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Gelangweilt. Gelogen.Verreist. Verliebt.Virtual Life trifft Real Life. Ipsen an der Elbe trifft Venice Beach, California."Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und das Internet ist voller Egozentriker, denen die eigene Nase am allerliebsten ist.Ja, was ich getan habe, war blöd. Aber ich würde es immer wieder tun. Denn sonst hätte ich Lea nie getroffen. Oder Alex. Oder Lee. Trevor. Und all die andern."
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für alle, die allein zu Hause vor ihren Bildschirmen hocken.
Und für Nils.
Come with me.
Teil 1
Freitag
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Teil 2
Freitag
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Teil 3
Donnerstag
Freitag
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Epilog
Autorengeplapper
Papierspuren
2002
Grace
Tony
1999
Was mache ich hier eigentlich? Das ist die Frage, die ich mir in letzter Zeit viel zu oft gestellt habe. Was mache ich hier? Für wen? Und warum? Und wo wird das alles einmal hinführen?
Psychologisch gesehen sind diese Gedanken sicherlich Anzeichen einer ausgewachsenen Depression, ausgelöst durch soziale Distanzierung und Vereinsamung. Aber aus meiner Sicht sind sie einfach nur die Folgeerscheinungen unkontrollierbarer Umstände und eine der vielen Nebenwirkungen alleinstehender und alleinlebender Menschen. So wie die Tatsache, dass du deinen Müll immer selber rausbringen musst oder dass niemand staubsaugt, wenn du es nicht machst. Sowas halt, nur im Kopf.
Mein Posteingang zeigt mir, dass ich keine Nachrichten habe. Egal, wie oft ich auf mein Telefon starre, es bleibt stumm. Meine Facebook-Freunde kommentieren meine Posts selten bis gar nicht. Ob nun Filmkritiken, Musikvideos oder Gifs, sie reagieren nicht mal darauf. Am allerwenigsten reagieren sie auf persönliche Updates. Wenn überhaupt nur auf die witzigen, die albernen, die, die keiner braucht. Wie das eine Mal, als ich mich über einen Typ im Supermarkt lustig gemacht habe. Oder wenn ich mich über die Arbeit beschwere. Niemals öffentlich, natürlich. Ich bin ja nicht von gestern. Und Namen erwähne ich auch nie.
Mein Livejournal ist unter einer zentimeterdicken Staubschicht einen langsamen, qualvollen Tod gestorben. Früher war Bloggen dort ja total in. Das haben alle gemacht, bevor Facebook kam, bevor Twitter kam und bevor man sein Leben bequem per Foto auf Instagram teilen konnte. Das macht keine Mühe mehr. Man muss sich nicht mehr hinsetzen und tippen, man muss bloß noch Fotos machen und teilen. Und die Follower müssen sich auch keine Mühe mehr geben. Liken, weiterscrollen. Wenn du irgendwen dazu bewegen kannst, dir eine Nachricht zu hinterlassen, kannst du dich wirklich glücklich schätzen. Ohne meine diversen Newsletter würde meine Mailbox komplett verstauben. Ich habe irgendwo gelesen, dass das normal ist und dass nur zwei Prozent der User sich aktiv am Geschehen im Internet beteiligen. Die restlichen achtundneunzig Prozent beobachten nur. Dabei ist das Internet doch so etwas wie die Verbindung zwischen den Menschen. Ein Zwischennetz. Aber anscheinend hocken wir alle nur wie kleine stumme Spinnen auf unseren einzelnen Netzfäden und starren auf unsere Bildschirme.
Also, was mache ich hier? Ich hocke vor diesem Bildschirm, wühle mich durch nutzlose Seiten, scrolle rauf, scrolle runter, aktualisiere wie ein Blöder, nur um festzustellen, dass sich niemand auch nur im Entferntesten für mich interessiert. Theoretisch könnte ich tot sein. Praktisch bin ich das sowieso schon, denn alle, die ich kenne, sind entweder so mit sich selbst oder mit Beobachten beschäftigt, dass ihnen nicht aufgefallen ist, dass ich mich seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet habe. Bei niemandem. Das ist wie ein Test, über den ich mal gelesen habe. Das war einer dieser schlauen täglichen Sprüche, sowas wie: Wenn sie mit dir reden wollen, dann melden sie sich, oder so ähnlich. Früher habe ich das immer getan. Ich habe immer nachgefragt, ich habe E-Mails geschrieben, Nachrichten verschickt, immer die Initiative ergriffen. Dann, vor zwei Wochen, habe ich dieses Experiment gestartet. Natürlich war das schwer am Anfang. Gleich am ersten Tag hing ich schon wieder auf Facebook rum, habe mich dann aber beherrschen können und nix gepostet. Ich hab auch keinem gesagt, was ich vorhabe. Von wegen „Auszeit“ oder „Ich brauch eine Pause“. Absolut sinnlos, sowas. Sie streichen dich einfach aus ihrem Gedächtnis, haken dich ab und warten, bis du wieder auftauchst. Ich weiß das. Ich hab das schon so oft gemacht, als ich noch gebloggt habe. Immer brav Bescheid gesagt, dass ich eine Weile weg bin. Interessiert hat es selten einen. Es ist egal, warum du weggehst, denn die andern haben gefühlte siebenhundert Freunde, die ihnen mit ihrem depressiven Mist nicht auf den Zeiger gehen. So sind die Menschen.
Seit über zehn Jahren habe ich mein Livejournal jetzt, seit circa fünf mein Facebook. Klar kenne ich viele Leute. Ein paar aus der Schule, ein paar aus der Nachbarschaft, ein paar kenne ich nur aus dem Netz. Wir teilen Interessen, Freunde und sind in der ein oder anderen Gruppe. Ich weiß, was meine Lieblingsbands machen, und ich lese jede Statusmeldung. Ich hab ja viel Zeit abends und an den Wochenenden. Und so traurig es ist, diese virtuelle, bunt gemischte Mannschaft ist meine Verbindung zur Welt. Freunde im echten Leben, solche zum Reden und Abhängen und Ins-Kino-Gehen oder was auch immer man so macht, habe ich keine. Klar kenne ich Leute. Kollegen. Die Nachbarn. Den Typ vom Kiosk unten, der immer mit mir über die neuesten Filme quatscht. Aber das war’s. Bekannte. Keine Freunde.
Warum ich die im Netz also immer als meine Freunde bezeichne, ist mir schleierhaft. Zwei Wochen sind eine lange Zeit, um über diese Dinge nachzudenken. In zwei Wochen hat man viel Zeit zwischen dem Filme gucken und Spiele spielen zur Ablenkung.
Im Prinzip bin ich meinen ‚Freunden‘ reichlich egal. Zwei Wochen und keiner hat etwas gesagt. Keiner hat sich mal gemeldet, keiner hat gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich bin offensichtlich ein Geist. Vergessen, unsichtbar. Nicht mal die Nachbarn fragen nach. Aber die sehen mich sicher jeden Tag aus der Tür kommen und vermuten, es geht mir gut. Vielleicht fällt es denen nur auf, wenn ich mal nicht mehr aus der Tür komme. Wobei sie dann sicher denken, ich bin im Urlaub. Dabei mache ich nie Urlaub. Nie.
Ich bin also ein Geist. Und als mir das klar wird, fasse ich auch gleich einen Entschluss: Ich werde das ändern. So kann das nicht weitergehen. Es kann ja nicht sein, dass, wenn ich irgendwann mal hier in meiner Wohnung umkippe, mich die Polizei erst dann findet, wenn mein Verwesungsgestank die Nachbarn stört. Ich will vermisst werden. Ich will zu denen gehören, die keinen einzigen Tag offline sein können, ohne dass es jemandem auffällt. Diese Leute gibt es. Ich sehe es doch auf ihren Profilen. Die andern haben nämlich haufenweise Kommentare. Sie sind beliebt und interessant. Nur ich nicht.
Natürlich wirft das die Frage auf: Wie stelle ich das an? Wie schaffe ich es, beliebt zu werden? Tatsächlich bin ich einfach nicht wirklich interessant. Ich würde nicht sagen, dass ich aussehe wie Quasimodo, aber hübsch ist auch anders. Ich find mich okay. Nicht besonders groß, nicht zu dick und nicht zu dünn, irgendwie so Mittelmaß. Ich mag Jeans und T-Shirts und Sweatjacken und lass mir alle vier Wochen die Haare kurz schneiden. Dann lass ich sie wieder wachsen. Im Moment sind sie zu lang. Auch der Frisör vermisst mich nicht. Mein Termin war letzte Woche und gemeldet haben die sich auch nicht.
Während ich über mein klägliches Dasein nachdenke und wie man es ändern könnte, kommt eine E-Mail. Meine Reiseführer wurden versandt. Ich sammle nämlich Reiseführer. Ich weiß, ich werde sie nie alle brauchen, und ich kann ja dank Internet auch sozusagen überall hin, aber trotzdem geht nichts darüber, einen Reiseführer in die Hand zu nehmen, um eine Stadt kennenzulernen. Diesmal kommen Venedig, Chicago und Los Angeles zu meiner Sammlung hinzu. Ich hab schon einen von L. A., aber der neue ist besser, hat bessere Bewertungen auf Amazon bekommen, und außerdem ist er erst letztes Jahr erschienen. Auf dem neuesten Stand, sozusagen.
Ich schließe mein E-Mailprogramm und gehe zurück auf Facebook. Chat: offline. Niemand kann mich sehen. Auf der Suche nach Inspiration surfe ich durch die Profile meiner Freunde.
Rolf zieht mal wieder um. Das macht er ständig und hat das Glück, auch immer wieder eine neue, spannende Arbeit zu finden. Und er hat wenigstens eine Entschuldigung, warum ihm mein Verschwinden nicht aufgefallen ist. Umziehen ist echt stressig. Umziehen nach Barcelona bestimmt noch mehr.
Jo steckt in einer Arbeitskrise. Das ist nix Neues. Jo ist ein ‚Freund‘ aus Bloggerzeiten, den ich durch Zufall im Netz getroffen habe. Irgendwann sind wir zeitgleich auf Facebook gelandet. Er arbeitet als Ingenieur in Hamburg, hat zwei Hunde und vier Kinder und liebt Tolkien. Daher kennen wir uns auch.
Allie postet kryptische Sätze und depressive Videos. Allie ist eine ehemalige Arbeitskollegin, mit der ich weder online noch im Real Life viele Worte gewechselt habe. Ich weiß nicht mal mehr, was sie jetzt macht oder warum sie immer noch auf meiner Liste ist.
Snow Patrol arbeiten am neuen Album. Gary postet Fotos auf seinem Tumblr und bringt mich wenigstens zum Lachen.
Alex trifft Freunde in einer Bar in L. A. Auch er ist sehr kryptisch, wenn man ihn nicht kennt. Ich kenne ihn nicht. Nicht persönlich, aber ich lese seine Updates trotzdem. Alex ist einer dieser Partykids, die berühmt sind, ohne wirklich etwas dafür getan zu haben. Er kennt anscheinend Gott und die Welt und arbeitet offiziell als Model. Außerdem spielt er Bass in verschiedenen Bands und wohnt irgendwo in Venice in einer WG, glaube ich. Meine Freundschaftsanfrage hat er vor einem Jahr angenommen. Bis heute weiß ich nicht, wieso. Wahrscheinlich bloß, um seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Das machen viele. Auf PNs antwortet er nicht. Aber warum sollte er auch? Schließlich kennt er mich gar nicht. Trotzdem finde ich sein Leben spannend, und ich mag die Musik der Bands, in denen er spielt.
Ich scrolle weiter, vorbei an noch mehr Bands, Tagesspruchseiten und alten Freunden, die ich kaum noch kenne und eigentlich löschen könnte. Vorbei an Autoren, die gerade ein Buch veröffentlicht haben (auch wieder so ‚Freunde‘, die mit mir aus Werbezwecken befreundet sind, schätze ich) und wegen übertriebener Posterei natürlich extrem beliebt sind. Vielleicht sollte ich auch ein Buch schreiben. Leider fehlt mir da die nötige Inspiration. Und ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen soll.
Irgendwann reicht es mir, im digitalen Dschungel umherzuirren, und ich mache den Computer aus.
So. Stille.
Ich koche Tee und esse eine halbe Packung Kuchen, sehe nach, ob eine Nachricht auf meinem Telefon ist. Nichts. Ich bin plötzlich so genervt, dass ich die Wohnung verlasse und mich auf den Weg mache, ohne zu wissen, wohin. Als ich auf der Straße bin, hole ich erst einmal tief Luft. Es ist Februar und so kalt, dass meine Finger schon nach wenigen Metern eiskalt und taub sind. Trotzdem gehe ich weiter meine unspektakuläre Straße entlang, vorbei an Schneeresten und glatten Stellen, auf die niemand Salz gestreut hat. Ich laufe Richtung Bahnhof, und als ich dort ankomme, sind meine Füße auch gefroren. Ich wohne praktisch mitten in der Stadt, nur zwei Straßenzüge vom Zentrum entfernt. Das ist wirklich ein Glück, denn so brauche ich kein Auto. (Nicht, dass ich einen Führerschein hätte oder mich je wieder in eines dieser Dinger setzen würde.) Die Mall mit ihren Shops und dem Supermarkt und der Post und der Bank kann ich locker zu Fuß erreichen. Gleich daneben ist der Bahnhof.
Spontan laufe ich da rein und starre auf die Anzeigetafeln. Ich überlege, wohin ich fahren würde, wenn ich könnte. Zum Flughafen? Und dann? Mein Reisepass ist zu Hause, aber das ist kein Problem, denn ich müsste ja zumindest ein paar Sachen packen. Allerdings klärt das nur das „Wie?“ und nicht das „Wohin?“. Spontanitäten dieser Art sind so gar nicht mein Ding, und allein der Gedanke an eine Fahrt ins Unbekannte jagt mir eine Höllenangst ein. Was soll ich da?
Also drehe ich mich um und gehe wie gewohnt in den Supermarkt, um ein paar Sachen fürs Wochenende zu kaufen. Dann gehe ich wieder nach Hause, wütend auf die Welt, wütend auf meine Vorhersehbarkeit, wütend auf meine Feigheit und mein langweiliges Dasein. Ich werfe meine Einkäufe auf den wackeligen Tisch in der Küche und mich auf die Couch vor die Glotze. Der einzige Erfolg, den ich an dem Tag verbuchen kann, ist, dass ich den Computer nicht mehr angemacht habe.
Mein knurrender Magen und das Hämmern von Hagelkörnern schmeißen mich am Samstag aus dem Bett. Nach Kaffee und Brötchen und Rührei starre ich gefühlte drei Stunden aus dem Fenster und denke über mein Leben nach. Grau in Grau da draußen, grau bis schwarz in meinem Kopf. Gegenüber feiern die Nachbarn eine Party mit Hüten und Luftschlangen, und obwohl ich sie nicht hören kann, sehe ich, wie sie lachen. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal so gelacht? Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich sehr wohl erinnern, dass ich so selten Besuch bekomme, dass die Wohnung im Chaos versinkt. Mir ist es egal, und sonst sieht es ja auch keiner. In einem Anflug von Ablenkungsdrang fange ich an aufzuräumen, gebe aber relativ schnell wieder auf, als der Postbote meine Reiseführer liefert. Päckchen jedweder Art sind immer ein Highlight im tristen Grau. Der Postbote heißt Jan und wir sind mittlerweile per Du.
„Und, was gibt’s heute Schönes?“, fragt er, als er mir den Karton hinhält.
Ich sage es ihm, weil wir das so machen. Sein Zahnpastalächeln wird noch breiter, als er von Venedig hört.
„Da war ich auf Hochzeitsreise. Solltest du unbedingt hin“, schlägt er vor, und dann ist er auch schon wieder weg.
Mit meinem Karton Ablenkung versinke ich wieder im Bett und dann zwischen den Seiten.
Ich reise mit dem Vaporetto nach Venedig, schreite durch ein Meer von Tauben auf dem Markusplatz und stehe staunend auf der Rialtobrücke. Ich trinke Kaffee im Jüdischen Viertel und versinke im Libreria Acqua Alta in einer Flut von Büchern und Geschichte.
In Chicago lockt mich der Millennium Park, wo ich am Cloud Gate lustige Fotos mache und mich auf der Magnificent Mile im Schatten der hohen Gebäude von einem Laden in den nächsten treiben lasse, bevor ich den Tag mit einer Bootstour auf dem Chicago River vollende und mir dabei den Wind um die Nase wehen lasse.
Später geht es dann nach L. A., wo ich auf Sternen Kinderhüpfspiele veranstalte, in Venice Graffitis bestaune, am Santa Monica Pier Riesenrad fahre und mich im Griffith-Observatorium auf eine der Balustraden schwinge, von wo ich dann die ganze Stadt sehen kann.
Erst als es schon dämmert und mein Magen erneut protestierende Geräusche von sich gibt, kehre ich aus fernen Ländern in meine chaotische, wenig beeindruckende Wohnung zurück.
Trotz guter Vorsätze versuche ich, die harte Landung durch einen Abstecher ins WWW erträglicher zu gestalten. Die anhaltende Stille, die mich dort erwartet, macht es allerdings fast noch schlimmer. Wenige Minuten später verfluche ich mich selbst. Keine E-Mails, keine Nachrichten, keine Kommentare, nur die Erinnerung an meine gespeicherten Posts. Nichts außer zirpenden Grillen in der Pampa. Prima.
Ich bleibe im Bett und stehe nur auf, um zu essen oder um eine neue Superhelden-DVD einzuschmeißen, die mich mit ihren heroischen Taten und Abenteuern davon ablenken sollen, dass auch der kleinste Wohnraum manchmal zu groß ist für eine einzelne, einsame Person.
Ich hasse mein Leben.
Am Montag gehe ich wie immer zur Arbeit. Auch da kann ich zu Fuß hinlaufen, auch wenn sie ein Stück weiter entfernt ist als das Zentrum. Alternativ fährt auch ein Bus, aber mit Bussen ist das fast so wie mit Autos, wenn auch nicht ganz so schlimm. Trotzdem ziehe ich es vor zu laufen.
Als ich meine Keycard durch das elektronische Schloss am Eingang ziehe, frage ich mich erneut, ob es hier jemandem auffallen würde, wenn ich einfach nicht mehr auftauche. Janice, die einzige Kollegin, mit der ich mehr als drei Worte täglich wechsele, sieht heute nicht mal auf, als ich mich in meinen kleinen Kubus neben ihrem quetsche. Stattdessen starrt sie gespannt auf irgendwelche Unterlagen. Der Rest der Mannschaft ist in etwa so kontaktfreudig wie die Online-Freunde. Die eine Hälfte arbeitet aus purer Verzweiflung im Callcenter, und die andere Hälfte wechselt so oft, dass ich mir nicht mal mehr die Mühe mache, mir ihre Namen zu merken und ihnen stattdessen lustige Spitznamen verpasse.
Der, der immer Fingernägel kaut.
Die Lockige mit Silberblick.
Die Klimperarmbandträgerin.
Der große Rothaarige mit dem Bart.
Ich bin der, der am längsten hier arbeitet. Einen Orden haben sie mir deswegen nicht verliehen.
Mittags esse ich wie üblich in der Kantine und wechsele belanglose Nettigkeiten mit Janice und einem Typ, der jetzt seit einer Woche hier ist. Der akkurate Schlipsträger. Sein Enthusiasmus ist erfrischend, aber ich wette, er ist in drei Monaten wieder weg, wenn nicht früher. Ich kenne diese Typen. Nach der ersten Euphorie, dass sie tatsächlich einen Job gefunden haben, kommt die Ernüchterung, dass es Tag ein, Tag aus im Prinzip nur darum geht, sich beschimpfen zu lassen, Kunden zu beschwichtigen, sich weiter beschimpfen zu lassen und unmögliche Lösungen für undurchsichtige Probleme zu finden. Am Ende des Tages tun einem die Ohren weh und die Augen und der Nacken auch. Ich kenne Kollegen, die gehen nach der Arbeit joggen. Die haben sogar eine Jogginggruppe gegründet, so ganz offline. Leider finde ich weder Entspannung noch Gefallen an körperlicher Betätigung und entspanne mich viel besser auf meiner Couch mit einer Tüte Chips und einem Videospiel.
Als der akkurate Schlipsträger merkt, dass weder ich noch Janice seiner Begeisterung Beifall schenken, lässt er von uns ab und sucht sich ein neues Opfer. Janice fängt an, mit ihrem Freund zu texten, und ich nutze die Stille im Büro, um meine E-Mails zu checken. Einen ganzen Tag lang war ich offline, und nichts ist angekommen. Keine E-Mails, keine Nachrichten, gar nichts. Die gähnende Leere auf all meinen Seiten scheint mich plötzlich auszulachen. Mit dem Finger zeigt sie auf mich und nennt mich einen Loser. Einen Außenseiter. Einen Haufen unnützer Zellen.
Die Enttäuschung weicht unbändiger Wut, und ich klicke meinen Status auf Facebook an und tippe: „Vermisst mich eigentlich irgendjemand???“, schicke es dann aber in letzter Sekunde doch nicht ab. Stattdessen formt sich beim Anblick des leeren Statusfensters langsam ein anderer Plan: Ich werde allen sagen, dass ich tot bin und nicht wiederkomme. Da würden sie staunen.
Dann fällt mir zum Glück ein, dass das Blödsinn ist. Wer soll das posten, wenn ich tot bin? Mein Geist? Also verwerfe ich auch das und schwenke stattdessen über zu lebensbedrohlichen Verletzungen. Das erhascht immer besonders viel Mitleid. Aber Mitleid will ich gar nicht. Und außerdem ist das eine dämliche Idee. Meine Mutter hat immer gesagt, sowas soll man nicht heraufbeschwören, weil es vielleicht wahr wird. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist eine Verletzung, die mich wochen-, vielleicht monatelang ans Bett fesselt. Also lasse ich das auch. Die Wut verschwindet aber leider nicht so einfach und sucht verzweifelt nach einem Ventil. Wut ist stark genug, ein paar Fehlgedanken zu überleben und ihre rot-schnaubenden Beinchen tiefer in dich einzugraben.
Janice kehrt lächelnd und immer noch tippend an ihren Platz zurück, und ich frage mich, was es kostet, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Früher, ja früher, da hatte ich auch Menschen, die mir geschrieben haben, Menschen, die sich Sorgen gemacht haben, wenn ich mal länger als geplant unterwegs war, Menschen, die ich anrufen konnte, und Menschen, die mir Essen gekocht und mich in den Arm genommen haben. Aber das war früher. Davor. Jetzt ist danach.
Erneut tippe ich, folge einer anderen Spontan-Idee: „Ich zieh um, tschüss!“ Und dann starre ich lange auf die Worte. Nein. Das wird keinen interessieren. Ich bin nicht Rolf, ich bin kein Hipster, ich habe null Talent, was Fotos angeht, und werde sicher nicht anfangen, mein perfektes neues Leben in Szene zu setzen und dann zu fotografieren. Und wie soll ich das überhaupt anstellen? Ich zieh ja nicht um.
Zwei Minuten Pause noch und die Wut wird langsam ungeduldig und scharrt mit den Hufen. Ich kaue an meinem Daumennagel. Ich muss doch gar nicht umziehen. Ich kann ja nur so tun. Also klicke ich den Cursor hinter „zieh“, tippe „nach L. A.“, lösche das „Tschüss“ und drücke Enter. Ich weiß nicht mal, warum ich das gemacht habe, aber da steht es nun. „Ich zieh nach L. A.“ und ein fettes Smiley XD. Schnell schließe ich das Fenster und gehe zurück an die Arbeit.
Als ich abends nach Hause komme, ist das Unglaubliche passiert: Ich habe sieben E-Mails. Sieben! Ich hatte in den vergangenen drei Wochen zusammen keine sieben E-Mails, jedenfalls nicht von echten Menschen! Sofort klicke ich auf die erste, die Jacke noch nicht mal ausgezogen, und setze mich erst mal hin. Rolf gefällt mein Status. Jo gefällt mein Status. Allie ebenfalls. Allie, meine kryptisch-unkommunikative Ex-Kollegin, hat meinen Status sogar kommentiert, und auch Rolf hatte was zu sagen.
„Wow. Mega, Radulf!“, schreibt Allie.
Rolf wünscht mir viel Glück mit Augenzwinkern und möchte mir einen Umzugskistenhändler empfehlen, der „krasse Preise“ hat.
Und dann ist da noch Lea. „Meld dich, wenn du ankommst!“, schreibt sie, und das Minibild neben ihrem Kommentar zeigt eine dunkle Silhouette im Sonnenuntergang vor dem Ozean.
Pete schickt mir ein Smiley. Pete ist der Typ aus Schottland, dem ich meine doppelten Buffy-DVDs verkauft habe. Lernt Deutsch. Findet mich cool. Fand mich cool. Für zwei Wochen vielleicht. Dann hab ich nie wieder von ihm gehört. Jetzt spricht er auf einmal. Na ja, er Smiley-lächelt.
Euphorisch von meinem Erfolg, poste ich dieselbe Neuigkeit auf meinem Livejournal. Dann mache ich erst mal Essen. Hotdog aus der Packung, Ketchup und Senf drauf, Cola, Pudding für nachher, und zurück an den Schreibtisch. Keine Zeit zu verlieren. Was schreib ich jetzt? Mann, sind die dämlich, mir das einfach so abzukaufen. Als ob ich nach L. A. ziehe! Die wissen echt rein gar nichts über mich.
Und wer ist überhaupt Lea? Auf der Suche nach Antworten klicke ich auf ihr Profil und scrolle durch ihre Info. Wir haben einen gemeinsamen Freund (Alex) und mehrere Bands, die wir beide toll finden. Klasse. Sagt mir immer noch nix. Beim Wühlen durch ihre Pinnwand finde ich Fotos. Glückwünsche zum Geburtstag und Videos von irgendwelchen Bands, die ich nicht kenne. Und Alex. War das nicht die, die mal ein Foto gepostet hat, das ich dann kommentiert habe? Die Fotografin? Nein, die hieß Simone oder so. Lea. Lea. Keinen Schimmer. Aber hey! Ich kenne schon mal jemanden in L. A., der mir nicht die kalte Schulter zeigt wie Alex. Das heißt dann wohl, dass ich doch cool genug bin. Jo ist online, aber mein Chat ist immer noch offline, und ich will nicht gleich mit tausend Fragen konfrontiert werden, auf die ich noch keine Antwort habe. Also esse ich erst mal mein Hotdog. Jetzt eher Colddog.
Neue E-Mail: Chris(tina) hat meinen Status kommentiert. „L. A.??? Was zur Hölle, Rad?!“ Chris ist eine ehemalige Klassenkameradin. Früher hat sie mich gehasst, hat kaum ein Wort mit mir gesprochen. Dann plötzlich im letzten Jahr war sie nett zu mir. Aber im letzten Schuljahr waren irgendwie alle plötzlich nett zu mir. Chris spricht jetzt nur noch Englisch, weil sie sich auf ihre Reise nach Amerika vorbereiten will. Work & Travel macht sie und fängt irgendwann im Sommer auf einer Rinderfarm in Texas an. Ich kann mir die glitzerschmuckbehangene und schminkverliebte Ziege kaum auf einer staubigen Ranch vorstellen, geschweige denn sehe ich sie Rinder zusammentreiben oder Pferdeställe ausmisten.
Ich tippe: „Sieht so aus, als würde ich vor dir den amerikanischen Traum (er-)leben :P“, und drücke Enter.
„Meinst du das ernst? Echt jetzt?“, kommt die Antwort knapp drei Sekunden später.
Ich zögere für eine halbe Minute, die Finger über der Tastatur, und kaue mir dabei fast die Unterlippe durch. Zurück zum Niemand oder der coole Typ sein, der nach L. A. auswandert? Eigentlich eine blöde Frage.
„JA!“ Enter.
Zwei Stunden später habe ich siebenundzwanzig Kommentare unter meinem Beitrag. Lea und Chris, die sich einander plötzlich verbunden fühlen, unterhalten sich über die ‚hippen‘ Plätze in L. A. Ich habe keine Ahnung, warum Chris glaubt, dass sie von Texas aus mal eben nach L. A. shoppen gehen kann, aber das ist sicher eines der Mysterien im Leben, die man nicht verstehen muss. Und immer noch frage ich mich, wer Lea ist.
Auf meinem Livejournal haben sich plenty_beans und miraclesouth gemeldet.
„L. A.? Wie? Wann?“, fragt der eine und „Wie bitte?“, fragt die andere.
Mein Hotdog liegt mir auf einmal schwer im Magen. Diese zwei kenne ich seit Jahren. Ich habe über ihre Gedanken und Gefühle gelesen, über ihre Lebenssituation und ihre Sorgen. Ich habe mitgelitten, mitgelacht und Beistand geleistet. Und natürlich beruht das auf Gegenseitigkeit. Getroffen habe ich natürlich weder plenty_beans noch miraclesouth. Jamie wohnt in Florida und Fred(erieke) in Chicago. Verbunden sind wir trotzdem – irgendwie. Und auch wenn die plötzlich wiederkehrende Aufmerksamkeit runtergeht wie Öl, krampft sich mein Magen zusammen. Sich gleichzeitig gut und scheiße zu fühlen, ist komisch, aber es hält mich nicht davon ab, weiterzutippen. Ich gebe Antworten, die frei erfunden sind, und suhle mich schamlos im anhaltenden Interesse der anderen.
Um drei Uhr morgens, nachdem ich eine geschlagene Stunde auf eine weitere E-Mail, einen weiteren Kommentar, eine weitere Reaktion gewartet habe, gehe ich endlich ins Bett. Die Gewissensbisse nutzen die Stille und die Dunkelheit, um gnadenlos über mich herzufallen. Ich kann nicht schlafen. Ich bin ein Heuchler, ein Lügner. Armselig. Ein Wurm. Ein elender Märchenerzähler. Das Licht der Straßenlaterne wirft groteske Schattenmuster an die Decke, die Euphorie habe ich irgendwo zwischen Computer und Kissen verloren. Zurück bleibt das Gefühl von Erbärmlichkeit. Ist das überhaupt ein Wort? Ich mache es einfach zu einem. Gleich Morgen werde ich die Sache aufklären. Gleich Morgen werde ich ihnen die Wahrheit sagen. Ich muss nur noch rausfinden, wie. Wie gesteht man, dass man gelogen hat? Wie sagt man, dass es nur ein verzweifelter Versuch war, ihre Aufmerksamkeit zu wecken, ein Versuch, sich wieder wichtig zu fühlen, dieses Gefühl zu haben, dass das, was man sagt, die Menschen auch interessiert? Wie sagt man das, ohne komplett das Gesicht zu verlieren? Wie sagt man das, ohne zugeben zu müssen, dass es einem einfach nicht gut geht? Wie sagt man das, ohne sich noch tiefer in das schwarze Loch zu katapultieren, aus dem man sich gerade mühselig herausgezogen hat?
Und wer zur Hölle ist Lea?!
Als ich aufwache, ist es viel zu hell. Ich starre aus dem Fenster in den blauen Himmel und wundere mich, warum er blau ist und nicht grau wie sonst, wenn ich morgens aufwache. Dann fällt mir ein, was nicht stimmt. Dienstag! Ich habe den Wecker nicht gestellt und verpennt. Die werden ganz schön sauer sein.
Als ich fluchtartig das Bett verlasse, trete ich auf eine leere Coladose, die knirschend unter meinem Gewicht nachgibt und mich mit ihren Metallklauen am Fuß packt. Hüpfend suche ich das Telefon. Mit dem Hörer schon in der Hand überlege ich mir eine Ausrede. Krank? Ja, warum nicht? Nur, dann muss ich zum Arzt, ein Attest holen und mich stundenlang im bazillenverseuchten Wartezimmer langweilen. Blöd. Ich lege das Telefon wieder hin. Zu spät bin ich eh, und bis ich mir was Besseres überlegt habe, kann ich auch eben meine E-Mails checken.
Zwölf neue Nachrichten. Zwölf?? Vergessen ist die Arbeit. Chris und Lea haben anscheinend ihre Unterhaltung wiederaufgenommen. Ooozone fragt auf LJ, warum ich nach L.A. ziehe und ob ich berühmt werden will. Moonlight_street sagt, ich soll auf dem Weg bei ihr vorbeikommen. Klar, Abstecher nach New York, warum nicht? Eine Indie-Band aus L. A. hat mir eine Freundschaftsanfrage geschickt, und Amazon empfiehlt mehr Reiseführer. Und Schuhe.
Ich rufe endlich auf der Arbeit an, verstoße gegen alle Regeln und Vorsätze, die meine Mutter mir je nahebringen wollte, und schiebe eine tote Tante vor. Da meine Tante tatsächlich tot ist, ist es auch nur halb gelogen. Mein Chef ist ein griesgrämiger Sklaventreiber, aber tote Verwandte – das weiß ich genau – entlocken ihm immer einen Funken Menschlichkeit und Mitgefühl. Ich bekomme seinen Segen, mich um alles zu kümmern, und ein herzliches Beileid obendrauf.
Nachdem ich aufgelegt habe, starre ich für eine Weile aus dem Fenster. Ich bin erstaunt, ja schon fast schockiert, wie einfach es mir plötzlich fällt zu lügen.
Ich bin immer ein ehrlicher Mensch gewesen. Ich habe in der Schule nicht gemogelt, immer brav gelernt und mir alles, was ich wissen musste, mühselig in den Schädel gehämmert. Ich habe noch nie bei der Steuererklärung getrickst und spende Geld für arme Kinder und Straßenhunde. Ich bin immer zur Arbeit gegangen, auch wenn ich keine Lust hatte, und habe meinen Teller leer gegessen, auch wenn ich keinen Hunger mehr hatte. Wieso fällt mir dann das Lügen und Schwindeln, das Geschichten erfinden und Flunkern plötzlich so leicht? Und warum macht es auch noch Spaß?
Mein Blick wandert zurück zu der ewig langen Reihe an Kommentaren und der kleinen, zweistelligen Zahl unter meinem LJ-Post. Ich weiß, warum es Spaß macht, und auch, warum es mir so leicht fällt. Aufmerksamkeit ist Balsam für die Seele. Und obwohl ich mir all diese Aufmerksamkeit erschwindelt habe, tut sie trotzdem gut. Lieber falsche Aufmerksamkeit als gar keine. Oder?
Weil ich jetzt eh frei habe und der Signalton von neuen E-Mails mein Herz jedes Mal ein bisschen hüpfen lässt, beantworte ich Fragen zu meinen Lügen mit noch mehr Lügen und spinne mir meine Auswanderung zusammen. Und weil ich nicht entlarvt werden will und alles richtig machen möchte, fange ich an zu recherchieren.
Was muss man alles beachten, wenn man tatsächlich auswandern will? Welche Formulare brauche ich? Wo muss ich mich an- und abmelden? Wie ist das mit dem Visum? Wo, wie, wann, was? Irgendwann schwirrt mir der Schädel von dem ganzen Hin und Her. Nach so vielen Details fragt eigentlich niemand, und ich komme mir albern vor.
Trotzdem freue ich mich über die fiktive Wohnung, die mir gestellt wird, und über den gerade erfundenen Job, den ich antreten werde. Ich werde beglückwünscht, mehrfach gebeten, Fotos zu machen, wenn ich angekommen bin, und bloß alles zu dokumentieren. Einen Instagram-Account soll ich extra dafür anlegen. Alle freuen sich, alle finden meinen Plan cool, alle finden mich cool und Lea gibt Ratschläge, die ich begierig aufnehme.
