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„Die Stimme des Intellekts ist leise.“ Die Stele für Sigmund Freud im Votivpark spricht eine Warnung in Richtung der Universität Wien aus. Als dort einer jungen Wissenschaftlerin die Kehle durchgeschnitten wird, beginnt die Fassade rationaler und objektiver Wahrheitssuche zu bröckeln. Bei einem großen Historikerkongress und während des Verfahrens zur Berufung auf eine wichtige Professur braut sich weiteres Unheil zusammen. Der mächtige und rücksichtslose Vorstand des Instituts für Geschichte Josef Amblic wird tot in seinem Büro gefunden – neben einer Giftschlange. Assistent Martin Heiser gerät in die Rolle des Ermittlers und sucht im akademischen Mikrokosmos die Wahrheit, welche die Inspektorin alleine nicht fi nden kann. Seine Albträume refl ektieren die Ereignisse auf tieferer Ebene und geben ihm wichtige Hinweise. Er entdeckt überraschende Verfl echtungen des akademischen Umfelds mit verworrenen Familienverhältnissen – und findet sich in einer Schlangengrube wieder. Voller Anspielungen und Seitenhiebe spiegelt der erste Wiener Uni-Krimi die akademische Binnenwelt in einer gesellschaftlichen Situation, welche der Universität überstürzte Reformen, Sparbudgets, den Bologna-Prozess und heftige Studentenproteste beschert hat.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Bernardi — Vatermord
Isabel Bernardi
Vatermord
Königshausen & Neumann
Die Universität ist ein spezielles Humanbiotop. Da ihre Vielfalt an menschlichen Typen enger begrenzt ist als in der Normalbevölkerung, können unbeabsichtigte Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder lebenden Personen auftreten. Jedoch sind alle Personen und Begebnisse der folgenden Kriminalgeschichte frei erfunden.
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© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2012
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
Umschlag: skh-softics / coverart
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Printed in Germany
ISBN 978-3-8260-4932-3
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Im Votivpark neben dem Hauptgebäude der Wiener Universität blühten die Bäume und die Vögel zwitscherten aus vollem Hals. Die ersten Studenten lagerten sich wieder auf die Wiesen und auf die weiß-roten Liegestühle, mit denen Werbung für Wien gemacht wurde – praktischerweise auch gleich für die Stadträtin, welche für diese großzügige Aktion zugunsten der Volksentspannung verantwortlich war. Die Studierenden nutzten gerne aus, dass sie auf diese Weise auch einmal etwas von den Steuergeldern hatten, wie sie meinten. Es war der Donnerstag Mittag vor den Osterferien an der Universität, die diesmal spät im Jahr waren und auf die sie sich mit Leib und Seele einstimmten. Von dem bedeutenden Historikerkongress, der am selben Nachmittag nebenan beginnen würde, wussten sie nichts und wollten es auch nicht wissen, selbst wenn sie vom Fach waren. Zum Glück schien der Klimawandel der Sonne schon an diesem 5. April zu kräftiger Wirkung zu verhelfen.
An einer Ecke des Parks stand neuerdings ein riesiger sechseckiger Steintisch mit zwölf Stühlen aus Granit rund herum, deren jeder ein europäisches Land symbolisierte, das am 1. Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten war – Österreich, symbolisiert im Tisch, natürlich in der Mitte. Tisch und Bett gehören ja zusammen, tu, felix Austria, nube: Auf der Platte turtelten zwei Tauben. Als eine dröhnende Autolawine auf der mehrspurigen Straße zwischen der Votivkirche und dem Park vorbeiraste, flogen sie auf und zogen sich auf die Südseite der Grünanlage zurück, auf eine graue Granitstele zum Gedenken an jenen bedeutenden Sohn der Stadt, der dem Park auch seinen offiziellen Namen gab: Sigmund Freud. Unter seinen Lebensdaten waren die beiden griechischen Buchstaben Psi und Alpha für „Psychoanalyse“ eingraviert und in schwarzer Schrift: „Die Stimme des Intellekts ist leise.“
Die Tauben hinterließen eine Markierung auf der Stele, wie nicht anders zu erwarten, und flogen über die Universitätsstraße auf das dahinter hoch aufragende Universitätshauptgebäude. Dort im erstem Stock lagen die Räume des Instituts für Geschichte. Den wenigsten Studierenden und Lehrenden fiel jemals auf, dass jene skeptische Botschaft Freuds nicht zum Park hin, sondern nach außen, genau auf die andere Seite der Universitätsstraße gerichtet war.
Dort zeigte sich die Natur von einer weniger angenehmen Seite: Dr. Martin Heiser, Assistent am Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte, befand sich gerade am hinteren Ende des Historikerganges, der von dem prachtvollen Stiegenhaus mit der klingenden Bezeichnung „Stiege 2“ parallel zur Universitätsstraße verläuft und die Seitengänge des Instituts für Geschichte erschließt. Dort saß er auf der menschenleeren Toilette in einer der vier Kabinen hinter dem Vorraum mit den Waschmuscheln und den beiden Pissoirs. Und er saß lange. Die Verstopfung, unter der er seit acht Monaten immer wieder litt, konnte durchaus psychosomatisch interpretiert werden, das war ihm selbst vollkommen klar. Schließlich lebte er seit seiner Matura, also seit vielen Jahren, in der Stadt Sigmund Freuds, und besaß ein gewisses psychologisches Grundwissen: Eigentlich sollte seine Habilitationsschrift schon abgeschlossen sein und er damit zu den höchsten akademischen Weihen aufgestiegen – doch seit Monaten hatte er eine Schreibhemmung. Im Kopf war seine Arbeit ziemlich fertig, so wie sein Darm mit der Verdauung des Mensamenüs vom Vortag, doch heraus und ans Licht der Welt wollte weder das eine noch das andere kommen. Da er sich intensiv mit dem mittelalterlichen Denken befasst hatte, wusste er natürlich schon von daher, dass der Leib als Instrument der Seele auch an deren Problemen mitleidet. Nicht von ungefähr hatte er als Habilitationsthema „Inszenierungen und Praktiken des Leibes an zentraleuropäischen spätmittelalterlichen Herrscherhöfen“ genommen: Der „Sitz im Leben“ dieser Themenwahl hatte zweifellos etwas mit der empfindsamen Konstitution zu tun, die ihn jetzt auf dem Toilettensitz in der Universität festhielt. Mit solchen psychosomatischen Blockaden würde er noch lange auf dem Leerstuhl statt auf einem Lehrstuhl sitzen.
Das sagte ihm die Stimme des Intellekts schon eine Weile und recht laut. Martin Heisers Gedanken kreisten auch jetzt um seine in mehrfacher Hinsicht elende Lage. Ja eigentlich war er zornig über die Demütigung, sich zum wiederholten Male beim Versuch der Entleerung so quälen zu müssen – deshalb hatte er vergessen, die Toilettentüre abzusperren. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass er die mit kommunistischen und schlimmeren Parolen beschmierte Türe am liebsten nie anfassen würde. Diese Aborte wurden selten betreten und so war nicht zu ahnen, dass sein Versehen diesmal dramatische Folgen zeitigen würde.
Zwei Männer betraten die Herrentoilette und stellten nach einem flüchtigen Blick auf die Türschlösser der Kabinen fest, dass niemand anwesend zu sein schien. „Koana do!“ Martin wollte sich noch vorbeugen, um abzusperren, doch irgendeine dumpfe Ahnung hielt ihn zurück und befahl ihm, sich so still wie möglich zu verhalten.
„Also lieber Hans, wie stehen jetzt die Aktien?“ Diese sonore Stimme mit bayerischem Akzent war ihm irgendwie bekannt.
„Mach dir keine Sorgen, Franz-Josef“, hörte er seinen Chef antworten, den Ordinarius für mittelalterliche Geschichte Johannes Hochgruber. „Du wirst nächstes Jahr als Kollege hier amtieren!“
„Hier im Pissoir?“ witzelte der andere. In dem Moment wurde Martin klar, dass es um die Wiederbesetzung des vakanten, also momentan leeren Lehrstuhls für Geschichte und Kunde des Altertums ging. Hochgruber sprach mit Fornberger aus München, seinem Favoriten für den Posten. Demnächst würde die Berufungskommission wieder tagen, allerdings war noch keineswegs klar, dass der Münchner Bewerber das Rennen machen würde – zu verschieden waren die Interessen der Kommissionsmitglieder. Das wusste sein Chef doch nur zu gut! Wollte er dem Kollegen gegenüber einfach als souveräner Königsmacher erscheinen? Nun drückte es den Assistenten endlich, doch gerade jetzt konnte er dem befreienden Drängen absolut nicht nachgeben, ohne seine Anwesenheit zu verraten.
„Lass dich nicht vom Amblic einschüchtern, das versucht er immer. Ich habe gestern schon mit Schmittinger gesprochen ...“
„Deinem Doktorvater?“
„Ja, und wir sind uns völlig einig darüber, dass die andern Bewerber dir nicht das Wasser reichen können. Und natürlich ist der alte Schmittinger der renommierteste Gutachter.“
„Freilich, aber Amblic ist noch über jedes Gutachten drübergefahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht alles tun wird, um mich zu verhindern!“
Während die Spülung des Pissoirs rauschte, hörte Martin seinen Chef antworten: „Den kannst du getrost mir überlassen – wir werden ihn schon kleinkriegen!“
Als er wieder allein war, sperrte er die Türe ab und gab der nächsten Welle des imperativen Drängens nach. Erleichtert blieb er noch einige Minuten sitzen, um sicher zu gehen, dass die beiden auch nicht mehr im Gang vor der Toilette sein würden. Denn offenbar hatten sie sich unbelauscht unterhalten wollen. Da kam ein anderer herein und machte sich an der Waschmuschel zu schaffen. Martin zog sich an und ging hinaus, auf einen Sprung in den aufblühenden Votivpark: wie neugeboren – und zugleich beunruhigt. Das seit langem andauernde Berufungsverfahren gehörte zu den delikatesten und kompliziertesten Personalentscheidungen. Wie konnte sein Chef annehmen, so leicht mit dem mächtigen und rücksichtslosen Institutsvorstand fertig zu werden? Er wusste, dass die Universität zur Schlangengrube wurde, wenn es um Ämter, Posten und Macht ging. Martin versuchte, sich aus den Machenschaften der diversen und konkurrierenden Seilschaften heraus zu halten, aber als Absolvent eines kirchlichen Gymnasiums war ihm klar: Wer vom Baum der Erkenntnis naschte, sollte mit dem Auftreten der Schlange rechnen.
Als die Sonne sich neigte und den Votivpark, das Schottentor und die Universität ein wenig vergoldete, eilten die Teilnehmer des Kongresses die große Freitreppe, die von der Ringstraße zum Haupteingang führt, hinauf und in die Eingangshalle dahinter. Lieber die seitliche Rampe als die Stufen hinauf zogen einige schwarz Gekleidete mit kleinen Rollköfferchen hinter sich – unzweifelhaft deutsche Kollegen, die direkt vom Flughafen gekommen waren, Businessmen des akademischen Betriebs.
Die große Aula zwischen Eingang und Arkadenhof war kürzlich von der Universitätsleitung neu gestaltet worden. Aufmerksamen Gästen, die früher bei ähnlichen Gelegenheiten an der Wiener Universität getagt hatten, konnte das Fehlen des so genannten Siegfriedskopfes auffallen, eines deutschnationalen Symbols. Nach Auseinandersetzungen über schlagende Burschenschaften und rechtsradikales Gedankengut war er zwar nicht gänzlich entfernt, aber an eine etwas weniger prominente Stelle im Arkadenhof versetzt worden – eine typisch österreichische Lösung. Stattdessen hatte man an der linken Wand der Aula auf gläsernen Stelen Porträtfotografien von neun Gewinnern des Nobelpreises angebracht, die einmal in ihrem Leben irgendetwas mit der Universität zu tun hatten. Als Ergebnis einer teuer bezahlten Designidee zierte die freie Stele in der Mitte keine Fotografie, sondern ein großes Fragezeichen. Manch einer hatte schon gemeint, dass das der für ihn bestimmte Platz sei: Sollte die leere Stele nicht sinnfällig darauf hinweisen, dass der nächste Wiener Nobelpreisträger vielleicht schon durch die hehren Hallen marschierte? Tatsächlich war sie aber eine Mahnung an die personellen Lücken, die die Vertreibung und Ermordung der Juden während des Nationalsozialismus gerissen hatte.
Der steinerne Siegfriedskopf ruhte inzwischen im hinteren rechten Eck des Arkadenhofs in einem großen, gläsernen Sarkophag. Dort schlenderte die Studentin Yvonne Oberberger den Gang nach hinten, um in der relativ einsamen Ecke ungestört mit ihrem Freund zu telefonieren. Sie wählte seine Nummer. Als er sich meldete, schrie sie laut auf. Zwischen den beiden Pfeilern und dem Sarkophag lag eine junge Blondine in einer Blutlacke. Ihre dünne, etwas zerrissene Bluse war so nass, dass sich ihre großen Brüste deutlich abzeichneten, ihr geschminkter Mund und ihre hellbraunen Augen waren weit offen und sie trug nur einen Stöckelschuh. Die klaffende Schnittwunde am Hals war eindeutig. Das hätte auch Dr. Leopold Ritter Schrötter von Kristelli bestätigt, der aus seiner Gedenktafel heraus immer in den Gang blickte – passenderweise Professor für Laryngologie. Yvonne Oberberger schrie um Hilfe, bis drei Leute aus dem vorderen Bereich des Hofes zu ihr liefen.
In einem anderen Teil des Gebäudes strömten inzwischen die nichts ahnenden Kongressteilnehmer zu ihrem akademischen Event. Zum Glück hatte die Gebäudeverwaltung bei ihrem Bemühen, dem historistischen Bau ein moderneres Aussehen zu verschaffen, auch hilfreiche Hinweisschilder zur Orientierung anbringen lassen. So fand immerhin die Hälfte der Teilnehmer pünktlich zum kleinen Festsaal oberhalb der Eingangshalle.
Die großen Fenster auf den Ring hinaus erhellten den in dunklem Holz getäfelten Raum mit dem knirschenden Parkettboden nur so weit, dass der bei älteren Konferenzteilnehmern beliebte Kongressschlaf nicht gestört wurde. Heute allerdings herrschte eine gewisse Spannung. Die Wissenschaftsministerin persönlich sollte den Historikerkongress unter dem modischen Titel „Future History“ eröffnen. Dass sie schon im Raum war, konnten die Eintretenden daran erkennen, dass am Eingang zwei gut gebaute Männer standen, deren Gesichter ebenso unakademisch waren wie ihre auffallend korrekten dunklen Anzüge. Die Türsteher hatten wohl die Aufgabe, darauf zu achten, dass keine mit Eiern oder Paradeisern bewaffneten Studenten in den Raum gelangen würden. Die ankommenden Professorinnen und Professoren, Assistentinnen und Assistenten, Dozentinnen und Dozenten suchten sich freie Plätze, nicht ohne zur Sicherheit mit ihren Köpfen in alle Richtungen verbindlich zu nicken, um auch wahrgenommen zu werden. Dieses Ritual des Sehens und Gesehenwerdens garantierte, dass der Hauptzweck der Tagungsteilnahme erfüllt werden konnte – sofern man nicht von solcher Wichtigkeit in der „scientific community“ war, dass ein Fernbleiben allein schon für Gerede und Spekulationen sorgte.
Als der Vizerektor für Lehre Günther Halbmeyer zum Mikrofon trat, ebbte das Gemurmel der versammelten netzwerkenden Konferenzteilnehmer ab. Er hieß alle herzlich willkommen und übergab gleich das Wort an die Wissenschaftsministerin.
„Mein lieber Herr Vizerektor, hochverehrte Kolleginnen und Kollegen ...“ Die Anreden sollten, österreichischen Usancen entsprechend, Familiarität und Amikalität signalisieren, unbeschadet dessen, dass die Ministerin keinerlei akademische Leistungen vorzuweisen hatte. „... Meine Damen und Herren! Wie gerne habe ich auch dringende Amtsgeschäfte liegen gelassen, um der großen Ehre und Freude willen, diesen bedeutenden internationalen Kongress eröffnen zu dürfen – dies umso lieber, als sein Programm, das zwar nicht der Geschichte der Zukunft gewidmet sein kann ...“ (höfliches leises Lachen im Publikum), „aber der Geschichtswissenschaft der Zukunft verspricht, die ungebrochene Relevanz der Geisteswissenschaften für aktuelle und für Zukunfts-Themen zu verdeutlichen.“
Sie kam dann lobend auf die Öffnung der Wiener Historiker für solche Themen zu sprechen, vorangetrieben vom über die Grenzen des Landes hinaus so geschätzten Professor Josef Amblic (weniger höfliches Lachen in den hinteren Reihen). Nicht fehlen durfte die Werbung für die geplante Neustrukturierung der Geistes- und Kulturwissenschaften an der Wiener Universität. Dieses mutige Projekt entspreche eben den Anforderungen der Zukunft. „Solche strukturellen Veränderungen werden natürlich nicht sofort die Zustimmung aller finden, aber ich appelliere doch, die synergetischen Effekte einer Zusammenführung mit anderen kulturwissenschaftlichen Fächern und verwandten Instituten anzuerkennen und mitzutragen!“ Die geplanten und heftig umstrittenen Zusammenlegungen der Institute für Archäologie, Kunstgeschichte, Numismatik, für österreichische Geschichtsforschung, Wirtschaftsgeschichte und anderer zusammen mit dem Institut für Geschichte zu einem „Department for Historical and Cultural Studies“ würden eine große und international konkurrenzfähige wissenschaftliche Einheit ermöglichen. Ihre offenkundig miserable Aussprache des Englischen hinderte die Ministerin nicht daran, sich für die globalisierte (das heißt natürlich amerikanisierte) Zukunft der Geschichtswissenschaften an der Wiener Universität in Begeisterung zu reden.
Im weiteren Verlauf ihrer Begrüßungsansprache ließ sie es sich nicht nehmen, auch ministerielle Führungskompetenz zu zeigen, indem sie mit erhobener Stimme darauf beharrte, dass das wissenschaftliche Qualitätsmanagement durch die derzeit diskutierte Zentralstelle für Plagiatsverdachtsfälle einen „Quantensprung“ machen würde. Da unter ihren Zuhörern ausschließlich Geisteswissenschafter waren, fiel wohl niemandem auf, dass ein Quantensprung eine subatomisch kleine Veränderung bedeutet. Offenbar wollte die Ministerin auf keinen Fall als bürokratische Verwalterin auftreten, weshalb sie gleich für ihre Lieblingsidee, diese Zentralstelle, die Bezeichnung „Center for Bad Academic Practice“ vorschlug. Das wurde wiederum mit Gelächter aufgenommen.
Sie kam noch einmal auf den Kongress selbst zu sprechen, dem sie gutes Gelingen wünschte, und bedauerte „zutiefst“, dass sie die hochinteressanten Vorträge nicht würde miterleben können, da sie noch am selben Abend nach Brüssel zu einem Treffen der europäischen Bildungsminister müsse. Für den Schlussappell hielt sie sich offenbar wieder an die Vorlage ihres Ghostwriters: „Darum, meine sehr verehrten Damen und Herren, hege ich ganz persönlich keinerlei Zweifel daran, dass auch die Geisteswissenschaften eine Zukunft haben, eine future history“ (sie lächelte während der Kunstpause ins Publikum) „– eine Zukunft nicht nur für unsere Stadt und unser Land, sondern für die Sicherung von Frieden und Demokratie in Europa – ja, darüber hinaus in einer globalisierten Welt!“
Als das Stichwort „Demokratie“ aus den Lautsprechern quoll, atmeten die Vertreter des Mittelbaus, also vor allem angestellte und teilweise definitiv gestellte Assistenten, mit geöffneten Mündern und verdrehten Augen scharf ein – immerhin hatten sie durch die von der Regierung durchgepeitschten Reformen im Universitätswesen an Mitbestimmungsmöglichkeiten empfindlich eingebüßt. Nach dem kurzen Applaus trat Professeur Hautregard, der Vorsitzende des europäischen Historikerverbandes, ans Mikrophon. Er machte seiner Profession alle Ehre und sprach ausschließlich von der glorreichen Vergangenheit des Wiener Instituts für Geschichte.
„Wer aus unseren Reihen“, deklamierte er mit starkem französischen Akzent, „würde sich nicht an den Begründer des Institutes erinnern ...“
Heiner Heiskopf in der dritten Reihe, ein junger Assistent für Zeitgeschichte, bemerkte halblaut: „So alt sind nicht alle hier!“ Der am Rande der Reihe sitzende Martin Heiser grinste. Der Oberhistoriker schritt unverdrossen weiter die Ahnengalerie ab und endete taktvoll in den 1920er Jahren.
Ebenso taktvoll wurde applaudiert, während der Institutsvorstand und Ordinarius für Zeitgeschichte Univ.-Prof. Dr. habil. Dr. hc MMag. Josef Amblic betont langsam zum Rednerpult schritt. Bei dieser Demonstration von Bedeutung war sein physisches Gewicht durchaus behilflich – er war nicht dick, aber groß und schwer. Seine schulterlangen Haare, schon mehr grau als blond, waren wie immer bewusst ungepflegt. Damit das aber nicht nur mit klassisch-professoraler Zerstreutheit erklärt würde, trug er sein ausgeleiertes weinrotes Jackett ohne Krawatte. Das war durch seine Fernsehauftritte weithin bekannt, als Zeichen seiner Verachtung der bourgeoisen „Krawattenwissenschafter“. Nur ein in den feinen Signalcode Uneingeweihter hätte meinen können, einfach einen Junggesellen vor sich zu haben. Das stimmte zwar, insofern Josef Amblic es mit keiner seiner Lebensabschnittspartnerinnen lange ausgehalten hatte. Aber diese Interpretation hätte unterschätzt, wie bewusst seine Lässigkeit war.
„Sehr geehrte Frau Bundesminister,“ – er machte eine rhetorisch gezielte Pause – „liebe Hannerl! Wir sind dir überaus verbunden für deine wegweisenden Worte, welche durch dein persönliches Erscheinen die Bedeutung unserer Arbeit und unserer historisch-kulturwissenschaftlichen Institute noch augenfälliger zu machen imstande ist.“
Die ausländischen Gäste wunderten sich über die Direktheit dieser Anbiederung, aber die ansonsten nicht sehr geschätzte Ministerin sonnte sich sichtlich in der ihr hier zugesprochenen Ehre und Sympathie. Die Institutsinternen rutschten resigniert ein wenig tiefer in ihre Stühle; sie wussten nur zu gut, was in der nächsten Viertelstunde kommen würde – „future history“ auf der Mikroebene. Erwartungsgemäß versäumte Amblic nicht, ebenso wie die ministerielle Ansprache seine großartigen Verdienste hervorzuheben und durch Übergehen die Mitarbeit von Kollegen klein zu machen.
„Wir haben ja ...“ – wenn er „wir“ sagte, meinte er fast immer „ich“, womit er sich des früher gebräuchlichen Pluralis maiestatis bediente. Um die Erfolgsgeschichte der Wiener Geschichtsforschung fortzuschreiben, sei die Zukunftsfähigkeit der historischen Wissenschaften eine Herausforderung, der man sich „hier und heute“ stellen müsse. Zu den Befürchtungen „mancher nostalgisch veranlagter Kollegen“ angesichts der nötigen Strukturreform wolle er noch einmal persönlich versichern, dass die klassische Geschichte weiter betrieben werde, „selbstverständlich! Sie ist ja auch wichtig für die Ausbildung der Lehrer, aber zugleich müssen wir neue Schwerpunkte setzen, die im engen Anschluss an den internationalen Fachdiskurs die Zukunft unseres Departments prägen werden.“
Während die ersten Teilnehmer auf ihre Armbanduhren blickten, war ein dumpfes Platschen von der Seite der Ringstraße her zu hören und am mittleren Fenster rann außen eine zähe, gelbe Flüssigkeit herunter. Amblic nahm keine Sekunde lang an, diese studentische Meinungsäußerung hätte ihm gelten können, schließlich war die Ministerin die Buhfrau dieser Amtszeit – aber in ritterlicher Weise bezog er die Eier auf das akademische Qualitätsmanagement, dem ja auf den Quantensprung zu helfen war: „Sehen Sie, es gibt Unsauberkeit – wie außen an der Universität, so auch drinnen in der Wissenschaft. Eben darum, und damit Plagiat und Ähnliches noch besser verhindert wird, können wir auch dem Bestreben, Fälle unsauberer akademischer Praxis konsequent zu verfolgen, nur beipflichten!“
Während des Applauses sah die Ministerin die beste Gelegenheit zu einem effektvollen Abgang, schüttelte dem Vizerektor und Amblic die Hände und schritt donnernd und allseits lächelnd zum Ausgang des kleinen Festsaals. Eine anschwellende Polizeisirene war zu hören. Vermutlich zum Schutz der Wissenschaftsministerin vor den Studierenden, dachten sich die meisten. Von der Leiche im Arkadenhof wussten sie noch nichts.
Eine kurze Pause vor der ersten Arbeitssektion wurde angekündigt und die Menge der Zuhörer löste sich in kleine Gruppen auf. Martin Heiser streckte seinen etwas behäbigen Leib, schaute wie einige andere kurz zum Fenster hinaus auf die Gruppe protestierender Studenten und begrüßte seine Kollegen Heiner Heiskopf und Petra Stauer, außerordentliche Professorin für Zeitgeschichte und die am längsten dienende Schülerin von Amblic.
„Hallo Petra!“ sagte Heiskopf mit seinem norddeutschen Akzent, „die naheliegendste Frage für die future of our history iss ja geschickt ausgeblendet worden!“
„Das Berufungsverfahren läuft ja noch, was hätte man denn dazu ...“ entgegnete Petra.
„Klar doch, aber uns hätte das doch deutlich mehr interessiert als das Zukunftsfähigkeitsgequatsche ... Fragen sich doch alle, wen Amblic jetzt auf dem Lehrstuhl für alte Geschichte haben will.“
„Na, da wär er schön blöd, die Katze aus dem Sack zu lassen, vier Tage vor der entscheidenden Sitzung der Kommission“, konstatierte Martin. Das Thema war ihm unangenehm, es war eh schon eine hochsensible Angelegenheit, die er nicht wieder diskutieren wollte – jedenfalls nicht mit Heiskopf. Er mochte seinen Kollegen eigentlich, aber der war mit seinen siebenundzwanzig Jahren so jung, dass er die Universitäts- und Institutspolitik noch wie ein interessantes Spiel wahrnahm. Über dieses Alter war Martin, der ewige Habilitand, schon hinaus. Außerdem waren doch manche der Bewerber im Raum! Als Ausweg bot sich wie immer an, in der Geschichte ein wenig zurück zu gehen: „Die Ausschreibung war ja auch reichlich unspezifisch.“
Petra ging darauf ein: „Ja, abgesehen von dem üblichen Bla-Bla im Ausschreibungstext, das die Uni Wien als Spitzenuniversität in derselben Liga wie Princeton darstellt, was die internationalen Rankings ja überhaupt nicht bestätigen ...“
„... stand so wenig über die erwarteten Qualifikationen drin, dass es schon verdächtig ist“, ergänzte Heiner. „Und wozu das Spiel? Damit die Kommission bei jedem Bewerber ’nen Grund findet, ihn leicht abzuschießen.“
„Umso besser für ...“ In dem Moment rief Amblic vom Rednerpult aus dazu auf, sich wieder zu setzen.
„Als Gastgeber im engeren Sinne und als Moderator unserer ersten Arbeitssektion darf ich Ihnen meine langjährige Assistentin Frau Professorin Petra Stauer als erste Referentin vorstellen.“
Wie bei solchen Anlässen üblich, folgte ein Abriss der akademischen Laufbahn der Vortragenden, wobei Amblic jede Möglichkeit nützte, um seine väterliche fördernde Mitwirkung an der beachtlichen Karriere zu erwähnen. Nach dem rituellen Satz „Von ihren zahlreichen Publikationen kann ich hier nur die aktuellsten erwähnen“ nannte er pflichtschuldig zwei Zeitschriftenbeiträge aus dem vergangenen Jahr und überließ ihr die Bühne: „Liebe Petra, wir sind sehr gespannt auf deinen Vortrag über den versuchten Tyrannenmord Georg Elsers und seine bleibende Aktualität!“
Die unauffällig gekleidete, schlanke Dame mit sehr kurzen dunklen Haaren erhob sich in der ersten Reihe, etwas fahrig und nervös, und hastete zum Rednerpult hinauf. Sie war vom Typ der alterslosen, asexuellen Wissenschafterin, und genauso behandelte sie ihr Thema: zeitlos und reizlos. Ihr Argumentationsziel war, das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler vom 8. November 1939 als immer aktuelles Beispiel und Vorbild für Zivilcourage und Loyalität dem eigenen Gewissen gegenüber darzustellen. Wie sie Georg Elser, den Tischler aus sehr einfachen Verhältnissen, in die Ahnengalerie großer Tyrannenmörder stellte, war etwas mühsam und nicht sehr geschickt. Sie beklagte, dass bis vor etwa vier Jahrzehnten, bis zu den Forschungen von Gruchmann und Hoch, dieser Widerstandskämpfer missachtet wurde und war offenbar zornig darüber, dass seine Rehabilitierung erst spät, nach einer Auswertung der Gestapo-Protokolle begonnen hatte. Als sie daraus seine Motive für das Attentat rekonstruierte, wurde sie lebendiger und bekundete eine Sympathie für den Märtyrer des Gewissens, die zu wenig von der gebotenen historisch-kritischen Distanz zeigte.
Wenig an respektvoller Distanz hatte auch Claudia Schober, Professorin für alte Geschichte an der Universität Trient. Sie analysierte im Stillen die Schwächen der Rhetorik von Petra Stauer, sofern man das Herunterlesen als Rhetorik bezeichnen konnte, und zählte, wie oft sie sich mit ihrer Hand am Kopf kratzte.
Gegen Ende schlug die Rednerin etwas gewollt die Brücke zum Generalthema der Tagung: „Ich hoffe, meine Damen und Herren, dass das gegenwärtige Wiedererstarken rechtsextremer Tendenzen es in der Zukunft nicht erforderlich machen wird, dem Vorbild Georg Elsers zu folgen.“
Der Applaus war verhalten, Professor Severini aus Mailand in der zweiten Reihe flüsterte zu seiner Südtiroler Kollegin Schober neben ihm: „Ist ja schön, dass immer jemand vom gastgebenden Institut zuerst spricht, aber haben sie hier in Wien niemand Interessanteren? O Madonna!“ Um dem Moderator wieder den Platz am Rednerpult zu überlassen, war die Referentin zur Seite getreten, und über die Stufe des Podiums zu Boden gestürzt. Man half ihr auf. Mit schmerzvollem Gesicht versicherte sie, es gehe schon, wenn man sie nur zu ihrem Sitz begleiten würde. Während sie, links und rechts unterstützt, dorthin hinkte, kündigte der Institutsvorstand an, dass man nun keine Diskussion zum Vortrag abhalten würde. Darüber war niemand besonders traurig.
Amblic stellte als nächsten Redner seinen Stellvertreter Professor Doktor Johannes Hochgruber mit seinen Schwerpunkten sowohl in der alten Geschichte wie auch in der Völkerwanderungszeit vor. Er wies pflichtschuldig auf die überaus breit gestreute Publikationstätigkeit des Referenten hin und bat ihn zu seinem Vortrag über die wissenschaftlichen Grundlagen der Mentalitätsgeschichte. Inzwischen fragte der Mailänder Professor seine Nachbarin, warum denn nicht der stellvertretende Vorstand als erster geredet hätte.
Schober raunte: „Weil er die falschen Chromosomen hat! Die Ministerin – der Vorsitzende – der Institutsvorstand – da musste wieder eine Frau dran kommen!“
„Mamma mia!“ murmelte der Italiener.
Ordinarius Hochgruber erhob seine stattliche Figur, schritt ruhig, aber kraftvoll und mit beruhigender Selbstverständlichkeit zum Podium, fuhr sich dabei langsam durch die dunklen Haare mit den eleganten grauen Strähnen, blickte über den Brillenrand freundlich in die Runde und holte gemächlich zu einem Rundumschlag aus: Souverän und faktenreich erläuterte er die Entwicklung des Teilgebiets der Mentalitätsgeschichte, was allerdings nur die Aufmerksamkeit der anwesenden Spezialisten fesselte. Beinahe unmerklich glitt er zu einer Kritik fehlgeleiteter und einseitiger Versuche bei der Rekonstruktion vergangener Denkweisen und kognitiv-emotionaler Einstellungen über. Dann attackierte er die jüngeren Arbeiten von Claudia Schober und Michael Benke aus Salzburg, wie ein erfahrener Pathologe: mit ruhigen Schnitten, aber scharfem Messer. Die Spannung im Raum stieg spürbar, immerhin handelte es sich bei den beiden Kritisierten um zwei der Bewerber für den vakanten Lehrstuhl, von denen die Südtiroler Professorin sogar anwesend war. Offiziell wusste natürlich niemand um den Stand des Berufungsverfahrens, aber die gezielten Indiskretionen der Kommissionsmitglieder und die dadurch geschaffene Halböffentlichkeit gehörten zum Machtspiel solcher Prozesse hinzu. Entsprechend schauten sich die vielen Halbeingeweihten von der Seite her an, während Hochgruber Schobers Habilitationsschrift über „Liebe bei den Etruskern“ sezierte. Severini blickte seine Nachbarin, die kerzengerade dasaß, mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er ahnte, was sie dachte.
Amblic warf dem Referenten unfreundliche Blicke zu und redete demonstrativ immer wieder mit dem Vorsitzenden des Historikerverbandes neben ihm. Severini rief halblaut, aber laut genug, dass Hochgruber dadurch gestört werden musste: „Ma non è possibile!“
Die Antwort Hochgrubers auf den Einwurf war, dass er leicht maliziös und sehr selbstsicher in Richtung des Kollegen lächelte und noch etwas langsamer und nachdrücklicher mit seinen Argumenten fortfuhr.
Martin las im Kongressprogramm, dass der nächste Referent und letzte Vortragende dieser Sektion einer der Favoriten für den leeren Lehrstuhl, nämlich Franz-Josef Fornberger aus München war. „In Abänderung des ursprünglichen Programms“ stand da – Martin dachte sich, das passt ja zu Hochgrubers Strategie. Als dessen Vortrag beendet war, zeigte sich Amblic verärgert darüber, dass der seine Rede so ausgenutzt hatte, um das Verfahren, das er selbst als Kommissionsvorsitzender leitete, zu beeinflussen. Alle fragten sich, wie er mit dieser sensiblen Situation umgehen würde. Er griff zu einem bewährten Mittel: „Angesichts der fortgeschrittenen Zeit“ – tatsächlich war man schon eine halbe Stunde später dran als vorgesehen, aber das erstaunte keinen erfahrenen Kongressteilnehmer – „schlage ich vor, dass wir die Diskussion des hochinteressanten Vortrags von Kollegen Hochgruber zusammen mit der Diskussion der anderen beiden Referate vornehmen. Darf ich deswegen gleich den Kollegen Fornberger aus München vorstellen und um seinen Vortrag bitten.“
Der kleine und untersetzte Bayer hielt auf seine quirlige Art gleich noch einen Bewerbungsvortrag über „die Relevanz der kritischen Geschichtsforschung am Beispiel der konstantinischen Schenkung: Fiktion – Rezeption – Widerlegung.“ Angesichts der einsetzenden Müdigkeit im Publikum, die der erfahrene Redner durchaus spürte, fügte er immer wieder Bemerkungen ein wie „das würde uns jetzt zu weit führen“ oder „ich fasse meine detaillierteren Ausführungen jetzt thesenhaft zusammen“, worauf jedesmal weitere fünfzehn Minuten Vortrag folgten.
Als der Redner endlich geendet hatte, kündigte der moderierende Institutsvorstand an, dass es nach einer zwanzigminütigen Pause eine Sammeldiskussion zu allen Vorträgen geben würde und die Menge strömte in das Foyer des Festsaals hinaus, wo Erfrischungsgetränke und Knabbereien verheißen waren.
Das Foyer, in freundlichem Orange gehalten, diente zugleich als Garderobe. Dort und im Vorraum des Vorraums unter einer prächtigen historistischen Kuppel bildeten sich sogleich verschiedene Grüppchen rund um die Stehtische, während kleine Häppchen, Wein und Mineralwasser angeboten wurden. Einem Außenstehenden musste es so erscheinen, dass sich zunächst natürliche Gruppen von älteren und von jüngeren Wissenschaftern bildeten, die sich dann zaghaft zu mischen begannen. Der Kenner indessen konnte sich an dem üblichen Schauspiel ergötzen, dass sich sofort die seit Jahrzehnten in Seilschaften organisierten Professoren, die Machthaber der Wissenschaft, zusammenfanden, während die Ohnmächtigen diese belauerten und auf eine Gelegenheit warteten, sich dazwischen zu schieben und ins Gespräch zu drücken. Das erforderte einige Geschicklichkeit, da die Ordinarien und angereisten ausländischen Kapazitäten im Grunde keinerlei Interesse hatten an der ihnen jeweils zustehenden Portion aus dem Schwarm der ehrgeizigen Nachwuchswissenschafter. Sie nahmen diese meistens nur als klatschendes Kongresspublikum und potentielle Verbreiter ihrer bahnbrechenden Ideen, fundamentalen Neuansätze, magistralen Handbücher – kurz: ihres eigenen Ruhmes wahr. Die jungen Aufstrebenden streckten sich, hielten sich tapfer an ihren Weingläsern fest und überlegten angestrengt, bei welchem Stichwort sie ihre eigenen Kompetenzen und Forschungsleistungen mithilfe einer gezielten und klugen, ergänzenden Bemerkung in die Arena werfen konnten. Manch einer wartete die ganze Pause über vergeblich.
Martin Heiser erblickte indessen seinen alten Freund Dr. Wilhelm Mayer aus München in einer Ecke des Foyers und ging freudestrahlend auf ihn zu. „Servus Willi!“ Der kleine Niederbayer drehte sich um, lachte laut und dröhnend und umarmte Martin. „Ja, der Martin!“ Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit am Don-Bosco-Gymnasium in Passau hatten die beiden nicht nur die Liebe zur Geschichte, sondern auch ihre Freundschaft weiter gepflegt. Willi war inzwischen akademischer Rat für das Fachgebiet der antiken Geschichte an der Universität München geworden.
„Schön, dass du extra hergekommen bist!“
„Ja, woasst, a Kongress in Wien is ja immer erholsam. So a lockere Atmosphäre, des is bei unsere deitsche Kongresse vui verkrampfter, und natürlich die Stadt!“
„Wie geht’s dir denn so?“ fragte Martin.
