Venez avec moi - Markus Isenegger - E-Book

Venez avec moi E-Book

Markus Isenegger

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Beschreibung

Impressionen / Reflexionen / Randnotizen / Kurzgeschichten und Apércus / Humoriges und Tiefsinniges

Das E-Book Venez avec moi wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Reflexionen,Reisenotizen,Apercus,Kolumnen,Kurzgeschichten

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gleich einem Hausherrn,

der aus seinem Schatz

Neues und Altes hervorholt

Mt 13,52

Vorwort

Anwärmen – Erwachen

Mehr Ranft

Mein Lieblingsbaum

In der Weite schienen sich Himmel und Erde zu berühren

strählen – scheiteln – striegeln

Hände an der Hosennaht

schwimmen – schwamm – geschwommen

Das Suppenhuhn

kürzer oder länger. Eine Gedankenreise

par cœur oder off by heart

Unterliegen – Meistern

Le Déraciné

Eine Kleinheit thematisieren

Als ob ein Kläffer heller belle, wenn man ihn reizt

Die Militärübung beim Einnachten

Hilf dir selbst, so hilft dir Gott

Unfall. Auf den Boden geschmissen

Bevaix. Ein Protokoll

Tine de Conflens. Eine Nachholtour

Eine Fährte aufnehmen

Das Amulett

Entsinnen – Erinnern

Licht dringt durch

Vivre la gratuité

Das Schulwandbild

Bist du schon mal ein Hund gewesen?

Was einst jedem in die Kindheit scheint

Dä Chabis-Seppali

Und dann. Kindergeschichten mit dem Tod

Einst auf der Simplon-Walz

Zu Fuss durch den Lötschbergtunnel

Die blinde Maturandin aus Gokomere

Dartmoor. Wo wilde Ponys grasen

Pepe, der das Übel an der Wurzel packte

Gesteine erforschen

Die Apperzeption

Erkunden – Erfahren

Gorges de l’Orbe. Das Staunen lernen

Cul des Prés. Am Tag, da Vater kremiert wird

Moutier. Jura libreLa Caquerelle.

Wo einst die Römer haltmachten

Meroux. Venez avec moi

Buochs. Streifzug durch die Urschweiz Plagne.

Une terre conditionnée par son relief

Grandval. Mühlstein und Eisenwerkzeuge

Bonfol. Der Largzipfel

Le Jorat. Ein Wasserschloss

Ergolz. Dieses Fliessgewässer

Schmunzeln – Lassen

Dopplet g’näht hält besser

Am Tresen einer Gaststätte

Oha lätz!

Amuse-Bouche

Drei Ganoven in Luzern

Où est-ce qu’on peut faire les affaires?

Südfleisch mager und garantiert

Neid und Pflicht und Sprachgefummel

Socken

Schwerelos wie Eva im Paradies

Der einfachere Weg

Die Gelegenheit beim Schopf packen

Jack Crompton’s checklist

Mein Namensbruder Markus

Dank

Über Markus Isenegger

Vorwort

Es gibt Menschen, die sind immer irgendwo am Singen. Andere erzählen bei jeder Begegnung lange Witze mit komplizierten Pointen. Wieder andere sind nahezu permanent am aufmerksamen Beobachten. Zu Letzteren gehört Markus Isenegger. Doch er verarbeitet ebenso konsequent das Gesehene und Gehörte. Er schreibt in einem ganz eigenen Stil. Knapp und kernig, aber doch so, als wolle er die Leserin, den Leser bei der Hand nehmen.

Ich habe zu Markus Isenegger seit rund zwanzig Jahren Kontakt. Einen sehr losen. Doch jedesmal, wenn ich ihn treffe, treffe ich einen Freund. Genauso wie er es bei seiner Leserschaft versteht, sofort einen Gleichklang zu erzeugen, so ist es auch bei den direkten Begegnungen.

Ich hatte und habe das Vergnügen, ihn bei seinen Buchprojekten begleiten zu dürfen. Sein Witz und seine tiefsinnigen, manchmal sehr überraschenden Gedanken lassen mich jeweils neu motiviert an meine eigenen Schreibprojekte zurückkehren. Genau diesen «Kick» wünsche ich allen Leserinnen und Lesern mit diesem neuesten Band von Markus Isenegger.

Helmut Rodenhausen, Buchgestalter

Anwärmen – Erwachen

Fabulieren, ausprobieren, verknüpfen. Von einem Stichwort her die Gedanken fliessen lassen, egal ob alt oder neu, ob wahr oder erträumt.

Mehr Ranft

In Meiringen treffe ich auf ein Plakat und bleibe davor einen Moment lang stehen: ein Bergbach – eine Kapelle – eine Matte. Sollen den geschäftigen Touristen alte Welten und Werte vergegenwärtigt werden? Da ist der Ranft. Mir fällt ein Wort ein, auf Französisch: espace. Und sogleich sprudele ich Verbindungen hervor: Espace Volcan oder Espace Dent Blanche, Espace de Joux, Espace Laschamp, Espace Pêche … Irgendetwas mit Ruhe dürfte es bedeuten. Weite, Wind und Wiese auch. Spatium, das lateinische Wort. Raum geben, Raum finden, der Hetze entkommen.

Das Schreibhaus in Burgdorf für angehende Schriftsteller kommt mir in den Sinn, wo man sich einmieten kann, um ungestört seine Gedanken fliessen und die Zeilen entstehen zu lassen. Ein Projekt aus der Männer-Initiative.

Mir scheint, beim Wort Espace sei ein Sehnen mitgemeint. Atmen. Aufrichten. Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Stichwort, das ich zuvor schon unterschwellig in mir herumgetragen habe: Raum der Stille. Zum Bild vom Ranft gehören das Blau des Baches, das Weiss der Kapelle und das Grün der Lichtung. Wohl jeder Espace hat seinen je eigenen Charakter. Jedenfalls etwas Grossmut und Würde: Lass dir Raum für Stille.

Mein Lieblingsbaum

Werde ich nach meinem Lieblingsbaum gefragt, fällt mir nicht die Linde irgendwo vor der Kapelle ein, auch nicht der Apfelbaum vor meinem eigenen Haus. In Immensee, wo ich derzeit wohne, gibt es zwar den Friedhofhügel mit einer Blutbuche. Vor zwei Tagen war ich dort und habe begriffen, dass der Baum älter ist als ich selbst, hundert Jahre oder noch mehr. Ob ich je sagen könnte, dass diese Blutbuche infrage käme, mein Lieblingsbaum zu sein? Kaum.

Ich mag nicht so leidenschaftlich über die Blutbuche schreiben, wie Kim de l’Horizon es tut. Seitenweise erzählend über den Garten der eigenen Familie und den Baum darin. Erstaunlich, wie sich diese*r non-binäre Literatur-Preisträger*in an die Vorfahren erinnert, Peer, Grossmeer, Urgrosspeer; auch wie Kim diesem seltsamen Baum nachforscht, sich auf die Suche nach der Mutterblutbuche begibt.

Die Blutbuche gehe auf eine Mutation der Rotbuche zurück. Eine Willkür der Natur. Rund 99 Prozent aller existierenden Exemplare soll auf die Mutterblutbuche aus dem Jahre 1690 zurückgehen, aus dem Possenwald auf der Hainleite nahe der thüringischen Stadt Sondershausen. Die Pflanze habe europaweit Interesse gefunden, sodass auch ein sehr früher Abkömmling im Londoner Hyde Park zu finden war und sich von dort aus die Blutbuche weiter ausgebreitet hat.

Mir ist diese Angelegenheit zu zwittrig, zu ausnehmend. Wenn schon, bevorzuge ich die gewohnte Buche, sie beeindruckt mich. Jedenfalls mehr als Tanne und Fichte, die ganzjährig gleich aussehen. Meine gemeinen Buchen ändern ihr Gewand im Lauf des Jahres. Hêtres hiessen diese Bäume einst auf dem Jakobsweg durch Frankreich, wo sie meist am Strassenrand zeilenweise vorkamen, manchmal in Gruppen auf Hügelzügen.

Es gibt wohl keinen andren Baum, der mich die Jahreszeiten so erleben lässt wie die Buche. Das frische Grün im Frühling macht mich selber jung und unternehmerisch. Im Herbst wird die Buche zur Kunstmalerin, besonders wenn sich an einem Nebelmorgen die Sonne durchsetzt und die schlummernden Farben erweckt. Wenn alle Blätter am Boden sind, im späten November also, freue ich mich am Rascheln des Laubs unter meinen Füßen. Doch am meisten gefallen mir die Buchen im Winter, wenn frischer Schnee liegt und die anthrazitfarbene Grafik der Äste und Stämme sichtbar wird. Die prallen Stämme ausgewachsener Buchen kommen mir vor wie die Säulen einer romanischen Kirche. Ruhe, Halt und Schauen.

In der Weite schienen sich Himmel und Erde zu berühren

Auf der Savannen-Ebene gab es den Shashe River. An einer günstigen Stelle war dieser verbaut worden. Man sagte «the dam» und meinte den dahinterliegenden See. Im Jahr 1972 verbrachten wir jungen Missionare zu viert ein paar Monate dort im Studium, um die Bantu-Sprache zu erlernen. Der Platz hiess Driefontein, ich assoziierte dies mit Troisfontaines im Burgund. Da ich immer schon ein leidenschaftlicher Marcheur war, dauerte es nicht lange, bis ich die Gegend allein zu erkunden begann. Ebenen waren für mich etwas Neues.

Eines Tages machte ich mich auf, marschierte auf einer sandigen Farmstrasse, etwa drei Kilometer weit. Ich hatte Picknick und genügend Salz mit mir. Schon stand ich vor dem robusten Erddamm, und zugleich lockte mich der See dahinter. Ich wollte ihn der Länge nach abgehen.

Man hatte mir zuvor gesagt, dieser subtropische Landstrich sei um 1937 weissen Farmern oder Ranchern zugeteilt worden. Entsprechend gebe es jetzt kaum Siedlungen für Schwarze, gelegentlich eine Viehherde. Nun wanderte ich weglos am Ostufer durch robustes Gras voran. Der See wurde schmaler und ich erkannte eine Furt über das kniehohe Wasser. Dort querte ich hinüber, machte Halt und sah mich um. In endloser Weite schienen sich Himmel und Erde zu berühren! Auf dem Rückmarsch hatte ich wiederum linksseitig den See und ich strolchte durch hüfthohes, dürres Gras. Extensives Weideland. Gegen Ende meiner Exkursion zeigte sich eine Erhebung mit Fels-Bouldern. Wie die Kulisse für ein Freilicht-Theater, so kam sie mir vor.

Die Wind-Erosion musste während Jahrhunderten solche Nischen und Formen im Felsen geschaffen haben. War da wirklich niemand herum? Da plötzlich, es rekelte sich ein Liebespaar, vermutlich Lernende aus den Werkstätten, die zur Mission gehörten. Ich grüsste und liess sie. Schliesslich erreichte ich den Erddamm und sah den einen oder andern Fischer die Rute auswerfen.

Beim Bau des Dammes hatte ich leider noch nicht da sein können, er war fertig geworden, kurz bevor ich eintraf. Ich liess mir erzählen, wie ein Unternehmer namens Mister Godard mitsamt seinem Baugeschäft sich ins Zeug gelegt habe. Dies im Auftrag der Schweizer Mission, in Absprache mit Anrainern. Der Verbund aus Steinen, Zement und im Kern auch aus lehmigem Dreck habe dieses standfeste, zwölf Meter hohe Wehr ergeben. Die Dammkrone sei mit Zement befestigt worden, sodass die halbjährliche Regenzeit dem Bauwerk nichts anhaben konnte. Die Troisfontaines waren als wirtschaftliche Basis für die Missionare der Region wichtig.

strählen – scheiteln – striegeln

Den Sommer über war ich mehrmals auf dem Simplon in den Heidelbeeren. Die Walliser nehmen den «Strähl», um an die Beeren heranzukommen. Die graublauen Kugeln stecken unter den Staudenblättern. Auch ich hantierte mit diesem Gerät. Beim Abstreifen bleiben nicht bloss die gewünschten Beeren, sondern auch Harz, trocknender Beerensaft und sonstiger Dreck im Rechen. Die robusten Nägel des «Heubeeri-Strähls» lassen sich mit einer «Ebnat-Fege-Bürste» aus Schweizer Holz vom MMM-Supermarkt putzen. Ihre kräftigen Reisborsten taugen danach weiterhin zum Bodenschruppen.

Anders ist es bei meinem persönlichen Kamm. Gestern wollte ich den Talg abmachen, der sich allmählich angesammelt hatte. Ich versuchte es zunächst mit Seife und Wasser, dann mithilfe von Zahnstocher und Schraubenzieher, hatte aber kaum Erfolg. Schliesslich gelang es mit der Zahnbürste. Allerdings waren danach die Borsten ausgefranst und voller Schmutzresten. Für die Zähne taugte die Bürste nicht mehr und landete im Abfalleimer. Sie war zur «Einwegbürste» geworden. Gewiss wasche ich regelgetreu meinen Skalp. Den Sommer über trage ich die Haare kurz, im Herbst, wenn es kühler wird, entsprechend länger.

Dann ist es Zeit, wieder den Kamm hervorzuholen. Wie ein Rechen sammelt er Rückstände von Schuppen und Fett ein.

In der Pubertät trug ich gar einen Scheitel. Linksseitig. So war es üblich damals. Ich folgte dem «Säfe» (Xaver), der einige Jahre älter war wie ich und die Coiffeur-Lehre abgeschlossen hatte. Wir Jungen wollten schön daherkommen und kämmten uns täglich. Lehrer Amstutz trug einen Mittelscheitel. Er war wohl der Einzige im Dorf. Mir scheint, als wollte er die beiden Hirnhälften hervorheben, die analytische und die intuitive.

In den 1968er-Jahren geriet der Scheitel ausser Mode, es kamen die langen Haare und ein lockeres Aussehen.

Mit dem Jahrtausendwechsel schwenkte das Pendel zurück, man trug wieder kürzeres, gepflegtes Haar. Dennoch würde ich mich heute schämen, mit Scheitel umherzulaufen. Ich käme mir vor, als gliche ich einem Neo-Nazi, zumindest einem Bürger von ganz rechts. In den frühen 1980er-Jahren traf ich in Spanien Männer mit Scheitel. Solche in brauner Uniform und mit Armbinde. Dass sie den Scheitel rechtsseitig gezogen hatten, wie einst Adolf H., wage ich nicht zu sagen, aber Angst gemacht haben sie mir.

Anders das Erlebnis im Flughafen. Auf Transit in Johannesburg war mir mehr Zeit beschert als sonst. Ein in Weiss gekleideter Zollbeamter ging durch die Halle und über die Rolltreppe, nahm den Kamm aus der Hintern-Tasche, «strählte» sein gewelltes Haar und steckte den Kamm zum Geldbeutel zurück. Ich sah ihn patrouillieren, sich hin und wieder kämmend. Eine Marotte? Ein Schönling? Ein Narzisst? Schmunzelnd liess ich ihm die Freude an der gewellten Mähne und am Frisieren.

Nun bin ich zurück in der Schweiz und treffe auf Gebirgsrekruten, es sind Train-Soldaten in Flühli LU. Gegen Abend eines strengen Einsatzes pflegen sie ihr Pferd, sie striegeln es. Nicht, dass sie dem Tier einen Scheitel oder gar Zöpfe verpassen; doch mit der «Kardätsche» bringen sie allerlei Verborgenes hervor, sie machen Staub, Schmutz, tote Bremsen, verklebte Haare und Stacheln weg.

Hände an der Hosennaht

Baris Tokgöz, der Junge mit Schweizerpass, ruft an der Dorfstrasse seinem Kollegen Lempe zu: «Nöchschti Wochä heisst’s dä ‹stramm gestanden!›». Baris wird in die Schweizer Rekrutenschule eintreten. Da gilt es, Befehle zu befolgen. Der Soldat klackt die Stiefel zusammen, richtet den Kopf hoch und presst die flache Hand ans Bein.

Während des Kalten Krieges war ich selbst eine Zeit lang Soldat. Die Uniformen hatten aussen an der Beinnaht einen schwarzen «Spaghettistreifen». Vielleicht als Erkennungszeichen im Unterschied zur zivilen Hose? Unklar, ob dies schon bei Napoleon so war – aber dieser hatte keine feldgrauen, sondern weisse Hosen. Jedenfalls muss es schon seit den beiden Weltkriegen diese schwarze Spaghettinaht für die unteren Ränge gegeben haben; die höchsten Schweizer Offiziere der Armee trugen Hosen mit breitem schwarzem Streifen. Da wusste jeder: Hier hatte man es mit dem Generalstab zu tun.

Vater war selbst Offizier. Als Hauptmann im Zweiten Weltkrieg trug er den schmalen Streifen; jedoch mit fünfzig erhielt er die breite Naht, und auch der Hut wurde anders.

Vater war beeindruckt von den Schweizer Grenzsoldaten jedweden Krieges. Er wollte unbedingt einmal in den Hochjura, dessen Grenze er aus den Geschichtsbüchern kannte. Bourbaki-Soldaten waren dort interniert worden oder erfroren (1871), und Ähnliches passierte in den beiden Weltkriegen.

Mitte des 23. Jahrhunderts war das Angebot des öffentlichen Verkehrs sehr dünn und es gab noch wenig Privatautos. Man reiste kaum umher. Doch eines Tages war es so weit. Vater konnte mit einer Gruppe befreundeter Offiziere und zwei Autos an die einstige Kriegsgrenze fahren, irgendwo zwischen Le Locle und Pontarlier. Dort hatten einst die Soldaten Wache gestanden in der Stille verschneiter Wälder. Wie nun die Offiziere (in Zivil) respektvoll die Fersen zusammengepresst hielten, «Hände an der Hosennaht»!

Immer wieder erzählte Vater uns von der Grenzbesetzung und den Soldaten. Vielleicht ist etwas von seiner Leidenschaft für das Vaterland auf mich übergekommen.

Wenn in diesen Tagen ein Junge dem andren auf der Strasse etwas von «Strammstehen» zuruft, horche ich hin. Secondos aus dem Süden kämpfen in der Schweizer Armee und verteidigen Vaters Vaterland. Es sind diese einstigen Fremdlinge, die ich soldatisch bewundere.

schwimmen – schwamm – geschwommen

Den Fröschen in der alten Kiesgrube zuschauen, wie sie sich sonnen. Plötzlich der Sprung, dann ein paar Schwimmzüge und schon ist einer verschwunden im Schlick. «Frösche können beides», erklärte Vater mir, «sie überleben zu Lande und zu Wasser.» Im Militär gebe es Panzer, die dies auch könnten, ins Wasser hinein und wieder an Land. Amphibische Fahrzeuge nenne man sie. Vater war begeisterter Militär und so einer war auch sein Bub. Allerdings wusste dieser noch nicht, was amphibisch besagt. Es muss irgendwann in der Sekundarschule gewesen sein, dass ich selbst schwimmen lernte, vielleicht schon in der Primar.

Wir übten an Land, standen auf dem einen Bein und machten mit dem andren und den beiden Armen Schwimmbewegungen in der Luft. Bald gingen wir ins Bassin am See. Zwei Schüler durften assistieren, damit nicht plötzlich der Kopf absoff und der Lernende unter Fuchteln, Husten und Pusten auf dem Grund des Bassins zu Füssen kam.

Beim Eintritt ins Lehrerseminar war wohl ein Drittel meiner Klassenkameraden Nichtschwimmer, die meisten aus dem Entlebuch. Die Kleine Emme und ihre Zuflüsse führen im Sommer zu wenig Wasser oder dann – bei Gewitter – plötzlich zu viel, sodass die Buben nie üben konnten. Turnlehrer Furrer nannte das Ziel: «Bis Ende Sommer können alle schwimmen!» Jene, die es schon konnten, sonnten sich draussen auf dem Floss, sprangen ins Wasser, schwammen und kamen munter an Land, als wären sie selbst Amphibien.

Zum Schwimmunterricht gehörte das Tauchen. Grosslöcherige Aluminiumteller wurden ins Wasser geworfen und dann herausgefischt. Wir lernten den Atem anhalten und die Augen öffnen. Später konnte ich mir eine Taucherbrille erstehen. Beim Rettungsschwimmen traten wir die Prüfung an. Einige mussten nochmals antreten; ich war so einer, allerdings nicht des Tauchens wegen, sondern weil ich beim Streckenschwimmen die Zeitlimite überzogen hatte.

Den Baldeggersee überqueren, das traute ich mir nicht zu. Jedoch versuchte ich einige Jahre später im Vierwaldstättersee die Felswände entlang bis nach Treib zu schwimmen.

In der Umgangssprache hat Schwimmen eine zusätzliche Bedeutung, ohne Wasser. Im Duden steht: «beim Reden durch schwimmartige Armbewegungen die fehlenden Worte ersetzen».

In der Schulstunde oder bei einem Theatertext kann dies passieren. Lehrer Bill stand neu vor der Klasse des Obergymnasiums und wurde deshalb bald einmal durch seine Schüler getestet. Sie stellten ihm Fragen, worauf er erklärte, gestikulierte, fuchtelte und schliesslich gestand: «Da müsste ich zuerst nachschauen.» Die Schüler nannten ihn «Körkli», kleiner Kork. Ein paar Jahre später, bei der Matura, war es umgekehrt: Lehrer Bill stellte Fragen und wehe, wenn jetzt der Schüler zu gestikulieren begann und dadurch sichtbar machte, dass diesmal er selber am Schwimmen war.

Das Suppenhuhn

Vor mir liegt die Doppelseite einer sehr alten Ausgabe der Migros-Zeitschrift mit Menüs für den Winter. Ich lese: Suppenhuhn. Genannt sind Zutaten wie Knoblauch, Zwiebeln, Rüben sowie Lauch und viel Wasser. Das Huhn muss zwei bis vier Stunden lang gesotten werden. Man kann noch Ingwer dazugeben. Weihnachten steht bevor. Ich möchte Gäste haben. Dies wäre doch ein tolles Menü! Doch mir fehlt es an Übung.

Sollte ich nicht besser bei den bewährten «G’schwellti mit Chäs» bleiben und somit «bei des Schusters Leisten»? Zehn Jahre sind es, seit ich so ein Huhn gekocht habe. Ob ich es noch kann?

Als Kinder fuhren wir an Weihnachten meist zu Grossmutter. Am 26. Dezember oder so. Über Jahre hinweg. Suppenhuhn gab es kaum, eher Brathuhn oder Bruthahn. Immerhin.

In der Volksschule nahmen wir das Bresshuhn durch. Es komme aus Frankreich, aus der flachen Gegend von Bresse, wo es Farmen gebe mit Auslauf für viele Hühner.

Es muss etwas mit Gesundheit zu tun haben, mit Widerstand und auch mit Kraft. Am vierten Advent ziehen tausenddreihundert Jugendliche in der Kälte durch Wälder und Wiesen dem Ranfttreffen zu. Davon habe ich an der Info-Tafel im Bus gelesen. Das Motto heisse: «Tschüss Gewohnheit – Ahoi Herausforderung!» Es gebe Zwischenhalte. Workshops und gewiss etwas zu essen. Hühnersuppe vielleicht? Was wird wohl aus dem Mut der Jugend in dieser Winternacht? Was wird aus meinem Mut mit Suppenhuhn? Gewohnheit gegen Herausforderung?

Mein Projekt macht mich mehr und mehr gluschtig. Bereits bin ich kribbelig. Ja, ich traue mir das Kochen zu. An Weihnachten möchte ich Gäste haben, ich werde vor die Mühle auf den Strassenplatz gehen, wo es immer Leute hat, und ihnen zurufen: Suppenhuhn – Suppenhuhn «ahoi»!

kürzer oder länger. Eine Gedankenreise

Für die Personalzeitschrift muss ich hin und wieder das Editorial schreiben. Anfänglich beanstandete die Druckerei, der Text sei zu lang und in der üblichen Schriftgrösse kaum unterzubringen. Kürzer wäre besser.

Also etwas weglassen. Auf etwas Kreatives verzichten tut aber weh. «You are killing my darling», dies hat schon manch ein Schreiber seiner Lektorin vorgeworfen.

Ich bin gewiss kein Poet, ich schreibe kaum Lyrik, die mittels Auslassungen, Lücken und Leeren dichterisch glänzende Goldnuggets heraushebt. Nach dem Prinzip, wonach in der Kürze die Würze liegt.

Ich schreibe Prosa, ich liebe den Fliesstext. Fabulierend, schnabulierend plaudere ich drauflos. Mir liegt daran, den Erzähler ausleben zu lassen. Zwar höre ich von den Literaturkritikern, es gebe «Längen» in fast jedem Roman, über Filme sage man dies auch. Deshalb muss ich meinen fast uferlosen Plaudertrieb steuern; gegensteuern sogar, indem ich ab und zu jemand anderes bitte, sie oder er möge darauf achten, wo ihm oder ihr beim Lesen ein Gähnen aufkomme. Das wäre das Signal für «zu lang». Ändern und ausdünnen könne ich immer noch. Wie der Bauer sagt: «Mit Verluscht muäsch rächne.»

Nun ist mir vor einer Woche passiert, dass mein Editorial aus lauter Angst vor Längen zu kurz herauskam. Jedenfalls gemäss dem Urteil meiner Redaktionskollegen angesichts vom Gut zum Druck. Ob ich nicht doch noch einen Gedanken oder so hinzufügen könne. «Nicht mehr», sage ich, «denn jetzt ist meine Plauderlaune verdampft.»

Mein Vater, der selber Sohn eines Schreiners war, pflegte ironisch zu kommentieren: «Mehrmols abgsaaget ond däh no z’kurz gsii.»

Par cœur oder off by heart

«Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm … Sag wer ist das Männlein klein, das da steht so ganz allein mit dem purpurroten Mäntelein.» Es ist ein Kinderlied, zweifellos; aber es fällt mir einfach so ein und ich staune, wie leicht ich fast alle Verse herholen kann. Den Kindergarten gab es damals noch nicht. Ich muss das Lied anderswie übernommen haben. Es gehört zu meinem inneren Schatz. Wenn ich heute irgendwo Kindern begegne, kann ich darauf zurückgreifen.