Verborgene Mauern - Anna Berk - E-Book

Verborgene Mauern E-Book

Anna Berk

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Beschreibung

Simone ist mit ihrem Mann Masoud und den beiden Kindern auf dem Weg in den Iran. Sie ist gespannt auf das neue Leben im Elternhaus ihres Mannes in Teheran. Masoud ist Erbe einer Fabrik, die er nach seinem Studium in Deutschland und dem Tod seiner Eltern selbst leiten will. Doch Masoud hat ein Geheimnis. Er war mit seiner Cousine Ashraf verlobt, mit der er aufgewachsen ist. Ashraf fühlt sich durch Simone um ihre Zukunft betrogen. Simone ahnt nichts von den verborgenen Mauern in ihrem neuen Zuhause.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Autorin kennt das Leben im Iran aus eigener Erfahrung.

Der Roman und alle handelnden Personen sind frei erfunden.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

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1.

Ihr vollbepacktes Auto kroch durch den dichten Verkehr von Istanbul. Bis nach Teheran waren es noch über zweitausend Kilometer. Die Ampel sprang gerade wieder auf grün, doch an Vorankommen war nicht zu denken. Von Fahrzeugen eingekeilt, knallte die Sonne erbarmungslos durch die Frontscheibe. Simone wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und zurrte den Gummi fest, mit dem sie ihr langes Haar hochgebunden hatte.

„So ein Mist.“ Masoud schlug mit den Fingerspitzen der flachen Hand auf das Lenkrad. „Wenn das so weiter geht, kommen wir nie mehr an.“ Simone seufzte. Der Gedanke an die vor ihnen liegende Strecke machte ihr inzwischen Sorgen. Sie war so begeistert von der Idee gewesen, mit dem eigenen Auto in die neue Heimat zu fahren, dass sie die Belastung verdrängt hatte. Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien lagen hinter ihnen, doch vor ihnen erstreckte sich die gesamte Türkei. Sie würden noch einige Tage in diesem übervollen Koffer auf vier Rädern aushalten müssen, bevor sie die iranische Grenze erreichten. Simone drehte sich zu den Kindern um. Amir kniete auf dem hinteren Sitz. Er hatte seine kleinen Finger um die Kopfstütze des Fahrersitzes gelegt und beobachtete die Straße. Arezu hockte neben ihm und nuckelte verschlafen an ihrem Stoffhasen. Die dunklen Locken klebten auf ihrer Stirn. Masoud ärgerte sich immer noch.

„Wunderbar, wir stecken mitten im dicksten Verkehr. Ich wollte nicht umsonst früher wegfahren“, schimpfte er. Er war nicht einmal rasiert und seine langen schwarzen, von einzelnen grauen Strähnen durchzogenen Locken, hingen wirr um sein Gesicht.

„Ich weiß, aber mit zwei Kindern dauert es morgens eben“, brummte Simone. „Außerdem habe ich die halbe Nacht auf dich gewartet.“

„Papa, Papa kauf uns einen Kringel!“ Amir hatte einen Verkaufswagen entdeckt, auf dem mit Sesam bestreute Brotringe an Stangen in der Sonne baumelten. Der Händler schlängelte sich mit dem Handkarren zwischen den vor der Ampel stehenden Autos hindurch. Moderne und alte Fahrzeuge standen dicht gedrängt in mehreren Reihen. Simone wunderte sich, dass die Autofahrer kaum Notiz von den wagemutigen Balanceakten des Verkäufers mit seinem vollbepackten Wagen nahmen, auf dem die Brotringe munter umher wackelten. Sie schienen sich offenbar keine Sorgen um den Lack ihrer Autos zu machen.

„Typisch Orient“, dachte Simone und verbot sich diesen Gedanken im selben Augenblick. Sie hatte beschlossen, sich Vorurteile dieser Art nicht zu erlauben. Manche Fahrer hatten den Blinker gesetzt und ihre Autos trotz des dichten Gedränges leicht quergestellt. Sie versuchten sich so, ohne Rücksicht auf den nachfolgenden Verkehr, die Möglichkeit eines schnellen Spurwechsels zu sichern. „Hauptsache man kommt vorwärts“, schoss es ihr durch den Kopf. Simone biss sich auf die Lippen. Durch die offenen Fenster drang beißender Benzingeruch ins Innere des Wagens. Sie schloss für einen Moment die Augen. Gut, dass Masoud hinterm Steuer saß. Plötzlich reckte sich eine nach Petroleum riechende Hand mit schwarzen Fingernägeln durch das geöffnete Seitenfenster und wippte direkt vor ihrem Gesicht fordernd auf und ab.

„Madam, Madam, please!“ Simone schreckte zurück. Sie blickte in die schwarz umrandeten Augen einer jungen Frau. Ihre verfilzten Haare waren mit einem Kopftuch bedeckt. Auf dem Arm trug sie ein schmutziges Bündel. Simone erkannte den Kopf eines Babys. Es bewegte sich nicht. Die Augen in dem kleinen runden Gesicht waren geschlossen. In diesem Moment fuhr Masoud an und ihr Auto passierte gerade noch die vor ihnen liegende Ampel, die schon wieder auf Rot gesprungen war. Simone war fassungslos.

„Hast du das gesehen, Masoud? Sie hatte ein Baby dabei. Mitten in diesen Abgasen.“ Sie beobachtete im Außenspiegel wie die Frau mit dem Kind im Arm an den Wagen, die vor der Ampel zum Stehen gekommen waren, weiter bettelte. Einige Insassen der Autos schlossen die Fensterscheiben, als sie die Frau auf sich zukommen sahen. Sie klopfte dennoch heftig an die Seitenfenster, zeigte ihr Baby und schwenkte ihre geöffnete Hand fordernd hin und her. Die Menschen in den Autos bemühten sich, die Frau und das Kind nicht anzusehen.

„Ich wollte doch einen Kringel.“ Amir meldete sich enttäuscht von der Rückbank.

„Was hier verkauft wird, kann man nicht essen“, sagte Masoud und sah ihn im Rückspiegel an. „Da kleben die Abgase der Autos dran, Schatz.“ Sie kamen endlich wieder voran. Simone blickte angespannt nach vorn. Die entscheidende Passage ihrer Reise stand bevor. Bald würden sie eine der beiden großen Hängebrücken überqueren, die hier in Istanbul Europa mit Asien verbanden. Ihr Herz schlug schneller. Wenn sie diese Brücke wieder verlassen würde, läge ihr bisheriges, knapp dreißigjähriges Leben endgültig hinter ihr. Was vor ihr lag, beschäftigte sie immer mehr. Sie hatte in Deutschland mit Masoud lange über den Iran gesprochen und sich vorgestellt, wie das Leben dort wohl sein mochte. Auf der Fahrt durch Rumänien und Bulgarien war Simone aufgefallen, dass die Menschen zunehmend ärmlicher lebten. Istanbul war ihr reicher und sauberer vorgekommen. Es gab Plätze in der Stadt, die anderen europäischen Millionenmetropolen ähnelten. Das Bild der jungen Bettlerin mit dem Kind im Arm ließ sie nicht los. Masouds Familie war wohlhabend. Aber wie würde es sich anfühlen in einem Land zu leben, in dem viele Menschen arm waren?

„Mein Gott“, sagte sie jetzt. „Gibt es im Iran auch solche Bettlerinnen?“

„Nein. Im Iran gibt es auch arme Leute, aber so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte Masoud und fuhr fort: „Man soll diesen Frauen nichts geben. Sie benutzen die Kinder und stellen sie mit Drogen ruhig. Das darf man nicht unterstützen.“ Simone wurde übel.

„Und woher weißt das?“ fragte sie.

„Das habe ich gehört. Es muss ja nicht stimmen. Bei uns verkaufen die ärmeren Leute auch Sachen in den Staus vor den Ampeln. Kaugummis, Kekse und andere Kleinigkeiten. Das machen sogar Kinder. Aber Betteln mit Säuglingen habe ich im Iran nie gesehen.“ Simone schwieg. Masoud hatte die letzten Jahre in Deutschland gelebt und den Iran nur kurzzeitig besucht. Wer weiß, was sich in der Zwischenzeit alles geändert haben mochte.

Die Luft, die durch die offenen Autofenster hineinströmte, war trotz des leichten Fahrtwindes immer noch schwer und stickig. Auf den Bürgersteigen tummelten sich unzählige Fußgänger. Simone hatte in den zwei Tagen in Istanbul bemerkt, dass viele der Hausfassaden nur auf den ersten Blick gepflegt wirkten. Wenn man genauer hinsah, konnte man sehen, dass sie heruntergekommen waren. „Besser ich mache mich auf so manche Überraschung gefasst“, dachte sie besorgt. Aber jetzt war erst einmal wichtig, dass ihre Familie gesund in die neue Heimat kam.

Sie schaltete den Kassettenrekorder an und sofort ertönte das unverkennbare „Töörrrööööö“ von Benjamin Blümchen. Auf Benjamin Blümchen war immer Verlass. Simone drehte sich zu den Kindern um. Da sie nach Osten fuhren, hatte sie am Morgen auf der rechten Seite des Autos vorsorglich Handtücher zwischen die geschlossenen hinteren Scheiben geklemmt, um die beiden vor der Sonne zu schützen. Sie stellte erleichtert fest, dass die Kinder im Schatten saßen. Arezu saß mit ausgestreckten Beinchen da und Simone drückte zärtlich die Füßchen ihrer Kleinen. Masoud hatte in der vergangenen Nacht überraschend beschlossen, die Kindersitze bei seinem Freund Mohammed zu lassen.

„Die nehmen zu viel Platz weg und ab hier gibt es keine Strafzettel mehr“, erklärte er kurzerhand, als Simone sich Heute Morgen dagegen wehrte. „Die Kinder sitzen so gedrängt da drin und sie werden nur unnötig schwitzen.“ Er hatte zwischen den Kopfstützen der vorderen Sitze ein Netz gespannt und den Fußraum dahinter mit Taschen zugestellt. Nachdem er ein paar Decken darüber ausgebreitet hatte, war ein Liegeplatz entstanden, den die Kinder dankbar annahmen. Amir und Arezu genossen ihre neue Freiheit sichtlich. Simone verdrängte den Gedanken an einen möglichen Unfall. Amir schien die Brotkringel vergessen zu haben und war wieder in sein Spiel versunken. Simone sah ihren Sohn liebevoll an. Er studierte mit seinen blauen Augen konzentriert die Quartettkarten, die er in den Händen hielt. Die langen dünnen Finger zogen Karte für Karte aus dem Stapel. Aufmerksam betrachtete er die Bilder und Angaben. Mit seinen knapp fünf Jahren kannte er bereits alle Flugzeugmodelle, ihre Motorleistungen, Größe, Baujahr und unzählige andere technische Daten, die in diesem Spiel miteinander verglichen wurden.

Masoud hatte seinem Sohn den Namen seines verstorbenen Vaters gegeben.

„Er ist genauso technisch begabt wie mein Vater und ich“, schwärmte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nicht ganz zwei Jahre später hatte Simone den Namen ihrer Tochter ausgesucht. Ihre Wahl fiel auf Arezu, was so viel wie Sehnsucht bedeutet. Sie war ihr kleiner temperamentvoller Wirbelwind. Jetzt saß sie da, ihren Lieblingsstoffhasen im Arm, das Kinn auf die Brust gestützt und lächelte Simone müde an. Ihre dunklen Augen waren von ebenso langen und dichten Wimpern umrandet wie die ihres Vaters. Die beiden sahen friedlich aus, die laute und hektische Welt um sie herum schien gar nicht zu existieren. Simone strich mit der Hand über Arezus nackte Beinchen. Als sie sich wieder nach vorn drehte, war ihr klar, dass sich das Bild der Kinder auf dem Rücksitz im Verkehrsgewühl von Istanbul, fest in ihr Gedächtnis eingeprägt hatte. Ihre knielange Hose klebte an ihr und das kurzärmlige T-Shirt fühlte sich an, als sei es mit ihrem Rücken verschmolzen. Die Sonnenbrille konnte dem grellen Licht des Vormittags wenig entgegensetzen. Ihre Augen schmerzten und die Füße brannten vor Hitze. Simone zog die Flip Flops aus und stemmte einen Fuß gegen das Armaturenbrett, in der Hoffnung, dass etwas von dem spärlichen Fahrtwind unter ihre Oberschenkel gelangen konnte. Masoud blickte zu ihr herüber und strich mit einem Finger über ihre Beine. Sie liebte seine schmalen, gepflegten Hände.

„Nicht so hoch mit deinen langen Beinen, Schatz“, scherzte er. „Sonst kommen wir gar nicht mehr vorwärts.“ Simone setzte sich etwas aufrechter in den Sitz.

„Ok so?“ sie lächelte ihren Mann an.

„Ja, ja, das war ein Scherz“, erwiderte Masoud mit einem Augenzwinkern. „Mach auch noch deine blonden Haare auf und lass sie aus dem Fenster wehen, dann verliert der Lastwagenfahrer neben uns völlig den Verstand.“

Der Mann im Lastwagen neben ihnen grinste auf sie herunter. Simone zuckte mit den Schultern.

„Ist mir doch egal. Wir sind noch nicht im Iran.“

Die Hitze würde für lange Zeit ihr Begleiter sein. Es war Anfang Juni und die Sommermonate lagen vor ihnen. Ihr fiel ein, dass auf den Fotos, die Masoud ihr von seiner Familie und seinem Land gezeigt hatte, niemand eine Sonnenbrille oder kurze Kleidung trug. Masouds Cousine Ashraf zum Beispiel, mit der er aufgewachsen war, hatte auf den Bildern unter dem obligatorischen Mantel, sogar lange Hosen getragen. Amme, die Kinderfrau Masouds, die auch in seinem Haus in Teheran wohnte, war immer mit einem Schleier zu sehen. Angesichts dieser Hitze fragte Simone sich, was sie wohl darunter trug. „Komisch, dass mir das jetzt erst auffällt“, dachte sie, „ich habe mich doch so gut vorbereitet.“

Masoud hatte ihr vor ein paar Monaten eröffnet, dass er zurückgehen müsse, um die Fabrik, die er von seinem Vater geerbt hatte, selbst zu führen. Sein Vater hatte diese Fabrik gegründet, war aber kurze Zeit später bei einem Unfall zusammen mit seiner Mutter ums Leben gekommen. Masoud war damals sieben Jahre alt. Sein Onkel Behruz, der Bruder seines Vaters, führte die Geschäfte für ihn. Als sie und Masoud geheiratet hatte, wollte er das Unternehmen eigentlich von Deutschland aus führen, aber es gab immer mehr Schwierigkeiten mit seinem Onkel. Masoud befürchtete, dass er plante, sich die Fabrik anzueignen. Simone kannte die Familie ihres Mannes nur aus seinen Erzählungen. „Vielleicht hätten wir doch mal hinfahren sollen“, dachte sie jetzt. Sie hatte ihn aber nie dazu gedrängt. Das wäre anders gewesen, wenn seine Eltern noch gelebt hätten. Sie war trotzdem sofort bereit gewesen, mit ihm zu gehen, denn die Fabrik war das Einzige, was ihm von seinen Eltern geblieben war.

„Gut, dann gehen wir alle zusammen. Ich wollte immer schon ins Ausland. Dabei habe ich zwar nicht an den Iran gedacht, aber seit wir zusammen sind, hat sich das geändert. Du hast dort ein Haus und ein Unternehmen, warum sollen wir es nicht versuchen.“ Masoud war so glücklich darüber gewesen. Er war der Mann ihrer Träume. Als sie ihn kennen lernte, wusste sie vom Iran nur das, was ihre Oma gelegentlich aus den Klatschspalten der Illustrierten zum Besten gab. Doch das war lange her. Sie führten endlose Gespräche darüber, was sie in der neuen Heimat erwarten würde. Für Simone war die Zukunft von Amir und Arezu sehr wichtig gewesen. Es gab gute Privatschulen, Masoud hatte selbst eine besucht und sie konnten sich die besten Schulen für die beiden leisten. Sie freute sich auf die Herausforderung, diese neue Welt zu erobern und hatte schon vor der Hochzeit begonnen, Farsi zu lernen. Inzwischen beherrschte sie sogar die arabische Schrift recht gut.

„Mit jeder Sprache, die du lernst, öffnet sich dir eine neue Welt.“ Masoud war so stolz auf sie. Lernen machte ihr Spaß und nachdem sie ihr Studium wegen der Kinder abgebrochen hatte, war es eine willkommene Abwechslung.

Ein Ruckeln holte Simone in die Gegenwart zurück. Sie überfuhren eine große Bodenwelle, die den Verkehr verlangsamte. Der Fahrtwind brachte eine angenehme Kühle und den salzigen Geruch des Meeres mit sich. Sie mussten in unmittelbarer Nähe der Brücke sein. Ihr Herz schlug schneller. Das war das Abenteuer ihres Lebens. Diese Fahrt war erst der Beginn. Sie hatten die letzten beiden Tage bei Mohammed, Masouds bestem Freund aus Kindertagen, verbracht. Er lebte mit seiner Frau Mariam hier in Istanbul. Simone kannte Mohammed nur aus Masouds Erzählungen. Sie war gespannt auf diesen Mann, der mit Masoud ausgewachsen war und sicher viele Geschichten aus ihrer gemeinsamen Jugend zu erzählen wusste. Beim Gedanken an diesen zurückliegenden Besuch stieß Simone einen kurzen Seufzer aus. Mohammeds Frau Mariam hatte sie mit der typisch iranischen Gastfreundlichkeit belagert. Mariam war sehr anstrengend gewesen. Sie hatte Simone keinen Augenblick aus den Augen gelassen und sich unentwegt nach ihren Bedürfnissen erkundigt. Simone war nie allein gewesen, aber sie wollte Mariam nicht vor den Kopf stoßen. Also bedankte sich höflich für Aufmerksamkeit ihrer Gastgeberin. Schlimmer war aber, dass Mariam keinen Wert darauf legte, dass die beiden Frauen ihre Zeit zusammen mit den Männern verbrachten.

„Lass doch die Männer“, hatte sie fröhlich gesagt, „wir Frauen haben sowieso unsere eigenen Themen, nicht wahr?“ Mariam wich die ganze Zeit nicht von Simones Seite und Masoud war mit Mohammed ins Gespräch vertieft. Er hatte Simone und die Kinder kaum beachtet.

Simone dachte an die letzte Nacht, in der sie vergeblich auf Masoud hatte gewartet, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie fragte sich, was die beiden Männer sich so Wichtiges zu erzählen hatten?

Jetzt sah sie zu ihm herüber. Er fuhr langsam und konzentriert.

„Wie war es für dich bei Mohammed?“ fragte Simone ihren Mann. Sie hätte ihm gerne von ihrer Enttäuschung erzählt. Doch Masoud musste einem rechts überholenden Fahrzeug ausweichen und schimpfte:

„Mensch, du Hempel. Erklär mal einem Europäer, wie man im Orient Auto fährt. Tut mir leid, Schatz. Ich muss mich konzentrieren.“

„Papa, wie lange noch bis zu der großen Brücke?“ Amir hatte die Karten beiseitegelegt und lugte wieder durch das Netz nach vorn.

„Wir sind viel zu spät los“, murmelte Masoud vor sich und massierte dabei seinen Nacken. Simone kannte diese Geste. Er musste müde sein. Sie blickte ihn besorgt an. Masoud richtete sich im Sitz auf. Er setzte den Blinker und wechselte erneut die Fahrspur, wobei er einen nachfolgenden Lastwagen zum Abbremsen zwang. Der Fahrer schimpfte lautstark aus dem heruntergekurbelten Fenster und Masoud antwortete ihm mit andauernden Hupen. Das Bremsmanöver setzte sich dominoartig nach hinten fort, woraufhin sofort das durchdringende Hupen der anderen Autofahrer zu hören war. Masoud lachte nervös.

„Das klingt schon sehr heimatlich.“ Er warf einen kurzen Blick zu seinem Sohn. „Wir haben schon mehr als die Hälfte geschafft, Amir, aber es dauert noch.“

Simone rutschte tiefer in ihren Sitz. Über Mohammed würden sie wohl später sprechen müssen. Masoud beantwortete ihr schon die ganze Fahrt über ihre Fragen und zuletzt war er ungeduldig geworden. Er verstand nicht, weshalb Simone sich immer wieder vergewissern wollte, wie dieses oder jenes im Iran sein würde. Seiner Meinung nach war alles besprochen. Aber die Eindrücke dieser Fahrt beunruhigten Simone. Das Leben der Menschen auf ihrer Reiseroute sah so anders aus, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie rief sich die Einwände von Eltern und Freunden, die ihren Entschluss mit den Kindern in den Iran auszuwandern, nicht verstehen konnten, wieder ins Gedächtnis. Hatte sie sich ein falsches Bild gemacht?

Endlich tauchte die Auffahrt zur Brücke vor ihnen auf. Die Häuser links und rechts der Straße wichen zurück und die Pfeiler der ausgestreckten Hängekonstruktion vor ihnen wirkten wie riesige Torbögen, die in den Himmel ragten.

„So“, sagte Masoud, „jetzt fahren wir in den Orient. Amir schau, diese große Brücke verbindet die zwei Kontinente Europa und Asien miteinander. Deutschland liegt hinter uns in Europa und Iran liegt vor uns in Asien.“ Arezu drehte sich um und versuchte über das Gepäck im hinteren Teil des Autos zu schauen.

„Wo ist Deutschland?“ fragte sie. Amir beugte sich zum Vater vor und legte sein Kinn durch das großmaschige elastische Netz auf dessen Schulter.

„Papa, wie lang ist die Brücke? Ist sie die längste der Welt? Wie viele Autos fahren am Tag darüber?“ Amir war sicher, dass sein Vater alles wusste. Jetzt wartete er darauf, fantastische Zahlen zu hören. Masoud sah angespannt auf die Straße und klopfte mit seinen Fingern auf das Lenkrad.

„Das schauen wir heute Abend nach. Ich verspreche es.“ Die Hänge zu beiden Seiten der Ufer fielen steil ab. Weit unter ihnen öffnete sich der Blick auf das blaue Wasser des Bosporus. Schiffe fuhren in Richtung Mittelmeer und hinauf zum Schwarzen Meer und winzig aussehende Ausflugsboote steuerten auf kleine Anlegestellen zu. Das Brausen des Windes wurde stärker und Simone hörte das Surren der senkrecht in den Himmel ragenden Stahlseile.

„Wie die Gleise einer Achterbahn“, dachte sie. Ihr Magen zog sich so heftig zusammen. Sie schaute starr nach vorn. „Wir hängen in der Luft“, schoss es durch ihren Kopf. Ihr wurde schwindlig. Ihre rechte Hand verkrampfte sich um den Haltebügel oberhalb der Beifahrertür und ihre Gedanken überschlugen sich. „Mein Gott, was tue ich hier? Worauf habe ich mich eingelassen?“ Die Grenzen zwischen oben und unten verschwanden. Ihr Herz trommelte in ihrer Brust. „Das ist kein Urlaub“, schrie es in ihr. „Unser Haushalt fährt irgendwo in einem Umzugslaster. Wir kehren nicht mehr zurück.“ Alles verschwamm, ohne Richtung, ohne festen Grund. Ihr war plötzlich eiskalt.

„Reiß dich zusammen“, sagte sie zu sich selbst. „Du bist vorbereitet und bestens informiert. Du wolltest ein anderes Leben, immer schon, seit deiner Jugend. Du bist doch modern, offen und anpassungsfähig.“ Was war jetzt nur mit ihr los? Sie hing zwischen den Welten. Jeder Halt schien verloren. Hatte sie doch einen Fehler gemacht?

Der Gedanke durchfuhr sie wie ein Stromschlag. „Nicht bewegen“, dachte sie, „nur nicht bewegen.“ Sie wollte raus aus diesem Auto, wollte die Autotür aufreißen und Masoud befehlen, sofort umzukehren. Simone klammerte sich fester an den Haltebügel und starrte ins Leere. „Sitz still! Sitz einfach still“, befahl sie sich. „Es geht vorbei.“ Simone hörte Masouds Stimme wie aus weiter Ferne.

„Wie wäre es mal mit einer anderen Kassette, ihr beiden. Ich kann das Tööröö nicht mehr hören. Ich möchte persische Musik, schließlich sind wir jetzt im Orient. Angekommen, wir sind angekommen! Residim1, residim!“ Er sang vor sich hin und schnippte mit den Fingern.

Arezu protestierte sofort:

„Neiiiin, ich will Benjamin Blümchen hören.“ Amir fiel in die Begeisterungsrufe seines Vaters ein: „Residim, residim, residim!“

Sie hatten die Brücke überquert. Das Surren der Seile war verstummt und die Geräusche der Autoreifen auf dem Asphalt der Straße klangen wieder wie immer. Die Häuserreihen, Geschäfte und Menschen sahen nicht anders aus, als auf der europäischen Seite. Masoud hatte eine Kassette mit iranischer Musik eingelegt und die Kinder hüpften lachend auf dem Rücksitz auf und ab. Simone lockerte vorsichtig die Finger am Haltegriff. Sie spürte, wie sie langsam wieder die Kontrolle über ihren Körper zurückgewann. Der heiße Fahrtwind belebte ihre erstarrte Gliedmaße. Sie nahm den Fuß vorsichtig von der Konsole herunter und drehte sich langsam zu den Kindern um. Es tat so gut, die beiden zu sehen. Simone atmete tief durch. Masoud hatte Gott sei Dank nichts bemerkt. Sie kramte in der Tasche, die sie in den Fußraum vor ihrem Sitz abgestellt hatte. Ihre Kehle war staubtrocken. Sie wollte sich und den Kindern einen Pfefferminztee machen. In der Tasche war, neben anderem Proviant auch eine Thermoskanne mit heißem Wasser.

„Wer möchte etwas trinken?“ fragte Simone. Sie betrachtete die Vorräte, die sie in Istanbul sorgfältig zusammengestellt hatte. Sie hatte in Mariams Küche türkisches Fladenbrot mit Frischkäse und Marmelade bestrichen und einiges an Obst gewaschen. Mariam hatte Hähnchen für sie gekocht und mit Salat, Gurken und Tomaten leckere Sandwiches belegt. Zudem hatte sie Bonbons, Kekse und Gummibärchen aus Deutschland dabei. Solche Süßigkeiten würde es im Iran nicht mehr geben.

„Ich, ich“ erschallte es von hinten.

„Ich auch, ich auch“, stimmte Masoud fröhlich ein.

Das Lachen entspannte Simone. „Ich muss die Dinge mehr auf mich zukommen lassen“, dachte sie. Sie nahm die Thermoskanne und bot heißen Pfefferminztee an.

„Lass uns lieber einen Stopp an der nächsten Tankstelle machen und kalte Limo kaufen“, sagte Masoud unter dem Beifall der Kinder.

„Das haben wir uns alle verdient.“

Nach einer kurzen Pause fuhren sie gestärkt weiter. Simone schlug den Kindern vor, die T-Shirts auszuziehen. Sie hatte sich nach hinten gesetzt und war dabei, ihnen frisches Obst in kleine, mundgerechte Stücke zu schneiden. Masoud beobachtete zärtlich, wie sie einen Plastikteller auf ihren Knien balancierte und die Obststücke in Form eines lachenden Gesichts darauf anordnete. Amme wird Simone mögen, da war er sicher, und Amir und Arezu werden der Stolz der Familie sein. Er dachte an die stundenlangen Gespräche mit Mohammed in den beiden zurückliegenden Tagen. Simone war oft allein geblieben. Er ahnte, dass sie ihm deshalb böse war. Aber er musste seinen Freund und Vertrauten für sich haben. Dieses Wiedersehen ließ bei Masoud die Erinnerungen an seine schwierigste Zeit im Iran wieder lebendig werden. Mohammed und er hatten beide das Abitur bestanden und sein Freund war, mit Unterstützung seiner Eltern einen eigenen Weg gegangen. Masoud selbst konnte dies nicht, denn Onkel Behruz bestimmte sein Leben. Er versuchte trotzdem, in der Fabrik seines Vaters Fuß zu fassen und hätte sie schon damals gerne übernommen, aber Behruz bremste ihn ständig aus. Schließlich schickte er ihn kurzentschlossen zum Studium nach Deutschland. Masoud war damals hin und her gerissen, denn nicht jeder erhielt diese Chance. Zuvor hatte Behruz auch über Masouds private Zukunft entschieden. Er überredete ihn zu der Verlobung mit seiner Cousine Ashraf. Masoud war damals gerade zwanzig Jahre alt und schwärmte für Ashraf. Sie waren zwar wie Geschwister aufgewachsen, aber im Laufe der Zeit hatten sich seine Gefühle für sie verändert. Jungs und Mädchen konnten sich im Iran nicht so selbstverständlich treffen wie in Deutschland. Ashraf war die einzige junge Frau, mit der er zusammen sein konnte, ohne dass die Leute schlecht über sie redeten. Sie musizierten gemeinsam und Ashraf tanzte zwanglos zu seiner Musik. Sie war fast vier Jahre älter und es schmeichelte ihm, dass er ihr gefiel. Behruz und Amme bestanden auf die Verlobung, um Ashrafs Ehre und den Ruf der Familie zu wahren.

Doch er ging nach Deutschland und heiratete Simone, um die er sehr geworben hatte. Sie war frei und unabhängig. Bei ihr fühlte er sich endlich erwachsen. Er war glücklich mit ihr. Simone hatte ihr Studium aufgegeben und war bereit, mit ihm in den Iran zu gehen.

Masoud brachte seit seiner Hochzeit nicht den Mut auf, Behruz und Ashraf zu beichten, dass er ihre Pläne durchkreuzt und sein Wort gebrochen hatte. Mohammed wusste als einziger von seiner Ehe mit Simone. Sein Freund konnte nicht verstehen, warum Masoud nicht ehrlich war. Als er ihm dann vor ein paar Monaten am Telefon erzählte, dass er mit Simone und den Kindern wieder zurück in den Iran wollte, war Mohammed fassungslos gewesen. Er riet ihm eindringlich, vorher nach Hause zu fliegen und der Familie endlich die Wahrheit zu sagen.

„Du kannst doch nicht einfach zurückkommen, alle vor den Kopf stoßen und dann noch darauf hoffen, dass Behruz dir zum Dank die Fabrik überlässt. Und was ist mit Ashraf?“ hatte Mohammed gefragt.

„Sie kann nicht wirklich denken, dass mir noch etwas an der Verlobung liegt. Ich bin ja schon bei meinen früheren Besuchen deutlich auf Abstand gegangen“, verteidigte Masoud sich. „Außerdem waren es nicht unsere Pläne, sondern die von Behruz und Amme2. Das weiß sie doch auch. Ich war viel zu jung damals.“

„Aber das bist du nicht mehr!“ Mohammed war hartnäckig geblieben. „Ist dir klar, was Simone erwartet, wenn du nicht endlich reinen Tisch machst?“

Masoud hatte sich also überwunden und war vor der Abreise aus Deutschland allein in den Iran geflogen. Es war schon zwei Monate her, aber die Szene, die Ashraf ihm gemacht hatte, lief seit dem immer wieder vor seinem inneren Auge ab. Ihm wurde sofort übel, wenn er daran dachte. Jetzt konnte nur hoffen, dass sich alle bis zu seiner Ankunft wieder beruhigt hatten.

1 Farsi für : Angekommen

2 Farsi für: Tante väterlicherseits

2.

Die Farben der Landschaft veränderten sich stetig, je tiefer sie durch die Türkei Richtung Osten fuhren. Das Grün der Bäume wirkte blasser und ihre Äste dürrer. Steinige Bergketten bestimmten die Landschaft. Die Vielfalt der Erdtöne nahm zu und wurde gleichzeitig immer wieder durch frische Grünstreifen unterbrochen, die saftig und farbenfroh in der hellen Sonne strahlten.

Simone wusste, dass sie auf der alten Seidenstraße der einst wichtigsten Handelsverbindung zwischen Ost und West unterwegs waren. Dieser Verkehrsweg verlief an manchen Stellen schnurgerade durch eine endlos flache Landschaft. Dann wieder schlängelte er sich durch bergiges Land und über enge Pässe. Die Autos quälten sich mühsam bergan und stemmten sich, kaum auf der Höhe angekommen, gegen die Beschleunigung, die sie abwärts zog. Am Rand der Straße tauchten immer wieder Menschen mit Verkaufswagen auf. Die Karren waren mit Obst, Keksen, gekühlten Getränken oder großen, in Sackleinen gehüllten Eisblöcken beladen. Im bergigen Hinterland, fast unsichtbar für die Reisenden, duckten sich die Dörfer, in denen diese Händler wohnten in die Täler der Bergketten. Die Bewohner kamen mit den Erträgen ihrer Landwirtschaft und boten sie zu beiden Seiten des unaufhörlichen Verkehrsstroms feil. Masoud kaufte Eisstücke, die von den großen Blöcken abgeschlagen wurden und füllte damit ihren Campingwasserbehälter. Simone hatte Bedenken, dass das Eis alle krank machen könnte. Sie wollten aber trotzdem nicht darauf verzichten, denn das kalte Wasser machte die Hitze erträglicher. Das Obst war frisch und schmeckte unvergleichlich süß. Die Früchte dufteten schon von weitem gegen den Staub und den Geruch des heißen Asphaltes an. Die Kinder liebten besonders die Aprikosen, Pfirsiche und riesengroßen Melonen.

Neben den langen modernen Trucks befuhren alte, oft bunt geschmückte Kleinlaster mit Ladefläche die Straße. Sie waren aus Turkmenien, Pakistan und sogar Indien über den Landweg nach Europa unterwegs. Man hatte die Jeeps und Pick Ups mit Waren vollgestopft und hoch aufgetürmt. Nicht selten schliefen deshalb Passagiere oben auf der Ladung.

Viele Kleintransporter und Personenwagen standen an den sprudelnden Brunnen, in denen das Grundwasser hochgepumpt wurde. Die Reisenden verschafften sich etwas Kühlung, füllten die Vorräte auf, kochten Tee oder rauchten gemütlich eine Wasserpfeife. Manchmal gab es an diesen Oasen kleinere Werkstätten, in denen Einheimische Autoreifen reparierten oder Ölwechsel für die Durchfahrenden vornahmen. Simone genoss bei jeder Rast das lebendige Treiben um sie herum.

Die Fahrer der großen, modernen Trucks steuerten andere Raststellen mit weitläufigen Parkplätzen an. Sie übernachteten dort in ihren Kabinen, tankten voll, ließen größere Reparaturen durchführen oder nutzten die Waschräume und Restaurants. Es stank nach Diesel, Öl und Petroleumkochern, auf denen die müden Fahrer und ihre Gehilfen sich ihre Essen wärmten. Neben modernen Trucks standen, aufwendig geschmückte alte Diesellastkraftwagen. Die Nomaden dieser in die Jahre gekommenen Vehikel kauerten auf kleinen Campinghockern oder dösten auf dem Boden in der Sonne.

„Jetzt könnte ich selbst einen Reisebericht schreiben“, dachte Simone begeistert. Sie fotografierte die bunt geschmückten Autos und die abenteuerlich aufgestapelten Waren. Die Kinder stellten viele Fragen und Simone wurde nicht müde, sie zu beantworten und mit ihnen zu rätseln, was auf den Lastwagen transportiert wurde und woher die Autos kamen. Sie studierten gemeinsam die Nummernschilder und die Aufschriften auf den Planen, entzifferten die unzähligen Aufkleber und bewunderten die individuell geschmückten Fahrerkabinen.

Simone und ihre Familie waren Teil dieses alten unermüdlichen Stroms zwischen den Erdteilen.

„Es ist doch gut, dass wir selbst gefahren sind, Masoud. Das wäre uns alles entgangen“, sagte sie und strahlte.

„Ja, für uns ist das ein tolles Erlebnis, aber die da“, Masoud zeigte im Vorbeifahren auf die Lastwagenfahrer, „müssen sich ihr Brot hart verdienen.“ Er erzählte, dass viele Fahrer sich auf der langen Fahrt mit Opiumrauchen bei Laune hielten. Die Straßen wurden deshalb mit zunehmendem Lastverkehr in Richtung Osten immer gefährlicher.

„Warum kontrolliert das denn niemand?“ Simone war erschrocken. „Die Leute gefährden uns alle. Wir hätten die Kindersitze nicht weggeben sollen“, sagte sie und starrte Masoud an.

„Schon gut, ich kenne den Fahrstil und passe auf.“ Masoud strich mit seiner Hand über Simones Oberarm. „Es hat auch seine Vorteile, dass so viele Trucker unterwegs sind. Sie wissen genau, welche Restaurants am besten sind. Wir essen einfach da, wo die meisten Lastwagen stehen.“

Simone atmete auf. Wenn Masoud ein Ziel verfolgte, war er meistens erfolgreich. Sie musste ihn nur machen lassen. So hatte sie ihn kennengelernt.

Sie erinnerte sich genau an diesen Tag. Während ihres Studiums arbeitete sie als Touristenführerin und Masoud hatte einer ihrer Führungen besucht. Sie bemerkte ihn zwischen den anderen Teilnehmern. Er war großer Mann mit dunklen Augen, schwarz gelocktem Haar und einer schmalen, langen Nase. Er hielt sich in ihrer Nähe auf und folgte ihren Erklärungen aufmerksam. Als sie die Führung beendet hatte, blieb er vor ihr stehen.

„Ich möchte nicht unverschämt sein. Haben Sie vielleicht Zeit, mit uns Essen zu gehen?“ sagte er mit einem weichen Akzent. Simone lobte sein Deutsch und fragte, aus welchem Land er kam. Er sei iranischer Student und erst seit kurzem in der Stadt, erklärte er ihr und seine Studienkollegen hätten die Idee gehabt, an einer Führung teilzunehmen.

„Eine wunderbare Idee, glaube ich“, hatte er schmunzelnd hinzugefügt, „sonst hätte ich Sie nie kennengelernt.“ Simone war geschmeichelt und ging mit ihnen mit. Beim Essen stellte er viele Fragen. Masoud wollte alles von ihr wissen und Simone genoss seine Nähe. Er machte ihr Komplimente und sprach kaum noch mit seinen Freunden. Die grinsten Simone unverhohlen an, denn es gelang ihr nicht, den Blick von Masoud zu lassen. Sie wurde immer noch rot, wenn sie daran dachte. In Masouds Gegenwart fühlte sie sich leicht und beschwingt. Masoud und sie hatten sich wieder gesehen, sich ineinander verliebt und schließlich geheiratet.

Nur ihre Eltern waren sehr besorgt um Simones Zukunft, besonders als sie der Kinder wegen ihr Studium der Kunsthistorik aufgab. Als sie ihnen mitteilte, in den Iran auswandern zu wollen, waren sie sogar wütend geworden.

„Wie kommst du nur auf so eine Idee?“, hatte ihre Mutter geschimpft. “Was ist an deinem Leben so schlecht, dass du unbedingt ins Ausland musst?“

„Nichts Mama, aber du weißt, dass ich das immer schon wollte. Studieren, Heiraten, Haus bauen, Kinder großziehen, in einen Verein eintreten, der Rente entgegen blicken, so ein Leben habe ich nie gewollt,“ hatte Simone trotzig gesagt. Das Leben hatte so viel zu bieten und Masoud war der Mann, mit dem sie es erleben wollte.

Simone sah zu ihm herüber. Er hatte eine Hand auf das Lenkrad gelegt, die andere ruhte auf dem Schaltknüppel. Das machte er immer, wenn er konzentriert fuhr. Sie legte ihre Hand locker auf die seine und er lächelte, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Je weiter sie gegen Osten kamen, desto waghalsiger fuhren die Autos und Laster.

„Pass auf, Masoud! Oh, mein Gott, was machen die da?“ Simone schlug Masoud vor Schreck auf den Oberschenkel. Auf der Gegenspur kam ihnen ein überholender Lastwagen entgegen. Masoud hupte warnend. War der Fahrer blind und taub oder tatsächlich high?

„Erschrick mich nicht so“, schimpfte Masoud, „setz dich am besten nach hinten. Es ist gefährlicher, wenn du so brüllst.“ Simone tat ihr Bestes, um weniger auf den Verkehr zu achten. Sie sah aus dem Seitenfenster oder las im mitgebrachten Reiseführer. Aber das half nicht. Jedes Bremsmanöver und jede Beschleunigung ihres Autos, ließen sie erneut aufschrecken.

„Ich fahre so wie alle hier, sonst geht es nicht. Mach dir keine Sorgen. Geh endlich zu den Kindern, damit sie keine Angst bekommen.“ Simone gab sich geschlagen und kletterte nach hinten.

„Muss man im Iran auch so vorsichtig sein?“ fragte sie. Sie hatten sich bis Bulgarien mit dem Fahren abgewechselt, aber kurz vor Istanbul hatte Masoud das Steuer endgültig übernommen.

„Ja, aber du gewöhnst dich schon daran. Wir üben in Teheran zusammen“, antwortete Masoud. Simone bezweifelte, dass sie mit dieser Fahrweise zurechtkommen würde. „Aber wie kommt Ashraf zum Beispiel zur Arbeit oder zum Einkaufen?“ fragte sie. „Hat Ashraf ein Auto?“

„Nein, Amme und sie nehmen sich immer ein Taxi“, antwortete Masoud.

„Ein Taxi“, staunte Simone, „jeden Tag? Ist das nicht furchtbar teuer?“

„Nein. Warte doch ab.“ sagte Masoud und sah sie im Rückspiegel an.

„Und die Frauen von deinen Cousins“, fragte Simone weiter, doch Masoud unterbrach sie.

„Das weiß ich nicht, du siehst es ja bald.“

Es hatte keinen Sinn jetzt darüber sprechen zu wollen. Simone seufzte und legte ihre Arme um Amir und Arezu. Die beiden malten in großen dicken Malbüchern und schimpften, wenn Masoud plötzlich beschleunigte, um zu überholen und ihnen dabei der Stift quer über das Blatt rutschte. „Sie haben keine Angst“, dachte sie. „und vertrauen sich einfach ihrem Vater an.“ Simone kam die Panikattacke auf der Brücke über den Bosporus wieder in den Sinn. Sie war müde. Die Reise war anstrengender, als sie sich vorgestellt hatte.“

Das Auto beschleunigte und riss Simone aus ihren Gedanken. Masoud überholte wieder. Simone starrte angestrengt aus dem Seitenfenster. Als der Überholvorgang beendet war, bemerkte sie Masouds Blick im Rückspiegel. Er grinste sie an:

„Alles gut bei euch? Machst du mir bitte einen Tee?“ Simone angelte ein Glas aus einer der Taschen, klemmte es sich zwischen die Beine, legte einen Teebeutel hinein und goss vorsichtig heißes Wasser aus der Thermoskanne hinein.

„Halt das Glas noch fest bis der Tee kälter ist. Woran denkst du?“ fragte er.

„Daran wie wir uns kennengelernt haben und an unsere kleine Studentenbude. In der war es fast so eng wie hier im Auto. Und an die langen Spaziergänge, auf denen wir so viel geredet haben. Bald spazieren wir durch Teheran.“

Wenn sie spazieren gingen, legte Masoud seinen Arm zärtlich um ihre Schulter. Sie schlenderten, eng aneinander gelehnt und erzählten sich gegenseitig Geschichten aus ihrer Kindheit.

Simone hörte ihm gerne zu. Sein Leben in dem großen Haus in Teheran, mit Kinderfrau und Cousine schien spannender zu sein, als ihre eigene Kindheit in einem deutschen Dorf. Masoud hatte ihr erzählt, dass Ashraf keine Cousine war, sondern ein Waisenkind, das Behruz aus einem Dorf mitgebracht und Amme übergeben hatte. Seine Frau Fatima wollte sich nicht um das Kind kümmern. Sie war streng religiös. Nach islamischer Sitte durften Jungen und Mädchen, die nicht blutsverwandt waren, nicht so einfach miteinander aufwachsen. Er hatte schon einen Sohn und Fatima befürchtete, dass ein fremdes Mädchen im Haus den Ruf der Familie schädigen könnte.

Masoud schlurfte den abgekühlten Tee.

„Wer hat deiner Cousine eigentlich diesen Namen gegeben?“ fragte Simone. „Die Adlige, das ist schon komisch für ein Waisenkind?“

„Behruz nehme ich an“, antwortete Masoud. „Wie kommst du darauf?“

„Nur so“, sagte Simone. „Ich denke halt über unser Leben im Iran nach. Du hast auch lange keine Musik mehr gemacht“, sagte sie. „Stell dir vor, bald sitzt du wieder im Hof deines Hauses und spielst Ney, so wie früher. Nur diesmal sind deine Frau und deine Kinder bei dir“, freute sich Simone. In Deutschland hatte er abends oft auf seiner Rohrflöte gespielt und Simone und die Kinder lauschten gern den stumpfen und geheimnisvollen Klängen dieses Instrumentes.

„Ich bin gespannt wie schnell wir Freunde finden“, überlegte sie weiter. Wir werden alle zum Essen einladen und tanzen.“

Simone hatte sich anfangs darüber gewundert, dass man immer tanzte, wenn iranische Freunde sich zum Essen trafen. Sie bewunderte, wie anmutig die Frauen und Männer sich zur Musik bewegten. Wie sie Hüften, Schultern, Arme und Hände kreisen ließen, erinnerte Simone an Bauchtanz. Sie war sofort von allen Seiten bestürmt worden mit zu tanzen. Zuerst schämte sie sich, aber die Freude und Leichtigkeit, mit der alle sich bewegten, war ansteckend.

„Man tanzt doch in deiner Familie?“ fragte sie Masoud.

„Meine Mutter hat gerne getanzt. Ich habe als kleiner Junge oft zugesehen.“ Simone schwieg einen kurzen Augenblick.

„Und Ashraf und Amme?“ Masoud schüttelte den Kopf.

„Frauen, die sich verschleiern, tanzen in der Regel nicht,“ ergänzte er leise.

Sie durchquerten gerade einen Gebirgszug und ein kühler Wind blies ins Auto, der Simone plötzlich frösteln ließ. Sie wollte etwas erwidern, als Masoud erneut zu einem Überholmanöver ansetzte.

„Ich will ein bisschen Musik hören. Reden lenkt mich zu sehr ab, Schatz. Lass uns heute Abend weitermachen, gut?“ sagte er, zog seine Ohrstöpsel aus der Brusttasche und schaltete den Kassettenrekorder ein.

Schon bei den ersten Tönender Musik sah Masoud Ashraf vor sich. Er saß auf der Veranda, spielte Ney3 und sie tanzte im Hof dazu im Hof. Sein kleiner Spatz. Ihr Rock schwang in weitem Bogen und berührte kaum den Boden. Die Arme schwebten neben ihrem schmalen Körper und ihre Handgelenke und Finger bewegten sich anmutig. Der Schein der Hoflampen tauchte alles in ein schimmerndes Licht. Ihre honigbraunen Augen glänzten. Sie schwitze und strich sich mit der Hand eine lockige Haarsträhne aus dem Gesicht.

Simone betrachtete Masoud im Rückspiegel. Er sah müde aus. Die Reisevorbereitungen der letzten Monate hatte ihm angestrengt. Vielleicht war das der Grund für seine Schweigsamkeit. Außerdem trug er die größte Verantwortung für ihre sichere Ankunft. Sie beugte sich vor und berührte zärtlich seinen Nacken und das lange Haar. Dann nahm sie einen der Ohrstöpsel aus seinem Ohr:

„Willst du eine Pause machen, Schatz?“

„Nein, ich will nach Dogubayazid. Das schaffen wir heute noch. Und dann können wir morgen über die Grenze.“ Er lächelte sie kurz an: „Genieß die Ruhe, solange die beiden schlafen. Bald haben wir es geschafft.“

Simone lehnte sich zurück und streckte ihre Beine aus.

Sie hatte auf der ganzen Fahrt durch die Türkei bei den Kindern gesessen. Die beiden langweilten sich und stritten oft miteinander. Sie erfand immer neue Spiele und versuchte ihnen die Zeit zu vertreiben. Masoud konnte sie kaum dabei unterstützten, denn der Verkehr erforderte seine ganze Aufmerksamkeit. Wenn sie abends endlich ein Motel gefunden hatten, war keine Zeit mehr zum Reden geblieben und sie schliefen sofort ein.

„Wir sind beide bald am Ende unserer Kräfte“, dachte sie. Masoud hatte vor der Abreise unermüdlich gearbeitet und war nur selten zu Hause gewesen. Zu allem Überfluss musste er kurz vor der Abreise noch einmal allein in den Iran fliegen. Simone war mit den Kindern in der schon teilweise ausgeräumten Wohnung zurückgeblieben. Arezu war krank geworden und Simone wollte ihre Eltern oder Freunde nicht um Hilfe bitten, denn sie konnte deren Warnungen nicht mehr hören.

„Das wirst du bereuen. Willst du denn nicht weiterstudieren? Du wirst im Haus festsitzen. Masoud bedienen und Haushalt führen? Du kannst doch allein gar nicht wieder ausreisen, der Mann muss da drüben alles genehmigen.“ Ihre beste Freundin hatte sich besonders genau nach den iranischen Gesetzen erkundigt.

„Und dann der Schleier, Simone, der Schleier. Mein Gott! Er muss hierbleiben, wenn er dich liebt, Fabrik hin oder her.“

Simone wollte nicht mehr an die vergangenen Monate denken. Sie freute sich auf ihr neues Leben. Ein großes Haus in einer Millionenstadt wartete auf sie. Sie würde sich eine Arbeit suchen oder Masoud bei seinen Geschäften in der Fabrik unterstützen. Schließlich sprach neben Englisch und Französisch schon sehr gut Farsi. „Man muss auch mal etwas riskieren“, dachte sie.

„Da vorne ist Dogubayazid“, sagte Masoud nach einer Weile. „Wir schlafen da, kaufen Vorräte, räumen das Auto nochmal auf und fahren morgen ganz früh los. Wenn alles gut geht, kommen wir übermorgen in Teheran an.“

Die Stadt breitete sich auf einer Hochebene zu Füßen des Ararat vor ihnen aus. Masoud bog von der Straße ab und fuhr in Richtung Zentrum.

„Wir sind alle müde und mir tun die Beine weh“, sagte Simone. „Lass uns schnell ein gutes Hotel suchen, wo wir ausruhen können. Ich will heute Abend nicht wieder wie tot ins Bett fallen. Du fehlst mir.“ flüsterte sie ihm ins Ohr.

In der Stadt gab es viele Touristen, die den Berg Ararat besteigen wollten. Amir kannte die Geschichte der Arche Noah aus dem Kindergarten.

„Wo hat denn die Arche genau gestanden? Ich sehe keine Spitze auf dem Berg. War hier alles unter Wasser? Das war lange vor es Dinos gab, oder Papa? Sonst wären alle ertrunken, die hätten nämlich nicht in die Arche gepasst.“

„Warum nicht?“ fragte Arezu. „Was ist eine Arche?“ Simone grinste, denn Amir begann sofort, seiner kleine Schwester alles über Archen zu erzählen. Amir durchlebte gerade seine „Dinosaurierphase“, wie Simone es nannte. Alle großen Maschinen oder Lebewesen faszinierten ihn.

Sie fanden tatsächlich schnell ein annehmbares Hotel, luden ihr Gepäck aus und Simone sortierte die Kleidung für die kommenden beiden Tage, während Masoud mit den Kindern spielte. Sie hatte sich schon in Deutschland die Kleidungsstücke zurechtgelegt, die sie bei der Einreise in den Iran tragen wollte und beschloss, sie später noch einmal von Masoud begutachten zu lassen.

Simone hatte gehofft, dass die beiden schnell schlafen würden. Sie sehnte sich so nach Masouds Nähe. Aber die Kinder wollten nach dem Abendessen nicht gleich ins Bett und bejubelten Masouds Vorschlag, noch etwas durch die Stadt zu spazieren. Auf der Straße ließ Amir seinen kleinen Arm in großem Bogen um sich kreisen.

„Hier war alles unter Wasser. Nur der Berg hat rausgeschaut, nicht wahr? Wo ist er denn?“ Er reckte seinen Hals. Masoud hob Amir hoch und setzte ihn kurzerhand auf die Schultern, aber Amir sah den Berg immer noch nicht.

„Vielleicht finden wir in einem Geschäft ein schönes Bild vom Ararat, das kannst du dann in deinem neuen Zimmer aufhängen“, tröstete er ihn. Arezu machte ein paar ungelenke Schwimmbewegungen.

„Unter Wasser, unter Wasser“, sang sie leise vor sich hin. Masoud nahm Arezu an seine Hand und ging lachend mit den beiden voraus. Er erzählte ihnen eines der erfundenen Abenteuer, die er auf seiner ersten Fahrt mit dem Auto in den Iran angeblich erlebt hatte. Damals begleitete er einen Studienkollegen, der auch ein Auto auf dem Landweg überführte.

„Morgen wirst du den Berg sehen. Wir fahren eine Zeit lang daran vorbei. Ich musste damals auch sehr genau hinschauen. Aber es liegt bestimmt noch Schnee darauf, daran erkennst du ihn, Azizam4.“

Simone liebte dieses Wort. Es rollte weich und summend über die Lippen. Azizam, war auch sein Kosename für sie. Sie fühlte sich geborgen, wenn er sie so nannte. Simone strich Masoud mit der Hand über seine Schulter und hob Arezu hoch.

„Kommt, lasst uns zurück gehen. Arezu ist müde und morgen wird wieder ein langer Tag“, sagte sie und zwinkerte Masoud dabei verstohlen zu. Sie wollte endlich wieder mit ihm schlafen.

„Nein, ich bin nicht müde.“ Arezu zappelte auf ihrem Arm und Amir, der immer noch auf den Schultern seines Vaters thronte, schüttelte den Kopf.

„Sie haben zu lange still gesessen. Lass sie noch laufen.“ Masoud nahm ihr die tobende Arezu ab, die sofort wieder lachte.

„Geh doch schon mal ins Hotel und gönn dir ein bisschen Ruhe. Ich esse noch ein Eis mit den beiden“, sagte er lächelnd.

Als Masoud später mit den Kindern zurückkam, tobte er mit ihnen noch auf dem großen Doppelbett herum.

„Masoud, es reicht jetzt. Lass sie schlafen!“ Simone ging zur Bettcouch, auf der eigentlich die Kinder liegen sollten und drehte sich an die Wand. Sie war todmüde und schlief sofort ein.

„Azizam“, surrte Masoud in ihr Ohr und kuschelte sich von hinten an sie ran. Simone spürte seinen warmen Körper. Es war ganz still im Zimmer. Sie drehte sich zu ihm um und streichelte sein Gesicht. Seine Hände umfassten ihren Kopf und er küsste sie zärtlich. Sie liebten sich leise, um die Kinder nicht zu wecken. Seine Nähe ließ ihre Lebensgeister wieder erwachen und sie dachte an den letzten Abschnitt dieser langen Reise.

„Wir überqueren morgen die Grenze. Bis du aufgeregt?“ fragte sie leise. Sie schmiegte sich eng an ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Masoud schwieg.

„Machst du dir Sorgen wegen dem Zoll?“ Ihre Müdigkeit war wie weggeflogen.

„Nein, das klappt schon“, murmelte Masoud verschlafen. „Ich habe einen guten Bekannten informiert, dass wir morgen kommen. Er hat alles vorbereitet.“ Masoud war schon fast eingeschlafen. Simone setzte sich auf.

„Und was soll ich anziehen, wenn wir über die Grenze fahren? Du musst noch schauen, ob es okay ist.“

„Morgen früh, schlaf jetzt“, antwortete Masoud. Sie trug seid Istanbul keine kurzen Hosen mehr. Im Iran würde sie sich noch mehr bedecken müssen, weil es ein islamisches Bekleidungsgesetz gab. Beine, Arme, Hals und Haare mussten vollständig bedeckt sein. Zu Hause hatte sie alle Varianten, um in solchen Kleidern gut auszusehen, durchprobiert. Leider war Masoud dabei nur wenig hilfreich, aber sie hatte sich geschämt, ihre Freundinnen um Hilfe zu bitten.

„Ich möchte aber gut aussehen, wenn….“

„Du siehst gut aus.“ Er tätschelte ihr im Halbdunkel den Oberarm und drückte sie fest an sich.

„Morgen sehen wir noch niemanden aus der Familie. Lass uns schlafen. Die Kinder sind sicher wieder früh wach.“

Simone fand keine Ruhe. Sie stellte sich das Haus und den Stadtteil vor, in dem es stand und sie dachte immer öfter an ihre erste Begegnung mit Amme und Ashraf.

Simone überlegte, wie es sein würde in ein Haus zu kommen, in dem bereits zwei andere Familienmitglieder lebten. Masoud war mit den beiden Frauen aufgewachsen.

„Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, am Anfang nicht allein zu sein“, dachte sie. „Amme kann mir mit den Kindern helfen. Sie ist so alt wie meine Mutter und wäre beinahe wie eine Oma für beiden.“

Simone konnte sich nicht vorstellen, welche Zukunftspläne Ashraf hatte. Masoud hatte erzählt, dass seine Cousine Krankenschwester war und in einer staatlichen Gesundheitsstation für junge Mütter arbeitete. Ashraf war ein paar Jahre älter als Masoud und nicht verheiratet. Simone wusste, dass die Frauen im Iran eigentlich recht früh heirateten.

„Sie ist bestimmt eine moderne Frau“, sagte Simone sich und war gespannt darauf, Ashraf kennenzulernen.

3 persische Rohrflöte

4 Farsi für: mein Schatz, mein Liebling

3.

Ashraf begann den Tag seit ihrem neunten Lebensjahr mit dem vorgeschriebenen Gebet zum Sonnenaufgang. Ab diesem Alter galten die religiösen Vorschriften für Mädchen und Amme hatte darauf bestanden, dass Ashraf sie genau befolgte.

„Die Gebete am frühen Morgen erfreuen Allah ganz besonders“, erklärte sie ihrer kleinen Ziehtochter, wenn sie nicht aufstehen wollte. „Allah freut sich über die eifrigen Gläubigen, die sich die Mühe machen, seine Gebote zu befolgen und pünktlich zu beten. Dann weiß er, dass er geliebt und verehrt wird.“