Nevada die Macht übernommen, und seitdem war Eric Northman vollauf damit beschäftigt, seine Stellung innerhalb des neuen Regimes zu festigen und herauszufinden, was vom alten noch übrig war.

Es war längst überfällig, dass ich mit Eric mal über seine frisch wiederaufgetauchten Erinnerungen an unsere seltsam intensive gemeinsame Zeit plauderte. Eigentlich hatte er damals ja aufgrund eines Fluchs oder Hexenzaubers sein Gedächtnis zeitweise verloren.

»Was macht ihr denn heute Abend, während ich arbeite?«, fragte ich Amelia und Octavia, weil ich noch ein weiteres Fantasiegespräch mit Eric wirklich nicht gebrauchen konnte. Ich zog den Mantel an. Im Norden Louisianas wird es nie so entsetzlich kalt wie im richtigen Norden, aber an diesem Spätnachmittag hatte es keine zehn Grad mehr, und wenn ich aus der Arbeit kam, würde es noch kälter sein.

»Meine Nichte und ihre Kinder holen mich zum Abendessen ab«, erzählte Octavia.

Amelia und ich tauschten einen überraschten Blick, als |8|Octavia ihren Kopf wieder über die Bluse beugte, die sie gerade flickte. Es war das erste Mal, dass sie ihre Nichte treffen würde, seit sie aus deren Wohnung in mein Haus gezogen war.

»Tray und ich werden heute Abend wohl in die Bar kommen«, sagte Amelia hastig, um die kleine Pause zu überdecken.

»Dann sehen wir uns also im Merlotte’s.« Ich war schon seit Jahren Kellnerin dort.

»Oh, dieses Nähgarn hat ja die falsche Farbe«, rief Octavia und lief die Diele hinunter in ihr Zimmer.

»Und mit Pam triffst du dich gar nicht mehr?«, fragte ich Amelia. »Dann ist das mit Tray und dir also was Ernstes.« Ich steckte mein weißes T-Shirt noch etwas ordentlicher in meine schwarze Hose und blickte in den alten Spiegel über dem Kaminsims. Mein Haar war zwar zu einem Pferdeschwanz gebunden, wie immer zur Arbeit, aber ich entdeckte trotzdem ein langes blondes Haar auf meinem flammendroten Mantel und zupfte es ab.

»Pam war nur ein Strohfeuer, und sie sieht das sicher genauso. Aber Tray mag ich wirklich«, erzählte Amelia. »Das Geld meines Vaters scheint ihm egal zu sein, und es stört ihn auch nicht, dass ich eine Hexe bin. Und im Bett macht er mich richtig heiß. Es läuft also alles bestens.« Amelia grinste mich so breit an wie eine Katze, die gerade einen Kanarienvogel verspeist hat. Sie mochte ja aussehen wie eine dieser typischen Vorstadtmütter– kurzes, glänzendes Haar, schönes Zahnpastalächeln, funkelnde Augen–, doch sie war äußerst interessiert an Sex, und zwar (im Gegensatz zu mir) in vielerlei Richtungen.

»Er ist ein guter Kerl«, erwiderte ich. »Hast du ihn schon als Werwolf gesehen?«

|9|»Nein. Aber ich freue mich schon darauf.«

Amelia war eine außergewöhnlich klare Senderin, doch der Gedanke, den ich da eben auffing, erschreckte mich. »Es ist bald so weit? Sie treten an die Öffentlichkeit?«

»Würdest du das bitte sein lassen!« Amelia ließ es sonst stets kalt, dass ich Gedanken lesen konnte, heute jedoch nicht. »Ich will nicht die Geheimnisse anderer Leute verraten, okay?«

»Tut mir leid«, sagte ich, und das meinte ich auch so. Aber ich war trotzdem leicht eingeschnappt. Wenigstens in meinem eigenen Haus sollte ich mich doch etwas entspannen und die Schutzbarrieren herunterfahren dürfen, mit denen ich meine Fähigkeit sonst abblockte. Schließlich war es schon anstrengend genug, sie jeden Tag bei der Arbeit aufrechtzuerhalten.

Amelia erwiderte sogleich: »Mir tut’s auch leid. Hör mal, ich muss mich jetzt fertig machen. Bis später.« Leichtfüßig lief sie die Treppe in den ersten Stock hinauf, der kaum genutzt worden war, bis sie mich vor einigen Monaten aus New Orleans hierher begleitete. So war sie dem Hurrikan Katrina entgangen, ganz im Gegensatz zur armen Octavia.

»Tschüs, Octavia. Viel Spaß heute Abend!«, rief ich und ging durch die Hintertür zu meinem Auto.

Während ich die lange Auffahrt entlangfuhr, die durch den Wald zur Hummingbird Road führte, fragte ich mich, wie die Chancen wohl standen, dass Amelia und Tray zusammenblieben. Tray, ein Werwolf, betrieb eine kleine Reparaturwerkstatt für Motorräder und arbeitete gelegentlich als Bodyguard. Und Amelia war eine vielversprechende junge Hexe, deren Vater unermesslich |10|reich war, sogar noch nach Katrina. Der Hurrikan hatte die meisten Materiallager seines Bauunternehmens verschont und ihn auf Jahrzehnte hinaus mit ausreichend Aufträgen versorgt.

Laut Amelias Gedanken war’s heute Abend so weit– nein, Tray wollte ihr keinen Heiratsantrag machen, heute Abend würde Tray sein Coming-out haben. Trays Zweigestaltigkeit war ein großes Plus in den Augen meiner Mitbewohnerin, die ein Faible fürs Exotische hatte.

Ich betrat das Merlotte’s durch den Hintereingang für Angestellte und ging direkt in Sams Büro. »Hey, Boss«, sagte ich, als ich ihn hinter dem Schreibtisch sitzen sah. Sam war Buchhaltung eigentlich verhasst, doch das war genau das, woran er gerade saß. Aber vielleicht war ihm die Arbeit auch eine willkommene Ablenkung, denn Sam wirkte irgendwie beunruhigt. Sein Haar war noch verwuschelter als üblich, und seine goldblonden Locken umstanden sein angespanntes Gesicht wie ein Heiligenschein.

»Mach dich auf was gefasst. Heute Abend ist es so weit«, sagte er.

Ich war sehr stolz, dass er es mir doch noch selbst sagte; und weil er beinahe wie ein Echo meine eigenen Gedanken ausgesprochen hatte, musste ich unwillkürlich lächeln. »Ich bin auf alles gefasst. Du kannst auf mich zählen.« Meine Handtasche verstaute ich wie üblich in der tiefen Schublade der Kommode. Dann ging ich mir eine Schürze umbinden. Ich sollte Holly ablösen, doch nachdem ich mit ihr über die Gäste an unseren Tischen geredet hatte, sagte ich: »Du solltest heute Abend hierbleiben.«

Sie warf mir einen taxierenden Blick zu. Holly ließ sich |11|seit einiger Zeit die Haare wachsen, so dass die schwarzen Haarfransen wie in Teer getaucht aussahen. Ihre natürliche Farbe zeichnete sich bereits gut zwei Zentimeter am Ansatz ab und entpuppte sich als ein hübsches Hellbraun. Sie hatte sich so lange die Haare gefärbt, dass ich das schon komplett vergessen hatte. »Worum geht’s? Lohnt sich’s, deswegen Hoyt warten zu lassen?«, fragte sie. »Er und Cody sind dicke Freunde, aber ich bin immer noch Codys Mama.« Hoyt, der beste Freund meines Bruders Jason, war von Holly erhört worden. Jetzt folgte er ihr überallhin.

»Du solltest noch eine Weile bleiben.« Ich sah sie an und hob vielsagend die Augenbrauen.

»Die Wergeschöpfe?« Ich nickte, und sie grinste über das ganze Gesicht. »Oh, Junge! Arlene wird komplett ausrasten.«

Arlene, unsere Kollegin und einstige Freundin, hatte sich vor einigen Monaten von der neuesten Flamme in der endlosen Reihe ihrer Liebhaber politisch aufklären lassen und stand jetzt irgendwo rechts von Attila dem Hunnenkönig, vor allem was Vampire anging. Ja, sie war sogar der Bruderschaft der Sonne beigetreten, einer religiösen Sekte, bei der nur der Name harmlos war. Im Augenblick stand sie gerade an einem ihrer Tische und führte ein ungeheuer gewichtiges Gespräch mit ihrem Freund, Whit Spradlin, irgend so einem BdS-Funktionär, der tagsüber in einem der Baumärkte von Shreveport arbeitete. Er hatte eine deutlich sichtbare kahle Stelle auf dem Kopf und einen Bauchansatz, was grundsätzlich kein Ausschlusskriterium für mich war. Seine politische Einstellung dagegen schon. Und er war natürlich mit einem Kumpel gekommen. Diese BdS-Typen schienen |12|immer im Rudel aufzutreten– genau wie eine andere Minderheit, die sie bald kennenlernen sollten.

Mein Bruder Jason war auch da, er saß an einem Tisch mit Mel Hart. Mel Hart arbeitete in Bon Temps’ Einkaufsmarkt für Autozubehör und war etwa in Jasons Alter, vielleicht einunddreißig. Ein schlanker, durchtrainierter Mann mit hellbraunem Haar, Vollbart und einem ansprechenden Gesicht. In letzter Zeit hatte ich Jason öfter mit Mel gesehen. Jason musste wohl irgendwie die Lücke füllen, die Hoyt hinterlassen hatte. Er fühlte sich einfach nicht wohl ohne besten Freund an der Seite. Heute Abend waren beide in Begleitung einer Frau gekommen. Mel war geschieden, aber Jason dem Gesetz nach immer noch verheiratet, so dass er sich öffentlich eigentlich nicht mit einer anderen sehen lassen sollte. Doch das verübelte ihm keiner. Seine Frau Crystal war beim Ehebruch mit einem Typen hier aus der Stadt auf frischer Tat ertappt worden.

Soweit ich wusste, war die schwangere Crystal wieder zurück in das kleine Dorf Hotshot zu ihren Verwandten gezogen. (Dort konnte sie praktisch in jedes Haus einziehen und würde immer bei Verwandten wohnen. Genau um die Sorte Dorf handelte es sich.) Mel Hart war auch in Hotshot geboren, aber einer der wenigen der Sippe, die beschlossen hatten, woandershin zu ziehen.

Bill, mein Exfreund, saß mit einem anderen Vampir namens Clancy an einem Tisch, was mich ziemlich überraschte. Clancy war alles andere als mein Lieblingsfreund, auch wenn er zu den Untoten zählte. Sie hatten beide eine Flasche TrueBlood vor sich stehen. Soweit ich wusste, war Clancy noch nie einfach so auf einen Drink ins Merlotte’s gekommen, und schon gar nicht mit Bill.

|13|»Hallo, Jungs, braucht ihr Nachschub?«, fragte ich und setzte mein strahlendstes Lächeln auf. In Bills Nähe war ich immer etwas nervös.

»Ja, bitte«, erwiderte Bill höflich. Clancy schob mir bloß seine leere Flasche zu.

Also ging ich hinter die Bar, holte zwei weitere Flaschen TrueBlood aus dem Kühlschrank, öffnete sie und stellte sie in die Mikrowelle. (Fünfzehn Sekunden lang ist am besten.) Dann schüttelte ich die Flaschen sachte und tat die warmen Drinks zusammen mit frischen Servietten auf mein Tablett. Bills kühle Hand berührte meine leicht, als ich ihm seinen Drink hinstellte.

»Wenn du zu Hause mal irgendwie Hilfe brauchst, ruf mich bitte an«, sagte er.

Es war freundlich gemeint, das wusste ich, aber irgendwie unterstrich es noch zusätzlich meinen aktuellen männerlosen Status. Bill wohnte quasi direkt gegenüber von mir, einmal quer über den alten Friedhof, und so oft, wie er des Nachts umherstreifte, wusste er wohl nur zu gut, dass ich keinen Gefährten hatte.

»Danke, Bill«, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln. Clancy lächelte nur spöttisch.

Dann kamen Tray und Amelia ins Merlotte’s, und nachdem er Amelia an einen Tisch gebracht hatte, ging Tray, alle Leute rundum grüßend, an die Bar. Sam kam aus dem Büro und trat auf den kräftigen Mann zu, der mindestens zehn Zentimeter größer war als mein Boss und fast doppelt so breit. Sie grinsten sich vielsagend an, was Bill und Clancy sofort in Alarmbereitschaft versetzte.

Und da wurde plötzlich in den Fernsehern, die im ganzen Raum in regelmäßigen Abständen angebracht |14|waren, mit einem Jingle die aktuelle Sportberichterstattung unterbrochen. Die Gäste der Bar drehten sich, aufmerksam geworden, zu den Bildschirmen um, und der Geräuschpegel sank, weil sich nur noch hier und da vereinzelt Leute unterhielten. »Spezial«, flimmerte es in Riesenlettern über die Bildschirme, ehe ein Nachrichtensprecher mit kurz geschnittenem, gegeltem Haar und todernster Miene in feierlichem Ton sagte: »Ich bin Matthew Harrow. Heute Abend haben wir ein Spezial für Sie. Wie in allen Nachrichtenredaktionen im ganzen Land haben auch wir hier in Shreveport einen Gast in unserem Studio.«

Die Kamera fuhr zurück, um das Blickfeld zu erweitern, und eine schöne Frau rückte ins Bild. Ihr Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor. Mit eingeübter Geste winkte sie in die Kamera. Sie trug so eine Art Kaftan, ziemlich unmöglich für einen Fernsehauftritt.

»Das ist Patricia Crimmins, die vor einigen Wochen nach Shreveport gezogen ist. Patty– ich darf Sie doch Patty nennen?«

»Eigentlich werde ich Patricia genannt«, erwiderte die brünette Frau. Jetzt erinnerte ich mich: Sie gehörte zu dem Rudel, das von Alcides Rudel geschluckt worden war. Eine wirklich bildschöne Frau, und der Teil von ihr, der nicht unter diesem Kaftan verschwand, sah fit und durchtrainiert aus. Sie lächelte Matthew Harrow an. »Ich bin heute Abend als Vertreterin eines Volkes hier, das schon seit vielen Jahren unter Ihnen lebt. Und weil sich der Schritt an die Öffentlichkeit für die Vampire so bewährt hat, haben wir beschlossen, dass es nun auch für uns an der Zeit ist, Ihnen von unserer Existenz zu berichten. Immerhin sind Vampire ja sogar tot. Sie sind nicht |15|einmal Menschen. Im Gegensatz zu uns, wir sind genau so wie Sie alle, mit nur einem kleinen Unterschied.« Sam drehte die Lautstärke auf. Gespannt auf das, was jetzt kommen mochte, begannen die Leute in der Bar auf ihren Stühlen hin- und herzurücken.

Das Lächeln des Nachrichtensprechers war so eingefroren, wie es nur sein konnte, und er war sichtlich nervös. »Wie interessant, Patricia! Was– was sind Sie denn?«

»Vielen Dank, dass Sie gleich danach fragen, Matthew! Ich bin eine Werwölfin.« Patricia umschlang mit den Händen das eine Knie ihrer übereinandergeschlagenen Beine und wirkte kess genug, um Gebrauchtwagen zu verkaufen. Da hatte Alcide wirklich eine gute Wahl getroffen. Und außerdem war sie… tja, hoffentlich wurde sie nicht gleich wieder auf der Stelle ermordet… seine Neue.

Jetzt herrschte Grabesstille im Merlotte’s, während das Wort von Tisch zu Tisch die Runde machte. Bill und Clancy waren aufgestanden und hatten sich an den Tresen gestellt. Nun verstand ich. Sie waren hier, um für Frieden zu sorgen, falls es nötig wurde. Sam musste sie gebeten haben, heute Abend zu kommen. Tray begann sein Hemd aufzuknöpfen. Sam trug ein langärmeliges T-Shirt, das er sich jetzt über den Kopf zog.

»Heißt das, Sie verwandeln sich bei Vollmond in eine Wölfin?« Matthew Harrow bebte und war bemüht, sein Lächeln aufrechtzuerhalten und einfach nur mit interessierter Miene dreinzublicken. Seine Bemühungen blieben jedoch recht erfolglos.

»Und auch zu anderen Zeiten«, erklärte Patricia. »Bei Vollmond müssen sich die meisten von uns verwandeln, aber die vollblütigen Wergeschöpfe unter uns können es |16|auch zu anderen Zeiten. Es gibt viele verschiedene Wertiere, doch ich verwandle mich in eine Wölfin. Werwölfe sind unter den Zweigestaltigen die größte Gruppe. Und nun werde ich Ihnen allen zeigen, was für ein erstaunlicher Vorgang das ist. Und haben Sie keine Angst. Ich überstehe das unbeschadet.« Sie zog die Schuhe aus, aber den Kaftan nicht. Da verstand ich plötzlich. Sie trug das Ding, damit sie sich nicht vor laufender Kamera nackt ausziehen musste. Patricia kniete sich hin und lächelte ein letztes Mal in die Kamera, ehe ihr Körper sich zu verzerren begann. Die Luft um sie herum flirrte vor lauter Magie, und durch das Merlotte’s hallte ein einstimmiges »Ooooooo«.

Patricia hatte mit ihrer Verwandlung im Fernsehstudio kaum begonnen, da taten Sam und Tray es ihr nach, an Ort und Stelle. Sie trugen altes Unterzeug, das ruhig in Fetzen gehen konnte. Die Gäste im Merlotte’s waren hin- und hergerissen zwischen dem Fernsehschirm, auf dem sich eine wunderschöne Frau in ein Tier mit langen weißen Zähnen verwandelte, und dem Spektakel vor ihren Augen, wo zwei ihnen wohlbekannte Männer genau dasselbe taten. Überall in der Bar ertönten Ausrufe, die man fast alle in anständiger Gesellschaft nicht wiederholen konnte. Jasons Begleiterin, Michele Schubert, stand sogar auf, um besser sehen zu können.

Ich war so stolz auf Sam. Das erforderte eine Menge Mut, zumal er ein Geschäft betrieb, bei dem es nicht zuletzt darauf ankam, dass die Leute ihn mochten.

Und im nächsten Augenblick war es auch schon geschehen. Sam, einer der seltenen reinen Gestaltwandler, hatte sich in sein mir vertrautestes Wesen, einen Collie, verwandelt. Er kam zu mir gelaufen, setzte sich vor mich |17|hin und heulte freudig auf. Ich tätschelte seinen Kopf. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und er schien mich anzulachen. Trays Tiergestalt war sehr viel ehrfurchtgebietender. Große Wölfe sind im ländlichen Norden von Louisiana nur sehr selten zu sehen– ach, sagen wir, wie’s ist: Sie machen einem Angst. Die Leute wichen besorgt zurück und hätten vielleicht sogar die Flucht ergriffen, wenn Amelia sich nicht neben Tray gehockt und ihm den Arm um den Nacken gelegt hätte.

»Er versteht jedes Wort«, sagte sie aufmunternd zu den Leuten am Nachbartisch. Amelia hatte ein ganz wunderbares Lächeln, offen und ehrlich. »Hey, Tray, bring ihnen das hier.« Sie reichte ihm einen der Bierdeckel des Merlotte’s, und Tray Dawson, einer der unerbittlichsten Kämpfer sowohl in Wolfs- wie in Menschengestalt, trottete brav zu der Frau am Nebentisch und legte ihr den Bierdeckel in den Schoß. Sie blinzelte, zögerte und brach schließlich in ein Kichern aus.

Sam leckte mir die Hand.

»Oh, du großer Gott!«, kreischte Arlene. Whit Spradlin und sein Kumpel waren aufgesprungen. Ein paar der anderen Gäste wirkten auch nervös, aber keiner von ihnen hatte so heftig reagiert.

Bill und Clancy sahen mit ausdruckslosen Mienen zu. Es war nicht zu übersehen, dass sie in Alarmbereitschaft waren und beim geringsten Ärger eingreifen würden. Doch bislang lief alles bestens bei dieser Großen Offenbarung. Die Nacht der Großen Enthüllung der Vampire war nicht so glimpflich verlaufen, vermutlich weil es der erste große Schock für die Gesellschaft der Normalbürger war, dem in den Jahren darauf noch weitere folgten. Doch allmählich waren die Vampire zu angesehenen |18|Einwohnern Amerikas geworden, auch wenn ihre Bürgerrechte noch in mancher Hinsicht beschnitten waren.

Sam und Tray liefen unter den Leuten umher und ließen sich streicheln, als wären sie ganz normale gezähmte Tiere. Der Nachrichtensprecher im Fernsehen hatte sichtlich zu zittern begonnen, seit er sich mit der schönen weißen Wölfin konfrontiert sah, in die Patricia sich verwandelt hatte.

»Seht euch den an, der hat so ’ne Angst, der macht sich gleich ins Hemd!«, rief D’Eriq, unsere Hilfskraft, und lachte laut los. Die Anspannung der Gäste im Merlotte’s ließ so weit nach, dass die Leute sich überlegen fühlen konnten. Immerhin hatten sie das alles doch ziemlich gelassen hingenommen.

»Vor so ’ner hübschen Lady«, rief Jasons neuer bester Freund Mel, »muss doch keiner Angst haben, selbst wenn sie ein bisschen haart.« Und das Gelächter und die Entspannung griffen noch weiter um sich in der Bar, ein Glück. Auch wenn ich’s ziemlich ironisch fand, dass den Leuten das Lachen sicher im Halse stecken geblieben wäre, wenn auch Jason und Mel sich verwandelt hätten. Sie waren beide Werpanther, Jason konnte sich allerdings nicht vollständig verwandeln.

Nach diesem Gelächter spürte ich, dass alles gut ausgehen würde. Auch Bill und Clancy gingen, nach einem wachsamen Blick in die Runde, zurück an ihren Tisch.

Whit und Arlene waren total perplex, wie locker die Leute um sie herum das alles nahmen. Arlenes Gedanken waren ein einziges wildes Gewirr. Sie wusste überhaupt nicht, wie sie reagieren sollte. Sam war schließlich schon einige Jahre lang unser Boss. Wenn sie ihren Job nicht verlieren wollte, würde sie den Mund halten müssen. |19|Doch ich konnte auch ihre Angst und die heraufbrodelnde Wut wahrnehmen, die gleich hinter diesen Gedanken lauerten. Whit kannte sowieso nur eine einzige Reaktion auf alles, was er nicht verstand: Er hasste es, und Hass ist ansteckend. Er sah seinen Trinkkumpan an, und die beiden wechselten düstere Blicke.

In Arlenes Hirn purzelten die Gedanken herum wie die Lotteriebälle in der Kugel vor der Ziehung. Es war schwer zu sagen, welcher zuerst zum Vorschein kommen würde.

»Herrgott, schlagt ihn tot!«, brach es plötzlich aus ihr heraus. Der Lotterieball Hass hatte gewonnen.

Ein paar Leute riefen: »Oh, Arlene!«,… aber sie hörten ihr zu.

»Es ist gegen Gott und die Natur!«, schrie Arlene wütend, und ihr rot gefärbtes Haar schien unter der Wucht ihrer Worte geradezu zu erzittern. »Sollen eure Kinder etwa umgeben von diesen… diesen Kreaturen leben?«

»Unsere Kinder haben immer umgeben von diesen Kreaturen gelebt«, erwiderte Holly ebenso laut. »Wir wussten es nur nicht. Und es ist noch nie jemandem etwas passiert.« Jetzt stand auch sie vom Stuhl auf.

»Gott wird uns strafen, wenn wir die nicht totschlagen«, rief Arlene und zeigte theatralisch auf Tray. Inzwischen war ihr Gesicht fast ebenso rot wie ihr Haar. Whit sah sie zustimmend an. »Ihr versteht nicht! Wir landen alle in der Hölle, wenn wir denen die Welt nicht wieder entreißen! Seht doch hin, wen die sich geholt haben, um uns Menschen in Schach zu halten!« Sie fuhrwerkte mit dem Zeigefinger in der Luft herum, um auf Bill und Clancy zu deuten. Da die beiden jedoch längst wieder auf ihren Stühlen saßen, verlor sie etwas an Boden.

|20|Jetzt setzte ich mein Tablett auf dem Tresen ab und trat einen Schritt vor, die Hände zu Fäusten geballt. »Wir hier in Bon Temps kommen alle miteinander aus«, sagte ich, und es gelang mir, ruhig und sachlich zu sprechen. »Du scheinst die Einzige zu sein, die damit nicht klarkommt, Arlene.«

Arlene warf finstere Blicke in die Runde und versuchte, verschiedenen Gästen direkt in die Augen zu sehen. Dass die Leute ihre Reaktion nicht teilten, schockierte sie zutiefst. Sam setzte sich vor Arlene hin und blickte sie mit seinen hübschen Hundeaugen an.

Ich trat noch einen weiteren Schritt auf Whit zu, nur für den Fall. Whit überlegte gerade, was er tun sollte, und dachte daran, sich auf Sam zu stürzen. Aber wer würde ihm dabei helfen, einen Collie zu verprügeln? Sogar Whit sah ein, wie absurd das war. Doch seinen Hass auf Sam steigerte das nur umso mehr.

»Wie konntest du nur?«, schrie Arlene Sam an. »All die Jahre hast du mich belogen! Ich hab dich für einen Menschen gehalten, nicht für einen gottverdammten Supra!«

»Er ist ein Mensch«, sagte ich. »Er hat im Moment nur eine andere Gestalt, das ist alles.«

»Und du!«, schrie sie und spuckte mir die Worte förmlich entgegen. »Du bist die verrückteste, die unmenschlichste von all denen!«

»Hey, hey«, mischte Jason sich ein und sprang auf. Nach kurzem Zögern gesellte sich Mel zu ihm. Seine Freundin sah beunruhigt drein, während Jasons Begleiterin lächelte. »Lass meine Schwester in Frieden. Sie hat früher immer auf deine Kinder aufgepasst, bei dir sauber gemacht und jahrelang all deinen Mist hingenommen. Was für eine Sorte Freundin bist du eigentlich?«

|21|Jason sah mich nicht an. Ich war starr vor Staunen. Das war ein sehr Jason-untypisches Verhalten. Sollte er etwa doch langsam erwachsen werden?

»Die Sorte, die nichts mit widernatürlichen Geschöpfen wie deiner Schwester zu tun haben will«, erwiderte Arlene, riss sich die Schürze ab und schrie dem Collie noch ein »Ich kündige!« zu, ehe sie in Sams Büro davonstiefelte, um ihre Handtasche zu holen. Vielleicht ein Viertel der Leute im Merlotte’s wirkten beunruhigt und bestürzt. Die Hälfte war fasziniert von dem Drama. Blieb noch das letzte Viertel, das nicht recht einzuordnen war. Sam winselte wie ein trauriger Hund und steckte die Schnauze zwischen die Vorderpfoten. Und weil das ein allseitiges Lachen auslöste, legte sich das Unbehagen des Augenblicks. Ich sah Whit und seinem Kumpel hinterher, die sich unauffällig durch die Vordertür verdrückten, und entspannte mich erst, als sie draußen waren.

Es war zwar höchst unwahrscheinlich, dass Whit sich ein Gewehr aus seinem Pick-up holen würde, dennoch warf ich Bill einen Blick zu. Er glitt sogleich durch die Tür, ihm hinterher. Einen Augenblick später war er schon zurück und gab mir mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass die BdS-Typen weggefahren waren.

Und als dann auch noch die Hintertür hinter Arlene ins Schloss gefallen war, lief der Rest des Abends richtig gut. Sam und Tray zogen sich in Sams Büro zurück, um sich dort zurückzuverwandeln und wieder anzuziehen. Danach nahm Sam wieder seinen Platz hinter dem Tresen ein, als wenn nichts geschehen wäre, und Tray setzte sich zu Amelia an den Tisch, die ihm einen Kuss gab. Eine Weile hielten die Leute etwas Abstand von den beiden und sahen nur verstohlen zu ihnen hinüber. |22|Aber schon eine Stunde später schien die Atmosphäre im Merlotte’s wieder ganz die alte zu sein. Ich übernahm Arlenes Tische und achtete darauf, zu den Gästen, die noch nicht genau wussten, was sie von den jüngsten Ereignissen halten sollten, besonders freundlich zu sein.

Die Leute tranken ordentlich an diesem Abend. Der Gedanke an Sams Zweigestaltigkeit mochte ihnen ja vielleicht nicht ganz geheuer sein, aber sie hatten kein Problem damit, seinen Umsatz zu steigern. Bill suchte meinen Blick, hob zum Abschied die Hand und verließ mit Clancy lautlos die Bar.

Auch Jason versuchte ein-, zweimal meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, und sein Freund Mel warf mir stets ein Lächeln zu. Mel war größer und schlanker als mein Bruder, aber sie hatten beide diesen gut gelaunten, erwartungsvollen Ausdruck von Männern im Gesicht, die nie lange nachdachten, sondern ganz ihren Instinkten folgten. Okay, zu Mels Gunsten will ich hinzufügen, dass er nicht mit allem, was mein Bruder sagte, einverstanden schien– nicht so wie Hoyt immer. Mel schien ein anständiger Kerl zu sein, zumindest wenn ich von dieser kurzen Begegnung ausging. Dass er einer der wenigen Werpanther war, die nicht in Hotshot wohnten, sprach auch für ihn. Aber vielleicht war gerade das der Grund, warum er und Jason so dicke Freunde waren. Sie waren zwar wie die anderen Werpanther, lebten aber beide abseits von der Gemeinschaft.

Ich wusste jetzt schon, was ich Jason fragen würde, wenn ich je wieder mit ihm sprechen sollte. Wie kam’s, dass er sich an diesem für alle Werwölfe und Gestaltwandler so wichtigen Abend nicht selbst ins Scheinwerferlicht gerückt hatte? Jason war total stolz auf seine |23|Werpanther-Natur, auch wenn er erst seit einiger Zeit durch Biss und nicht von Geburt an einer war. Das heißt, er hatte sich das Virus (oder was immer es war) durch die Bisse eines anderen Werpanthers zugezogen und war nicht wie Mel mit der Fähigkeit zur Verwandlung geboren worden. Jasons Wergestalt war menschenähnlich, aber ihm wuchs am ganzen Körper ein Fell, und er bekam ein Panthergesicht und Tatzen: richtig gruselig, hatte er mir erzählt. Doch er war kein schönes Tier, und das nagte an meinem Bruder. Mel war vollblütig und sah prachtvoll und furchterregend aus in gewandelter Gestalt.

Vielleicht waren die Werpanther gebeten worden, sich im Hintergrund zu halten, weil sie einfach zu angsteinflößend wirkten. Wenn ein so großes und lebensgefährliches Tier wie ein Panther in der Bar erschienen wäre, hätten die Gäste höchstwahrscheinlich sehr viel hysterischer reagiert. Die Gedanken von Wergeschöpfen waren zwar nur sehr schwer zu entziffern, aber ich konnte die Enttäuschung der beiden Panther spüren. Diese Entscheidung hatte bestimmt Calvin Norris, der Anführer der Werpanther, getroffen. Kluger Schachzug, Calvin, dachte ich.

Schließlich schloss Sam das Merlotte’s, und ich half noch beim Aufräumen, ehe ich mit ihm in sein Büro ging und meine Handtasche holte. Ich umarmte ihn zum Abschied, er wirkte erschöpft, aber glücklich.

»Fühlst du dich so gut, wie du aussiehst?«, fragte ich.

»Ja. Jetzt wissen alle über meine wahre Natur Bescheid. Das ist befreiend. Meine Mutter hat geschworen, sie sagt es heute Abend meinem Stiefvater. Ich warte schon auf ihren Anruf.«

|24|Und wie aufs Stichwort klingelte das Telefon. Sam nahm, immer noch lächelnd, den Hörer ab. »Mama?«, sagte er. Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck plötzlich, als hätte jemand mit einem Lappen darübergewischt. »Don? Du hast was getan?«

Ich sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und wartete. Tray tauchte auf, um noch ein paar Worte mit Sam zu wechseln, und Amelia war bei ihm. Die beiden blieben wie angewurzelt in der Tür stehen und warteten besorgt ab, was geschehen war.

»Oh, mein Gott«, sagte Sam. »Ich komme, so schnell ich kann. Ich fahre heute Nacht noch los.« Fast behutsam legte er den Telefonhörer wieder auf. »Don hat auf meine Mutter geschossen«, erzählte er. »Sie hatte sich verwandelt, und er hat auf sie geschossen.« Ich hatte Sam noch nie so bedrückt gesehen.

»Ist sie tot?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort fürchtete.

»Nein«, sagte er. »Nein, aber sie liegt im Krankenhaus, mit zerschmettertem Schlüsselbein und einer Schusswunde an der linken Schulter. Er hätte sie beinahe umgebracht. Wenn sie nicht zum Sprung angesetzt hätte…«

»Es tut mir so leid«, sagte Amelia.

»Wie kann ich dir helfen?«, fragte ich.

»Kümmere dich ums Merlotte’s, solange ich weg bin«, erwiderte er und versuchte, den Schock abzuschütteln. »Ruf Terry an. Terry und Tray sollen sich einen Arbeitsplan für den Dienst am Tresen machen. Tray, du weißt, dass ich dich bezahle, wenn ich wieder zurück bin. Und der Dienstplan für die Kellnerinnen hängt an der Wand hinterm Tresen, Sookie. Und such bitte jemanden, der Arlenes Schichten übernimmt.«

|25|»Klar, Sam«, sagte ich. »Brauchst du Hilfe beim Packen? Soll ich deinen Pick-up auftanken oder so was?«

»Nein, es geht schon. Aber du hast doch den Schlüssel zu meinem Wohnwagen, könntest du meine Pflanzen gießen? Ich bin wahrscheinlich nur ein paar Tage weg, aber man weiß ja nie.«

»Natürlich, Sam. Mach dir keine Sorgen. Und halt uns auf dem Laufenden.«

Dann verließen wir alle das Büro, damit Sam in seinen Wohnwagen gehen und packen konnte. Er stand direkt hinter dem Merlotte’s, so dass Sam zumindest schnell fertig sein würde.

Auf der Fahrt nach Hause versuchte ich mir vorzustellen, wie Sams Stiefvater so etwas nur tun konnte. Hatte ihn die Zweigestaltigkeit seiner Ehefrau so entsetzt, dass er ausgerastet war? Hatte er ihre Verwandlung nicht gesehen und sich erschreckt, als sie in ihrer Wergestalt auf ihn zugelaufen kam? Ich konnte einfach nicht glauben, dass man auf jemanden, den man liebte, mit dem man zusammenlebte, schießen würde, nur weil derjenige ein Geheimnis hatte, von dem man nichts ahnte. Vielleicht sah Don in dem anderen Selbst seiner Frau einen Betrug. Oder vielleicht lag es daran, dass sie es ihm so lange verschwiegen hatte. Ja, so betrachtet konnte ich seine Reaktion irgendwie verstehen.

Alle Menschen hatten Geheimnisse– und ich musste es schließlich wissen, denn ich kannte die meisten davon. Es ist überhaupt nicht lustig, eine Telepathin zu sein. Ich kriege all das Ordinäre, Traurige, Abstoßende, Belanglose… na, eben all die Dinge mit, die wir alle tunlichst vor unseren Mitmenschen verbergen, damit ihr Bild von uns nicht leidet.

|26|Die Geheimnisse, von denen ich am wenigsten weiß, sind meine eigenen.

Und heute Abend musste ich an jene der ungewöhnlichen Erbanlagen denken, die mein Vater mir und meinem Bruder vermacht hatte. Mein Vater hatte nie erfahren, dass seine Mutter Adele ein riesengroßes Geheimnis gehabt hatte, und auch mir war es erst letzten Oktober eröffnet worden. Die beiden Kinder meiner Großmutter– mein Vater und seine Schwester Linda– waren gar nicht die Sprösslinge ihrer langjährigen Ehe mit meinem Großvater.

Beide waren ihrer Affäre mit einem Geschöpf namens Fintan entsprungen, der halb Elf, halb Mensch gewesen war. Glaubte man Fintans Vater Niall, so lag es am Elfenerbe meines Vaters, dass meine Mutter mit einer so närrischen Liebe an ihm gehangen hatte, mit einer Vernarrtheit, die sogar ihre Kinder an den Rand ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Gefühle gedrängt hatte. Für meine Tante Linda schien dieses Erbe keine Folgen gehabt zu haben, auf jeden Fall hatte es sie nicht vor dem Krebstod bewahrt oder ihren Ehemann an sie gebunden, geschweige denn in sie vernarrt gemacht. Doch Tante Lindas Enkel Hunter konnte genau wie ich Gedanken lesen.

So ganz konnte ich mich mit der Geschichte allerdings noch immer nicht abfinden. Ich war überzeugt, dass Niall mir die Wahrheit erzählt hatte. Aber ich verstand nicht, wie der Kinderwunsch meiner Großmutter so groß sein konnte, dass sie meinen Großvater betrog. Das passte einfach nicht zu ihrem Charakter, und ich verstand auch nicht, warum ich das in all den Jahren, die wir zusammengewohnt haben, nicht in ihren Gedanken gelesen hatte. Sie musste doch hin und wieder mal an |27|die Umstände gedacht haben, unter denen sie schwanger wurde. Es war völlig unmöglich, dass sie diese Ereignisse ein für alle Mal in einem geheimen Winkel ihres Hirns verborgen hatte.

Aber meine Großmutter war nun schon über ein Jahr tot, und ich hatte nie Gelegenheit gehabt, sie danach zu fragen. Und Niall hatte mir erzählt, dass auch mein biologischer Großvater Fintan verstorben war. Ich war natürlich auf die Idee gekommen, die Sachen meiner Großmutter nach Hinweisen auf ihr Denken, ihr Verhalten in dieser außergewöhnlichen Phase ihres Lebens zu durchsuchen, doch dann dachte ich bloß… Wozu diese Mühe?

Ich musste doch sowieso mit den Folgen hier und jetzt klarkommen.

Die Spur Elfenblut, die ich in mir trug, machte mich für die Supras attraktiver, zumindest für manche Vampire. Zwar konnten nicht alle dieses kleine Elfenerbe in meinen Genen wahrnehmen, doch sie waren immer irgendwie interessiert an mir, wenn auch gelegentlich mit unangenehmen Folgen. Aber vielleicht war diese Sache mit dem Elfenerbe auch nichts als eine Legende, und Vampire interessierten sich für jede einigermaßen attraktive junge Frau, die sie achtete und tolerierte.

Und was den Zusammenhang von Telepathie und Elfenerbe betraf, wer wusste da schon Genaueres? Es war ja nicht so, dass ich jede Menge Leute fragen, irgendein Buch lesen oder ein Labor um einen Test bitten konnte. Vielleicht hatten der kleine Hunter und ich die Anlage beide rein zufällig erworben– ja, genau. Vielleicht war es eine genetische Anlage, hatte aber mit dem Elfenerbe gar nichts zu tun.

Vielleicht hatte ich einfach Glück gehabt.

|28|Kapitel 2

Ich ging am frühen Morgen ins Merlotte’s– was für mich hieß, halb neun–, um zu sehen, ob alles lief, und blieb gleich da, um für Arlene einzuspringen. Ich würde eine Doppelschicht machen müssen. Zum Glück war der Andrang zum Lunch nicht ganz so groß wie sonst. Keine Ahnung, ob das eine Reaktion auf Sams Zweigestaltigkeit war oder einfach der normale Lauf der Dinge. Wenigstens konnte ich so ein paar Telefonate führen, während Terry Bellefleur (der sich mit verschiedenen Teilzeitjobs über Wasser hielt) hinter dem Tresen die Stellung hielt. Terry war guter Stimmung, oder zumindest, was bei ihm als gute Stimmung durchging; er war Vietnamveteran und hatte im Krieg äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Im Grunde seines Herzens war er ein guter Kerl, und wir waren immer miteinander klargekommen. Er war absolut fasziniert von der Großen Offenbarung der Wergeschöpfe, denn nach dem Krieg war Terry stets besser mit Tieren als mit Menschen ausgekommen.

»Wetten, dass ich aus dem Grund immer so gern für Sam gearbeitet habe«, sagte Terry, und ich lächelte ihn an.

»Ich arbeite auch gern für ihn«, erwiderte ich.

Während Terry also für frisches Bier sorgte und ein Auge auf Jane Bodehouse hatte, die einzige Frau unter den Alkoholikern in Bon Temps, setzte ich mich ans |29|Telefon und suchte nach einer neuen Kellnerin. Amelia hatte gesagt, sie würde gelegentlich aushelfen, aber nur abends, weil sie mittlerweile einen befristeten Job als Schwangerschaftsvertretung in einer Versicherungsagentur hatte.

Zuerst rief ich Charlsie Tooten an. Charlsie sagte, wenn auch mit Bedauern, sie würde sich schon den ganzen Tag um ihren Enkel kümmern, während ihre Tochter arbeitete, und wäre abends einfach zu müde zum Kellnern. Und eine weitere frühere Kollegin aus dem Merlotte’s, die ich anrief, hatte bereits woanders angefangen. Holly erklärte, sie könne einmal pro Woche eine Doppelschicht übernehmen, aber nicht öfter, wegen ihres kleinen Jungen. Danielle, eine weitere Vollzeitangestellte, sagte dasselbe. (Aber Danielle war gleich doppelt entschuldigt, denn sie hatte zwei Kinder.)

Also rief ich schließlich mit einem tiefen Seufzer, um Sams leeres Büro wissen zu lassen, wie aufgeschmissen ich war, eine meiner Lieblingsfeindinnen an– Tanya Grissom, eine Werfüchsin, die mich früher mal ausspioniert hatte. Es dauerte einige Zeit, bis ich sie ausfindig machen konnte, doch nach ein paar Anrufen draußen in Hotshot erreichte ich sie schließlich bei Calvin Norris. Tanya war schon eine ganze Weile mit ihm zusammen. Ich mochte den Mann, doch wenn ich an die dichtgedrängten kleinen Häuser an dieser uralten Wegkreuzung in Hotshot dachte, gruselte es mich.

»Tanya, wie geht’s dir? Hier ist Sookie Stackhouse.«

»Wirklich. Hmmm. Hallo.«

Ich konnte ihr die Wachsamkeit nicht verübeln.

»Eine von Sams Kellnerinnen hat gekündigt– erinnerst du dich noch an Arlene? Sie ist völlig ausgeflippt |30|wegen dieser Sache mit den Wergeschöpfen und einfach abgehauen. Ich wollte dich fragen, ob du ein paar ihrer Schichten übernehmen könntest, nur eine Zeit lang.«

»Bist du inzwischen Sams Geschäftspartnerin?«

Sie wollte es mir auf keinen Fall zu leicht machen. »Nein, ich habe ihm nur die Sucherei abgenommen. Er musste weg, wegen eines Notfalls in der Familie.«

»Ich stand vermutlich ganz unten auf deiner Liste.«

Mein kurzes Schweigen sprach für sich.

»Ich glaube, die Zusammenarbeit wird schon klappen«, sagte ich, weil ich ja irgendwas sagen musste.

»Ich habe mittlerweile einen Job tagsüber, aber ich kann an ein paar Abenden in der Woche aushelfen, bis du jemanden Längerfristiges gefunden hast«, erwiderte Tanya. Es war schwierig, ihrem Tonfall irgendetwas zu entnehmen.

»Danke.« Damit hatte ich zwei Aushilfen, Amelia und Tanya, und ich selbst könnte die Stunden übernehmen, zu denen sie keine Zeit hatten. »Könntest du gleich morgen die Abendschicht übernehmen? Wenn du um fünf, halb sechs hier wärst, könnte dir einer von uns noch mal alles zeigen, und dann arbeitest du, bis die Bar schließt.«

Einen Augenblick herrschte Stille. »Ich werde da sein«, sagte Tanya schließlich. »Eine schwarze Hose habe ich. Hast du ein T-Shirt, das ich anziehen kann?«

»Klar. Größe M?«

»Das passt mir.«

Und damit legte sie auf.

Okay, ich konnte schwerlich erwarten, dass sie sich über meinen Anruf freuen oder mir nur allzu gern einen Gefallen tun würde, wir waren schließlich nie die größten Fans voneinander gewesen. Ich hatte sie sogar– auch |31|wenn sie sich daran sicher nicht erinnern konnte– von Amelia und Amelias Mentorin Octavia behexen lassen. Ich schauderte noch immer, wenn ich daran dachte, wie sehr ich Tanyas Leben verändert hatte. Aber was war mir denn anderes übrig geblieben? Manchmal musste man die Dinge einfach bedauern und dann hinter sich lassen.

Sam rief an, als Terry und ich das Merlotte’s gerade schlossen. Ich war unglaublich müde, mein Kopf dröhnte, und mir taten die Füße weh.

»Wie läuft’s bei euch?«, fragte Sam. Seine Stimme klang ganz rau vor Erschöpfung.

»Wir kommen klar«, sagte ich und versuchte, munter und sorglos zu klingen. »Wie geht’s deiner Mutter?«

»Sie ist noch am Leben«, erwiderte er. »Sie kann sprechen und auch selbstständig atmen. Der Arzt sagt, sie wird wieder vollständig genesen. Mein Stiefvater sitzt im Gefängnis.«

»Wie schrecklich«, sagte ich, aufrichtig erschüttert über Sams Erlebnisse.

»Meine Mutter sagt, sie hätte es ihm vorher erzählen sollen«, fuhr er fort. »Aber sie hatte einfach Angst davor.«

»Aus gutem Grund, hm? Wie sich jetzt gezeigt hat.«

Er schnaubte. »Sie meint, sie hätte erst mal ein langes Gespräch mit ihm führen und sich nach der Fernsehsendung direkt vor seinen Augen verwandeln sollen, dann wäre er damit klargekommen.«

Ich hatte im Merlotte’s so viel zu tun gehabt, dass ich noch nicht mal die Fernsehberichte über die Reaktionen rund um den Globus auf diese zweite Große Enthüllung gesehen hatte. Was mochten die Leute in Montana, Indiana, Florida wohl denken? Hatten sich vielleicht sogar |32|einige berühmte Hollywoodstars als Wergeschöpfe geoutet? Was, wenn Ryan Seacrest bei jedem Vollmond ein Fell wuchs? Oder Jennifer Love Hewitt oder Russell Crowe? (Was ich für mehr als wahrscheinlich hielt.) Das würde auf jeden Fall großen Einfluss auf die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung haben.

»Hast du deinen Stiefvater schon gesehen oder mit ihm gesprochen?«

»Nein, noch nicht. Ich kann mich einfach nicht dazu durchringen. Mein Bruder ist hingegangen. Er sagte, Don habe angefangen zu weinen. Es war schlimm.«

»Ist deine Schwester auch da?«

»Nun, sie ist auf dem Weg hierher. Es war wohl schwierig, die Kinderbetreuung zu organisieren.« Das klang ein wenig zögerlich.

»Sie wusste doch Bescheid über deine Mutter, oder?« Ich versuchte, meine Ungläubigkeit im Ton nicht durchscheinen zu lassen.

»Nein«, sagte er. »Wergeschöpfe verheimlichen ihren nicht betroffenen Kindern oft ihre wahre Natur. Und weil meine Geschwister über unsere Mutter nicht Bescheid wussten, wussten sie auch das über mich nicht.«

»Tut mir wirklich leid«, erwiderte ich, was vieles heißen konnte.

»Ich wünschte, du wärst hier«, sagte Sam, was mich völlig überrumpelte.

»Ich wünschte, ich könnte dir mehr helfen«, erwiderte ich. »Wenn dir irgendwas einfällt, das ich tun kann, ruf mich jederzeit an.«

»Du hältst das Merlotte’s am Laufen. Das ist schon sehr viel«, sagte er. »Ich leg mich jetzt besser erst mal schlafen.«

|33|»Okay, Sam. Wir sprechen uns morgen wieder, ja?«

»Sicher«, erwiderte er so ausgelaugt und traurig, dass es mir schwerfiel, nicht in Tränen auszubrechen.

Ein Glück, dachte ich nach diesem Gespräch erleichtert, dass ich meine persönlichen Gefühle zurückgestellt und Tanya angerufen hatte. Es war genau das Richtige gewesen. Sams Mutter war niedergeschossen worden, nur weil sie war, was sie war– na, wenn das meine Abneigung gegen Tanya Grissom nicht gründlich relativierte.

An diesem Abend fiel ich geradezu ins Bett und habe mich danach vermutlich nicht einmal mehr gerührt.

Ich war sicher gewesen, dass die Wärme, die mich seit Sams Anruf durchflutete, mich durch den nächsten Tag tragen würde, doch der Morgen begann schlecht.

Sam hatte einen Überblick über all seine Vorräte und bestellte den Nachschub natürlich immer selbst. Aber leider hatte er– im Moment ebenso natürlich– vergessen, mir zu sagen, dass er eine Lieferung Bierfässer erwartete. Ich bekam einen Anruf von dem Lastwagenfahrer Duff und musste aus dem Bett springen, um schnellsten ins Merlotte’s zu fahren. Auf dem Weg zur Tür hinaus sah ich im Augenwinkel das Blinken meines Anrufbeantworters, den ich gestern Abend aus lauter Müdigkeit nicht mehr abgehört hatte. Aber jetzt hatte ich keine Zeit, mir über entgangene Nachrichten Gedanken zu machen. Ich war bloß froh, dass Duff überhaupt auf die Idee gekommen war, mich anzurufen, nachdem bei Sam keiner aufgemacht hatte.

Ich schloss die Hintertür des Merlotte’s auf, und Duff rollte die Fässer hinein und verstaute sie dort, wo sie hingehörten. Leicht nervös unterschrieb ich für Sam. Als das erledigt war und der Lastwagen gerade vom Parkplatz |34|fuhr, kam Sarah Jen, die Postbotin, mit der Geschäftspost fürs Merlotte’s und Sams Privatbriefen. Sie hatte (schon) gehört, dass Sams Mutter im Krankenhaus lag, aber ich fand nicht, dass ich sie auch noch über die Umstände aufklären musste. Das war Sams Angelegenheit. Aber Sarah Jen wollte ohnehin vor allem loswerden, wie wenig es sie wundere, dass Sam ein Gestaltwandler war, denn sie habe sich immer schon gedacht, dass etwas Seltsames um ihn sei.

»Er ist ein netter Kerl«, fügte Sarah Jen eilig hinzu. »Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Nur… eben etwas seltsam. Ich war kein bisschen überrascht.«

»Wirklich? Er sagt auch immer so nette Sachen über Sie«, erwiderte ich zuckersüß und sah zu Boden, um meinen banalen Worten Bedeutung zu verleihen. Ich konnte die Freude, die Sarah Jens Gedanken durchflutete, so deutlich wahrnehmen, als hätte sie mir ein Bild gemalt.

»Er ist stets so höflich.« Sie sah in Sam plötzlich einen höchst einfühlsamen Mann. »Nun, ich muss weiter und meine Runde beenden. Wenn Sie mit Sam sprechen, sagen Sie ihm, ich denke an seine Mutter.«

Als ich Sams Post auf seinen Schreibtisch legte, rief Amelia aus der Versicherungsagentur an und erzählte mir, dass Octavia bei ihr telefonisch nachgefragt habe, ob eine von uns beiden sie zu Wal-Mart fahren könnte. Octavia, die den Großteil ihrer Sachen im Hurrikan Katrina verloren hatte, saß zu Hause ohne Auto fest.

»Du wirst sie in deiner Mittagspause hinfahren müssen«, erwiderte ich und konnte mich kaum zurückhalten, Amelia anzublaffen. »Ich bin vollauf beschäftigt heute. Und da taucht schon das nächste Problem auf«, sagte ich, als ein Auto neben meinem auf den Stellplätzen |35|für Angestellte parkte. »Bobby Burnham, Erics Mann für tagsüber, beehrt mich.«

»Oh, was ich dir noch erzählen wollte. Octavia sagt, Eric habe schon zweimal versucht, dich zu Hause anzurufen. Also hat sie Bobby schließlich gesagt, wo du heute Morgen bist«, erzählte Amelia. »Sie meinte, es sei vielleicht wichtig. Du Glückliche. Okay, dann kümmere ich mich also um Octavia. Irgendwie.«

»Gut«, erwiderte ich und versuchte, meine Schroffheit nicht zu sehr nach außen zu kehren. »Wir sprechen uns später.«

Bobby Burnham stieg aus seinem Chevy Impala und kam zu mir ins Büro. Sein Boss Eric Northman und ich waren durch eine höchst komplizierte Beziehung aneinander gebunden, die nicht allein auf unserer gemeinsamen Vergangenheit beruhte, sondern auch darauf, dass wir mehrmals das Blut des anderen gehabt hatten.

Was übrigens nie eine wohlüberlegte Entscheidung meinerseits gewesen war.

Bobby Burnham war ein Arschloch. Ob Eric ihn vielleicht im Ausverkauf ergattert hatte?

»Miss Stackhouse«, begann er und trug die Höflichkeit ganz dick auf. »Mein Meister bittet Sie, heute Abend zu einem netten Beisammensein mit dem Lieutenant des neuen Königs ins Fangtasia zu kommen.«

Das war nicht ganz die Art Aufforderung oder Gespräch, die ich vom Sheriff des Bezirks Fünf erwartet hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass wir einige persönliche Dinge zu besprechen hatten, hätte ich erwartet, dass Eric mich anruft, sobald sich der Wirbel um das neue Regime gelegt hatte, und sich mit mir verabredet– womöglich zu einem Dinner–, um mit mir über ein paar |36|unserer gemeinsamen Probleme zu reden. Diese unpersönliche Übermittlung einer Nachricht durch einen Lakaien passte mir überhaupt nicht.

»Schon mal was vom Telefon gehört?«, fragte ich.

»Er hat Ihnen gestern Abend Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Und er hat mir befohlen, heute persönlich mit Ihnen zu sprechen, komme, was da wolle. Ich folge nur seinen Anordnungen.«

»Eric hat Ihnen also befohlen, Ihre Zeit mit einer Fahrt hier heraus zu verschwenden und mich zu bitten, heute Abend in seine Bar zu kommen.« Meine ruhige Stimme klang selbst in meinen Ohren höchst unglaubwürdig.

»Ja. Er sagte: ›Finde sie, überbringe ihr die Nachricht persönlich und sei höflich.‹ Und hier bin ich. Äußerst höflich.«

Er sagte die Wahrheit, denn es brachte ihn beinahe um. Schon allein das reichte, um mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Bobby Burnham konnte mich absolut nicht leiden. Als wahrscheinlichster Grund dafür erschien mir noch, dass Bobby meinte, ich sei Erics Aufmerksamkeit nicht würdig. Ihm missfiel meine alles andere als ehrfürchtige Haltung Eric gegenüber, und er konnte nicht verstehen, warum Pam einen solchen Narren an mir gefressen hatte, wenn sie ihm nicht mal ihre Tagesgeschäfte anvertraute.

Doch an all dem konnte ich nichts ändern, nicht mal dann, wenn Bobbys Missfallen mich beunruhigt hätte… aber das tat es nicht. Doch Erics Verhalten beunruhigte mich sehr. Ich musste mit ihm reden, und ich wollte es gern hinter mich bringen. Ende Oktober hatte ich ihn zuletzt gesehen, und jetzt war es Mitte Januar. »Das geht erst, wenn ich hier weg kann. Ich trage vorübergehend |37|die Verantwortung für den Geschäftsbetrieb«, sagte ich, ohne zu erfreut oder herablassend zu klingen.

»Um wie viel Uhr? Er möchte, dass Sie um sieben dort sind. Dann kommt Victor.«

Victor Madden war der Repräsentant des neuen Königs Felipe de Castro. Es war eine blutige Übernahme gewesen, und Eric war der einzige Sheriff des alten Regimes, der noch im Amt war. Sich das Wohlwollen des neuen Regimes zu erhalten war daher äußerst wichtig für ihn. Ich war mir nur nicht so sicher, inwiefern das mein Problem war. Doch durch einen glücklichen Zufall stand ich mit Felipe de Castro auf bestem Fuße, und dabei wollte ich es auch belassen.

»Könnte sein, dass ich’s bis sieben schaffe«, sagte ich daher nach einigem Abwägen und versuchte den Gedanken zu verdrängen, wie sehr ich mich über ein Wiedersehen mit Eric freuen würde. Mindestens zehnmal hatte ich mich in den letzten Wochen zurückgepfiffen, damit ich mich nicht ins Auto setzte und einfach zu ihm fuhr. Doch ich hatte diesen Impulsen erfolgreich widerstanden, denn ich wusste, dass er unter dem neuen König um die Beibehaltung seines Postens zu kämpfen hatte. »Ich muss erst die Neue noch einweisen… Ja, sieben sollte machbar sein.«

»Da wird er aber erleichtert sein«, erwiderte Bobby, dem es gelang, auch noch ein spöttisches Lächeln anzubringen.

Mach nur weiter so, Arschloch, dachte ich. Und vielleicht übertrug die Art, wie ich ihn ansah, diesen Gedanken, denn Bobby fügte in einem so ernsthaften Ton, wie er ihn nur zustande bringen konnte, hinzu: »Wirklich erleichtert.«

|38|»Okay, Nachricht angekommen«, sagte ich. »Jetzt muss ich wieder an die Arbeit.«

»Wo ist denn Ihr Boss?«

»Er hat familiäre Probleme in Texas.«

»Oh, und ich dachte schon, der Hundefänger hätte ihn erwischt.«

Was für ein Brüller. »Auf Wiedersehen, Bobby«, erwiderte ich und wandte ihm den Rücken zu.

»Hier«, sagte er, und genervt drehte ich mich noch mal um. »Eric meinte, das würden Sie brauchen.« Er reichte mir ein in schwarzen Samt eingeschlagenes Bündel. Vampire konnten einem nicht einfach etwas in einer Wal-Mart-Tüte oder eingewickelt in Packpapier geben, oh nein. Schwarzer Samt. Und das Bündel war noch mit einer quastengeschmückten Goldkordel umwickelt, so einer, mit der man Übergardinen rafft.

Schon als ich es entgegennahm, hatte ich ein schlechtes Gefühl. »Und was ist das?«

»Ich weiß nicht. Ich war nicht befugt, es zu öffnen.«