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Die Ruhe vor dem Sturm währt nie lange. Nebel hat seinen Platz im Reich der Vampire gefunden, an der Seite des Ältesten Alexander Vemo. Doch während das Band zwischen ihnen sich vertieft, ziehen sich die Schatten eines kommenden Krieges über ihrem Glück zusammen. Während die äußere Bedrohung wächst, lauert die Gefahr auch im Inneren. Ein Verräter spinnt seine Fäden, Intrigen gefährden den Zusammenhalt des Clans, und Alexander muss eine Entscheidung treffen, die das Schicksal aller Vampire besiegeln wird. In einer Welt, in der Krieg und Verrat an der Tagesordnung sind, müssen Nebel und die Vampire des schwarzen Hofes lernen, das der gefährlichste Feind der ist, den man nicht erwartet… Und manchmal schlägt die Bedrohung zu, wenn man am wenigsten darauf vorbereitet ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Vemo
Von Riyas A. Hoge
Vemo
Zukunft & Vergangenheit
von Riyas A. Hoge
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
© 2026 Riyas A.Hoge
Alle Rechte vorbehalten.
Softcover ISBN: 978-3-912544-03-9
Hardcover ISBN: 978-3-912544-02-2 E-Book ISBN: 978-3-912544-04-6
Verlag: Chaladhir Verlag, Adenauerstr. 26, 49733 Haren
Umschlaggestaltung: Nabin Karna
Lektorat: M. Schmidt
Inhalt
Vorwort 8
Prolog11
Kapitel 129
Kapitel 243
Kapitel 349
Kapitel 459
Kapitel 567
Kapitel 673
Kapitel 781
Kapitel 895
Kapitel 9105
Kapitel 10115
Kapitel 11127
Kapitel 12135
Kapitel 13139
Kapitel 14149
Kapitel 15159
Kapitel 16166
Kapitel 17177
Kapitel 18185
Kapitel 19191
Kapitel 20199
Kapitel 21205
Kapitel 22213
Kapitel 23219
Kapitel 24227
Kapitel 25233
Kapitel 26239
Kapitel 27243
Kapitel 28251
Kapitel 29261
Kapitel 30265
Kapitel 31275
Kapitel 32283
Kapitel 33291
Kapitel 34297
Kapitel 35309
Kapitel 36321
Kapitel 37327
Kapitel 38341
Kapitel 39351
Kapitel 40361
Kapitel 41369
Kapitel 42373
Kapitel 43383
Kapitel 44391
Kapitel 45409
Kapitel 46419
Kapitel 47427
Kapitel 48435
Kapitel 49451
Kapitel 50469
Das vergangene Jahr war ausgesprochen turbulent, beruflich wie auch privat.
Über mangelnde Ideen konnte ich mich dabei nicht beschweren – im Gegenteil. Ein kreativer Flash jagte den nächsten und für Vemo Zukunft & Vergangenheit einen Anfang in all den Ideen zu finden, gelang mir nicht.
Ich beschloss, mich mit einem Nebenprojekt abzulenken. Mit ‚Die Chroniken des Himmelskristalls - Erde‘ wagte ich mich in neue Gefilde, kreierte eine vollkommen neue Welt und diese neue Welt mit all den unbekannten Facetten fesselte mich sosehr, dass ich den ersten Band der Reihe fertigstellen musste, bevor ich mich endlich dem dritten Teil der Vemo-Reihe widmen konnte.
Diese Auszeit war genau das richtige, auch wenn ich es eigentlich nicht mag, an Nebenprojekten zu schreiben und das Hauptprojekt zu vernachlässigen.
Fridolin hat in diesem Band sein Möglichstes getan und hat auch mich vor dem ein oder anderen Problem gestellt. Jemand, der sterben sollte, musste plötzlich leben, das Ende verschob sich, meine ganze grobe Planung wurde durcheinander geworfen. Fridolin hat es gefreut, mich nicht.
Wenn nur noch ein paar Seiten fehlen, und sich die Protagonisten nicht verhalten wie sie sollen, wird die Fertigstellung eines Buches selbst für den Autoren zu einer spannenden Herausforderung.
Das Schreiben war trotz allem ein Riesenspaß und ich hoffe, das Warten auf diesen Band hat sich gelohnt und ihr, meine lieben Leser, habt ebenso großen Spaß daran, es zu lesen, wie Fridolin und ich beim Schreiben.
Valentinstag 2027 wird der finale Band der Vemo-Reihe erscheinen. Mein kleiner Sadist und meine eigenartige Muße stehen bereits in den Startlöchern.
Wie sich die Verselbstständigung einiger Protagonisten sich auf den finalen Band auswirkt, kann nicht einmal ich sagen, aber vorerst gilt es, diesen zu erkunden.
Fesselnde Grüße
Riyas & Fridolin
Teil 1 – Samhainmädchen
Zeit ist unerheblich für Geschöpfe, welche die Ewigkeit ihr Zeitfenster nennen. Jahreszeiten gleiten dahin, Jahre vergehen wie im Flug. Monotonie, durchbrochen von kleinen Momenten, die Ablenkung bieten.
Alles wiederholt sich früher oder später.
Die Ewigen erfahren das recht schnell.
Spätestens nach einem Jahrhundert erkennen manche diese unumstößliche Wahrheit zum ersten Mal. Nicht wenige Vampire fallen einer andauernden Melancholie anheim, gefangen in dieser Erkenntnis. Und nicht selten begibt sich der ein oder andere Vampir zum Hof des Ältesten Alexander Vemo, um dort Erlösung in Form des eigenen Todes zu finden. Manch anderer sucht und findet eine Ablenkung, ein Zeitvertreib, der den Alltag für eine Weile zu durchbrechen vermag.
Für Noir Vemo war es das Samhainmädchen. Das freche blonde Geschöpf, das so erpicht darauf war, den Zorn der Toten auf sich zu lenken.
Nein, seinen Zorn hatte sie nicht erweckt, aber seine Aufmerksamkeit und sein Interesse erregt. Etwas das nicht viele schafften. Sidh, natürlich. Sidh hatte seine Aufmerksamkeit geweckt, Nebel auch. Aber das war etwas anderes. Sidh war sein Bruder geworden, seine Sanftmut hatte ihn angezogen, die Träume, die er nicht zu träumen gewagt hatte. Nebel war Unterhaltung gewesen und hatte im Laufe der Zeit die Achtung des Prinzen erlangt. Das Mädchen würde keine Kriegerin sein. Wohin das Ganze führen und was die Zukunft bringen würde, konnte er noch nicht mit Bestimmtheit sagen.
Vorerst wollte er sie nur in Sicherheit wissen.
Vorerst wollte er an ihrem Leben teilhaben. Und sei es nur für eine Nacht im Jahr.
Jahr für Jahr in der Nacht, in der jene, die dem alten Glauben angehörten, das Fest der Toten feierten, pendelte er zu diesem Dorf im Nirgendwo, der ihre Heimat war.
Jahr für Jahr war er ihr Samhain Geist.
In dieser einen Nacht wachte er über jeden ihrer Schritte. Nie sprachen sie auch nur ein Wort miteinander, doch ihre Blicke fanden sich.
Ein Winken des Kindes und ein Nicken des Dunklen, mehr nicht.
Jahr ein Jahr aus.
Doch im zehnten Jahr war alles anders. Noir lenkte seine Schritte wie stets abseits vom Trubel und den Feuern und hielt Ausschau nach dem Mädchen, doch vermochte sein scharfer Blick sie nicht aufzuspüren. Er war beinahe gewillt, zurückzukehren und die Samhainbesuche als Vergangenheit abzutun.
Sie musste inzwischen sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein. Vielleicht etwas älter, vielleicht etwas jünger. Vermutlich war sie erwachsen geworden, nach menschlichen Standards, und war im Begriff, eine eigene Familie zu gründen.
Er sollte gehen und nicht zurückblicken. Beinahe war er gewillt, genau das zu tun, als er ihrer Präsenz gewahr wurde. Ohne Hast folgte er jener bis zu einem ansehnlichen kleinen Haus. Kein Licht erhellte es. Die Familie war bei den Festlichkeiten.
Nein.
Nicht alle.
Ein Schluchzen drang leise an das Ohr des Ewigen. Dazwischen erklangen geflüsterte Worte, einem Gebet gleich.
„Bitte, bitte, wenn du mich hörst, mein Samhain Geist, dann komm und bring mich weit weit fort.“
Wieder und wieder.
Noir lauschte.
Wog ab, was er tun könnte und sollte.
Sie war jung.
Zu jung.
Erst in einigen Jahren hätte er vor gehabt, seine Beobachtungsposition aufzugeben. Wenn sie bis dahin nicht bereits ihre eigene Familie hätte und noch immer nach ihm Ausschau hielte.
Doch ihre Worte waren so eindringlich gesprochen, dass er nicht anders konnte, als sie zu erhören. Er ließ sich in den eigenen Schatten hinabgleiten, um in ihrer Kammer neu zu erstehen.
Eine Kerze spendete spärliches Licht. Auf dem Boden, vor dem Bett, hockte das Mädchen im Nachtgewand und schluchzte herzzerreißend.
„Bitte, bitte, Samhain Geist, wenn du mich hörst, komm und bring mich weit weit fort.“
Tränen rannen über das junge Gesicht, die Augen gerötet und geschwollen, rote Flecken vertrieben die Herbstblässe. Ein flüchtiges Lächeln umspielte die Lippen des Ewigen. Sie mochte jung sein, aber sie war herzzerreißend schön in den Augen des Vampirs.
„Ich höre dich, Kind.“
Seine Stimme war samten und warm, sein Blick bezeugte Mitgefühl für das Geschöpf vor ihm. Erschrocken ruckte der Blick Joycelins zu ihm herauf, wenn auch dieser Schreck nur kurz währte und unbändiger Freude Platz machte, als sie ihn erkannte. Erkannte, dass ihr Samhain-Geist ihre Gebete erhört hatte und wirklich zu ihr gekommen war.
„Du bist hier!“
Joycelin sprang auf. Sie taumelte kurz, weil ihre Beine durch das lange Kauern am Boden eingeschlafen waren, ehe sie sich dem Vampir entgegenwarf. Sie schlang ihre Arme um seine Seiten und bettete sie ihren Kopf an seiner Brust.
Noir atmete unnötig durch, erschrocken und überrascht, von diesem Gebaren. Er haderte einen Moment mit sich, ehe er seine Arme schützend um sie legte. Sie war gewachsen. Längst nicht mehr das Kind, das einst seine Aufmerksamkeit erlangt hatte. Man konnte die Frau erahnen, zu der sie einmal heranwachsen würde. Erahnen, das sie manchen Blick auf sich ziehen würde.
Es vielleicht bereits tat.
Ein Gedanke, der leichten Zorn in seinem inneren weckte und den zu unterdrücken ihm nicht leichtfiel.
„Warum weinst du, dass es selbst das Herz der Toten erweichen würde?“
Erkundigte er sich sanft, aber sie schüttelte nur schluchzend den Kopf.
Tränen der Verzweiflung waren Tränen der Erleichterung gewichen. So oder so, sie tränkten seine Stoffe und wärmten seine Haut.
„Bitte, bitte kannst du mich fortbringen?“
Natürlich könnte er. Aber sollte er das wirklich tun? Allein sie fortzubringen, würde sie so vieler Möglichkeiten berauben.
Er hatte es vor.
Ja.
Irgendwann.
Aber doch nicht jetzt schon. Sie sollte leben, bevor er sie, sofern es ihr Wunsch war, tötete.
„Bitte.“
Ihr Flüstern durchbrach seine Gedanken. Sein Blick fing ihren ein und hielt ihn. Vertrauen und Hoffnung spiegelte sich in dem Sanften rehbraun ihrer Iriden. Sie sollte sich fürchten und nicht hoffen. Das war nicht recht, und er wusste es besser als sie.
Er seufzte tonlos.
Was mochte geschehen sein, dass sie gewillt war, einem vollkommen Fremden zu folgen? Einen Fremden zu bitten, sie mitzunehmen. Einem Fremden, mit dem sie bis heute kein Wort gesprochen hatte.
„Es hat seinen Preis.“
„Ich tue alles!“
Noir schüttelte den Kopf, über die vorschnelle Antwort. Was er davon halten sollte, das sie, ohne zu wissen, worauf sie sich einließ, zustimmte, wusste er nicht. Am Ende spielte es keine Rolle. Vielleicht würde sie ihm eines Tages erzählen, was sie dazu getrieben hatte, diese Bitte an ihn zu richten, wenn sie es heute nicht konnte oder wollte.
Sie schien ihm unversehrt, gesund. Nichts das offensichtlich von Not oder Gefahr sprach.
„Hör erst zu, mein Samhain Mädchen, bevor du übereilt zustimmst.“
Noir wartete das Nicken ab, bevor er weitersprach.
„Du kannst nie wieder hierher zurückkommen, nicht solange noch einer lebt, der dich erkennen könnte. Ich kann und werde dich fortbringen. An einen weit entfernten Ort, den du vorerst nicht verlassen darfst. Es wird dir an nichts fehlen, aber ich werde nicht immer da sein können.“
Auch er hatte Verpflichtungen, und er gedachte nicht, sie zum Schloss, an den Hof des Vaters zu bringen.
Noch nicht.
„Aber in der Nacht des Samhainfestes? Wie bisher?“
Er lachte leise und nickte. Das war ein Versprechen, das er geben konnte. Dies war ohnehin ihre Nacht und würde es bleiben.
„Bring mich fort, bitte. Koste es was es wolle, aber bring mich fort.“
Ihre Bitte war leise und eindringlich gesprochen. Kurz spiegelte sich Furcht auf den jugendlichen Zügen, als er sich von ihr löste. Furcht, er könnte ablehnen und sie zurücklassen. Er entledigte sich des Mantels und hüllte sie darin ein, bevor er ihrer Bitte folgte und sie zu jenem Anwesen brachte, in dem Nebel und der Älteste vor langer Zeit gewillt waren, sich zueinander zu bekennen.
†
Teil 2 – Abendessen mit der Vergangenheit
Das Essen verlief größtenteils in angespanntem Schweigen, und das dröhnende Unwetter diente als skurriles Orchester, um die schweigenden Momente zu übertönen. Nur das Kind, ungefähr zehn Jahre alt, stellte immer wieder aufgeregte Fragen, und die hochgewachsenen schönen Elbenkrieger, beantworteten jene mit sanfter Stimme und unendlicher Geduld. Doch die Blicke, die den ‹Erwachsenen› galten, waren voller Misstrauen und ja sogar Hass.
Einzig eine Elbe hüllte sich in Schweigen und beließ ihren Blick auf den ausgewählten Speisen.
Sidh schnitt dem Kind, das sein Vater und dessen Gefährte als Eigenes großzogen, das Fleisch klein und stupste den Knaben immer wieder an, um ihn ans Essen zu erinnern. Sidh hatte das Kind rasch lieb gewonnen.
Ary Tias – das Kind, das Nebel von einem Ausflug heimgebracht hatte und über dessen erstes Jahr am Hofe der blonde Krieger mit Argusaugen gewacht hatte.
Auch jetzt erkannte man in den eisblauen Augen des ach so stolzen Kriegers, die unbändige Liebe zu dem Kind, das in bunten Farben von einem Nachmittag am Fluss erzählte. Vom Tollen mit den Freunden und die Erzählungen immer wieder mit schier unendlichen Fragen über das schöne Volk unterbrach.
Plötzlich jedoch wurde das Kind ernst und sah zwischen den Vätern und den Elbenkriegern hin und her.
„Vater?“
Alexander hob eine Braue, den Knaben abwartend anblickend. Er wusste, dass er gemeint war. Dem Nebel war das sanftere, liebevollere ‹Papa› vorbehalten, aber auch jener blickte neugierig zu dem Kind.
„Warum mögen unsere Gäste euch nicht? Sollten sie nicht dankbar sein, hier vor dem Sturm unterzukommen?“
Alexander unterdrückte ein Lachen. Das könnte fast aus dem Mund seines jungen Gefährten gekommen sein. Aber das Kind hatte nicht unrecht. Ein wenig Dankbarkeit wäre durchaus angebracht. Aber er erwartete sie nicht.
Sein Nebel war den ganzen Nachmittag mit den Kindern am Fluss gewesen. Auf dem Weg zurück war ein Sturm aufgezogen und er hatte den Elben Zuflucht angeboten, bevor sie ihren Weg in die Stadt an den Seen fortsetzen würden.
„Manchmal Ary, sind die Dinge nicht, wie sie scheinen. Iss auf, dann erzählt Sidh dir noch eine Gute Nacht Geschichte, hm?“
Nebel gab dem Sohn Antwort. Weit diplomatischer als man es von ihm gewohnt war. Und vermutlich war das besser, denn Alexander stand der Sinn nicht nach Diplomatie. Die Elben jedoch hatten den Anstand betreten auszusehen und sparten es sich dem Kind Antwort zu geben.
„Ja Papa.“
Dem Kind war anzuhören, das ihn die Antwort nicht zufriedenstellte, aber wusste, dass er keine andere bekommen würde. Schmollend aß er weiter, abwechselnd zu den Vätern, den Elben und Sidh blickend. Vielleicht hatte er Glück und Sidh würde ihm später, nach der Geschichte, erklären, was hier vor sich ging. Warum die schönen Gäste, die Väter oder seine Brüder nicht mochten. Der Junge war aufmerksamer, als es den Anschein hatte. Er sah, dass die Elben es vermieden, die Vampire anzusehen, und nicht mit ihnen sprachen. Ary Tias wusste, dass Sidh auskunftsfreudiger war als Noir oder seine Eltern. Es gab eine Chance, das er doch erfuhr, was hier vor sich ging, auch wenn die Eltern es nicht sagen wollten.
†
Teil 3 - das Angebot der Elben
„Ihr solltet nicht hier draußen sein, Glenna.“
Angesprochene wandte sich vom Anblick des Landes ab und betrachtete den blonden Krieger mit sehnsuchtsvollem Blick. Nebel blickte ruhig zurück.
Dies hier war sein Platz.
Seiner und Alexanders. Nein, sie sollte nicht hier sein.
Die Zinnen, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Die Zinnen, wo er und der Alte Stunden um Stunden schweigend oder sprechend ausgeharrt hatten und zusahen, wie die Morgenröte die Nacht vertrieb.
Sie gehörte nicht hierher. Sie sollte den prasselnden Regen nicht den Schutz ihrer Gemächer vorziehen. Dröhnender Donner rollte über dem Himmel, ein Blitz erhellte die unnatürlich schönen Züge der beiden Gestalten auf skurrile und groteske Weise.
Nebel wusste, dass sie gehofft hatte, er käme. Wusste, dass ihre Anwesenheit hier, ihre Einladung an ihn war. Wie hätte er nicht folgen können?
„Nebel...“
Sie schluchzte auf und warf sich dem anderen entgegen, krallte sich in seine Gewänder.
Er rührte sich nicht.
Ihre Tränen rannen ungehindert und auch das kümmerte den Blonden nicht. Es sollte ihn berühren. Er hatte sie gern gehabt. Nicht geliebt, aber sie war ihm nicht unsympathisch gewesen. Ihr Blut war eine Droge, die auch heute noch lockend nach ihm rief.
Vielleicht war das der Grund, dass er sich nicht rührte. Zu widerstehen kostete alle Kraft, und sie in die Arme zu schließen ... wäre vielleicht sogar zu viel gewesen.
Selbst für ihn.
„Nebel...“
Sein Name. So war es schon einmal gewesen. Sein Name sanft geflüstert, durchbrochen von Schluchzern, nachdem er sich ihr offenbart hatte. Ihre Trauer um den Kämmerer durch das Lüften des Schals beendet hatte. Verborgen in einem alten Schmugglerversteck war sie das Pfand gewesen, das einen Krieg verhindert hatte.
Es war unendlich lang her.
„Nebel...“
Wieder nur sein Name, der unter Schluchzern vorgebracht wurde und nichts in ihm auslöste, ungeachtet der Sanftheit, mit der sein Name gesprochen wurde. Mit welcher Verzweiflung und Sehnsucht.
Nebel seufzte. Er hob die Arme, legte seine Hände an ihre Schultern und schob sie sanft aber bestimmt von sich. Ihre Augen, so weit und tief wie der Sternenhimmel blickten zu ihm auf.
„Du solltest nicht bei diesem Wetter hier oben sein.“
Abermals die Mahnung. Er wusste nicht, ob Elben so rasch erkrankten wie Menschen. Er hatte nie danach gefragt und in den Schriften, die Noir ihm zum lernen gegeben hatte, war nichts darüber vermerkt. Letztlich war es unerheblich. Ob gesund oder krank, machte keinen Unterschied mehr. Sie war nicht länger nötig um einen Frieden aufrechtzuhalten.
Das Gastrecht schützte sie hier, und wenn der Tag anbrach und der Sturm endete, würde sie weiterziehen. Mit der Zeit würde sie zu einer verblassenden Erinnerung werden, die ihm dann und wann, in den Sinn käme.
„Ich wusste du würdest herkommen. Ich habe es gehofft.“
Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern und doch dröhnte es laut in seinen Ohren. Die Zeit hatte ihr nichts anhaben können. Schön und erhaben, die Sterne des Himmels schienen sich in ihren Augen widerzuspiegeln, unendliche Seen, die alle Geheimnisse des Universums in sich bargen.
„Komm mit mir, Nebel. Begleite uns... Was hällt dich hier, wenn du mit mir kommen könntest?“
Eindringlich gesprochene Worte, flehend gar, mit glockenklarer, melodischer Stimme, die selbst den Donner zum Schweigen brachte.
Sehnsucht und Hoffnung schwangen in den Worten mit.
Nebel schüttelte den Kopf. Er hatte vergessen, wie angenehm der Klang elbischer Worte war, wie lockend ihr Blut zu rufen vermochte. Er versuchte all das beiseitezuschieben und sich zu konzentrieren.
Das Bild, sein Bild, aus Kymor kam ihm in den Sinn.
So viel Zeit war vergangen.
So viel hatte er gesehen und erlebt. Wie jung er gewesen war. Wie naiv. Er hatte nichts von der Welt gewusst. Nicht der Welt der Menschen. Nicht von der dunklen, verborgenen Welt der Vampire.
Wie neugierig er einst war. Seither hatte er viel gesehen und gelernt. So vieles gab es noch, das er sehen und lernen müsste.
„Ich bin lange nicht mehr der Knabe, den du kanntest, Glenna. Du liebst einen Geist. Ein Phantom, das vielleicht nie existiert hat. Ich bin Nebel. Dies ist mein Heim. Dies ist mein Clan. Und du hattest eine Ehre, die nicht viele hatten, als du mit meinem Gefährten und unseren Söhnen speisen durftest und selbst einem Kind fiel auf, wie unangebracht euer Verhalten war. Ich bin genau da, wo ich sein will und wo ich sein muss, Glenna.“
Glenna musterte den Vampir eingehend. Sie wusste nicht mehr, ob er je so viel an einem Stück gesprochen hatte wie jetzt. Er war immer so schweigsam gewesen und hatte nur das Nötigste gesagt. Am Anfang war es Schüchternheit gewesen, später war es Teil von ihm geworden.
Ja, er hatte sich verändert. Vom Aussehen als auch von der Art. Er trug keinen Schal mehr, der seine Züge verbarg. Seine Augen wirkten älter und kühler als das letzte Mal und seine Züge schienen klarer gemeißelt. Er war muskulöser geworden, erwachsener.
Und doch hatte er nichts von seiner Anziehungskraft auf sie verloren.
Dass Vampire eine besondere Anziehungskraft hatten, wussten die Elben und ebenso andere Geschöpfe. Aber für sie war es etwas anderes.
Sergej hatte nie einen solchen Zauber auf sie ausgeübt, wie der Blonde es tat. Sergej hatte sie nicht so sehr gewollt, wie den Blonden.
„Nebel....Bitte.. Du warst nie glücklich dich jemandem zu beugen... Das Kind... es ist hier nicht sicher.“
Nebel trat einen Schritt zurück, ließ seine Hände von ihren Schultern gleiten. Er kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben. Natürlich hatte er immer seine Probleme mit jenen gehabt, die ihn in die Knie zwingen wollten.
Aber Alexander hatte das nicht getan. Er wollte Alexander folgen. Er würde rebellieren und Alexander würde es strafen oder hinnehmen, je nach Schwere.
Aber niemals hatte Alexander versucht, ihn zu brechen oder ihn zu demütigen, wie Sergej es getan hatte. Alexander hatte ihn nicht getäuscht oder in Fallen führen lassen. Alexander stand zu seinem Wort, der Clan folgte seinem Willen und er schützte jeden Einzelnen, soweit es in seiner Macht stand.
Das war der Unterschied zu Sergejs Hof, aber nicht das war es, das ihn aufbrachte.
Wie konnte die Elbe andeuten, dass Ary oder ein Kind generell hier nicht sicher wäre?
„Dies ist nicht Kymor, Glenna. Und die Vampire, die du kanntest, haben nichts mit denen gemein, denen ich begegnet bin, seit ich das Reich der drei Schlösser verließ. Ehrlos und schwach. Ja du hast Recht, ich war nie gewillt mich zu fügen und zu beugen. Wer wäre es in Kymor wert gewesen, das ich mich beuge? Sergej? Schatten? Susi? Du?“
Er lachte leise und schüttelte den Kopf, trat an die Brüstung heran und blickte auf das Land, das sich unter ihnen ausbreitete. Seine Heimat. Er war gegangen. Hatte versucht, fernab zu leben.
Und doch hatte ihn alles hierher zurückgezogen.
Zu Alexander und dem Clan.
Dies war seine Heimat. Der Krieger betrachtete, wie Regentropfen sich in Pfützen sammelten und wuchsen, um sich mit anderen zu vereinen, und das satte Grün mehr und mehr unter sich begruben.
„Ich konnte mich nicht fügen, weil ich nicht dorthin gehörte. Ich bin weit gereist, seit ich sie alle verlassen habe. Ich habe viel gesehen und gekämpft. Auch gegen mich.“
Er löste den Blick vom Reich und sah zu ihr. Ein mattes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Hierher gehöre ich. Nur Alexander und seinem Clan werde ich folgen. Sie nahmen sich meiner an, lehrten mich, bildeten mich aus und trainierten mich. Hier fand ich ein zuhause. Hier fand ich Liebe. Meinem Sohn wird nichts geschehen, er wird zu einem Mann heranwachsen und entscheiden ob er ein Leben will wie seine Familie es führt oder nicht, und es wird keinen Einfluss darauf haben, das er geliebt wird, und sicher ist.“
Er atmete tief und unnötig durch. Zu viele Worte für einen eigentlich wortkargen Mann. Aber es war nötig. Sie musste verstehen, dass er nicht mehr das Kind war, das sich in den Elbenhain verirrt hatte. Nicht mehr der Knabe, der die Elbenkönigin stahl, um einen Krieg zu verhindern. Sie musste begreifen, dass er jedes Wort, das er sprach, auch so meinte.
„Setzt euren Weg morgen in Sicherheit fort. Ohne mich. Lang genug hat meinesgleichen deine Schritte begleitet, kleine Elbenherrin. Das letzte Mal als ich ging, gab es keinen Abschied, doch dieses Mal will ich ihn dir gewähren, auf das du abschließen kannst. Leb wohl Glenna. Ich werde stets mit Dankbarkeit auf die Hilfe deines Volkes blicken.“
Sie starrte ihn an.
Unschlüssig, was sie tun sollte. Sie wollte nicht betteln, aber ebenso wenig wollte sie ihn freigeben und das er es so einfach tat, schmerzte sie. Als habe es all die Zeit zuvor nicht gegeben oder schlimmer noch, als bedeutete die Vergangenheit ihm nichts. Ein Gedanke, der ihr die Tränen in die Augen trieb.
Sie schluckte.
Nickte.
„Leb Wohl Nebel. Ich wünschte wirklich, du würdest deine Meinung ändern und mich begleiten. Lang wird diese Reise und deine Gesellschaft wäre mir willkommen. Wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Nicht in diesem Leben.“
Heiser und tonlos der Abschied, den sie sprach, ehe sie an ihm vorbei ins Innere stürmte und den Krieger zurückließ.
†
Nebel stand auf den Zinnen, als die Elben am folgenden Morgen aufbrachen, wissend, das er sie nie wieder sehen würde. Alexander trat lautlos an seine Seite, betrachtete den Gefährten eindringlich. Den ersten Ausdruck, das blonde Haar, das vom Wind in Unordnung gebracht wurde. Nebel hatte ihm vom Angebot der Elben und der törichten Sorge um das Kind, ihren Sohn erzählt.
„Noch ist Zeit.“
Alexanders Stimme war sanft und ein Hauch von Belustigung schwang in seinen Worten mit.
„Zeit? Wozu?“
„Ihnen zu folgen oder mit ihnen reiten.“
Nebel lachte und lehnte sich gegen den Älteren, schmiegte sich an seine Seite und genoss den Moment der Ruhe, der ihnen geschenkt wurde, bevor sie wieder ihrem Tagwerk folgen würden.
„Ich bin und war nicht versucht das zu tun, Alexander. Hast du wirklich geglaubt, ich würde mit ihnen gehen wollen?“
Alexander schwieg.
Diese Furcht würde ihn stets begleiten, auch wenn er es noch nicht bereit wäre, zuzugeben. Die Furcht, dass es den jungen Mann früher oder später von ihn fortzöge. Er sich einem Jüngeren oder einer Jüngeren zuwenden würde.
Alexander bemerkte nicht Nebels Blick, der auf seinen sich verdunkelnden Zügen ruhte, während er sich in diesen Gedanken verlor. Eine Hand an der Wange forderte seine Aufmerksamkeit ein.
„Ich versprach zu bleiben, bis du mich fortschickst Alexander. Nirgends will ich sein, außer an deiner Seite.“
In Wahrheit ängstige den Jüngeren die Frage, was er täte, würde Alexander seiner überdrüssig ebenso sehr wie den Ältesten. Er stahl sich einen Kuss, und Seite an Seite, traten die beiden Vampire wieder ins Schloss, um sich ihren eigenen Belangen zu widmen.
Nebel war besorgt. Alexander schien dieser Tage oft mit den Gedanken weit fort. Das beunruhigte den jungen Krieger. Er kannte es nicht, wenn Alexander sich so verhielt. Zumindest nicht ohne Grund. Aber Inquisition schlug nicht mehr so oft zu, wie noch vor einigen Jahren, und doch war Alexander oft in seinem Arbeitszimmer zu finden, wo er Boten oder Yves und Roma empfing.
Gerüchte das Alexander des aufsässigen Kükens überdrüssig wäre, begannen die Runde zu machen, und schürten die Sorge des jungen Kriegers umso mehr.
„Vater?“
Nebel, der an den Zinnen stand und auf das Land hinabblickte, wandte sich dem geraubten Sohn zu. Noch schlug sein Herz. Kräftig wurde das lebensspendende Rot, durch den Körper gepumpt.
Schlag um Schlag.
Es hatte etwas Beruhigendes, dem regelmäßigen Herzschlag zu lauschen. Aber Noir und Alexander unterwiesen ihn bereits in den Gesetzen und Prämissen des Clanes. Sie hatten dem jungen Mann die Risiken erklärt. Aber Ary Tias wollte sein, was sie waren. Wollte denselben Weg gehen, wie die Väter, wie die Brüder.
War Nebel damit einverstanden?
Der Gedanke, dass er irgendwann sterben könnte, ängstige den jungen Krieger, aber er liebte das Kind. Ganz gleich, welchen Weg er wählen würde.
„Ist alles in Ordnung?“
Ary nickte und spähte an dem Vater vorbei in den Schlosshof.
„Vater und Noir sagten, das du gewandelt wurdest?“
Nebel nickte.
„Ich wusste nicht, das eine Wandlung unnötig ist. Ich traf einen Vampir und war von ihm angezogen. Ich wollte sein, was er war.“
Er lachte leise und schüttelte den Kopf, als er daran zurückdachte.
Kymor war der Anfang seiner Freiheit gewesen. In Kymor hatte er gelernt, niemandem zu trauen. Erst als er alle Ketten von sich geworfen hatte, konnte er die Welt seiner Art entdecken und kennenlernen.
Manchmal fragte er sich, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht davon gelaufen wäre.
Wenn er Sergej nicht begegnet wäre. Er wäre 25 geworden und erwacht. Ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er hätte wirklichen Schaden anrichten können. So war es besser. Er war weit vor seiner gewandelt worden, von einem denkbar schlechten Vorbild. Aber zumindest, hatte man ihn bei der Jagd begleitet.
„Wusste er es nicht?“
Nebels Aufmerksamkeit wurde durch die Frage des Sohnes wieder ins Hier und jetzt gerissen. Er zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Noir und Alexander versuchten ihn zu finden, aber scheinbar ist er untergetaucht oder tot.“
Ary schwieg.
Nebel wartete, bis der andere weitersprechen würde. Der blonde Krieger ahnte, worum es ging und war unsicher, ob er die Wahrheit sagen sollte, oder lügen. Er hielt nichts von Unwahrheiten. Hatte sie nie gemocht, aber bei einem Kind war das Ganze anders. Prioritäten und Prinzipien verschoben sich, ob man wollte oder nicht.
„Ist ... ist es sehr schmerzhaft?“
Furcht spiegelte sich in seinem Blick und Nebel lächelte matt und seufzte tonlos.
„Ja.“
Er hätte es herunterspielen können, aber dann würde der Sohn ihm die Lüge früher oder später vorhalten.
„Es hat mir vor Schmerz den Atem geraubt. Was gut war, denn zu schreien hätte ich mir nicht verziehen.“
„War es das wert?“
Nebel antwortete nicht sofort. Er versuchte die Erinnerung hervorzukramen. Die Nacht auf dem Nordturm. Der Sonnenuntergang. Der Schmerz, der ihn des Atems beraubte. Die ersten Augenblicke in seinem neuen Leben. Die neuen so viel besseren Sinne, die Kraft.
„Ja. Es ist anstrengend, aber nie hast du die Welt klarer gesehen. Die neue Kraft ist unglaublich, die Schnelligkeit. Ich würde es wieder machen. Ohne zu zögern.“
Ary nickte und sah in die Ferne, seinen eigenen Gedanken nachhängend.
„Du musst das nicht tun Ary. Egal ob sterblich oder nicht, dein Vater und ich lieben dich. Und auch deine Bruder würden dir die Entscheidung nicht nachtragen. Triff diese Entscheidung nicht übereilt. Ein Leben als Vampir ist voller Gefahren. Die Inquisition, die uns nach dem Leben trachtet. Ein Veräter der Informationen an die Häscher weitergibt. Lykaner die hoffen ihre Freiheit oder Anerkennung indem sie die Inquisition unterstützen.“
Von den Spannungen im Inneren sprach Nebel nicht. Davon das auch ein junger Prinz sich seinen Platz verdienen müsste. Dass manche gehässige Stimme ihn auch heute noch als Fremden sah, der sich in das Bett des Ältesten geschlichen hatte. Auch wenn jener es endlich zu merken und sich abzuwenden schien.
„Nein. Ich habe meine Entscheidung getroffen.“
Nach langem Schweigen sprach Ary endlich und Nebel schmunzelte. Sein Sohn stand ihm in Sturheit in nichts nach, ob das gut war oder schlecht, würde sich zeigen. Das gute war, das der Knabe nicht seine Distanziertheit zu anderen hielt und allgemein am Hof große Beliebtheit genoss.
„Denke in Ruhe nach, Ary. Aber ich glaube Sidh erwartet dich für den Unterricht. Lass ihn nicht warten.“
Ary lachte und neigte sein Haupt im Ansatz.
„Natürlich. Bis nachher, Vater.“
Nebel blickte dem Sohn nach, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder dem Reich schenkte. Das Leben als Vampir hatte seinen Reiz, die Nacht bot so viel zu entdecken, so viel zu sehen.
Genug für Jahrzehnte, Jahrhunderte oder vielleicht sogar die Ewigkeit. Der Tag würde niemals ihr Freund sein. Und würde sie auch weiterhin ihrer Fähigkeiten und ihrer Kraft berauben.
Aber das war nicht wichtig.
Ihre Feinde waren zahlreich.
Die Welt war im ständigen Wandel.
„Denkst du darüber nach zu springen, mein Nebel?“
Angesprochener hatte den Ältesten nicht kommen gehört, seine Präsenz nicht bemerkt. Er war sicher, dass seine früheren Überlegungen richtig waren und der Älteste seine Präsenz weitestgehend verbarg.
„Wie langweilig wäre das?“
Er warf einen kurzen Blick auf den Gefährten, bevor jener die Arme um die Hüfte des jungen Kriegers schlang.
„Ary ist besorgt?“
Nebel nickte. Er war sicher, dass Alexander das Gespräch verfolgt hatte, und sparte sich Details.
„Alexander, wirst du mir sagen, was dich umtreibt?“
„Mach dir keine Gedanken, Nebel.“
Seine Stimme war einen Hauch härter. Nur ein kleines bisschen, aber Nebel nahm es wahr und es besorgte ihn mehr als die Worte selbst. Er wandte sich in der Umarmung um und schlang seine Arme um den Nacken Alexanders.
„Du gehst mir aus dem Weg. Du sprichst nicht mit mir. Alexander, wenn du meiner überdrüssig bist, dann schick mich fort und ich werde gehen, aber tu mir das nicht an.“
Nebel konnte den Schatten, der kurz nur das Silber seiner Iriden verdunkelte erkennen, aber es war zu kurz, als dass er es deuten könnte.
„Sorg dich nicht, Nebel.“
Nebel wollte widersprechen, aber Alexander löste sich und ließ den Blonden zurück. Seufzend blickte Nebel auf das Land herab, ergab sich Erinnerungen und Überlegungen.
„Nebel, willst du mir erklären, was genau das werden soll?“
Alexanders Worte, als er in das gemeinsame Gemach getreten war und ihn und das Kind auf dem Bett entdeckt hatte. Er hatte nicht darüber nachgedacht, was Alexander dazu sagen würde, das er ein Kind mitbrachte. Sie hatten nie darüber gesprochen, dass oder ob sie eine Familie gründen würden.
Erst als die Frage gestellt war, fiel ihm auf, dass er den anderen hätte fragen sollen, statt einfach kopflos zu handeln.
„Sein Name ist Ary Tias, sieh ist er nicht ein schöner Junge?“
Der schwarze Flaum und die schiefergrauen Augen, die rosigen Wangen und das glucksende Lachen mussten doch selbst auf den alten Vampir wirken – hoffte Nebel.
Was Nebel nicht wusste, nicht einmal ahnte, war, dass Alexander Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um den jungen Gefährten glücklich zu machen, und ihn weiter an sich zu binden. Wie könnte er dem Knaben den Wunsch nach einer Familie verwehren?
Der Oberste war an das Bett und auf den ängstlich schauenden Gefährten zugetreten. Er hatte auf das hilflose Geschöpf niedergeblickt und das Kind aufgenommen.
„Rosanna, lass den Schneider kommen und schicke nach dem Medicus, wir sollten sicher gehen das Ary gesund ist. Der Schreiner soll eine Krippe anfertigen. Die Küchenmagd Marie hat vor kurzem ein Kind bekommen, vielleicht kann sie als Amme für den Kleinen fungieren.“
Nebel lächelte und schalt sich innerlich einen Narren. An nichts von all dem hatte er gedacht. Das Kind roch gesund und wirkte auch so, aber was wusste er schon. Schneider, Amme, Schreiner ... Alexander wusste, was er tat. Er hatte Noir allein großgezogen. Woher sollte Nebel diese Dinge bedenken können? Er hatte absolut keine Erfahrung, keinerlei Berührungspunkte mit Kindern.
„Danke, Alexander.“
„Das nächste Mal ... warn mich vor, mein Nebel.“
Nebel hatte es versprochen. Und von diesem Tag an hatte der unerfahrene junge Vater, ein Jahr lang beinahe jeden in den Wahnsinn getrieben. Er ließ das Kind kaum aus den Augen, vollzog nur kurze Jagden und Trainingseinheiten. Jeden der dem Kind zu nah kam, beobachtete er mit Argus-Augen. Noir, Sidh, ja selbst Alexander.
Natürlich wusste er, dass das Kind hier sicher wäre. Niemand würde einem Kind Leid zufügen und Arys fröhliches Gemüt sorgte zudem dafür, das man das Kind rasch in sein Herz schloss.
Nebel schwor sich, sich die Aufzucht dieser kleinen Bündel nicht wieder anzutun.
Er hatte sich stets für furchtlos gehalten, aber das kleine Bündel, dieses kleine Kind zeigte ihm auf, vor wie vielen Dingen, man Angst haben konnte. Es gab so viel, das das Leben eines hilflosen kleinen Geschöpfes beenden könnte.
Unfälle und Krankheiten, von denen er nicht einmal ahnte, dass es sie gab. Nein, ein weiteres Mal würde er sich das gewiss nicht antun ...
„Du kannst ihn nicht viel länger im Ungewissen lassen. Er wird dir davon laufen, wenn du so weiter machst.“
Noir ließ sich seinem Vater gegenüber auf einem Stuhl nieder. Alexander sah von dem Brief auf und schmunzelte leicht.
„Er wird nicht davon laufen. Aber du hast recht. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Es gibt keinen Grund länger zu warten.“
Noir nickte. Er schien erleichtert zu sein. Alexander deutete auf einen Stapel Pergamente, alle mit seinem Siegel.
„Nimm dir Armand. Verteilt sie und sorgt dafür, das alles umgesetzt wird.“
Er versiegelte den Brief, bei dem Noir unterbrochen hatte und fügte ihn dem Stapel zu.
„Wann passiert es?“
„Morgen mittag.“
Noir nickte und erhob sich, den Stapel aufnehmend.
„Du bist sicher?“
„Natürlich. Hast du deine Meinung geändert?“
Noir lachte und schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin nur froh, wenn dieses ganze Theater vorrüber ist und die Gerüchte sich wieder anderen Dingen zuwenden. Am besten bevor wieder jemand aus dem Fenster fällt.“
Alexander lachte. Noir ließ sich kopfschüttelnd in den eigenen Schatten gleiten. Morgen Mittag hätte alles ein Ende.
Als Nebel mit der Gruppe um Noir von den Grenzritten kam, an denen Noir und Armand nicht teilgenommen hatten, nahm er einen Spender, ein Bad und zog sich in die Bibliothek zurück. Er hatte sich so in die Chroniken vertieft, dass ihm nicht auffiel, dass nach und nach alle verschwanden.
Erst als Noirs Schatten über den blonden Krieger fiel, sah er auf und stellte fest, dass er allein mit dem schwarzen Prinzen war.
„Nebel ... Begleite mich.“
„Wohin? Was ist los Noir?“
Noir schüttelte den Kopf und bedeutete dem Jüngeren, ihn zu begleiten. Nebel erhob sich, die Chroniken beiseiteschiebend, ehe er dem Deuten des Prinzen folgte. Nebel bekam es mit der Angst zu tun, als sie die Bibliothek verließen.
Auch in den Gängen war niemand.
Totenstille.
Keine Krieger, die geschäftig umherliefen, keine flanierenden Damen oder Diener die versuchten unsichtbar zu bleiben.
Noir ließ seine Schritte ausklingen und legte eine Hand an die Schulter des Kleineren.
„Achtung!“
Die kurze Warnung ging den dunklen Gefährten voran, die sie umschlossen und forttrugen. Nebel taumelte, als die Dunklen in sich zusammenfielen und sie sich auf einer Lichtung wiederfanden.
Duftendes Gras, Blumen und Bienen.
Schmetterlinge.
Kitschig.
Traumhaft.
Wie grotesk wirkte dagegen die dunkle Kathedrale, die sich am Ende der Lichtung fast drohend in den Himmel erhob. Schwarzes Gestein, halb verwittert und moosbewachsen. Fensterbögen teils verschüttet vom darüberliegenden Gestein, manches Fenster war gesprungen, nur einige wenige waren noch ganz.
„Was wollen wir hier, Noir?“
Nebel wusste nicht, was er davon halten sollte. Er spürte Präsenzen vieler. Aber was sie hier wollten, konnte er nicht sagen.
Und er hasste es.
Er hasste Überraschungen.
Hasste es, wenn er nicht wusste, was auf ihn zu kam. So hatte er sich gefühlt, als Alexander ihn vor den Engel geführt hatte. Die Ungewissheit. Die vielen Präsenzen. Er versuchte zu erspüren ob auch heute wieder ein Engel auf ihn wartete, aber konnte nichts ausmachen.
Noir warf einen flüchtigen Seitenblick auf den jüngeren und schmunzelte.
Er schob den Krieger der Kathedrale gen und führte ins Innere. So verwittert und unbelebt es von außen wirkte, so prunkvoll war es von innen.
Marmorsäulen, ein spiegelnder Boden, zahllose Kerzen. Aus einer Tür aus schwarzen mit rötlichen Adern durchzogenem Holz eilten zwei Kammerdiener zu den beiden Eintretenden, verneigten sich respektvoll und bedeutete Nebel ihnen in den Nebenraum zu folgen.
Die Tür zur Linken öffnete sich. Alexander trat heraus. Noir nickte dem Vater zu und huschte durch die große Flügeltür. Nebel starrte den Gefährten an, der vor ihm zum Stehen kam.
Das erste Mal war der junge Krieger wirklich sprachlos.
Alexander sah fantastisch aus.
Das schwarze Haar hatte er zum Zopf zurückgebunden, seine silbern anmutenden Augen strahlten unnatürlich. Eine Krone verziert mit filigranen Mustern und kostbaren Steinen thronte auf seinem Haupt. Die dunklen Gewänder hatte Nebel nie zuvor an ihm gesehen. Er wirkte noch größer als ohnehin schon, seine Präsenz war unbeschreiblich. JETZT glaubte Nebel ohne Zögern, das der Gefährte alt und mächtig war.
Vielleicht sogar der Älteste.
Er trug das Clanszeichen offen an der Brust. Hemd und Wams schmiegten sich an seinen Körper wie eine zweite Haut.
Nebel stockte der Atem, er wagte nicht, weiter hinabzublicken, den Rest der Gewandung zu begutachten. Es würde ihm dann sehr schwerfallen, sich zu konzentrieren.
Da war er sich sehr sicher.
Alexanders Hand legte sich sanft an die Wange des Nebels.
„Wenn du mich zum Mann willst, dann warte ich vorn am Altar auf dich. Wenn nicht, steht es dir frei zu gehen und ich werde es dir nicht nachtragen.“
Nebel konnte nicht sprechen. Er starrte den Gefährten einfach nur an. Das Kaninchen vor der Schlange, so wie viele Male in der Vergangenheit bereits. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Unfähig auch nur ein Wort zu sprechen oder gar sich zu bewegen. Alexander hauchte dem Jüngeren einen Kuss auf die Stirn und wandte sich ab.
Der dunkle Umhang umspielte ihn wie Noirs Schatten jenen, als er durch die Doppeltür verschwand und den blonden Krieger und die Kammerdiener zurückließ.
Nebel starrte den jungen Mann an, der ihn aus weit aufgerissenen eisblauen Augen ansah. Seine Kleider waren von edelster Machart, schwarze fließende Stoffe mit silbernen Ornamenten. Ein silberner Reif ruhte auf seinem Kopf, Strähnen des blonden Haares hatten sich aus dem Zopf gelöst und umspielten seine ewig jugendlichen Züge.
Nebel ging einen Schritt auf ihn zu, der andere spiegelte die Bewegungen.
Nebel hob eine Hand dem anderen entgegen und jener folgte, Nebels Fingerspitzen berührten das kühle Glas des Spiegels.
Wie um alles in der Welt war das passiert?
Was machte er hier?
~Wenn du mich zum Mann willst, werde ich am Altar auf dich warten.~
„Bei allen Mächten ...“
Seine Stimme klang dünn und schwach.
~Wenn du mich zum Mann willst ...~
Das musste ein Scherz sein. Ein Traum, oder nicht?
~... dann werde ich am Altar warten.~
Alexander war alles, was er wollte. Er liebte ihn, seit dem ersten Mal als sich ihre Blicke getroffen hatten. Er hatte so lange gegen sich gekämpft. War vor ihm und sich selbst geflohen und doch, hatte sein Herz stets nur ihn gewollt.
Die letzten Wochen und Monate hatte Alexander sich verändert. Er war abwesend – körperlich aber auch geistig. Gerüchte waren aufgekommen. Gerüchte das Alexander des Nebels überdrüssig geworden wäre. Und die kleine Stimme in seinem Inneren wollte diesem Gerücht glauben. Es wäre so viel nachvollziehbarer als der Gedanke, das Alexander wirklich Interesse an ihm hatte.
Und jetzt stand er in einer Ruine, die von innen vollkommen hergerichtet war.
War das der Grund?
Für alles?
~Wenn du mich zum Mann willst ...~
„Ist noch jemand nervös? Nicht? Nein?“
Noir und Ary, die rechts und links am Altar und der Seite des Vaters standen, schüttelten leise lachend den Kopf. Der dunkle Tänzer hinter Alexander schmunzelte kühl. Er war dem Ruf Alexanders gefolgt. Oder sollte man es Einladung nennen?
Alexander war zur Jagd aufgebrochen, einer besonderen. Er war eines Häschers habhaft geworden und hatte ihn an den Rand des Todes gebracht in dem Wissen, das jeder der ein jede Seele nimmt, erscheinen würde.
Er hatte sie gesehen. Den Tänzer und seinen Nebel. Einträchtig schweigend oder sprechend. Über Nichtigkeiten, in denen Ernsthaftigkeit verborgen war.
Gäbe es jemand Besseren, um die Zeremonie zu vollziehen?
Die Doppeltüren öffneten sich mit einem vernehmlichen Quietschen und alle Blicke richteten sich auf den Eintretenden. Nebel erbleichte, als alle ihn anstarrten, und einen Moment wirkte es, als wolle er umdrehen und weglaufen.
Aber das tat er nicht. Sein Blick legte sich auf Alexander und von einem unsichtbaren Band gezogen, setzte er Schritt um Schritt und ging langsam auf den Obersten zu.
„Du hast mich warten lassen.“
Alexander nahm die Hand des Gefährten, der nur nicken konnte. Die Fähigkeit Worte oder gar Sätze zu formulieren schien ihm vollkommen abhandengekommen zu sein. Blicke der anderen, tuscheln und raunen entgingen dem Blonden vollkommen. Er war vollkommen auf Alexander fixiert. Gefangen von seinem Blick und seiner Ausstrahlung.
Bastians Räuspern zwang die Aufmerksamkeit aller nach vorn und auf sich. Erst jetzt wurde sich Nebel der Anwesenheit des Tänzers gewahr. Irritation und ein Hauch von Furcht spiegelte sich auf den seinen Zügen – nur für einen flüchtigen Moment. Dann begann Bastian zu sprechen.
„Wir haben uns heute hier versammelt um Alexander Vemo und ...“, er brach ab, hielt inne. Beinahe wäre ihm der richtige Name des Nebels entfleucht. Der Name den er mit dem Erwachen als Vampir abgelegt hatte.
„Um Alexander Vemo und seinen Nebel in den Stand der Ehe zu erheben.“
Wie grotesk.
Der dunkle Tänzer, der eine Ehe schloss. Jener der die Seelen auf dem letzten Weg begleitete, leitete eine Zeremonie wie diese?
„Gibt es jemanden der wagt Einspruch gegen diesen Bund zu erheben, dann soll er nun sprechen, oder aber für immer schweigen.“
Noir und Arys Blicke glitten über die Anwesenden. Sie wirkten, als wären sie willens, jeden zu töten, der es wagte zu sprechen und so hatten auch die Worte des Tänzers geklungen.
Alexanders Blick glitt nicht über die Menge. Sein Blick lag auf Nebel, der den Blick des Ältesten erwiderte.
Als niemand sprach, nickte Bastian zufrieden.
„Nun denn. Nicht durch Blutsbande seid ihr vereint, sondern durch die Entscheidung, einander zu wählen. Ihr habt einander gefunden in Zeiten, die weder Ruhe noch Gewissheit versprachen. Und doch habt ihr euch entschieden – füreinander. Alexander. Nimmst du Nebel zu deinem Gefährten? Willst du ihn lieben und beschützen, in Zeiten des Lichts und der Dunkelheit?“
Alexander wandte den Blick nicht von Nebel ab. Er nickte.
„Das will ich.“
„Nebel, nimmst du Alexander zu deinem Gefährten? Willst du ihn lieben, ihm folgen und beschützen in Zeiten des Lichts und der Dunkelheit?“
Nebel nickte. Als er antwortete, entbehrte seine Stimme jeder Härte und Arroganz, die sonst darin lag.
„Ich will.“
Alexanders Lippen umspielte ein mildes Lächeln. Ein Hauch von Erleichterung schwang darin mit.
„Alexander, sprich dein Gelübde.“
Nebel erbleichte.
Gelübde?
Das musste ein Scherz sein. Müsste auch er ein Gelübde sprechen? Er konnte sich doch nicht einfach etwas aus dem Ärmel schütteln. Seine Gedanken verblassten, als Alexander zu sprechen begann.
„Nebel ... mein geliebter Schatten am Tag, mein Licht in der Nacht. Mein Nebel, der du mich sanft umspielst. Vor vielen Jahren trug mein ältester Sohn dich in mein Schloss. Verletzt und geschwächt lagst du in seinen Armen, als er um dein Willkommen bat.“
Alexander schwieg, rief sich das Bild vor Augen. Der junge Krieger blutüberströmt und schwach ... so unsäglich schwach.
Aber sein Blick. Der kurze Blickkontakt ... trotziges eisiges Blau und kaltes Silber vereint nur für den Bruchteil eines Wimpernschlages.
Nur ein kurzer Moment, in dem das Schicksal selbst den Atem angehalten hatte.
„In meinen Räumen kamst du erneut zu Kräften. Die Stunden zwischen Nacht und Tag gehörten bald schon dir, die Gedanken an dich verfolgten mich den ganzen Tag. Deine Jugend ließ dich Wege beschreiten, die andere meiden würden, dazu zählt ohne Zweifel auch meine Nähe zu suchen. Ohne Hintergedanken. Ohne Furcht. Du wurdest Teil des Clans und meines Lebens. Du bist jung und doch fandest du den Weg in mein Herz, das dir vollkommen erliegen musste. Ich liebe dich, mehr als Worte bezeugen könnten. Ich verspreche dir, ein treuer Gefährte zu sein, bis ans Ende aller Zeit.“
Bastian nickte sanft und blickte Nebel gen.
„Nebel.“
Nebel schloss die Augen. Er hasste es, viel zu sprechen. Und jetzt sollte er sich ein Gelübde aus dem Ärmel schütteln? Er atmete unnütz durch und öffnete die Augen. Er blickte zu Alexander und verlor sich in dem strahlenden Silber seiner Augen. Die Worte kamen, ohne dass Nebel darüber nachdenken musste.
„Einst bat ich eine Hexe darum, mir ein Herz aus Stein zu geben und Dämonen gar mir mein Herz zu nehmen. Denn um wie vieles einfacher und amüsanter wäre es ohne dieses dumme Ding.“
Nebel lächelte schelmisch. Langsam fand er seine Stimme wieder, auch wenn die Sanftheit in den Worten ungewohnt für den ein oder anderen Zeugen sein mochte.
„Einst füllten Kampf und Jagd meine Nächte. Die Schreie meiner Opfer waren meine Musik. Doch... auch ein Nebel fällt früher oder später. Und als ich ins Dunkel tauchte, war ich bereit mich der tröstenden Umarmung des Nichts zu ergeben. Du hast mich der Dunkelheit entrissen und gleichsam den Händen des dunklen Tänzers. Dein Blut stärkte mich und im Laufe der Zeit erfüllten nicht mehr nur Kampf und Jagd meine Nächte, sondern du. Unbemerkt hast du dich in mein Herz geschlichen, meine Gedanken mehr und mehr vereinnahmt und ich bin froh, das Hexen und Dämonen, meinem Wunsch nicht entsprechen konnten oder wollten. Du hast meine Nacht erhellt und mich besiegt. Nicht mit deiner Kraft. Nicht mit deinem Schwert, sondern deinem Herzen, deiner Geduld und deinem ganzen Wesen. Lang ist es her, das du mich in dem Sarg gebettet hast und ich will dir hier versprechen was ich dir oft schon in Zweisamkeit versprach: Was ich tun kann, um dir Last abzunehmen, werde ich tun. Jeden Moment den ich wandele, gehöre ich nur dir. Deine Wege und Ziele, sind die meinen und meine Liebe soll dir gehören – bis zum letzten Atemzug.“
Der Tänzer nickte zufrieden.
„Wer hat die Ringe?“
Noir und Ary reichten dem Tänzer die geforderten Schmuckstücke. Zwei silberne Reifen, mit feinen Kristallen geschmückt. Nebel Blau. Alexander Rot. Bastian breitete seine Hände darüber, entzog sie den Blicken aller. Als er sie wieder präsentierte, waren sie nicht mehr glänzend und silbern, sondern zeigten sich in mattem Schwarz. Einzig die Steine waren unverändert.
Er bot Alexander den Ring.
„Nun stecke deinem Nebel den Ring an und sprich: Mit diesem Ring nehme ich dich zu meinem Mann.“
Der Älteste tat wie geheißen und steckte Nebel den Ring an, der fasziniert darauf starrte. Er passte wie angegossen. Das Licht der zahlreichen Kerzen ließ die Facetten geheimnisvoll funkeln.
„Mit diesem Ring nehme ich dich zu meinem Mann.“
Nebel nahm den Ring vom Tänzer entgegen und wiederholte den Schwur mit zitternden Fingern und dünner Stimme.
Ihre Hände wurden vereint, ein Band aus schwarzer Seide wurde darum geschlungen und symbolisch verknotet.
„Was hier verbunden ward, soll nicht getrennt werden. Das Schicksal führte euch zueinander und keine Macht, soll diese Bindung trennen. Mein Geschenk ist die Segnung der Ringe. Sie werden ewig verbunden sein. Solltet ihr einander einmal verlieren, so werden sie euch wieder zueinander führen.“
„Wie hast du Bastian dazu bekommen, diese Zeremonie abzuhalten?“
Alexander lachte und führte den Gefährten durch die Gesellschaft. Immer wieder mussten sie innehalten und nahmen Glückwünsche an. Nebel begriff noch immer nicht vollends, was grade geschehen war.
„DAS ist von allen Fragen die du stellen oder haben könntest, die du haben könntest diejenige die dich am meisten beschäftigt?“
Nebel zuckte mit den Schultern. Alexander hatte recht. Er hätte noch einige Fragen mehr, aber die waren nicht für die Feier gedacht. Sie hätten Zeit, bis sie allein wären.
Er wurde einer Antwort enthoben, als Noir auf sie zukam. Ihm folgte eine junge Frau, die ausgesprochen nervös schien und nur durch die Verbindung zur Hand Noirs daran gehindert wurde, fortzulaufen.
„Ich möchte Euch Joycelin vorstellen.“
Keine Floskeln, kein Necken.
Offensichtlicher hätte Noir sein Einverständnis nicht zeigen können, was die Ehe des Vaters mit dem Nebel anbelangte. Es war keine Ehe, die in der Öffentlichkeit – außerhalb ihrer kleinen Welt – Gültigkeit hätte, aber das machte nichts. Ihre Art wusste es. Es würde die Runde bis in die entlegensten Winkel der Welt machen. Der Herrscher ihrer Art und der eigensinnige blonde Krieger, der mehr Glück als Verstand und mehr Leben als eine verdammte Katze hatte.
Joycelin verneigte sich leicht, wobei ihr Strähnen des blonden, leicht gewellten Haares ins Gesicht fielen. Sie machte keine Anstalten es zu den furchtsamen Zügen bannen. Ihr war es ganz recht, sich hinter ihrem Haar verstecken zu können.
„Wir freuen uns, dich endlich kennenzulernen, Tochter.“
Alexander bedeutete ihr, sich zu erheben.
„Wir haben schon viel von dir gehört Joycelin. Schön dir endlich zu begegnen. Wenn du irgendetwas brauchst, lass es uns einfach wissen.“
Das Samhainmädchen.
Wie groß sie geworden war, wie erwachsen. Noir hatte sie mit zwanzig gewandelt. Natürlich hatte er zuvor Alexanders Einverständnis eingeholt. Trotzdem hatte er sie auf einem der Anwesen belassen, die sie für Auszeiten nutzten.
Er hatte sie ausgebildet. Ihr geholfen den Hunger zu kontrollieren und sie zur Frau genommen. Dass sie heute hier war, bedeutete, dass Noir der Auffassung war, sie wäre bereit, am Hof zu leben. Sie selbst war nicht der Auffassung ihres Mannes, auch wenn der Wunsch an seiner Seite zu sein, diese Auffassung nichtig machte.
Joycelin blickte kurz zu Noir.
Hier waren ihr eindeutig zu viele Personen. Zu viel Gerede – und nicht immer nur nett – zu viel von allem. Seit Noir sie ‚gestohlen‘ hatte, war sie es gewohnt, nur von wenigen umgeben zu sein. Diener die sich um ihr Wohl kümmerten, Lehrer die Abwechslung brachten und natürlich Noir, der wann immer seine Zeit es erlaubte, vorbei kam.
„Ich freue mich auch sehr. Das war eine sehr schöne Zeremonie. Danke das ich daran teilhaben durfte.“
„Komm, lass uns tanzen.“
Noir erlöste seine Gefährtin und zwinkerte dem Vater kurz amüsiert zu, was jener mit einem Nicken quittierte, auch wenn seine Miene sich plötzlich wandelte.
Zorn.
Nicht wegen Noir oder seiner Gefährtin, nicht des Nebels wegen oder des Geredes der Neider, sondern weil er eine Präsenz ausmachte, die nicht hier sein sollte.
„Komm.“
Nebel schluckte, aber folgte den Schritten Alexanders, seine Hand nicht freigebend. Als er stoppte, erstarrte Nebel einen Moment. Eine rothaarige Frau stand vor ihnen. Auch wenn sie auf den ersten Blick entspannt schien, war sie bereit, sofort zu fliehen, sollte es nötig sein. Ihre Anwesenheit hier: der Versuch, den Nebel zu verunsichern.
Nebel kannte sie.
Er war sich sicher.
Nur woher?
„Elaine, was tust du hier?“
Alexanders Stimme klang drohend, grollend. Kalt und schneidend jedes Wort. Nebel blickte seinem Gefährten gen und schien einen Moment irritiert. Mit solch schneidender Kälte hatte er den anderen nie sprechen gehört. Das Grollen, seine Ausstrahlung in diesem Moment. Irgendwas musste mit ihm nicht stimmen, das er es so anziehend fand.
Dann klingelte es. Elaine ... die rothaarige Schönheit, die ihn am Anwesen angegriffen hatte. Alexander hatte ihn zurückgetragen. Dort hatte er das erste – und nicht das einzige Mal – beteuert, das Nebel kein Spiel für ihn war.
„Ich wollte nur zur Hochzeit gratulieren, mehr nicht. Ich gehe, wenn du es wünschst.“
„Die Entscheidung überlasse ich meinem Gefährten.“
Elain begriff vor Nebel, was Alexander damit bezweckte. Elaine hatte Nebel angegriffen. In Ihren Augen war der Knabe es nicht wert, an Alexanders Seite zu wandeln. Und er stellte den jungen Mann über sie, lieferte sie ganz seinem Wohlwollen aus.
„Es war ein so angenehmer Tag, Alexander. Gewähren wir ihr etwas Kurzweil, bevor sie dahin zurückkehrt wo sie war.“
Nebels Stimme war sanft, seine Augen nicht.
Alexander schmunzelte und führte den Gefährten weiter durch die Gästeschar, sich des hasserfüllten Blickes durchaus gewahr, der ihnen folgte. Doch Elaine lächelte, verneigte sich sogar leicht, während die beiden sich abwandten.
Sie hatte Zeit und würde nicht vergessen, was hier und heute geschehen war. Die Demütigung, das willkommen von einem Küken erhalten zu haben. Ihre Augen legten sich nach einigem Suchen auf Noir und seine Gefährtin, und alle Wut schien augenblicklich verflogen.
„Nebel!“
Jacob und sein ständiger Anhang stürmten auf den Herrscher und den jungen Krieger zu.
Sie stoppten eine Schwertlänge und verneigten sich respektvoll vor dem Paar.
„Wir wollten euch nur gratulieren und euch alles Gute wünschen. Wir haben ein Geschenk für Nebel.“
Jacob sah vorsichtig zu Alexander, der knapp sein Einverständnis durch ein Nicken bezeugte.
Elias reichte das Geschenk an Jacob weiter. Nach der Lektion in der Trainingshalle und dem ersten Schmollen hatten Nebel und Jacobs Gruppe sich langsam angenähert und gemeinsame Jagden und Training wieder aufgenommen. Jetzt schlug Jacob die Tücher zurück, um ein kunstvoll geschmiedetes Schwert preiszugeben.
Mondlicht schien in der Klinge gefangen zu sein, die in einem geheimnisvollen Silberblau schimmerte. Entlang des Stahls schlängelten sich Ranken-Gravuren, während der mit Samt und Leder umhüllte Griff von dünnen Silberdrähten durchzogen war.
Nebel keuchte, als er es sah und auch Alexanders Blick zeigte Bewunderung für die Klinge. Ein kostspieliges Geschenk.
„Jacob.. das ist wundervoll.“
Vorsichtig umfasste Nebel den Griff und nahm das Geschenk mit der gebotenen Vorsicht an sich. Die Klinge war perfekt ausbalanciert und rasiermesserscharf. Nebel vollführte ein paar Hiebe, um sie zu testen, und nickte anerkennend.
Es war schwer, aber lag perfekt in der Hand. Es würde den Feinden zweifellos Einhalt gebieten.
„Ich danke dir, Jacob. Es ist fantastisch.“
Jacob schenkte dem anderen ein Lächeln.
„Ich hoffe, du nutzt es nicht beim Training, sonst muss ich mich noch mehr vorsehen.“
„Mhh das bleibt abzuwarten.“
Alexander räusperte sich. Andere wartete darauf, dem Paar zu gratulieren und sich das Wohlwollen des Nebels zu sichern.
Es wäre naiv, anzunehmen, Nebel wäre inzwischen von allen akzeptiert oder respektiert. Für manche würde er immer der Fremde bleiben, der sich in das Bett des Ältesten geschlichen hatte. Aber hier und heute, würde niemand es wagen, dererlei Gedanken auch nur anzudeuten.
„Oh natürlich, wir haben Euch lang genug aufgehalten. Genieß die Feier Nebel. Bis bald.“
„Bis bald Jacob.“
Alexander führte den Gefährten weiter durch die Menge, hielt hier und da an, um Glückwünsche anzunehmen, oder Geschenke – welche alle an Rosanna gereicht wurden und vor ihr in Sicherheit gebracht wurden.
Jacob und die anderen sahen den beiden einen Moment nach. Niemandem fiel der Hauch von Verachtung auf, der nur für die Dauer eines Wimpernschlages auf den ebenmäßigen Zügen Jacobs zu erkennen war.
„Noir ...“
Die Feier war längst beendet. Die meisten waren zur Jagd aufgebrochen oder hatten ihren Dienst wieder aufgenommen. Die hohen Gäste hatten sich in die zugewiesenen Gemächer zurückgezogen und nur noch wenige waren im Schlosshof oder Garten unterwegs.
Der Gerufene ließ seine Schritte ausklingen und betrachtete die Rothaarige, welche durch ihr Erscheinen auf der Hochzeit für Aufsehen gesorgt hatte. Die Arme vor der Brust verschränkt wartete er darauf, dass die andere ihn erreichte und ihr Anliegen vorbrachte.
„Sieh dich an... Du bist so erwachsen geworden. So stark.“
Noir schwieg. Einzig der Blick wurde fragend. Elaine lächelte matt. Noir war nicht nur das Ebenbild seines Vaters, sondern schien jenem auch charakterlich ausgesprochen ähnlich. Vielleicht wäre er das nicht, wenn sie hier gewesen wäre. Vielleicht wäre er anders. War es ein Fehler, was sie vorhatte? Dass sie noch hier war, statt wie gefordert ins Exil zurückzukehren?
„Du weißt nicht wer ich bin, nicht wahr?“
„Du bist Elaine. Du warst die Gefährtin meines Vaters und meine Mutter bis du zum Tode verurteilt wurdest. Wenn ich mich nicht täusche, hast du dich fern zu halten, im Tausch für dein Leben.“
Elaine erbleichte.
Damit hatte sie nicht gerechnet.
Wann hatte Alexander den Jungen aufgeklärt? Wusste er es die ganze Zeit oder erst nachdem sie vor einigen Jahren – oder waren es bereits Jahrzehnte? – den nervigen Blonden angegriffen hatte?
War es wichtig?
„Du hast dir eine schöne Gefährtin gewählt.“
Noir schwieg.
„Noir ...“
„Du solltest aufbrechen. Auch Vaters Geduld hat seine Grenzen.“
Der Silberäugige Prinz wandte sich um und setzte den unterbrochenen Gang fort. Er hatte kein Interesse, sie kennenzulernen, mit ihr zu sprechen oder zuzuhören.
Sie war eine Tote.
Eine Verräterin.
Dass der Vater sie am Leben gelassen hatte, zeigte seinen Sadismus auf beeindruckende Weise. Das Exil war zweifellos nicht einfach. Man durfte von niemandem Hilfe erwarten. Man durfte sich nicht nähern.
Noir gedachte nicht, sich über das Urteil des Vaters hinwegzusetzen. Auch wenn er ihm die Lüge übel nahm, was den Tod der Mutter betraf, vertraute er auf das Urteil und die Gründe, des Vaters.
Elaine streckte die Hand aus, um den Sohn aufzuhalten, aber ließ sich ernüchtert wieder sinken. Sie hatte gehofft, den Sohn für sich einzunehmen, vielleicht sogar die Hoffnung, dass das Exil aufgehoben würde. Aber sie erkannte, dass sie bei ihm nicht weiterkäme.
Nicht das sie aufgeben würde. Längst nicht. Aber sie müsste sich einen anderen Weg zurück an den Hof überlegen.
Wenn sie etwas hatte, dann war es Zeit und sie verfügte über enormen Einfallsreichtum. Schweigend wandte sie sich ab und verließ den Hof und vorerst auch das Leben des Clanes. Sie würde wiederkommen, wenn die Zeit gekommen wäre.
1725
Nebel liebte diese Zeit im Jahr.
Wenn die Luft nach Winter und nahendem Schneefall roch und alles etwas ruhiger vonstattenging. Die Zeit, wenn Alexander und die Erwählten aufbrachen und das Schloss und all seine Belange hinter sich ließen.
Daran hatte sich in all der Zeit, in der er an Alexanders Seite wandelte nichts geändert.
Der Blick des Blonden legte sich auf den Gefährten, der die Reisegruppe mit Noir anführte und mit jenem in ein Gespräch über die Reiseroute und die Pläne für die Auszeit vertieft war und glitt weiter zum geraubten Sohn.
Ary Tias sah sich aufmerksam um. Diese Gegend war ihm fremd und er sog neugierig alles Neue in sich auf. Das tat er stets.
Er war wissbegierig und freundlich und schien eine interessante Mischung seiner beiden Stiefbrüder zu sein.
Sanft und freundlich wie Sidh und arrogant und ehrgeizig wie Noir.
