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Das unabwendbare Schicksal der Venezia Daponte Das Schicksal einer Familie. Eine verborgene Wahrheit. Das Ringen um Liebe und Ansehen. Andros zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der junge und wohlhabende Linardo Daponte verliebt sich in die Schneiderin Anesa. Trotz der unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen der beiden Liebenden heiraten sie heimlich und ihre Tochter Venezia Daponte wird geboren. Mit dem Jungen Angelos, Sohn eines Angestellten der Familie, mit dem sie geschwisterlich aufwächst, verbindet sie bald mehr als bloße Freundschaft. Durch die arrangierte Hochzeit mit Perros, einem Reednereisohn, soll dies unterbunden werden, doch ihr Mann ist als Kapitän selten zu Hause und Venezia flüchtet sich vor der Einsamkeit in die Arme ihres Jugendfreundes. Während das Anwesen ihrer Familie immer weiter zerfällt, drehen sich ihre Gedanken ausschließlich um die Geheimhaltung ihrer Liebschaft. Auf Tochter Erietta folgt das zweite Kind, eindeutig das Kind Angelos'. Die Furcht vor der Entdeckung ihrer Affäre treibt Venezia dazu, zu immer härteren Mitteln zu greifen, um ihr Ansehen zu wahren. Als Tochter Erietta mit einem italienischen Besatzer eine Affäre eingeht wird Angelos rasend vor Wut und begeht den wohl schlimmsten Fehler seines Lebens… Es folgt die hastige Flucht von der Insel nach Athen. Erst Jahre später soll ein Foto Venezia klarmachen, was wirklich hinter ihrer tiefen Verbundenheit zu Angelos steckt.
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Seitenzahl: 575
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Venezia | Reihe: Via Egnatia
Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Erste Auflage 2017
© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main
www.groessenwahn-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 978-3-95771-128-1
eISBN: 978-3-95771-129-8
Maria Skiadaresi
Aus dem Griechischen von Brigitte Münch
Venezia
Autor
Maria Skiadaresi
Erschienen 1995/2013 bei
Ekdoseis Patakis, (Εκδόσεις Πατάκης) Athen, GRΕ
Originalausgabe:
›Άτροπος ή Η ζωή και ο θάνατος της Βενετίας Δαπόντε‹
© Copyright by S. Patakis SA & Maria Skiadaressi, Athens, 1995/2013
Übersetzerin
Brigitte Münch
Seitengestaltung
Größenwahn Verlag Frankfurt am Main
Schriften
Constantia
Covergestaltung
Marti O´Sigma
Coverbild
Artemis Arnakis, Öl auf Leinwand
Lektorat
Thomas Pregel
Druck und Bindung
Print Group Sp. z. o. o. Szczecin (Stettin)
Größenwahn Verlag Frankfurt am Main
Mai 2017
ISBN: 978-3-95771-128-1
eISBN: 978-3-95771-129-8
Für Kostas
»Ringsherum sitzen, im gleichen Abstande voneinander, drei andere Frauen auf Thronsesseln. Es sind die Moiren, die Töchter der Notwendigkeit, Lachesis, Klotho und Atropos, sie singen zu den Tönen der Sirenen. Lachesis singt vom Vergangenen, Klotho vom Gegenwärtigen, Atropos aber vom Zukünftigen.«
Platon, Der Staat
(Zehntes Buch, XIV-XV)
Am Morgen des 7. September 1943, einem Dienstag, wurde in der Region Péra Meriá zwischen den Tamarisken Franco Solerti tot aufgefunden, mit dem Gesicht im Sand liegend. In seinem nackten Rücken steckte in ihrer vollen Länge die Klinge eines Messers mit einem Griff aus Bein, eins von solchen, die zum Häuten von Schweinen benutzt werden.
Als Absolvent der Universität Padua sprach er ein bisschen gebrochenes Altgriechisch, und er war kein Faschist. Er war durch die Vermittlung seines Vaters, eines treuen und erklärten Anhängers des Regimes, Offizier geworden. Von sensiblem und verträumtem Wesen, spielte er in seinen freien Stunden Gitarre und las klassische Literatur. Er war gutaussehend, rechtschaffen, anständig. »Wie und wann hat er es bloß geschafft, sich Feinde zu machen?«, fragte sich der militärische Kommandant der Insel, der ihn auf den ersten Blick gemocht hatte, ihn als persönlichen Sekretär in seinen Dienst genommen und auch ein Haus zum Wohnen für ihn besorgt hatte.
Je weiter die Ermittlungen fortschritten, desto undurchsichtiger wurde die Sache. Ein Stück weiblicher Unterwäsche sowie Spuren von Pumps im Sand wiesen darauf hin, dass Franco kurz vor seinem Tod mit einer Frau zusammen gewesen war. Der Stich jedoch war kraftvoll, zielsicher und das Messer – vor allem dieses Messer – für eine Frau schwer zu handhaben. In den offenen, gläsernen Augen schimmerte noch etwas wie Ekstase. ›Es sieht so aus, als hätte der Tod ihn in einem Augenblick des Glücks ereilt, und welche Stunde ist denn wohl glücklicher als die der Liebe?‹, dachte der Kommandant. ›Nur die Hand eines blindwütig Eifersüchtigen ist fähig, das Leben eines Menschen im Augenblick der Liebe zu vernichten.‹ Er klingelte.
»Ich will die Namen aller verlobten und jung verheirateten Frauen des Hauptorts Chora und der umliegenden Dörfer«, trug er seiner Ordonnanz auf.
Dieser Gedanke des Kommandanten, durchaus logisch auf den ersten Blick, jedoch völlig verfehlt, lenkte die Ermittlung in die falsche Richtung, und als der Verdacht allmählich auf die richtige Spur kam, war es schon zu spät. Wenige Tage danach ging die Insel im Zuge der Kapitulation Italiens an die Deutschen über. Und so wurde Franco Solertis Mörder nie gefunden.
LACHESIS
(Die Zuteilerin)
Andreas Dapontes Hand zitterte, der Kaffee schwappte über den Tassenrand, das Leinenjackett saugte ihn auf, so, wie nur Reichtum zu saugen versteht.
»Wer, Menschenskind? Logothetis’ Tochter? Welche von allen? Die Schneiderin? Das ist ja wohl nicht zu fassen! Du und sie!«
»Wieso?«
»Weil sie nicht standesgemäß ist.«
»War Mama denn reich, als du sie zur Frau genommen hast?«
»Reich war sie nicht. Aber sie war die Enkelin von Dimitrakis Kampanis, Gemeindevorsteher seit der Türkenzeit, der auch die Fahne der Revolution erhoben hat!«
»Schon gut, schon gut, das habe ich nun schon tausendmal gehört. Die Revolution, die Standarte, der Großvater Dimitrakis ...«
»Halt deine Zunge im Zaum, Linardo! In diesen Dingen steht dir kein Urteil zu, du bist viel zu jung. Man höre sich das an: Da vergleicht er seine Mutter mit Logothetis’ Tochter!«
Daponte drehte sich zur Seite und spuckte angewidert auf den Boden.
Antonis Logothetis war freilich ein Trunkenbold, doch er hatte auch seine Gründe. In seiner Jugend war er ein angesehener Herr auf seiner Insel gewesen. Mit seinen Kuttern lieferte er Eicheln aus Naxos und Lesbos zu den Gerbereien auf Samos. Er machte gutes Geld. Seine Besatzung zählte zuweilen jeweils an die dreißig Leute. Doch als seine Frau mit dem Polizeioffizier durchbrannte, brach die Schande über ihn und seine vier Töchter herein, und auf der Suche nach einem Unterschlupf, um das erlittene Ungemach zu vergessen, gelangte er auf die Insel des Kyr Andreas. Und hier, sei es durch die widrigen Umstände, sei es durch den Kummer und das Trinken, gingen die Geschäfte allmählich schlechter – sie schrumpften zusammen wie ein billiges Kleidungsstück in der Wäsche. Er sank zum Fischer mit einem einzigen Boot herab, der Irene – Name der Treulosen.
»Aber ich liebe sie!«
»Und ich sage dir, dass das vorübergeht, so wie mit all den andern auch.«
Linardo Daponte hat schon in vielen Betten gelegen. Er durchpflügt mit seinen Freunden die Orte Mesariá und Chora und nascht ungeniert von allem, was ihm vor den Bug gespült wird: Töchter von Landeignern, Fischern, Hufnern und Kapitänen. Namen und Geld sind bedeutungslos für ihn, angefangen bei ihm selbst. »Überheblichkeiten« nennt er es in den Unterhaltungen mit seinen Freunden: Diamantis, der Friseur, und Triantafyllos, Sohn der Witwe Erinió, die sämtliche Marmortreppen der Insel gescheuert hat, um ihren Augapfel großzuziehen.
Linardo kann die seidenen Sommeranzüge und die Tweed-Umhänge seines Vaters nicht ausstehen. Er mag weder das Monokel an seinem linken Auge noch die tadellosen Gamaschen. Vor allem anderen aber hasst er jene Miene der strengen Freundlichkeit, die Kyr Andreas annimmt, wenn er von der Höhe seines Einspänners herab die Leute grüßt.
Andreas Daponte, wohl situiert mit ruhmreichem Namen, tritt jeden Morgen nach dem Aufwachen auf die östliche Veranda und liebkost mit dem Blick die Haine der Zitrusfrüchte, soweit das Auge reicht – mit dem Stolz des Mannes, der es gewohnt ist, die Welt von oben herab zu betrachten, und der in die Kissen seines wohlwollenden Schicksals gebettet ist. Er fühlt sich glücklich, wenn er zu den Schweine- und Kuhställen hinüberspaziert, und er empfindet es als ganz natürlich, dass im Kafenion alle aufstehen, wenn er es betritt, auch wenn er nur einen einzigen Stuhl zum Sitzen braucht. Die größte Bestätigung seiner Vorzugsstellung jedoch stellt die Ausfahrt in den Ort Chora mit seinem kleinen Wagen dar. Dort liest er im Klub als Erster die Zeitung, noch unzerknittert, und nicht am Lesepult, sondern sitzend, und das Nargileh raucht er mit seinem eigenen Mundstück aus Elfenbein, das Konstantis im Schanktisch verschlossen für ihn verwahrt.
Linardo steigt nie auf einen Wagen. Wo immer er hin will, geht er zu Fuß oder nimmt sein Pferd. Er kümmert sich nicht um das Gerede hinter seinem Rücken und stellt sich den Bitten seiner Mutter gegenüber taub, sich »geziemend« zu benehmen.
›Wenn geziemend bedeutet, unter einem Knoten am Hals zu ersticken und eine Frau am Arm zu führen, die kalt wie ein Grabstein ist wie meine Mutter, dann scheiße ich doch auf das Geziemende‹, denkt er immer wieder und schüttelt seinen blonden Haarschopf. Ihm sind angeklebte, ordentlich gekämmte Haare mit gerade gezogenen Scheiteln ein Graus.
Daponte wiederum macht die Flatterhaftigkeit seines Sohnes zu schaffen. Als er vor zwei Jahren Franka, die Tochter des Kutschers Nikolas, geschwängert hatte, hätte Kyr Andreas ihn beinahe umgebracht. Das arme Mädchen! Sie bekam es mit der Angst, suchte Hilfe bei Heilkundigen und trug bleibende Schäden davon. Daponte blutete das Herz, als er den Mann, der so viele Jahre für ihn gearbeitet hatte, wie ein Kind weinen sah. Um es einigermaßen wieder gutzumachen, kaufte er ein Haus auf Nikolas’ Namen, damit er seinem Kind, das schwach wie ein Vogel geworden war, etwas hinterlassen konnte, wenn er die Augen schloss. Dann nahm er sich seinen Sohn vor, um ihn wegen seines Lebenswandels zur Rechenschaft zu ziehen. Der Taugenichts erklärte, das Mädchen heiraten zu wollen, doch Kyr Andreas war nicht bereit, das alles hinzunehmen. Er verfrachtete ihn kurzerhand auf ein Schiff und schickte ihn als Präsent zu seinem Cousin Jerasimos nach Braila in Rumänien, um die Sache zu verschleiern und in Vergessenheit geraten zu lassen. In der gleichzeitigen Hoffnung, dass der Handel vielleicht Linardos Interesse wecken könnte. Seiner Frau jedoch war zum Sterben zumute, ihren geliebten Sohn so weit fort zu wissen. Sie verließ das eheliche Bett, schlief in Linardos Zimmer und sprach den ganzen Tag kein Wort. Kyr Andreas gab schließlich nach. Nach sechs Monaten beorderte er seinen Sohn zurück nach Hause.
Die Monate seines Aufenthalts in Rumänien waren ihm gut bekommen. Seine Arme hatten an Kraft zugenommen, sein Schnurrbart an Dichte, er war zum Mann geworden. Er begann sich für das Landgut zu interessieren. Und schlug seinem Vater vor, sämtliche Maulbeerbäume zu roden – sie gaben ohnehin kein Seidengespinst mehr her nach der Wurmplage, die die Region befallen hatte – und den Hang mit Weinstöcken zu bepflanzen. Er beriet ihn auch mit klugen Ideen für die Systematisierung des Zitronenexports. Daponte freute sich über die offenkundige Veränderung seines Sohns. Er bepflanzte den Hügel mit Weinstöcken und hatte seine Freude an den ersten Trauben – wächsern und saftig lagen sie in seiner Hand. Er war jedoch nicht mit der Handhabung der erforderlichen Geschäfte vertraut, er konnte die fertigen Produkte nur aufbewahren. Und so gelang es ihm nicht, nennenswerte Bedeutung auf dem Weinmarkt zu erlangen – Anagnostou hatte hier die Schlüsselstellung inne –, er verlor eine Menge Geld und schwor, sich nicht noch einmal auf so etwas einzulassen. Sein Verhalten machte seinem Sohn deutlich, dass er ihn für den Misserfolg verantwortlich hielt, und er reagierte mit Trotz. Tagelang sprachen sie nicht miteinander.
Vergrätzt und finster folgte Linardo seinen Freunden zur Kirchweih des 15. August. Langsam, mit kleinen Schlucken trank er seinen Brusco und schaute geistesabwesend zu den Köpfen hinüber, die zu den Noten der Laute und des Santuri auf- und ab hüpften. Und da sah er sie. Zwei schwarze Zöpfe, glänzend wie Wasserschlangen auf ihrem Rücken, und ein bronzefarbenes Gesicht, liebreizend wie frischer Most und mit zwei Grübchen in den Wangen voller Anmut. Auch Anesa sah ihn, sie wurde rot und wandte den Kopf ab, wie sie es immer tat, wenn sie ihn sah.
›Oh mein Gott‹, dachte sie. ›Das ist der Heilige Georg! Blau wie das Meer und blond wie die Ähren.‹ Scheinbar gleichgültig drehte sie sich wieder in seine Richtung. Seine Augen waren noch immer auf sie fixiert. Ein Schwindelgefühl erfasste sie. ›Das glaube ich nicht! Dieser Gott sollte mich anschauen?‹ Sie entfernte sich von der Menschenmenge und setzte sich unter einen Maulbeerbaum, weit weg vom Tanzplatz. In ihrer Brust signalisierten die heftigen und holprigen Herzschläge ihre helle Aufregung.
Plötzlich schien irgendetwas sanft ihren Arm zu berühren. »Ein Blatt vom Baum«, sagte sie zu sich selbst und wollte es abstreifen. Es war seine Hand. Sie wandte sich um, sah ihn an und wurde wieder von Schwindel erfasst. Sie senkte die Augen zu Boden. ›Aus der Nähe ist er noch schöner‹, dachte sie und riskierte wieder einen verstohlenen Blick. Sein Blick – etwas blau, etwas grau, scharf wie eine Nadel, leuchtend wie ein Lichtstrahl drang in den ihren ein, er löschte ihn aus. Sie schloss die Augen. ›Lieber Gott, ich träume!‹ Er nahm ihre Hände in die seinen. Sie waren warm, und die Fingerspitzen schienen leicht zu zittern. Sie entwand sich ihm. Sie ging und suchte hinter der großen Platane Zuflucht. Tränen erstickten sie. Seine Schritte wurden hörbar, sie näherten sich, waren da. Ein Duft von frisch gewaschener Kleidung und trockenen Blättern drang ihr in die Nase.
»Wie heißt du?«
Zum ersten Mal hörte sie seine Stimme. ›So redete der Heilige Georg, und die Menschen haben ihn heiliggesprochen und feiern seinen Namen.‹ Sie machte wieder eine Bewegung, um fortzugehen, doch ihre Füße gehorchten nicht, sie hielten sie fest.
»Anesa.«
»Anesa – und weiter?«
»Logothetis.«
»Der von Samos?«
Sie nickte »ja« mit gesenktem Kopf.
»Ich wusste nicht, dass Logothetis so reich ist!«
Ihr Blick zeugte von Unverständnis.
»Mit einem solchen Schatz im Haus!«, sagte er und zeigte auf sie.
»...«
»Ich bin Linardo Daponte.«
»Das weiß ich, gnädiger Herr.«
»Gnädiger Herr!« Gelächter verschlug ihm die Sprache, es brach aus seinem Mund hervor und ließ seine weißen Zähne sehen. Anesa fühlte sich noch mehr eingeschüchtert.
»Du sollst Linardo zu mir sagen. Jetzt, wo wir uns kennengelernt haben, sind wir doch Freunde.«
»...«
»Willst du etwa nicht?«
Ob sie will? Er fragt, ob sie will! Aber geht denn sowas? Er und sie Freunde! Und was für eine Art Freunde denn? Sie öffnete den Mund, »von wo und bis wo«, wollte sie ihn fragen, es waren doch zwei verschiedene Welten. Sein Herrenhaus gleich einer Burg auf dem Landgut, mit Schießscharten aus behauenem Stein und dem Zeichen des vornehmen Namens über dem Portal, inmitten von Landbesitz, so weit das Auge reicht – und dagegen ihr Heim: Das Ziegelhaus hinter den Schlächtereien, zwei Kammern für fünf Personen, Tonteller auf dem Küchentisch, daneben die Schneiderwerkstatt – Garnrollen, Nadeln und billige Stoffe.
Nichts von all dem war zu hören. Ihre Zunge klebte am Gaumen, sie löste sich keinen Millimeter, um die Worte durch die Zähne zu stoßen. Sie ließ sich gegen den Baumstamm sinken, als ob ihr schwindelte. Linardo beugte sich über sie, packte sie bei den Armen – ihr Gesicht fiel auf seine Brust, sie atmete seinen Geruch ein, und der Schwindel ließ nach. Im hohlen Stamm der Platane pochte der Schlag ihres Herzens wie aus einem Horn. ›Ob er es wohl auch hört?‹, ängstigte sie sich und hob den Kopf, um es an seinen Augen zu prüfen. Als ob er ihr eine Falle gestellt und diese Bewegung erwartet hätte, neigte er sich noch näher zu ihr und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Anesa war starr. Er zog sie zu sich heran und küsste sie, küsste sie nochmals, und sie blieb wie versteinert in seinen Armen. Er drückte sie leidenschaftlich und murmelte Worte der Liebe.
»Würdest du mich heiraten, wenn ich dich darum bäte?«
Sie glaubte sich verhört zu haben. Er merkte das und fragte sie noch einmal. Anesa verlor die Fassung, sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Ganz sicher machte er Witze, er war betrunken oder sehr leichtfertig. Sie versuchte, sich seinen Armen zu entwinden. Er drückte sie mit aller Kraft an sich, und ihr Körper kribbelte vor Schmerz. Ihre Arme hingen wie welke Blumenstiele herab.
»Ich will dich, Anesa. Mein ganzes Leben lang habe ich dich gesucht, weißt du das?«
›Er ist bestimmt betrunken, mein Gott, was soll ich nur tun?‹
»Sag mir, wirst du mich heiraten?«
Und sie dachte: ›Worte des Augenblicks – nichts als Luftblasen und Träumereien.‹
»Ich möchte dich mein Leben lang an meiner Seite haben.«
›Warum, lieber Gott, hat er ausgerechnet mich ausgesucht, um seinen Spaß zu treiben? Ist es etwa möglich, dass er mich an seiner Seite will, als feine Dame, in seinem Haus, von gleichem Rang wie Violanto Daponte?!‹
Linardos Küsse wurden heftiger, verlangender, sie wehrte ihn ab, doch ihre Hände gaben nach. Ach! wie schön waren doch seine Augen, und sein Kopf strahlte wie eine Sonne über ihrer Brust.
»Du mein frischer Quell«, murmelte Linardo zwischen ihren Brüsten, und sie dachte, dass sie fort musste: ›Der Vater wird böse werden und Katina wird nach mir suchen.‹ Sie war voller Unruhe und konnte zwischen seinem Geflüster keinen vernünftigen Gedanken fassen.
»Willst du mich denn auch ein bisschen?«, sagte er mit Tränen in den Augen.
›Das kann nicht sein, dass mir das passiert, ich träume!‹
»Sag mir, ob du mich auch willst.«
Ob sie ihn will! Sie, die ihn schon so lange immer wieder von weitem sieht und dabei ein flaues Gefühl im Magen spürt wie nach zwei Tagen Hungern!
Anesa, schon seit langem in Linardo verliebt, spürte den Knüppel der Vernunft zuschlagen, wann immer die Sehnsucht aus ihrem Herzen strömen und sich zu Gedanken formen wollte. Doch nach dieser ersten, so stürmischen und magischen Begegnung brach ihre Abwehr ein – und sie überließ sich der Reise der Verzückung.
Linardo teilte seinen Entschluss unverzüglich seinem Vater mit.
»Ich liebe sie, sage ich dir!«
»Wie plötzlich ist das denn gekommen, Mann?«
»Was spielt denn die Zeit für eine Rolle? Ich will mit ihr leben.«
»Es wird vorübergehen, wie auch mit all den andern.«
»Sie ist nicht wie die andern, Vater.«
»Linardo, komm zur Vernunft! Das sind keine seriösen Angelegenheiten!«
»Ich kann sie auch ohne deinen Segen zur Frau nehmen. Aber das ist, wie du selbst sagst, noch viel schlimmer. Im Übrigen – was verlange ich denn schon? Heiraten will ich und nicht irgendein Verbrechen begehen! Mir steht ja wohl auch eine Frau zu.«
»Menschenskind, dir stehen viele zu. Aber wie dem auch sei ...«
In Dapontes Kopf arbeitet es fieberhaft. Die Sache erscheint ihm ernst. Und weil schwierige Probleme kluge Lösungen brauchen:
»Hast du das schon deiner Mutter gesagt?«
»Ich wollte, dass du es zuerst erfährst.«
»Sag es auch ihr.«
Im Anschluss an eine unsägliche Unterhaltung mit ihrem Sohn legte sich Kyria Violanto mit Fieber ins Bett. Der Doktor empfahl Ruhe und keine Aufregung. »Ihre Nerven sind schwer angeschlagen«, erklärte er und schüttelte den Kopf.
Sie treffen sich heimlich. Linardos Briefchen werden von Anesas Freundin Floresió zu ihr gebracht, Violanto Dapontes Schneiderin. Der Strand Paraporti, der Friedhof, die Stadtmauern – Abenddämmerungen, Mittagstunden und Morgendämmerungen werden Zeugen ihres geheimen Liebesgeplauders.
»Ein bisschen Geduld, bis meine Mutter wieder gesund ist«, flüstert er ihr zu. ›Zum Teufel‹, denkt er dabei, ›sie wird sich schon damit abfinden.‹
Anesa senkt den Kopf, sie fügt sich in alles, was geschieht. Sie weiß, dass diese Liebe niemals den Segen seiner Eltern bekommen wird. Wann immer sie das zu denken wagt, sieht sie das saphirblaue Diadem der Kyria Violanto neben den Pluderhosen ihres Vaters Apostolis vor sich, sauber und gebügelt, ja – doch was hilft das? Und ihr kommen die Tränen.
»Anesa, meine Liebste – ich nehme dich zur Frau, egal was passiert«, versichert er ihr, als läse er ihre Gedanken.
Er hält sie fest an sich gedrückt. Sie spürt seine Zähne an ihrem Ohr, seine Hände auf ihren Brüsten. Ein sonderbares Zittern durchläuft sie. Er reibt sich an ihr wie ein Kater, und Anesas Fußsohlen brennen, als habe der Boden unter ihr Feuer gefangen. Was für ein Schrecken sitzt ihr im Hals? Wie flattert es in ihrer Brust ... Was macht er nur mit ihr? Sie stößt ihn von sich, er aber ist stark, und er ist auch so schön – lieber Gott, wie schön er ist! Anesa wird schwach, doch sie besinnt sich im selben Augenblick. Sie ist doch schließlich keine von der Straße! Sie knöpft ihren Kragen wieder zu, sieht ihn wütend an und entzieht sich ihm.
Mit jedem Tag, der vorübergeht, wird Linardos Entschluss fester. Er sagt nichts. Er wartet auf die Genesung seiner Mutter, um ihren heißersehnten Segen zu bekommen.
Kyria Violanto, nun fieberfrei, aber noch erschöpft, denkt, dass sich vermutlich inzwischen alles erledigt hat, zumal ihr Sohn dieses Bettelmädchen nicht mehr erwähnt. Doch Linardo träumt Tag und Nacht von Anesa. Er zerbricht sich den Kopf darüber, wo er einen geheimen Platz finden könnte, abgeschirmt, an dem sie sich sorgloser treffen können, um nicht bei jedem Knacken eines Asts, jedem Kollern eines Steins und jedem Schnauben eines Tiers zusammenzufahren. Bis er eines Morgens, als er aus dem Haus tritt, den Aufseher des Landguts die Pforte des Heiligen Andreas streichen sieht. Ja – wieso hat er nicht schon längst daran gedacht? Die kleine Kapelle ist die am besten versteckte Ecke in den Nachmittagsstunden, wenn alle ihren Mittagschlaf halten.
Am andern Tag würde ein großes Tuch den Jesus Christus hinter dem Altar bedecken, damit er das sträfliche Opfer nicht sähe, das in seinem Heiligtum dem Gott der Liebe dargebracht würde.
Es knarrten die rostigen Scharniere, das Portal öffnete sich weit, die Leute strömten in den Garten. Er war bald von Süßigkeiten überschwemmt. Walnussgebäck, Nussplätzchen, kandierte Mandeln. Der Raki floss in Strömen, er brannte in den Kehlen, sein Aroma verbreitete sich über den Blumenbeeten, aus den Gläsern quoll der Duft von Anis. Es schäumte die Mandelmilch, es stießen die langstieligen Kristallgläser gegeneinander, ihr Klingen übertönte das Stimmengewirr ringsum. Kyr Linardo Daponte streckten sich feingliedrige Hände entgegen, mit gepflegten Fingernägeln, aber auch solche, von denen eben erst die Erde abgewaschen worden war. Blicke aus Augen, die ihn aus der Nähe sahen, wurden schwach, Arme, die mit ihm in Berührung kamen, erschauerten. Linardo trank seinen Brusco ungekühlt, nicht eiskalt, wie sein Vater ihn liebte, und er nahm mit Stolz die Wünsche entgegen: »Lang lebe deine Tochter!«
Von dem Tag an, als Anesas Bauch zu schwellen begann, träumte er von einem Mädchen, denn er liebt die Frauen. Ihn berauscht ihr Duft, ihre Gegenwart umhüllt ihn mit Wohlbehagen, die Brise ihrer wehenden Kleider erfrischt ihn. Neun Monate lang träumte Linardo von einer Tochter, mit gelöstem Haar und meerblauem Blick. Er sah sie im Garten umherrennen, sich im Erdreich wälzen, sich schmutzig machen, sprudelnd lachen, und dann, mit lauter wippenden Locken über der Stirn einen reifen Pfirsich essen, der Saft würde über ihr Kinn laufen, er würde es zärtlich mit einem weißen, sauberen Taschentuch abwischen und sie auf die Wange küssen, und sie würde ihn liebevoll umarmen und »Papa« sagen.
Die Stunde war gekommen, die erträumte Tochter wurde geboren: Ein roter, kahlköpfiger Säugling mit geschwollenen, geschlossenen Augen, mit fest zusammengepressten kleinen Fäusten voll der Geheimnisse. Kyr Andreas nahm sie in seine Arme, streichelte sie und beglückwünschte Linardo mit »und danach auch einen Sohn!«. Der erwiderte nichts, denn er will keinen Sohn. Er fühlte und fühlt sich glücklich über die Ankunft seiner Tochter. Und was er noch mehr feiert, ist die Art und Weise, wie sie zur Welt gekommen ist, auch wenn seine Frau darüber untröstlich ist. Vielleicht ist ihm deshalb auch festlicher zumute.
Die Sonne steht kurz vor dem Untergang, die meisten Leute machen sich allmählich auf den Heimweg. Es bleiben nur die Freunde für das Feiern am Abend.
Durch die Ritzen der Jalousien in ihrem Zimmer verfolgt Anesa, die ihre vierzig Tage nach der Geburt noch nicht vollendet hat, das Geschehen draußen. Noch immer würgt sie die Scham darüber, dass es ihr, einer Dame, passiert war, wie ein Fischweib zu gebären. Sollen ihre hirnlosen Schwestern doch in der Hölle schmoren.
»Komm, Anesa, lass uns den 1. Mai feiern gehen, damit du auch ein bisschen an die Luft kommst.«
»Mit dem Bauch?«
»Was ist denn mit deinem Bauch?«
»Mensch, wenn mir die Wehen draußen in den Gärten kommen und ich nicht weiß, was ich machen soll? Und zum Gespött der Leute werde!«
»Ach was, keine Angst, dein Gang sieht noch nicht nach Gebären aus.«
Die Wehen überraschten sie nicht in den Gärten. Sie überraschten sie im Sand, als sie sich gerade zu einem Imbiss unter die Tamarisken gesetzt hatten.
Alle drei halfen ihr beim Gebären. Louisa hielt sie fest, Athiná wischte ihr den Schweiß von der Stirn, und Katina, verheiratet und erfahren, nahm ihr das Kind ab und wusch es im Meer – »Mein armes Mäuschen, im kalten und salzigen Wasser« –, sie schnitt die Nabelschnur mit dem Brotmesser durch und wickelte das Baby in ein Handtuch. Und als ob das alles noch nicht gereicht hätte, zitterte Anesa davor, dass ihr Mann sie womöglich vom Dorfplatz aus sehen könnte, wo er saß, und am Ende noch herbeieilen und ihr beistehen würde – »Würde er etwa lange überlegen, dieser Gedankenlose?« – und damit das Gerede auf der Insel lostreten, dass Linardo Daponte am Paraporti-Strand ohne Hilfe seine Frau entbunden hat, als ob sie keine Häuser und Betten mit Daunenkissen und keine gut bezahlten Hebammen hätten.
Auf dem Dorfplatz jedoch waren die Männer in heiße Diskussionen vertieft, so sehr, dass keiner von ihnen zu dem Zeitpunkt auch nur einen Blick zum Strand hinüber geworfen hätte.
»Was meint ihr – was für ein Kaliber ist wohl der neue Ministerpräsident?«, fragte Triantafyllos Depastas, und die Unterhaltung nahm sogleich Fahrt auf.
Nikolas Kouirinis fing sofort Feuer:
»Die Trikoupi’schen haben sich mal wieder dünn gemacht wie die Gespenster und dachten sich, den Theotokis einzusetzen, um ihnen aus der Klemme zu helfen. Ein toller Hecht!«
»Natürlich ist er kein Trikoupis, aber er hat es doch geschafft, an die Macht zu kommen«, warf Anargyros Drosinos ein.
»Ach, hör doch auf, Mann – Trikoupis und immer wieder Trikoupis! Seit er tot ist, habt ihr ihn ja zum Gott gemacht«, rief jemand von den hinteren Tischen herüber.
»Mit Verlaub, nicht erst seit er tot ist. Ich habe immer schon mein Glas auf Trikoupis’ Namen erhoben«, widersprach Drosinos. »Letztlich ist nur er allein in die Tiefe gesprungen und hat Griechenland vom Grund des Brunnens herauf geholt. Stimmt’s etwa nicht?«
»Jedenfalls heißt es, dass dieser Theotokis gut sein soll«, kehrte Depastas zum Thema zurück.
Zwei, drei Köpfe nickten zustimmend, und Kouirinis wurde wütend.
»Was für ein Vertrauen soll man denn zu so einem von den Ionischen Inseln da oben haben, Mann? Für mich sind das keine Griechen. Das sind Fremde!«
Linardos bedachte ihn mit einem schrägen Blick. ›Und wer ist denn der Kouirinis, der meint, nach seinem Gutdünken die griechische Nationalität zuteilen zu können?‹ Er sagte nichts. Nikolas war ein Verwandter, er wollte nicht vor den andern mit ihm in Streit geraten.
»Gerade deshalb, er ist genau das, was wir brauchen. Man sagt auch, dass er deinen König liebt, mein lieber Nikolas«, neckte Michalis Goudelis ihn.
»Er ist nicht m e i n König, Kyr Goudelis, er ist u n s e r König«, sagte der andere mit finsterem Gesicht. »Und was hätte er denn auch tun sollen? Dem Willen des Königs und der Prinzen Paroli bieten?«
»Jawohl, wieso nicht? Werden sie ihm vielleicht den Kopf abreißen?«, lachte Antonis Kapakis.
»Ja, wirklich, Mann, Antonis«, erhob Kouirinis seine Stimme. »Dass du nur ja nicht irgendein gutes Wort über das Königshaus hörst. Ich möchte mal wissen: Sind diese Könige denn derart schlimm?«
»Nur schlimm? Zecken und Blutegel sind das, mein lieber Nikolas, und es gereicht uns zur Ehre, dass wir sie tolerieren.«
»Das sind keine wohlbedachten Worte, Antonis, und sei auf der Hut! Du bringst dich noch um Kopf und Kragen eines Tages und wirst an mich denken. Du weißt doch, wie es voriges Jahr um diese Zeit den Hitzköpfen ergangen ist, die dem König Georg ans Leder wollten? Mehr sage ich nicht, sei auf der Hut.«
Der Speichel spritzte aus Kouirinis Mund, und seine Glatze wurde rot wie ein Osterei.
»Wovor soll ich denn auf der Hut sein? Leben wir etwa nicht in einer Demokratie? Wollen sie nicht alle Naselang meine Stimme? Warum also sollte ich meine Meinung nicht sagen können?«
»Von dir haben die Königstreuen ja schon viele Stimmen bekommen!«, spottete Nikolas.
»Warum sollten sie sie bekommen? Füttern oder tränken sie mich etwa?«
Die Übrigen waren verstummt und folgten dem Disput der beiden Kombattanten, die sich ansahen wie zwei Kampfhähne. Die meisten waren mit Kouirinis einer Meinung, zwei oder drei dachten eher wie Kapakis. Doch sie ließen sich nichts anmerken, um sich nicht plötzlich den Ruf eines Königsgegners und damit Scherereien einzuhandeln.
Irgendwann erhob sich Linardo abrupt von seinem Stuhl, klopfte seine Hose ab, um die Schalen der Kürbiskerne abzuschütteln, die er die ganze Zeit über geknabbert hatte, und ging mit weitausholenden Schritten davon, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
»Hat ihn eine Wespe gestochen?«, fragte Kouirinis sich, dem trotz all seiner Aufregung Linardos Aufbruch nicht entgangen war.
»Na, der hat doch einen Knall hoch drei!«, murmelte Drosinos, der neben ihm saß.
Für den Augenblick waren Theotokis, König und Prinzen vergessen, und die Unterhaltung wandte sich den Dapontes zu.
Während dieser ganzen Zeit war Anesa bemüht, ihre Ruhe zu bewahren, eingeengt von der zwangsläufig provisorischen, aber dennoch effektiven Versorgung ihrer Schwestern. Sie nahm nicht einmal richtig die Ankunft des Kindes wahr.
Wie sie nach Hause gekommen und von dem Wagen herabgestiegen war, der sie dorthin gebracht hatte, wie sie ins Bett gelangt war – nichts von all dem hatte sie mitbekommen. Ihre Schwestern nahmen das Kind, wuschen es in Süßwasser, wickelten es, flößten ihm Anis mit Zucker ein und brachten es ihr dann. Als sie es neben sie legten, beruhigte sich ihr Herz ein wenig. Wenn sie jedoch an das Gelächter ihres Mannes dachte und noch an seine diebische Freude, wenn er all die Einzelheiten erführe, verdüsterte sich ihr Blick.
Die Balkontür steht offen, und die Geigen gehen ihr auf die Nerven. Sie steht auf, schließt die Tür und zieht die Gardinen vor. Ein Tropfen der Bitterkeit rinnt aus ihrem Auge, kullert über die Wange und lässt sich im Grübchen ihres Halses nieder, feucht und warm wie eine Träne. Die Kleine beginnt zu weinen. Es weinen auch die Geigen im Garten, die Stimmen und das Lachen pochen gegen die geschlossene Glastür und steigern ihre Gereiztheit.
Linardo hätte doch warten können, bis sie ihre vierzig Tage vollendet hätte, um erst dann die Feier zu veranstalten. Doch er hatte es nicht abwarten können, alle Welt schon jetzt zusammenzutrommeln, wo sie noch niemanden sehen und niemand sie sehen soll. Jetzt, wo sie nicht das grüne Taftkleid anziehen kann, das noch in der Taille zwickt, wo sie nicht auf die Veranda treten und die Leute begrüßen kann, wo sie nicht ein paar Schlangen, die es insgeheim nach ihrem Mann gelüstet, den Wind aus den Segeln nehmen und sie daran erinnern kann, dass er mit ihr sein Bett teilt, und um stolz ihre Smaragdohrringe zu zeigen, am Arm von Andreas Daponte, sie, jetzt nur noch sie allein, an der Stelle der Kyria Violanto.
All das hat Linardo also zunichte gemacht. Er feiert ohne sie, als hätte Anesa kein Recht, die Glückwünsche für das Kind entgegenzunehmen, das sie zur Welt gebracht hat, als hätte er es allein gefunden, irgendwo beim Buddeln in der Erde. Ihr kommen die Tränen. Wann immer sie an den Moment der Geburt zurückdenkt, reist ihre Erinnerung zu schweren Zeiten zurück. Zwei Kammern aus Ziegelwänden, eine winzige Küche, abgezählte Teller – sechs alles in allem –, betrunkene Reden, Flüche über eine Irene, die durchbrannte und fünf Leben zerstörte, von Nadeln zerstochene Finger und ein am Hals zweifach geflicktes Kleid, mit einem Spitzenkragen bedeckt, um die Stelle zu vertuschen.
Zu diesem Kleid hätte die Geburt neben der Meereswelle gepasst, zu dieser Frau, das Neugeborene in ein Brottuch zu wickeln. Auf Trägerinnen von Organza- und Seidenkleidern aber warten Betttücher aus Leinen, Betten aus Walnussholz mit samtenen Himmeln und drei Hebammen um sie herum. Alles hatte Anesa bereitgehalten, während sie Tag um Tag auf den kleinen Prinzen wartete. Tatsächlich hatte sie sich nach einem Jungen gesehnt: Das erste Weinen – geschenkt die Schmerzen, die sie mit Angst erwartet hatte –, die Hebamme, die in den Zimmern hin- und her geht und den andern Befehle erteilt, das kochende Wasser, dampfend in den Becken, flauschige, duftende Tücher für ihre schweißnasse Stirn, versprühtes Parfüm im Zimmer, das gewaschene Kind, in Seide und Spitzen gewickelt und friedlich neben ihr schlafend – und sie voller Stolz, einen neuen Daponte zur Welt gebracht zu haben.
Und dann: »Hab keine Sorge«, kommen ihr da die Schwestern an, braten sollen sie, und verderben alles! Mensch, sie hat ganz recht, dass sie sie nicht im Haus haben will und ihnen ständig aus dem Weg geht – wenn sie ihren Besuch anmelden, schiebt sie immer wieder Unpässlichkeit vor. Wenn sie kommen, bricht die Hölle los von ihrem Geschrei. Was Athiná betrifft, die ist ja wie ein Kleinkind, Herrgottnochmal: Ein gestandenes Mädchen, fünfzehn mittlerweile, und rennt in den Garten und lacht wie eine Idiotin, als hätte sie noch nie in ihrem Leben eine Blume gesehen! Wo sollte das arme Ding allerdings auch sowas zu sehen bekommen? Auf dem Pflaster der hinteren Straße? Zwei Basilikumpflänzchen stehen da gerade mal auf dem Fensterbrett und die auch noch mit schütteren Wurzeln, schwindsüchtig. Sie kommt her und pflückt ganz Arme voll Rosen, in ihrer Hast sticht sie sich dabei und rennt zu Linardo, dass er ihr das Blut abwischt. Anesa schwillt der Kamm bei dem Getue ihrer Schwestern, und am liebsten würde sie sie mit Tritten hinauswerfen. Aber sie mögen nun mal ihren Mann so gern, vor allem Athiná, die »Kleine«, wie er sie nennt, die sich noch fast wie ein Kind gibt mit ihren Söckchen und ihren blonden Zöpfen – die einzige Blonde in der Familie, sie sieht ihrer Mutter ähnlich.
Das Gekreisch und Gekicher macht Anesa ganz krank, sie hält diesen Trubel nicht aus, sie will Ruhe. Es kommt ja auch regelmäßig die Orsa Anagnostou zum Tee, die die Schwestern mit ihrer herablassenden Miene von oben bis unten mustert, und dann ist Anesas Laune dahin. Sie will weder Louisa mit ihrem kindischen Geplapper um sich herum haben noch die neunmalkluge Katina, die immer alles weiß: angefangen bei den nächsten Regenfällen bis hin zu der Medizin, die gegen Rückenschmerzen hilft, und die immer auf der Umrandung der Veranda sitzt – als hätten sich sämtliche Stühle in Luft aufgelöst – mit weit gespreizten Beinen! Unzählige Male hat sie ihnen schon gesagt: »Wenn ihr hierher kommt, dann möchte ich, dass ihr euch wie Damen benehmt!« Aber sie scheinen taub zu sein! Es ist ja auch so, dass Linardo sie noch ermuntert. Er verhätschelt sie und schenkt ihnen süße Lokum und Minzbonbons. Anesa flüchtet sich in ihr Zimmer, um nicht zu platzen vor Ärger über all diese Albernheiten. Wenn sie gehen, schreien sie vom Hof her: »Tschüss, Anesa! Wir kommen nächste Woche wieder.« –»Dass ihr es bloß nicht vergesst«, murmelt sie mit saurem Gesicht, und am Abend macht sie ihrem Mann eine Szene.
»Aber die Mädchen haben doch gar nichts Schlimmes getan, Liebste. Und schließlich sind es deine Schwestern. Die armen Dinger wissen ja gar nicht, was sie zuerst tun sollen, um dir eine Freude zu machen.«
»Sie sind ungehobelt, ungezogen und blamieren mich die ganze Zeit!«
Und sie ist so wütend, dass sie in dem Moment nicht Linardos Blick bemerkt, finster, trübe und voll der Enttäuschung zu Boden gesenkt.
Die Kleine hat Hunger. Man hört es an ihrem Schreien, das zunehmend drängender wird. Anesa nimmt sie auf den Arm und öffnet ihr Mieder. Das Kind greift nach der Brust und saugt gierig. Es erinnert sie an Linardo, so, wie es sich an ihren Leib drückt. Dasselbe Gefühl an der Brustwarze – ein süßer und scharfer Schmerz –, dasselbe Erschauern.
Die Kleine schläft an ihrer Brust hängend ein. Sie versucht sie zu wecken, damit sie zu Ende trinkt, denn sonst wird sie schon bald wieder hungrig sein. Sie zupft sie an der Nase, an den Ohren – doch das Kind reist unbekümmert durch seine Babyträume. Wie kann es bloß schlafen bei diesem Lärm, der vom Garten hereindringt? Anesas Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Wollen die Geigen denn immer noch nicht Feierabend machen? Doch sie weiß, warum Linardo das alles tut. Es macht ihm Spaß, sie zu ärgern, sie regelrecht zum Kochen zu bringen, bis sie nicht mehr weiß, was sie sagt, um ihr dann schließlich den schon bekannten Satz an den Kopf zu werfen: »Ich kenne dich nicht mehr wieder.« Es macht ihm Spaß, sie zu verletzen, er will sie endlich einmal weinen sehen, doch das wird ihm nicht gelingen. Sie hat noch nie vor ihm geweint, mag sie auch für sich allein in ihrem Zimmer vor Kummer schluchzen. Sie bewahrt ihre Haltung, so wie es auch die Kyria Violanto getan hätte. In solchen Stunden hasst sie ihn, sie möchte ihn am liebsten schlagen. Denn er hat sie betrogen, bestrickt, er hat ihr ein wolkenloses Leben versprochen, ohne es ihr bieten zu können. Es gibt aber auch Stunden, in denen sie unendliche Zärtlichkeit für ihren Mann empfindet. Sie sehnt sich danach, das Lachen in seinen Augen wiederzusehen, sie sehnt sich nach seiner früheren Unbeschwertheit zurück. Ja, so unbekümmert war er am 1. Mai gewesen.
»Nun geh doch, wo deine Schwestern dich so darum bitten. Zeig ihnen auch mal, dass du sie lieb hast.«
Wer sagt denn, dass sie sie nicht lieb hat? Es ist nur so, dass sie sie anders will, aber wie soll sie ihm das verständlich machen? Mehr um ihm einen Gefallen zu tun, hat sie sich dann überreden lassen, mit zu den Gärten zu gehen. Linardo selbst fuhr sie mit dem Wagen hinaus, und sie vereinbarten, dass er sie am Nachmittag wieder abholen würde. Doch dazwischen kam dann das Kind, so, wie es eben kam, und so war sie vor der Zeit nach Hause zurückgekehrt.
Die Kleine ist endlich wieder aufgewacht und trinkt heißhungrig. Zwei Milchrinnsale sickern aus ihrem Mund, nässen das Kinn und verlieren sich am zarten Hals. Anesa wischt sie sauber, richtet sie auf und lehnt sie gegen ihre Schulter, damit sie aufstößt.
Sie fühlt sich müde. Im Garten scheinen die Geigen endlich verstummt zu sein, und auch das Stimmengewirr und das Gelächter lassen nach. Sie legt das Kind in die Wiege und setzt sich in den Sessel zurück.
Ihr Blick, auf das Fenster gerichtet, versinkt in der zunehmenden Dunkelheit. Aus dem Licht des Öllämpchens springt eine Gestalt mit einem spöttischen Lächeln, wie aus dem Nichts heraus, und nach ein, zwei Runden durchs Zimmer schlüpft sie durch eine Ritze des Bodens und verschwindet.
Während sie auf Marioga Grimani wartet, eine Cousine ersten Grades ihres Schwiegervaters, die die Taufpatin der Kleine wird, näht sie die Spitzen an den Saum. Ihr Schwiegervater hätte das zweite Taufkleid gern in Athen bestellt, doch sie bestand darauf, es selbst zu nähen.
Die Taufpatin lässt auf sich warten, und Anesa ist voller Ungeduld. Ihre Hand zittert, sie sticht sich und rennt, um sich die Finger zu waschen, um den weißen Organza nicht zu beflecken. Heute wird sie ihr den Namen sagen. Eine Freundlichkeit von der guten Frau, sie könnte auch bis zum Tag der Taufe damit warten. Anesa befürchtet, dass Marioga sich mit ihrem Cousin auf den Namen der Großmutter des Kindes, Violanto, geeinigt hat, die nicht mehr lebt. Nicht etwa, dass sie den Namen dieser Patrizierin für ihr Kind nicht wollte. Aber es heißt ja, dass ein Name auch abfärbt. Sie zittert davor, dass ihre Tochter womöglich so kalt und seelisch unausgeglichen werden könnte, wie diese es war.
Violanto Daponte hatte viele Schrullen, deshalb verlor sie auch am Ende den Verstand und starb in geistiger Umnachtung. Ganz bestimmt war nicht die Heirat ihres Sohns an ihrem Irrsinn schuld, so sensibel war sie nun auch wieder nicht! Sie versuchte alle um sich herum davon zu überzeugen, dass diese Heirat das Ende ihres Lebens bedeutete. So oft hatte sie es gesagt, immer wieder, dass sie es schließlich selbst glaubte und den entsprechenden Preis zahlte.
Die Kleine spielt in ihrer Wiege mit dem Hahn aus Holz, den der Gutsverwalter Dimitris ihr geschenkt hat. Anesa träumt davon, dass ihre Tochter zu einer richtigen Dame heranwächst, allerdings ohne die Barschheit und Kälte ihrer Großmutter. Sie versucht, sich einen anderen Namen auszudenken, sodass sie auch einen eigenen Vorschlag hat, nur so zum Schein, zumal sie sicher ist, dass er ohnehin nicht angenommen würde. Doch es fällt ihr nichts ein! Die Ungeduld blockiert ihre Gedanken.
Sie hatte auch mit Linardo darüber gesprochen, der das natürlich auf die leichte Schulter nahm, so wie alles.
»Was hat der Name schon für eine Bedeutung? Lass sie uns ›Frau‹ nennen! Im Ernst, ist das nicht eine schöne Idee?«
Schon länger ist es ihr schier unmöglich, sich mit ihrem Mann zu verständigen. Wo sie weiß sagt, sagt er schwarz! Sie traut sich kaum, sich anzukleiden: »Was willst du mit diesen schweren Sachen?« Kaum schafft sie es, ein Schmuckstück anzulegen: »Du bist viel schöner ohne sowas, im Übrigen mag ich dich am liebsten ganz nackt.« Er bringt sie dazu, sich zu schämen. Was will er denn? Soll sie denn keine Dame werden? Soll sie ihr Leben lang in dem abgetragenen Kleid herumlaufen, in dem er sie zur Frau genommen hat? Oder gebühren ihr vielleicht keine feinen Kleider und Juwelen, weil sie ihr nicht in die Wiege gelegt worden sind? Linardos Verhalten setzt sie herab, sie möchte sich am liebsten auf ihn stürzen und ihm die Augen auskratzen, wenn er ihr sowas sagt, wenn er ihr das Recht abspricht, auch ihrerseits wie die anderen feinen Damen zu sein, wie Orsa Anagnostou oder Elenitsa Margeti zum Beispiel. Schließlich und endlich: Ist sie etwa nicht die Anesa Daponte?
So geht er immer mit ihr um und bringt sie in Verlegenheit. Wie an jenem Nachmittag vor einiger Zeit, als sie die Kyria Erató Kottaki zum Tee erwartete. Anesa hatte es eilig, aufzustehen, zu baden, sich anzuziehen, sie war schon spät dran, und er hielt sie trickreich und mit Liebesgeflüster fest. »Lass mich aufstehen, ich bitte dich – das gehört sich nicht, ich erwarte Besuch«, und er fingerte an ihr herum, liebkoste sie, küsste sie. »Bei allen Himmeln«, ereiferte sie sich, »es sind doch nicht alle Stunden gleich!« Und Linardo packte die Wut! Das Blut schoss ihm ins Gesicht, und er begann zu schreien – dass ihr der Sinn nicht nach ihrem Mann stehe, sondern nach Hochnäsigkeit, dass sie mehr und mehr wie seine Mutter würde, dass sie sogar aus der Liebe noch eine Fronarbeit mache. »Nein, das ist nicht wahr«, wollte sie ihm sagen, aber er war zu wütend, um es zu hören.
»Und damit du es weißt: Alle Stunden sind gleich für die, die sich lieben, für Menschen, die aus Fleisch und Blut gemacht sind und nicht aus Silber und Taft!«
In seiner Raserei ohrfeigte er sie auch noch, ja, er schlug sie, und sie machte sich Sorgen wegen eines roten oder blauen Flecks. Und dann zwang er sie, ja, bei Gott, er zwang sie, mit ihm zu schlafen, und seine Augen hatten dabei den Ausdruck eines Irrsinnigen. Er flößte ihr Angst ein. Sehr spät erst konnte sie nach unten gehen – bis sie ihre vom Weinen geschwollenen Augen gekühlt und ihre Wange gut gepudert hatte, um den Abdruck seiner Finger zu verdecken. Die Besucherin war gekommen und wartete im Salon. Ihr Gesicht war vergrätzt.
»Ein plötzlicher Anfall von Kopfschmerzen, liebe Kyria Erató – zum Glück fängt er an, nachzulassen«, redete sie sich heraus.
Der Gast empfahl kalte Kompressen und Salbeitee mit einem Löffel Honig.
In jener Nacht schlief Linardo nicht zu Hause. Das machte er zum ersten Mal, und Anesa war außer sich vor Sorge. Sie zitterte wie Espenlaub, und ihre Zähne schlugen aufeinander. Dem Schwiegervater sank das Herz in die Hose, und er wollte schon den Doktor holen lassen. Doch dann überlegte er, wenn der um diese Zeit Linardo nicht an der Seite seiner Frau sähe, dann dächte er sich seinen Teil und es wäre peinlich für sie. Zafira bereitete ihr eine Tasse Bergtee mit einem Tropfen Labdanum, und Anesa schlief den ganzen folgenden Tag. Sie wachte nicht einmal auf, um das Kind zu stillen, ihre Brüste schwollen an wie Ballons.
»Lass doch endlich diese Tante Marioga kommen, dass sie mir den Namen sagt!«
Sie schüttelt das nun fertige Kleidchen aus, um es von den Fäden zu befreien, und heftet ihren Blick auf die Wanduhr. Die Kleine wird ein Prinzesschen auf der Tauffeier sein in dieser rosa Wolke! Ihr Schwiegervater hat ein Fest geplant, das in aller Gedächtnis bleiben soll. Ihr Schwiegervater! Für alles sorgt ihr Schwiegervater. Er bestimmt den Tag der Taufe – zwei Monate nach der Geburt, eine alte Gewohnheit der Familie, seit sie dem westlichen Dogma folgt –, er kümmert sich um Musiker, eigenhändig schreibt er die Einladungen.
Linardo sah die Liste der Geladenen und zog ein Gesicht.
»Ich sehe keinen meiner Freunde darauf!«
Sein Vater konnte nicht an sich halten und herrschte ihn an:
»Ich habe genug von deinen Lumpen-Freunden hier am Tisch, die du dir angelacht hast. Sie kamen, haben einen ganzen Jordan ausgetrunken, wurden sturztrunken und sind erst im Morgengrauen davongetorkelt. Basta, zur Taufe werden sie nicht auch noch eingeladen!«
Linardo sagte nichts. Er las weiter die Namensliste durch.
»Nicht mal deine Schwestern, Anesa?«, wandte er sich an sie und sah ihr tief in die Augen. »Nicht einmal deinen Vater?«
Der Schreck lähmte ihre Zunge, sie konnte nichts erwidern. Was sollte sie mit ihnen machen, wenn sie sie einlüde? Wenn der alte Vater sich betrinkt und zur Blamage wird oder die Schwestern mit ihrem Geschwätz die Leute nerven?
»Du solltest dich schämen, Kyria Daponte!«, rief ihr Mann ihr verächtlich zu und ging mit gesenktem Kopf davon.
Bei all dem versinkt Anesa in Hoffnungslosigkeit. Sie versteht es nicht. Mein Gott, er will nicht begreifen. Wenn er so eine Familie hätte und in eine bessere, höhergestellte Welt einträte, würde er nicht genauso empfinden? Nun könnte man sagen, er ist eben anders. Ein gestandener Aristokrat und verkehrt mit Leuten, die weit unter ihm stehen! Aber ist das denn richtig? Zum Glück versteht ihr Schwiegervater sie. Immer wieder muss er einräumen: »Wie schnell bist du eine von uns geworden, Anesa, ich bin stolz auf dich!« Was kann sie dafür, wenn ihr Mann verschroben ist?
»Sie lässt auf sich warten, die Tante.« Voller Unruhe faltet sie das Kleid zusammen. So hatte sie auch davon geträumt, ihr Brautkleid zu nähen: mit Spitzen daran, und es mit Hohlsaum und feiner Stickerei zu verzieren. Aber es war ja alles so plötzlich gekommen! Eines Abends klopfte Linardo gegen das Fenster.
»Wir brennen durch und heiraten heimlich«, sagte er zu ihr. »Es geht nicht mehr anders!«
Sie tanzte vor Freude. In dem Moment vergaß sie alle negativen Gedanken: Dass so eine Ehe vielleicht nicht von langer Dauer sein würde, dass Linardo es weit weg von seiner Daponte-Burg bald leid werden könnte, und und und ... Sie freute sich über den Kuss des Schicksals, auch wenn sie spüren mochte, dass er in seiner Tiefe einen Biss versteckt hielt.
Sie sagten es nicht einmal ihrem Vater. Der arme Mann erfuhr es überhaupt erst als Letzter, und aus lauter Freude darüber erlitt er seinen ersten Schlaganfall. Anesas Freundin Floresió verhandelte mit einem Popen aus dem Ort Lamyra, der Verständnis für die Liebe und eine Schwäche für Geld hatte, und die Trauung sollte in ihrem Haus vollzogen werden. In der Abenddämmerung schlüpften sie durch die Hintertür. Floresiós Mann war zu dem Zeitpunkt im Kafenion. Er billigte keine Leichtfertigkeiten, die die hohen Herrschaften erzürnen würden.
Ein umgedrehter Waschtrog auf zwei Stühlen, bedeckt mit einem schönen, vierfach gefalteten Tischtuch aus Leinen. Die Hochzeitskränze aus Zitronenblüten und -blättern dufteten. Floresiós Hand zitterte über ihren Köpfen ...
»Gnädige Frau, Ihre Tante ist gekommen, mit den Geschenken für das Kind.«
»Schnell, führ sie herein – sie soll nicht warten müssen!«
Marioga Grimani rauschte stattlich und stolz in den Salon wie ein Fischerboot nach einem guten Fang. Auf dem Fuße gefolgt von ihrem mit Päckchen und Schachteln beladenen Kutscher.
»In einer Stunde, Augusto. Warte im Wagen auf mich.«
Sie sieht die Kleine in ihrer Wiege und eilt hin, nimmt sie hoch und bedeckt sie mit Küssen.
»Wie hübsch sie geworden ist!«, sagt sie bewundernd.
Sie setzt sich auf das kleine Kanapee, das unter ihrem beleibten Körper knirscht. Anesa steht auf, um die Patentante selbst zu bedienen.
»Wunderbar, diese Glykó-Aprikose, liebste Anesa, honigsüß und so schön bissfest! Mir, ich weiß nicht wieso, gelingt das nie – es wird nicht fest, und der Sirup gerät zu dünn. Und du hast auch Mandeln hinein getan, was sehr gut dazu passt! Ein Bravo deiner Kunst, deiner und Zafiras!«
»Also, Tante, zu welchem Namen hast du dich entschlossen?«, kommt Anesa sogleich zur Sache.
»Also, ich meine, das Beste wäre, dem Kind den Namen meiner seligen ...«
Ein Berg legt sich auf ihre Brust.
»... Tante zu geben, Andreas’ Mutter.«
Die Hand eines liebevollen Riesen zieht den Berg von ihrer Brust fort.
»Deren Name also: Venezia!«, fasst sie mit offizieller und entschlossener Miene zusammen und leert das Glas Wasser aufs Wohl der Mutter des Täuflings.
Anesa läuft zu ihr, umarmt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
»Ich verstehe deine Rührung, mein Kind. Du wirst über diese Frau einiges gehört haben. Die Tante Venezia war ein wundervolles Geschöpf, doch leider ist sie jung, viel zu jung dahingegangen. Und so wird diese Kleine das Leben leben, das ihrer Urgroßmutter nicht vergönnt war.«
Seit dem Morgen sucht Kyr Andreas nach Linardo, um mit ihm über die Taufe zu sprechen. Schließlich ist er der Vater, also hat auch er ein Wort mitzureden bei den Einladungen. Und bevor es an einem solchen Tag zu sauren Gesichtern und Zank und Streit kommt, soll doch kommen, wer will. Der Trotz und die Wutausbrüche seines Sohnes haben ihn über all die Jahre ermüdet. Kennt etwa nicht die ganze Insel Linardos Umgang?
Seit seine Frau gestorben ist, versucht Daponte das Leben mit anderen Augen zu sehen. Freilich ist es nicht einfach, sich in einem solchen Alter noch zu ändern. Doch da sein einziger Sohn einen so klangvollen Namen trägt, den er nach und nach zersägt, so lange, bis er in Stücke bricht – was soll er da tun? Etwa unsterblich werden, um jahrhundertelang über die Ehre seiner Familie zu wachen? Deshalb hatte Daponte sich so sehr gewünscht, dass seine Schwiegertochter einen Sohn gebären würde: Um seinen Enkel so heranzuziehen, wie es ihm mit seinem eigenen Sohn nicht gelungen ist.
Linardo kommt die Treppe herab, und Andreas rennt, um ihn noch zu erwischen.
»Ich hab zu tun«, sagt Linardo kurz angebunden und will davongehen.
»Zu tun, was denn zu tun?« Andreas hält ihn am Arm fest. »Deine Beschäftigungen in letzter Zeit kenne ich, sie haben breite Hüften.«
»Halt mir deine Spione vom Leib, Vater! Und ... aber lassen wir das. Ich achte dein Alter und meine Würde.«
»Welches Alter, Mann, und welche Würde? Wenn du einen Fetzen Würde hättest, dann würdest du nicht im Haus der Bourleka ein- und ausgehen. Und würdest nicht vergessen, zum Schlafen in dein Bett zurückzukehren. Ich habe gezählt. Zweimal hast du in der letzten Zeit woanders geschlafen. Es ist hinter unserem Rücken nicht gerade wenig über deine Heirat hergezogen worden. Du hast sie genommen, hattest dein Vergnügen, nun achte sie auch!«
»Red mir nicht von Achtung, Vater. Ich habe gelernt, Menschen zu achten: Augen, Gefühle, Tränen, Lachen. Die Puppen mit Halsketten und Pfauenfedern, die du so sehr schätzt, sind mir zuwider. Hörst du? Zuwider!«
Daponte lehnt sich gegen das Treppengeländer, zieht ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischt sich die schwitzenden Hände.
»Ich habe eine andere geheiratet, Vater, eine andere war es, in die ich mich verliebt habe. Eine andere hatte mir Vergnügen gemacht, wie du dich ausdrückst. Aber sie ist in diesen magischen Kasten geraten und hat sich in einen Samtsessel verwandelt. Und ich mag keinen Samt, verstehst du? Ich mag ihn nicht.«
Rot das Gesicht des Sohns, gelb wie eine Goldmünze das des Vaters. Und das schwere Glas der Eingangstür in Scherben auf dem Boden, nach Linardos Zudonnern und wütendem Davonstieben.
»Wie ist die Unterhaltung nur wieder so aus dem Ruder gelaufen, mein Gott?«, fragt Kyr Andreas sich und sinkt wie zerschlagen auf den Klavierhocker. »Wieso nimmt das Gespräch mit diesem Jungen immer eine andere Richtung? Und wenn man bedenkt, dass wegen dieser Frau, die er jetzt derart verurteilt hat, seine Mutter dahingewelkt ist und nur noch ein Häufchen heulendes Elend war. Und was hat sie nun ihrerseits mit ihrem Trotz erreicht? Linardo hat gemacht, was er wollte, und sie hat die schwarze Erde verschlungen. Menschenskind, es steht nicht dafür, sich wegen nichts so zu verzehren. Nicht mal für seine eigene Brut.«
Was hat Daponte nicht alles angestellt, um diese Heirat zu verhindern! Sogar mit Enterbung hatte er gedroht. Und als er sah, dass keine Drohung verfing, beschränkte er sich darauf, den Lauf der Dinge zu verfolgen, um wenigstens über die nächsten Schritte informiert zu sein und die Illusion darüber zu bewahren, dass er das Geschehen in seinem Haus noch unter Kontrolle hatte. Er zahlte seinem Aufseher Dimitris drei Löhne im Voraus, erlaubte ihm, sich jeden Monat ein Huhn aus den Beständen zu nehmen, und sicherte sich so seine Berichte über Linardos Aktivitäten. Als er Dimitris auch noch versprach, ihn mit Theanó, der Tochter des Lebensmittelhändlers Stratis zu verheiraten, die der Traum des Aufsehers war, da erfuhr der Kyr Andreas sogar noch von den Seufzern in der kleinen Kapelle. Diese Nachricht erschütterte ihn zutiefst, und er bekreuzigte sich insgeheim, damit Dimitris seine Fassungslosigkeit nicht bemerkte und sähe, dass auch die Herrschaften oft den Dingen hilflos gegenüberstanden. Und er versprach ihm noch mehr, denn er spürte, dass eine Liebe, die einer solchen Dreistigkeit fähig war, sehr heftig und folglich gefährlich sein musste.
Dimitris seinerseits wollte gar nichts anderes mehr, um zu Linardos Schatten zu werden. Ihm genügte vollauf Stratis’ Theanó. Freilich fragte er sich, wie das Mädchen es wohl aufnehmen würde, denn es trennte sie ein beträchtlicher Altersunterschied. Er war über die vierzig hinaus – drei Schwestern hatte er, die er alle unter die Haube gebracht hatte –, und sie, schneeweiß und saftig, war noch keine zwanzig. Doch er hatte gelernt, dem Wort seines Herrn zu vertrauen.
Abend für Abend klopfte es an die Tür der Bibliothek, und Dimitris erschien mit seinem Bericht. Nacht für Nacht sorgte Kyria Violanto sich um die Zukunft ihres Sohnes, sie schlief nicht, murmelte Unverständliches, und als Kyr Andreas ihr eines Abends resigniert sagte: »Und wenn er sie heiratet, Violanto, was ist denn schon dabei?«, da erbebte das Bett wie von einem heftigen Erdstoß. Und ihre Stimme, erstickt, fremd – »Niemals, solange ich lebe!« –, erschreckte ihren Mann derart, dass er um die Gesundheit seiner Frau fürchtete, und vom nächsten Morgen an begann er, über Möglichkeiten nachzudenken, um die beiden auseinanderzubringen. Doch er befand alle für lächerlich und schlug sie sich angewidert aus dem Kopf.
Ein Zufall hob in diesen Tagen ein wenig Violantos Stimmung. Ihre Nichte Maria war auf die Insel gekommen, um einen ganzen Monat in ihrem Haus zu verbringen. Sie war die Tochter Evterpis, ihrer Cousine zweitens Grades, die den Kapitän Valentis geheiratet hatte. Kyria Daponte sah in diesem Besuch ein Geschenk des Himmels.
Das Mädchen hatte die Ausstrahlung und Gestalt einer Aristokratentochter vergangener Zeiten, was ihr etwas Königliches verlieh. Violanto ließ den Dingen ihren Lauf und freute sich, als sie schon in der allerersten Woche merkte, dass Maria an Linardo Gefallen fand. Er seinerseits ging höflich mit dem Mädchen um und widmete ihr einiges an Zeit, um sich mit ihr zu unterhalten. Und seiner Mutter schien, dass er seine Ausflüge zur Chora reduziert hätte.
Doch der Monat verstrich schnell, und ein Brief der Valentis kündigte an, dass sie ihre Tochter abholen kämen. Kyria Violanto sah schwarz und begann, Linardo auszuhorchen.
»Nun geht die Maria schon wieder fort, wo wir uns gerade so an sie gewöhnt hatten.«
»...«
»Es fällt mir wirklich schwer, sie gehen zu lassen.«
»...«
»Und dir?«
»Was mir?«
»Bist du nicht traurig, dass sie wieder geht?«
»Ja und, Mutter? Das Mädchen ist ja schließlich nicht hergekommen, um ihr ganzes Leben hier zu bleiben!«
»Sie ist ein sehr nettes Mädchen, und sehr angenehm. Kultiviert, höflich, ein wahrer Engel! Mit diesen goldenen Haaren! Ach, so ist es doch: Die Blonden sind die richtigen Frauen. Mich haben sie in meiner Jugend ›Fee‹ genannt.«
»Die Haarfarbe spielt überhaupt keine Rolle bei einer Frau, Mutter. Es gibt Dunkelhaarige, die bildschön sind.«
»Welche denn?« Die Daponte verlor allmählich ihre Beherrschung. »Die sind doch wie Pfannen. Ganz davon abgesehen, dass die meisten von ihnen behaart sind und deshalb von schlechtem Charakter. ›Gott bewahre dich vor einem bartlosen Mann und einer haarigen Frau‹, pflegte mein seliger Papa zu sagen.«
Linardo stand auf und verließ mit schweren Schritten den Raum. Kyria Violanto fühlte sich wie von einer Schlange gebissen. ›Er vergisst sie nicht. Er vergisst sie nicht, diese Schlampe! Was soll ich nur machen, mein Gott? Und diese Maria aber auch, eine solche Kaltmamsell! Sie konnte ihn nicht ein bisschen wärmen. Er ist doch so ein Weiberheld, zum Teufel noch mal, wenn sie ihm nur ein bisschen mehr Wärme gezeigt hätte, dann hätte sie ihn schon herumgekriegt. Ich möchte nur wissen, worüber sie so viele Stunden lang auf der Veranda geredet haben?‹
Voller Verzweiflung faltete sie ihre Hände. »Wenn er sie heiraten will, dann bringe ich mich um.«
Sie verließ den kleinen Wohnraum mit sinkendem Herzen.
Floresió riskierte viel, als sie ihrer Freundin bei der heimlichen Trauung mit Linardo half. Vor allen Dingen ihre Arbeit. Wenn die Dapontes von ihrer Verwicklung in die Angelegenheit erführen, dann könnte sie deren Schwelle nicht mehr übertreten. Aber sie setzte auch ihre körperliche Unversehrtheit aufs Spiel. Ihr Mann Jakomis war hart, und er würde nicht zögern, sie zum Krüppel zu schlagen, sollte ihm etwas zu Ohren kommen. Aber es hatte sich doch der Himmel aufgetan und Gold auf Anesa regnen lassen. Wie hätte Floresió ihr nicht dabei helfen sollen, es aufzusammeln? Wenn sie das Glück des Mädchens hätte ungenutzt vorüberziehen lassen, dann weiß Gott, in wessen Hände es geraten wäre. Sicher bei jemand aus ihren Kreisen, arm und übellaunig wie ihr Jakomis, der sie in Flüchen, Mittellosigkeit und Alkoholdünsten versinken ließe. Menschenskind, wenn auch nur eine einzige Frau diesem Elend entgehen kann, dann ist es ein Gewinn für die gesamte weibliche Weltbevölkerung!
Sie bot ihnen an, die erste Nacht im Haus ihrer großen Schwester, der Witwe, zu schlafen. Linardo nahm es nicht an. Er dankte ihr höflich – Anesa schien etwas verloren –, sie küssten sie auf beide Wangen und gingen davon.
»Wo gehen wir hin?«, fragte sie dann unruhig.
»Mach dir keine Sorgen«, erwiderte er lächelnd und schob die Decke auf seiner Schulter zurecht, die Floresió ihnen mitgegeben hatte.
Sie hatte noch nie in einer Kirche geschlafen. Die paar Male, als sie sich, getrieben vom Teufel, der ihre Körper peinigte, in den Heiligen Andreas gestohlen hatten, war sie von gemischten Gefühlen erfüllt. Einerseits träumte sie, sich im Paradies zu befinden. Es duftete nach Kerzen, ein märchenhaftes Licht schien von außen herein, und die Gesichter der Heiligen warfen ihr Blicke voll des Verständnisses zu. Andererseits schämte sie sich vor den schwarzen Augen des Heilands und schloss die ihren, um sie nicht zu sehen. Doch wenn sie Linardo neben sich spürte, weiß wie Marmor, warm wie ein Atemhauch, dann gewährte sie sich selbst Verzeihung.
»Geduld«, dachte Anesa die ganze durchwachte Nacht hindurch. »Wir werden auch schon nach Hause kommen. Ich bin jetzt Kyria Daponte!«
Kyria Daponte! In der Stellung der Violanto, über die sie so viel gehört, die sie aber nie gesehen hatte.
Am Morgen erhob Linardo sich, und mit einer unergründlichen Miene, ohne ein Wort zu sagen, faltete er behutsam die Decke zusammen, legte sie auf einem Kirchenstuhl ab, nahm Anesa bei der Hand und stieg mit ihr die Stufen des Hauses hinauf.
Der Klang des Türklopfers – hart wie eine Drohung.
»Nur Mut«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Katerina öffnete und stand mit offenem Mund vor ihnen.
»Der gnädige Herr Linardo!«, rief sie, und ihre Stimme klang wie das Gurgeln einer Wasserpfeife in der großen Eingangshalle.
Kyria Violanto hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Zum ersten Mal hatte ihr Sohn außerhalb geschlafen, ohne Bescheid zu sagen. Der Vater war nach Dimitris’ Informationen freilich im Bilde: über irgendwelche Umtriebe in Floresiós Haus und einen Popen mit verdecktem Gesicht. Doch er hatte nicht den Mut, seiner Frau etwas davon zu sagen.
Die Neuvermählten traten in den Salon, und Kyr Andreas, als ob ihn jemand schöbe, eilte und stellte sich zwischen sie und seine Frau. Die, sowie sie die beiden sah, abrupt aus ihrem Sessel aufstand, Anesa so eindringlich ansah, als wollte sie ihr Bild in ihr Inneres einbrennen, und dann mit der Hand nach einem Halt suchte, ihn nicht fand und auf den Holzboden sank.
Von dem Tag an erhob Violanto Daponte sich nicht mehr aus ihrem Bett. Sie fiel in ein schreckliches Delirium, aus dem sie nie mehr herausfand.
»Zurück, zurück!«, schrie sie, und die Augen sprangen ihr aus den Höhlen. Sie setzte sich ein wenig auf, packte die Bordüre des Lakens, zerfetzte sie mit ihren Nägeln und ließ sich dann unter hysterischem Lachen in die Kissen zurückfallen.
Sie schlief viele Stunden, und wenn sie erwachte, weinte sie wie ein Kind, das einen Alptraum gehabt hat. Dann eilte ihr Mann zu ihr, hielt ihre Hand zwischen den seinen und flüsterte ihr, unter grenzenloser Verzweiflung, tröstende Worte zu. »Verfluchter Linardo, Verfluchter, du hast deine Mutter umgebracht!«, murmelte Daponte zwischen all dem, was er zu seiner Frau sagte.
