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"Früher dachte ich, dass Kinder aus Fleisch und Blut gemacht sind. Heute weiß ich sicher: Kinder bestehen aus unterschiedlichen Klebstoffen. Die meisten Kinder haben keine Finger, sondern kleine, aufgeschraubte Prittstifte. Doppelseitiges Klebeband statt Zungen. Leim statt Spucke. Und schnüffelt man an ihnen, dann kann es passieren, dass man betäubt zu Boden sinkt. Bei hohen Temperaturen verklumpen Kinder zu einer klebrigen Masse ohne echte Form. Sie sind dann wie eine Rolle Kreppband. Nach dem Streichen. Zusammengeknüllt. Feucht. Und klebrig." In seinem Erstlingswerk "Vater!" beschreibt der Kölner Autor Anselm Maria Sellen, selbst Vater von vier Kindern, in unterhaltsamen und kurzweiligen Episoden die Fallstricke und alltäglichen Herausforderungen familiären Zusammenlebens. Ob Elternabend, die Bundesjugendspiele, warum ein Sousaphon vielleicht doch nicht das geeignete Musikinstrument ist und was geschieht, wenn man in einem unbedachten Moment "Ja" sagt - Sellen bringt den alltäglichen häuslichen Wahnsinn in seinen bissigen Kurzgeschichten und Betrachtungen zielsicher und scharfzüngig auf den Punkt. "Vater!" ist nicht nur ein ironisches und pointiertes, mit schwarzem Humor gespicktes Buch - es verspricht auch einen hohen Wiedererkennungswert, ganz gleich, ob man selbst Kinder hat oder nicht ...
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kellerkind
Spülmaschine
Weichgekocht
Essen
Herrschaft
Kindermusikantenstadl
Elternabend I
Elternabend II
Evolution
Karneval
Tierwünsche
Entzug
Bethlehem
Ungespräch
Glückwunsch
Elternsprechtag
Geflüchtet
Zwangsheirat
mUNOpoly
Wartezimmer
Mauerbau
Wiegenfest
Ulf
Gemeinsamstag
Intelligenzbestien
Medienveganismus
Kreisheimattag
Familienfoto
Stallgeruch
Klebstoffe
Sex
Bundesjugendspiele I
Bundesjugendspiele II
Sorgenkinder
Endlosschleife
Digga
Wolfsmenschen
Blinddarm
Sprachlos
Flatrate
Verschenkt
Vorgeführt
Sankt Martin
Kinderschmuggel
Wahrsager
Qualvoll
Für meine Kinder
Es ist früh. Und ich stehe nackt im Keller. In der einen Hand eine Gitarre und in der anderen ein Glas Senf. Und ich weiß ganz genau: „Irgendwas wollte ich hier.” Oben rufen Helena und die Kinder wild durcheinander. Ich hatte einen Auftrag und wahrscheinlich hatte der irgendetwas mit dem Geschrei dort oben zu tun. Ich kämpfe die Panik nieder und setze mich auf eine Plastikkiste mit der Aufschrift „146/152”. Was hat das alles zu bedeuten? Ich stelle das Glas Senf neben mich und fange an, ein paar Töne auf der Gitarre zu zupfen. Irgendwer dort oben brüllt nach mir. Es hat etwas mit Schule und Broten zu tun. Es wird immer geheimnisvoller.
Ich betrachte die Ordnung um mich herum. Ganz offensichtlich verstaut Helena unser Hab und Gut in Kisten, die sie dann beschriftet. Es sind unfassbar viele Kisten. Bis unter die Decke sind die sauber durchnummerierten Plastikcontainer gestapelt. Das beruhigt mich irgendwie. Mein Leben scheint in Ordnung. Wenn ich irgendwann sterbe, dann werde ich auch in so einer Kiste landen und Helena wird mich hier unten einsortieren. Vielleicht bekomme ich dann auch eine Nummer. Ich habe nie wirklich Zeit im Keller verbracht. Ich komme nur hierher, wenn ich auf der Suche nach Essen bin. Dabei gibt es hier noch viel mehr zu sehen. Hinten links in der Ecke, versteckt hinter einem Wäschegebirge, entdecke ich eine Waschmaschine. Hier steht die also.
Über mir knallen Türen und ich höre, wie sich hübsche Töchter mit hässlichen Worten bewerfen. Wäre ich nun dort oben, müsste ich erzieherische Maßnahmen einleiten. Und nichts ist so ermüdend, wie sich selbst beim Erziehen der Kinder zuhören zu müssen. Also bleibe ich noch ein wenig sitzen. Ich habe eine Gitarre im Schritt, ein Glas Senf neben meiner rechten Pobacke und wenn ich wirklich etwas zum Anziehen bräuchte, dann würde ich einen kleinen Schacht in den Klamottenhügel graben und dort eine Jeans und ein T-Shirt abbauen. Hier kann mir niemand was.
Aber ich weiß um meine Verantwortung als Vater. Außerdem weiß ich, dass dort oben wahrscheinlich die unangenehme Antwort auf all meine Fragen lauert. Also erhebe ich mich und beginne den langen Aufstieg zurück ins Leben. Oben angekommen, laufe ich zuerst Lotte in die Arme. In einem Anflug von Scham halte ich das Glas Senf vor meine Körpermitte. Gleichzeitig geht mir auf, dass die Gitarre wahrscheinlich mehr verborgen hätte, aber da ist es schon zu spät. „Iiiiihhhh. Papa!! Kannst du dir bitte mal was anziehen?” Ich verzichte auf die Bemerkung, dass eine Hälfte von ihr vor 12 Jahren aus diesem ekelerregenden, nackten Körper herausgeschwommen ist. Als erfahrener Pädagoge weiß ich, dass pubertierende Kinder diese Art von Fun Facts noch nicht zu schätzen wissen.
Als Lotte sich angewidert abgewendet hat, überholt mich Marie rechts, tätschelt mir den Hintern und nimmt mir das Glas Senf aus der Hand. „Das hat ja ewig gedauert. Die Schulbrote sind fertig. Jetzt brauch ich den auch nicht mehr.” Womit auch dieses Rätsel gelöst wäre. Bleibt die Gitarre. Da stürmt auch schon Ida auf mich zu, baut sich vor mir auf und fragt mit mahnendem Blick: „Hast du die gestimmt? Ich habe heute eine Aufführung in der Musikschule!” Ich überlege einen Moment und lüge ihr dann ein kurzes „Ja!” ins Gesicht. Ihre missgestimmte Gitarre wird in dem schiefen Flötenquartett gar nicht auffallen – ich habe die Proben gehört.
Auf dem Weg zu meinem Kleiderschrank erhasche ich einen kurzen Blick ins Esszimmer. Da sitzt der unbeaufsichtigte Emil am Tisch. Mit dem Gesicht im Nutella-Glas. In seinen Händen hält er einen bunten Wurststrauß. Ich lächle ihm aufmunternd zu, drehe mich um und schleiche leise wieder in den Keller. Dieses Mal weiß ich genau, warum.
Ich werde bis drei zählen. Nein, ich werde bis drei brüllen. Ganz sicher. Diese Diskussion will ich nicht führen. Und dabei geht es nur um das Ausräumen der beschissenen Spülmaschine. Aber nein, Marie ist jetzt acht Jahre alt und hat begriffen, dass die Dinge nicht so sein müssen, nur, weil ich sage, dass sie so sind. „Marie, ich zähle jetzt bis drei!“ – ich bin ganz dicht davor, den Offenbarungseid des Erziehungsberechtigten zu leisten.
Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich sie aufgefordert, ihrer Pflicht nachzukommen. „Gleich!“ hat sie die Treppe heruntergebrüllt. „Ich kann ja nicht überall gleichzeitig sein.“ Wann hat sie herausgefunden, dass „gleich“ eine Variable ist und niemals eine Antwort?
Dann irgendwann steht sie doch in der Küche. Mit fragendem Blick. Sie sieht die Spülmaschine heute nämlich das erste Mal. Und hat sie noch nie zuvor ausgeräumt.
Seit fünf Minuten reden wir jetzt aneinander vorbei. Auf der Spülmaschine türmt sich der Abwasch und wankt jedes Mal bedrohlich, wenn Marie wütend mit dem Fuß auf den Boden stampft. „Wenn hier irgendwas kaputtgeht, dann...“ Früher klang das dramatisch. Heute weiß auch Marie, dass mir so schnell keine schmerzhafte Sanktion einfällt. Warte, du blödes Kind, bis du ein Smartphone hast. Und ich den WLAN-Schlüssel. Dann werde ich dir weh tun. In mir erschallt irres Gelächter.
„Ich bin nicht dafür da, euch als Knecht zu dienen!“ – 2500 Jahre zuvor schlurft ein nubischer Sklave an selber Stelle durch das Atrium seines Herrn. Im Raum nebenan ist eine handfeste Orgie im Gange. „Du machst bitte den Abwasch, während wir dekadent sind“, waren die Worte der Dame des Hauses, bevor sie mit der Peitsche in der Hand die Tür zum großen Saal hinter sich zuzog. „Ja. Gleich!“, antwortet der Versklavte leise, lässt die Variable in der Luft hängen und macht sich auf den Weg in die Speisekammer.
„Ich gehe jetzt nach oben in mein Zimmer!“ Ich deute auf die Liste, auf der die Wochendienste festgehalten werden. „Ich mach das trotzdem nicht.“ Sie zetert. Mein Blick wird glasig und schweift ins Leere. Ich denke daran, dass ich sie mal ganz süß fand. Bevor sie reden konnte. Bevor sie von einer eigenen Meinung heimgesucht wurde.
„Deine Schwestern haben ihre Aufgaben heute schon erledigt...“ Ich wüte ein wenig in der Gegend herum. Ihr Blick wird glasig und schweift ins Leere. Sie denkt daran, dass im Keller noch Süßigkeiten sind, die sie sich bei nächster Gelegenheit einverleiben wird.
„EINS...!“ Jetzt muss ich es doch tun. Ich zähle bis drei. „Zwei“. Ich zähle bis fucking drei. Wie ein Vollidiot. Sie hat gewonnen. „Na gut...!“ mit einem genervten Augenrollen stellt sie ihren Kampf ein und reißt die Spülmaschine auf. Auf der Spitze des Abwaschgebirges kommt ein Eierbecher ins Wanken, neigt sich gefährlich talwärts und gerät ins Rollen. Auf dem Weg bergab reißt er noch zwei Untertassen mit sich. Im Waschbecken zerschellt die Porzellanlawine an der fettigen Pfanne. In mir wilde Raserei. Ich beiße in meine Faust. „Ja, was stellst du den ganzen Kram auch so dahin? Da muss er ja fallen!“
Zehn Minuten später bin ich wieder da. Bei mir. Das Blut rauscht mir nun nicht mehr in den Ohren. Nach dem Spaziergang strahle ich wieder diese ZEN-artige Ruhe aus, die mich als Vater ständig umgibt. Die Spülmaschine ist leer. Dafür ist der Tresen voll mit gespültem Geschirr. „Du hast nicht gesagt, dass ich den Kram auch wegräumen soll.“ „EINS. ZWEI...“
Samstagmorgen 6:30 Uhr. Die Tür fliegt auf und Ida verkündet laut, dass dieser Samstag schon jetzt sehr langweilig wäre und sie nun gerne mit einer Freundin spielen würde. Als ich in Idas Alter war, habe ich Samstagfrüh von 6:00 Uhr bis 9:00 Uhr die Hanna-Barbera-Party geschaut und zum Frühstück 15 Haferflocken unter einem halben Kilo raffiniertem Zucker beerdigt. Die Wochenenden begannen traditionell mit Kopfschmerzen und leichtem Durchfall. Damals war die Welt noch in Ordnung. Heute gehören wir zu diesen bekloppten Eltern, die sich Gedanken um ihre Kinder machen. Deshalb haben wir Lotte mit Stoffwindeln gewickelt, liebevoll gesundes Essen gefertigt und sogar kurz über Homöopathie nachgedacht. Über die Jahre haben uns das Leben und die Kinder schnell weichgekocht. Keine dieser ehrenvollen Ideen hat im Alltag überlebt. Die Kinder nach Lotte wurden mit Plastik umgürtet, auf Krankheiten schießen wir mit Antibiotika und über gesundes Essen wird nur nachgedacht, wenn wir uns an unseren Kindern rächen wollen.
Ich will, dass Ida weggeht. Zu ihren Schwestern. Aber die streiten sich schon seit 15 Minuten. Ihre Schreie dringen durch meinen Halbschlaf. Wenn Ida jetzt das Zimmer ihrer Schwestern betritt, dann wird sie bestimmt Haue kassieren. Mein verschlafenes Hirn denkt einen bösen Gedanken. „Ida. Geh und schau, was deine Schwestern machen!“ „Nein. Ich will nicht. Die haben mir schon gedroht.“ Ich will ihr auch drohen. Fiese Dinge will ich ihr androhen, damit sie augenblicklich das Schlafzimmer verlässt. Aber es steht keine Geburtstagsfeier an, die ich ihr streichen könnte.
„Du kannst niemanden anrufen. Es ist mitten in der Nacht.“ Erledigt. Totschlagargument. Meine Augen klappen zu und ich döse wieder von dannen. „Kann ich dann jetzt Benni anrufen?“ 6:39 Uhr. Sie hat neun Minuten vor meinem Bett gestanden und gewartet. Kinder sind manchmal wirklich unheimlich. Was ging in diesen neun Minuten in ihrem Kopf vor? Was hat sie dort gemacht? Kein Wunder, dass sie sich langweilt. Neun Minuten im Halbdunkeln rumlungern. „Nein. Du kannst Benni nicht anrufen. Der ist mit seinen Eltern nämlich in Hamburg!“ Und weil ich weiß, was als Nächstes kommt, füge ich schnell hinzu „Und mit Mila kannst du auch nicht spielen, die ist nämlich krank!“ Mila ist nicht krank, aber ich halte sie für keinen guten Umgang. Warum nochmal? Ich höre Idas Schwestern mit wüsten Schimpfwörtern nacheinander werfen und weiß es auf einmal nicht mehr so genau.
Zehn Minuten später stehe ich in der Küche und trinke Tee. „Kann ich jetzt mit Benni spielen? Oder mit Mila?“ Ich blicke an mir hinunter und sehe Ida direkt ins Gesicht. „Was habe ich dir vorhin gesagt, Ida?“ Sie kramt in ihren Erinnerungen. Sie wirft die Stirn in Falten. Das tut sie immer, wenn sie mir weismachen will, dass sie ernsthaft nachdenkt. „Ähhh?!“ Ich erläutere ihr noch einmal die Sachlage. Dann gehe ich nach oben und verbiete Lotte und Marie, sich weiterhin als „Arschlöcher“ zu beschimpfen.
Als ich wieder in die Küche komme, steht Ida immer noch neben meiner Teetasse. „Kann ich jetzt?“ „Kannst du jetzt was?“ „Na, Benni anrufen. Oder Mila!“ Sie sagt es, als wäre ich ein bisschen dämlich. Ich zweifle. Abwechselnd. Mal an mir, dann an ihr. Ich werde einen Erziehungsratgeber lesen. Irgendeinen. Von einem Psychotherapeuten mit mindestens 19 Kindern. Die haben nämlich alle mindestens 19 Kinder. Deshalb sind sie auch Psychotherapeuten. Und in Kapitel 22 wird er mir dann einleuchtend erklären, dass sechsjährige Mädchen sich in einer besonderen Entwicklungsphase befinden. Frische Synapsen bilden sich und das Hirn wird neu verkabelt. In dieser Phase hören Kinder die Worte „Hamburg“, „zu früh“ und „krank“ zwar, aber verstehen sie nicht. Diese These wird der Psychotherapeut – der nebenbei die Bundesregierung und den Vatikan in Erziehungsfragen berät – dann mit empirischen Daten untermauern, die er höchstselbst während der Feldforschung in seiner eigenen Familie gesammelt hat. Seine Kinder waren nämlich auch alle mal bescheu... in einer Phase.
Und ich stehe dort in der Küche. In meiner Schlafanzughose und einer lauwarmen Teetasse in der Hand. Die Kesselflicker-Töchter im ersten Stock teilen wieder verbale Tiefschläge aus. Mein Blick schweift ins Leere. Es ist jetzt 7:02 Uhr. Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer rufe ich Ida über die Schulter zu, dass sie jetzt gerne Benni anrufen kann... oder Mila.
Wir hatten uns damals geschworen, unsere Essgewohnheiten nicht dem einseitigen Geschmack der Kinder unterzuordnen. Wir waren jung und naiv. Mittlerweile besteht der Essensplan aus fünf Gerichten. Lotte nennt sie liebevoll ihre „Best Of“. Die Kinder mögen diese kulinarische Monokultur. Überraschungen sind am Mittagstisch unerwünscht. Und wenn es doch einmal eine freche Variation auf die Teller der Kinder schafft, dann werden diese von mimischen und verbalen Entgleisungen begleitet. Geschmackliche Vielfalt wird einstimmig niedergenörgelt.
Wenn Marie dürfte, wie sie wollte, dann würde sie sich nur von Brot ernähren. Weißem Brot natürlich. Und Kuchen. Sie heißt Antoinette mit Nachnamen. Natürlich mögen alle Töchter Nudeln. Für einen kurzen Moment habe ich einmal gedacht, meine Kinder wären anders als alle anderen. Ha. Was für ein Irrtum. Da sitzen sie. Die lieben Kleinen. Wie Spürhunde finden sie selbst mikroskopisch kleine Zwiebelstückchen in der Tomatensoße. Sie schnüffeln an ihrem Essen, als würde ich sie mit dem Möhrengemüse vergiften wollen. Argwöhnisch pieksen und fischen sie mit ihren Gabeln und Löffeln in Aufläufen und Eintöpfen. Sie sezieren und sortieren. Sie popeln und stochern. Sie stöhnen und wimmern. Sie mäkeln und rügen.
Wenn ich sie dabei beobachte, wie sie versuchen, die Paprika unter dem Pizzakäse zu orten, dann frage ich mich jedes Mal, wieso sie so verdammt schlechte Sucher sind. Mit traumwandlerischer Sicherheit finden sie die winzigen weißen Knoblauchstücke im weißen Kräuterquark, sind aber unfähig ihre Jacken, Brillen und Turnschuhe zu lokalisieren, selbst wenn ich ihnen diese direkt vors Gesicht halte und sie dazu anbrülle „Hier, Ida. Hier ist deine Jacke. Ich habe sie. Sie lag auf deinem Bett. Ganz obenauf.“ Ida schaut mich an und erwidert: „Oh, habe ich gar nicht gesehen. Ich habe ja meine Brille noch nicht gefunden.“
Eine Zeit lang habe ich mir einen Sport daraus gemacht, den Kindern kleine Überraschungen ins Essen zu mischen. Eine Erbse ins Kartoffelpüree. Spinat in die Buchstabensuppe. Oder einen Kümmelsamen in den Milchreis. Sardonisch lächelnd habe ich ihnen dann nach der Mahlzeit gesagt, was sie da gegessen haben. Welch fader Triumph. Welch schwacher Trost. Wahrscheinlich trauen sie meinen Kochkünsten deshalb so wenig.
Mittlerweile haben die Kinder verstanden, dass mein unbändiger Zorn über sie kommt, wenn sie ihrem Unmut über mein Essen lautstark Ausdruck verleihen. Statt einem „Bäh, das mag ich nicht!“ dominiert jetzt das diplomatische „Danke, ich bin so satt!“ Dieser Lernprozess hat ja auch nur acht Jahre gedauert. Mal sehen, wann sie es das erste Mal schaffen, die Toilettenspülung zu betätigen, den Klodeckel herunterzuklappen, Türen hinter sich zu schließen oder das Licht in Räumen zu löschen, die sie nicht mehr zu betreten gedenken.
Heute bin ich zu Mürbeteig in ihren ignoranten Händen geworden. Willenlos koche ich immer gleiche (jüngste) Gerichte, die von den Kindern mit ewig gleicher Begeisterung heruntergeschlungen werden. „Hmm, das war lecker. Was gibt's zum Nachtisch?“ Mit großer Regelmäßigkeit finden Pfannkuchen und Fischstäbchen den Weg auf die Teller. Für Erwachsene findet Essen erst statt, wenn Ernährung abgeschlossen ist. Wenn die Kinder den Tisch längst verlassen haben oder schon im Bett sind. Dann wird Gesottenes und Gebratenes aufgetragen. Geschmortes und Gegartes wird von kichernden Erbsen singend begleitet.
Bald wird Lotte ein waschechter Teenie sein. Dann wird sie ein kulinarisches Modebewusstsein entwickeln und gar nicht mehr mit uns essen wollen, weil sie sich für ein veganes Leben entschieden hat. Ida isst ohnehin nur, weil sie leben will und nicht sterben möchte. Bis dahin werde ich an unserem Tisch sitzen und um der Sozialität Willen weiter Pfannkuchen erdulden. Von mir aus auch dreimal die Woche.
Ich bin das System. Ich bin die dunkle Seite der Macht. Ich bin das Gesetz. La famille c'est moi. Ich herrsche mit eiserner Hand. Umfragewerte interessieren mich nicht. Ich bin nicht gewählt worden. Ich bin Herrscher von Gottes Gnaden. Auf Lebenszeit. Ich brauche mich vor niemandem zu rechtfertigen. Gott allein ist mein Richter.
Drakonische Strafmaßnahmen verhänge ich mit großer Regelmäßigkeit. Spülmaschine ausräumen! Müll rausbringen! Zimmer saugen! Und das ist nur die Spitze des strafenden Eisberges. Wird die Stimmung im Volk zu gut, so brauche ich nur die Worte „Hausaufgaben“, „Instrument üben“ oder „spazieren gehen“ fallen lassen und schon erlöschen Hoffnung und Freude in den Augen meiner Untertanen.
„Ihr müsst euch nämlich darüber im Klaren sein, dass es zweierlei Arten der Auseinandersetzungen gibt: die mit Hilfe des Rechts und die mit Gewalt. Die Erstere entspricht dem Menschen, die Letztere den Tieren. Da die erste oft nicht zum Ziele führt, ist es nötig, zur zweiten zu greifen.“ Was Machiavelli recht war, kann mir nur billig sein. Allein die Tatsache, dass Gewalt kein Mittel der Wahl mehr sein darf, macht meine Herrschaft schwieriger.
Ich muss subversivere Mittel zur Durchsetzung meines autoritären Willens wählen, um meinen Anspruch auf die Krone zu verteidigen. Denn ich bin das Ziel des Widerstandes. Die Luft ist dünn an der Spitze der Familie und ständig sägen kleine, schwitzige Kinderhände an meinem eisernen Thron. Nur mit harter Hand kann das Familienidyll aufrechterhalten werden. Dafür arbeite ich. Tag und Nacht.
Teile und herrsche. Das tue ich. Ich stifte Unfrieden in den Kinderzimmern, damit keine unheiligen Allianzen geschmiedet werden können. Zuverlässig funktioniert: „Lotte, saug dein Zimmer und putz euer Bad!“ Sie schreit ihre Antwort: „Das ist unfair!“ Richtig. Wann hat man je von einem fairen autoritären System gehört? „Und Ida muss wieder nichts machen!“ Auch richtig. Eine muss nichts machen, die andere dafür alles. So funktioniert das zuverlässig seit Millionen von Jahren.
Lotte macht alles und alle anderen lassen sich die gebratenen Trauben in den Mund fliegen. Und jeder in meinem System hat diese Wahrnehmung. Marie sagt: „Das ist unfair. Immer ich!“ Und Ida sagt: „Das ist unfair. Immer ich!“ Nur Emil sagt nichts. Weil er erst vier ist und damit erkennbar noch kein vollwertiges Mitglied in meiner totalitären Gesellschaft sein kann. So fühlt sich jeder gleichberechtigt benachteiligt. Das ist dann wieder fair. Aber das sieht das Volk nicht. Es ist undankbar. Zur Strafe werde ich mit den Untertanen spazieren gehen.
Meine neueste Waffe im Kampf gegen die unwillige Brut heißt Ida. Sie ist ein Doppelagent. Hat erkannt, dass ihr das Ausspielen der Geschwister zum Vorteil gereichen kann. Meine Gunst will sie. Und diese erobert sie mit kleinen Dolchstößen in die Rücken ihrer Schwestern. „Lotte hat noch gar nicht ihr Zimmer aufgeräumt!“ oder „Marie hat die Comics einfach in die Ecke geschmissen, statt sie einzusortieren!“ Für diese geheimen Informationen entlohne ich sie reichlich. Jeder, der sein eigen Fleisch und Blut diskreditiert, kann mit Vergünstigungen rechnen. Ich kann ein wohlwollender Herrscher sein. Mein Ziel ist die Schaffung von Angst und Misstrauen. Jeder gegen jeden. „Marie, du musst dir die Fingernägel schneiden.“ Antwort: „Und Ida hat lange Fußnägel!“ Wenn es so bleibt, dann ist meine Position nicht in Gefahr. „Das ist unfair!“ – Musik in meinen Herrscher-Ohren.
