Vaterländer - Sabin Tambrea - E-Book

Vaterländer E-Book

Sabin Tambrea

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Beschreibung

»Ein klarsichtiges und aufrüttelndes Ereignis, voller Zartheit, tiefer Liebe und einem unerschütterlichen Staunen über die Welt, sogar in ihren dunkelsten Stunden.« Ocean Vuong In seinem mitreißenden Spiegel-Bestesller Vaterländer erzählt Autor und Filmstar Sabin Tambrea die bewegende Lebensgeschichte seiner rumänisch-ungarischen Familie. Durch die Augen dreier Generationen - des jungen Sabin, seines Vaters Béla und seines Großvater Horea - erleben wir eine emotionale Zeit voller Entbehrungen, Hoffnungen und Entscheidungen, die das Schicksal einer Familie für immer verändern. 1985 trifft Béla Tambrea die schwere Entscheidung, sein Heimatland Rumänien nach einer Konzertreise zu verlassen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Dieser mutige Schritt führt dazu, dass seine Familie zwei Jahre später ebenfalls nach Deutschland zieht, kurz bevor das Ceauceșcu-Regime blutig zusammenbricht. Doch der Neuanfang in einem fremden Land bringt nicht nur Freiheit, sondern auch große Entbehrungen und bodenlose Einsamkeit mit sich. Tambrea entfaltet vor unseren Augen die Auswirkungen eines gnadenlosen politischen Systems auf das Leben gewöhnlicher Menschen. Er beschreibt die Ohnmacht gegenüber Unrecht, die Tragweite von Entscheidungen und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Gleichzeitig erzählt er eine Liebesgeschichte, die zeigt, wie stark eine Familie zusammenhalten kann, selbst in dunkelsten Zeiten. Mit großer sprachlicher Kraft nimmt Sabin Tambrea uns mit auf eine Reise durch die turbulenten Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Vaterländer ist nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis der menschlichen Stärke und des Überlebenswillens in einer Welt im Wandel. Eine berührende Geschichte von Liebe, Mut und dem Zusammenhalt einer Familie. Bei Fragen zur Produktsicherheit, wenden Sie sich bitte an: [email protected]

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das Buch

1985: Der Violinist Béla Tambrea trifft eine schwere Entscheidung.

Um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, kehrt er nach einer Konzertreise nicht mehr nach Rumänien zurück. Zwei Jahre später dürfen Sabin, seine Schwester Alina und ihre Mutter Rodica nach Deutschland hinterherziehen, kurz bevor das Ceaușescu-Regime blutig zusammenbricht. Doch was bedeutet es, alles zurückzulassen und ein neues Leben zu beginnen?

Bestseller-Autor Sabin Tambrea erzählt die Geschichte seiner rumänisch-ungarischen Familie durch die Augen dreier Generationen: des jungen Sabin, seines Vaters Béla und seines Großvaters Horea. Ein Roman über Neuanfänge, Entbehrungen und die Auswirkungen eines gnadenlosen politischen Systems, über die Folgen von Unrecht, die Tragweite von Entscheidungen – und eine zärtliche Liebesgeschichte. Die Geschichte seiner Eltern.

Der Autor

Sabin Tambrea, geboren in Târgu Mureș in Rumänien, ist einer der bekanntesten deutschen Theater- und Filmschauspieler. Zehn Jahre lang stand er auf der Bühne des Berliner Ensemble, arbeitete mehrfach mit Claus Peymann und Robert Wilson zusammen und spielte unter anderem in der Ku’damm-Serie, Babylon Berlin, Narziss und Goldmund, Ludwig II, In einem Land, das es nicht mehr gibt, Deutsches Haus und als Franz Kafka in Die Herrlichkeit des Lebens. Für seine schauspielerische Leistung wurde er vielfach ausgezeichnet. Sein Debütroman Nachtleben erschien 2021 bei Atlantik und war ein Bestseller.

www.gutkind-verlag.de

Dieser Roman ist eine fiktive Darstellung. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Ereignissen sind rein zufällig.

ISBN 978-3-98941-001-5

Copyright © 2024: Gutkind Verlag GmbH, Berlin

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Umschlag: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © privat

Autorenfoto: © Marcus Höhn

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Roman

Inhalt

Über das Buch / Über den Autor

Impressum

Titel

Widmung

I.

II.

III

Familienverzeichnis

Dank

Orientierungsmarken

Cover

Inhalt

Textbeginn

Pentru Mama, Tata și Ai

I.

Von Zeit zu Zeit glich das Muster einem Notensystem, doch weder geradlinig wie auf Papier noch ausgefüllt von den Noten einer Melodie, sondern verstummt und losgelöst von der uns fremd gewordenen Realität des 19. März 1987. Im letzten Anlauf vor dem Ziel war es bloß eine freie Einheit zweier Striche, die vor der grauen Wolkendecke zuckte, mal mehr, mal weniger weit voneinander entfernt, an vorbeiziehenden Masten befestigt, dazwischen durchhängend, aufeinander zuspringend, aus dem Blick verschwindend und wiederauftauchend. Der flirrenden Bewegung stand ein Klang entgegen, der sich unter dem Zug entlangzog, ein Herzschlag hämmernden Metalls; Räder auf den Schwellen alter Gleise, sich an kein erkennbares Taktmaß haltend, agogisch, atmend, frei. Die Linien beruhigten sich, je langsamer der Zug durch die Landschaft fuhr, nun vermehrten sie sich wieder, beschleunigten ihre Bewegung dem Finale unserer Fahrt entgegen.

Für einen kurzen Moment drang die Sonne durch einen Wolkenriss hinter dem Kabelspiel hindurch. Ich griff nach Mamas Hand, um ihr den Wärmestrahl zu zeigen, doch sie schaute weiter unbewegt ins Leere. Meine Schwester zuppelte mir die Mütze über die Ohren und ruckelte mich zurecht, als ich in meinem gefütterten Latzmann halb von unseren Koffern zu rutschen drohte, die sie zuvor aus unserem Abteil vor die Ausstiegstür geschoben hatte.

»Nuku, imediat ajungem, totul e bine!«, sprach Ai in mütterlichem Ton, dass wir gleich ankämen und alles gut sei, eine Rolle erfüllend, um die sie nicht gebeten hatte, wuchs über die Reife eines achtjährigen Kindes viel zu früh, viel zu weit hinaus. »Sabinuku« hatte sie mich instinktiv getauft, als sie mich nach meiner Geburt zum ersten Mal gesehen hatte, die erfundene Endung an meinen Namen drangehängt und den Hauptteil fortan weggelassen. Seitdem blieb es einfach so.

Der Sonnenstrahl verschwand, von Mama ungesehen. Regentropfen begannen nun, seitwärts an der Scheibe entlangzurennen. Ai wandte sich zu Mama, berührte ihre Hand.

»Imediat coborâm«, sagte sie, gleich steigen wir aus. Bonn hatten wir vor mehreren Minuten verlassen, ein Schaffner lief vorbei, bemerkte unser Gepäck, hielt inne und kam zurück.

»Köln?«, fragte er Mama, Ai antwortete, »Ja, Hilfe, bitte.«

Ich versuchte, mich für eine der Stromleitungen zu entscheiden, doch jede einzelne entwischte meinem Blick. Es war nicht zu erahnen, wohin ihr Weg als Nächstes führen würde, noch dazu verwirrten Regenlinsen meine Sicht. Eine riesige Stahldachkonstruktion schob sich vor das Fenster, Bremsen heulten auf, die Tropfen auf der Scheibe nahmen eine Kurve Richtung Boden, reflektierten hundertfach eine Leuchtreklame vom Seitendach des Bahnhofs in Gelb und Blau – der Zug kam mit schwerem Ruck zum Stehen. Die Tür öffnete sich.

Unbekannte, kühle Luft fasste mir ins Gesicht und rann in meine Lunge, Ai griff um meine Brust, hob mich hinunter, der Boden neuen Zuhauses berührte meine Sohlen. Die strahlende Reklame erfasste meine ganze Aufmerksamkeit, die gelbe Zahl 4711 schien schräg aus einem verschnörkelten Kreis, darunter blaue Buchstaben: Das »O« hatte zwei Punkte als Ohren, es erinnerte mich an die Maus aus dem Comicheft, das Tata uns zugeschickt hatte.

Derweil war auch Mama ausgestiegen und betrachtete einen ungepflegten, langhaarigen Mann in engen Lederhosen, der von uns abgewandt am Bahnsteig rauchte. Er bemerkte uns erst, als Ai ungelenk das Gepäck vom Schaffner anzunehmen versuchte, während Mama bloß dastand, eingefroren, mit zwei schweren Koffern, die ihr langsam aus den Fingern glitten und zu Boden stürzten. Der fremde Mann schnipste seine Zigarette fort und eilte Ai zur Hilfe, während Mama ihn nun aus der Nähe betrachten konnte.

War das Béla? Konnte er sich in zwei Jahren tatsächlich so verändert haben? Konnte ihn der Kummer der letzten beiden Jahre, der Entriss von der Familie und die Zeit in Einsamkeit auf solche Art entfremden? Dieser Mann hatte nichts mehr mit dem Jungen gemein, in den sie sich verliebt hatte. Die feinen Züge seines Gesichts waren verhärmt, sie versuchte angestrengt, ihr Bild aus der Erinnerung in diesem Mann wiederzuerkennen, und fast gelang es ihr, wie wenn man in die Sonne schaut und dann woanders hin, als sähe man das eingebrannte Echobild im neuen Blick, so auch auf dem Gesicht des Fremden. Mama sprach ihn kraftlos an, doch ehe sie »Béla?« ausgesprochen hatte, rief Ai: »Tata! Da hinten ist er ja!«

Unser Tata rannte vom anderen Ende des Bahnsteigs auf uns zu, mit zwei Blumensträußen in der Hand, die viel zu groß waren, um sie allein zu tragen. Ai sprang ihn nach langem Anlauf an und ließ ihn nicht mehr los. Langsam lief er mit dem festgeklammerten und von Blüten eingerahmten Äffchen um den Hals auf Mama zu, die noch immer unbewegt neben den umgefallenen Koffern stand. Ai löste einen Arm und legte ihn um sie, zu dritt umarmten sie sich lange. Ich stand daneben, betrachtete sehr ernst den Mann, der mir zwar bekannt vorkommen sollte und es ganz entfernt auch tat, doch irgendwie auch nicht. Nach einer Weile löste sich die Einheit.

»Nuku, erkennst du denn Tata nicht?«, fragte Ai lachend. Ich schaute weiter skeptisch, sprach mit tiefster Stimme: »Ta-Ta.« Er hob mich hoch, meine Nase streifte seinen Hals. Doch! Etwas fast Vergessenes kam mir plötzlich sehr vertraut vor, und mit dem nächsten Atemzug wurde mir ganz warm ums Herz.

Die Rückbank des Autos war auch ohne unser Gepäck bereits vollbepackt. Tata hatte selbstgeschmierte Sandwiches vorbereitet, viel mehr, als wir zu viert in einer ganzen Woche hätten essen können, dazu Bonbons, Kekse, drei Limoflaschen von eineinhalb Litern – rot, gelb und klar, dafür aber mit einem leuchtend grünen Etikett – alles Köstlichkeiten, die es zuhause nicht gab. Während Mama und Tata im Regen versuchten, den Rest von unserem Leben im Kofferraum zu verstauen, konnte ich mich der Anziehungskraft der gelben Limonadenflasche nicht erwehren. Ai half mir beim Öffnen und Anheben, ich trank viel zu viele, viel zu große Schlucke. Als Nächstes war die bunte Schokoladentüte dran. Zwar schmeckte es unfassbar gut, doch es klebte stark am Gaumen und musste schnell mit weiteren Pritzelschlucken heruntergespült werden. Wir wurden eng angeschnallt, die Blumensträuße hinter unsere Kopfstützen gequetscht, Mama und Tata stiegen ein. Mein Bauch blubberte sehr stark, doch zumindest war die Müdigkeit wie ausgelöscht. Der Dom wurde uns gezeigt, eine Brücke über einem breiten Fluss, dann folgte eine sehr runde Autobahnauffahrt, bei stark anziehender Geschwindigkeit.

Ein Laut drang plötzlich durch den ganzen Innenraum des Wagens, konturlos und doch splitternd, gefolgt von Mamas bitterlichem Weinen. Die Geigen hätten sie ihr abgenommen, an der Grenze. Auch die Gemälde, die ihr so bedeutsam waren. Wir hätten eine Genehmigung zur Überführung gehabt, doch das war ihnen gänzlich egal. Bumami und Horea seien aus dem Zug geprügelt worden, nicht einmal eine Umarmung hatten sie uns zum Abschied von den Großeltern zugestanden, Bestien!

Es folgten Schimpfworte, wie wir sie noch nie von Mama gehört hatten, brutalste Messerwortauswüchse drosch sie gemeinsam mit den Fäusten gegen die Armatur, Tata riss das Lenkrad herum, brachte den Wagen mit schwerem Ruck auf dem Seitenstreifen zum Stehen, der Gurt krallte sich in meinen Magen. Tata betrachtete hilflos und sehr lange ihren Schmerz, der auch der seine war, doch den zu empfinden er sich verboten hatte, um in der Fremde nicht verrückt zu werden. Er fasste nach ihren Händen, drückte sie beruhigend an den Körper, umarmte sie, so eng er konnte, bis schließlich beide im gleichen Rhythmus zuckten und dabei fürchterliche Laute von sich gaben. Ai war blass, sie schaute starr auf die Kopfstütze vor sich, dann legte sie ihre Hand auf meinen Kopf. Die Berührung rannte gleich einer Ameisenstraße meinen Nacken hinunter, die Wirbelsäule entlang bis in den Magen. Ein Strahl süßester Geschenke schoss mir sauer geworden aus dem Gesicht, quer durch den ganzen Innenraum des Wagens.

»Nuku, am ajuns!«, weckte Ai mich, wir waren angekommen. Mein Blick fiel auf Bäume. Wir standen auf einem Wendeparkplatz mit abschließendem kleinen Wald, am Ende einer gebogenen Straße, von der von Gärten abgetrennte Wohnblocks abgingen. Das Gepäck stand bereits neben dem Auto auf der glänzenden Straße, der Regen hatte aufgehört. Tata deutete auf das letzte Haus mit einer schwarzen Fünf an der Seite, hielt uns die andere Hand hin und spreizte die Finger.

»Glatzer Straße 5, in 4370 Marl!«

Welche Sprache kam da aus Tatas Mund? Eine ruppige Aneinanderreihung von Buchstaben mit unerwarteten Lautfolgen, ganz und gar unverständlich, auch wenn es ganz entfernt rumänisch klang, denn er rollte das »R«.

»Ihr müsst euch diese Adresse gut merken, dies ist ab jetzt unser Zuhause!«

Das Gepäck schafften wir mit einem Mal in den vierten Stock, Tata schloss die Tür auf. Dahinter ein Flur mit braun-grün geblümter Tapete, links eine Kammer, daneben eine kleine Gästetoilette. Ai konnte nicht fassen, wie warm es in der Wohnung war, staunend zog sie sich und mir die Mützen aus, und wir rannten wie zwei verwirrte Lämmer durch die Tür ins Wohnzimmer.

Ein Küchentisch, vier Holzstühle mit Lehnenkanten auf gefährlicher Höhe um einen Esstisch, im gleichen Raum zwei Holzsofas mit eingesteppten Schwungmustern, ein Fernseher, ein Glastisch, auf den Tata eine Fotokamera stellte, uns zusammenrief, um die erste gemeinsame Erinnerung nach dem Wiedersehen festzuhalten, und den Knopf für das verzögerte Auslösen betätigte. Und noch einmal, zur Sicherheit. Ein weiterer kleiner Flur ging vom Wohnzimmer ab zum Badezimmer, links daneben das Schlafzimmer mit riesigem Ehebett und Kleiderschrank, rechts vom Bad das Kinderzimmer mit zwei weißen Kleiderschränken, Schreibtisch, Regal und einem doppelstöckigen Hochbett. Wir flippten aus, denn es lagen unzählige Spielsachen darauf, ich griff sofort nach der Puppe mit dem schönsten Haar, zwirbelte eine ihrer Locken um den Zeigefinger und drückte die entstandene Schlaufenfeder zwischen Daumen und Mittelfinger aneinander, so wie ich es bei Mama immer tat, doch es fühlte sich leider überhaupt nicht so gut an wie bei ihrem wunderweichen Haar.

Tata versuchte, meine Aufmerksamkeit auf die eigentlich mir zugedachten Spielzeugautos zu lenken, doch mein Blick fiel erstmal auf die Tapete. Die Wände waren über und über mit den Figuren aus dem Comicheft gefüllt. Die Maus, drei kleine Enten mit Kappen, eine große mit blauem Oberteil und lustigem gelben Schnabel, ein schlaksiger Kerl mit Schlappohren an ein Auto gelehnt, eine ernste Ente mit Hut, Monokel und vielen Münzen um sich herum; es nahm kein Ende. Ai setzte sich zu mir aufs untere Bett, und wir entdeckten all die neuen Gefährten, die uns von nun an in den Schlaf begleiten würden.

Derweil waren Mama und Tata im Wohnzimmer damit beschäftigt, in Rumänien anzurufen, um unsere Großeltern zu beruhigen und zu berichten, dass alles gut gegangen und wie die Fahrt verlaufen war. Eine dreizehnstellige Nummer musste in die Wählscheibe gedreht werden, doch eine Verbindung wollte nicht zustande kommen. Als es nach unzähligen Versuchen schließlich doch gelang, bekam Mama kein Wort heraus, stattdessen hörten ihre Eltern gleich trotz aller Versuche, es zu unterdrücken, wie sehr sie aus Sehnsucht nach ihnen und ihrem verlorenen Zuhause weinen musste. Tata kam ins Kinderzimmer, um uns zum Telefon zu holen, unsere Großeltern wollten sicher auch unsere Stimmen hören, doch Ai lag friedlich eingekringelt auf dem Bett, ich hingegen war etwas unbequemer eingeschlafen, kniend vorgebeugt, mit dem Hintern in die Luft, die Stirn gegen die Tapete angedrückt.

Wenig später weckte uns der Hunger. Wir aßen eine Suppe, die uns ein Ehepaar gekocht hatte, das bereits vor einigen Jahren aus Rumänien geflohen war und als Kollegen und Freunde auf Tata achtgegeben hatten, während er sich einlebte. Ai fuhr danach mit Tata einkaufen, Mama und ich blieben zuhause.

Ich erkundete die Wohnung noch einmal, um zu sehen ob die schönen Entdeckungen noch immer da waren oder ob ich sie mir bloß eingebildet hatte; die Veränderungen in der letzten Zeit kamen so unvermittelt und verstörend, dass ich sichergehen musste.

So strahlend hatte ich Ai noch nie gesehen; sie kam völlig begeistert, wenn auch ungläubig von der Einkaufstour zurück. Es erschien ihr wie ein Wunder, dass man die Möglichkeit hatte, selbst zu entscheiden, was man einkaufte. Sie berichtete von all der Auswahl und den Farben, von den köstlichen Gerüchen an den Essensbuden vor dem Einkaufszentrum, davon, dass man vor dem Kauf verschiedene Bodenreinigungsmittel öffnen und riechen konnte, ob der Duft einem zusagte; von dem Klamottenladen, in dem sie sich einen roten Pulli aussuchen durfte, den sie nun stolz trug, von dem Reinigungsgeschäft, in das sie Mamas langen Lederrock brachten, den ich auf der Fahrt versehentlich mit Milch aus meiner Flasche bekleckert und dessen Fleck über die drei Tage schlimm zu stinken begonnen hatte. Eigentlich hätte auch Mama mitgehen müssen, um sich neue Anziehsachen zu kaufen, denn die Kiste, die sie vor unserer Abreise mit den restlichen Habseligkeiten und unseren Klamotten versenden durfte, war bisher noch nicht angekommen. Doch sie traute sich noch nicht hinaus, es ängstigte sie, nicht kommunizieren zu können, und in Tatas Klamotten sah sie noch viel dürrer aus, als sie sich unter Menschen hätte blicken lassen wollen.

Am späten Nachmittag schlug Tata mir vor, Fußball spielen zu gehen. Als wir angezogen waren, verstand ich erst im Hausflur, dass Mama nicht mitkommen würde, und entschied mich dagegen. Also badeten wir. Sogar Schwimmspielsachen hatte Tata uns gekauft. Ai und ich plantschten, Tata brachte uns von Zeit zu Zeit ein kleines Stückchen Brot, das nach Größe abgepasst genau in unsere Münder passte, garniert mit einer dicken Butterschicht unter Salami oder doppellagigem Schinken, Käse und einem Stückchen Gurke, geschält, ohne dunkelgrünen Rand. Schinken und Käse hätten wir nicht unbedingt gebraucht; Ai und ich mochten beide die Variante mit Salami lieber, doch Tata gab uns zu bedenken, dass Käse und der Schinken teurer waren, das müssten wir doch schmecken!

Mit weichen Handtüchern wurden wir abgetrocknet, ehe mir ein noch weicherer Pyjama angezogen wurde. Auf der Brust waren zwei Mäuse in einem grünen Auto ohne Dach, es erinnerte mich an Horeas Wagen, mit dem er uns zum Zug gefahren hatte. Die Maus saß am Steuer, die Mäusin stand auf dem Beifahrersitz und winkte zum Abschied. Ein warmer Luftstrom drückte mir plötzlich ins Gesicht, Tata föhnte mich und massierte meinen Kopf dabei, wie angenehm, ich hätte augenblicklich einschlafen können. Ai und er lachten darüber, wie sich mir die Augen wegdrehten, Mama stand in der Tür, betrachtete uns drei, und auch sie begann zu lächeln, kurz leuchtete es in ihren Augen, zum ersten Mal seit langer Zeit.

Später lagen wir verknotet auf dem Sofa, die Dämmerung trat langsam hinter dem Fernseher durch die Fenster zum Balkon herein. Der 19. März war nun fast vergangen, die Synapsen meines Hirnes verspürten bereits Muskelkater vom Zusammenwachsen, und mit dem endlosen Klicken der rücklaufenden Wählscheibe donnerte der Schlaf mich unversehens in die nächsten Tage.

Die folgende Zeit zog wie ein Fiebertraum an uns vorbei. Aus dem Erinnerungskokon erlebten wir ein zersprungenes Kaleidoskop zeitgelöster Augenblicke, getragen von der Hoffnung, bald Frieden mit unserer Entwurzelung zu schließen.

Ai gelang es nach der Einschulung in die zweite Klasse recht gut, sich einzuleben; sie schloss Freundschaften und lernte schnell die neue Sprache. Nachmittags übte sie Violine, war beschäftigt, abgelenkt und die meiste Zeit auch unbeschwert. Mama hingegen litt am Entzug der von ihr schwer vermissten Menschen. Auch die tägliche Routine als Violinistin bei den Orchesterproben im Kulturpalast der Heimatstadt fehlte ihr, die Unfähigkeit, ihren Beruf ausüben zu können, schmerzte sie sehr.

Nach seiner Flucht hatte Tata sich eine Arbeitsstelle als Violinist in der Philharmonia Hungarica erkämpft, einem Orchester für geflüchtete Musiker aus dem Osten, und die Tatsache, dass er zwei Mal täglich Proben für eine anstehende zweiwöchige Amerikatournee hatte, führte ihr das Fehlen einer Aufgabe jenseits der des Mutterseins noch deutlicher vor Augen. Hinzu kam, dass sie während seiner Tournee den Schutz der Wohnung verlassen musste, um Ai zur Schule und mich zum Kindergarten zu fahren.

»Du musst selbstständig sein!«, hatte Tata ihr lange vor der Flucht gesagt, bis sie schließlich nachgegeben und sich um den Führerschein bemüht hatte; von sich aus hätte sie es nicht getan, und nun begriff sie, warum er so darauf bestanden hatte und wie vorrausschauend er dachte.

Nach schwerem Abschied, bei dem Tata ihr Mut zuzusprechen versuchte, war sie nun auf sich allein gestellt. Als wir am nächsten Morgen abfahrtbereit im Auto saßen, starrte Mama eine lange Weile aufs Lenkrad, betete, schlug ein Kreuz und startete den Motor.

Was, wenn sie sich verfahren würde? Zwar war sie einige Male mit Tata vor seiner Tournee die Strecke abgefahren, und die Notizen hielt sie nun fest in ihrer Hand, doch bei jeder Ampel überkam sie eine Angst, ob der eingeschlagene Weg richtig sei. Was, wenn sie einen Unfall verursachen würde? Was, wenn der Tank leer ginge, wie würde sie mit dem Tankwart kommunizieren? Nie passierte etwas Unerwartetes, doch nach ihrer Heimkehr war Mama stets so erschöpft, dass sie sich hinlegen musste.

Am Zaun vor dem Kindergarten schaute ich ihr lange nach, wie sie hinter einem Busch in Richtung Parkplatz verschwand. Ich trauerte, dass ich die Zeit nun ohne sie verbringen musste, flüsterte ihr nach: »Îmi pare rău«, es tut mir leid. Die ebenfalls aus Rumänien stammende Kindergärtnerin hinter mir hatte zugehört und gleich zu weinen angefangen. Auch ihr war eine sentimentale Seele nicht abzusprechen, was mir dabei half, mich heimischer zu fühlen, während ich von ihr in den Saal meiner »blauen Gruppe« geführt wurde, um meine neu gewonnenen Freunde zu begrüßen.

Seit kurzem begann das Mädchen mit den Wasseraugen aus der »gelben Gruppe«, meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, obwohl ich sie nie direkt anschauen konnte; ihren gelegentlichen Blicken konnte ich nicht standhalten. Ich wollte ihr ein Geschenk machen, als Dankeschön dafür, dass ich in ihrer Gegenwart mein Heimweh deutlich weniger empfand.

Dies teilte ich Mama mit. Zwar spazierten wir meistens sonntags durch den Marler Stern – ein Einkaufszentrum unter einer riesigen Traglufthalle, das alles bot, was man sich nur wünschen konnte, und sei’s nur für die Augen –, um nicht werktags in Versuchung zu kommen, etwas von Tatas knappem Gehalt auszugeben; und wenn, dann nur für Kugeln an der Eisdiele, die auch an Sonntagen geöffnet war. Nach meinem ausgesprochenen Wunsch setzten wir uns jedoch ausnahmsweise während Tatas Mittagspause an einem Wochentag in den Wagen.

Die Suche nach dem passenden Geschenk stellte sich als leichter als befürchtet heraus, denn im Kaffeeladen fiel mir gleich ein faltbares Werbeprospekt auf. Die schönen Farben darauf kitzelten meine Wahrnehmung und erinnerten mich mit ihrem Flimmern an ihre Wasseraugen, also entschied ich, den Prospekt mitzunehmen, ihn mit der Hilfe meiner Familie in Geschenkpapier einzupacken und mit einem rotglänzenden Schleifenband zu umschließen. Ich überreichte es ihr am nächsten Morgen mit gesenktem Blick. Später entdeckte ich das aufgerissene Geschenk am Boden, als ich gerade zum Ausgang gehen wollte, wo Mama auf mich wartete. Da war das Mädchen leider schon weg, wie mir die Kindergärtnerin mitteilte. Sie bemerkte das verwaiste Geschenk in meiner Hand, und Tränen füllten ihre Augen. Sicher würde das Mädchen sich zuhause ärgern, dass ihr mein Geschenk versehentlich aus der Jacke gefallen war. Wir legten es gemeinsam auf den Tisch, an dem das Mädchen immer malte, und zum Glück hatte sie es schließlich gefunden und an sich genommen, denn es war verschwunden, als ich am nächsten Tag dort nachschaute.

Der Sommer zog ein, ebenso erwachte meine Neugier auf das Leben. Die einst kühle Luft, die mir auf dem Dreirad entgegenwehte, fühlte sich immer versöhnlicher an. Sie flüsterte mir mit wärmer werdenden Tagen ein Versprechen zu, das ich zwar nicht verstand, sondern nur erfühlend deuten konnte, als eine Vorfreude auf alles Unbekannte, was in mein Leben treten möge. Der Asphalt erwärmte sich, die Büsche blühten auf, es duftete aus jeder Richtung.

Am Wald entlang spazierten wir zur Brücke, unter der auf einer Gleisspur hin und wieder ein Zug zwischen Marl und Recklinghausen pendelte; was für ein Glücksfall das war, wenn wir den Moment erwischten und die drei Wagen unter uns vorbeirauschten. Von dort aus weiter über saubere Straßen, gemähten Rasen hin zum Spielplatz; immer die Familie um mich, nie mehr als wenige Sekunden von meiner Hand entfernt. Betrachtete ich nur den Augenblick, so schien das kitzelnde Gefühl des Sonnenscheins aus tiefstem Blau, reflektiert vom satten Grün im Schattenstand der jeweiligen Stunde wie ein unveränderlicher Zustand. Doch schaute ich kurz weg und wieder hin, veränderte jedes Gebäude, jeder Baum sein Gesicht, die Stimmung. Ich sog das Licht am Vormittag in mich hinein, als würde es nie enden. Die Schatten am Nachmittag schmeckten melancholischer, der Abend trauerte bereits um den vergangenen Tag.

Dann nach Hause, die vier Stockwerke hinauf; in jeder Etage roch es wunderbar nach Essen, nur in der dritten wurde immer etwas Ekliges gekocht. Tata meinte, es sei Kohl; ich hielt die Luft an, während wir durch den Furzgeruch hinaufeilten. Abends wurde gebadet, danach lagen Ai und ich vor dem Fernseher im Schoß unserer Eltern, während sie sich an der Wählscheibe abwechselten.

Die Dämmerung drückte mir mit jedem weiteren Tag schwerer auf die Brust, sobald die Sichtbarkeit der Welt entschwand. Diesen Zustand mochte ich immer weniger, da ich nicht fähig war, in der Dunkelheit die Abgrenzungen meiner Gedanken zu erkennen; ich fürchtete, sie würden zu weit vom Weg abkommen, auf dem ich mich bei Tageslicht noch sicher fühlte. Ich spürte eine große Furcht, es wucherte irgendetwas in der Tiefe, von dem ich hoffte, dass es nicht aufsteigen würde, doch es setzte unaufhaltsam eine lähmende, nicht greifbare Verlustangst ein, die über viele Jahre jede Nacht über meinen Vorsatz fegte, es an diesem Abend zu schaffen, einfach im eigenen Bett einzuschlafen, und nach dem Aufwachen sei schon Morgen.

»Heute gehe ich nicht rüber!«

Solange Mama und Tata wach waren, hielt der Klammergriff sich noch zurück. Dann, sobald ich von drüben das Klicken ihrer Nachttischlampen hörte, das Geräusch unabwendbarer Gewissheit, dass sie gleich nicht mehr wach sein würden und ich ganz allein mit meinen Gedanken daläge, folgte der Kampf mit meiner Scham. Gefühlte Stunden lang lag ich unter Angstschüben da, befürchtete mir eingestehen zu müssen, dass ich wohl wieder scheitern würde. Jede Nacht dahin führend, dass der Knoten tief in meinem Hals nur durch das Herübertapsen in ihr Bett gelockert werden konnte, denn schon in dem Moment, in dem ich den Entschluss fasste, zu ihnen hinüberzugehen, war die Angst sofort verschwunden. Ich legte mich schweigend zwischen sie. Kurz war alles gut, doch kaum fielen meine Augen zu, wachte ich im nächsten Augenblick wieder im eigenen Bett auf; der Vorgang wiederholte sich, bis die Dämmerung mir endlich Mut verlieh, allein noch ein wenig Kraft zu sammeln, für einen weiteren, unbeschwerten Tag.

Eines Nachmittags riefen mich meine Eltern ins Kinderzimmer, wo sie mir unvermittelt einen Geigenkasten in die Hand drückten. Ich sei jetzt fast fünf Jahre alt, genauso alt wie Ai, als sie zu spielen begann, also sei es höchste Zeit, mit dem Geigenunterricht zu beginnen, um so mit den besten Voraussetzungen später zur absoluten Spitze und nicht bloß zum Mittelmaß gehören zu können. Ich freute mich, nun einer von ihnen zu werden, und packte die Geige vorsichtig aus. Sie war sehr, sehr klein, feuerrot und roch stark nach Lack. Ich fuhr mit meinem Zeigefinger die Schnecke am Geigenkopf entlang, sie glänzte wie eine Seifenblase. Der Bogen hatte ein Pünktchen aus Perlmutt unter weißem Haar an dunkelbraunem Holz. Er war sehr hübsch, vor allem die sanft geschwungene Spitze. Ich schaute zu Mama, ihre Nase hatte genau die gleiche Form.

»Vioară în stânga, arcușul în dreapta«, sagte Tata, voller Vorfreude auf den feierlichen Moment der ersten Kontaktaufnahme zwischen mir und meiner vorbestimmten Zukunft; jedoch hatte ich keine Ahnung, was er damit meinte, die Geige links, den Bogen rechts. Die kleine Geige wurde mir an den Hals gehoben, ich sollte sie zwischen Schulter und Kinn einklemmen.

»Aceasta este mâna stângă« – das war also links. Ich schaute die Startrampe der vier silbernen Saiten entlang des Halses meiner Geige zur Schnecke, musste schielen, um die Details klar zu erkennen, so nah war mir auf einmal dieses Instrument. Jetzt sollte ich mit dem Handgelenk den Hals der Geige abstützen. Ich versuchte es mit der freien Hand, der rechten.

»Falsche Hand! Heute nur links!«, intervenierte Tata gleich, ich sollte die rechte Hand locker hängen lassen und es mit der linken versuchen. Das war zu viel für meine Motorik. Ich war schon mehr als ausgelastet damit, die Geige zwischen Kinn und Schulter festzuklemmen, denn mit dem linken Handgelenk erhob sich auch meine rechte Schulter, die mir Mama aber sofort sanft herunterdrückte. Sie korrigierten gemeinsam meine Hand am Geigenhals, so dass dieser mit ein wenig Abstand zur Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger lag. Tata war zufrieden, doch anstatt, dass ich die Geige hätte einpacken dürfen, um meine Konzentration wieder den Spielsachen zu widmen, sollte ich die Geige runternehmen und von allein diese Position finden. Bei allen drei folgenden Versuchen mussten sie jede einzelne Bewegung korrigieren, jedes Mal wurde mir die rechte Schulter wieder runtergedrückt; ich konnte es mir gar nicht merken; und das war erst die Geigenhand.

»Nur Geduld. Es braucht Zeit, bis es in den Reflex übergeht, und dann musst du gar nicht mehr dran denken.« Das klang danach, als würde das Vorhaben länger dauern, also schlug ich etwas anderes vor: »Darf ich Lego spielen?«

Am nächsten Tag war die Bogenhand dran. Die Geige war schon am Hals, jetzt sollte ich meine rechte Hand ausschütteln. Tata legte mir daraufhin den Bogen zwischen die Finger.

»Nur sanft greifen, das ist alles, mehr musst du nicht tun!« Ich griff zu fest zu, der Daumen schnalzte aus der Rundung über in die Biegung, der kleine Finger rutschte mir von der Metallspannschraube am Holz, der Bogen flog zu Boden.

»Sanft!«

Ich schüttelte die Hand erneut aus, Tata wiederholte seine Übergabe. Dieses Mal gelang es mir. Er rief nach Mama, damit sie den Moment nicht verpasste. Sie kam herein, stellte sich zu Ai, die am Schreibtisch ihre Hausaufgaben erledigte und wehleidig zu uns herüberschaute; sie wusste, von nun an müsse sie das Gekratze eines Anfängers ertragen.

»Du musst jetzt auf der Hälfte des Abstandes zwischen Steg und Zunge der Geige den Bogen im rechten Winkel zur Seite auflegen, parallel zum Steg!« Nichts leichter als das! Leider geriet ich beim Versuch mit der Spitze meines Bogens unter die Saiten, ließ ihn vor Schreck fallen, die Spitze verhakte sich zwischen den stählernen Fäden, die mit einem lauten »Plong« zerrissen.

»Zwei linke Hände, wie Horea!«, fasste Tata den bisherigen Verlauf zusammen, Mama lächelte traurig.

»Die Geige drückt am Hals!«

»Es dauert etwas, bis sich an der Stelle Hornhaut bildet, aber dann wirst du den Druckschmerz nicht mehr spüren!« Er zog neue Saiten auf, und die Übung wurde wiederholt. Draußen war so schönes Wetter! Mama übernahm, führte mir den Bogen an die korrekte Stelle auf die Saiten. Jetzt war der Moment gekommen, der erste Ton sollte erklingen. Ich begann ungelenk eine Kakophonie schräger Töne aus dem Ding in meiner Hand zu schrubben, die rechte Schulter rutschte mir verkrampft nach oben, ich ließ die Geige angeekelt sinken.

»Wunderschön!«, kommentierte Ai trocken, packte ihre Hefte zusammen und ging ins Wohnzimmer, um dort in Ruhe mit den Hausaufgaben fortzufahren.

Meine Schwester war uneinholbar weiter fortgeschritten mit der Geige. Wenn sie spielte, dann klang es nach Musik, es schmerzte nicht in den Ohren, wenn sie eine Stelle zigmal wiederholte, um sie noch perfekter hinzukriegen. Wenn sie übte, dann lächelte Ai die meiste Zeit, bis auf die Momente, in denen ich neben ihr am Boden zu laut nach einem bestimmten Legosteinchen in der Kiste suchte oder die Melodien mitsummte, die sich mir schnell einprägten und die ich, wenn sie wieder unterbrach, besserwisserisch zu Ende sang.

Sobald es aber an die telefonische Terminvereinbarung ihrer Geigenstunde ging, weinte Ai jedes Mal. Sie durfte sich, und das war eine Ehre, die Geigenschülerin einer sehr renommierten russischen Professorin nennen, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, Ai bereits im Alter von zehn Jahren für die Aufnahmeprüfung an ihrer Hochschule als Jungstudentin vorzubereiten. Also fuhren wir jeden zweiten Sonntag mit dem Auto einen langen Weg nach Düsseldorf, zur Professorin nach Hause.

Während ihrer zwei Unterrichtsstunden liefen wir durch die Straßen, an Schaufenstern und einem Fluss entlang, ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und holten schließlich erholt vom Spaziergang samt einer Kugel Eis die weichgeklopfte Ai wieder ab. Ich umarmte sie und schaute die strenge Professorin so wütend an, wie ich nur konnte, während Mama ihr einen Umschlag mit einer für unsere Familie nicht unerheblichen Summe übergab.

Hin und wieder übte auch Mama, doch meistens fehlte ihr die Kraft und auch die Motivation. Es dauerte knapp zwei Jahre, bis auch sie eine Arbeitserlaubnis bekam, ohne die sie eine Strafe von fünftausend D-Mark hätte zahlen müssen, hätte sie ihren Beruf unerlaubt ausgeübt.

Kaum war die Angelegenheit erledigt, bemühte Tata sich für sie um ein Bewerbungsvorspiel auf die frei gewordene Aushilfsstelle in seinem Orchester. Dieser Gedanke gab Mama Hoffnung, sie sehnte sich danach, wieder gemeinsam mit ihrem Mann auf einer Bühne stehen zu dürfen; ab dem Moment übte sie regelmäßig, so auch Ai und Tata. Wenn sie mit mir fertig waren und ich meine Pflicht an der Geige getan hatte, spielte ich im Wohnzimmer mit Legosteinen, untermalt von nicht zueinander passenden Melodien aus drei verschiedenen Richtungen. Tata übte die Passagen aus den kommenden Konzerten, Ai für ihren Unterricht und Mama ihrem Probespiel entgegen.

Von einem doppelten Gehalt würde sich Tata endlich einen lang gehegten Wunsch erfüllen können; eine Videokamera auf Ratenkauf und sehr viele Kassetten, um alles festzuhalten, was der Familie in Rumänien an unserem Aufwachsen entging, am alltäglichen Leben, von dessen kostbaren Momenten Tata zu gut wusste, wie sehr sie aus der Ferne schmerzten, wenn man sie verpasste.

Mama bekam die Stelle, doch trotz der beruflichen Erfüllung war ihre Traurigkeit nicht gänzlich zu vertreiben. Wir verbrachten ab dem Moment die meiste Zeit im Lindenhof, dem Probensaal ihres Orchesters, der Philharmonia Hungarica. Tata legte Wert darauf, auch an den Wochenenden etwas zu unternehmen, um Mama von den Phantomschmerzen abzulenken und so die Stimmung zu verbessern; wir verabredeten uns mit den Kollegen und ihren Familien, grillten und erlebten eine Zeit entstehender Freundschaften, die bald auf mehr basierten, als bloß den gleichen Ursprungspunkt zu teilen.

Die Männer des Orchesters spielten Fußball, mir wurde die Aufgabe des Ballrückholers zugedacht. Später saß ich ermüdet auf dem Schoß einer hübschen Frau mit langen Locken, welche sich so schön wie Mamas Haare um meine Finger legen ließen, fast ebenso elastisch war die Schlaufe! Es war die Tochter von Tatas bestem Freund, mit dem er gemeinsam aus Rumänien geflohen war; auch seine Familie war mittlerweile nachgekommen. Oft erzählten sie beim Bier nach dem Fußballspiel, was sie für Kämpfe am ersten Pult der Violingruppe mit dem Dirigenten und den Musikern hinter ihnen ausgefochten hatten. Sein Freund war der Konzertmeister der Philharmonie, die wichtigste Position des Orchesters. Er lachte, was für ein Symbol das war, was für ein Affront, dass der Kapitän das Schiff vor allen anderen verließ, und zwar »per Köpper vom höchsten Punkt des Segelmastes. Was haben sie uns damals nicht dafür verurteilt, und als Verräter durch den Dreck gezogen!«

Seither hörten sie nichts Gutes aus der Heimat, die Zurückgebliebenen zerstritten sich, und mit jedem, der im letzten Jahr noch rüberkam, neigte das System im alten Land sich weiter seinem Untergang entgegen.

Es dauerte nicht lange, und eine erste gemeinsame Konzerttournee stand an. Die Proben dafür beanspruchten unsere Eltern den ganzen Tag im Lindenhof. Ganze sechs Tage würden sie mehrere Konzerte in Budapest und umliegenden Städten spielen. Die Ehefrau eines Orchesterkollegen hatte sich bereit erklärt, während der Reise auf Ai und mich aufzupassen. Zur Eingewöhnung holte sie mich während der Probenwoche vor der Abreise unserer Eltern vom Kindergarten ab. Gleich am ersten Tag verspätete sie sich; ich plauderte noch ein wenig mit der Kindergärtnerin, bis schließlich die Frau, der ich mich nun anvertrauen musste, mit ihrem Hund um die Ecke bog.

Es fühlte sich nicht richtig an, von jemand anderem als meinen Eltern abgeholt zu werden, ich versuchte, das Sonnenechobild meiner Mama in ihr zu erkennen, doch es wollte mir nicht gelingen. Sie kam erzwungen freudig auf uns zu, umarmte mich, um der Kindergärtnerin zu beweisen, dass zwischen uns alles gut war.

Weil sie noch etwas einkaufen musste, liefen wir zum Marler Stern. Vor der Wursttheke versuchte ich, eine freundschaftliche Beziehung zu ihr aufzubauen, indem ich sie wissen ließ, welche Salami am besten schmeckte, auch weil ich bereits Hunger hatte. Ich deutete auf das Exemplar, was der Wurst am ähnlichsten sah, die Tata immer für uns kaufte. »Die hier schmeckt besonders gut, wenn man sie in den Mund legt und anfängt, drauf zu kauen!« Dabei stellte ich mir den Geschmack so lebhaft vor, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief, doch sie hörte nicht hin. Der Fleischer hingegen lächelte mich an, piekste ganze fünf Scheiben auf seinen Zweizack und reichte sie mir über die Theke.

Bei ihr zuhause angekommen durfte ich im Wohnzimmer spielen, bis der Regen aufhörte, woraufhin sie mich mit dem Hund in den Garten schickte, »Frische Luft tut gut!« rief und die Glastür hinter uns zuschloss. Ball spielen durfte ich nicht; der Nachbar beschwerte sich bereits nach dem ersten Schuss lauthals über die wild gewachsene Hecke, also tollte ich mit dem Hund herum und trat nicht selten in einen seiner weiß verwitterten Haufen. Als ich zum Hunger auch noch Durst bekam, klopfte ich an das Fenster, doch sie hörte es wegen des lauten Fernsehers nicht. Hin und wieder nahm sie tiefe Schlucke aus einer grünen Flasche, später schlief sie tief und fest. Das Atmen fiel mir schwer bei dem Gedanken, dass Ai und ich bald sechs Tage hier übernachten müssten.

Bevor meine Eltern mich an diesem Abend nach der Probe abholten, durfte ich im Wohnzimmer spielen, draußen war es kalt geworden. Die Söhne der Frau schauten einen Film, dessen Verlauf sie anscheinend auswendig kannten. »Augen zum Auto!«, rief der langhaarige Sohn mit den schwarzen Klamotten, noch ehe etwas Schlimmes zu sehen war. Auf der Rückseite seines Shirts waren Orte und Datumsangaben gedruckt, darüber ein Name in einer Schrift, die mich an die Gabel des Fleischers erinnerte. Ich senkte zum Schein den Blick auf mein Spielzeug ab, doch die anstrengende Nutzung meiner Augenwinkel konnte er mir nicht verbieten. Soeben lag im Film eine Frau aufreizend entkleidet in der Badewanne. Plötzlich öffnete sich die Wanne von unten, und unzählige Skeletthände griffen brutal nach ihr. Die Frau versuchte zu entkommen, doch es gelang ihr nicht. Unter qualvollen Schmerzen starb sie, fontänenartig blutzerfetzt. Diese Bilder bekam ich abends nicht aus dem Kopf, als ich zuhause in der Wanne lag. Tata brachte mir hin und wieder eines seiner kleinen Brotkunstwerke ins Bad, schob es mir in den Mund und ging wieder in die Küche. Dies lenkte mich für einen kurzen Moment von den schrecklichen Bildern ab; wieder Schinken! Ich rief ihm nach: »Salami, bitte!«, und hatte im nächsten Augenblick sofort wieder Angst, dass sich die Badewanne öffnet und ich qualvoll verenden muss. Nachts startete ich mehr Versuche als sonst, um im Bett meiner Eltern zu übernachten; traute mich sogar, den langen Anlauf wegzulassen. Jetzt musste jede Sekunde genutzt werden, um bei ihnen zu sein, wo sie doch bald so lange weg sein würden.

Dann kam der Tag, an dem wir Abschied nehmen mussten und mit unseren kleinen Koffern zu der Aufpasserin gebracht wurden. Ich schaute meinen Eltern lange am Fenster nach, ob sie nicht vielleicht noch einmal wiederkämen; ein Mal schon konnte Mama sich nicht trennen und kam zurück für eine weitere Umarmung, warum also nicht ein zweites! Dazu kam es jedoch nicht, der Orchesterbus hatte rechtzeitig erreicht zu werden.

Der Tag verging träge und kloßbeschwert im Hals, ich war verstummt und melancholisch, was Ai besorgte und nach einem Ausweg aus dieser Lage suchen ließ. Abends riefen unsere Eltern von einer Raststätte an, wonach Ai unserer Aufpasserin ins Gesicht flunkerte, dass sie soeben die Erlaubnis eingeholt hatte, die Koffer packen zu dürfen, um mit mir nach zuhause zu gehen und dort zu übernachten. Die Frau hinterfragte diese offensichtliche Lüge nicht, sondern rief nach ihren Söhnen, die sich sofort auf das frei gewordene Sofa warfen und den Fernseher anschalteten. Ai bemerkte meinen fragenden Blick und hielt sich bloß den Zeigefinger vor den Mund, ehe wir über die drei Straßen durch die Dämmerung nach Hause liefen. Es war zwar nur ein Schatten der Situation, die ich mir erwünschte, doch zumindest linderte sich meine Schwere bei dem Gedanken, die Nacht mit Ai zuhause zu verbringen.

Aus dem Wohnzimmer drang der laute Klang des Fernsehers bis ins Bad, ein Musiksender untermalte uns das Abendessen, das Ai uns zuvor im Stile Tatas angerichtet und auf dem Klodeckel abgelegt hatte, von wo wir uns abwechselnd ein Stückchen nahmen; endlich ohne Schinken! Ich hielt den Duschkopf falsch herum, als Ai den Wasserstrahl vom Hahn in den Schlauch umleitete, es spritzte einmal quer durchs ganze Bad; wir quiekten vor Lachen, dann klingelte das Telefon.

Wir wurden sofort ernst, wussten gleich, dass wir nun mit den Konsequenzen unserer Lüge konfrontiert werden würden. Nachdem Ai mit aufgeregter Stimme dementierte, den Verstand verloren zu haben, und ihre Entscheidung rechtfertigte, gelang ihr nach langem Schweigen die Überredung unserer Eltern mit einem einzigen Satz: »Vertraut mir.«