vaterschlag - Björn Blaak - E-Book

vaterschlag E-Book

Björn Blaak

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Beschreibung

vaterschlag ist ein literarisches Kammerspiel über eine Familie, in der alles wie Ordnung aussieht, aber Gewalt zur Struktur geworden ist. Er zeigt, wie Kinder lernen, Masken zu tragen, wie sie verstummen, funktionieren und wie Überlebens wichtig es sein kann, dass jemand zuhört.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Alltag

Zwei Paar Schuhe

Leergut

Die Stufen nach unten

Die Wut

Angst

Einsamer Kampf

Der Entschluss

Böses Erwachen

Silvie

Veränderungen

Das Spiel

Nebel

Die Saat

Gutes Betragen

Scherben

Wunden

Auswechslung

Am Boden

Aus dem Spiel

„Tu es“

Der Lehrer

Die Plage

Zweifel

Der Karton

Zwischentöne

Der Tanz

Die Decke

Ohnmächtig

Verantwortung

Der Geburtstag

Am Meer

Das Geschenk

Der Griff

Das Feuer, das Meer und das Kätzchen

Die Dunkelheit

Der Anruf

Das Gespräch

Der Keller

Der Aufbruch

Die Reise

Ankommen

Der Ball

Das Mal

Die Lichtung

Das Feuer

Abtauchen

Der Plan

Still und tief

Die Last

Der Weg zurück

Der Halt

Der Altar

Die Besucherin

Die Uhr

Das Opfer

Epilog

Kon

Silvie

Herr Thiel

Vorwort

Dieses Buch erzählt keine erfundene Geschichte. Auch wenn die Namen nicht echt sind und die Orte nicht auf Landkarten stehen – die Wirklichkeit, von der hier die Rede ist, gibt es. Oft näher, als wir glauben.

„Vaterschlag“ erzählt von Kon. Von Wunden, die man nicht sofort sieht. Von einer Familie, in der das Zuhause kein sicherer Ort ist. Von Angst, die schweigt. Von Gewalt, die nicht immer brüllt, sondern manchmal einfach nur wartet – im Flur, hinter Türen, in Blicken.

Doch dieses Buch erzählt auch von Silvie. Von Mut, der nicht perfekt ist. Von Freundschaft, die Fragen stellt. Vom Hinsehen, wo andere wegschauen. Und davon, dass es nie nur einen Menschen braucht, um etwas zu ändern – aber immer jemanden, der anfängt.

Wenn du selbst manchmal mit Dingen kämpfst, über die du nicht sprichst – dann lies dieses Buch mit offenem Herzen. Und wenn du jemanden kennst, dem es ähnlich geht: Frag. Hör zu. Bleib da.

Denn das größte Schweigen ist nicht in den Häusern.

Es ist oft in uns.

Und jedes gebrochene Schweigen ist ein Anfang.

Für alle, die hinsehen. Und für die, die gehört werden müssen.

Björn Blaak

Kon hatte Angst. Seine Nase blutete. Er lag im Knick der alten Holztreppe, die vom oberen Flur hinunter ins Erdgeschoss führte. Seine Glieder zitterten, sein Kopf dröhnte, und der Schmerz pochte mit jeder Sekunde lauter. Der Blick ging nach oben, an den Schattenriss seines Vaters, der dort stand – reglos, halb im Licht, halb im Dunkel. Die Augen auf ihn gerichtet, schwer atmend, mit einem Ausdruck aus Verachtung im Gesicht.

Kein Wort fiel. Keine Bewegung. Nur Stille. Wie eingefroren.

Kon wagte es nicht, sich zu rühren. Zu groß die Angst, dass jede Bewegung eine neue Eskalation auslösen könnte. Blut rann über seine Lippe, sammelte sich am Kinn. Quälende Sekunden. Irgendwann drehte sich der Vater ab. Langsam, mit knarrenden Schritten entfernte er sich vom Treppenabsatz und verschwand im oberen Flur. Zurück blieb der Lichtkegel des Flurscheinwerfers – und Kon, der darin lag wie ein Opfer auf offener Bühne nach dem letzten Akt einer Tragödie.

Langsam richtete er sich auf. Schmerz durchzog sein Gesicht, seinen Arm, seine Rippen. Er kroch die letzten Stufen hinunter, zog sich durch den dunklen Flur zum Badezimmer. Dort wusch er sich, vorsichtig, stumm. Blut und Tränen vermischten sich, der Waschlappen wurde rot. Er schaute sich im Spiegel an. Seine Wunden, sein Gesicht waren durchzogen von einem diagonalen Sprung im Glas. Und genauso fühlte sich auch seine Seele an.

Wenig später stand er an seinem Fenster, sah hinaus auf die Straße. Die Gitter vor dem Fenster waren aus massivem Gusseisen, Überbleibsel einer Zeit, in der das Zimmer noch die Küche eines reichen Kaufmannshauses gewesen war. Früher sollten sie Feinde fernhalten.

Heute, so empfand es Kon, war der Feind bereits im Hause.

„Gegen eine Tür gelaufen?“, fragte Silvie, Kons liebste Klassenkameradin, als sie sich auf dem Weg ins Klassenzimmer befanden. Sie musterte ihn kritisch, den blauroten Schatten unter dem Auge, das angeschwollene Jochbein. „Wie läuft man gegen eine Tür?“

„Wenn man zu viele Gedanken auf einmal im Kopf hat, übersieht man manchmal das Offensichtliche. Türen zum Beispiel“, antwortete Kon und zwang sich zu einem Grinsen, auch wenn es schmerzte.

„So wie du auch vergessen hattest, dass Treppen Geländer haben?“ Silvie blieb hartnäckig. „Oder was war damals noch der Grund für deinen eingegipsten Arm?“

„Zwei Stufen auf einmal genommen. Nicht besonders klug“, antwortete Kon, gespielt locker, obwohl jeder Muskel im Gesicht protestierte. Dabei war es damals keine Treppe gewesen. Es war sein Vater. Auch das.

Es war ein Abend gewesen, der unscheinbar daher kam. Kon saß am Tisch, als sein Vater ihn plötzlich mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. „Mach dir die Nägel sauber, bevor du dich an den Tisch setzt“, hatte er gesagt. Sterne tanzten vor Kons Augen. Reflexartig stand er auf, wollte ins Bad, um die vermeintlich dreckigen Nägel zu säubern.

„Du gehst nirgendwo hin!“, brüllte der Vater. Er packte ihn, riss ihn zurück. Der Stuhl rutschte weg, Kon fiel. Krachend auf den Fußboden. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Arm. Aber niemand reagierte. Seine Mutter saß da. Am anderen Ende des Tisches. Ihr Blick war leer, ihr Gesicht eine Maske. Fast schien es, als nehme sie die Szene nicht wahr. Oder als würde sie sich weigern, sie wahrzunehmen. Sie half ihm nicht. Wieder nicht.

Kon schleppte sich irgendwann in sein Zimmer, hielt den schmerzenden Arm still. Er spürte, dass etwas nicht stimmte. Ein Knochen vielleicht? Gebrochen? Verrutscht? Der Schmerz war scharf, unnachgiebig. Schließlich ging er wieder nach oben, durch das Esszimmer, in dem der umgestoßene Stuhl noch auf dem Boden lag. Er trat an seine Mutter heran.

„Ich glaube, mein Arm ist gebrochen. Vielleicht sollten wir ins Krankenhaus.“

Sie hob nicht einmal den Blick. „Frag deinen Vater“, sagte sie nur.

Kon schluckte. Jede Faser in ihm sträubte sich, aber der Schmerz ließ ihm keine Wahl. Er trat an seinen Vater heran, der Pfeife rauchend vor dem Fernseher saß. „Ich will auch mal Feierabend haben“, brummte dieser, ohne aufzublicken. Kon stand da. Allein. Ratlos.

Nur wenig später, klingelte er bei Renate. Die Nachbarin, mit dem Peace-Button und langen, offenen Haaren. Er sagte ihr, er sei gestürzt. Ob sie ihn ins Krankenhaus fahren könne. „Natürlich“, antwortete sie ohne Zögern, nahm den Autoschlüssel, ging mit ihm zur Straße. „Sind deine Eltern nicht da?“ fragte sie beim Einsteigen.

„Nein, äh, sie sind auf einem wichtigen Termin – von der Firma“, log Kon. Sie schaute über das Wagendach und sah das Auto der Eltern nur wenige Meter von ihrem entfernt stehen. Sie nickte langsam. Aber sie schwieg. Und sie fuhr ihn. Er kam mit einem Gipsarm zurück. Und Renate war die Erste, die etwas darauf schrieb: Kon-Zeit. Kon-Rat.

„Kon?“ Silvies Stimme holte ihn zurück auf den Schulflur. Er rieb sich langsam und abwesend den Arm. Er hatte nicht gemerkt, wie weit er gedanklich wieder fortgewandert war.

„Was?“, fragte er.

„Kommst du nun mit zu Henning? Zur Party? In zwei Wochen? Ich hab dir das doch eben alles erzählt.“

„Ich... Ich muss erst zuhause fragen“, murmelte Kon – und sah bereits das triumphierende Gesicht seines Vaters vor sich, wie dieser das „Nein“ in kleine, kantige Stücke hackte und ihm um die Ohren schlug.

Alltag

Kon saugte die endlosen Flure des alten Hauses, Schicht für Schicht, als würde er versuchen, nicht nur Staub, sondern alles Schlechte aus dem Teppich zu ziehen. Ab und an zog er Stühle oder kleinere Möbelstücke von der Wand, um auch dort zu reinigen. Auch einen kleinen, blauen Schrank mit aufwendig gedrechselten Beinen rückte er zur Seite – und als er ihn kippte, sprang die Tür auf. Zwei leere Flaschen fielen heraus, eine mit dem Etikett Weizenkorn, die andere beschriftet mit Martini. Kon hob sie wortlos auf, stellte sie zurück und machte einfach weiter.

Während er arbeitete, überlegte er, wie er seine Eltern wegen der Party fragen sollte. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Sein Vater würde es genießen, ihn zappeln zu lassen. Kon verspürte kaum Energie überhaupt zu fragen. Er hasste es, ihnen diese Macht zu geben. Und dennoch: Es war die Chance, Silvie zu sehen. Vielleicht sogar mit ihr hinzugehen. Das allein ließ ihn weiter überlegen.

„Vergiss die Treppe nicht“, rief seine Mutter durch den Staubsaugerlärm. Ihre Stimme war rau. Sie stand im Flur, im Nachthemd, obwohl es bereits zwei Uhr nachmittags war. Der Zigarettenqualm bildete eine bläuliche Wolke um ihren Kopf. „Dein Vater schaut da immer genau hin.“ Und sie fügte an: „Du musst auch noch was zum Abendessen besorgen.“ Dann hustete sie, ein trockener, bellender Husten, der noch aus der Küche zu hören war.

Wenig später machte sich Kon auf den Weg zum Supermarkt. Jedes Mal, wenn er dorthin ging, hob er den Blick zu den Fenstern über dem Laden – dorthin, wo Silvie wohnte. Doch er hatte sie dort noch nie gesehen. Ihre Zeitfenster schienen sich nie gleichzeitig zu öffnen.

Im Supermarkt kannte man Kon längst. Die Kassiererin runzelte nicht einmal mehr die Stirn, wenn zwischen Brot, Milch und Nudeln auch eine Flasche Korn auf dem Band lag. Er hatte sich oft gewünscht, jemand würde ihn zur Rede stellen. Ihm sagen, das gehe nicht. Dass er zu jung sei. Aber keiner tat es. Vielleicht wussten sie, dass es nicht für ihn war. Vielleicht waren sie auch einfach gleichgültig. Niemand nahm ihm diese Verantwortung ab. Er trug an diesem Tag eine Sonnenbrille, nicht wegen der Sonne, sondern wegen des Auges, das mittlerweile in verschiedenen Farben aufblühte. Noch einmal zu sagen, er sei gegen eine Tür gelaufen, ertrug er selbst nicht mehr.

Als er die Haustür aufschloss, schlugen ihm Rauchschwaden entgegen. Aus der Küche kam der beißende Geruch von Verbranntem. Etwas in der Pfanne war in Flammen aufgegangen. Seine Mutter zog die Pfanne gerade von der Herdplatte, stellte sie auf den Balkon und ließ die Tür offenstehen, als wäre das alles Teil einer festgelegten Routine. Sie sagte kein Wort. Ihr Gesicht war leer, maskenhaft. Kon wartete, auf ein Zeichen, eine Reaktion – doch sie sah ihn nicht. Und obwohl der Rauch noch in der Luft hing, lag bereits wieder Alkoholgeruch in der Küche. Kons Mutter zog sich eine Jacke über, verließ das Haus, ohne einen Ton.

Kon atmete tief durch, kratzte das Schwarze aus der Pfanne und begann, sie zu schrubben. Er griff nach dem Spülmittel im Schrank – und erwischte stattdessen eine leere Glasflasche. Dieselbe, die er wenige Tage zuvor auf das Kassenband gelegt hatte. Für seine Mutter. Er schaute auf die Uhr. Kurz vor sechs. Gleich würde es klingeln. Denn sein Vater – der Einzige, der nie den Schlüssel benutzte – klingelte immer. Es war sein Einzug, sein Ritual. Er kündigte sich an, als betrete er ein fremdes Haus.

Es klingelte.

Kon stellte die Pfanne ab und ging zur Tür. Sein Vater stand da, mit Aktentasche. Normalerweise trug er ins Büro Anzug und Krawatte. Nur wenn es Stress zwischen den Eltern gab oder seine Frau nicht aus dem Bett gekommen war, wählte er den Rollkragenpullover. Musste ihn wählen, denn Krawatten binden, konnte er nicht. An diesem Abend war Rollkragen angesagt.

„Was hast du gemacht?“, fragte er. Das war sein „Hallo“. Er stellte die Aktentasche in den Flur, als sei es das Natürlichste der Welt, dass sie jemand anders später in die Küche trug, um sie wieder mit Broten und Tee für den nächsten Tag zu befüllen.

Kon versuchte, einen beschwichtigenden Tonfall zu finden. Er wusste, dass die Lunte seines Vaters, wie jeden Abend, bereits gezündet war. „Etwas ist in der Pfanne angebrannt. Nichts Schlimmes.“

„Wo ist deine Mutter?“, fragte er, während er den Mantel an einen Haken hängte.

„Sie hat es mir nicht gesagt.“ Kon legte Samt in seine Stimme.

Der Vater ging ins Wohnzimmer, stopfte seine Pfeife, schaltete den Fernseher an. Der süßliche Vanilleduft seines Tabaks breitete sich aus. Der Geruch war trügerisch. Sanft. Wie ein Gift in Goldpapier. Kon hasste ihn. „Man muss schon ganz schön irre sein, um das Essen so zu verkohlen“, murmelte der Vater, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.

Oder betrunken, dachte Kon.

„Das heißt, es gibt nichts zu essen?“, wollte der Vater wissen, noch immer mit mehr Interesse am Fernsehprogramm als an der Gegenwart seines Sohnes.

„Vielleicht holt sie was“, sagte Kon und ging zurück in die Küche. Dort schrubbte er weiter an der Pfanne, als würde ihre Rettung auch die seine sein. Seine Knöchel wurden weiß, so fest hielt er sie. Ein Moment lang hob er sie an – als wolle er zum Schlag ausholen. Doch er ließ den Arm wieder sinken.

Lautlos betrat seine Mutter wenig später die Küche. In der Hand ein rosa Metzgereipaket. Wortlos holte sie Fleisch heraus, legte es in eine zweite Pfanne und ließ Fett heiß werden. Ihre Bewegungen wirkten marionettenhaft, als würde jemand anderes die Fäden ziehen.

An diesem Abend vermengten sich Vanilleduft, Alkohol und der Geruch verbrannter Reste zu einem unheilvollen Gemisch, das in der Luft hing – wie eine Vorwarnung. Doch diesmal entzündete es sich nicht.

Zwei Paar Schuhe

„Und was ist mit diesen hier?“, fragte Silvie und drehte sich mit leichtem Schwung zu ihm um. Sie stand vor dem Spiegel eines Schuhladens, hatte ein Paar Schuhe anprobiert, die mit recht hohen Absätzen ausgestattet waren. Die Riemen glänzten im künstlichen Licht, ihre Silhouette wurde mit jedem Zentimeter Absatz aufrechter, eleganter – zumindest aus ihrer Sicht.

Kon schaute erst auf die Schuhe, dann auf Silvie. Fast trotzig sagte er: „Du weißt, dass das ergonomisch völliger Blödsinn ist. Der Großteil des Körpergewichts ruht auf der Ferse. Wenn du das mit solchen Absätzen auf die Ballen verlagerst, ist das alles andere als gesund.“

„Ungesund ist es, einen Kerl zu fragen, was er von Schuhen hält“, konterte Silvie, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Und was ist mit eurer Gleichberechtigung?“, hakte Kon nach, „mit jedem Millimeter Absatzhöhe scheint die doch in den Hintergrund zu treten.“

Silvie grinste breit. „Wir tragen Absätze, weil wir es können“, sagte sie, drehte sich noch einmal vor dem Spiegel und strahlte dabei eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Spott aus, die Kon völlig entwaffnete.

Er saß auf einer kleinen Bank mitten im Laden, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, und obwohl er körperlich anwesend war, war sein Geist weit weg. Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

Der Vater hatte ihn mit einem Schuh geschlagen. Mit voller Wucht. Direkt auf den Kopf. Ein zweiter Schlag folgte, verfehlte ihn knapp, doch der Angriff war nicht vorbei. Er prügelte ihn, trieb ihn von der Wohnungstür bis zum Auto – mit der kalten Wut eines Mannes, der keine Grenze kannte. „Die Schuhe sind neu!“, keuchte der Vater, während er erneut ausholte. Kon humpelte mit nur einem Schuh an den Füßen über den Gehweg, während seine Mutter bereits stocksteif auf dem Beifahrersitz saß, den Blick starr geradeaus, als gehörte sie zum Interieur.

Kurz zuvor, im Hausflur, hatte sich alles zugespitzt. Besuch bei der Großmutter stand an – der Mutter des Vaters. Und wie jedes Mal sollte sich jeder „ausgehfein“ machen. Für Kon bedeutete das: die neuen Schuhe anziehen. Schuhe, die er vor Wochen bekommen – und nie getragen hatte. Inzwischen war er gewachsen. Die Schuhe drückten, waren ihm zu klein. Doch das zählte nicht. „Glaubst du, die fallen vom Himmel? Das kostet alles Geld!“, hatte der Vater geschimpft, bevor er ihn durch die Straße geprügelt hatte, vorbei an Fenstern und Gardinen, die zwar raschelten, sich aber nicht öffneten.

„Ich glaube, ich nehme die“, sagte Silvie, zurück in der Gegenwart, und hielt ein Paar schwarze Riemchensandalen in der Hand. Die Absatzhöhe schien ein Mittelweg zu sein zwischen „weil wir es können“ und „Gleichberechtigung“. Sie sah Kon an. Er saß immer noch auf der Bank, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst, das Gesicht wie aus Stein gemeißelt.

Draußen gingen sie nebeneinanderher. Silvie trug die Tüte mit ihren neuen Schuhen, Kon hatte die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Der Wind spielte mit einem losen Papierschnipsel, den beide mit den Blicken verfolgten, als Silvie plötzlich sagte: „Ich habe dich neulich gesehen. Du kamst vom Einkaufen.“

Kon hob überrascht den Kopf. „Und warum hast du nichts gesagt?“, fragte er, und sein Tonfall klang beinahe anklagend.

„Hab ich“, antwortete Silvie. „Zweimal. Aus dem Autofenster. Aber du bist einfach weitergelaufen. Dann dachte ich – dann eben nicht.“

Kon schaute sie an. „Oh. Das tut mir leid. Habe dich nicht gehört.“

„Du bist oft in deiner eigenen Welt, oder?“ Ihre Stimme war ruhig, aber etwas in ihrem Ton lag quer. Etwas Fragendes. Besorgtes.

„Wieso?“, fragte Kon, und schon klang seine Stimme wieder patziger als beabsichtigt.

Silvie zog eine Augenbraue hoch. „Sneakers“, sagte sie nur.

„Was?“

„Ich habe dir eben im Laden ein paar Sneakers hingehalten. Ich habe dich gefragt, ob du sie magst. Du hast nicht einmal reagiert.“

Kon schwieg. Schüttelte langsam den Kopf. Er war in Gedanken wieder auf der Straße gewesen, mit einem zu kleinen Schuh an einem Fuß, auf der Flucht vor seinem Vater – wie durch die Zeit gejagt.

„Klappt das eigentlich mit der Party?“, wechselte Silvie schließlich das Thema.

„Ich habe noch nicht gefragt“, antwortete Kon. Und vor seinem inneren Auge sah er bereits das Gesicht seines Vaters. Wie es vor Hohn und Missfallen tropfte.

Leergut

Das Leergut in seinen Fahrradtaschen war schwerer als gedacht. Er musste es gut ausbalancieren. Bei jeder Unebenheit auf dem Radweg klirrte es in den Taschen, und mit jedem neuen Schlagloch, jedem Bordstein schien das Geräusch lauter zu werden, um die Aufmerksamkeit der ganzen Straße auf sich zu ziehen. Die Flaschen klirrten nicht nur – sie klagten an, sprachen schuldig, ja, sie verurteilten.

Am Container angekommen, wühlte sich Kon durch die Flaschen, verscheuchte Wespen, die sich um die Ein wurflöcher drängten, als ihn zwei Hände von hinten an den Schultern packten.

„Hab ich dich erwischt!“, rief Silvie, die hinter ihm aufgetaucht war.

Kon zuckte zusammen, beinahe wäre ihm die Flasche aus der Hand gefallen. Silvie lachte hell auf, schaute auf die Flasche in seiner Hand – und dann auf den Inhalt der Fahrradtaschen.

„Donnerwetter. Muss ein rauschendes Fest gewesen sein“, sagte sie neckisch, griff sich eine der Flaschen und las das Etikett vor. „Alter Senator. Weizenkorn. Ist ja widerlich.“ Dann schob sie mit einem schuldbewussten Lächeln nach: „Habe ich mir sagen lassen.“

Kon nahm ihr die Flasche wieder ab. Es fühlte sich an, als müsste er das Bild, das sie da gerade gesehen hatte, irgendwie zurechtrücken. Er sah sich plötzlich von außen, mit all dem Altglas an der Seite und einem Etikett, das nichts von Festlichkeit versprach. „Silberne Hochzeit. Haufen Leute. Du kannst dir vorstellen – nur mit O-Saft feiert die Meute nicht.“

Silvie hob eine Augenbraue. „Aha. Und? Hast du auch mitgefeiert? Komm schon, gib’s zu. Ein paar Schlucke hast du dir doch gegönnt. Und bestimmt getanzt. Bestimmt mit irgendeiner Cousine, oder?“ Ihre Stimme hatte diesen leicht spöttischen Unterton, aber sie meinte es nicht böse. Sie forderte ihn nur heraus.

Kon lächelte gequält. Eigentlich war ihm nicht danach, jetzt Geschichten zu erfinden. Denn er wusste: Es hatte keine Silberhochzeit gegeben. Keine Gäste, kein Tanzen, keine Cousine. Nur ein schlecht beleuchteter Küchentisch, ein leerer Blick und ein tiefer Schlund, in dem der Inhalt dieser Flaschen verschwunden war – Flasche um Flasche, Abend für Abend. Und jedes Etikett klebte wie eine Wahrheit, die nicht ausgesprochen werden durfte.

Aber dann sah er Silvies Blick. Erwartungsvoll. Neugierig. Voller Vertrauen. Und so tat er, was man eben tut, wenn die Wahrheit besser unausgesprochen bleibt, man schwindelt: „Ich sag dir, ich war blauer als alle zusammen.“ Und aus dem stillen Beobachter neben dem Glascontainer wurde der König der Tanzfläche, der Held in der Bottermelk, begehrt und bestaunt. Silvie lachte. Kon lachte mit. Und während die Worte sprudelten, spürte er, wie sich tief in ihm eine unsichtbare Hand um seine Kehle legte – und sie drückte langsam aber sicher zu. Am Ende sagte Silvie noch, halb spielerisch, halb ernst: „Du musst unbedingt zur Party kommen.“

Kon nickte und antwortete: „Mal sehen.“

Silvie verabschiedete sich und Kon warf die letzte Flasche in den Container. Sie klirrte lange nach.

Die Stufen nach unten

Die Treppenstufen flackerten vor ihren Augen, verschwammen zu einer einzigen Fläche, um sich gleich darauf wieder voneinander zu lösen. Das Geländer, das ihr Halt versprechen sollte, schien sich von der Wand zu lösen, war nur noch ein Schatten, flüchtig, unfassbar. Der Lichtstrahl der Lampe, ging nicht auf sie nieder – er durchdrang sie. Als sei sie nichts weiter als eine Hülle, durchscheinend, schwerelos. Sie schwankte. Sammelte sich. Die erste Stufe lag vor ihr wie eine Prüfung. Ihre Augen versuchten, einen festen Punkt zu finden, etwas, das ihr half, das Oben und das Unten wieder zu unterscheiden. Doch alles entglitt ihr – der Raum, der Moment, die Orientierung. War es Nacht? War es Tag? Und was bedeutete das überhaupt noch? Wo war sie? Warum musste sie die Treppe hinabsteigen? Hatte man es ihr gesagt? Hatte sie selbst es beschlossen? Eine Stimme? Oder keine? Die Wand wurde zur Stütze. Die Kälte der Tapete gab ihr zumindest eine Grenze. Fünfzehn Stufen, die nichts weiter wollten, als sie zum Stolpern zu bringen. Fünfzehn Fallgruben, lautlos und geduldig. Wie eine Schlafwandlerin schwebte sie hinab, immer ein kleines Stück weiter – oder doch nach oben? Die Richtung spielte keine Rolle. Nur der Abgrund wuchs.

Kon kam gerade von der Toilette. Es war weit nach Mitternacht, das Haus lag in stummer Dunkelheit. Als er an der Treppe vorbei gehen wollte, zuckte er zusammen. Auf der untersten Stufe saß seine Mutter. Weißes Nachthemd, weißes Gesicht. Wie ein Geist, der kurz innehielt, bevor er wieder im Nichts verschwand.

„Was machst du da?“, flüsterte Kon erschrocken, bemüht, seine Stimme leise zu halten. Um jeden Preis wollte er vermeiden, dass sein Vater geweckt wurde. Doch seine Mutter hatte diese Gedanken nicht. Sie schrie: „Uwe!“ und gleich darauf noch einmal, Vielleicht klang es auch nur so ähnlich.

Kon starrte die Treppe hinauf, sein Herz klopfte bis in den Hals. „Sei leise“, zischte er und trat zu ihr. Sie war kaum ansprechbar. Irgendwo zwischen Traum und Trance. Als Kon versuchte, sie aufzurichten, glitt sie ihm wie ein nasser Aal aus den Händen. Ihre Glieder waren fremd, knochig, unnahbar. Es war irgendjemand, dem er dort hoch helfen musste. Es war nichts Vertrautes daran. Hatte er sie je umarmt oder sie ihn? Sie waren wie zwei Holzklötze, die gegeneinanderstießen. „Du kannst doch nicht hier einfach sitzen bleiben“, sagte Kon und spürte, wie sich Mitgefühl und Wut in ihm einen Kampf lieferten – und die Wut langsam stärker wurde. Er zog sie hoch, nicht zärtlich, sondern entschieden. Sie murmelte etwas, lallte: „I muss pinkeln.“

Kon stützte sie, hakte sie unter, führte sie zum Badezimmer. Ihr Körper war nur Haut und Knochen, ein Bündel aus Vergessen und Vergangenheit. Die Tür schloss er leise, aber bestimmt.

Dann ging er zurück in sein Zimmer. Er setzte sich auf die Bettkante, sah in die Dunkelheit, und spürte, wie sein Herz raste. Die Szene rüttelte an ihm, mehr als jede Ohrfeige, mehr als jedes Wort. „Mach doch, was du willst“, murmelte er in die Stille und legte sich hin. Schlaf fand er nicht in dieser Nacht. Nur das pochende Herz – unaufhörlich.

Die Wut

Der nächste Morgen begann träge, als würde auch er nur ungern seinen Platz im Tag einnehmen. Ein milder Wind wehte durch die Straßen, Vögel zwitscherten verhalten – doch selbst ihr Gesang klang gedämpft, wie durch ein schweres Tuch.

Im oberen Stockwerk lag seine Mutter noch immer regungslos im Bett. Ihr Körper unterschied sich kaum von dem Weiß der Bettdecke, unter der sie verschwand. Kein Kaffee, kein Wort, kein Blick. Sein Vater stand, wie jeden Morgen, in der Küche – jedoch diesmal nicht mit einer Thermoskanne oder der gewohnten Brotdose. Er verließ das Haus schweigend. Ohne Frühstück. Ohne seine Frau auch nur eines Blickes zu würdigen – und ohne Krawatte.

Kon schmierte sich selbst zwei Brote, steckte sie in seine Tasche, verließ das Haus und machte sich auf den Weg zur Schule.

Wie jeden Morgen standen auch heute die älteren Schüler vor dem Eingangsbereich, dort, wo eine Stange den Radweg vom Fußweg trennte. Es war ihr Revier. Jeder, der an ihnen vorbeiging, musste mit einem Spruch rechnen. Manche waren plump, andere spitz, die meisten jedoch einfach nur bösartig. Silvie störte das in der Regel wenig. Sie hatte für jede Bemerkung eine Antwort parat, ließ sich nie einschüchtern. Kon hingegen versuchte stets, unsichtbar zu bleiben. Meistens gelang es ihm auch.

Nur heute nicht.

„Die Flasche mit den Flaschen“, rief einer der Jungs, einer mit ausgefranster Jeansweste, auf deren Rücken ein Totenkopf aufgenäht war. Er grinste schief, entblößte eine Reihe kleiner gelbliche Zähne und drehte sich zur Gruppe, auf Beifall hoffend. Einige kicherten leise.

Normalerweise wäre Kon einfach weitergegangen. Er hätte die Bemerkung geschluckt, wie so viele zuvor. Aber diesmal geschah etwas. Etwas in ihm stellte sich quer. Es war, als würde sich sein eigenes Spiegelbild vor ihn stellen, ihm den Weg versperren. Kein Schüler blockierte ihn. Nur er selbst. Und in seinem Inneren tobte es. „Geh doch einfach weiter!“