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Barbara versucht mit diesem Buch aktuelle Geschehnisse zu begleiten, zu beeinflussen und zu würzen. Was mit einem profanem Chat zwischen ihr und Philipp beginnt, gleitet ihr bald aus den Händen und steigert sich in den prickelnden Wunsch absoluter sexueller Freiheit. Die Geschichte eskaliert, jedoch anders, als sie es sich erhofft hat.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Barbara Ikier
Variationen einer Buchstabenaffäre
Die Verlockung
Oft sind es die kleinen Entscheidungen, die alles verändern. Rechts oder links, ja oder nein, Sekt oder Bier. Steh ich jetzt auf oder erst in fünf Minuten.
Tu ich es oder lasse ich es bleiben.
Man macht es sich nicht wirklich bewusst, aber jede einzelne von ihnen könnte plötzlich Folgen nach sich ziehen, die weder voraussagbar noch erwünscht waren. Dinge verselbständigen sich und das eben noch Lenkbare entwickelt ein Eigenleben, das neue Entscheidungen erforderlich macht, welche wieder unabsehbare Konsequenzen haben könnten.
Natürlich ist der Mensch ein intelligentes Wesen, das im Großen und Ganzen in der Lage ist, vorausschauend zu denken und zu handeln, ebenso wie er berechnen kann und schon gemachte Erfahrungen verarbeitet. Dabei hilft ihm seine eigene Geschichte, denn die meisten Entscheidungen werden von Vorangegangenen und deren Konsequenzen beeinflusst. Er ist lernfähig.
Sein Ziel dabei ist es, das eigene Leben angenehm zu gestalten, sich vor Gefahren und Verletzungen zu schützen, seineSituation zu verbessern oder auch einfach nur alles zu belassen, wie es ist.Manchmal jedoch gerät durch ein einfaches „Ja“ statt dem „Nein“ alles außer Kontrolle.
Jede Geschichte ist die Summe aus den Konsequenzen der in ihr gefällten Entscheidungen, gewürzt durch den Zufall, den der Mensch nicht kontrollieren kann.
Ich habe noch nicht einmal angefangen, diese Geschichte zu schreiben, ich befinde mich noch in der Planungsphase, und schon ändert sie sich in eine Richtung, die mir gar nicht gefällt.Es ist aber meine Geschichte, ich sollte also in der Lage sein, während sie passiert, Einfluss zu nehmen. Ich wünsche mir ein Happy End, wäre aber mit einem offenen Ende, das bei dem Leser den Wunsch nach einem weiteren Buch hinterlässt, auch zufrieden.Bevor ich aber über das Ende nachdenke, muss ich erst einmal beginnen.
Es ist der verrückte Versuch, aktuelle Realität in eine Geschichte zu fassen und sie dadurch zu beeinflussen. Anders als ein Tagebuch, das der Erinnerung und Verarbeitung der Vergangenheit dient, soll diese Geschichte die Gegenwart und Zukunft beleben.
Ich muss ein wenig ausholen und erst einmal an den Anfang zurück, in der Hoffnung, dass ich mit dem Schreiben bald aufgeholt habe, um die Gegenwart bewusst zum Höhepunkt zu steuern. Ich will dabei sein, wenn die Geschichte eskaliert...
...
Ich bekam eine E-Mail mit der Anfrage, ob Philipp mittrainieren könne. Er und sein Hund Django seien gut, weit genug, um im Sommer die Begleithundeprüfung zu laufen.
Es ist immer schwer, jemanden mittrainieren zu lassen, der nicht weiß, wie wir trainieren, aber ich bin offen und lud ihn ein. Was ich sah, gefiel mir. Django ging schön am Bein, himmelte seinen Partner an, ohne dabei die Energie zu verlieren und setzte zügig um, was von ihm verlangt wurde. Was mir nicht gefiel war, wie es verlangt wurde. Ein rauer Ton, obwohl Django es freiwillig und mit Freude tat und Philipp ihn genauso gut freundlich und leise hätte auffordern können, sich ins „Platz“ zu legen.
Wir sind doch nicht beim Militär!
Nach der Stunde sprach ich mit Philipp. Ich bin ehrlich, immer ehrlich, sage grundsätzlich was ich denke und vergesse dabei manchmal den Takt oder die Angemessenheit.
Ich sagte also, was mir gefiel, was mir nicht so gefiel und wir hatten im Ansatz eine kleine Diskussion über die Ausbildungstechnik. Wenn man sich in einem Verein niederlässt, der bestimmte Techniken auf der Fahne stehen hat, sollte man sich zumindest ihnen gegenüber öffnen, auch wenn man sie selber nicht umsetzen möchte.Philipp dankte mir für meine Ehrlichkeit, was mich erstaunte. Wir begannen über Facebook zu kommunizieren, damit ich ein paar Videos von Djangos Training schauen konnte und wir fingen an zu plaudern.
Wir plauderten. Tagelang.
Meistens über Hunde, deren Halter, Ausbildung, teilten Dinge, die uns aufregten oder freuten und zwischendurch stellte meistens Philipp eine subtile persönliche Frage.Ich antwortete. Ein grundsätzliches Problem von mir. Ich bin nicht wirklich neugierig, was nicht am fehlenden Interesse liegt, sondern mehr daran, dass ich lieber kommen lasse. Erzählen tu ich gern.Dabei schweife ich auch schon mal ab. Stellt man mir eine Frage, kann es passieren, dass man mehr erfährt, als einem lieb ist.
Wie dem auch sei. In Philipps und meiner schriftlichen Auseinandersetzung war ich nicht die Einzige, die erzählte, er kann es auch. Oft kamen wir vom Hölzchen aufs Stöckchen und innerhalb von wenigen Tagen hatte zumindest ich das Gefühl, dass diese Unterhaltung ein Eigenleben entwickelte.Der Unterschied zu allen anderen Chats, die ich mit Freunden und Bekannten habe, war schon sehr schnell deutlich. Es kam zu keinem Ende. Und auch ein vermeintliches Ende, wie ein „Gute Nacht“ oder „Wir sehen uns auf dem Platz“ schloss die Unterhaltung keineswegs ab. Kaum war man wieder zu Hause oder hatte ein wenig Luft zwischen irgendwelchen Verpflichtungen, gab es etwas, das man teilen wollte. Sei es, dass er mir ein Video seines Hundes vom Training schickte oder ich von dem alltäglichen Umgang mit schwer erziehbaren Hundehaltern berichtete. Unser Chat bekam etwas Kontinuierliches. Wir beschnupperten uns, auf meiner Seite mehr aus Versehen als mit Absicht, weil es einfach Spaß machte, mit ihm zu schreiben. Egal über was. Es war ein freudiger Austausch von Worten, Gedanken und auch Gefühlen, ohne irgendwelche Hintergedanken oder Absichten.
Kein Small Talk, just Talk, just for fun!
Er ist dreißig, sieht gut aus und ist Single. Ich bin siebzehn Jahre älter, habe drei quasi erwachsene Söhne und bin verheiratet mit einem Mann, der schon so lange an meiner Seite ist, wie Philipp lebt.Unschuldiger kann eine Unterhaltung doch nicht sein! Da selbst wenn die Fantasie mit einem durchgeht, ein Flirt bei der Kombination einfach unwahrscheinlich ist.
Meine Ehe ist stabil, ich bin glücklich und ich habe inzwischen tatsächlich so etwas wie eine gewisse Reife erlangt. Seit ich mich um meinen kranken Vater kümmere, bin ich endlich erwachsen. Flirten? Das überlasse ich anderen. Es würde viel zu viel Unruhe stiften.
Ping! Der Facebook Messenger! Die nächste Frage, die nächste Antwort, ein Bild, ein Video.
Während ich für meine Familie zwischen Hundeplatz und Feierabend hastig ein Essen kochte, saß ich auf dem kleinen blauen Küchenstuhl und tippte mit Philipp. „Die Spülmaschine kann ich auch später noch ausräumen.“Ich grinse: „Warum nur macht das so viel Spaß?“
Er:
Darf ich erfahren wie alt du bist? Jetzt geht’s bissl ins Persönliche
-Tränen lachender Smiley-
Ich:
47, und du?
Er:
Bissl jünger,
-Smiley-
aber das habe ich jetzt nicht gedacht..., bist halt so ne Sonne, weiter so
Ich:
Hey, dein Alter!
Er:
30, jetzt geht’s langsam ans Eingemachte
Ich hatte ihn auf dreißig geschätzt. Dass er überrascht war, tat gut. Es schmeichelte. Das Essen brannte fast an. Es war mir egal!
...Bist halt so ne Sonne!...
Wenige Worte, aber die Wirkung war groß. Auch wenn es mich zu dem Zeitpunkt lediglich lächeln ließ. Es ging nicht spurlos an mir vorüber.
Ich bin ein intelligenter Mensch, bisschen faul, mit Talenten, die ich in der Regel immer nur so lange verfolge, bis sie irgendwann mühselig werden oder sich ein gewisser Leistungsdruck aufbaut, den ich nicht ertragen will. Ich habe keine vollwertige Berufsausbildung, dafür einen recht erfolgreichen Mann und man kann die Sache auf den Punkt bringen:Ich habe ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein.
Ein klitzekleines Kompliment, empfangen auf dem blauen Küchenstuhl sitzend, der eigentlich dazu dient, an die oberen Regalfächer zu kommen, inmitten einer wahnsinnig unordentlichen Küche, könnte der Wendepunkt der ganzen Geschichte werden.
Sollte ich das Flirten wirklich anderen überlassen? Sicherlich war mir zu diesem Zeitpunkt die Tragik dieses Komplimentes nicht bewusst. Ich glaube auch, dass Philipp das nicht beabsichtigt hatte und es tut auch gar nichts zur Sache. Fakt ist, es hat etwas mit mir gemacht; ein lang verschwundenes Gefühl geweckt.
...Bist halt so ne Sonne!...
Philipp beobachtete mich. Er sah mir beim Training mit meinen eigenen Hunden zu, hospitierte, ohne seinen eigenen Hund dabei zu haben, und wenn er danach ein paar Zeilen tippte, merkte ich, dass er nicht nur die Hunde beobachtete. Er bemerkte meine pinken Socken, wie ich die Arme in die Hüften stemmte, um Shannon bewusst nicht mit der Hand zu führen, meine Mimik, meine Gestik, wenn ich mit viel Freude trainierte und statt es einfach nur wahrzunehmen, schrieb er es mir. Seltsam. Ich hasse es, beobachtet zu werden. Es setzt mich unter Druck. Druck mag ich nicht.
Und wieder ließ es mich einfach nur lächeln. Ich hatte kein schlechtes Gefühl, obwohl ich wahrscheinlich nicht vorschriftsmäßig gekleidet war. Wenn er meine Socken wahrnahm, obschon ich Wanderschuhe anhatte, hing bestimmt wieder irgendein Hosenbein auf Halbmast. Ich achte nicht wirklich auf mich. Nicht dass es mir egal ist, ich finde es lediglich lästig.
Er nahm Dinge wahr und sagte sie mir, die mir eigentlich peinlich gewesen wären. Er schrieb sie mir aber so unbefangen positiv, dass sie das Gegenteil auslösten. Er schaffte es, mich einfach lächeln zu lassen, und zwar über mich selbst.
Habe ich erwähnt, dass ich ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein habe?Er tat mir gut! Er betrachtete mich und ich sah mich plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive. Es gefiel mir!
Er hat kein Selbstbewusstseinsproblem, so scheint es wenigstens. Oder doch, denn er hat zu viel davon, was ja auch nicht ganz unproblematisch ist. Ich tue mich ein wenig schwer, mir wirklich ein Bild davon zu machen, eventuell auch, weil ich es für unwichtig halte.
Er sagte, dass er mit Menschen oft Schwierigkeiten habe. Sie würden ihn nicht mögen, ihn für ein Arschloch halten und mir kommt es ein wenig so vor, als kokettiere er damit. Ich hoffe, ich tue ihm nicht unrecht.
Er ist nachdenklich und eventuell ähnlich direkt wie ich. Das stößt bei anderen auf Widerstand. Ich kann ein Lied davon singen. Auch mich mögen nicht alle. Im Gegenteil, manchmal ist das alles ein Kampf, hinterher tut es mir dann leid, aber Klappe halten ist in vielen Situationen nicht meine Stärke. Ich nehme mir dann immer vor, das nächste Mal doch diplomatischer zu sein, aber ist der Wutpunkt einmal berührt, läuft die Rage ohne den Verstand von alleine weiter.
Ich habe Glück. Ich kenne Philipp hauptsächlich alleine und nur durch Worte. Die sind witzig, nett und keineswegs die eines Arschloches. Was andere über ihn denken, kümmert mich nicht. Ich beurteile nur, was ich sehe und lese. Und das gefällt mir.Wir denken in vielen Dingen ähnlich und haben ein gemeinsames Thema. Der Austausch scheint ehrlich.
Es ist nicht das typische Gespräch des werbenden Männchens um eine Sexualpartnerin. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
Ping!
Der Facebook Messenger! Die Gespräche wurden intensiver, sowohl in ihrer Quantität, wie auch in der Qualität.
Philipp wusste inzwischen von meiner verstorbenen Hündin Lilo, meiner Meisterin, meinen beiden Golden Retriever MädelsShannon und Easy, er wusste, dass ich drei große Söhne habe, dass mein Mann Andi immer unterwegs ist, wir alle zusammen drei Jahre in Kalifornien gelebt haben und ich mit meinem jüngsten Sohn zurück gekommen bin, um mich um meinen dementen Vater zu kümmern, der jetzt gerade in diesen Tagen ins Heim gekommen war. Ich konnte meine Nöte und Bedenken mit Philipp teilen und verstehe bis heute nicht wirklich, wieso man so offen mit einem völlig Fremden reden kann.
Andi war inzwischen in den USA und Philipp und ich tippten vor allem abends stundenlang. Aus Sätzen wurden Texte. Ich vertraute ihm und es begann ein gegenseitiges Öffnen. Selbst wenn ich den Chat nachverfolge, kann ich im Nachhinein oft gar nicht mehr sagen, was mich bewog, das ein oder andere zu erzählen. Ich denke, umgekehrt war es genauso. Plötzlich wusste ich Dinge, die Philipp geprägt hatten. Ich werde sie hier nicht breit wälzen, das steht mir nicht zu.
Die Tiefe wurde durch das Medium relativiert. Ein Chat kann jederzeit jäh abgebrochen werden, weil einem etwas anderes dazwischenkommt oder die direkte Antwort ausbleibt. Auch Themawechsel sind deutlicher als in Diskussionen vis-a-vis. Ob das der Grund war, dass ich eine Weile brauchte, zu verstehen, was mit mir passierte, oder weil ich gar nicht reflektierte? Ich weiß es nicht.
Ping!
Ich tippte und machte mir kaum Gedanken warum.
Irgendwann sprachen wir über Beziehungen. Philipp erzählte, dass um ihn herum viel geheiratet wird und er sich lieber einen Hund angeschafft hat. Frustriert? Stolz? Genervt? Keine Ahnung! Wenn die Emoticons fehlen, tut man sich schon mal schwer, Gefühle in kurzen Sätzen zu deuten.
Ich:
Bist du frustriert?
Er:
Nein..., ich habe ja immer die Chance..., nur füllt mich nichts aus. Ich verbringe meine Zeit einfach lieber mit Django als mit anderen.Ab und an sehnt man sich aber schon danach, aber ist eher selten. Jetzt bald heiratet wieder einer meiner besten Freundeund ich gehe wieder allein hin.
-lachender Smiley-
Ich:
Kann ich so gut verstehen. Aber Menschen sind auch wichtig. Ein Hund nimmt den Teil, den du übrig hast, um zu sorgen. Du bekommst Vertrauen zurück. Du bekommst keine Widerworte, keine Diskussion, keine Reibung.
Hund ist einfach. Mensch ist schwer.
Er:
Yap... es muss aber erst mal jemand geben, der sich damit abfindet die Nummer 2 zu sein.
Ich:
Wenn es der Richtige ist, ist er nicht Nummer 2, das ist was anderes.Das passiert auf verschiedenen Ebenen.
Er:
Ja eigentlich gibt es keine Nummern, jedoch muss man viele Kompromisse bei mir eingehen, bin richtig schwierig, egal, habe immer betrogen z.B., bin schnell gelangweilt, unzufrieden, gaaanz schlimm, autonom,ich habe mir das Vertrauen selber genommen.
Kling ich verbittert?
Ich:
Das Vertrauen zu dir selbst? Du klingst traurig hinter einer Fassade von Stärke.
Er:
Nein, dass jemand mal mit mir das macht, was ich jahrelang mit anderen gemacht habe.
Ich:
Verstehe!
Er:
Ich habe mir immer die Leute so zusammengestellt, dass es perfekt war. Sprich, hatte immer mehrere gleichzeitig. Dabei strebte ich immer nur nach der einen Sache, das Ehrliche und Große. Aus diesem Grund freue ich mich, wenn ich Personen sehe, die jahrelang zusammen sind, sich noch küssen und lieben und gemeinsam was aufgebaut haben. Ich habe es nie geschafft, dabei hatte ich immer tolle Freundinnen.
Ich:
Diese Menschen sind extrem kompromissbereit und streben NICHT nach Perfektion. Diese Menschen können verzeihen und mit Verletzungen leben. Diese Menschen sind nicht eitel.
Er:
Und ich bin genau das nicht!
Ich:
Mhm
Er:
Und nu habe ich die Scheiß-Egal-Haltung.
Ich:
Ich habe betrogen und ich bin betrogen worden. Beides genau einmal. Man zerbricht fast dran, aber eben nur fast. Man versucht, sich gegenseitig zu heilen. Es geht. Ich bin ein furchtbar nachtragender Mensch und sehr verletzlich. Aber es geht. Bloß ein zweites Mal würde ich wahrscheinlich nicht überleben. Ist übrigens schon lange her.
Er:
Wow
Philippunterbrach mit einem Foto von seinem verstorbenen Hund. Ich belächelte den geschickten Themenwechsel. Aber er versicherte mir, dass es nur so ein Einschub war und fragte nach.
Er:
Wer, wann, wo wurde betrogen?
Ich:
Mhm. Ich habe meinen Mann betrogen, als der dritte Sohn noch nicht geboren war, also das ist 19 Jahre her. Matthias ist einfach passiert. Es hat im Prinzip ähnlich angefangen wie das hier. Gute Gespräche, die direkt in die Tiefe gehen. Das ist das, was ich in meiner Beziehung nicht bekomme. Dafür bin ich empfänglich. Und zack! Es ging ne Weile. Irgendwie fühlt man sich schuldig, will nix aufs Spiel setzen und weiß gar nicht, wie gefährlich das ist. Ich hab's Andi gesagt, er hat's mir verziehen, aber es hat Spuren hinterlassen. Bei mir mehr als bei ihm. Paar Jahre später hat er mich betrogen. Mit ner gemeinsamen Freundin, Coco. Hier zu Hause, ich war auch da. Kann man sich nicht vorstellen. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Was dann passiert ist, kann ich nicht erzählen, habe ich auch immer noch nicht verarbeitet. Es hat Monate gedauert, bis ich wieder einigermaßen die Alte war. Es steckt immer noch tief in mir. Ich werde nie wieder lügen. Das habe ich mir nach meiner Affäre geschworen. Und ich werde auch nicht mehr betrügen. Wir müssen uns vertrauen können und das tun wir.
Was passiert hier gerade? Ich erzähl dir Dinge, die ich sonst keinem erzähle. Ich habe bisschen Schwierigkeiten das Ganze hier nachzuvollziehen.
Gefährlich!
Wir einigten uns darauf, dass es einfach gut tut, mal mit jemandem zu quatschen, der nicht involviert ist. Ein Bauchgefühl, dazu gehört Sympathie und Vertrauen und Philipp zumindest war der Meinung, er könne Privates, Berufliches und Sportliches trennen und unsere Gespräche nicht mit auf den Hundeplatz nehmen. Ich zweifelte leise. Ich glaubte, dass ich das nicht könne, aber das sagte ich nicht.
Das Gespräch ging weiter, wir wechselten beide das Medium, vom Handy zum Laptopbzw. i-Pad, damit man nicht nur mit dem Zeigefinger tippen konnte.
Ich:
Es gibt genug Ehen, die zerbrechen, und wir sind auch noch nicht alt. Ganz alt. Flirtereien, Sex oder ne Mischung aus beidem können eine tiefe Beziehung nicht ersetzen. Das macht man sich in dem einen kribbelnden Moment, wo die Situation spannend und erregt ist, nicht klar.
Er:
Ja..., der Reiz, aber hast recht, es ist es nicht wertund danach fühlt man sich nur mies.
Ich:
So isses. Man kann sich Schmerzen nicht vorstellen. Und dann hat man den Salat.
Er:
Das ist es alles nicht wert..., das Risiko...,man riskiert eine Freundschaft und man riskiert, eine „intakte" Beziehung zu verlieren.
Er sagte, mit zwanzig sei das ok, man will ja noch etwas erleben, aber später würde man ja vernünftig. Ich widersprach. Denn nach Jahren der Langeweile, wenn die Kinder einen nicht mehr brauchen, geht es eventuell erst richtig los. Man hat vielleicht was verpasst. Wir theoretisierten und mir fielen kaputte Beziehungen im Bekanntenkreis ein.
Dann fragte Philipp, wie das bei uns damals war. Eine gemeinsame Freundin? Ob ich sie erwischt hätte, in flagranti. Nein, nicht direkt. Ich wollte nicht darüber schreiben. Ich sagte Philipp, dass ich das nur erzählen könne, schreiben ginge nicht, es zerriss mich immer noch. Es wäre eine hollywoodreife Geschichte, aber es täte mir leid, da müssten wir schon persönlich reden. Das will ich nicht tippen!
Ich merkte, wie nah mir das ging und äußerte den Verdacht, dass Philipp irgendwie Sinn für mich machte. Er wühlte Verdrängtes auf. Er schüttelte das ab, wolle er keinen Sinn machen oder wolle er Verdrängtes nicht aufwühlen? „Ich will das nicht“, sagte er. Wahrscheinlich meinte er das Aufwühlen.
Das Gespräch bewegte mich sehr, mehr als mir lieb war. Den eigentlichen Betrug hatte ich verziehen. Was dieser in mir auslöste, hatte ich jedoch nie verarbeitet. Allein der Gedanke, dass in mir Unverarbeitetes sein könnte, verdrängte ich. Ich kann sehr gut die Themen wechseln, wenn ich nur mit mir selbst spreche.
Der Chat ging weiter. Was ist Liebe, wie geht man mit Verletzung um. Ich hatte das Gefühl, dass Philipp nicht verstehen kann, warum man sich Seitensprünge verzeiht und warum man bereit ist, Verletzungen hinzunehmen und zu behandeln.
Er war der Meinung, dass er sich kalt umdreht, wenn ihm jemand Schmerzen zufügt. Ich kann das nicht beurteilen, will ich auch gar nicht. Das muss ja jeder für sich selbst herausfinden, merkte aber an, dass er eventuell über ein Verliebtsein noch nie hinaus gekommen wäre und wahre Liebe noch nicht gespürt habe.
Er:
Liebst du?
Was ist Liebe?
Ich:
Oh ja, ich liebe. Und zweifle täglich daran.
Liebe ist der Schmerz, den man fühlt, wenn man sich nicht mehr hat. Nicht auf Reisen. Endgültig. Liebe ist der Teil, der in dir stirbt, wenn der, den du liebst, stirbt.
Der Schmerz als meine Mutter starb, das war der gleiche Schmerz, den ich hatte, als ich dachte, es ist aus zwischen Andi und mir. Ich glaube fest daran, dass dieser Schmerz Liebe ist. Sie ist nur so oft unsichtbar im Alltag.
Er:
Und dann überkommt es einen auf einmalund man merkt, ja, ich liebe ihn über alles, eine Geste, eine Mimik reichen oft aus, dass es einen überkommt, ein Gedanke... z.B. die Person zu verlieren oder was man alles zusammen gemeistert hat?
Ich:
Ja, ja und ja!
Und dann sitzt man sich am ungedeckten Tisch gegenüber, jeder starrt in seinen Laptop und man fragt sich, ist das Liebe? Dass man nicht mal ein Gespräch führt? Und genau das ist Liebe. Dass man monatelang nebeneinander her lebt, um dann irgendwann wieder die Kurve zu kriegen. Mit oder ohne Grund. Mit oder ohne Sex. Liebe ist anders als verliebt sein.
Und nicht immer schön!
Aber intensiv!
Philipp ließ mich über Dinge reflektieren, die ich so für mich noch nie formuliert hatte. Außer in den großen Krisen meiner langjährigen Beziehung, machte ich mir darüber keine Gedanken. Die Leichtigkeit, mit der ich das formulierte, zeigte mir jedoch, dass ich nicht überlegen musste. Ich wusste, dass ich liebe. Ich hatte immer Angst davor, Andi zu verlieren, ein stets präsentes Gefühl, das ich im Allgemeinen aber nicht zuließ. Es ist eine negative Definition, und das für etwas so Großartiges wie Liebe. Es muss auch eine positive geben. Sollte sie mir noch in den Sinn kommen, werde ich es Euch wissen lassen.
Ping! Das Letzte, was ich vorm Schlafen und das Erste, was ich vorm Aufstehen tat, war mit Philipp zu texten. Ich schlief schlecht, teilweise gar nicht, die Gespräche wühlten mich auf. Ihm erging es anders. Er meinte, dass er nach solchen Gesprächen mit einem Grinsen im Gesicht friedlich einschläft.
Ich verliere mich in Dingen, in Gefühlen. Was mich beschäftigt, beschäftigt mich intensiv. Ein bisschen gibt es irgendwie nicht bei mir.
Entweder interessiert es mich nicht oder es ergreift Besitz von mir.
Ich erzählte Philipp von John. Er war in Kalifornien mein Nachbar. Ein alter Mann, mit dem ich die Liebe zu unserem kalifornischen Hügel und zur Natur ganz im Allgemeinen teilte. Er hat versucht, mir Amerika zu erklären und als ich die USA verließ, brach ich ihm das Herz, weil er glaubte, wir würden uns nie wieder sehen. Nun texten wir, täglich. Die Gespräche mit ihm halfen mir vor allem, mit der Krankheit meines Vaters zurecht zu kommen, mit der Trennung zu Andi, der ja ein weiteres Jahr in Amerika blieb, und wir zwei viel zu wenig kommunizierten. John war ein Freund, als ich zurück nach Deutschland ging, er wurde ein Vertrauter durch das tägliche Texten. Wir teilen Gedanken, Gefühle, Stimmungen. Inzwischen kennt er mich besser, als die meisten Menschen, die sich Freund nennen. Er weiß, wie ich denke, wie ich funktioniere.
Intensive schriftliche Auseinandersetzung kann sehr viel Macht haben. Ich mache einen Unterschied zu dem normalen spontanen Chatten. Gesagtes verpufft nicht einfach. Man hat Zeit, über geschriebene Worte in Ruhe nachzudenken. Ich lese Texte meistens mehrfach, sowohl die empfangenen, wie auch die selbst geschriebenen. Ich lasse sie wirken. Ein normales Gespräch ist stark in dem Moment, in dem es passiert, Reaktionen sind spontan. Ein geschriebenes Gespräch hat etwas mehr Zeit zu wirken. Man kann in Ruhe denken, bevor man antwortet, man kann die Sätze mehrfach lesen, bevor man glaubt, dass man sie verstanden hat. Es bohrt sich tief in einen hinein. Zumindest gehe ich mit geschriebenen Unterhaltungen so um. Das ist der Grund, warum sie mich so aufwühlen.
John war bereits mein Freund, als wir begannen, uns zu schreiben.Philipp war ein Fremder. Die Geschwindigkeit, mit der wir vertraute Gespräche führten, erschreckte mich. Ebenso, dass ich ihm Dinge erzählte, die ich anderen Freunden gar nicht erzählen würde. Auch wunderte ich mich darüber, dass ich meine eigenen ungeschriebenen Gesetze brach! Texte niemals auf der Straße oder wenn andere Leute um dich herum stehen. Das eine ist Unsinn, das andere unhöflich. Nichts ist so dringend, dass es nicht bis zum nächsten Stuhl warten könnte.
Ich kam aus dem Altenheim und tippte auf dem Weg zum Auto, wie es meinem Vater geht. Ich stand auf dem Hundeplatz, wartete darauf, dass mein Kurs anfing und antwortete auf Philipps neugierige Fragen. Normalerweise lasse ich das Handy in der Tasche. Wenn ich das Ping des Facebook Messengers hörte, kribbelte es in meinem Bauch. Ich glaubte immer noch daran, dass ich mich einfach naiv freute.
Philipp war in München, er hat keine Wohnung in Aachen, ist auf der Suche nach einer. Ich fragte ihn, wann er wieder zurück käme. Und er antwortete: „Sofern sich etwas mit einer Wohnung ergibt, fahre ich kurzfristig nach Aachen oder wenn du mich sehen willst!”
Ich:
Schmunzel... Da sag ich jetzt nix zu.
Er:
Haha, Schon ok!
Ich:
Was machen wir hier eigentlich?
Das war der Moment, in dem ich sowohl mir gegenüber, wie auch ihm gegenüber den Verdacht äußerte, dass wir nicht mehr einfach nur chatteten. Mit diesem einen kleinen Satz, „oder wenn du mich sehen willst”, verließ der Chat die Ebene des „just talk, just for fun”. Diese wenigen Worte lösten in mir intensivere Gefühle aus, als das leichte Kribbeln, das ich bisher verspürte.
Er:
Schreiben, sich austauschen
Ich:
Hahaha
Er:
Lachen
Ich:
Genau..., aber manchmal verlassen wir ganz kurz diese Ebene.
Wir wechselten sofort das Thema und begannen über den Ablauf der Begleithundeprüfung zu sprechen. Ich erklärte, wieviel Schritte Mensch und Hund „bei Fuß“ laufen müssen, wann die „Sitz“ und „Platz“-Übung kommt und dass meistens die Aufregung bei den Prüflingender entscheidendeFaktor über Gelingen und Nicht-Gelingen sei.
Ich:
Man darf die Prüfungssituation nicht unterschätzen. Ich sitz dann da immer, halte die Luft an und sterbe mit den Teams. Man sieht, wie bei dem Menschen die Stimmung bricht und der Hund nachhängt oder stehen bleibt.
Er:
Ich wäre nur aufgeregt, weil du da bist.
-drei Tränen lachende Smileys hintereinander-
Haha
Ich:
Und du sagst, du schreibst nur...
Er:
Hahahajahajajahaha
Und wieder gingen wir auf diesen Einschub nicht ein. Die anstehende Prüfung und die morgige Sonnenfinsternis ließen uns noch etwa eine Dreiviertelstunde munter weiterplaudern. Es war inzwischen kurz vor Mitternacht.
Er:
Ich muss immer noch Grinsen :)))) Werd wohl mit nem Grinsen ins Bett hüpfen und einschlafen.
Ich:
Ich auch... Mehr als nur schreiben... Ich muss aufpassen...Gute Nacht!
Ich schaltete mein Handy aus, es kribbelte im Bauch und tiefer. Seine Frage las ich erst am nächsten Morgen.
Er:
Worauf? Hallo! Du sollst du sein. Und dich nicht verstellen...
Ich:
Auf mich selber... Guten Morgen! Wieso sollte ich mich verstellen?
Er:
Moin Moin! Wieso denn aufpassen? Naja, wenn man auf sich aufpasst, stelle ich mir darunter vor, dass man sich nicht frei entfaltet, sich bremst. Also indirekt man nicht ganz die Person ist, die man ist.
Ich:
Ich muss aufpassen, weil unsere Gespräche nicht ganz spurlos an mir vorüberziehen. Genau, ich muss mich bremsen. Ich fahre auch nicht mit 180 Sachen durch ein Wohngebiet, auch wenn mein Auto und ich es könnten.
Er:
Ach, du meinst, es geht dir also zu schnell?
Ich:
Jein, ich muss einfach aufpassen, was mit mir hier passiert.
Er:
Ich wüsste nicht, was passieren sollte.Was könnte denn passieren? Was dürfte nicht passieren?
Ich:
Und das noch vorm Kaffee! Puh...
Er:
Nicht grantig werden.
Ich:
Bin nicht grantig. Ich überlege,ob ich es aussprechen soll oder einfach auf sich beruhen...
Er:
Überleg mal... Ich bin noch was länger aktuell. Bis 9 Uhr. Haha. Da will ich es lesen... in der Pause.
Ich:
Haha, nee ich bin schnell oder gar nicht. Versprochen! Erst mal Kaffee...
Du sagst, du schreibst nur. Schreiben ist für mich tatsächlich die intensivste aller Ausdrucksarten. Es macht was mit mir. Noch dazu verfüge ich über blühende Fantasie und ungezügelte Vorstellungskraft. Durch regen Wortaustausch wird alles in mir angeregt. Erst wie beim Ping Pong, hin und her und dann verselbständigt sich alles. Ein Grinsen bleibt nicht im Gesicht! Es wandert! Quer durch meinen Körper. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Wenn ich nun nicht schon so wahnsinnig verbrannte Finger hätte, dann würde ich dem auch absolut freien Lauf lassen und neugierig warten, was passiert. Aber das gebrannte Kind scheut das Feuer. Noch spiele ich damit, ich weiß nur nicht, wie lange das gut geht.
Oder anders. Ich freu mich genau wie du auf die nächste Nachricht. Aufs Ping. Wäre ich 16, würde ich wahrscheinlich gleich meine beste Freundin antexten: oh oh oh ich bin verliebt. Ich würde ihr schreiben, was wir geschrieben haben, und wir würden kichern. Ich bin aber nicht 16, fast dreimal so alt! Ich will nicht verliebt sein, weil das alles unnötig kompliziert macht. Ich will unbefangen schreiben. Worte genießen und Gedankenaustausch erleben, ...und schwupp ist man schwanger. Ich hoffe, du kannst mir folgen. Also... Nur schreiben. Ist klar. Meine wirren Gedanken muss ich in den Griff bekommen. Bekloppt! Genau, das trifft die Sache auf den Punkt.
Du sitzt jetzt da und grinst! Der eingebildete Teil in dir ist stolz! Der andere wundert sich vielleicht. Ich hoffe tatsächlich, dass wir es einfach hinbekommen, unbefangen weiter zu quatschen. Dass wir uns niemals so nahe kommen, dass es knistert. Ich pass einfach auf!!! So habe ich übrigens zwei von drei Kindern bekommen. Durch aufpassen, dass es keine gibt!!!
Er:
Ja, ich grinse!
Ist ja bissl wie im Teenageralter...
Aber wir sind ja beide erwachsen...
Dennoch reizt man gerne einiges aus...
Genauso wie du drücke ich mich gerne in Wort und Schrift aus...So was lässt natürlich viel Interpretationsfreiraum zu. Ja, du hast wirre Gedanken...Aber leider gefallen mir diese. Ja schön aufpassen, dass du nicht schwanger wirst...
Ich:
Ich grinse auch. Das soll auch so bleiben.
Er:
Ohhhhh Barbara
-erröteter Smiley-
Ich:
Ohhhh? Aufpassen!!!!!!! Bin weg, Vater ist dran!
Er:
Ja, man kann sich in manch einen Gedanken verlieben. Genauso in Worte, in Bewegungen usw.
-Smiley-
Ich besuchte meinen Vater im Heim, erledigte noch dies und das und legte mich zu Hause wieder ins Bett. Ich war todmüde und sehr durcheinander. Ich habe nachts wieder kaum geschlafen. Was passierte hier? War ich wirklich verliebt? Ich hatte doch Andi, ich wollte ihm nicht weh tun. Ja, ich war verliebt. Das Grinsen, das ich hatte, wenn ich mit Philipp textete, blieb nicht im Gesicht. Es wanderte. Erst in den Bauch, wo es kribbelte, dann in den Unterleib, wo es noch mehr kribbelte. Diese Zeichen zu lesenwar eigentlich gar nicht schwer. Und trotzdem habe ich eine Weile gebraucht, um sie zu verstehen. Nicht nur die vielen wirren Gedanken hielten mich nachts wach. Das Kribbeln im Unterleib, das zu heftiger Erregung anschwoll, wenn ich meine Gedanken frei ließ, ließ mich nicht nur nicht schlafen, es ließ mich gar nicht ruhen, bis ich ihm körperlich entgegen wirkte, indem ich selbst Hand anlegte oder als Übersprung die Decke ritt. Wirkliche Befriedigung brachte das auch nicht, aber zumindest kurzfristige Erleichterung. Wach war ich sowieso, warum sollte ich dann bloß rumliegen und mich wälzen.
Ping
Philipp fragte, ob ich die Sonnenfinsternis in Aachen gesehen hätte. Ich hatte es nichtmals versucht. Hatte mich einfach ins Bett gelegt und geschlafen. Mittags! Zum Glück war es bewölkt, sonst hätte ich mich hinterher geärgert.
Ich:
Ich bin eingeschlafen. Wach gerade auf. Brauch ich manchmal. Am liebsten immer. Power Nap. Hatte ganz plötzlich nen totales Tief! Hoffe jetzt ist besser.
Was meinen Vater angeht, scheint es, dass es jetzt wesentlich einfacher für mich wird.Ich habe mich so wahnsinnig verantwortlich gefühlt. Das belastet mich, aber ich lasse es mir nicht anmerken. Erst an der Erleichterung selber merke ich es. Und an den „Ich will von nichts und niemand jetzt was hören"-Attacken. Decke übern Kopf und raus aus dem Tag. Das hatte ich immer, wenn ich von ihm kam. Ging aber nicht immer, weil ich direkt zum Hundeplatz bin. Dann schlaf ich schlecht, obwohl ich total müde bin. Nu schlaf ich schlecht, weil ich zu viel mit so nem fremden Typen tippe. Morgen kommt Andi wieder. Ich freue mich, der hilft mir, mich zu sammeln. Der findet das bestimmt amüsant. Oder auch nicht, vielleicht ist es ihm egal oder oha, er beichtet mir alle seine Sünden. Nenene! Dann brech ich wieder zusammen und ihm geht's gut!
Seit Andi mich vor zwölf Jahren betrogen hatte, hatte ich immer wieder Eifersuchtsschübe. Kein lautes Drama, mehr subtiler Schmerz, der kommt, wenn ich sehe, wie er z.B. anderen Frauen angeregt zuhört und dann daran denke, wie er mich ignoriert, wenn ich glaube, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er starrt lieber in seinen Laptop, als mir tief in die Augen zu schauen. Ein bitteres Gefühl, was von böserFantasie in meinem Kopf ausgeschmückt wird.
Ich:
Er hat wahrscheinlich gar keine, erstens wann denn und zweitens denk ich mir das immer nur aus. Sehe ich dann ja. Immer gut, wenn sich was bewegt bei mir. Ich spüre gerne, dass ich lebe!
Er:
Hallo?!? Das darfst du doch nicht so sagen!!! Bekomme ja ein schlechtes Gewissen, wenn ich der fremde Typ bin.
Es ist ja wohl keine Sünde mit mir zu schreiben. Meinst du, er findet es amüsant, dass du mit mir schreibst?
Ich:
Das Schreiben ist keine Sünde, er kennt mich gut. Sehr gut. Ob er das amüsant findet oder nicht, hängt davon ab, wie ich drauf reagiere. Mhm. Wie gesagt. Du genießt es, ich genieß es, aber ICH muss aufpassen. Du nicht. So einfach.
Unsre Talks machen was mit mir und das wird Andi sehen. Weil er mich kennt, weiß er auch warum. Er vertraut mir, immer. Und trotzdem geh ich irgendwie kopffremd, weil es jedenfalls für mich eine Ebene erreicht hat, die ich kontrollieren muss. Kann ich aber!
Muss ich aber auch.
Er:
Ohhh Barbara, ich versteh nicht, dass es überhaupt angesprochen werden muss bei Andi...Meinst du er fragt dich?
Und dann antwortest du: Ja, es ist seit ner Woche so, dass ich mit nem fremden jungen Mann schreibe ...
Klingt komisch.
Ich:
Es muss angesprochen werden. Er weiß, dass wir uns tippen. Hat er schon mitbekommen, ich hab’s erzählt. Was ihn damals am meisten verletzt hat, als ich ihn betrog, war der Vertrauensbruch zwischen ihm und mir, weil ich ihn hintergangen und gelogen habe. Darunter habe ich gelitten und mir geschworen: nie wieder lügen! Hab ich auch nicht. Klar muss man nicht alles erzählen. K
