E-Book Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Hörbuch Verlag: Der Audio Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Verachtung - Jussi Adler-Olsen

Der Spitzentitel jetzt im Taschenbuch! Eine Reihe vermisster Personen aus dem Jahr 1987, die durch eine Person und deren entsetzliches Schicksal verbunden sind: Nete Hermansen. Eine junge Frau ohne jede Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, von Menschen grausam misshandelt, wird zwangssterilisiert durch einen fanatischen Arzt und verbannt nach Sprogø, der Insel für ausgestoßene Frauen. Sie nimmt grausam Rache ...

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E-Book-Leseprobe Verachtung - Jussi Adler-Olsen

Jussi Adler-Olsen

Verachtung

Akte 64

Der vierte Fall für Carl Mørck,Sonderdezernat Q

Thriller

Aus dem Dänischenvon Hannes Thiess

Gewidmet meinen ElternKaren-Margarethe und Henry Olsenund meinen Schwestern Elsebeth, Marianne und Vippe

Prolog

November 1985

Fast hätte sie sich ganz diesem Gefühl hingegeben. Das Champagnerglas in ihrer Hand war angenehm kühl, die Stimmen verschwommen zu einem Summen und die Hand ihres Mannes ruhte leicht auf ihrer Taille. Bis auf die Zeiten des Verliebtseins hatte es nur Sekunden in einer fernen Kindheit gegeben, die an das heranreichen konnten, was sie in diesem Moment empfand. Das Gefühl der Geborgenheit beim Einschlafen, mit dem Murmeln der Großmutter und gedämpftem Lachen im Ohr. Dem Lachen von Menschen, die es längst nicht mehr gab.

Nete presste die Lippen zusammen, damit das Gefühl nicht die Oberhand gewann.

Sie richtete sich auf und ließ ihren Blick über die eleganten Kleider und schlanken Rücken schweifen. Eine beachtliche Schar von Geladenen hatte sich eingefunden zum Ehrendinner für den dänischen Laureaten des Großen Nordischen Preises in Medizin. Forscher natürlich und Ärzte und die Spitzen der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in die sie nicht hineingeboren war, in der sie sich aber mit den Jahren immer wohler fühlte.

Sie atmete tief ein und stieß einen wohligen Seufzer aus. Da spürte sie auf einmal überdeutlich einen Blick, der sich über die Köpfe der kunstvoll frisierten Frauen und der Smoking tragenden Männer hinweg auf sie heftete. Es war ein Blick wie eine undefinierbare und beunruhigende Entladung. Ein Blick, wie ihn nur Menschen aussandten, die einem Böses wollten. Instinktiv tat sie einen Schritt zur Seite, wie ein gejagtes Tier, das im Gebüsch Deckung sucht, legte ihrem Mann die Hand auf den Arm, versuchte zu lächeln, während ihre Augen zwischen den festlich gekleideten Menschen und den Kronleuchtern hin und her wanderten.

Eine Frau warf für den Moment eines Lachens den Kopf in den Nacken, sodass die Sicht quer durch den Saal freigegeben war.

Dort vor der Wand stand er.

Wie ein Leuchtturm ragte seine Gestalt aus der Schar der Gäste heraus. Trotz der leicht gebeugten Haltung ein riesiges Raubtier, dessen Augen wie Suchscheinwerfer über die Menge glitten.

Sie spürte seinen lauernden Blick mit jeder Faser ihres Körpers und sie wusste, dass ihr Leben binnen Sekunden in sich zusammenstürzen würde, wenn sie nicht augenblicklich reagierte.

»Andreas«, sagte sie und griff sich dabei an den Hals, der schon jetzt schweißnass war, »können wir bitte gehen? Ich fühle mich nicht gut.«

Mehr brauchte es nicht. Ihr Mann hob die dunklen Augenbrauen, nickte den anderen zu, und während er ihren Arm nahm, wandte er sich von der Gruppe ab. Für diese Gesten liebte sie ihn.

»Danke«, sagte sie. »Leider wieder der Kopf.«

Er nickte. Das kannte er nur zu gut von sich selbst. Lange Abende im abgedunkelten Raum, wenn sich die Migräne erst festgesetzt hatte.

Auch das verband sie.

Sie kamen bis zu der ausladenden Treppe vor den Festräumen. Da glitt der Hüne von der Seite heran und stellte sich vor sie hin.

Ihr fiel auf, dass er deutlich gealtert war. Die Augen, die früher Funken gesprüht hatten, waren matt geworden. Das Haar war nicht wiederzuerkennen. Knapp dreißig Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen.

»Du hier, Nete? Dich hätte ich in dieser Gesellschaft am allerwenigsten erwartet.«

Sie zog Andreas um ihren Verfolger herum, doch der ließ nicht locker. »Erinnerst du dich nicht mehr an mich, Nete?«, kam die Stimme jetzt von hinten. »Doch, das tust du. Curt Wad. Du erinnerst dich sicher.«

Sie hatten die Treppe schon halb geschafft, da holte er sie ein.

»Bist du etwa Direktor Rosens Hure? Solltest du tatsächlich so hoch aufgestiegen sein? Schau mal an, wer hätte das gedacht.«

Sie versuchte, ihren Mann mit sich zu ziehen, aber Andreas Rosen war nicht dafür bekannt, dass er Problemen den Rücken kehrte.

»Würden Sie so freundlich sein und meine Frau in Ruhe lassen?« Der Blick, der seine Worte begleitete, kündete von unterdrücktem Zorn.

»So, so.« Der Verfolger trat einen Schritt zurück. »Da ist dir also tatsächlich Andreas Rosen ins Netz gegangen. Guter Fang, Nete.« Er versuchte sich an etwas, das andere als halbherziges Lächeln bezeichnet hätten, aber sie wusste es besser.

»Das ist meiner Aufmerksamkeit ja vollständig entgangen. Ich komme nicht so oft in diese Kreise, weißt du. Lese keine Klatschspalten.«

Wie in Zeitlupe sah sie ihren Mann verächtlich den Kopf schütteln. Spürte, wie seine Hand nach ihrer griff und sie hinter sich her zog. Sekundenlang konnte sie keine Luft holen. Ihrer beider Schritte klangen wie asynchrone Echos des gleichen Impulses: Bloß weg hier!

Erst als sie schon an der Garderobe standen, war die Stimme wieder hinter ihnen zu hören.

»Herr Rosen! Dann wissen Sie ja vielleicht gar nicht, dass Ihre Frau eine Hure ist? Ein schlichtes Mädel, das die Insel Sprogø besser kennt als so manch anderer. Ich sage nur: Besserungsanstalt. Ein Mädel, das es nicht so genau nimmt, für wen es die Beine breit macht. Dessen debiles Hirn den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nicht kennt und …«

Es zog in ihrem Handgelenk, als sich Andreas Rosen abrupt umdrehte. Mehrere Gäste wollten den Mann, der die festliche Atmosphäre störte, zum Schweigen bringen. Zwei jüngere Ärzte traten dazu, bauten sich drohend vor dem großen Kerl auf und demonstrierten damit überdeutlich, dass er unerwünscht war.

»Andreas, lass es!«, rief sie, aber ihr Mann hörte nicht auf sie. Das Alphatier in ihm war erwacht und hatte angefangen, sein Territorium zu markieren.

»Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind«, sagte er. »Aber ich schlage vor, dass Sie sich öffentlich erst dann wieder zeigen, wenn Sie gelernt haben, sich unter Menschen zu benehmen.«

Der Angesprochene, der die Männer, die ihn festhielten, ohnehin um einen Kopf überragte, straffte die Schultern und reckte das Kinn. Von der Garderobe her waren alle Augenpaare auf seine trockenen Lippen gerichtet. Die Damen hinter der Theke, die die Pelze und Trenchcoats verwahrten, die anderen, die sich an der Gruppe vorbeidrückten, und die Privatchauffeure, die an den Schwingtüren warteten – alle hatten die Köpfe zu ihm gewandt.

Und dann kamen jene Sätze, die niemals hätten ausgesprochen werden dürfen.

»Dann fragen Sie Nete doch, wo sie sterilisiert wurde, Herr Rosen. Fragen Sie sie, wie viele Schwangerschaftsabbrüche sie hatte. Fragen Sie sie, wie sich fünf Tage in der Strafzelle anfühlen. Fragen Sie sie danach, aber kommen Sie mir nicht mit Belehrungen über Umgangsformen, Andreas Rosen. Dazu bedarf es anderer.«

Curt Wad trat zur Seite. »Ich gehe!«, rief er hasserfüllt. »Und du, Nete!«, der Finger, mit dem er auf sie deutete, zitterte, »schmor doch in der Hölle. Wo du hingehörst.«

Als die Schwingtüren hinter ihm zuklappten, wurde das Stimmengewirr laut.

»Das war Curt Wad«, flüsterte jemand hinter ihnen. »Hat mit dem heutigen Preisträger zusammen studiert. Und das ist auch das einzig Gute, das sich über ihn sagen lässt.«

Aber sie stand mindestens ebenso im Zentrum der Aufmerksamkeit. Entblößt.

Die Menschen ringsum musterten sie. Und die Blicke verweilten bei Dingen, die auf einmal Netes wahres Ich zu enthüllen schienen. War das Dekolleté zu tief? Sahen ihre Hüften, ihre Lippen vulgär aus?

Als die Garderobenfrau ihnen die Mäntel reichte, kam deren warmer Atem Nete fast giftig vor. »Du bist keinen Deut besser als ich«, schien er zu hauchen.

So schnell ging das.

Sie schlug die Augen nieder und nahm den Arm ihres Mannes. Ihres geliebten Mannes, dessen Blick sie nicht zu begegnen wagte.

Sie horchte auf das leise, regelmäßige Brummen des Motors. Sie hatten seither kein Wort gewechselt, saßen nur nebeneinander und starrten an den unablässig arbeitenden Scheibenwischern vorbei in den dunklen Herbstabend.

Vielleicht wartete er auf Dementis, aber damit konnte sie nicht dienen.

Vielleicht erwartete sie, dass er ihr entgegenkam. Dass er ihr aus der Zwangsjacke half, in die sie sich eingeschnürt fühlte. Dass er sie einfach ansah und sagte, das alles habe nichts zu bedeuten, nur ihre gemeinsamen elf Jahre zählten.

Und nicht die siebenunddreißig Jahre, die sie vorher gelebt hatte.

Aber er schaltete das Autoradio ein und füllte so den Raum lautstark mit Distanz. Sting begleitete sie südwärts über Seeland, Sade und Madonna über die Insel Falster und den Guldborgsund. Es war die Nacht der jungen Sänger und ihrer neuen, unverwechselbaren Stimmen. Das war das Einzige, was sie verband.

Alles andere verschwand.

Wenige hundert Meter vor dem Dorf Blans und zwei Kilometer vor dem großen Hof fuhr er plötzlich auf den Seitenstreifen.

»So, und jetzt schieß los«, sagte er, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Kein freundliches, tröstendes Wort. Nur dieses »Jetzt schieß los«. Nicht einmal ihren Namen nahm er in den Mund.

Sie schloss die Augen. Dann fing sie stockend an zu sprechen, bat ihn zu verstehen, dass es Ereignisse gegeben habe, die alles erklärten, und dass der Mann, der sie so beleidigt habe, an ihrem Unglück schuld sei.

Aber davon abgesehen stimme, was er gesagt habe. Das gab sie mit leiser Stimme zu.

Insgesamt stimme es.

Einen quälenden Augenblick lang war nur sein Atem zu hören. Dann wandte er sich ihr zu. Seine Augen waren dunkel. »Deshalb also konnten wir beide keine Kinder bekommen«, sagte er.

Sie nickte. Presste die Lippen zusammen. Sagte, wie es war. Ja, sie hatte sich schuldig gemacht, indem sie gelogen, indem sie den Grund verschwiegen hatte. Sie gab es zu. Als junges Mädchen habe man sie nach Sprogø gebracht, aber da habe sie nichts dafürgekonnt, das sei das Ergebnis von Machtmissbrauch, Ablehnung und Willkür gewesen. Das Ende einer Kette von Fehlurteilen. Das und nichts anderes. Und ja, sie habe mehrere Aborte gehabt und sei sterilisiert worden, aber dieser entsetzliche Mensch, dem sie gerade begegnet seien …

Da legte er ihr eine Hand auf den Arm, deren Eiseskälte sich wie mit Stromstößen auf ihren Körper übertrug und sie erstarren ließ.

Dann schaltete er in den ersten Gang, ließ die Kupplung kommen und fuhr langsam durch den Ort. Zwischen den Wiesen und dem Ausblick auf das dunkle Meer beschleunigte er.

»Bedaure, Nete. Aber dass du mich jahrelang in dem blinden Glauben gelassen hast, wir beide könnten ein Kind bekommen, kann ich dir nicht verzeihen. Das kann ich einfach nicht. Und was das Übrige angeht, so widert es mich an.«

Er schwieg, und sie spürte, wie ihre Schläfen eiskalt wurden und sich der Nacken verspannte.

Schließlich hob er den Kopf auf diese anmaßende Art, wie er es in Verhandlungen mit Menschen tat, die seinem Gefühl nach seinen Respekt nicht verdienten.

»Ich packe meine Sachen und räume das Feld«, sagte er und betonte jedes Wort. »Bis du etwas anderes gefunden hast. Ich gebe dir eine Woche. Von Havngaard kannst du mitnehmen, was du willst. Es soll dir an nichts fehlen.«

Immer ungläubiger starrte sie ihn an. Dann wandte sie sich langsam ab und blickte über das Wasser. Ließ das Fenster ein wenig herunter und nahm den Geruch des Tangs wahr. Das tiefschwarze Meer schien endgültig nach ihr zu greifen. Wie damals, in jenen einsamen, verzweifelten Tagen auf Sprogø, als die unablässig heranrollenden Wellen sie gelockt hatten, ihrem elenden Leben ein Ende zu bereiten.

»Es soll dir an nichts fehlen« – als wenn das etwas bedeutete.

Dann kannte er sie wirklich nicht.

Einen Moment lang fixierte sie das Datum auf der Uhr, 14. November 1985. Ihre Lippen zitterten, als sie ihm das Gesicht zuwandte.

Seine Augen wirkten wie dunkle Höhlen. Ihn interessierte nur die Straße vor ihm, nur die nächste Kurve.

Da hob sie langsam eine Hand zum Steuer, packte es, und als er protestieren wollte, zog sie so kräftig daran, wie sie nur konnte.

Der Wagen mit seiner gewaltigen Schubkraft reagierte sofort. Die Straße verschwand unter ihnen, und das Krachen durch die Böschung übertönte die letzten Proteste ihres Mannes.

Als sie aufs Meer aufschlugen, war es fast wie nach Hause zu kommen.

1

November 2010

Auf dem Weg von seinem Reihenhaus in Allerød zum Präsidium hatte Carl über Polizeifunk von den nächtlichen Ereignissen gehört. Eigentlich betraf das die Sitte und hätte ihn unter normalen Umständen völlig kaltgelassen. Aber das hier war doch anders.

Man hatte die Inhaberin einer Escort- und Begleitagentur in ihrer Wohnung im Enghavevej überfallen und mit Schwefelsäure übergossen, und die Mitarbeiter der Abteilung für Verbrennungen im Rigshospital hatten mehr als reichlich zu tun bekommen.

Jetzt wurde nach Zeugen gesucht, bisher ergebnislos.

Ein paar Kerle aus Litauen waren bereits festgenommen und verhört worden. Aber im Lauf der Nacht war klar geworden, dass nur einer der Verdächtigen als Täter in Frage kam, und dem konnten sie partout nichts nachweisen. Die Geschädigte hatte bei ihrer Einlieferung erklärt, sie könne den Schuldigen nicht identifizieren, und deshalb mussten sie die ganze Schar laufen lassen.

Kam einem das nicht bekannt vor?

Zwischen Parkplatz und Präsidium begegnete ihm Brandur Isaksen vom City Revier. Der Eiszapfen vom Halmtorv, wie er genannt wurde.

»Na, mal wieder unterwegs, um Leute zu belästigen«, brummelte Carl im Vorbeigehen. Da blieb dieser Idiot doch tatsächlich stehen, als hätte Carl eine Einladung ausgesprochen.

»Dieses Mal hat’s Baks Schwester erwischt«, sagte Isaksen kalt.

Carl sah ihn verwirrt an. Wovon redete der Typ? »So’n Pech auch.« Fade Antwort, passte aber irgendwie immer.

»Du hast doch wohl von dem Überfall heute Nacht im Enghavevej gehört? Das war Baks Schwester Esther. Die sah nicht besonders gut aus«, fuhr Isaksen fort. »Wie war eigentlich der Kontakt zwischen Børge Bak und dir? Konntet ihr zwei miteinander?«

Carls Kopf zuckte zurück. Børge Bak? Ob sie gut miteinander konnten? Er und der Vizepolizeikommissar vom Dezernat A, der um Beurlaubung nachgesucht und sich damit selbst zur Unzeit pensioniert hatte? Dieser scheinheilige Mistkerl?

»Wir waren in etwa so gute Freunde wie du und ich«, rutschte es Carl heraus.

Isaksen nickte verkniffen. Schon recht, der Flügelschlag eines Schmetterlings würde reichen, um ihre Zuneigung hinwegzufegen.

»Kennst du Børges Schwester persönlich?«, fragte er.

Carl sah hinüber zum Säulengang. Dort wandelte Rose gerade entlang – mit einer koffergroßen rosafarbenen Handtasche über der Schulter. Was plante die denn? Büroferien?

Er merkte, wie Isaksen seinem Blick folgte, und sah weg.

»Hab sie nie getroffen. Aber besitzt sie nicht ein Bordell? Das fällt doch eher in deine Abteilung als in meine. Brauchst mich also gar nicht damit zu behelligen.«

Isaksens Mundwinkel beugten sich der Schwerkraft. »Du solltest damit rechnen, dass Bak aufkreuzt und mitmischen will.«

Da hatte Carl seine Zweifel. Hatte Bak nicht deshalb bei der Polizei aufgehört, weil er seine Arbeit hasste, weil er es hasste, ins Präsidium zu kommen?

»Na, herzlich willkommen«, antwortete Carl. »Nur nicht unten bei mir.«

Isaksen fuhr sich mit der Hand durch das rabenschwarze Haar. »Nein, natürlich nicht. Bei euch da unten hast du ja auch genug damit zu tun, die da flachzulegen.«

Er deutete mit dem Kopf zu Rose, die gerade die Treppe hinaufging.

Carl schüttelte den Kopf. Isaksen konnte ihn mal kreuzweise. Rose flachlegen! Dann doch lieber in Bratislava ins Kloster gehen.

»Carl«, sagte der Wachhabende im Käfig dreißig Sekunden später. »Diese Psychologin, Mona Ibsen, hat das hier für dich dagelassen.« Durch die geöffnete Tür wedelte er Carl verheißungsvoll mit einem grauen Briefumschlag vor der Nase herum. Als würde ein Stück Paradies darinstecken.

Carl betrachtete den Umschlag verdutzt. Vielleicht stimmte das mit dem Paradies ja sogar.

Der Wachhabende setzte sich. »Ich hab gehört, Assad kommt immer schon morgens um vier. Mannomann, der nimmt sich für seine Sachen da unten im Keller ordentlich Zeit. Plant er einen Terrorangriff aufs Präsidium, oder was?« Er lachte, hielt aber sofort inne, als er Carls bleischweren Blick bemerkte.

»Frag ihn doch selbst«, knurrte Carl und dachte an die Frau, die man am Flughafen verhaftet hatte, nur weil sie das Wort »Bombe« in den Mund genommen hatte. Eine unbedachte Äußerung mit ungeahnten Konsequenzen.

Aber das hier, das war noch viel schlimmer.

Schon auf den untersten Treppenstufen in der Rotunde merkte er, dass Rose ihren guten Tag hatte. Der schwere Duft von Nelken und Jasmin schlug ihm entgegen und erinnerte ihn an die alte Frau in Øster Brønderslev, die alle vorbeikommenden Männer in den Arsch kniff. Wenn Rose so duftete, bekam man regelrecht Kopfschmerzen – und ausnahmsweise mal nicht von ihrer schlechten Laune.

Assad vertrat die Theorie, sie habe das Parfüm geerbt. Andere glaubten zu wissen, dass man solche eklig süßlichen Düfte noch immer in gewissen indischen Läden kaufen konnte. In Läden, die offenbar mehr Interesse an Lauf- als an Stammkundschaft hatten.

»Hallo Carl, komm doch gleich mal her!«, brummelte sie in ihrem Büro.

Carl seufzte. Was denn jetzt schon wieder?

Er stolperte an Assads wüstem Durcheinander vorbei, steckte den Kopf in Roses klinisch reines Büro und erblickte als Erstes die Riesentasche, die sie vorhin geschleppt hatte. Der gewaltige Stapel Akten, der aus der Tasche ragte, war mindestens ebenso beunruhigend wie das Parfüm.

»Ähhh … was ist das da?«, fragte Carl vorsichtig und deutete auf die Papiere.

Der Blick aus den kajalschwarz umrandeten Augen kündete von aufziehendem Ungemach.

»Ein paar alte Fälle, die im letzten Jahr ringsum auf den Schreibtischen der Polizeipräsidenten eingestaubt sind. Die Fälle, die nicht gleich im ersten Anlauf mit zu uns gekommen sind. Wenn jemand diese Art Schlamperei kennt, dann doch wohl du.«

Den letzten Kommentar begleitete ein gutturales Knurren, das sich mit gutem Willen als Lachen deuten ließ.

»Die Akten waren fälschlicherweise drüben im Nationalen Ermittlungszentrum abgegeben worden. Ich hab sie gerade geholt.«

Carl runzelte die Stirn. Noch mehr Fälle – was, um Himmels willen, gab es da zu lachen?

»Ja, ja. Ich weiß, was du denkst. Das war die schlechte Nachricht des Tages«, kam sie ihm zuvor. »Aber du hast ja diese Akte hier noch nicht gesehen. Die ist nicht vom NEZ, die lag bereits auf meinem Bürostuhl, als ich kam.«

Sie reichte ihm eine abgewetzte Aktenmappe. Offenbar wollte sie, dass er sofort darin blätterte, aber da hatte sie die Rechnung ohne ihn gemacht. Arbeit vor der Morgenzigarette, so weit kam es noch! Alles hübsch der Reihe nach.

Carl schüttelte den Kopf, ging in sein Büro, schmiss die Mappe auf den Schreibtisch und den Mantel über den Stuhl in der Ecke.

Die Luft im Büro war abgestanden und die Leuchtstoffröhre an der Decke flackerte. Den Mittwoch zu überstehen, das war immer am schlimmsten.

Dann steckte er sich eine Zigarette an und machte sich auf den Weg zu Assads Besenkammer. Dort schien alles unverändert. Intensiv nach Myrte duftender Wasserdampf und auf dem Fußboden der Gebetsteppich. Der Transistor auf etwas eingestellt, das wie das Paarungsgewimmer von Walen klang, untermalt von einem Gospelchor und abgespielt von einem leiernden Tonbandgerät.

Istanbul à la carte.

»Guten Morgen«, grüßte Carl.

Assad wandte ihm langsam das Gesicht zu. Das Rot eines Sonnenaufgangs über Kuwait konnte nicht intensiver leuchten als der Riechkolben dieses Mannes.

»Allmächtiger! Assad, das sieht aber gar nicht gut aus.« Hastig trat Carl einen Schritt zurück. Eine Grippeepidemie bei ihnen im Kellergewölbe, das fehlte gerade noch.

»Ist gestern gekommen«, schniefte Assad. Nach ähnlich triefenden Hundeaugen würde man lange suchen müssen.

»Geh nach Hause, und zwar auf der Stelle«, befahl Carl. Wortreicher musste er das nicht ausführen, Assad würde dem ohnehin nicht Folge leisten.

Schnell kehrte er in sein sicheres Geviert zurück, legte die Beine auf den Schreibtisch und grübelte zum ersten Mal in seinem Leben, ob nun der Zeitpunkt gekommen war, da sich eine Pauschalreise nach Gran Canaria aufdrängte. Vierzehn Tage unter einem Sonnenschirm mit einer leicht bekleideten Mona neben sich, das wär’s doch, oder? Sollte die Grippe ruhig so lange in Kopenhagen gastieren.

Bei diesem Gedanken nahm er Monas Brief und öffnete ihn. Allein schon der Duft! Zart und sinnlich, Mona Ibsen, wie sie leibte und lebte. Meilenweit entfernt von dem tonnenschweren Bombardement, das Rose auf die Sinne ihrer Mitmenschen abfeuerte.

»Mein lieber Schatz«, so ging es los.

Carl lächelte. Seit er im Krankenhaus von Brønderslev gelegen hatte, mit sechs Stichen genäht und den Blinddarm im Marmeladenglas auf dem Nachttisch neben sich, hatte ihn niemand mehr so zuckersüß angesprochen.

Mein lieber Schatz,heute Abend um 19.30 Uhr bei mir zu Hause zur Martinsgans?Du ziehst einen Sakko an und bringst den Rotwein mit. Ich sorge für die Überraschung.Kuss, Mona

Carl spürte, wie ihm die Wärme ins Gesicht stieg. Was für eine Frau!

Er schloss die Augen, nahm einen tiefen Lungenzug und versuchte, sich unter »Überraschung« etwas vorzustellen. Die Bilder, die ihm dabei in den Sinn kamen, waren wahrhaftig nicht jugendfrei.

»Was sitzt du hier und grinst wie ein Honigkuchenpferd?«, dröhnte es hinter ihm. »Wolltest du nicht in die Akte schauen, die ich dir gegeben habe?«

Rose stand mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf in der offenen Tür. Sie würde nicht verschwinden, ehe er reagiert hatte, und wenn ihre Arme sich zum Knoten verschlangen.

Carl drückte die Kippe aus und griff sich die Aktenmappe. Besser, es hinter sich zu bringen.

Die Akte bestand aus zehn vergilbten Blättern Papier vom Gericht in Hjørring. Gleich auf der ersten Seite sprang ihm entgegen, worum es sich drehte.

Wie zum Teufel war diese Geschichte auf Roses Bürostuhl gelandet?

Zögernd überflog er die erste Seite. Er wusste schon von vornherein die Reihenfolge der Sätze. Sommer 1978. Mann im Nørre Å ertrunken, Inhaber einer großen Maschinenfabrik, passionierter Sportangler, die üblichen Mitgliedschaften in den einschlägigen Vereinen. Vier Paar frische Fußspuren um den Anglerschemel und die abgewetzte Tasche. Angelausrüstung vom Feinsten. Kein Stück fehlte. Schönes Wetter. Bei der Obduktion nichts Anomales zu finden, kein Herzfehler und kein Blutpfropf. Einfach ertrunken.

Wäre der Fluss an der betreffenden Stelle nicht bloß knapp fünfundsiebzig Zentimeter tief gewesen, hätte man die Sache gleich als Unglücksfall abgehakt.

Aber nicht der Todesfall an sich hatte Roses Interesse geweckt, soviel war klar. Auch nicht, dass er nie aufgeklärt wurde und deshalb nun naturgemäß bei ihnen im Keller gelandet war. Der Grund war, dass der Akte eine Reihe Fotos beigelegt waren, von denen zwei Carls Konterfei zeigten.

Carl seufzte. Birger Mørck hieß der Ertrunkene, und er war Carls leibhaftiger Onkel gewesen. Ein jovialer und freigebiger Mann, zu dem nicht nur dessen Sohn Ronny aufgeblickt hatte, sondern auch Carl, und den sie deshalb gern zu kleineren Ausflügen begleitet hatten. Genau wie an jenem Tag, als Birger sie in die Geheimnisse und Tricks des Angelns hatte einweihen wollen.

Aber da waren diese zwei Mädchen aus Kopenhagen gewesen, die durch das ganze schöne Dänemark geradelt waren und sich just in dem Moment in durchgeschwitzten dünnen Blüschen ihrem Ziel Skagen näherten.

Beim Anblick dieser beiden Blondinen, die sich auf ihren Fahrrädern abrackerten, ließen Carl und sein Cousin Ronny die Angelruten einfach fallen und flitzten den Mädchen hinterher.

Zwei Stunden später kehrten sie – den Anblick der engen Blusen auf ewig in die Netzhaut gebrannt – zum Fluss zurück. Da war Birger Mørck schon tot.

Nach vorläufigen Verdächtigungen und vielen Verhören gab die Polizei in Hjørring schließlich auf. Und obwohl die zwei flotten Kopenhagenerinnen nie gefunden wurden und damit das einzige Alibi der jungen Männer nie bestätigt wurde, kam es zu keiner Anklage. Über Monate hinweg war Carls Vater zornig und verzweifelt gewesen. Aber andere Konsequenzen hatte die Angelegenheit nicht gehabt.

»Du sahst damals gar nicht so schlecht aus. Wie alt warst du?«, fragte Rose, die immer noch in der offenen Tür stand.

Carl ließ die Akte auf den Tisch fallen. An die Zeit mochte er nun wahrlich nicht erinnert werden.

»Wie alt? Ich war siebzehn und Ronny siebenundzwanzig.« Er seufzte. »Hast du eine Ahnung, warum die Akte auf einmal hier auftaucht?«

»Warum?« Sie klopfte sich mit ihren spitzen Knöcheln gegen die Stirn. »Hallo Prinz Charming! Wach auf! Worum kümmern wir uns hier? Wir wühlen in alten, nicht aufgeklärten Mordfällen herum!«

»Ja, ja. Aber erstens wurde die Sache als Unglücksfall ad acta gelegt und zweitens sind die Unterlagen ja wohl nicht von selbst auf deinem Bürostuhl gelandet, oder?«

»Soll ich vielleicht bei der Polizei in Hjørring nachfragen, warum die Akte gerade jetzt bei uns auftaucht?«

Carl runzelte die Stirn. Ja, warum eigentlich nicht?

Rose machte auf dem Absatz kehrt und klapperte zurück in ihr eigenes Revier. Sie hatte verstanden.

Carl starrte vor sich hin. Warum zum Teufel musste diese Geschichte wieder ans Licht gezerrt werden? Als hätte sie nicht schon mehr als genug Kummer verursacht.

Er warf noch einen letzten Blick auf das Foto von Ronny und sich, dann schob er die Aktenmappe zu einem Stapel anderer Fälle. Das war Schnee von gestern und auch nicht mehr zu ändern. Jetzt war anderes aktuell. Erst vor vier Minuten hatte er Monas Briefchen gelesen. »Mein lieber Schatz«, hieß es da. Man musste Prioritäten setzen.

Er lächelte, kramte das Handy aus den Tiefen seiner Hosentasche und starrte verärgert auf die winzigen Tasten. Wenn er Mona eine SMS schickte, würde es zehn Minuten dauern, bis er die Botschaft eingegeben hätte, und wenn er sie anrief, müsste er genauso lange warten, bis sie abnahm.

Er seufzte und fing mit der SMS an. Die Handytastatur hatte zweifellos ein Pygmäe mit Makkaroni-Fingern entwickelt. Jeder durchschnittlich große Nordeuropäer musste sich beim Tippen fühlen wie ein Nilpferd beim Blockflötespielen.

Anschließend betrachtete er das Ergebnis seiner Anstrengungen und ließ alle Eingabefehler stehen. Mona würde den Sinn schon verstehen: Ihre Martinsgans hatte einen Abnehmer gefunden.

Als er das Handy weglegte, steckte jemand seinen Kopf durch die offene Tür.

Das früher so sorgfältig um den kahlen Kopf gelegte Haar war seit dem letzten Mal getrimmt worden. Aber der Gesichtsausdruck war noch so querköpfig wie eh und je.

»Bak? Was zum Teufel machst du denn hier?«, rutschte es Carl heraus.

»Als wenn du das nicht längst wüsstest«, kam prompt die Antwort. Der Mangel an Schlaf hing dem Mann in den Augenwinkeln. »Ich bin kurz davor, verrückt zu werden! Deshalb bin ich hier!«

Trotz Carls abwehrender Geste ließ Bak sich schwer auf den Stuhl gegenüber sinken. »Meine Schwester Esther wird nie mehr dieselbe sein. Und das Schwein, das ihr die Säure ins Gesicht geschüttet hat, sitzt in irgendeinem schäbigen Kellerladen und lacht sich tot. Wenn die eigene Schwester ein Bordell betreibt, ist man darauf als ehemaliger Polizist nicht unbedingt stolz. Aber soll man deshalb tatenlos akzeptieren, dass der Mistkerl, der das getan hat, einfach so nach Hause geschickt wird?«

»Ich hab keine Ahnung, warum du ausgerechnet zu mir kommst, Bak. Wenn du mit dem Verfahren unzufrieden bist, dann sprich mit denen vom City Revier, mit Marcus Jacobsen oder einem der anderen Chefs. Wie du weißt, beschäftige ich mich nicht mit Sittlichkeitsdelikten.«

»Ich bin hier, weil ich dich und Assad bitten will, mitzukommen und dem Schwein ein Geständnis abzuringen.«

Carl fühlte förmlich, wie sich sein Stirnrunzeln bis unter den Haaransatz fortsetzte. War der Mann noch ganz dicht?

»Ihr habt hier unten einen neuen Fall bekommen, das dürfte dir nicht entgangen sein«, fuhr Bak fort. »Der kommt übrigens von mir. Die Unterlagen hat mir vor ein paar Monaten ein alter Kollege oben in Hjørring zugesteckt. Ich habe sie heute Nacht in Roses Büro platziert.«

Carl sah Bak an und erwog die Möglichkeiten. Soweit er es überblicken konnte, gab es drei. Aufzustehen und dem Idioten eins auf die Nuss zu geben, war eine Option. Ein Tritt in den Arsch die zweite. Aber Carl entschied sich für die dritte.

»Ja, die Mappe liegt dort«, sagte er und deutete zu dem verdammten Stapel auf seinem Schreibtisch. »Warum hast du sie nicht direkt bei mir abgeliefert? Das wäre netter gewesen.«

Bak lächelte kurz. »Seit wann hätte Nettigkeit zwischen uns jemals zu etwas geführt? Nein, nein. Ich wollte sichergehen, dass die Mappe nicht einfach verschwindet, sondern dass sich jemand hier unten die Geschichte ansieht.«

Jetzt schoben sich die beiden anderen Möglichkeiten wieder in den Vordergrund. Ein Segen, dass dieser Saftsack nicht mehr täglich hier aufkreuzte.

»Ich habe mit der Akte auf den richtigen Augenblick gewartet, verstehst du?«

»Nichts verstehe ich. Auf was für einen Augenblick?«

»Ich brauche deine Hilfe!«

»Glaub mal nicht, dass ich einem möglichen Täter eins auf die Rübe gebe, nur weil du mit einem dreißig Jahre alten Fall vor meiner Nase herumwedelst. Und weißt du auch, warum?«

Für jede der folgenden Ansagen hob Carl einen Finger in die Höhe.

»Erstens: Die Geschichte ist verjährt. Zweitens: Es war ein Unfall. Mein Onkel ist ertrunken. Ihm wurde offenbar schlecht und er fiel in den Fluss. Zu diesem Schluss kamen auch die Ermittler. Drittens: Ich war nicht vor Ort, als es passierte, und mein Cousin ebenfalls nicht. Viertens: Anders als du bin ich ein ordentlicher Bulle, der nicht einfach auf Verdächtige eindrischt.«

Bei diesem Satz hatte Carl eine Weile gezögert. Aber seines Wissens konnte Bak nichts Derartiges über ihn in Erfahrung gebracht haben. Jedenfalls deutete nichts an Baks Gesichtsausdruck darauf hin.

»Und fünftens!« Carl streckte alle fünf Finger in die Luft, dann ballte er die Faust. »Wenn ich schon den Hammer schwingen muss, dann gegen einen gewissen Exbullen, der meint, noch mal Verbrecherjagd spielen zu müssen.«

Baks Lachfältchen glätteten sich. »Okay. Aber dann will ich dir mal was erzählen. Einer meiner alten Kollegen aus Hjørring fliegt gern nach Thailand. Vierzehn Tage Bangkok mit allem Drum und Dran.«

Und was geht mich das an?, dachte Carl.

»Deinem Cousin Ronny geht es offenbar genauso. Und er trinkt auch gern einen«, fuhr Bak fort. »Und weißt du was, Carl? Wenn dein Cousin Ronny ordentlich einen in der Krone hat, fängt er an zu plaudern.«

Carl unterdrückte einen tiefen Seufzer. Ronny, dieser Vollpfosten! Was hatte der jetzt wieder verzapft? Seit sie sich zuletzt gesehen hatten, waren mindestens zehn Jahre vergangen. Der Anlass war irgendeine bescheuerte Konfirmation in Odder gewesen, bei der Ronny an der Bar sowohl bei den Getränken als auch bei den Serviererinnen reichlich zugelangt hatte. Das wäre vielleicht gar nicht weiter aufgefallen, wäre die eine Serviererin nicht ein bisschen zu willig gewesen und vor allem nicht minderjährig und obendrein die Schwester des Konfirmanden. Der Skandal hatte sich zwar in Grenzen gehalten, war aber im Odder’schen Zweig der Familie unvergessen. Nein, Ronny war eine ziemliche Pfeife.

Carl hob abwehrend die Hand. Ehrlich, was gingen ihn Ronnys Affären an!

»Ach, Bak. Geh doch zu Marcus, wenn du schon das Maul aufreißen musst. Aber du kennst ihn. Er wird dir genau dasselbe sagen wie ich. Man schlägt Verdächtige nicht und man droht ehemaligen Kollegen nicht mit alten Geschichten wie dieser hier.«

Bak lehnte sich zurück. »Und in dieser Bar in Thailand prahlte dein Cousin im Beisein von Zeugen, er habe seinen Vater umgebracht.«

Carl kniff die Augen zusammen. Sonderlich wahrscheinlich klang das nicht.

»Aha, das sagt er also. Dann muss er sich um den Verstand gesoffen haben. Aber zeig ihn doch an, wenn du meinst. Ich weiß, dass er seinen Vater nicht ertränkt hat. Er war nämlich mit mir zusammen.«

»Und gleichzeitig behauptete er, du seist dabei gewesen. Feines Bürschchen, dieser Cousin von dir.«

Carls gerunzelte Stirn glättete sich in Sekundenschnelle, während er aufsprang und dabei so tief einatmete, dass sich sein ohnehin schlecht verteiltes Gewicht mehrheitlich im Schulterbereich sammelte. »Assad, komm mal her«, brüllte er Bak ins Gesicht.

Kaum zehn Sekunden später stand der schniefende Kerl in der Tür.

»Assad, du armes grippegeplagtes Wesen. Sei doch bitte so freundlich und huste diesen Idioten hier mal an. Und hol vorher ordentlich tief Luft, ja?«

»Was lag sonst noch in dem Stapel mit den neuen Fällen, Rose?«

Einen Moment lang sah es so aus, als überlegte sie, ihm den ganzen Kram in die Arme zu drücken. Aber Carl kannte seine Pappenheimer. Das eine oder andere hatte bereits ihre Aufmerksamkeit erregt.

»Dieser Anschlag auf die Callgirl-Zuhälterin heute Nacht erinnert mich an einen Fall, den wir gerade aus Kolding reinbekommen haben. Der lag in dem Stapel, den ich drüben beim NEZ abgeholt habe.«

»Du bist dir schon darüber im Klaren, dass es sich bei der Callgirl-Zuhälterin, wie du sie nennst, um Baks Schwester handelt?«

Rose nickte. »Kenne den Mann eigentlich nicht, aber die Gerüchteküche hier drinnen brodelt. Das war doch der, der gerade hier war, oder?« Sie tippte mit ihren schwarz lackierten Fingernägeln auf die oberste Aktenmappe und schlug sie dann auf. »So, und jetzt hör gefälligst zu, Carl, sonst kannst du dir den Mist selbst durchlesen.«

»Ja, ja.« Carl ließ den Blick durch Roses klinische, schwarzweiß gehaltene Bürolandschaft schweifen. Fast vermisste er das rosafarbene Inferno ihres Alter Egos Yrsa.

»Der Fall hier handelt von einer Frau namens Rita Nielsen, mit ›Künstlernamen‹« – Rose zeichnete ein Paar Anführungszeichen in die Luft – »Louise Ciccone. Den benutzte sie in den Achtzigern, als sie in Nachtclubs im Trekant-Viertel sogenannte« – hier kamen wieder diese Anführungszeichen – »›erotische Tänze‹ arrangierte. Sie wurde mehrfach verurteilt wegen Betrugs und später wegen Kuppelei und Zuhälterei. In den Siebzigern und Achtzigern leitete sie einen Escort- und Begleitservice in Kolding, bevor sie 1987 anlässlich eines Ausflugs nach Kopenhagen spurlos verschwand. Die Polizei konzentrierte sich bei ihrer Suche nach der Dame in erster Linie auf das mitteljütländische Pornomilieu. Aber nach drei Monaten wurden die Nachforschungen eingestellt mit der Begründung, es handele sich höchstwahrscheinlich um Selbstmord. Zwischenzeitlich sei man mit anderen drängenden Fällen konfrontiert worden, weshalb man die Ressourcen nicht länger für den Fall Rita Nielsen einsetzen könne, steht dort.«

Sie legte die Akte auf den Tisch und setzte eine säuerliche Miene auf. »Eingestellt. Und genau das wird mit dem Fall Esther Bak von heute Nacht auch geschehen. Garantiert. Oder siehst du hier drinnen vielleicht irgendjemanden fieberhaft rumrennen, um den Scheißkerl zu kriegen, der der armen Frau das angetan hat?«

Carl zuckte die Achseln. Das einzig Fieberhafte, was er an diesem Morgen gesehen hatte, war sein Stiefsohn Jesper gewesen, nachdem er ihn um sieben unsanft geweckt und angerüffelt hatte, sich schleunigst zu seinem Abitur-Vorbereitungskurs nach Gentofte zu bewegen.

»Meines Erachtens gibt es in dem Fall nicht den geringsten Hinweis auf suizidale Tendenzen«, fuhr Rose fort. »Rita Nielsen setzt sich in ihren geilen weißen Mercedes 500 SEC und fährt in aller Ruhe von zu Hause weg. Nur zwei Stunden später ist sie wie vom Erdboden verschluckt, und das war’s dann.« Sie zog ein Foto aus der Mappe und warf es Carl hin. Darauf war der Wagen abgebildet, der mit völlig demolierter Fahrerkabine am Straßenrand abgestellt war.

Was für ein Schlitten! Das war mal ein anderes Kaliber als sein Dienstwagen! Auf der Kühlerhaube hätte sich locker die Hälfte der einschlägigen Ladys von Vesterbro in ihren sauer verdienten Kunstpelzen räkeln können.

»Am 4. September 1987 wurde sie zum letzten Mal gesehen, das war ein Freitag. Durch die Abbuchungen von ihrer Kreditkarte können wir ihre Route ziemlich genau nachvollziehen, von ihrem Wohnort in Kolding morgens um fünf Uhr, wo sie auftankt, weiter nach Fünen und mit der Fähre über den Großen Belt und schließlich nach Kopenhagen, wo sie um 10.10 Uhr in einem Kiosk auf der Nørrebrogade Zigaretten kauft. Seither ist sie nicht mehr gesehen worden. Ihr Mercedes wird ein paar Tage später im Kapelvej gefunden, gründlich ausgeschlachtet. Ledersitze, Reserverad, Autoradio, Kassettenrekorder und viele andere Dinge haben Abnehmer gefunden. Sogar das Lenkrad wurde geklaut. Übrig geblieben sind nur ein paar Musikkassetten und Broschüren im Handschuhfach.«

Carl kratzte sich am Kinn. »Damals hatten noch nicht viele Geschäfte Kreditkartenlesegeräte, und wenn, dann furchtbar umständliche. So eine Art Fliegenklappen, durch die man seine Karte ziehen und anschließend unterschreiben musste. Erstaunlich, dass ein Kiosk im Stadtteil Nørrebro so etwas hatte. Und noch erstaunlicher, dass sie sich die Mühe machte, dort mit Karte zu bezahlen. Dafür braucht man echt Geduld. Und das für ein lumpiges Päckchen Zigaretten.«

Rose zuckte die Achseln. »Vielleicht hatte sie nichts für Bargeld übrig. Vielleicht mochte sie es nicht gern anfassen. Vielleicht hatte sie das Geld lieber auf der Bank und kassierte die Zinsen. Vielleicht hatte sie nur einen großen Geldschein und der Kioskbesitzer konnte nicht herausgeben, viell…«

»Halt, halt, das reicht.« Carl wedelte abwehrend mit den Händen. »Aber eines wüsste ich noch gern. Worauf hat man die Selbstmordtheorie gestützt? War sie schwer krank oder stimmten die Finanzen nicht? Hat sie die Kippen deshalb mit Kreditkarte bezahlt?«

Wieder zuckte sie die Achseln, irgendwo versteckt unter dem viel zu großen anthrazitfarbenen Pulli. Den hatte vermutlich Yrsa gestrickt. »Tja, gute Frage. Ist schon etwas sonderbar. Rita Nielsen alias Louise Ciccone war eine echt wohlhabende Dame, und ihrem wenig beneidenswerten Lebenslauf nach zu urteilen haute sie so leicht nichts um. Ihre ›Mädchen‹ in Kolding haben sie als knallhart bezeichnet. Als Survivor-Typ. Eine der Frauen meinte, Rita Nielsen hätte eher den Rest der Erdbevölkerung ausgerottet als sich selbst etwas angetan.«

»Hm!« Ein ganz bestimmtes Gefühl machte sich in Carl breit, und das ärgerte ihn, zeigte es doch, dass sein Interesse geweckt war. Es war ein beharrliches Pop-up von Fragezeichen. Unter anderem zu der Sache mit den Zigaretten. Kaufte man noch unmittelbar, bevor man sich das Leben nahm, eine Schachtel Zigaretten? Na ja, vielleicht, immerhin gab es ja auch die sogenannte »Henkerszigarette«.

Ach verdammt! Jetzt war die Maschine in seinem Kopf schon angelaufen, und wer hatte wohl darum gebeten? Wenn er sie jetzt nicht schleunigst abschaltete, konnte er sich bald vor Arbeit nicht mehr retten, so war das doch immer.

»Anders als unsere vielen Kollegen glaubst du also, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben? Aber gibt es denn überhaupt irgendetwas, das auf Totschlag oder Mord deutet?« Er ließ den Fragezeichen Zeit, sich zu entfalten. »Abgesehen davon, dass der Fall nicht abgeschlossen ist, sondern nur eingestellt wurde – wo würdest du ansetzen?«

Wieder zuckte es in dem Riesenpulli. Sie wusste es also auch nicht.

Carl starrte auf die Akte. Auf dem Foto, das vorn mit einer Büroklammer befestigt war, sah Rita Nielsen extrem energisch aus. Der untere Teil des Gesichts wirkte eher mager, dafür waren die Wangenknochen sehr breit. Die Augen sprühten förmlich vor Trotz und Kampfbereitschaft. Ganz offenkundig war ihr das Verbrecherschild auf der Brust scheißegal. Garantiert nicht das erste Foto von ihr, das fürs Polizeiarchiv aufgenommen worden war. Nein, auf Frauen dieses Typs machte eine Gefängnisstrafe keinen Eindruck. Sie war durch und durch der Survivor-Typ, als den die Mädels aus ihrem Stall sie dargestellt hatten.

Warum sollte eine wie die sich das Leben nehmen?

Carl zog die Akte zu sich herüber und schlug sie wieder auf, wobei er Roses Lächeln geflissentlich ignorierte.

Da hatte diese finster gewandete Gestalt doch tatsächlich wieder einen neuen Fall angeschoben!

2

November 2010

Der grüne Lieferwagen kam genau wie bestellt pünktlich um 12.30 Uhr.

»Ich muss heute noch fünf weitere Orte auf Seeland ansteuern, Herr Wad«, sagte der Fahrer. »Deshalb hoffe ich, dass alles fertig ist.«

Dieser Mikael war ein guter Mann. Seit zehn Jahren angestellt und nie auch nur eine einzige Frage. Angenehm im Äußeren und höflich im Umgang. Genau der Mann, von dem sich Klare Grenzen draußen in der Öffentlichkeit gern repräsentiert sah. Männer wie er machten anderen Lust, ebenfalls der Partei beizutreten. Immer zuverlässig und mit einem freundlichen Ausdruck in den blauen Augen. Das weißblonde, wellige Haar stets gut gekämmt. Noch in ausgesprochen zugespitzten Situationen ruhig und besonnen, so auch vor einem Monat bei den Krawallen in Hadersleben anlässlich einer der Gründungsversammlungen der Partei. Dort hatten neun Demonstranten mit hasserfüllten Parolen auf ihren Transparenten einsehen müssen, dass man an Leuten, die das Herz auf dem rechten Fleck trugen, nicht vorbeikam.

Als die Polizei erschien, war dank solcher Männer wie Mikael das Ganze bereits überstanden und die Wogen hatten sich geglättet.

Nein, die Demonstranten würden sie sicher nicht mehr belästigen.

Curt Wad öffnete die Tür zu dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude im Hof. An der Wand über der Tiefkühltruhe schob er einen alten Messingbeschlag zur Seite und gab auf dem Display, das dahinter zum Vorschein kam, einen Code aus neun Ziffern ein. Dann wartete er, bis die Rückwand das bekannte Klicken von sich gab und die mittlere Partie zur Seite glitt.

In dem dahinterliegenden riesigen Hohlraum hatte all das Platz, was außer den Gesinnungsgenossen keinen etwas anging: der Tiefkühler mit den illegal abgetriebenen Embryos und der Karteischrank, die Mitgliederliste, das Notebook, das er bei Konferenzen benutzte, und nicht zuletzt die alten Aufzeichnungen aus der Zeit seines Vaters, die Grundlage ihrer gesamten Arbeit.

Curt öffnete den Tiefkühler, nahm einen Kasten mit Plastiktüten heraus und reichte ihn dem Chauffeur. »Hier, die Embryos, für deren Kremierung wir selbst sorgen. Der Tiefkühler im Auto ist hoffentlich noch nicht voll.«

Mikael lächelte. »Nein, dazu gehört dann doch mehr.«

»Und hier ist die Kurierpost für unsere Leute. Du wirst schon sehen, für wen.«

»Ja.« Der Chauffeur überflog die Namen auf den Umschlägen. »Leider komme ich nicht vor nächster Woche bis nach Fredensborg. Den Norden von Seeland habe ich gestern abgedeckt.«

»Ist auch nicht so wichtig. Hauptsache, du kommst nach Århus. Dort bist du morgen, nicht wahr?«

Mikael nickte und warf einen Blick in den Plastikbehälter. »Die hier werde ich schon loswerden. Haben wir auch Embryos für das Krematorium in Glostrup?«

Curt Wad schloss die Schiebetür vor dem Hohlraum und ging zu einer Kühltruhe im vorderen Raum. Die war völlig unverfänglich.

»Ja, diese hier.« Er hob den Deckel der Truhe an und nahm einen weiteren Plastikkasten heraus.

Den stellte er auf dem Fußboden ab und zog eine Plastikhülle aus dem Regal über der Truhe. »Hier sind die dazugehörigen Papiere.« Er reichte dem Fahrer die Unterlagen. »Alles so, wie es sein soll.«

Mikael glich jede einzelne Tüte im Kasten mit den Begleitschreiben ab. »Völlig in Ordnung, da kann niemand was sagen«, befand er und brachte alles zum Lieferwagen, verteilte den Inhalt der beiden Kästen in den jeweiligen Minitiefkühlern, sortierte die internen Mitteilungen in die Fächer der verschiedenen Verbände und legte zum Abschied die Hand an die Mütze.

Curt Wad hatte die Hand noch zum Gruß erhoben, als der Lieferwagen schon den Brøndbyøstervej hinunterfuhr und verschwand.

Was für ein Gottesgeschenk, dass man in meinem Alter noch immer für die Sache tätig sein kann, dachte er.

»Also nein, dass du gerade achtundachtzig geworden bist, das ist wirklich nicht zu glauben«, sagten die Leute immer wieder, und es stimmte. Wenn er sich selbst im Spiegel betrachtete, fand auch er, dass man ohne Weiteres fünfzehn Jahre von seinem Alter abziehen konnte, und er wusste genau, warum.

Im Leben geht es darum, im Einklang mit seinen Idealen zu bleiben – so hatte das Motto seines Vaters gelautet. Weise Worte, nach denen auch er immer gelebt hatte. Solange es dem Kopf gut ging, ging es auch dem Körper gut. Aber klar: Das gab es natürlich nicht umsonst.

Curt durchquerte den Garten und trat durch die Hintertür ins Haus, das machte er während der Konsultationszeit immer so. Wenn sein Nachfolger in der Praxis arbeitete, gehörte der vordere Teil des Hauses nicht mehr Curt, so war das eben. Aber er hatte auch mehr als genug damit zu tun, die Partei aufzubauen. Nein, die Zeit, als er dafür zuständig war, ungeborenes Leben – da, wo es sich empfahl – im Keim zu ersticken, gehörte der Vergangenheit an. Sein Nachfolger tat das im Übrigen genauso gut und gründlich.

Er zog die Kaffeemaschine heran und strich das Häufchen Kaffeepulver im Messlöffel mit dem Finger glatt. Beates Magen war letzthin so empfindlich geworden.

»Nanu, Curt, du bist ja hier hinten in der Küche?«

Sein Nachfolger Karl-Johan Henriksen stand in der Tür. Genau wie Curt früher trat er am liebsten in einem frisch gewaschenen und gebügelten Kittel auf. Denn wie fremd man seinen Patientinnen auch sein mochte, dieser frisch gewaschene und gebügelte Kittel brachte es mit sich, dass sie einen als Autorität betrachteten und einem in aller Seelenruhe ihr Leben anvertrauten. Diese Idiotinnen.

»Bisschen Ärger mit dem Magen«, sagte Henriksen und nahm ein Glas aus dem Schrank. »Warme Kastanien, Butter und Rotwein sind zwar beim Verzehr gut, aber selten anschließend.«

Er grinste, füllte ein Glas mit Wasser und schüttete den Inhalt eines Beutelchens Samarin hinein.

»Der Chauffeur war da, nun sind beide Tiefkühlschränke leer, Karl-Johan. Du kannst sie also wieder füllen.«

Curt lächelte seinen Schüler an, denn die Ermunterung war überflüssig. Henriksen war womöglich noch effektiver als Curt es je gewesen war.

»Ja, es geht auch gleich wieder los. Ich habe heute noch drei Abtreibungen auf dem Zettel. Zwei reguläre und eine andere.« Henriksen erwiderte das Lächeln, während er zusah, wie das Magenpulver im Wasserglas aufschäumte.

»Und wer ist besagte Patientin?«

»Eine Somalierin aus Tåstrupgård, überwiesen von Bent Lyngsøe. Zwillingsschwangerschaft, hab ich mir sagen lassen.« Er zog die Augenbrauen hoch und trank.

Karl-Johan Henriksen war wahrlich ein guter Mann. Sowohl für die Partei als auch für die praktische Arbeit beim Geheimen Kampf.

»Geht es dir heute nicht gut, meine Schöne?«, fragte er vorsichtig, als er mit dem Tablett ins Wohnzimmer trat.

Inzwischen waren mehr als zehn Jahre vergangen, seit Beate hatte antworten können, aber sie konnte lächeln. Auch wenn sie so ungeheuer zart geworden war und auch wenn die Schönheit der Jugend und ihr Geist sie längst verlassen hatten, mochte Curt den Gedanken nicht zu Ende denken, dass er eines Tages, ja vermutlich sehr bald, ohne sie würde weiterleben müssen.

Möge sie den Tag noch erleben, an dem wir ihren Namen am Rednerpult im Folketing nennen und unsere Dankbarkeit für ihre Bemühungen ausdrücken können, dachte er und nahm ihre federleichte Hand in seine.

Als er sich vorbeugte und sie behutsam küsste, spürte er, wie ihre Hand in seiner leicht zitterte. Mehr brauchte er nicht.

»Hier, mein Schatz«, sagte er und führte die Tasse an ihre Lippen, dabei pustete er sanft über die Oberfläche der Flüssigkeit. »Nicht zu heiß und nicht zu kalt. So, wie du es gern magst.«

Sie spitzte die eingefallenen Lippen, die ihn und die beiden Söhne so liebevoll geküsst hatten, und trank dann langsam und lautlos. An ihren Augen konnte er ablesen, dass der Kaffee gut war. Diese Augen, die so viel gesehen hatten und in die sich sein Blick versenkt hatte, wenn ihm das eine oder andere seltene Mal Zweifel gekommen waren.

»Ich muss nachher noch zum Fernsehen, Beate. Zusammen mit Lønberg und Caspersen. Sie wollen uns festnageln, aber das wird ihnen nicht gelingen. Im Gegenteil: Wir werden heute die Früchte jahrzehntelanger Arbeit ernten und Stimmen sammeln, Beate. Viele Stimmen von Menschen, die so denken wie wir. Sollen uns die Journalisten doch für drei alte Knacker halten.« Er lachte. »Na, das sind wir ja auch. Sie werden glauben, dass wir nicht mehr ganz klar im Kopf sind. Dass sie uns kriegen können, weil wir Unsinn reden, unzusammenhängendes Zeug.« Er strich ihr übers Haar. »Ich schalte den Fernseher ein, dann kannst du es verfolgen.«

Jakob Ramberger war ein fähiger Journalist und gut vorbereitet. Alles andere wäre auch wenig ratsam gewesen, insbesondere nach der Kritik, den Interviews fehle es in letzter Zeit an Biss. Ein kluger Journalist fürchtete die Fernsehzuschauer mehr als den Arbeitgeber, und Ramberger war klug. Er hatte Spitzenpolitiker in aller Öffentlichkeit förmlich aufgespießt und ebenso furchtlos Bonzen, verantwortungslose Manager, Hooligans, Mitglieder von Rockerbanden und Kriminelle bloßgestellt.

Deshalb war Curt so begeistert, dass Ramberger sie interviewen sollte. Denn diesmal würde es Ramberger nicht gelingen, seine Gesprächspartner aufzuspießen, und das würde Aufmerksamkeit erregen im kleinen Königreich Dänemark.

Ramberger und seine Interviewpartner begrüßten sich höflich in einem Raum, in dem seine Kollegen bereits die nächste Nachrichtensendung vorbereiteten. Aber kaum war das Händeschütteln erledigt, stand jeder von ihnen im Schützengraben. Angespannt gingen sie ins Studio hinüber.

»Sie haben dem Innenministerium kürzlich mitgeteilt, Klare Grenzen habe genug Unterschriften gesammelt, um zur nächsten Parlamentswahl antreten zu können«, eröffnete der Journalist nach einer kurzen und nicht besonders schmeichelhaften Vorstellungsrunde das Gespräch. »Dazu muss ich wohl gratulieren, aber im gleichen Atemzug will ich doch fragen, was die Partei Klare Grenzen dem dänischen Wähler Ihrer Meinung nach zu bieten hat – über das hinaus, was ihm die existierenden Parteien bereits bieten.«

»Dem dänischen Wähler? Sie benutzen die männliche Form? Dabei wissen Sie doch sicherlich, dass es sich in der Mehrheit um Frauen handelt?« Curt Wad lächelte und nickte in die Kamera. »Nein, mal ehrlich: Haben dänische Wählerinnen und Wähler denn überhaupt eine andere Wahl, als den alten Parteien eine Absage zu erteilen?«

Der Journalist sah ihn an. »Sie drei, die Sie mir heute gegenübersitzen, zählen ja nicht mehr unbedingt zu den Jüngsten. Ihr Durchschnittsalter liegt bei einundsiebzig Jahren, wobei Sie, Curt Wad, mit Ihren achtundachtzig Jahren den Schnitt zweifellos nach oben treiben. Deshalb also Hand aufs Herz: Meinen Sie nicht, dass es für Sie vielleicht vierzig bis fünfzig Jahre zu spät ist, um einen solchen Einfluss auf die Politik Dänemarks zu suchen?«

»Wenn ich mich recht erinnere, ist der einflussreichste Mann Dänemarks fast zehn Jahre älter als ich«, antwortete Wad. »Alle Dänen heizen mit seinem Gas und kaufen in seinen Läden ein, und zwar Waren, die auf seinen Schiffen transportiert wurden. Wenn Sie Manns genug sind, diesen feinen alten Herrn ins Studio zu bringen und ihn wegen seines Alters zu verhöhnen, dürfen Sie mich gern wieder einladen und mir dieselbe Frage noch einmal stellen.«

Ramberger nickte. »Ich habe einfach nur Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie sich durchschnittliche Dänen im Folketing von Männern repräsentiert sehen sollen, die eine oder zwei Generationen älter sind als sie selbst. Man kauft doch auch keine Milch, deren Verfallsdatum um einen Monat überschritten ist, oder?«

»Ganz richtig, Herr Ramberger, aber man kauft auch kein unreifes Obst. Sollen wir die Lebensmittelmetapher jetzt nicht besser ruhen lassen? Schließlich kandidieren wir drei ja auch gar nicht für das Folketing. In unserem Programm steht klar und deutlich, dass wir einen Gründungsparteitag einberufen, sobald die Unterschriften eingereicht sind, und dort werden dann unsere Kandidaten für das Folketing gewählt.«

»Stichwort Parteiprogramm: Darin geht es in erster Linie um Ideen und moralische Normen, die an Zeiten erinnern, die sich wohl keiner von uns zurückwünscht. An politische Regimes, die sich bewusst gegen die schwächeren Bürger einer Gesellschaft wendeten, gegen geistig Behinderte, gegen ethnische Minderheiten und gegen sozial Benachteiligte.«

»Ich weiß nicht, warum Sie uns das erzählen. Mit all dem hat unser Programm doch nicht das Geringste zu tun«, unterbrach ihn Lønberg. »Ganz im Gegenteil: Uns geht es gerade darum, wegzukommen von diesem Schubladendenken und stattdessen auf eine individuelle Bewertung des Einzelfalls zu setzen. Weg von der Oberflächlichkeit und hin zu einem verantwortungsbewussten, humanistisch geprägten Handeln. Deshalb können wir unseren Slogan ›Fortschritt durch Wandel‹ auch so schlicht halten. Aber natürlich hat dieser Wandel nicht das Geringste mit dem zu tun, was Sie da gerade angedeutet haben.«

Der Journalist lächelte. »Na, das klingt ja ausgezeichnet. Bleibt nur die Frage, ob Sie überhaupt je so weit kommen werden, entsprechend Einfluss nehmen zu können. Doch ich komme noch einmal auf meinen Punkt zurück: In den Medien hieß es wiederholt über Ihr Parteiprogramm, es sei sehr deutlich von der Rassenlehre der Nazis geprägt – von der fanatischen Vorstellung, dass die Weltbevölkerung aus verschiedenen Rassen bestehe, überlegenen und niederen, die in ewigem Kampf miteinander lägen …«

»Ja, ja, und es ist der Untergang einer Rasse, wenn sie sich mit einer minderwertigeren vermischt«, unterbrach ihn Caspersen. »Sehr schön, ich höre heraus, dass Sie sich bei Google eifrig über den Nationalsozialismus informiert haben, Herr Ramberger, genau wie mancher Kollege aus dem Printjournalismus«, fuhr er fort. »Aber unser Parteiprogramm hat, anders als das der Nationalsozialisten damals und der Neonazis heute, nichts, aber auch rein gar nichts mit Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu tun. Im Gegenteil. Wir sagen nur, dass man nicht das am Leben erhalten soll, was nicht aus sich heraus die Chance hat, ein einigermaßen würdiges Leben zu führen. Es muss Grenzen geben, was die zwangsweise Krankenhauseinlieferung von Menschen und deren weitere Behandlung betrifft. Es muss Grenzen geben für das Leid, dem man Familien aussetzen kann, und für die Ausgaben, die man einem Staat zumutet, nur weil sich Politiker in alles einmischen, ohne sich über die Konsequenzen ihrer Einmischung im Klaren zu sein.«

Sie diskutierten eine ganze Weile, und im Anschluss hatten anrufende Zuschauer das Wort, die ihrerseits die unterschiedlichsten Themen aufgriffen: Zwangssterilisation von Kriminellen und von Menschen, die sich nicht um ihren Nachwuchs kümmerten, sei es aus psychischen Gründen oder weil sie geistig minderbemittelt waren. Soziale Einschnitte, infolge derer kinderreichen Familien eine Reihe von Zuschüssen entzogen würde. Kriminalisierung der Kunden von Prostituierten. Einwanderungsstopp für Menschen ohne Ausbildung und vieles andere mehr.

Die Debatte wurde hitzig. Einige Anrufer waren ungewöhnlich aufgebracht, andere blieben ruhig und sachlich.

Die Sendung war Gold wert gewesen, da waren sich Wad, Lønberg und Caspersen einig, als sie das Studio verließen.

»Menschen mit unserer Stärke und Überzeugung werden in Zukunft das Sagen haben«, frohlockte Caspersen auf der Rückfahrt.

»Tja, aber alles ist im Fluss«, entgegnete Lønberg. »Lasst uns hoffen, dass wir heute eine gute Fährte ausgelegt haben.«

»Das haben wir«, lachte Caspersen. »Curt, du hast auf jeden Fall ein Zeichen gesetzt.«

Curt wusste, worauf sein Parteifreund anspielte. Der Journalist hatte ihn gefragt, ob es etwa nicht stimme, dass er im Laufe der Jahre in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei. Curt war wütend geworden, hatte es aber nicht gezeigt. Stattdessen hatte er geantwortet, dass jeder Arzt, der mit fähigen Händen und einem klugen Kopf gesegnet sei, irgendwann in seiner Laufbahn zwangsläufig mit gewissen ethischen Grundregeln in Konflikt gerate – und wenn nicht, dann sei er es auch nicht wert, Gottes verlängerter Arm zu sein.

Lønberg lächelte. »Ja, da war Ramberger wirklich baff.«

Wad erwiderte das Lächeln nicht. »Meine Antwort war dumm. Ich hatte nur Glück, dass er nicht auf Einzelfälle eingegangen ist. Wir müssen penibel verfolgen, was die herausfinden, das ist euch klar, oder? Wenn die Medien auch nur das geringste Futter bekommen, werden sie zur Hetzjagd blasen. Ihr müsst einfach davon ausgehen, dass wir außerhalb der eigenen Reihen keine Freunde haben. Unsere Situation heute ist die gleiche wie die der Aufschwungpartei und der Dänemarkpartei damals, als die noch niemand für voll nahm. Wir können nur hoffen, dass Presse und Politik uns für unsere Konsolidierung genauso viel Zeit lassen wie den anderen beiden Parteien damals.«

Caspersen runzelte die Stirn. »Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir bei der nächsten Wahl ins Folketing kommen. Jeder Trick ist erlaubt. Aber ihr wisst, was ich meine. Wenn wir unsere praktische Arbeit im Geheimen Kampf dafür opfern müssen, ist es das wert.«

Wad sah ihn an. In jeder Gruppe gab es einen Judas. Caspersen hatte durch seine Arbeit als Rechtsanwalt und als Kommunalpolitiker jede Menge wertvolle Kontakte, er verfügte über große organisatorische Erfahrung und gehörte somit unbedingt in ihre Reihen. Aber sobald er anfangen würde, Silberlinge zu zählen, war er draußen. Dafür würde Wad schon sorgen.

Die Arbeit im Geheimen Kampf durfte niemand antasten, bevor er, Wad, nicht grünes Licht gab.

Beate saß wieder genau so vor dem Fernseher, wie er sie vor seiner Abfahrt hingesetzt hatte. Die Sozialhelferin hatte lediglich die Windeln gewechselt und ihr etwas zu trinken gegeben.

Er blieb stehen und betrachtete seine Frau aus einem gewissen Abstand. Das Licht des Kronleuchters fiel auf ihr Haar und brachte es zum Funkeln. Eine Leichtigkeit lag auf ihren Zügen, so wie damals, als sie zum ersten Mal für ihn getanzt hatte. Vielleicht träumte sie von einer anderen Zeit, als das Leben noch vielversprechend vor ihnen lag.

»Hast du die Sendung gesehen, mein Engel?«, fragte er leise, um sie nicht zu erschrecken.

Beate lächelte kurz, aber ihr Blick war weit weg. Er wusste es ja, die klaren Momente waren selten. Die Gehirnblutung hatte Beates Seele von dem Leben um sie herum abgeschnitten, aber trotzdem hatte er das Gefühl, dass sie vielleicht doch ein bisschen mitbekommen hatte.

»Ich bringe dich jetzt ins Bett, Beate. Es ist spät geworden, viel später als sonst.«

Er hob die zarte Gestalt hoch. Damals, als sie jung waren, hatte er sie wie eine Schneeflocke hochgewirbelt. Dann hatte es Jahre gegeben, in denen seine Kräfte für die Korpulenz der reifen Frau nicht ausgereicht hatten. Aber nun trug er sie wieder in seinen Armen, als wäre sie ein Nichts.

Vielleicht sollte er froh sein, dass er das konnte. Aber das war er nicht. Und als er sie zu Bett brachte, zitterte er. Wie schnell sie jetzt die Augen schloss. Kaum dass ihr Kopf auf dem Kissen lag.

»Ich sehe schon, meine Geliebte. Das Leben verebbt langsam.«

Als er wieder unten im Wohnzimmer stand, schaltete er den Fernseher aus, ging hinüber zur Anrichte und schenkte sich einen Cognac ein.

»In zehn Jahren lebe ich noch, Beate. Das verspreche ich dir«, murmelte er. »Ehe wir uns wiedersehen, werde ich all unsere Visionen eingelöst haben. Niemand, Liebes, niemand wird mich daran hindern können.«

Er nickte und leerte das Glas in einem Zug.

3

November 1985

Als Erstes registrierte sie den Fremdkörper in der Nase. Und dann die Stimmen über ihr. Gedämpft zwar, aber klar und deutlich. Hell und sanft.

Die Augen hinter den geschlossenen Lidern rollten, als suchten sie nach einem Winkel, in dem größere Erkenntnis zu finden sei. Dann nickte sie wieder ein, stahl sich davon in die Dunkelheit, zu ruhigen Atemzügen. Erhaschte Bilder von sommerhellen Tagen und unbekümmerten Spielen.

Wie aus heiterem Himmel traf sie der Schmerz in der Mitte der Wirbelsäule und brandete in einer gewaltigen Krampfwelle durch ihren Unterleib.

Mit einem Ruck flog ihr Kopf nach hinten.

»Wir geben ihr fünf Strich mehr«, sagte die Stimme, die sich sogleich wie in einem Nebel entfernte und sie wieder in derselben Leere wie zuvor zurückließ.

Nete war ein Wunschkind gewesen. Ein geliebtes Nesthäkchen und das einzige Mädchen in einer Schar von Kindern, der es trotz ärmlicher Verhältnisse an nichts fehlte.

Ihre Mutter hatte sanfte und flinke Hände, Hände, die streichelten und die Hausarbeit erledigten. Nete wurde ihr Spiegelbild. Ein kesses kleines Mädchen, das hübsche Kleidchen trug und bei allem mitmachte, was sich auf dem Bauernhof rührte.

Sie war vier, als ihr Vater lächelnd einen Hengst auf den Hof zog und ihr ältester Bruder die Stute über die Pflastersteine führte.

Als das Glied des Hengstes zu zittern begann, lachten die Zwillingsbrüder, aber Nete trat unwillkürlich einen Schritt zurück, während das große Tier ihre geliebte Molly bestieg und den Unterleib auf sie presste.

Nete wollte rufen, dass sie aufhören sollten. Ihr Vater lachte nur und sagte, nun werde es nicht mehr lange dauern und sie würden um ein Zugtier reicher sein.

Nete begriff rasch, dass der Anfang des Lebens oft genauso dramatisch sein konnte wie das Ende und dass die Kunst darin bestand, alles, was einem zwischen diesen beiden Punkten begegnete, so gut es ging zu genießen.

»Das hatte doch ein gutes Leben«, sagte ihr Vater jedes Mal, wenn er einem zappelnden Schwein mit dem scharfen langen Messer in den Hals stach. Und dasselbe sagte er auch von Netes Mutter, als sie in ihrem Sarg lag, gerade mal achtunddreißig Jahre alt.

Mit diesen Worten im Kopf kam Nete schließlich im Krankenhausbett zu sich. Verwirrt sah sie sich um.

Es war dunkel. Ringsum blinkende Lichter, summende Maschinen. Nichts, was sie wiedererkannte.

Da drehte sie sich um. Allerdings nur halb, der Effekt jedoch überrumpelte sie vollständig. Ruckartig warf sie ihren Kopf in den Nacken, die Lungen weiteten sich und die Stimmbänder explodierten.

Dass sie selbst es war, die so schrie, erfasste sie nicht, denn die Schmerzen in den Beinen überstrahlten alles. Aber die Schreie hörte sie.

Eine Tür wurde aufgerissen, gedämpftes Licht glitt über ihren Körper und dann war alles nur noch gleißende Helligkeit, die wie eine kaputte Leuchtstoffröhre flackerte, und resolute Hände, die sich an ihrem Körper zu schaffen machten.

»Bleiben Sie ganz ruhig, Frau Rosen«, sagte eine Stimme, sogleich kamen beschwichtigende Worte, gefolgt von der Kanüle. Aber dieses Mal verschwand sie nicht wieder.

»Wo bin ich?«, fragte sie, als zittrige Wärme durch den unteren Teil ihres Körpers strömte und ihn davonfließen ließ.

»Sie sind im Krankenhaus in Nykøbing Falster, Frau Rosen. Und Sie sind in guten Händen.«

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Krankenschwester ihrem Kollegen den Kopf zuwandte und die Augenbrauen hob.

In diesem Augenblick wusste sie, was geschehen war.

Sie entfernten den Sauerstoffschlauch aus ihrer Nase und kämmten ihr die Haare zurück. Als wollte man sie fein machen, bevor das abschließende Urteil verkündet wurde, das Urteil, dass das Leben nun nämlich vorbei sei.

Während ihr der Oberarzt mit den grauen Augen und den gestutzten Augenbrauen die Botschaft überbrachte, standen drei Ärzte am Fußende ihres Betts. »Frau Rosen, Ihr Mann war auf der Stelle tot«, waren seine ersten Worte. »Es tut uns sehr leid«, kam erst viel später. Es ging nur darum, die richtigen Tatsachen in den richtigen Zusammenhängen darzulegen. Vermutlich hatte der Motorblock, der bei dem Aufprall halb in den Fahrersitz gepresst worden war, Andreas Rosen getötet. Und statt ihm zu helfen, dem nicht mehr zu helfen war, hatten sich die Rettungskräfte darauf konzentriert, Nete aus dem Wagen zu holen. Der Einsatz der Katastrophenbereitschaft sei vorbildlich gewesen. Er formte das Wort, als wäre es nun an ihr, zu lächeln.

»Wir haben Ihre Beine gerettet, Frau Rosen. Höchstwahrscheinlich werden Sie etwas hinken, aber das ist trotz allem besser als die Alternative.«

An dem Punkt gelang es ihr nicht mehr, zuzuhören.

Andreas war tot.

Er war gestorben, ohne sie mitzunehmen auf die andere Seite, und nun musste sie ohne ihn leben. Ohne den einzigen Menschen, den sie von Herzen geliebt hatte. Den einzigen Menschen, der ihr das Gefühl gegeben hatte, ganz zu sein.

Ihn hatte sie umgebracht.