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Nellanyh Ivy, die Tochter des Anführers ihres Volkes, wächst behütet im Schloss ihrer Eltern auf. Doch Luan, ein Austauschschüler aus einem verfeindeten Volk, bringt ihr ruhiges Leben durcheinander. Als ihre Eltern spurlos verschwinden, findet sie sich in einem seltsamen Lager wieder und merkt: Ihre ganze Kindheit war eine einzige Lüge. In Gefangenschaft beginnt sie, sich selbst und ihre Kräfte neu kennenzulernen, viel Zeit bleibt ihr dafür aber nicht. Nach wenigen Tagen kommt es zu einem ersten Angriff; Nellanyh trägt plötzlich die Verantwortung für eine ganze Spezies. Ein Krieg steht bevor und sie steckt bereits mittendrin.
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2021
INHALT
IMPRESSUM 3
PROLOG 4
1 6
2 17
3 26
4 34
5 45
6 53
7 65
8 72
9 86
10 96
11 109
12 121
13 134
14 143
15 158
16 170
17 182
18 192
19 202
20 207
21 219
22 231
23 241
24 251
25 264
26 278
27 289
28 303
29 315
30 326
31 339
32 353
EPILOG 362
IMPRESSUM
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-242-3
ISBN e-book: 978-3-99107-243-0
Lektorat: Karin Taglang
Umschlagfoto: Maksim Prochan, Viorel Sima | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
PROLOG
Es war eine dunkle, sternenklare Nacht.
Wind wirbelte Blätter am Boden des Waldes auf und trug sie hinauf zu den Baumkronen. Die Luft war angenehm kühl, dunkle Schatten spiegelten sich auf der Oberfläche eines kleinen Waldsees. Das Wasser war schwarz und so tief wie ihre Verzweiflung.
Sie lag in der Hütte neben dem See. Eine alte, kleine Wanderhütte. Sie hatte Mühe, den Schmerzen zu trotzen, die aus ihrem Unterleib aufstiegen. Immer wieder wurde sie von Krämpfen heimgesucht, die ihren gesamten Körper erzittern ließen. Und der einzig klare Gedanke, den sie in jener Nacht fassen konnte, war, dass er sie verlassen hatte.
Er hatte sich gegen sie und ihr gemeinsames Kind und stattdessen für sein Volk entschieden.
Nun war sie allein, vollkommen hilflos in dieser Hütte, irgendwo im tiefen Wald.
Eine Wehe ließ sie erneut zusammenfahren und sie krallte sich mit der Hand an einem freistehenden Stuhl fest. Es brannte höllisch. Sie konnte kaum noch klar sehen, die dunklen Umrisse des Raums verschwammen vor ihren Augen.
Plötzlich hörte sie draußen Schritte, die über das kiesige Ufer zur Hütte rannten, in der sie lag. Panik lähmte ihre Glieder.
Sie hatte doch alles extra vorbereitet. Keiner durfte bei der Geburt dabei sein. Keiner durfte das Kind sehen! Keiner durfte seine Augen sehen, sonst wäre alles verloren!
Die einfache Holztür wurde aufgestoßen und eine schmale Gestalt trat ein.
Sie trug einen langen Mantel und das schwarze Haar fiel ihr ins Gesicht. ,,Ozea?“, krächzte die Gebärende. Die Gestalt senkte nur den Kopf und trat neben sie. Sie schob einen ihrer langen, dünnen Arme unter dem Mantel hervor und tastete nach ihrem Bauch.
„Es kommt“, murmelte sie.
Ihre Augen lagen unter den dunklen Wimpern verborgen, doch dann hob sie die Lider und ihre efeugrüne Iris kam zum Vorschein. Die Gebärende zuckte zusammen, als sie erneut eine Wehe durchfuhr.
Ozea hatte recht, das Kind würde in wenigen Augenblicken kommen.
Ihr wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Ihre Kehle war staubtrocken und jeder Atemzug brannte im Rachen. Sie hielt die Luft an und tat alles Mögliche, um ihr Kind endlich zu sehen, es in den Armen zu halten.
Ozea nahm den kleinen Körper entgegen und wickelte ihn in ein Tuch. Sie murmelte beruhigende Worte, während die erschöpfte Mutter langsam wieder Luft bekam.
Ozea übergab ihr das Kind und sie hielt es in den Armen, wie sie sich es vorgestellt hatte. Es war ein wunderschönes Kind.
Dann legte Ozea den Mantel ab, sie wusste, was das bedeutete. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Du darfst uns nicht verraten. Ozea bitte, wir sind verloren“, flehte sie.
Die Dunkelhaarige sah sie aus schmalen Augen an, das helle Grün hatte sich verfinstert. Sie nahm das Kind wieder an sich und betrachtete es eine Weile.
Sie sog scharf die Luft ein.
Mit zitternden Fingern gab sie der Mutter ihr Kind zurück.
„Warum gibst du ihm keinen Segen?“, fragte diese ängstlich, obwohl sie es längst wusste.
Ozeas Blick war flüchtig. „Es sind die Augen deines Kindes. Sie sind nicht so, wie sie sein sollten, und das weißt du. Sie werden es jagen und sie werden es bekommen. Auch wenn du es beschützen willst, du wirst es niemals wie ein normales Kind behandeln können.“
Ozea zog die schwarzen Brauen zusammen. „Hüte es, solange du kannst. Liebe es, so sehr du nur kannst, denn eure gemeinsame Zeit ist begrenzt, das weißt du so gut wie ich. Sie werden es herausfinden, früher oder später finden sie jeden.“
1
Nell
15 Jahre später
Ich erwachte durch ein Klopfen an meiner Zimmertür.
Müde wälzte ich mich auf die andere Seite und blinzelte vorsichtig. Die Sonne schien zwischen den dünnen Vorhängen hindurch.
Ich kaute einen Moment lang auf meiner Unterlippe, dann legte sich in mir ein Schalter um. Ich schlug die Decke zurück, rannte zur Tür und öffnete sie schwungvoll.
Ozea machte einen Schritt zurück und musterte mich von oben bis unten.
„Du bist ja noch gar nicht umgezogen!“, tadelte sie und trat ein. Ich hastete zu meinem Schreibtischstuhl, auf dem das Kleid für den heutigen Tag schon darauf wartete, getragen zu werden. Dann verschwand ich ins Badezimmer, zog mich um und ließ mir von Ozea die Haare machen.
„Wie stellst du dir den kommenden Tag vor?“, fragte sie, während sie einzelne Strähnen aus meinem Zopf fummelte.
„Du meinst meinen Geburtstag?“, hakte ich nach und konnte kaum stillsitzen. „Nun ja, ich werde ganz viele Geschenke bekommen. Die Familie wird zusammen sein und wir werden Kuchen essen!“
Ozea lachte, dann ließ sie von mir ab. „Fertig!“
Ich drehte mich ein paar Mal vor meinem Spiegel, dann atmete ich tief durch.
„Genieß den Tag“, sagte Ozea und ihre Stimme klang ungewohnt fest. Ich nickte und lächelte ihr entgegen.
Ihre einst vollkommen schwarzen Haare waren von einzelnen, grauen Strähnen durchzogen. Ihre grünen Augen waren von einem dunklen Wimpernkranz umringt und ihr dünner Körper steckte in einem weißen Kleid.
Wir gingen zusammen nach unten, durchquerten einige Räume des großen Schlosses und kamen schließlich ins Esszimmer. Es war ein langer Raum mit hohen Fenstern und hellen Wänden.
Meine Mom stand neben dem Tisch und diskutierte leise mit einem hochgewachsenen, muskulösen Mann. Es war Lenn Ivy, der Anführer der Green Eyes und zufällig mein Vater. Ich schnappte einzelne Wortfetzen auf.
,,… Es ist ihr Geburtstag! …“
,,… Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren! …“
Ich fluchte innerlich. Nicht schon wieder dieses Thema.
Seit einiger Zeit verhielten sich Mom, Dad und auch Ozea immer merkwürdiger. Sprachen andauernd vondiesem Themaund wenn ich sie darauf ansprach, machten sie dicht.
Ich hatte die Nase gestrichen voll von dieser Geheimnistuerei und eilte auf sie zu. „Können wir endlich essen?“
Mom zuckte zusammen und wandte sich lächelnd zu mir um. „Natürlich, mein Schatz, alles Gute zum Geburtstag!“
Dad wünschte mir das Gleiche und wir setzten uns.
Ozea hatte alles Mögliche vorbereitet. Es gab Süßes, Deftiges, Saures, allerlei Getränke und Obst. Ich machte mich über das Essen her und übersah die Blicke meiner Eltern dabei nicht. Irgendetwas war hier faul.
Als ich fertig war, legte ich das Besteck ordentlich ab und heftete meinen Blick auf Mom. Sie spürte es sofort und versuchte mich anzulächeln, scheiterte aber kläglich. „Gibt es Probleme im Volk? Rebellen? Werden wir von den Blue Eyes bedrängt? Oder sind es vielleicht die Red Eyes?“, zählte ich die Möglichkeiten auf. Dad stieß ein tiefes Lachen aus und lehnte sich zurück.
„Du bist so erwachsen geworden, meine Kleine“, murmelte er gedankenverloren. Ich rümpfte die Nase. „Das beantwortet aber nicht meine Frage.“
„Es ist alles in allerbester Ordnung!“, warf Mom schnell ein und lächelte.
„Hört auf, mir etwas vorzuspielen! Ich bin jetzt fünfzehn, verdammt! Sagt mir endlich, was los ist!“, rief ich und ballte die Hände zu Fäusten.
Mom senkte den Blick, sie sah plötzlich sehr müde und verzweifelt aus.
„Tut mir leid …“, murmelte ich, meinte es aber nicht wirklich ernst. Dad atmete tief ein und wieder aus. „Du weißt ja, dass es acht Völker gibt: die Blue Eyes, die Gray Eyes, die Purple Eyes, die Black Eyes, die Yellow Eyes, die Brown Eyes, die Red Eyes und uns, die Green Eyes“, fing er an. „Mit manchen sind wir verfeindet, mit manchen befreundet. Ich führe im Moment Krieg gegen die Blue Eyes, Gray Eyes und mit den Red Eyes waren wir noch nie befreundet. Die Lage ist sehr angespannt und deshalb habe ich mir gedacht“, er tauschte einen kurzen Blick mit Mom,,,dass wir so eine ArtAustauschmit den Blue Eyes machen. Das heißt, ein Junge – wir haben ihn bereits bestimmt und er ist gestern hier angekommen – wird bei uns einen Austausch machen. Und wir möchten ihn dir heute gerne vorstellen.“
Ich war mir fast sicher, dass das nicht der Grund war, warum er seit Tagen mit Mom stritt, aber mein Interesse war geweckt. „Er ist also schon im Schloss?“, fragte ich und versuchte meine Aufregung zu unterdrücken.
Dad nickte und lächelte, es sah ziemlich gezwungen aus, aber ich hatte keine Lust, mir an meinem Geburtstag Gedanken über sein unechtes Lächeln zu machen. Deshalb nickte ich ebenfalls und sah ihn fragend an.
„Du willst ihn gleich sehen?“, riet er zwinkernd. Ich errötete und senkte den Kopf. Oh mann, warum ließ mein Dad einen Austausch mit einem Jungen aus einem Volk zu, gegen das er Krieg führte?
„Na komm“, mischte sich Ozea ein und erhob sich. „Ich stell dich ihm vor.“
„Aber ich muss mich zuerst umziehen!“, warf ich ein und sprang auf.
„Du siehst blendend aus“, meinte Mom. Ich rollte die Augen.
„Das Grün deiner Augen passt perfekt zu weißer Spitze!“, fügte sie hinzu.
„Aber das Kleid ist so eng … und ich will mich ja bewegen können.“ Ich rauschte aus dem Raum, bevor Mom noch mehr Einsprüche hervorbringen konnte.
Nachdem ich mich in eine lockere Jeans und ein weites T-Shirt geschmissen hatte, beeilte ich mich, wieder nach unten zu kommen. Mom und Dad waren nicht mehr im Esszimmer, nur Ozea lehnte an einer der hellen Wände.
Als ich eintrat, stieß sie sich ab und kam auf mich zu. „Du bist so schnell groß geworden“, hauchte sie und legte beide Hände an meine Wangen.
Ich blinzelte sie verwirrt an. Ozea war immer wie eine zweite Mutter für mich gewesen. Wenn Mom oder Dad keine Zeit für mich hatten – sie war immer da gewesen und hatte mich in allem unterstützt. Ich liebte sie wie einen Teil der Familie und das war sie für mich vor Geburt an.
„Warum sagst du das?“, meine Stimme zitterte leicht.
Ozea seufzte und ließ die Hände sinken. „Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Warum?“
„Schwierige Zeiten stehen bevor. Ich bin die Seherin deines Vaters, ich habe die kommenden Dinge vorhergesehen.“
Meine Brust wurde eng. „Was wird passieren? Was hast du gesehen?“
Ozea schloss die Augen und presste die Lippen zusammen. „Dein Vater führt Kämpfe gegen drei Völker …“, hob sie an.
„Die Gray Eyes hat er fast besiegt, mit den Blue Eyes haben wir doch jetzt einen Austausch – da stehen die Chancen gut – und gegen die Red Eyes führt so gut wie jedes Volk Krieg“, versuchte ich, vielmehr mich selbst als sie zu überzeugen.
Ozea schüttelte den Kopf. „Dein Vater wird den Krieg nicht gewinnen. Lenn Ivy wird versagen!“
Ich zuckte zurück. Ihre Stimme war plötzlich laut geworden und ihre Augen funkelten wie tödliches Efeu. Der Schmerz saß tief. Wenn selbst Ozea, unsere Seherin, nicht an den Sieg glaubte, wer tat es dann?
„Ich möchte nicht, dass du es jemandem erzählst“, stellte sie klar. Ich nickte, ohne nachzudenken. Die dunkle Vorhersage würde nur Unruhe verbreiten und die Leute in Angst versetzen.
„Und jetzt geh und genieße den Tag, solange du die Möglichkeit dazu hast“, murmelte sie und verschwand mit eiligen Schritten.
Wie benebelt machte ich mich auf den Weg aus dem Schloss. Ozeas Worte zogen tiefe Furchen in meinem Kopf und hackten meine klaren Gedanken wie Staubkörner beiseite.Dein Vater wird den Krieg nicht gewinnen. Lenn Ivy wird versagen!
Ozea hatte Angst, große Angst, und das verhieß nichts Gutes. Auch ich hatte Angst. Angst um meine Familie, meinen Vater, dem ich nichts erzählen durfte. Wenn er wüsste, dass er keine Chance hatte, könnte er sich wenigstens noch geschlagen geben, aber das Wort einer Seherin war Befehl und stand in diesem Fall auch über dem des Anführers.
Als ich auf den großen Vorplatz des Schlosses trat, empfingen mich einige meiner Freunde. Sie wünschten mir alles Gute und wir alberten eine Weile herum. Aber ich war mit meinen Gedanken nicht vollkommen bei der Sache. Mit den Augen suchte ich den Platz ab, doch Ozea war nicht da. Wahrscheinlich hatte sie sich zurückgezogen und war beschäftigt.
Jemand stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite und ich fuhr herum.
„Bist du dabei?“, lachte Liam und sah mich fragend an.
„B… bei was nochmal?“ Ich kam mir ein wenig blöd vor.
„Wir wollen nachher noch mit dem Neuen in den Wald gehen und ihm unsere Kräfte zeigen. Vielleicht können wir danach auch noch ein bisschen trainieren“, sagte er und hob dabei eine Braue. Seine hellgrünen Augen funkelten. Ich nickte zustimmend.
„Habt ihr ihn schon gesehen? Den Neuen, meine ich?“, fragte ich meinen besten Freund. Liam sah gut aus. Er hatte dunkle Haare, einzelne Sommersprossen auf der Nase und seine hellgrünen Augen waren ausdrucksstark. Aber zwischen uns war nichts – nicht mehr als tiefe Freundschaft jedenfalls.
Liam wurde ernst. „Wie kann mandendenn übersehen?“
Er konnte ihn offensichtlich nicht leiden. Das fing ja gut an.
Doch er machte eine Bewegung mit dem Kinn und deutete so die Richtung an. Ich hauchte Liam einen Kuss auf die Wange und suchte mir einen Weg durch die vielen Menschen, die sich inzwischen vor dem Schloss versammelt hatten. Ich erspähte meinen Vater, er war gut einen Kopf größer als die übrigen Leute und stand neben meiner Mom. Als ich die beiden erreicht hatte, trat auch der Junge in mein Blickfeld, der bei ihnen war. Er war größer als Liam, allgemein größer als die meisten Jungs in seinem Alter, hatte dunkelblondes Haar, war muskulös gebaut und seine vollen Lippen hatten sich zu einem breiten Grinsen verzogen. Ich warf einen kurzen Blick auf seine Augen. Sie waren blau, natürlich, er kam ja auch von denBlue Eyes.Aber es war kein gewöhnliches Blau. Die Tiefe dieser dunklen Farbe sog mich förmlich auf und für einen kurzen Moment vergaß ich alles andere um mich herum.
„Ah, da ist ja meine kleine Prinzessin!“, rief Dad und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Meine Wangen fingen an zu glühen und meine Finger wurden schwitzig. Als ich Moms misstrauischen Blick sah, der auf meinem weiten T-Shirt lag, wurde mir übel.
„Luan, das ist meine Tochter Nellanyh!“, stellte Dad mich vor.
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Warum nannte er vor Fremden immer meinen ganzen Namen? Ich hasste diese acht Buchstaben. Normalerweise nannten mich meine Eltern Nelly, höchstens mal Lanyh. Unter Freunden war ich einfach nur Nell – und so sollte es auch sein.
„Hi“, sagte Luan und reichte mir seine Hand. „Nellanyh, ein schöner Name. Selten, aber schön“, fügte er hinzu. Seine Stimme war angenehm und weich. Ich hätte mich wahrscheinlich hineingelegt, wenn ich gekonnt hätte.
Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch.
„Nelly …“, Mom beugte sich vor und machte eine vielsagende Geste zu Luan. Ich lächelte flüchtig und legte meine Hand in seine.
Als wir uns berührten, stoben tausend Gefühle in mir auseinander und hinterließen ein einziges Caos. Schüchtern zog ich meine Hand wieder zurück und senkte den Arm.
„Wie lange er hier bleibt, ist noch nicht ganz klar“, versuchte es Dad mit einem Gespräch, ,,aber es werden auf jeden Fall mindestens vier Wochen sein“.
Ich biss mir auf die Lippe. Vier Wochen also.
„Wir lassen euch dann mal allein“, lächelte Mom, ich nahm es ihr aber nicht ab. „Ach und- Liam hat mir gesagt, dass ihr später noch in den Wald gehen wollt, seid bitte zurück bevor es dunkel wird.“
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Ich war fünfzehn, verdammt. Keine drei mehr.
„Das kenne ich“, sagte Luan plötzlich. Ich hob die Lider und blinzelte zu ihm auf.
„Wie alt bist du?“ Wow, das Erste, was ich zu ihm sagte und ich hatte keinen Sprachfehler ans Licht befördert. Ich war stolz auf mich.
Er grinste mich an und kleine Grübchen bildeten sich auf seinen gebräunten Wangen. „Sechzehn.“
„Ah“, war das Einzige, was mir dazu einfiel. Die Luft zwischen uns schien elektrisch aufgeladen und zum Explodieren gespannt. Mir war unglaublich heiß.
Plötzlich beugte sich Luan zu mir hinab. „Willst du mir das Schloss zeigen?“
„Auch draußen bleiben“, stammelte ich.
Er sog scharf die Luft ein und hob eine Braue. Erst jetzt wurde mir klar, was ich gerade von mir gegeben hatte. Mir war zum Heulen.
Dann grinste er auf einmal. „Klar, wir können auch draußen bleiben.“ Kurz darauf stieß er ein schnelles „Aahh“ aus und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich habe ganz vergessen – alles Gute zum Geburtstag!“
Ich wurde rot. „Danke.“
Bevor Luan noch etwas erwidern konnte, zwängte sich Liam zu uns durch.
„Liz will sofort aufbrechen, die anderen sind auch dafür“, verkündete er den Vorschlag seiner Zwillingsschwester. Keinen Augenblick später stand sie neben mir und fiel mir um den Hals. Sie sah exakt so aus wie ihr Bruder Liam, nur eben die weibliche Variante.
„Oh Nell, alles, alles Gute!“, rief sie und erwürgte mich dabei fast.
Ich lachte und schob sie sanft von mir. „Danke!“
Dann wandte ich mich an Liam. „Okay, von mir aus können wir sofort aufbrechen.“
Er nickte und verschwand in der Menge. Liz und ich folgten ihm, Luan bildete den Schluss.
Unterwegs wurde ich von einigen Bekannten und Freunden meiner Eltern angesprochen, die mir gratulierten, und schließlich trafen wir auf Peroll. Er war der General der Armee meines Vaters und die beiden waren auch privat gut befreundet. Peroll war oft im Schloss und verbrachte Zeit mit Ozea und mir. Ich mochte ihn. Er hatte eine Glatze und einen stets ordentlichen, grauen Oberlippenbart. Als er mich erkannte, fasste er mich an der Taille an und hob mich hoch, als wäre ich nicht schwerer als eine Feder, und lachte. „Da bist du schon fünfzehn!“, rief er und setzte mich wieder ab. Dann beugte er sich hinunter und flüsterte: „Und nachher habe ich auch noch eine Überraschung für meine kleine, große Enkelin!“
Er nannte mich fast immer so und ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt. Da er selbst keine Kinder und so auch keine Enkel hatte, schien es ihn froh zu machen, mich so zu nennen, und in gewisser Weise war er auch so etwas wie ein Opa für mich.
Ich küsste ihn lächelnd auf die Wange und winkte ihm zum Abschied zu, bevor ich mich beeilte, den anderen zu folgen.
Als wir endlich unter uns waren, gesellte sich auch der Rest der Gruppe zu uns. Brian, Jess und Nara wünschten mir ebenfalls alles Gute, doch mein Blick fiel auf May. Sie war tatsächlich auch gekommen.
May war ein schlankes Mädchen mit hüftlangen, blonden Haaren. Sie zog jeden Jungen an sich, der sich ihr auch nur näherte. Aber sie sah nun mal wirklich gut aus, das konnte selbst ich nicht leugnen. Dazu kam, dass außer Jess keiner sie so wirklich leiden konnte – Jungs ausgeschlossen –, deshalb wunderte es mich auch, dass sie gekommen war.
„Hi, Nell“, trällerte sie, doch ihr Blick huschte gleich weiter zu Luan, der dicht hinter mir stand. „Bist du der Austauschschüler von den Blue Eyes?“, rief sie übertrieben und riss die Augen auf.
Luan trat neben mich und lächelte sie breit an. „Freut mich, dich kennenzulernen.“ Er reichte ihr die Hand.
Ich unterdrückte ein Augenrollen, als May ihre weißen Zähne zeigte und sich an ihn ranschmiss. „Ich liebe die Blue Eyes. Auch wenn unser Anführer diesen hirnrissigen Krieg gegen euch führt, weil er denkt, ihr seid böse.“
Ich ballte die Hände zu Fäusten. Was war bei der denn für ein Schalter ausgefallen? Sie beleidigte gerade in aller Öffentlichkeit meinen Vater! Eine Hand legte sich auf meine Schulter, ich fuhr herum.
Es war Liam. „Reg dich nicht auf. Sie wird sich nur freuen, wenn du jetzt auf sie losgehst“, murmelte er und seine grünen Augen funkelten verständnisvoll. Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, hatte May Luan bereits mit sich gezogen und lief dicht neben ihm auf den Wald zu.
Mit steifen Schritten folgte ich ihnen.
Da ich heute Geburtstag hatte, durfte ich mir auch aussuchen, wo wir hingingen. Ich schlug den schmalen Pfad zur Waldlichtung ein, meinem Lieblingsort. Dort wuchs hohes Gras, man konnte die perfekten Sonnenuntergänge beobachten und es gab genug Platz, um mit Pfeil und Bogen zu üben. Da ich aus feinem Hause kam, wie es Mom immer nannte, gehörte es sich für mich eigentlich nicht, wie ein Junge zu schießen oder im Wald unterwegs zu sein. Ich ging auch nicht mit den anderen zur Schule, sondern wurde von Ozea im Schloss unterrichtet. Ich hasste es.
Seit meinem zwölften Geburtstag durfte ich zum Glück Bogenschießen und hatte diese Sportart schnell für mich entdeckt. Seither verbrachte ich jede freie Minute beim Training im Wald.
„Und, wie findest du es hier?“, fragte May engelsgleich und blickte mit großen Augen zu Luan auf. Er grinste schief. „Es ist wunderschön.“
Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, als er das sagte. Ihm gefiel dieser Ort genauso sehr wie mir.
„Das ist mein absoluter Lieblingsplatz!“, schwärmte May und hüpfte auf die Lichtung zu. Ihre langen Haare wellten sich leicht und die Sonne glitt über ihren Kopf hinweg, als könne sie kaum genug von ihr bekommen.
Ich presste die Lippen aufeinander. May verbrachte nie Zeit im Wald.
„Jaaaa“, Liz dehnte das Wort bewusst lang und zog mich hinter sich her. „Wir haben uns ja noch gar nicht richtig vorgestellt. Also das ist Nell, wie du sicher schon mitbekommen hast. Sie ist die beste Bogenschützin in ihrer Altersklasse und total begabt darin, ihren Mittelpunkt aufzurufen“, meinte sie zu Luan.
Ich errötete, als ich sah, wie sich seine Lippen erneut zu einem Lächeln formten. Es stimmte zwar, was sie sagte, ich war eine ziemlich gute Bogenschützin und den Mittelpunkt aufrufen konnte ich besser als die meisten. Das war das A und O des Trainings. Der Mittelpunkt war sozusagen die Quelle unserer Kräfte. Die Green Eyes hatten Efeu als Kennzeichen. Mit dieser Kraft konnten wir die verrücktesten Dinge anstellen. Aber es war mir mehr als unangenehm, dass Liz mich so hervorhob.
„Und das sind Jess, Nara und Brian. Wir gehen alle in dieselbe Klasse“, stellte Liz weiter vor. „Nur Nell hat das Glück, im Schloss unterrichtet zu werden – privat.“ Das letzte Wort betonte sie besonders und sah Luan dabei mit großen Augen an.
„Ich wüsste nicht, was das mit Glück zu tun hat“, stichelte May und schob sich neben den Blue Eye.
„Ist doch egal“, schaltete sich Liam ein und stellte auch sich und seine Zwillingsschwester vor.
„Und jetzt lasst uns endlich anfangen“, drängte Jess mit leuchtenden Augen. Bevor jemand etwas erwidern konnte, hob sie die Hände und richtete ihre Fingerspitzen auf einen der Bäume, der am Rand der Lichtung stand.
Mit konzentriertem Blick hob sie langsam die Arme und aus den Wurzeln des Baums schoss Efeu. Es wuchs und wuchs, schlängelte sich den Stamm hinauf und verharrte, als Jess die Arme wieder sinken ließ.
„Wow“, machte Luan und nickte anerkennend. Jess strahlte ihn an.
„Aber ich kann noch viel mehr“, behauptete May und stellte sich vor Jess.
Luan hob eine Braue. May lächelte süß. Dann drehte sie sich um und warf sich die langen Haare über die Schulter. Sie deutete mit dem Kinn auf eine kleine, blaue Blume, deren Blüten sie in voller Pracht präsentierte. May schloss langsam ihre Finger und richtete den Blick unverhohlen auf die kleine Blume. Die Blüten der Pflanze wackelten, dann knickte der Stiel ein. Das Blau wurde von einem modrigen Grau erstickt und schließlich löste sich die Blume in Staub auf. Mit einem arroganten Lächeln drehte sich May wieder zu uns.
Luan hatte schweigend zugesehen. Dann streckte er die Hand aus und deutete auf ihr Werk. „Das war echt gut! Nein, es war hervorragend.“
May kicherte und ihr Blick huschte über seine Schulter hinweg zu mir. Ohne, dass sie die Worte aussprach, konnte ich sie deuten.
Tja, das war’s dann wohl für dich.
2
Nell
Meine Lust auf diesen Tag schwand zusehends. Und als sich May auch noch bei Luan einhakte, wurde es mir endgültig zu viel.
„Ich geh wieder zurück“, flüsterte ich Liam ins Ohr, als Nara gerade versuchte, einen Schmetterling auf einer von ihr erschaffenen Efeupflanze landen zu lassen.
Er drehte sich zu mir um und seine Stirn lag in Falten. „Ich komme mit.“
Ich winkte ab. „Lass dir von mir nicht den Tag verderben.“
Er umfasste meine Handgelenke und beugte sich vor. „Hast du eigentlich vergessen, dass dasdeinGeburtstag ist und nicht Mays?“
Ich spürte seinen Atem an meiner Wange und schloss die Augen.
„Aber alle sehen sie an“, brach es plötzlich aus mir heraus. Liam gegenüber hatte ich mich immer geöffnet. Bei ihm waren selbst die verworrensten Geheimnisse in Sicherheit. „Sie ist der Mittelpunkt – sie war es schon immer. Ich bin nicht mal ihr Schatten. Alle sehen …“
„Schhh“, machte Liam und zog mich an sich. Ich spürte sein Herz unter meiner Wange schlagen und entspannte mich etwas.
„Es stimmt, alle sehen sie an, aber nur, weil sie sich in den Vordergrund schiebt. Und das tut sie, weil sie gegen dich sonst keine Chance hätte. Du hast nämlich einen gewaltigen Vorteil ihr gegenüber und dafür beneidet sie dich sogar im Schlaf“, redete er leise auf mich ein.
Ich schnaubte in seine Brust hinein. „Und welcher sollte das sein?“
Ich spürte seine Lippen, die sich neben meinem Ohr zu einem Grinsen formten. „Du bist die Tochter des Anführers unseres Volkes. Du bist Nell Ivy. Du bist nicht nur unter den Green Eyes, sondern auch unter allen anderen Völkern bekannt. Und das macht sie so wütend.“
Ich biss mir auf die Lippe und löste mich von ihm. „Und was soll mir das nützen?“, fragte ich skeptisch.
Er legte den Kopf schief. „Du musst diesen Vorteil nutzen. Versuche deine Eltern davon zu überzeugen, dass du mit uns in die Ausbildung gehst. Mit allen anderen Green Eyes zusammen. Wenn sie es nicht erlauben, was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird, versuche sie wenigstens für das gemeinsame Training rumzukriegen.“
Ich seufzte und setzte mich in Bewegung. Liam folgte mir.
„Aber wie soll ich das anstellen?“, grübelte ich. Es war ja schließlich nicht so, als hätte ich das noch nie versucht. Da ich immer noch im Schloss unterrichtet wurde, ließ sich leicht schließen, dass meine Versuche nicht funktioniert hatten.
Liam legte mir einen Arm um die Schultern. „Darüber kannst du dir morgen den Kopf zerbrechen. Jetzt habe ich erstmal eine Überraschung für dich.“
Ich sah ihn von der Seite an und grinste, als ich seinen geheimnisvollen Blick bemerkte. Er wackelte mit den Brauen und wir fingen beide an zu lachen.
Als wir den Waldrand fast erreicht hatten, hörte ich hinter uns Stimmen, die stetig näherkamen. Ich drehte mich um und suchte mit den Augen die Bäume und Sträucher ab. Ich konnte deutlich Liz‘ und Brians Worte verstehen.
„Sie suchen uns“, bemerkte Liam trocken. Er sah mich an. Ich sah ihn an.
Wir brauchten uns nicht mit Worten zu verständigen und verließen zeitgleich den Pfad. Zusammen krochen wir durch das dichte Unterholz und gingen schließlich hinter einem breiten Brombeerstrauch in Deckung. Ich konnte mir nur schwer ein Kichern verkneifen. Liam ging es nicht anders. Als die verwirrten Gesichter von Liz und Brian auf dem Pfad erschienen, musste ich mir die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut loszulachen. Es war vielleicht kindisch, sich mit vierzehn noch im Wald zu verstecken, aber das war mir in dem Moment egal. Ich fühlte mich auf einmal wieder in meine Kindertage zurückversetzt, in denen ich mich wöchentlich mit den Zwillingen im Wald verkrochen hatte und Mom das gar nicht lustig fand.
Doch schließlich konnte Liam nicht anders und wir beide brachen in lautes Gelächter aus.
Liz schob sich zu uns durch und boxte zuerst mich, dann ihren Bruder in die Seite, doch dann fiel sie mit ein in unser Gelächter. Als wir uns wieder beruhigt hatten, stolperten wir auf den Pfad zurück, auf dem auch schon die anderen warteten. Nara zog mir ein Blatt aus dem Haar und ich befreite Liz von einem Spinnennetz, das sich an ihrer Hose verfangen hatte.
„Musstet ihr unbedingt weglaufen?“, fragte May und musterte mich kühl. Liam warf mir einen vielsagenden Blick zu und nickte kaum merklich.
„Das war ziemlich kindisch“, feuerte sie hinterher.
Ein böses Lächeln hob meine Mundwinkel und mein Blick wurde kalt. „Ich weise nur ungern darauf hin, aber ist es nicht viel peinlicher, beim Singen unter der Dusche vom Nachbarn darauf hingewiesen zu werden, dass man sich woanders duschen soll?“, fragte ich und setzte eine unschuldige Miene auf. „Weil der Gesang nicht so vielversprechend ist?“, fügte ich hinzu.
May schnappte nach Luft und rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen.
Ich wechselte einen triumphierenden Blick mit Liam.
„D… das ist nicht wahr! Das ist nie passiert!“, keuchte sie und ihre Stimme überschlug sich. Ich beugte mich vor und mein Blick wurde hart.
„Was spielt es denn für eine Rolle, ob es wirklich geschehen ist oder nicht? Es ist immerhin viel lustiger, ausgedachte Lügen weiterzuerzählen als die langweilige Wahrheit.“
May starrte mich einige Augenblicke sprachlos an, dann presste sie die Lippen aufeinander, drehte sich um und stapfte ohne ein weiteres Wort davon. Unbeeindruckt sah ich ihr hinterher. Ich war überrascht von mir selbst, dass ich in der Lage war, so gemein zu sein – gut zu wissen.
„Musste das jetzt sein?“, murmelte Jess und wandte sich ebenfalls zum Gehen. Ich sah sie irritiert an.
„Sie macht mich seit Jahren runter und hat noch nie dafür bezahlen müssen!“, konterte ich. Jess verdrehte die Augen und eilte May hinterher. Empört stieß ich die Luft aus und schaute zu Brian und Nara.
Beide wichen meinem Blick aus.
„Wollen wir nicht erstmal das Geschenk überreichen?“, mischte sich Liz ein.
„Gute Idee!“, rief Liam und trat neben sie.
„Ich habe meiner Mom versprochen, bald wieder zu Hause zu sein. Ich muss ihr noch beim Putzen helfen“, warf Nara kleinlaut ein.
Brian stolperte hinter ihr her, als sie sich in Bewegung setzte. „Bei mir ist es auch so, sorry Nell, wirklich.“
Ich starrte den beiden hinterher und fühlte mich plötzlich elender als zuvor.
Luan pfiff leise durch die Zähne und näherte sich mir vorsichtig. „Das ist wohl nach hinten losgegangen.“
Liam fuhr herum und funkelte ihn an. „Kannst du dich da bitte raushalten, das wäre besser für alle Beteiligten!“
Luan hob unbeeindruckt beide Hände, verschwand dann aber ebenfalls.
Ich wollte nicht, dass er ging, brachte es aber nicht auf, ihm hinterher zu laufen. Mit zitternder Unterlippe ließ ich mich langsam am Stamm einer alten Buche hinabgleiten. So endete es immer, wenn ich versuchte, irgendwie normalzu sein, oder mich wenigstens zu integrieren. Tief in mir wusste ich auch, warum meine Eltern es nicht zuließen, dass ich mit den anderen Kindern in meinem Alter in die Ausbildung ging. Ich war anders. Das hatte ich von Anfang an gespürt. Aber ich wusste nicht,wasan mir nicht so war, wie es sein sollte. Ich sah vollkommen normal aus, hellblonde, schulterlange Haare und blassgrüne Augen. Dass meine Augen grün waren, war besonders wichtig.
Zwischen den acht Völkern herrschten strenge Regeln. Die wichtigste war, dass sich die Menschen nur mit Ihresgleichen fortpflanzen durften. Wenn gegen das Gesetz verstoßen wurde und ein Kind auf die Welt kam, das nicht die reine Augenfarbe seines Volkes hatte, sondern zwei gemischte Farben, wurden die Eltern umgebracht und das Kind verschwand meist auch von der Bildfläche. Dies kam zwar nicht oft vor, aber Ozea hatte mir davon erzählt, dass solche Kinder als Mutanten bezeichnet wurden und meist das gleiche Schicksal wie ihre Eltern erlitten. Sie hatten keine Chance, sich zu verstecken, denn ihre Augenfarbe verriet sie überall. Dazu kam, dass Mutanten stärkere Kräfte hatten als normale Menschen. Sie übernahmen die des Vaters und die der Mutter und das machte sie gefährlich. Denn meistens konnten sie ihre Kräfte nicht kontrollieren und dadurch erregten sie zusätzliche Aufmerksamkeit.
Aber das war bei mir ja nicht der Fall. Meine Augen waren aus reinem Grün.
Jemand legte mir einen Arm um die Schultern und holte mich somit aus meinen Gedanken. Es war Liam.
Er lächelte mich sanft an und strich mir mit dem Daumen über die Wange. „Sie werden es bereuen“, sagte er leise. „Eines Tages werden sie es bereuen.“
Ich seufzte und legte meinen Kopf an seine Brust.
„Willst du jetzt trotzdem deine Überraschung aufmachen?“, fragte Liz. Sie schien viel aufgeregter als ich, denn sie wippte vor und zurück und fuhr sich mehrfach mit den Fingern durchs Haar.
„Natürlich“, sagte ich und bemühte mich, meine wirren Gedanken zu ordnen, doch sie schweiften immer wieder zu den Mutanten ab und dann tauchte plötzlich Luans Gesicht vor meinem geistigen Auge auf. Ich erschrak, als ich ihn sah. Etwas an ihm war anders, als ich es in Erinnerung hatte. Seine Augen waren nicht dunkelblau, sondern blau und von mehreren grellgelben Streifen durchzogen. Plötzlich stand er auf einer kargen Ebene. Er hob die Arme und Licht schoss aus seinen Fingern. Wenige Sekunden später befand er sich am Ufer eines Flusses und mehrere Wasserfontänen schossen über ihm empor. Mir stockte der Atem. Luan war ein Mutant?
Das konnte nicht sein! Seine Augen waren doch dunkelblau.
Und warum lebte er dann noch? Warum war er hier?
Meine Gedanken rasten. Was war nur los mit mir? Warum konnte ich nicht einfach so sein wie alle anderen? Wieso sah ich jetzt auch noch diesen Blue Eye in meinem Kopf? Das ergab alles überhaupt keinen Sinn.
„Hey.“ Ich nahm Liams Stimme nur leise und gedämpft war. „Hey Nell, alles okay?“
Ich zuckte zusammen und Luans Gesicht verschwamm. „Ja, alles gut.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln und löste mich von ihm.
Liz hatte plötzlich einen langen Gegenstand in der Hand, der unter einer robusten Decke verschwand. Sie grinste breit und reichte ihn mir.
„Wir haben uns mit den anderen zusammengetan und sie gekauft. Aber die Spitzen sind aus Diamanten, die Liam und ich persönlich aus dem Wald geschlagen haben und–
„Jetzt verrate doch nicht gleich alles!“, schimpfte Liam und setzte eine gespielt beleidigte Miene auf. Liz biss sich auf die Unterlippe und verstummte.
Er grinste, als er sich wieder mir zuwandte. Ich schluckte und blickte auf die Decke in meinen Händen. Ohne zu zögern riss ich sie herunter und mir blieb die Spucke weg. Fünf Pfeile kamen zum Vorschein. Sie waren aus dunklem Holz und fühlten sich wunderschön glatt in meinen Händen an. Hinten waren sie jeweils mit drei weißen Federn verziert und ins Holz waren ein großes N und ein I eingraviert. Und die Spitzen … ich konnte es kaum glauben. Es waren tatsächlich fein geschliffene Diamanten, die in der matten Sonne glitzerten.
Ich starrte erst die Pfeile, dann die Zwillinge an.
Den Bogen und die Pfeile, die ich schon besaß, hatte ich mir unter langer Arbeit selbst gebaut. Aber sie waren nichts im Vergleich zu diesen Prachtstücken.
„Was … was“, stotterte ich und senkte den Blick.
Behutsam fuhr ich mit der Fingerkuppe an dem scharfen Diamanten entlang. „Das kann ich nicht annehmen“, hauchte ich.
Liz boxte mir in die Seite. „Klar kannst du. Und ein schlechtes Gewissen brauchst du auch nicht zu haben, denn wie gesagt haben Nara, Brian und Jess auch was dazugelegt.“ Die Worte klangen aus ihrem Mund so leicht und einfach, dass sich die Enge in meiner Brust in Luft auflöste.
Dann hoben sich meine Mundwinkel und ich fiel erst ihr, dann Liam um den Hals. „Danke, danke, danke!“, rief ich und drückte beide fest an mich. Sie wussten genau, was mir diese Pfeile bedeuteten und ich war ihnen unglaublich dankbar dafür.
Als wir später zurück zum Schloss kamen, waren die meisten der Gäste schon wieder gegangen. Peroll stand mit meinem Vater und einem weiteren Mann in Uniform neben dem Eingang und unterhielt sich leise mit den beiden. Meine Mom prostete mit Mason und Taylor, den Eltern von Liz und Liam, und einige Angestellte bedienten die letzten Gäste. Ich hielt Ausschau nach Ozea, doch sie war nach wie vor nicht zu sehen. Enttäuscht folgte ich den Zwillingen zum Buffet und wählte gebratene Kartoffeln, Gemüse und einen schmalen Fleischstreifen aus, sowie eine kalte Schorle. Wir setzen uns etwas entfernt der Menge an eine lange Bank und machten uns über das Essen her.
„Wo hattest du so plötzlich die Pfeile her?“, wollte ich kauend wissen. Liz wackelte mit den Brauen.
„Ich habe sie schon gestern in den Wald gebracht und in der Nähe versteckt.“
Ich nickte und legte mein Besteck ab.
Peroll kam an unseren Tisch und reichte mir ebenfalls einen langen Gegenstand, der unter einer groben Decke verborgen war.
Ich merkte, wie meine Knie zu zittern begannen, als ich den Stoff zurückzog. Mir entwich ein leises Wimmern, als ich den Bogen sah, der zum Vorschein kam. Er war aus genau dem gleichen, dunklen Holz wie die Pfeile und in ihn waren ebenfalls ein N und ein I eingraviert. Die Sehne war hell und schimmerte leicht. Er war einfach nur wunderschön. Auch Mom, Dad, Taylor und Mason hatten sich zu uns gesellt. Ich fiel allen um den Hals und weinte ein bisschen.
Der Tag ging viel zu schnell herum und als die Zwillinge aufbrechen mussten, färbte die Sonne den Horizont bereits blutrot. Es war ein fantastisches Schauspiel, das ich in dem Moment nur zu gern auf der Lichtung beobachtet hätte. Sobald sie gegangen waren, verabschiedete sich auch Peroll. Die Angestellten begannen, die Tische und das Essen wegzuräumen und ich folgte meinen Eltern ins Schloss.
„Luan wurde bereits ein bisschen im Schloss herumgeführt und ist jetzt auf seinem Zimmer. Aber ich fände es toll, wenn du noch einmal bei ihm vorbeischauen würdest“, sagte Dad, während er durch die langen Flure lief.
Ich fände es toll, wenn du noch einmal bei ihm vorbeischauen würdest, ja sicher. Doch ich gehorchte und schlug den Weg zu seinem Zimmer ein, das, wie mir Mom vorhin mitgeteilt hatte, direkt neben meinem lag.Was für ein Zufall.
Vor seiner Tür blieb ich stehen und atmete tief durch. Dann strich ich meine Haare und das lange Shirt glatt und klopfte zaghaft. Um ehrlich zu sein, fand ich es schon ziemlich daneben von ihm, dass er die ganze Zeit mit May verbracht hatte. Immerhin war er in unserem Schloss zu Gast und hätte mir nicht gleich den Rücken zukehren und sich an meineNicht-Freundin ranmachen müssen.
Die Tür wurde mit so viel Schwung geöffnet, dass ich instinktiv einen Schritt zurücktrat. Ich hob den Kopf und blickte in seine dunkelblauen Augen.Siehst du, sie sind ganz normal und haben keine gelben Streifen.Das vorhin musste reine Einbildung gewesen sein.
„Hi, Nell“, sagte Luan und lehnte sich lässig in den Türrahmen. Seine verwaschene Jeans saß ziemlich tief, sodass man einen Streifen gebräunter Haut zwischen dem Hosenbund und seinem T-Shirt sehen konnte. Ich starrte einige Augenblicke zu lang darauf, dann hob ich die Lider und zwang mich, ihn anzulächeln. Verdammt nochmal, warum brachte mich dieser Typ schon wieder aus der Fassung?
„Ich wollte … wollte nur mal kurz … vorbeischauen. Ob … ob alles okay ist“, stammelte ich und wurde rot. Mein T-Shirt schien auf einmal viel zu eng zu sein und ich konnte ihm nicht in die Augen sehen.
„Aha.“ Luan zog das Wort elend lang hin. Dann stieß er sich vom Rahmen ab und trat einen Schritt vor. Ich spürte seinen Atem auf meiner Stirn und biss mir auf die Lippe. Fest.
„Ich würde dich ja gerne hereinbeten“, fing er an.
Ich hob den Kopf.
Luan verzog gespielt das Gesicht. „Aber ich habe leider schon Besuch.“
Er trat wieder einen Schritt zurück und hinter ihm löste sich eine zierliche Gestalt aus den Schatten. Sie hatte hüftlanges, blondes Haar und eine unschuldige Miene aufgesetzt. Mein Herz setzte für einen kurzen Moment aus. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst und ich konnte sie nur anstarren. May verzog die vollen Lippen zu einem feinen Lächeln.
„Da war ich wohl schneller“, säuselte sie süßlich und legte einen ihrer dünnen Arme auf Luans breite Schulter. „Du weißt ja gar nicht, wobei du uns –.“
Ich lachte auf. Es klang irgendwie hysterisch und ich unterbrach sie damit. Heiße Tränen brannten mir in den Augenwinkeln und ich wandte mich schnell ab. Auf keinen Fall würde ich ihr gönnen, mich heulend wegrennen zu sehen.
„Sorry für die Störung, ich bin schon weg“, presste ich hervor und eilte an den beiden vorbei. Der Gang verschwamm vor meinen Augen und sobald ich meine Zimmertür hinter mir zugeknallt hatte, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Heiß rannen sie mir übers Gesicht, obwohl ich nicht einmal wusste, warum ich überhaupt weinte. Ich ließ mich mit dem Rücken an der Tür zu Boden sinken und verharrte dort.
3
Nell
Am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Bett.
Ich hatte keine Ahnung, wer mich letzte Nacht von der Tür bis unter meine Decke getragen hatte, aber es war mir eigentlich auch egal.
Langsam richtete ich mich auf und blinzelte. An meinem Schreibtisch lehnte eine Gestalt. Eine große Gestalt mit breiten Schultern und einem schiefen Grinsen. Ich erstarrte und zog mir die Decke bis unters Kinn.
„Was machst du hier?“, fragte ich und meine Stimme zitterte kein bisschen. Jetzt verspürte ich auch keine Scham mehr, wenn ich vor ihm sprach. Ich war einfach nur wütend.
Luans Grinsen wurde breiter, als er meinen Gesichtsausdruck sah. „Ich bin gestern nochmal rübergekommen. Da du noch nicht im Bett warst, die Sonne aber schon untergegangen war, habe ich dich bis dahin begleitet.“
Seine Mundwinkel hoben sich noch ein Stückchen, als er meine Fassungslosigkeit bemerkte. Okay, es war mir definitivnichtegal!
„Du hast mich –.“
„In dein Bett getragen und dann habe ich dir noch eine Weile beim Schlafen zugeschaut.“ Er kam auf mich zu geschlendert.
Ich schnaubte. „Komm mir nicht zu nahe. Außerdem, wer gibt dir das Recht, mir beim Schlafen zuzusehen?“ Meine Wut stieg
„Ich gebe mir das Recht zu allem“, lachte er und setzte sich auf meine Bettkante.
„Runter da“, empörte ich mich und versuchte, ihn mit dem Fuß wegzuschieben. Vergebens. Ich knurrte und funkelte ihn warnend an. „Runter von meinem Bett, oder ich hole meinen Vater und dann war’s das mit deinem komischen Austausch.“ Und das meinte ich gewaltig ernst.
Doch Luan musterte mich nur unbeeindruckt. „Du siehst süß aus, wenn du schläfst“, sagte er leichthin.
Ich schnappte nach Luft. „Du bist krank.“ Ich startete einen neuen Versuch, ihn wegzuschieben, und schließlich erhob er sich.
„Eigentlich soll ich dich fürs Essen holen“, seufzte er, während er sich in meinem Zimmer umsah. Mit zwei langen Schritten war er bei meinem Kleiderschrank angelangt und öffnete die Tür.
„He!“, rief ich und sprang auf. Was erlaubte sich dieser Typ?
Luan nahm eines meiner Shirts heraus und warf es mir zu. „Zieh dich um und komm dann nach unten. Ich warte auf dich.“
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und ich starrte ihm hinterher.
War das gerade wirklich geschehen?
Ich schnaubte abermals und zog mich um. Das Oberteil, das er mir gegeben hatte, war auch noch mein liebstes.
Als ich im Esszimmer eintraf, blieb ich abrupt stehen.
Luan fläzte sich breitbeinig auf dem kleinen Sofa, das neben dem langen Tisch stand. Doch was mich noch viel mehr wunderte, war, dass weder Mom noch Dad da waren. Ozea und Peroll auch nicht.
„Die sind alle schon früh los und haben mir nur gesagt, ich soll dich wecken und aufpassen, dass du keine Dummheiten machst“, meinte Luan und deutete mit dem Kinn neben sich. „Setz dich – ich rutsche auch.“
Ich wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und durchquerte den Raum. An meinem Platz ließ ich mich fallen und starrte auf den leeren Teller vor mir. Warum waren alle verschwunden?
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Mom mich freiwillig mit diesem Irren zurückgelassen hätte.
„Sie haben mir nichts gesagt, nur, dass ich auf dich aufpassen soll.“ Luan stand plötzlich hinter mir.
Verdammt, warum er so leise?
Mein Nacken prickelte, als ich seinen Atem durch meine Haare hindurch spürte. Ich musste wieder an gestern Abend denken, an May, und mir wurde übel.
Ich schob den Teller von mir und drehte mich auf dem Stuhl zu ihm um.
„Und, war es schön mit May?“, fragte ich schnippisch.
Er grinste. „Willst du das wirklich wissen?“
Zwischen dem tiefen Blau seiner Augen leuchtete für eine Millisekunde etwas auf. Ich konnte es allerdings nicht deuten und der Moment war so schnell wieder vorbei, dass ich mir nicht mal sicher war, ob er überhaupt passiert war. Wut brodelte tief in mir auf, doch ich versuchte, sie zu unterdrücken. Eine kleine, neidische Nell war sicher nicht besonders erwachsen.
„Lass uns einfach nicht über sie reden, okay?“, versuchte ich es so kühl wie möglich.
Er hob eine Braue. „Uns?“
Ich stand auf und schob ihm den Stuhl in den Bauch – mit extra viel Schwung, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Ach halt einfach den Mund“, knurrte ich und stapfte aus dem Raum. Er folgte dicht hinter mir.
„Wo willst du hin?“, fragte er, als wir auf den Vorplatz traten.
„In den Wald. Ich will den neuen Bogen testen.“
Ich hatte ihn zusammen mit den Pfeilen gestern noch zurück zur Lichtung gebracht. Heute musste ich unbedingt herausfinden, wie gut er war.
Den Pfad durch den Wald liefen wir schweigend nebeneinander her. Ein paar Mal hingen mir Zweige oder Gestrüpp im Weg und Luan schob sie für mich zur Seite.
Als wir die Lichtung erreicht hatten, hielt ich inne. Mein Blick glitt über das hohe Gras und blieb an einem wackelnden Brombeerstrauch hängen. Ich spürte, wie sich Luan hinter mir anspannte.
„Was ist?“, flüsterte er mit rauer Stimme, die fast wie Musik in meinen Ohren klang. Ich schüttelte den Gedanken beiseite und konzentrierte mich.
„Da ist ein Tier. Ich könnte es erlegen, wenn ich leise genug wäre, um an meinen Bogen und die Pfeile zu kommen.“
Enttäuscht ließ ich die Schultern sinken, als ich feststellte, dass das Tier direkt hinter dem Baum verharrte, in dem ich meine Waffen versteckt hatte. Unmöglich, so nah heranzukommen. Ich würde das Tier aufschrecken, bevor ich die Hälfte der Lichtung überquert hätte.
„Lass mich das machen“, meinte Luan entschlossen und schob sich an mir vorbei. „Ich besorg dir deinen Bogen und du versprichst mir ein ordentliches Mittagessen.“
Ungläubig sah ich ihm hinterher, als er den Schutz der Bäume verließ. Wie ein Löwe näherte er sich immer weiter dem Baum, bis er ihn schließlich erreicht hatte. Mit seinen langen Armen griff er zwischen die verworrenen Wurzeln und zog den Köcher samt Bogen hervor. Dann kam er wieder zurück und reichte mir beides. „Jetzt dein Job.“
Immer noch perplex schaute ich zu ihm auf. „Wie machst du das?“
Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem frechen Grinsen. „Ich weiß, dass ich gut bin.“
Ich schnaubte und wandte ihm den Rücken zu. Das war zwar keine Antwort auf meine Frage, aber jetzt war ich an der Reihe. Das Tier war ein fettes Kaninchen, was ich schnell bemerkte, als es hinter dem Baum hervorkam. Mit wachsamen Augen sah es sich um, dann senkte es den Kopf und begann, Gras zu knabbern. Ich umfasste den Bogen fester und trat unter den Bäumen hervor. Geduckt schlich ich durch die langen Halme und blieb in sicherer Entfernung stehen. Ich zog einen der neuen Pfeile aus dem Köcher und spannte den Bogen. Plötzlich hob das Kaninchen den Kopf und blickte genau in meine Richtung.
Es öffnete leicht das kleine Maul, dann drehte es blitzartig um und sauste auf den Wald zu. Doch ich war schneller. Der Pfeil schoss in hohem Bogen durch die Luft und ich vernahm das satte Knacken, als er ins Fleisch meiner Beute traf.
„Wow!“, rief Luan und kam zu mir. „Nicht schlecht.“
„Weiß ich.“ Zufrieden sammelte ich das Kaninchen ein und Luan bot sich an, es zu tragen. Wir überquerten die Lichtung und ließen uns im Schatten der Bäume nieder. Es war ein heißer Vormittag und die Sonne brannte nur so auf uns hinab. Ich holte ein kleines Messer aus meiner Brusttasche und reichte es Luan. Er sah mich überrascht an.
„Damit, Tiere zu töten, hast du kein Problem, sie danach aufzuschneiden aber schon?“
Ich funkelte ihn wütend an. „Das ist etwas ganz anderes!“
„Finde ich nicht.“ Seufzend begann er, den Bauch des Kaninchens aufzuschneiden und die Eingeweide herauszuholen.
Ich wandte mich ab, als er Geruch von Tod zu mir hinüberwehte.
Nachdem Luan sein ordentliches Mittagessenzu einer kleinen Zwischenmahlzeit gemacht hatte, begaben wir uns auf den Rückweg. Ich probierte noch ein paar Schüsse aus und der Bogen war gigantisch. Da ich nicht riskieren wollte, dass er kaputt ging, nahm ich ihn mit zurück ins Schloss.
„Habt ihr bei euch eigentlich auch Training und verschiedene Klassen, in denen ihr ausgebildet werdet?“, fragte ich, während er mich über einen umgefallenen Stamm führte.
„Ja, alles was mit Schule zu tun hat, ist bei den Blue Eyes ziemlich ähnlich wie hier.“
„Und warum bist ausgerechnet dudieser Austauschschüler geworden?“
Er grinste mich an. „Weil ich eben so unwiderstehlich bin.“
Ich verdrehte die Augen und wartete auf eine richtige Antwort, doch sie blieb aus. Entweder Luan war ein ziemlich stark ausgeprägter Angeber oder er verheimlichte mir etwas. Ich konnte keins von beidem ausschließen.
„Kannst du mir mal deine Kräfte zeigen?“, fragte er nach einer Weile. „Ich meine, das was Jess gezeigt hat, war jetzt nicht wirklich krass. Das von May war schon besser …“ Er sah mich provokant von der Seite an. „Aber ich glaube, du hast noch mehr drauf.“
Ich errötete leicht. „Warum sollte ich besser sein als die anderen?“
Luan hielt mich an den Handgelenken fest und drehte mich zu sich um.
„Weil du anders bist“, flüsterte er und sah mich eindringlich an. Seine dunkelblauen Augen bekamen einen leichten Schimmer und mir drohte, mich in ihren Tiefen zu verlieren.
Als ich auf seine mehr als merkwürdige Aussage nicht reagierte, verzogen sich seine Lippen wieder zu diesem arroganten Grinsen. „Bist du noch da oder hab ich dich schon in meinen Bann gezogen?“, hörte ich seine tiefe Stimme neben meinem Ohr.
Gereizt entzog ich mich seinem Griff und wich seinen funkelnden Augen aus.
„Ich bin nicht anders!“, blaffte ich und zog die Brauen zusammen. Wie sehr ich es hasste, wenn die Leute mir sagten, ich sei nicht wie die anderen Kinder in meinem Alter. Ich wollte einfach normal sein!
So ganz verstand ich sowieso nicht, was an mir so anderswar. Ich konnte nicht besonders gut mit Menschen, ja, das stimmte. Warum, wusste ich auch nicht und zu ändern war es ebenfalls nicht.
„Doch bist du, und das weißt du auch“, widersprach er. Als er den geringen Abstand zwischen uns zunichte gemacht hatte, wurde ich von einer plötzlichen Hitze umgeben, die eindeutig von ihm ausging. Ein leichter Schauder lief mir den Rücken hinab, ich bekam Gänsehaut.
Luans Augen wurden heller. Das tiefe Blau wurde von mehreren grellgelben Streifen abgelöst, die mich fast blendeten. Er sah mich eindringlich an und seine dichten Wimpern zuckten kurz. Mir blieb die Spucke weg. Luan war tatsächlich ein Mutant! Aber wie …?
Plötzlich riss er erschrocken die Augen auf und stieß mich nach hinten.
Ich kam aus dem Gleichgewicht und taumelte rückwärts, bis mir etwas Spitzes das dünne T-Shirt aufschlitzte und sich in meine Haut bohrte.
„Mist“, hörte ich Luan leise fluchen. Er legte mir eine Hand auf den Rücken und zog mir das stachelige Etwas aus der Haut. Ich zuckte zusammen und rieb mir die offene Stelle.
Er ließ die Ranke fallen und rümpfte die Nase.
Ich schluckte und suchte seinen Blick, er wich mir aus.
„Ich geh zurück ins Schloss“, knurrte er und drehte sich um.
„Warte!“, ich legte eine Hand auf seine Schulter, was ihn erschaudern ließ.
„Warte“, wiederholte ich leiser. Er drehte sich nicht zu mir um, als ich zu sprechen begann. „Deine Augen … du bist ein Mutant, stimmt’s?“
Seine Schultern bebten und ich konnte jeden einzelnen der durchtrainierten Muskeln spüren, die sich unter meinen Fingern anspannten.
„Du erzählst vollkommenen Schwachsinn“, fauchte er und zog seine Schulter vor, sodass meine Hand nach unten fiel. „Ich bin kein Mutant. Vielleicht solltest du dich lieber mal von einem Arzt untersuchen lassen.“ Mit diesen Worten fuhr er sich durchs Haar und stapfte in den Wald davon. Ich blieb verblüfft zurück.
Mit angestrengter Miene verstaute ich den Bogen und den Köcher in meinem Schrank, während ich darüber nachdachte, was im Wald passiert war. Nein, in einem war ich mir vollkommen sicher: Ich hatte mich nicht getäuscht. Ganz sicher nicht! Die gelben Streifen in seinen Augen waren wirklich da gewesen. Nur eins fand ich seltsam. Er schien es kaum selbst bemerkt zu haben, erst, als er meinen verwirrten Blick bemerkte. Und jetzt hasste er mich, oder was? Ich schnaubte und schlug die Schranktür zu. Dieser Typ war mir ein Rätsel – und ja, eigentlich konnte ich ihn überhaupt nicht leiden, aber verraten würde ich ihn trotzdem nicht. Vor allem, weil ich mich ihm irgendwie … verbunden fühlte. Es war dieser Schauder gewesen, der mich am ganzen Körper erfüllt hatte, und die Hitze, die von ihm ausgegangen war. Doch eine viel mächtigere Frage drängte sich in den Vordergrund: Wie war es möglich, dass er bei den Blue Eyes lebte? Warum lebte erüberhauptnoch? Und warum um alles in dieser Welt machte mein Vater mit seinem Volk einen Austausch,wo er gerade Krieg gegen es führte?!
Mein Kopf rumorte und ich trat stöhnend zurück.
Nachdem ich eine Weile auf meinem Bett gesessen und auf den Boden gestarrt hatte, beschloss ich, zu Luan zu gehen und ihm zu versichern, dass ich ihn nicht verraten würde. Aber als Gegenleistung wollte ich Antworten. Und zwar einige.
Doch Luan war nicht da. Sein Bett war aufgewühlt, die Decke lag auf dem Fußboden und das Kissen war eingedrückt. Mit zitternden Lippen verließ ich das Zimmer und fragte mich, ob ihn May wieder besucht hatte.
Dieses kleine …
Plötzlich hörte ich Schritte auf dem Flur, schnelle Schritte, die sich rasch näherten. Liam bog um die Ecke und kam auf mich zugerast.
„Du musst kommen, sofort!“, rief er und packte meinen Ellenbogen.
„Was ist denn los?“, rief ich verwirrt, doch er hatte mich bereits mit sich gezogen.
Wir hasteten durch das Schloss, stürmten auf den Vorplatz und überquerten ihn. Ich ahnte, wo er hinwollte und meine Brust zog sich zusammen.
Sobald wir in den Wald eingetaucht waren, hob ich meinen freien Arm und ließ eine Efeuranke aus dem Boden wuchern. Liam kam fluchend zum Stehen und ließ mich los.
„Was ist passiert?“, fragte ich außer Atem. Er sah mich aus dunklen Augen an.
„Wir verschwenden Zeit, Nell. Du solltest einfach mit mir kommen.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und drückte die Schultern durch.
„Ich bewege mich keinen Zentimeter, bevor du mir sagst, was los ist!“
Liam schloss kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, war das schöne Grün überschattet. „Es geht um deine Eltern. Sie wurden überfallen.“
4
Nell
Einen Moment lang konnte ich ihn nur anstarren, dann legte sich in mir ein Schalter um und ich stürmte los.
Liam fluchte abermals und folgte mir eilig. „Es ist weiter südlich bei der Pfadkreuzung passiert.“
Ich wusste sofort, wo wir hinmussten, und beschleunigte meinen Lauf. Meine Gedanken rasten unkontrolliert und hinterließen ein riesiges Chaos.
Keuchend und außer Atem erreichte ich die Pfadkreuzung.
Ich sog scharf die Luft ein, als ich den Wagen meiner Eltern sah. Er lag verkehrt herum und die Beifahrertür stand offen. Das schimmernde Blech schien zu dampfen und eine Hitzewelle schlug mir entgegen.
Plötzlich spürte ich wieder diesen leichten Schauder auf dem Rücken und eine warme Hand legte sich auf meine Schulter. Ich fuhr herum und erblickte Luan.
Seine Züge waren hart und verschlossen, doch seine Augen funkelten matt.
„Ich habe das Auto gefunden“, murmelte er.
Meine Unterlippe zitterte leicht und meine Hände schlossen sich automatisch. Mit unsicheren Schritten stolperte ich auf den Wagen zu. Liz stand daneben und musterte mich besorgt, als ich auf die Knie fiel.
Ich stützte mich auf den Handflächen ab und neigte den Kopf nach vorne, um ins Innere zu sehen. Die zerfetzten Sitze waren blutverschmiert und einige Haarsträhnen klemmten im Lenkrad.
Mehr war da nicht. Keine Mom, kein Dad und auch Ozea oder Peroll waren nicht da. Mit starrem Blick richtete ich mich wieder auf und stolperte zurück. Meine Haare fielen mir ins Gesicht, winzige Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. „Mom?“, hauchte ich. Meine Stimme klang heiser. „Mom!“
Keine Antwort – natürlich nicht.
Liz trat neben mich und fiel mir um den Hals. „Wir haben sie überall gesucht. Keine Spur von ihnen. Nichts!“
Ich löste mich von ihr und spürte die Tränen, die mir in den Augenwinkeln brannten. Ich hielt sie nicht auf und sie brannten sich wie Narben in meine Haut. Verzweifelt suchte ich mit den Augen die Umgebung ab, doch ich wusste, dass ich nichts finden würde.
„Wie … wie kommt das Auto in den Wald?“, fragte ich schluchzend und wandte mich den Jungs zu. Luan wich meinem Blick aus, was mich wütend werden ließ.
„Wir haben keine Ahnung, Nell.“ Liam schüttelte den Kopf. „Die Straße ist hier ganz in der Nähe, es wäre also nicht schwierig gewesen, es hierher zu bringen.“
„Aber warum?“, fuhr ich ihn an. Plötzliche Verzweiflung überrollte mich. „Warum sollte jemand meinen Eltern wehtun, sie dann verschwinden lassen und ihr Auto verstecken? Ich versteh das nicht.“
Der Wald kam auf einmal immer näher, Dunkelheit und Leere legten sich wie ein schwarzes Tuch über mich. Ich konnte kaum noch atmen. „Wer tut so etwas?“, rief ich und fiel nach hinten. Dumpf landete ich auf dem harten Boden und ein eiserner Schmerz fuhr mir den Rücken hinauf. Ich hörte Liz‘ zitternde Stimme, als sie sich neben mich kniete und mich an sich drückte. Ich spürte Liam, der mir einen schweren Arm um die Schultern legte. Luan wandte sich ab und verschwand im Wald. Doch das alles verschwamm, als mir klar wurde, dass meine Eltern weg waren. Ozea weg war. Peroll. Und vielleicht … nein! Diesen Gedanken wollte ich nicht zu Ende bringen.
Doch mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich es bereits getan hatte.
Vielleicht würde ich meine Eltern nie wiedersehen.
Ich spürte einen eindringlichen Blick auf mir, als ich langsam wieder einen klaren Kopf bekam. Ruckartig öffnete ich die Augen und rechnete damit, noch immer im Wald zu liegen, doch unter mir spürte ich die weiche Matratze meines Bettes.
Verwirrt richtete ich mich auf und das Erste, was ich sah, war Liz.
Sie saß auf der Bettkante und ihre wunderschönen, grünen Augen flackerten ängstlich. Ich stöhnte leicht und massierte meine pochende Schläfe.
„Was ist passiert?“, murmelte ich und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Unter meinen glasigen Augen hatten sich zwei dunkle Ringe platziert, meine Haut war blass und meine Lippen trocken.
„Du warst plötzlich irgendwie weg. Also mit deinen Gedanken“, fing sie an. „Liam hat dich zurückgetragen und ich habe dir etwas Frisches angezogen.“
Als sie meinen unwohlen Blick bemerkte, huschte ein leises Lächeln über ihr Gesicht. „Mein Bruder war nicht dabei.“
Einer meiner Mundwinkel hob sich etwas und ich richtete mich halb auf.
„Was ist mit Luan?“
Liz verzog das hübsche Gesicht. „Wie kannst du bei all dem, was passiert ist, anihndenken?“ Sie machte eine abfällige Geste. „Er ist abgehauen und hat sich nicht mehr blicken lassen.“ Sie legte ihre Hand auf meine und drückte sie.
„Wie geht es jetzt weiter?“ Ich wollte eigentlich gar keine Antwort.
„Mom und Dad sind da und haben schon die Wächter informiert. Nach deinen Eltern, Ozea und Peroll wird bereits gesucht, aber …“, sie sprach nicht weiter und ich wusste, was das hieß. Es sah nicht gut aus. Niemand konnte wissen, wo sie waren, ob sie noch lebten. Ob es überhaupt eine Chance für sie gab. Alles lag nun im Ungewissen.
Liz beugte sich zu mir hinab. „Sie werden sie finden. Ich glaube fest daran, und Liam auch. Alles wird gut, am Ende wird alles gut“, redete sie leise auf mich ein, als ich wieder anfing zu weinen.
