Veganer sterben anders - Jacqueline Weinberger - E-Book

Veganer sterben anders E-Book

Jacqueline Weinberger

0,0

Beschreibung

Veganer sterben anders - Satirische Novelle von Jacqueline Weinberger Der Tod isst jetzt Tofu. In dieser bitterbösen Satire begegnet uns der Sensemann als Feinschmecker mit ethischem Kompass - doch ganz ohne Fleisch. Jacqueline Lehner serviert eine absurd - komische Geschichte über Moral, Ernährung und das letzte Abendmahl - rein pflanzlich. Für alle, die gerne lachen, wenn es eigentlich nicht angebracht ist. Für Fans von schwarzem Humor, gesellschaftlicher Zuspitzung und veganer Ironie. Für alle, die sich schon einmal gefragt haben: Stirbt man mit Bio - Gewissen wirklich besser? "Rabenschwarz. Treffsicher. Und garantiert ohne tierische Nebenwirkungen."

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



WIDMUNG

Für meine Freundinnen und Freunde,für meine Kolleginnen und Kollegen,die aus Überzeugung, Mitgefühl und Verantwortung vegan leben.

Ihr lebt eine Ethik, die ich bewundere.

Dieses Buch ist keine Kritik – sondern eine Geschichte über Erinnerung, Sehnsucht und Wahlfreiheit.

Ich widme euch dieses Werk mit Respekt, Zuneigung und der tiefen Hoffnung, dass wir – trotz unterschiedlicher Wege – immer am selben Tisch sitzen können.

INHALT

Prolog

Die Fleischlounge

Heimliche Reserve

Die kleine Leberwurst-Verschwörung

Der Metzger taucht auf

Bio-Ethik von innen

Die zweite Mahlzeit

Das Verhör der Köchin

Der Tisch ist gedeckt

Die letzte Lieferung

Das Rezept

Archivkörper

Fleisch aus Licht

Die Letzte, die kaute

Die Probe

Die Rückkehr der Zunge

Der Mittelgang

Der Tisch, neu gedeckt

Die Fälschung

Menü für Zwei

Die Zunge entscheidet

Epilog – Das Gedächtnis der Gabel

TEIL I: NUR GESCHMACK IST WAHRHEIT

PROLOG

Sie sagten, es sei für das Gute. Für die Tiere. Für das Klima. Für uns alle. Die Welt, wie wir sie kannten, endete nicht mit einem Knall. Sie endete mit einem Kompromiss.

Im Jahr 2035 veröffentlichte das RUBIN-Institut für Ethik und Ernährung einen Bericht, der das globale Ernährungssystem nachhaltig erschütterte. Der sogenannte „Rubin-Report“ war kein Dokument der Apokalypse – er war kühl, wissenschaftlich, gnadenlos logisch.

Die Zahlen: erschütternd. Tierhaltung war verantwortlich für über 28% der globalen Emissionen. Wasserverbrauch, Antibiotikaresistenzen, Mikroplastik in Milch, hormonelle Verformungen in Fisch – alles war bekannt. Doch jetzt war es belegt. Evidenzbasiert. Unleugbar.

Der öffentliche Aufschrei war groß, doch er verhallte schnell im Rauschen der nächsten Nachrichtenwelle. Es waren nicht Proteste, sondern politische Stillstände, die das System kippten. Regierungen handelten nicht aus Moral – sondern aus ökonomischem Druck. Ressourcen waren endlich, Katastrophen nahmen zu, und die Bevölkerung wuchs. So wurde das Essen neu geregelt – nicht aus Einsicht, sondern aus Notwendigkeit.

2037 wurde der Globale Ernährungsethikvertrag (GEV) verabschiedet. In ihm einigten sich 119 Nationen auf eine radikale Wende: Der vollständige Ausstieg aus der Nutztierhaltung bis zum Jahr 2045. Das Verbot betraf alles: Fleisch, Milch, Eier, Honig, Fisch – sogar Insekten wurden kategorisch ausgeschlossen. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus Prinzip. Kein Tier dürfe mehr Objekt sein.

Die Übergangszeit war brutal. Bauern verloren ihre Existenz. Traditionsreiche Metzgereien wurden enteignet. Käsereien verwandelten sich in Fermentationslabore. In Werbespots sprach man von „Proteinsicherheit“, „Texturinnovation“ und „dem neuen Geschmack der Moral“. Geschmack wurde standardisiert, reguliert, gleichgeschaltet.

Der Staat investierte Milliarden in sustentive Ernährungseinheiten – Geräte, die in jedem Haushalt synthetische Nahrung aus Pressblöcken und Neutralflüssigkeit erzeugten. Sie waren effizient. Sie waren rein. Sie waren ohne Erinnerung.

2045 war es vollbracht. Das letzte offizielle Tier wurde abgeschafft. Seither ist alles, was tierisch schmeckt, verboten. Nicht aus Sadismus. Sondern aus Systemtreue. Wer dagegen verstößt, gilt nicht nur als Straftäter, sondern als Relikt. Ein Regressiver. Ein Romantiker. Ein Geschmacksterrorist. Der Mensch wurde ethisch. Aber leer.

Vegan zu leben ist keine Wahl mehr.

Es ist Gesetz. Und wie bei allen Gesetzen, die das Private regeln, beginnt der Widerstand im Heimlichen – im Riechen, im Erinnern, im Schmecken.

In dieser neuen Welt ist das Sterben nicht mehr wie früher. Kein letzter Braten. Kein Seelenschmaus. Kein Löffel Suppe von der Großmutter. Der Tod ist kalkuliert. Schmerzarm. Vegan.

Aber nicht alle sterben so.

Manche sterben mit dem Geschmack von Verbotenem auf der Zunge. Mit einem letzten Biss, der alles sagt, was sie nicht mehr sagen durften.

Denn: In dieser Welt ist Sterben auch ein Akt der Erinnerung. Eine letzte Rebellion. Ein Ausrufezeichen im Schweigen.

„Veganer sterben anders“, sagt man. Und meint damit:

Sie sterben ohne zu kauen. Ohne zu riechen. Ohne sich zu erinnern.

Aber manche – sie kosten noch einmal. Und ihr Tod erzählt eine Geschichte. Von Geschmack. Von Schuld. Und von der Frage, ob Ethik ohne Kultur überhaupt überleben kann.?

DIE FLEISCHLOUNGE

„Sagen Sie bloß, das da war mal ein Schwein?“

Luise Becker beugte sich über das, was früher wohl ein Buffet gewesen sein musste. Jetzt war es nur noch ein Trümmerfeld aus zerrissenen Aluschalen, ausgelaufenen Soßen und fettigen Fingerabdrücken. Auf einem massiven Holzbrett klebten die Überreste von etwas Dunkelrotem – von Sehnen durchzogen, von weißen Fasern durchsetzt – eindeutig Fleisch. Eindeutig tierisch. Der Gerichtsmediziner, glatzköpfig, Anfang dreißig, Triathlet, Veganer, mit ernster Miene und einem Biosensor in der Hand, nickte. „DNA-Probe läuft. Verdacht auf echtes Schweinefleisch. Sauen-Niveau. Bio, wenn ich’s mir erlauben darf.“ Luise schnaubte. „Bio. Als ob das jetzt noch irgendetwas zur Sache tut.“ Ein Kollege schob sich mit einer Trage vorbei. Darauf eine nackte Leiche, bedeckt mit einer goldglänzenden Rettungsdecke. Auf der Brust: eine Tätowierung.

Freiheit für Geschmack!

Die Buchstaben wirkten frisch, fast als hätte das Opfer sie erst kürzlich stechen lassen. Vielleicht für den letzten Akt seines Lebens. „Name?“ fragte Luise.

„Männlich, Mitte vierzig. Food-Influencer. Alias @Kochrebell74. 120.000 Follower auf Fleischflix.“

Luise runzelte die Stirn. Fleischflix – ein Untergrundnetzwerk für kulinarische Extremisten. Ihr war der Name bekannt. Irgendwo in den tiefen Datenbanken der Behörde gab es bereits Akten dazu. Dicke Akten. Die Art, die man lieber ruhen ließ. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Nicht wegen der Leiche, nicht wegen des Bluts oder der grotesken Szenerie – das war Alltag. Nein, es war der Geruch. Ein Braten. Ganz eindeutig. Butter, Rosmarin, vielleicht etwas Knoblauch. Ein Aroma, das verboten war, aber sich tief in ihr Gedächtnis grub. Wie eine Schuld, die man nie beglichen hatte. Die Lounge, in der sie standen, war wie ein surrealer Hybrid aus Gourmetrestaurant und Untergrundbunker. Goldene Gabeln. Schieferplatten. Tapeten aus Metzgerpapier mit eingebrannten Rezepturen. Und mittendrin: Fetzen, Reste, zerstörte Inszenierung. An einer Wand stand in rotglänzender Schrift: Nur Geschmack ist Wahrheit. Luise trat an einen der Überlebenden heran. Ein Mann mit sorgsam gegeltem Haar, einem Poncho aus Ziegenwolle und wild flackernden Augen. „Sie waren hier?“ – „Ich? Ich dachte, das sei eine... spirituelle Salzerfahrung.“ – „Sie haben Steaksoße im Bart.“ – Er fuhr sich erschrocken über das Kinn. „Das... das war aus dem Museumsshop!“ – „Name?“ – „Timo Schrader. Ich hatte nur ein Abo bei denen.“ – „Abo?“ – „Fürs Fleisch. Also... fürs Erlebnis. Ich bin Veganer, wirklich! Aber das ist therapeutisch anerkannt – Kompensatorische Rückführung. Einmal im Monat. Unter ärztlicher Aufsicht.“ Luise tippte es in ihr Pad. Rückführungswahn – Stufe 2. Ein Kollege trat hinzu, scannte einen weiteren Gast mit einem tragbaren Bio-Detektor. „Nichts als Algenöl und Birkenbarkersatz bisher.“ – „Vielleicht hat er nur geguckt“, murmelte Luise. – „Oder gerochen.“ – „Reicht für Verdacht. Paragraf 7: olfaktorische Absicht.“ Dann trat der Gerichtsmediziner erneut zu ihr. Er hielt ein kleines Reagenzglas in der Hand. Darin: ein dünner Fettfilm. „Eindeutig Schwein. Tiefgefroren, aber alt. Wahrscheinlich vorlegale Lagerung. Und perfekt zubereitet.“ – „Ein Gourmetmord also?“ – „Oder ein Statement.“ Ein anderer Ermittler hob vom Boden eine Spur auf – Fett, vermischt mit etwas Papier. Ein zusammengefalteter Zettel. Luise entfaltete ihn vorsichtig. Ein einziges Wort stand darauf: Metzger.

Sie trat zurück. Betrachtete die Szene neu. Der Schinken auf dem Boden. Die arrangierten Teller. Die bewusst platzierte goldene Gabel. Nichts davon war zufällig. „Wir haben es hier nicht nur mit Fleisch zu tun“, murmelte sie. „Sondern mit Geschmacksterror.“ Im oberen Stockwerk fanden sie einen versteckten Nebenraum – von außen als Abstellkammer getarnt. Innen: ein alter Ofen, noch warm. Daneben: ein Bräter mit Soßenresten, Muskat, Thymian, Butter. Und ein abgegriffenes Notizbuch. Die meisten Seiten leer, bis auf eine:

„Jede Mahlzeit ist ein Manifest.“

Luise ließ das Buch sichern. Der Techniker funkte kurz darauf. Sie hatten ein Signal aufgefangen. Codiert. Fragmentiert. Quelle: ein privates Subnetz. Jemand hatte den Braten gestreamt. Live. Im sogenannten Darkfood-Netzwerk. Eine Plattform für zahlende Abonnenten. Für Gourmets im Untergrund. Die Küche war Bühne. Die Lounge: Tatort und Theater zugleich. Und jemand hatte das Spektakel gesehen. Als Luise später draußen stand, fiel der Nebel über die Stadt. Vor dem Einsatzwagen blieb sie kurz stehen. Ihre Brille vibrierte – eine interne Nachricht. Absender: Unbekannt. Inhalt: nur ein einziges Wort. Willkommen. Sie antwortete nicht. Stattdessen fuhr sie allein zurück zur Behörde. Im Eingangsbereich roch es nach Desinfektionsmittel und Industriekaffee. In der Kantine standen zwei Kollegen vor einem Automaten, der lautlos eine Portion Proteinschaum in einen Becher presste. „Schon wieder Geschmacksterrorismus?“ fragte einer. „Schlimmer“, sagte Luise. „Ein Bekenntnis.“ Später, im Verhörraum, saß der Mann mit dem Grünkern im Haar. Zitternd. Er redete schnell, zu schnell, doch zwischen den wilden Rechtfertigungen und brüchigen Halbsätzen fiel ein Name: MZ-LX.

„Das ist der Kurator. Metzger-Lux. Der gibt die Rezepte raus. Er entscheidet, wer eingeladen wird. Und was gekocht wird.“ – „Gibt es Bilder?“ – „Nie. Er trägt eine Maske. Aus Alu. Manche sagen, er war früher Sternekoch. Andere sagen, er war Chirurg.“ – „Und wo findet man ihn?“ – „Man findet ihn nicht. Er findet dich.“ Als der Mann abgeführt wurde, holte sich Luise ein Brötchen aus dem Automaten. Dinkel, homogenisiert, proteinverstärkt. Sie biss hinein. Kein Widerstand. Kein Aroma. Nur Konsistenz. Es sättigte, aber es sagte nichts. Es war keine Mahlzeit. Es war Verwaltung.

Spät in der Nacht saß sie in ihrer Wohnung. Der Raum war still. Auf dem Bildschirm: ein internes Memo. Fallstatus: erhöht auf Level 3. Subversive kulinarische Bewegung. Möglicher Bezug zu RUBIN. Intern gesperrt. Zugriff verweigert. Luise rieb sich die Augen. Dann schaltete sie den Monitor aus. Die Brille vibrierte erneut. Diesmal: ein Bild. Eine Gabel. Eingraviert: Nur Geschmack ist Wahrheit. Und darunter: Koordinaten.

Zwei Tage später.

Die Koordinaten führten sie in eine stillgelegte Industriehalle am Rand der Stadt. Von außen nichts als Beton und Rost. Innen: eine neue Welt. Kunstlicht. Stahl. Und der Duft von Gekochtem. Luise trug zivil, eine Kamera in der Brille, ein Mikrosender im Ärmel. Sie hatte sich als „Ernährungsarchäologin“ ausgegeben, um Zugang zu erhalten. Ein Tarnberuf, der in Kreisen wie diesen respektiert wurde. Sie wurde freundlich empfangen. Von Menschen, die aussahen wie Banker, Künstler, Programmierer. Jeder hier war jemand. Niemand war sichtbar. Ein Mann reichte ihr ein Amuse-Gueule – eine Praline mit Fleischkern. Kalb, sagte man. Eingelegt in fermentierter Zwiebel. Luise roch daran, hielt inne, reichte es weiter. In der Mitte der Halle: ein Tisch. Zwölf Gedecke. Und am Kopfende: eine Gestalt mit Alumaske. Kühl, glatt, gesichtslos. MZ-LX. „Willkommen“, sagte er. Die Stimme: tief, elektronisch verfremdet. „Wir sind heute hier, um die Wahrheit zu schmecken. Nicht zu diskutieren. Nicht zu rechtfertigen. Nur zu schmecken.“ Ein Gang nach dem anderen wurde serviert. Hirsch mit Vanille-Salz. Fasanenleber auf Selleriekaramell. Niemand sprach. Nur ein Rauschen aus Atem und Erinnerung. Luise notierte alles – mit Augen, Ohren, Nase. Dann wurde sie angesprochen. „Du bist neu“, sagte die Maske. „Ich war hungrig“, antwortete sie. „Hunger ist der Anfang.“ Nach dem Dessert – eine rohe Gänsestopfleber auf Blutorange – verließen die Gäste schweigend den Raum. Nur MZ-LX blieb. Er reichte ihr eine Karte. Darauf: ein einziger Satz. „Wenn du bereit bist, wirst du kochen.“

Zurück in der Behörde. Niemand glaubte ihr. Keine Kamera hatte etwas aufgenommen. Der Sender hatte versagt. Oder war blockiert worden. „Was schlagen Sie vor?“ fragte ihr Vorgesetzter. „Zulassen. Weitergehen. Ich gehe tiefer. Ich will wissen, wie weit sie schon sind.“ – „Sie riskieren Ihre Lizenz.“ – Luise nickte. „Manche Wahrheiten sind das Risiko wert.“ Als sie ihre Wohnung betrat, wartete dort ein Paket. Darin: ein kleines Messer. Eine Gravur. Geschmack ist Entscheidung. Und darunter: ein Datum. Es war übermorgen.

HEIMLICHE RESERVE