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Varanasi gilt unter Hindus als die heiligste Stadt Indiens. Susann Klossek verschlug ein Literaturstipendium in diese Stadt, doch was sie dort erwartete, war alles andere als heilig: 1,3 Millionen Einwohner, die alles und jeden im Ganges entsorgten, aufdringliche heilige Kühe, Müllberge, Kinderhandel und -prostitution, Drogenmissbrauch und eine 24-Stunden- Lärmkulisse, die jedem europäischen Großstädter den Garaus macht. Und dennoch: Wenn sich am Morgen am Ufer des Ganges der Nebelschleier hebt und die Sonne den heiligen Fluss wie ein Diamantenmeer glitzern lässt, kommt eine Schönheit zutage, die einen alle Widrigkeiten vergessen lässt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Susann Klossek
Varanasi
Endstation Ganges
Songdog
© 3. Auflage 2024 Songdog-Verlag, Bern
www.songdog.ch
© 2. Auflage 2020 Gonzo-Verlag
© 1. Auflage 2019 Freiraum-Verlag
Cover-Artwork, Lektorat und Satz: Songdog/Buchwerkstatt.ch
ISBN 978-3-903349-25-4
Susann Klossek hat den Sound von Varanasi in Field Recordings festgehalten. Eine Collage davon findet sich hier als Soundcloud-Stream:
Soundbearbeitung: Michael Studer, Studio Blauer Wolf, Basel
Ich weise den Leser darauf hin, dass es sich bei folgendem Bericht um meine Sicht auf diese Stadt handelt, basierend auf meinen Erlebnissen während eines Aufenthalts in Varanasi zwischen Januar und April 2017. Jeder Varanasi-Reisende hat seine eigene, womöglich stark von meiner abweichende Sicht, ganz zu schweigen von den 1,3 Millionen Varanasiern selbst. Ich bitte daher von Gegendarstellungen, Schimpftiraden, Schmähschriften und Lügenpresse-Bezichtigungen freundlichst abzusehen.
OM
Zwischentitel
Die Zwischentitel in englischer Sprache sind die Titel nahezu aller Kunstwerke der Kochi-Muziris-Biennale, die zwischen 6. Dezember 2016 und 29. März 2017 in Kochi, Kerala stattfand und der ich nach meinem Varanasi-Aufenthalt einen mehrtägigen Besuch abstattete. Sie war einst die erste Biennale dieser Art, die in Indien organisiert wurde, und ist heute die größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Indien.
Die Kunstwerke und vor allem deren Titel spiegeln ziemlich gut meine Gefühle bezüglich Land, seiner Menschen und meines Varanasi-Aufenthalts wider.
Hier die Titel der Werke und ihre Künstler, in der Reihenfolge, wie sie im Buch erscheinen.
Bad Trip IndiaDaniele Galliano, Italy
Untameable LightValerie Mejer Caso, Mexico
From Ash to AshG R Iranna, India
Symphony of a Missing RoomLundahl & Seitl, Sweden
Dissemination of a NovelSergio Chejfec, Argentina
BallastWura-Natasha Ogunji, USA
Dwelling Kappiri SpiritsGabriel Lester, Netherlands
Speaking Is DifficultChris Mann, Australia
Amazing MuseumBara Bhaskaran, India
The Sea of PainRaúl Zurita, Chile
Vanishing Life-WorldsK R Sunil, India
The Pyramid of Exiled PoetsAleš Šteger, Slovenia
Room for LiesSunil Padwal, India
Palaces of MemoryEva Schlegel, Austria
Dance of DeathYardena Kurulkar, India
Please, Sir …Rachel Maclean, UK
Business as UsualE P Unny, India
Song for an Ancient LandKabir Mohanty, Pakistan
The Journey We Never MadeNaiza Khan, Pakistan
I See a Mountain From My Window, Standing Like an Ancient SageRemen Chopra, India
Hungry StoneKalakshetra Manipur, Lamphel, Imphal, India
Tough Dreams Born – The Unalterable Consequence of ExistenceÉva Magyarósi, Hungary
Objects From the DeepNaiza Khan, Pakistan
DéfiléAES+F, Russia
Extended FeelingsAchraf Touloub, Morocco
ChainMartin Walde, Austria
ThirstVoldemārs Johansons, Latvia
Ain’t Got No FearMikhail Karikis, Greece
Secret DialoguesC Bhagyanath, India
Inner GridAnja Kempe, Germany
The Princesses Are Afraid of ZebrasÉva Magyarósi, Hungary
Ghost KeepingIstván Csákány, Hungary/Romania
CallsYuko Mohri, Japan
Love Is My Law, Love Is My FaithDana Awartani, Saudi Arabia
HomeAbir Karmakar, India
Bonustrack: After the EndAvinash Veeraraghavan, India
Für Shiva
«Guck dir bloß mal die Idioten an», sagte die Katze.
«Welche genau meinst du?», fragte ich.
«Na, die Kuh, die Ziege und die drei Hunde da. Legen sich freiwillig um eine brennende Leiche!»
«Vielleicht sind sie einfach nur pragmatisch, weil’s dort schön warm ist», entgegnete ich.
«Papperlapapp!», keifte die Rotgetigerte, «die glauben an etwas Heiliges, genau wie die Leute da unten, die sich täglich in diese Kloake werfen.»
«Mit Kloake meinst du den Ganges, nehme ich an?», fragte ich.
«Nenn es wie du willst. Nicht einmal über meine Leiche würde ich in diese Drecksbrühe gehen. Und ich habe immerhin sieben Leben», fuhr die Katze fort. «Wusstest du, dass die zulässige Bakterienbelastung pro Tropfen für Badegewässer in dieser trüben Suppe dreitausendmal höher ist, als es die WHO erlaubt? Hier findest du jedes Bakterium der Welt.»
Das wusste ich zugegebenermaßen nicht. Ich bin aber auch noch nie einer Katze begegnet, die Statistiken der WHO zitiert.
«Aber vielleicht genügt ja schon der Glaube an etwas, dass es dann tatsächlich eintrifft», startete ich einen lächerlichen Erklärungsversuch. «Schließlich hat man schon Pferde vor der Apotheke kotzen gesehen.»
«Das ist eine glatte Lüge! Pferde können gar nicht kotzen», entgegnete die Katze und lachte hämisch.
«Religion ist die Abwesenheit von Verstand», fuhr sie fort und starrte mich mit triumphierendem Gesichtsausdruck an. Ihre gelben Augen funkelten im Licht des Feuers wie zwei verlorene Steine aus dem Bernsteinzimmer.
«Ah, sind wir eine Philosophenkatze, oder wie?», versuchte ich das Fellknäuel zu provozieren. Das verdrehte nur die Augen und blitzte mich aus schmalen Pupillen wütend an.
«Aber die wollen doch nur dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten entkommen», warf ich ein. «Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Irgendwann muss doch mal Schluss sein!»
«Dem Kreislauf würden sie auch ohne dieses ganze Spektakel entkommen, denn den Kreislauf gibt es nicht. Du wirst höchstens zu Humus, oder Gas. Oder irgendwelchen Atomen. Was weiß denn ich.»
«Eben. Nichts», antwortete ich. Da ging es mir nicht anders als der Katze.
«Und ich, ich, ich», hüstelte die Tigerin, «ich hätte es nicht ständig auf den Bronchien von diesem verdammten Rauch. Aber was soll’s: Kühe, Ziegen, Hunde, Menschen – alle unbelehrbar!» Die Katze hustete, als wollte sie sich dramatisch ihrer Lunge entledigen, machte einen extraordinären Buckel und verschwand in der Menge.
Bad Trip India
Als ich mich für ein Literatur-Auslandsstipendium der Kulturabteilung der Stadt Zürich bewarb, hatte ich weder die ernstgemeinte Absicht, nach Indien zu gehen, noch wäre ich im Traum darauf gekommen, diese Ausschreibung tatsächlich zu gewinnen. Doch dann passierte das Unwahrscheinliche: Ich erhielt den Zuschlag. Nun hatte ich den Salat. Ich feierte in Singapur Silvester, als wäre es mein letzter Jahreswechsel, und machte mich auf den Weg ins Ungewisse. Nach Varanasi. In die Stadt des Lichts. Oder des Todes. Das kann man je nach Stimmungslage so oder so sehen.
Als ich vor drei Tagen am Flughafen abgeholt und mit einem Blumenkranz freundlich begrüßt wurde, ahnte ich noch nicht, was mir in den kommenden Wochen blühen sollte. Es war ein frischer Winternachmittag, an dem sich das Taxi gemächlich über staubige Buckelpisten Richtung Stadt schob. Je näher wir gen Assi Ghat kamen, der Adresse, an der ich die nächsten Wochen leben und arbeiten sollte, umso mehr erinnerte die Fahrt an eine Rückführung in eine Vergangenheit, von der ich bisher nicht wusste, dass sie existiert hatte.
Wie in Zeitlupe schob sich der Wagen durch Tausende von Menschen auf Mopeds, Fahrrädern und Rikschas hindurch und an trägen wiederkäuenden, herumlungernden Kühen vorbei. Mein Begleiter stellte mir unablässig Fragen, die an mir abprallten wie die Mongolen an der Chinesischen Mauer. Ich verstand ihn nicht. Sein Englisch war perfekt, seine Aussprache akzentfrei, ich verstand ihn rein akustisch nicht. Von draußen schwappte der Lärm der Hölle ins Innere des Wagens. Mir wurde leicht schwummerig beim Anblick dieses Chaos. Erschöpft lehnte ich mich in die Rückbank des Wagens zurück. Nach einem kleinen Auffahrunfall, in dessen Zuge sich beide Fahrer sekundenlang anschrien, um dann einfach in verschiedene Richtungen davonzufahren, erreichten wir Assi Ghat am Ufer des Ganges. Ich stieg aus und trat in einen Haufen Kuhscheiße. Ich war angekommen.
Natürlich ist der Ganges, oder «Mutter Ganga», wie sie den Fluss hier nennen, eine Frau. Wem sonst würden die Inder zumuten, über Jahrhunderte hinweg humanen Restmüll aufzunehmen? Die Göttin reinige angeblich von Sünden und helfe bei der Reise in die Ewigkeit. Sie nennen es den Weg zu Moksha – die Fähre ist bereit zur Überfahrt, um sich von den Ketten des ewigen Kreislaufes von Geburt, Tod und Wiedergeburt zu befreien. Schluss mit Samsara, Sonderzug ins Nirwana. Frei nach dem Motto, es muss erst schlimmer werden – Krankheit und Seuche durch die bakterien- und leichendurchtränkte Drecksbrühe –, bis es besser wird: Tod.
Jeden Tag wäscht sich halb Varanasi im heiligen Fluss und nimmt auch gern mal ein Schlückchen von der heiligen Todesbrühe, in die sie bis zu vier Milliarden Liter ungeklärtes Abwasser kippen – pro Tag! Wahrscheinlich soll die Prozedur dem Tod ein wenig Vorschub leisten, damit das Leiden ein Ende haben möge. Neben dem göttergläubigen Hindu fühlt sich auch das Bakterium Clostridium botulinum sehr wohl im Ganges, las ich. Es zersetzt tierische Eiweiße und produziert ein Gift namens Botulinumtoxin. Es wird von den aufgedunsenen Wasserleichen produziert, die unverbrannt ihre letzte Reise gen Ozean antreten. Über den Verdauungstrakt aufgenommen, gehört es zu den tödlichsten Substanzen der Welt. Schon 0,001 Milligramm lähmen die Atmung und man erstickt. Es wird daher gerne auch als Biowaffe eingesetzt. Heute ist ja alles Bio. Die CIA hätte Castro an den Ganges einladen und ihm einen Eistee mit Wasser aus dem heiligen Fluss anbieten sollen, und die Sache wäre gegessen gewesen. Respektive getrunken. Stattdessen unternahm sie zig lächerliche Attentatsversuche, die alle scheiterten. Aber das hat sich ja nun sowieso erledigt. Fidel ist tot, Mutter Ganga lebt. Noch. Doch sie wird sich eines Tages bestimmt ganz furchtbar rächen und allen Unrat, den man ihr in den letzten dreitausend Jahren in den Rachen geschüttet hat, an Land spucken. Zu verdenken wäre es ihr nicht. Da wird auch das oft und gern dahergebetete Ganga Mata ki Jai! – Heil der Mutter Ganga – nichts mehr ausrichten können.
Untameable Light
Varanasi – die heiligste Stadt der Hindus also. Varanasi – Stadt zwischen den Flüssen Varana und Asi. Der Ort hat viele Namen. Der frühere Name «Benares» oder auch «Banāras» wird heute noch von den meisten Einwohnern benutzt. So hieß die Stadt während der muslimischen und britischen Herrschaftsperioden. Nach deren Beendigung besann man sich wieder auf die klassische Hindutradition und kehrte offiziell zu «Varanasi» zurück. Die Hindus haben bekanntlich weder mit den Moslems noch den Engländern wirklich was am Hut, aber die Macht der Gewohnheit lässt sie an «Benares» festhalten. Der beliebteste und älteste Name für die Stadt sei jedoch «Kāshī», erzählte mir eine alte Frau. Kāshī, die Leuchtende, die Stadt des Lichts. Manche geben ihr auch die Beinamen «Anandavana» (Wald der Glückseligkeit, wobei weder von Wald noch von Glück viel zu spüren ist), «Avimukta» (die [von Shiva] nie Verlassene) oder «Mahashmashana» (großer Verbrennungsort). Das erklärt einiges.
Mein vertraglich erklärtes Ziel ist es, im Rahmen des erwähnten Literaturstipendiums zwölf Wochen hier im Alice Boner Institute zu leben und zu arbeiten. Nach einer Woche kann ich sagen: Dieses Ziel werde ich voraussichtlich nicht erreichen. Aber wie sagte irgendein schlauer Kopf einst: «Schlimm ist es nicht, an etwas gescheitert zu sein, schlimm ist es nur, es nicht versucht zu haben.» Klugscheißer!
Alice Boner war eine Schweizer Bildhauerin, Kunsthistorikerin und Indologin, die sich in den Dreißigern, so nehme ich an, in den indischen Tänzer Uday Shankar verliebte, nachdem sie ihn in Zürich tanzen sah. Sie selbst behauptete zwar, sie habe sich in den indischen Tanz an sich verliebt, schaut man sich allerdings ihre Skulpturen vom tanzenden Manne an, erkennt man die verzückte Künstlerhand, geführt von Leidenschaft und Erotik. Jedenfalls ist sie mit ihrem Tänzer nach Varanasi gegangen und 1936 in dieses Haus am Assi Ghat am Ufer des Ganges eingezogen. Heute wird es als Institut geführt und beheimatet neuerdings zwei Artists in Residence, von denen ich nun eine bin. Die Boner protegierte jahrelang Shankars Tanztruppe, für die sie auch Engagements in Paris, unter anderem am Théâtre des Champs-Élysées, organisierte. Auch sonst soll sie wohl sehr viel für die hiesige Kunst und Kultur getan haben. Vor allem für die tantrische Liebeskunst, wird gemunkelt. 1962 veröffentlichte Boner das Buch «Principles of Composition in Hindu Sculpture», das bis heute eine bahnbrechende Arbeit der kunsthistorischen Forschung darstelle, heißt es. Für ihre Arbeit erhielt sie dann auch 1969 die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich und 1974 den Padma Bhushan des indischen Präsidenten. In der Schweiz und auch vor Ort außerhalb des Instituts habe ich allerdings keinen getroffen, der schon jemals etwas von ihr gehört hat. Da es aber in Kürze in Varanasi eine Ausstellung über ihr Leben und Wirken geben wird, die später auch ans Museum Rietberg in Zürich kommt, und ihr im hiesigen Kunstmuseum Bharat Kala Bhavan ein ganzer Ausstellungsraum gewidmet ist, wird sie wohl eine gewisse Wichtigkeit haben. Als ich mich im Vorfeld meiner Abenteuerreise ein wenig in die Boner-Geschichte einlas, war ich zunächst schwer beeindruckt davon, dass sie es hier bis ins hohe Alter von 91 Jahren ausgehalten hat. Allerdings erfuhr ich nun, dass sie in diesem Haus nur bis 1978 lebte, in den heißen Monaten gern ins kühle Gebirge verschwand, in den kalten Winternächten in den schönen Süden abhaute und während des Monsuns wahrscheinlich die Schweiz besuchte. Das Privileg der westlichen Geburt kam also auch hier voll zum Tragen. Schließlich begegnete ich heute Morgen einer alten Frau, die die Boner angeblich noch persönlich gekannt hatte. Ich meinte, aus ihren Ausführungen herauszuhören, dass Madame Boner weder besonders beliebt, noch wirklich oft anwesend gewesen war. Dafür soll sie Geister im Haus hinterlassen haben. Ich habe noch nichts davon bemerkt. Aber vielleicht sind die sieben Angestellten gar keine Angestellten? Mit Gewissheit kann ich das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.
Diese Stadt ist himmlisch und höllisch zugleich und ist für einen Fremden permanent gar nicht auszuhalten. Als ahnungsloser Ausländer wird man hier genauso belogen, betrogen und abgezockt wie anderswo. Heiligkeit hin oder her. Nur weil der Großteil der Bewohner Varanasis kein Fleisch isst, sich täglich betend vor Götterbildnisse wirft und an ein Ammenmärchen von der heiligen Mutter Ganga glaubt, macht das die Menschen hier noch lange nicht spirituell. Bis dato ist vom Holy Spirit jedenfalls noch nichts auf mich übergesprungen. Aber ich bin ja auch ein ungläubiger Heide, da dauert’s womöglich etwas länger. Von mir aus können sie natürlich machen, was sie wollen, und sich weiterhin am Giftcocktail Ganges laben. Und wer meint, er müsse als Sadhu (heiliger Mann, Asket) sein Leben lang splitternackt auf dem Kopf stehen und uns seine faltigen Klöten vor die Visage halten, bitteschön, ich habe nichts dagegen. Ich bin da offen und unempfindlich. Jedem sein persönlicher Hokuspokus auf dem Weg zur Glückseligkeit. Vielleicht ist das ja auch nur eine praktische Veranlagung. Zumindest die tägliche Kleiderfrage stellt sich in diesem Falle nicht.
Shiva, der Gott der Zerstörung, ist der Stadtverwalter von Varanasi. Und es ist durchaus vernünftig, erst einmal zu zerstören, bevor etwas Neues entstehen kann. Allerdings habe ich den Eindruck, die Bewohner sind seit nunmehr dreitausend Jahren dabei, ihre Stadt zu zerstören. Und was die Erneuerung betrifft, war die moderne Zivilisation dabei nicht unbedingt hilfreich. Neben guten, mittelalterlichen Traditionen wie auf die Straße spucken, pissen oder scheißen und Leichen im Ganges versenken, gesellten sich neue hinzu: Wirf deinen Plastikmüll in jede Ecke und schmeiße alles, was du an Müll und Unrat finden kannst, in den Fluss. Beginne marode Häuser zu bauen und lasse sie dann halbfertig als verfaulende Ruinen stehen. Da wirken die neuerdings aufgestellten Minimülltonnen und Schilder mit der Aufschrift «Sag nein zu Polyethylen» oder «Save tree, save life – public toilet 100 mtr.» – an Letzteres pisst gerade ein Mann, ich schieße ein Foto – wie der blanke Hohn. Es interessiert keinen. Nicht einmal die Götter.
Die Vermeidung von Müll durch jeden Einzelnen ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Einen Ort zu schaffen, wo man den Müll hinbringen und entsorgen lassen könnte, wäre nicht das Verkehrteste. So etwas nennt sich beispielsweise Müllverbrennungsanlage. Hier könnten deutsche Umwelttechnik und indischer Staatshaushalt eine wunderbare Symbiose bilden. Um keinen Müll zu erzählen, google ich nach Müllverbrennungsanlage Varanasi. Der erste Eintrag, der dort erscheint, ist jener vom Government of India/Ministry of Power zum «Project Dashboard Varanasi» im Old Kāshī Area. Auf einer Grafik sind folgende Ziele formuliert:
S improved Safety through underground cabling
A Aesthetic look – beautiful of the heritage city
F quicker Fault restoration and less breakdown
E Efficient Consumer Services
R Reliable Power supply and reduction in AT&C
Acht Projekte sind bereits seit ein bis zwei Jahren verspätet. Varanasi ist gewissermaßen das Berliner Flughafenbauprojekt Indiens. Bei tieferer Recherche finde ich außerdem: «Probleme der nachhaltigen Abfallwirtschaft in städtischen Gebieten: Eine Fallstudie von Varanasi City of India» von der Banaras Hindu University. In einer Übersichtstabelle ist ersichtlich, dass es für ganz Varanasi momentan zwölf Müllabfuhr-Lkw gibt. Derzeit werden die meisten Fahrzeuge nicht betrieben, da die Angestellten der Varanasi Municipal Corporation nicht die Fähigkeit besitzen, diese Fahrzeuge zu bedienen. Die Anzahl der Haushalte mit direkter Müllabholung liegt bei 0 Prozent. Bei einem Gesamtabfallaufkommen von 600 TPD.
