Verbrannte Schiffe - Jürgen Walter - E-Book

Verbrannte Schiffe E-Book

Jürgen Walter

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Beschreibung

Ein Fußballteam gewinnt bei einem Event-Wettbewerb in Deutschland eine Gastspielreise durch Mexiko. Betreut von einem Reiseleiter mit Landeserfahrung und zwei spanischen Assistenten, folgt die heterogen zusammengesetzte Gruppe unwissentlich genau der Route, die einst die Konquistadoren unter Cortés auf ihrer Flucht aus Tenochtitlán einschlugen. Der Zusammenhalt der deutschen Gruppe beginnt bald zu bröckeln, nachdem die Organisation nicht reibungslos funktioniert, Freundschaftsspiele in aggressiven Debakeln enden und die gängigen Reiseerwartungen nicht erfüllt werden. Die beiden spanischen Roadmanager scheinen in einen Konflikt mit mysteriösen Gegnern verwickelt zu sein, dessen Wurzeln offenbar in eine weit entfernte Zeit zurückreichen. Zudem beginnt der desillusionierte Reiseleiter Zukunftspläne zu entwickeln, die nicht unbedingt von Loyalität seinen "Schutzbefohlenen" gegenüber zeugen. Die Gruppe, die in der Mehrheit dem Land, seiner Kultur und den sozialen Spannungen, mit denen sie konfrontiert wird, desinteressiert bis ablehnend gegenübersteht, begegnet auf ihrer verlustreichen Tournee einigen pittoresken bis dubiosen Figuren, vom alkoholsüchtigen britischen Konsul über Schläger in den berüchtigten Cantinas, demonstrierende Zapatisten und streikende Automobilarbeiter bis hin zum abgehalfterten nordamerikanischen Rock-Musiker und einem Magnaten, der den Mexikanern verkaufen will, was sie selbst erfunden haben. Zum Finale mit höchst unterschiedlichen Konsequenten für die einzelnen Protagonisten kommt es am Endziel der Reise, in der karibischen HafenstadtVeracruz... Mexiko mit seinen politischen Verwerfungen nach einer gescheiterten Revolution, der allgegenwärtigen Korruption und der kulturellen Fremdbestimmung durch die Macht jenseits des Rio Grande bildet nicht allein die exotische Kulisse, sondern steht im Fokus des Geschehens, beherrscht das Denken und Planen der Hauptpersonen und zieht einige von ihnen in einen verhängnisvollen Bann.

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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Inhalt

Prolog: Omen

Erster Teil: Megalopolis

Zweiter Teil: Verräterstädte

Dritter Teil: Die Umkehr der Reconquista

Vierter Teil: Verbrannte Schiffe

Epilog: Ausklingende Dissonanzen

Imprint

Verbrannte Schiffe, Roman

Jürgen Walter

published by epubli GmbH

Berlin,www.epubli.de

Copyright ©  2012 Jürgen Walter

And though you came with sword held high

You did not conquer, only die

Omen

Nicht dass er sonderlich schicksalsgläubig gewesen wäre, doch zwei Begebenheiten ziemlich zu Beginn der Tour schienen bereits den wahnsinnigen und für einige Teilnehmer tragischen Verlauf anzudeuten, wobei er sich darüber im Klaren war, dass man solchen Erlebnissen nur dann im Nachhinein tiefere Bedeutung zumisst, wenn etwas schiefgelaufen ist.

Da war einmal das vielleicht dreijährige Kind, das Emil, der Torwart, am Abflughafen mit dem Gepäckwagen böse angefahren hatte. Die Familie hatte den Unfall nicht gesehen, und das kleine Mädchen, vor Schmerz und Schreck verstummt, zeigte nur auf das nackte blutende Bein, nicht einmal anklagend, nur verständnislos und zutiefst unglücklich. Emil sprach sich von jeder Schuld frei, indem er auf die Unachtsamkeit von Bälgern und deren Eltern schimpfte, und die zwei oder drei von der Gruppe, die den Vorfall mitbekommen hatten, nicht gerade die Feinfühligsten, ließen ähnliche Kommentare hören und zogen weiter, ohne sich um das Kind, das jetzt endlich schreien konnte, weiter zu kümmern, mit jener Rücksichtslosigkeit, die sich manchmal rächt. Er jedoch glaubte, von diesem Zeitpunkt an geahnt zu haben, dass sein Auftrag noch übler enden werde, als er von Anfang an befürchtet hatte. Wie es denn auch geschah – wenn auch nicht für alle gleichermaßen.

Und dann war da die Begegnung mit dem betrunkenen Engländer am ersten Abend in Mexiko. Zwar waren die anderen daran nicht beteiligt, aber auch der tragische Ausgang dieses seltsamen Zusammentreffens schien einen Schatten auf die weitere Reise zu werfen. Alles hing eben mit allem zusammen. Er hatte die Bar im Souterrain des Hotels Isabel la Cátolica aufgesucht, um noch ein Bier zu trinken, als er in ein Gespräch gezogen oder eher zum Zuhören eines Monologs gezwungen wurde, der ihm zunächst lästig fiel, weil er sich belanglos und unzusammenhängend anließ, der ihn aber plötzlich zu beunruhigen begann, ihn an etwas im Augenblick gedanklich nicht Fassbares erinnerte, etwas schon einmal Erlebtes oder zumindest Gehörtes, der ein Déjà-vu-Gefühl weckte, das einen Menschen befällt, der das Gedächtnis verloren hat.

Zunächst war ihm der große Mann in dem zerknitterten hellen Anzug am Tresen gar nicht aufgefallen. Erst als sich das schlecht rasierte Gesicht, intelligent und verbraucht zugleich wirkend wie eine Collage aus Clochardvisage und Antlitz eines Charakterdarstellers, näher schob, und er hörte, dass der Mann mit schweißüberströmter Stirn und offenstehendem schmuddeligem Hemdkragen kultiviertes Englisch, womöglich in gediegener Oxford-Tradition, sprach, begriff er, dass er selbst der Adressat des Sermons war. In einer Cantina nimmt niemand Notiz von skurrilen Gestalten und achtet zumindest nach dem Erreichen eines bestimmten Pegels nicht mehr auf Gespräche, Ansprachen oder Brandreden in der unmittelbaren Nachbarschaft. So fiel keinem der umstehenden Mexikaner, in der Mehrzahl Hotelgäste, Geschäftsleute und undurchsichtige Typen mit Brillantine-Frisur in bedruckten T-Shirts, auf, dass der englische Gringo dem anderen Gringo wirre Sätze, bisweilen von Speichelfontänen begleitet, ins Gesicht warf.

- Ich sehe, Sie haben die compañeros  im Auge. Das ist gut so.

Ehe er diese kryptische Behauptung hinterfragen konnte, begann der Engländer seinen Warnungen und seiner kruden Schilderung fortzufahren, mit sympathischer Stimme, aber monoton, ohne Punkt und Komma, als halte er einen Lehrvortrag, den er schon etliche Male unverändert vor unterschiedlichem Publikum zum Besten gegeben hatte.

- So eine Spelunke explodiert leicht. Von einem Augenblick zum anderen.  Und dann haben Sie die mexikanischen Faschisten ante portas, keine großen Ideologen, aber enorm blutrünstig in ihrer Schäbigkeit. Ich habe es am eigenen Leib erfahren müssen, immerhin in der – an diesem Abend allerdings ruhenden – Eigenschaft als Konsul Großbritanniens. Sie müssen von dem Vorfall gehört haben!

Seltsamerweise kam ihm tatsächlich irgendetwas an der sich atemlos weiterspinnenden Story bekannt vor, besonders als der Engländer erzählte, er sei unter falschen Anschuldigungen in Cuernavaca in eine Schlucht geworfen worden und habe am selben Tag die einzige Frau, die er jemals geliebt hatte – nein, das nicht ganz, vielmehr: die ihn jemals geliebt hatte, verloren. Es war weniger der Titel, den sein Thekennachbar beanspruchte, der ihn ungläubig aufhorchen ließ (es gab eine Menge windiger Eminenzen unter den Vertretern europäischer Nationen in tropischen Metropolen), vielmehr glaubte er, vor langer Zeit von einem solchen Fall gehört oder darüber gelesen zu haben. In der Tat ist es eine Impertinenz, fuhr der Mann fort, nachdem er sein Glas Mezcal geleert und ein weiteres geordert hatte, dass behauptet wurde, man habe mir einen toten Hund hinterher geworfen. Ich kenne den versoffenen Schreiberling, der das erfunden hat, der mir so das Leben und die Würde nehmen wollte. Was er über die Gefährlichkeit der Cantinas hierzulande berichtet hat, war allerdings wahr. Passen Sie also auf sich auf!

  Er überlegte angestrengt, an welche Geschichte ihn die absurde Erzählung des Betrunkenen erinnerte, ein Buch musste es gewesen sein, wahrscheinlich ein Roman. Ihm fiel Greene ein; da hatte es etwas mit einem Honorarkonsul gegeben. Aber das war in Argentinien gewesen, oder in Paraguay. Vielleicht hatte der Alkoholiker neben ihm das Buch auch gelesen und das Geschehen einfach nach Mexiko verlagert, um eine wirre Geschichte gegen die Einladung zu einem Drink einzutauschen. Denn soeben fragte der Engländer ihn, ob er den nächsten Mezcal übernehmen könne, selbst habe er im Moment zu wenig Bargeld bei sich. Doch während er dem Camarero signalisierte, er solle noch einen Schnaps für seinen Gesprächspartner und für ihn selbst eine weiteres Bier auf den Tresen stellen, überkam ihn das Gefühl, es gebe noch ein anderes Werk, ein Drama oder Epos, das der Sache näher käme, ein chaotisches und düsteres Stück, von dem er vielleicht nur aus zweiter Hand gehört hatte.

Schon früher waren ihm Europäer und vor allem US-Amerikaner in diesem Land begegnet, die jede Bindung zu ihrem früheren Leben verloren zu haben schienen, die mittellos durch ein Dasein taumelten, dessen Horizont nur bis zur Unterkunft in der kommenden Nacht und zum nächsten geschnorrten Suff reichte. Sie waren oft intelligent, hatten Phantasie; sie wussten zu erzählen. Doch er hatte erfahren müssen, dass es nur Ärger brachte, sich mit ihnen einzulassen, sei es aus Interesse oder aus Mitgefühl. Mexiko war ein Wallfahrtsort für solche Menschen, zumeist Männer, die von Erfolgreicheren oder Durchschnittlichen als Wracks bezeichnet wurden. Unter denen, die er auf seinen Reisen getroffen hatte, war der Engländer von seinem snobistischem Anspruch und der behaupteten Vergangenheit her allerdings eine Ausnahmeerscheinung. Der Mann trank ausnahmslos Schnaps, und auch noch den für jede Konstitution verheerendsten, während die Mexikaner um sie herum, Tequila oder Brandy mit Cola mischten, um bequem betrunken zu werden, ohne sich die Schärfe des hochprozentigen Fusels antun zu müssen.  Normalerweise nahm er jede Gelegenheit wahr und jede Lüge zur Ausflucht, alkoholisierte Gesprächspartner mit jenem charakteristischen Flair aus Einsamkeit und Niedergang loszuwerden, doch diesmal ließen ihn die kultivierte Sprache des anderen und das seltsame Gefühl, zu ahnen, wovon der redete, den Sachverhalt unwillentlich in die Verliese des Gedächtnisses verbannt zu haben, abwarten. Er musste sich auch keine Gedanken machen, wie er der Suada entkommen konnte, denn kurz darauf verlor sein Gegenüber das Interesse an ihm und wandte sich mit vom Mezcal befeuerter Energie einer neuen Situation zu, an deren Entstehen ebenfalls Agavenschnaps, wenn auch in der edleren Tequila-Variante,  entscheidenden Anteil hatte.

Zwei beleibte Herren mit mächtigen Schnauzbärten in zu engen Anzügen waren aneinander geraten. Zuvor hatten sie nach der üblichen Art mexikanischer Bankiers, Handelsagenten oder Abteilungsleiter miteinander getrunken, sich Fotos gezeigt, schmutzige Witze gerissen und traurige Liebeslieder gesungen. Doch die Wirkstoffe der blauen Agave sind tückisch und verwandeln Sentimentalität rasch in Zorn und Brutalität. Nun versuchte einer dem anderen ins Gesicht zu schlagen, was nicht leicht zu bewerkstelligen war, da beide weder sehr fest auf ihren Beinen standen noch besonders präzise mit ihren Fäusten zielen konnten. In diesem Augenblick stand der Engländer, dem der Mann hinter dem Tresen, ein langer schweigsamer Norteño, anscheinend der einzig Nüchterne in der ganzen Bar, gerade wieder das Glas vollgeschenkt hatte, leicht schwankend von seinem Hocker auf. Es geht los, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger auf die Kontrahenten. Rurales, Faschisten, rief er, assesinos, cobardes, sie warten nur darauf, von hinten zuzustechen. Trotz des Tumults waren die englisch-spanischen Beleidigungen dank seiner Stentorstimme gut vernehmbar. Mittlerweile hatten sich Freunde der beiden Kämpfenden oder auch Außenstehende, denen mit dem Sprit die Kampfeslust in die Adern gefahren war, eingemischt, und nun floss auch Blut, denn ein Schwinger hatte eine Nase getroffen. Eben in diesem Augenblick hörten die Mexikaner den Gringo. Die meisten drehten sich um. Die Aufmerksamkeit verlagerte sich vom eigentlichen Geschehen weg zum Ursprung der Provokation. Sie waren als feige Mörder geschmäht worden, von einem Fremden, einem Nordamerikaner in ihren Augen. Mira este yanqui, hörte er heisere Stimmen, este hijo de puta. Rasende Wut und kollektive Aversion sprachen aus ihren Gesichtern, äußerten sich in den Drohgebärden, als sie näher rückten, um dem „Hurensohn“ die Beleidigungen zurückzuzahlen.

Er hatte im Laufe der Jahre gelernt, sich aus Konflikten herauszuhalten, zumindest in Kneipen und in dieser Weltgegend. Von dem Norteñ0 hinter dem Tresen frühzeitig gewarnt, hatte er seinen Barhocker zur Seite geschoben, und jetzt beobachtete er quasi  vom unbeleuchteten Bühnenhintergrund aus, wie sie den englischen Konsul, der über große Körperkräfte und einen erstaunlichen Widerstandswillen verfügte, niedermachten. Sein Blut färbte ungefähr den Umriss der mexikanischen Landkarte in die Sägespäne, die den Boden vor der Theke bedeckten.

Diese beiden seltsamen, in keiner Weise zusammenhängenden Erlebnisse am Anfang der Reise erschienen ihm später, im selbstgewählten Exil, wie Zeichen einer grauen Vorbedeutung, die damals nur niemand zu erkennen vermochte: So wie die Gruppe, die er eigentlich durch alle gefährlichen Untiefen hätte führen sollen, mit einem Schiffbruch für die Rohheit  dem verletzten Kind gegenüber büßen sollte, so war er selbst nach der lauen Indifferenz, die er an den Tag gelegt hatte, als dem Konsul der Schädel eingeschlagen wurde, dazu verurteilt worden, zu wandern, ohne Aussicht auf Rückkehr und mit Zielen vor Auge, denen er sich nicht einmal merklich annähern, die er geschweige denn jemals erreichen konnte. Und der Satz, den er sich später während der vergeblichen Schuftereien, der schon im Ansatz scheiternden Liebesbemühungen, in den Slums, in alten Bussen und heruntergekommenen Hotelzimmern, immer wieder, beinahe zwanghaft, ins Gedächtnis rief, lautete: Alles hängt mit allem zusammen.

I. Megalopolis

Wohin ist der See verschwunden, in deren Mitte die Stadt einst lag? Wenn der Wind die getrockneten und pulverisierten Fäkalien, die sie doch durch so endlos lange Rohre aus dem Moloch in weit entfernte Landschaften blasen, mit Staub und Salzen vermischt wieder zurückbringt und damit die Rachen ätzt und die Nasen bluten lässt, wenn hunderttausend Fabrikessen in die trübe Luft rauchen und fünf Millionen Volkswagen durch Straßenschluchten kriechen, wenn der Lärm von Motoren und Abspielgeräten jedes Wort erstickt, die Menschen vor voll besetzten Parkbänken Schlange stehen, weil sich nirgends im Gewühl ein Platz findet, wenn man Zeuge wird, wie sich der Ring der elenden barrios immer enger um die alte Stadt, die eigentlich auf den Ruinen einer noch älteren errichtet wurde, zieht, dann weiß man, Ciudad de México könnte eine zeitgemäße, also eine moderne, hässliche Heimat sein, ein Ort von dieser Welt. Und man sieht den bettelnden Indio-Frauen auf dem Zócalo zu, wie sie ihre verlausten Kinder inmitten der Massen füttern und in den Schlaf wiegen; das dürfen sie nämlich, das hat man ihnen erlaubt, den Urahnen der Herren dieses Landes, sogar im Schatten der Kathedrale und im Angesicht der Globalisierung, denn so lässt sich anhand dieser lebenden Relikte belegen, dass es früher hier auch schon etwas gegeben hatte, was nicht unbedingt humaner, aber zumindest ursprünglicher, dem Land eigentümlicher gewesen war. Nur vom Wasser der Lagune findet man keinen Tropfen mehr.

1

Oft noch, wenn er sich auf durchgelegenen Matratzen über dem gestampften Boden wälzte, in Bretterverschlägen, deren Fensterlöcher durch zerrissene Moskitonetze kaum abgedichtet waren, und auf das an- und abschwellende Sirren eines Blutsaugers, das gerade durch die fehlende Konstanz und den unvorhersehbaren Rhythmus so penetrant  an die Nerven ging, lauschte, dachte er an den Tag, an dem die ihm unaufhaltsam erscheinende Lawine von Ereignissen, die ihn letztlich hierher nach Cali geschleift  hatte, losgetreten worden war, und er sah sich in einem anderen Leben die große Straße im Zentrum einer Stadt, die er nicht als Heimat empfand, in der er aber doch geboren worden war und mehr Jahre verbracht hatte als sonstwo, entlang gehen, zwar mit der weißen Weste dessen, der sich noch nicht hatte schuldig machen können, aber auch damals schon ohne Hoffnung und Perspektive. Er ging an Banken vorbei, an Modegeschäften und dann wieder an Fastfood-Restaurants. Diese City, deren Entstehung im Geist der damaligen Zeit, in Form einer zweckmäßigen, kommerziellen Moderne, die bereits auf der Bauskizze schon verbraucht wirkte, er miterlebt hatte, war unbeschreiblich verwechselbar.

Sein Ziel war ein Bürogebäude in ziemlich guter Lage, und dort die fünfte Etage. Die Tür mit dem kühlen Logo und der Aufschrift GERMAN MEGA öffnete sich mit dezentem Surren, und er durchquerte auf weichem Teppichboden ein Vorzimmer, das die Ausmaße seiner Wohnung haben mochte.  Er nannte seinen Namen, und eine Dame von glatter Schönheit mit dezent modischem Outfit wies ihm den Weg zu einem Raum, dessen einziges Mobiliar aus ein paar Regalen, einem riesigen elfenbeinfarbenen Schreibtisch und zwei futuristisch anmutenden Sesseln bestand. An den Wänden hingen Werbeplakate für Veranstaltungen, die offenbar von der Agentur durchgeführt worden waren. Hinter der Schreibtischplatte, auf der sich ein mit „Event Manager“ beschrifteter Reiter befand und sonst nichts, erhob sich ein schlanker Mann mit kurzem, silbergrauem Haar, in schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt gekleidet, aus seinem Sessel. Auf dem Shirt stand „I am MEGA“.  Miller mein Name, Yves Miller, sagte der Mann und streckte die rechte Hand aus. Miller sprach leise, baute seine Sätze sorgfältig. Er dehnte die Vokale und Endsilben. Wie ein Arzt, der von verzweifelten Patienten Vertrauen und Anerkennung seiner Kompetenz einfordert, dachte er.

Sie haben unser Inserat vermutlich genau gelesen. Sie wissen also, was wir fordern. Miller listete in verbindlichem Ton die offenstehenden Posten auf, die der Schuldner, den er zu beauftragen gedachte, begleichen musste. Spanisch wie ein Muttersprachler? Erfahrungen mit Reisen in Lateinamerika, vorzugsweise in Mexiko? Führerschein und die Bereitschaft, im Notfall einen Kleinbus durch chaotischen Verkehr und über abenteuerliche Pisten zu steuern – was allerdings im Normalfall der bereits engagierte Chauffeur tun werde? Talent, ad hoc ein Freizeitprogramm für die Truppe zu entwerfen und so weiter. Und das Wichtigste ist, dass Sie gute Nerven haben, sagte Miller zuletzt. Er musste von seinen Erfahrungen in Mexiko berichten, erklären, warum er für zwei Wochen aus der Stadt verschwinden könne, einfach so; warum er denn derzeit arbeitslos sei. Schließlich erklärte ihm Miller, dass er den Job haben könne, da seine „Qualifikationen“ passten, da sich nur wenige Bewerber, die „mobil“ wie er seien, gemeldet hätten, dass sie sich nun über die Rahmenbedingungen würden unterhalten müssen. Die Summe, die er nannte, war für den Job als Reiseleiter recht üppig, die nötigen Versicherungen werde die Agentur sogleich für ihn abschließen. Aber Sie müssen den Hintergrund der Tour kennen, sagte Miller, und etwas über die Personen wissen, mit denen Sie quer durch Mexiko fahren. Und nun erklärte der Event-Manager, wie seiner Agentur, eigentlich ihm selber, die Idee gekommen sei, die Verbindung von Sport und Public Relations auf eine „neue Ebene zu hieven“; nicht mehr die klassische Werbung an der Stadionbande, die TV-Spots in der Halbzeitpause eines Länderspiels, die sündhaft teure Verpflichtung eines unbegabten Superstars für einen Reklame-Sketch, nein, die Basis war einzubeziehen, die Leute sollten mitmischen, „endlos Fun haben“, und so seien als Sponsoren Konzerne gewonnen worden, deren Produkte sonst nicht unbedingt in Verbindung mit sportivem Geist gebracht würden. Das Ganze habe man optisch mit einem Schuss Erotik und einem „Feuerwerk von Gags“ aufpeppen müssen. Die Erfahrungen von GERMAN MEGA mit der Organisation von Belegschaftsfeten für Unternehmen seien da sehr hilfreich gewesen. Man habe sich noch tolle Hauptpreise „mit einer Prise Adventure“ ausgedacht, dann sei man mit diesem Event-Konzept auf die Suche nach einem finanzkräftigen Sponsor gegangen und fündig geworden. Eine Großbrauerei habe sofort tief in die Taschen gegriffen, und auch der Einzelhandel am Endspielort und die Touristikbranche seien Schlange gestanden, denn Boulevard-Blätter, lokale Radiosender und das Privatfernsehen als „Multiplikatoren optimalen Product-Placements“ hätten sich angekündigt für die ausführliche Berichterstattung über: die Deutsche Bier- und Fußballmeisterschaft für Kneipen-Teams. Mit dem ersten Preis: eine Fußball-Tournee durch Mexiko für die Siegermannschaft. Und Sie können sich vorstellen, dass auf unser Stellenangebot nicht allzu viele Meldungen eingingen, kam Miller ohne Überleitung auf seine Bewerbung und Vorstellung zu sprechen. Nun, wenige hatten Ihre Qualifikationen und Erfahrungen, und von diesen hatte keiner die nötige Zeit. Miller spielte beiläufig auf seinen derzeitigen Status als Arbeitsloser an und gab ihm zu verstehen, dass er ein vergleichsweise üppiges Honorar als Pausenclown einstecken würde. 

Als alles vorbei war, in Cali, verglich er die Situation in Millers Büro mit einer anderen, Wochen später in Veracruz, als er vor einem anderen teuren Schreibtisch saß, hinter dem ein anderer, mächtigerer und noch bedenkenloserer Ausbeuter seichter Wünsche thronte, und erinnerte sich an den Hass der Ohnmächtigen, der nur sekundenlang durch die Erkenntnis, dass man so nie sein wolle, gemindert wurde, ehe die zweite, bittere Erkenntnis, dass man nicht die geringste Möglichkeit habe, jemals so zu sein, ihn wieder völlig als Befehlsempfänger reaktivierte. Es war der Hass, den er in diesen Augenblicken gespürt hatte, als ihm die Banalität der cleveren Puppenspieler, an deren Fäden er selbst hilflos hing, und die profitable Enteignung naiver Träume der anderen, die etwas erleben wollten, denen die Wahrnehmung aber schon längst genommen war,  bewusst wurden.

Aber auch jetzt, da noch alles zu verhindern gewesen wäre, stand er nicht auf, ging er nicht wortlos hinaus. Während Miller den eigenen geistigen Anteil an „diesem europaweit einzigartigen Event“ erneut betonte und die Meisterung organisatorischer Schwierigkeiten bei der Umsetzung der „gewagten Idee“ beschrieb, überschlug er das Für und Wider und kam zu dem Schluss, dass er die einmalige Chance, noch einmal in das Land zurückzukehren, das in besseren Zeiten der Ausgangspunkt für die langen, durch eine nie mehr gespürte Intensität der Sinneseindrücke und des hautnahen Erlebens gekennzeichneten Reisen gewesen war - als seine Haut, sein Herz und sein Denken noch eine Einheit gebildet hatten. Das Geld konnte er auch brauchen, aber es würde ihm nicht lange weiterhelfen. Der Job der letzten Jahre als Korrekturleser des großen örtlichen Blattes mit regionalen Mantelzeitungen war vor einigen Monaten wegrationalisiert worden, da die Verleger zu dem Schluss gekommen waren, dass sich die Seiten mit dickeren Schlagzeilen, größeren Farbfotos und von weniger Schreibern, die quasi die Texte ohne Umweg über eine Qualitätskontrolle direkt in die Druckmaschine eingaben, leichter und billiger füllen ließen und die Leser weder inhaltliche Defizite, noch Fehler in der Rechtschreibung, der Grammatik oder Syntax bemerken würden. Mit seinem Arbeitslosengeld kam er einigermaßen hin – er hatte keine teuren Bedürfnisse, zumindest keine, die er sich leistete; in wenigen weiteren Monaten aber drohte ihm die Grundsicherung. So konnte er diese Umstellung durch drei Wochen Mexiko zwar verschieben, da er sich für diese Zeit bei seinem Vermittler abmeldete, aber irgendwann war es so weit, und dann nutzte ihm auch das Honorar nichts mehr, wenn bis dahin noch etwas davon übrig wäre. Dass er einen Job in seinem Metier oder auf den wenigen angrenzenden Gebieten, von denen er etwas zu verstehen glaubte, finden würde, hielt er angesichts der „allgemeinen Entwicklung“ und seines fortgeschrittenen Alters für ausgeschlossen -  und wurde in dieser Ansicht von seinem Arbeitsvermittler, den er von Zeit zu Zeit aufzusuchen hatte,  nur bestärkt.

Nein, nicht das Geld für gut drei Wochen war das Entscheidende; die Aussicht, nach mehr als zehn Jahren Mexiko noch einmal wiederzusehen, hatte ihn bewogen, das Angebot dieser die Untiefen des Zeitgeistes befahrenden Agentur anzunehmen, auch wenn er möglicherweise mit einer Crew von Debilen unterwegs sein müsste. Schon bevor er die Büroetage betreten hatte und selbst noch während Miller nun im gelangweilten, sicheren Stil eines Referenten, der vor wegdämmernden Zuhörern, die bereits längst geködert waren, noch aus Pflichtgefühl sein Programm abspulte und von den „innovativen Ressourcen“ und der „kreativen Manpower“ schwadronierte, war er entschlossen gewesen, nach Mexiko zu gehen. Aus eigenen Mitteln konnte er sich eine solche Reise nicht mehr leisten. Vielleicht wäre er nach Mittelamerika gegangen, wenn er hätte wählen können, an die Karibikküste von Honduras, in einen nicaraguensischen Hafen am Pazifik oder an einen Hochlandsee in Guatemala. Mexiko, das Niemandsland zwischen dem mächtigen Nachbarn im Norden und dem brodelnden Zentralamerika, „so fern von Gott und so nah an den USA“, war ihm ein Kontinent der blendenden Kontraste gewesen, dessen Licht zu grell für die Augen schien und dessen Schatten sich zu düster und bedrohlich für eine gesegnete Abendruhe niedersenkte. Es fehlten die Nuancen, die Abstufungen, die farbige und faulige Idylle der kleinen Staaten im Süden, deren Menschen in unendlich vielen Mischungen und Schattierungen durcheinander wirbelten, den Tod nicht sonderlich ernst nahmen, die Liebe ziemlich leicht und den Suff leichter überstanden weil ihr Rum aus Zuckerrohr weniger Amokläufe verursachte als die gefährlichen Agavenbrände der Mexikaner. Diese, ernsthafte Mestizen mit dünnen Schnurrbärten, heller im steinigen Norden, dunkelhäutiger in den südlichen Bundesstaaten Chiapas oder Yucatán, hatten an Last und Härte der Geschichte zu tragen, einer anspruchsvollen Bürde, deren Unausweichlichkeit die Menschen in Costa Rica oder El Salvador erst vor siebzig Jahren oder noch gar nicht registriert hatten. Und die damit verbundenen, ständig sich wiederholenden Niederlagen hatten aus geselligen Campesin0s einsame Wölfe gemacht, die dem gewaltsamen Tod und der vom Machismo gepflegten Doktrin von der weiblichen Unterwerfung huldigten. Dennoch schätzte er ein Land, in dem sich stets neue Nester des Widerstands und des Aufruhrs bildeten, gegen Kolonisatoren, Ausbeuter oder auch nur korrupte Polizisten, das trotz der unentwegten Berieselung durch Ton, Bild und Schrift aus den Zentren jenseits des Rio Grande intelligente, kritische und verantwortungsbewusste Geister hervorbrachte, auch wenn diese im eigenen Haus gewöhnlich wenig zählten.  Aber wenn er hätte wählen können – er wäre nach Mittelamerika gegangen, wo in der kurzen Abenddämmerung unter Palmen, in denen Vögel und Ratten pfiffen, beim Geruch der Holzkohle, über deren Glut scharf gewürzte Bananen und Schweinerippen gegrillt wurden, um zu Rum und Limonenwasser und zum sanften Girren indianisch-chinesischer Schönheiten, die man mit Geld locken, aber nicht kaufen konnte, verspeist wurden, wo, oft nur ein paar Schritte von den Folterzellen der Uniformierten entfernt, die Illusion von Ruhe und Frieden herrschte, wogegen sich die gewaltigen Wüstenmassen des  mexikanischen Nordens mit ihren solitären Kandelaberkakteen, die schmutzig braunen wasserlosen Gebirge im Zentrum wie landgewordene Warnungen an den Eindringling ausnahmen. Aber er konnte nicht wählen, und vielleicht war ja auch Mexiko, die Landschaft im klaren Licht, maßlos in ihrer Weite und ihrem Ernst, das richtige Ziel, denn von dort war er damals zu seinen konfusen Reisen aufgebrochen, dort hatte er die Bindung zu den lokalen und persönlichen Eckpunkten seiner frühen Jahre verloren.

Und deshalb ist GERMAN MEGA  so erfolgreich, sagte Miller und sah auf die Uhr. Wir belegen auf diesem Event-Sektor mittlerweile einen der vorderen Plätze. Bundesweit! Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen noch schnell die Agentur. Miller führte ihn durch ähnlich karge Büros mit Acryl-Bildern an den Wänden, wo ziemlich junge Männer, das von Gel glänzende Haar in sorgfältig arrangierter Unordnung, vor Flachbildschirmen saßen, Kunden eine Präsentation vorführten oder improvisiert wirkende Sitzungen mit Zweit oder zu Dritt abhielten. Frauen waren auch da, allesamt jung, gut aussehend, mit dezentem Make-up und jenen Röcken, Hosen, Blusen bekleidet, die erotische Potentiale verrieten und zugleich Unnahbarkeit signalisierten, zumindest den Voyeuren und den Interessenten, die sich wegen Mangels an Geld, Erfolg oder Chuzpe kein extravagantes Auftreten leisten konnten. Wieder fühlte er sich gefangen in dem Zwiespalt, eine Welt, in der glänzende Oberflächenpolitur über das Fehlen gedanklicher Tiefe hinwegtäuschen sollte, abzulehnen und zu verachten, und sich andererseits von einem dieser Mädchen mit Traumfigur und Mascara-Augen verwöhnen zu lassen.

Miller hatte ihn unauffällig in die Richtung der Eingangstür bugsiert. Ich hoffe, Sie haben einen kleinen Einblick in unsere Arbeit gewonnen. Ich muss mich jetzt leider verabschieden, da der nächste Termin bereits wartet; wir führen nicht gerade ein ruhiges Leben hier. Wir sollten allerdings noch einen Termin vereinbaren, bevor es losgeht. Erstens sollten Sie wissen, wie es bei dem Turnier zugegangen ist, und dann werden Sie die Mannschaft, Ihre Schützlinge sozusagen, kennen lernen.

Er erinnerte sich, wie er wieder die Straße entlang ging, diesmal in die andere Richtung, reichlich verwirrt von dem, was er gesehen hatte, auch von Millers Erzählungen, noch mehr aber vom Chaos der eigenen Reminiszenzen und Assoziationen. Er wusste nicht, ob er sich über Auftrag, Honorar und Reise, eine gewonnene Pause im permanenten Niedergang, freuen oder eher die zu erwartenden Probleme mit einem Haufen deutscher Fußballfans fürchten sollte. Als er das Schild einer Kaffeebar bemerkte, unterbrach er seinen Weg, trat ein, bestellte einen Espresso und einen doppelten Cognac dazu. Der Alkohol und das bittere Aroma wärmten sein Herz. Mochte es auch etwas dubios ausschauen, es konnte doch auch gut ausgehen. Dachte er damals.

2

Zwei Tage später saß er in einem der kahlen Räume der Agentur, eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser neben sich auf einem Beistelltisch, und sah sich ein Fußballspiel auf dem in die Wand eingelassenen Großbildschirm an. Miller hatte ihn hierher geführt und sich dann entschuldigt, er sei zurzeit „unglaublich beschäftigt“, und zwar mit dem Entwurf einer Kampagne für oder gegen das Tempolimit auf Autobahnen; er hatte es nicht richtig verstanden.

Er musste sich das ganze Spiel anschauen, 90 Minuten, während lokale TV-Stationen und sogar große Privatsender kurze Szenen für ihre „bunten Magazine“ herausgeschnitten hatten, wie ihm von Miller berichtet worden war. Werbebanden, vornehmlich von den Herstellern alkoholischer Getränke, diverser Sportutensilien und von örtlichen Gastronomiebetrieben gestaltet, trennten das Fußballfeld von den mit einigen hundert, vielleicht auch an die tausend fröhlichen Zuschauern. Auf beiden Seiten der Mittellinie stand jeweils ein Fass Bier, aus dem sich die Spieler beider Mannschaften in kurzen, aber unregelmäßigen Abständen Plastikbecher voll schenken ließen. Von professionellen Zapfern, die auch darauf zu achten hatten, dass kein Spieler das Bier heimlich wegschüttete, hatte Miller erklärt, „damit es fair zugeht“. Denn am Ende der neunzig Minuten musste jedes Team sein Fass, fünfzig Liter Pils, geleert haben, gleichgültig, wie oft oder wie viel der einzelne Spieler trank. Ersatzleute waren nicht zugelassen. Sie mögen das ein wenig ordinär finden, hatte Miller nach einem Blick in das Gesicht seines Gegenübers gesagt, aber für unsere Agentur war das etwas Neues: Wir holen die Leute dort ab, wo sie stehen; wir nehmen ihre Freizeitbedürfnisse ernst.

Miller hatte den Ton abgestellt und scheinbar die Fernbedienung mitgenommen. So wusste er bis zum Schluss nicht, mit welcher Elf er nach Mexiko fliegen würde. Er versuchte, die Tore mitzuzählen, kam aber durcheinander, weil vor der Pause etliche auf beiden Seiten fielen und die Kamera immer wieder zu den Fässern an den Seitenlinien schwenkte, wo sich einige Spieler schon in den Anfangsminuten recht häufig bedienten. Einige Akteure trugen Bäuche von einem Umfang vor sich her, wie man ihn auf Sportfeldern relativ selten sieht, aber es gab auch Männer in jedem Alter bis Mitte Fünfzig, die austrainiert wirkten; und dann waren da noch ausgemergelte Alkoholiker mit scharfgeschnittenen Gesichtern, die zäh und heimtückisch kämpften, gegen Ende des Spiels sich jedoch meist nahe der Mittellinie aufhielten, offenbar in Sorge um die schwindenden Biervorräte. Vor allem behäbige Verteidiger fanden sich während der Angriffe ihrer Mannschaft an den Fässern ein, und der eine oder andere verließ diesen Posten auch dann nicht mehr, wenn das eigene Tor in Gefahr war. Schwerer taten sich die Keeper, da sie einen ziemlich weiten Weg zum Bier zurückzulegen hatten. Mit fortschreitender Matchdauer verloren sie allerdings mehr und mehr die Scheu oder ihr Pflichtgefühl und warteten Spielunterbrechungen nicht mehr ab. So rollte mancher Ball ins leere Tor. Zwar rannten sich einige ehrgeizige Spieler die Lunge aus dem Leib, dribbelten, grätschten, flankten und foulten, hatten keine Zeit zum Trinken, doch dafür übernahmen andere ihren Part an den Fässern und ließen sich allenfalls auf halbherziges Mittelfeldgeplänkel ein, so dass die Bilanz zwischen Sport und Alkoholisierung einigermaßen ausgeglichen war. Die Wirkung hatte zunächst auf sich warten lassen, da es sich offenbar in der Mehrzahl um Männer handelte, die nicht zum ersten Mal über den Durst tranken, aber sie kam - für einige sogar recht heftig gegen Ende der Begegnung, zumal die leichte Bekleidung der Zuschauer und die scharfen Schatten auf dem Rasen darauf schließen ließen, dass in voller Sonne und bei hohen Temperaturen gespielt wurde. Ein Elfmeter wurde fünf, sechs Meter neben das Tor geschossen, und ein Spieler flog dem Ball, den er einwarf gleich hinterher. Schließlich wankten doch einige der eifrigeren Trinker, einer übergab sich an der Seitenlinie. Dann war Schluss. Zwei Unparteiische hoben die Metallfässer hoch und schüttelten sie, doch beide Teams hatten bereits die letzten Tropfen herausgekippt. Ein Mann in einer Art legerer Uniform mit der Inschrift GERMAN MEGA trat in den Mittelkreis und verkündete offenbar das Ergebnis. Die Spieler der einen Mannschaft hoben die Arme, hüpften umher, fielen sich um den Hals oder drehten sich nur trunken um die eigene Achse, sie hatten gewonnen. Und er wusste, mit wem er nach Mexiko fliegen würde.

Mit dieser feinen Truppe sind Sie also unterwegs. Ohne dass er es bemerkt hatte, war Miller in den Raum gekommen. Zum ersten Mal klang etwas wie Ironie oder Geringschätzung in der Stimme mit, die sonst Wertungen allenfalls als subtile Dehnungen ahnen ließ. Morgen haben Ihre Reisegefährten Clubabend, eine gute Gelegenheit, sie kennen zu lernen. Sie werden doch sicherlich Zeit haben, Sie haben doch nicht anderes zu tun? Mit sanftem Sarkasmus deutete Miller an, dass er die Verhältnisse einzuschätzen wusste, in denen sein Reiseleiter lebte.

Das Treffen fand im Hinterzimmer eines Vereinslokals statt, einer langgezogenen Baracke, die sich an die moderne Sporthalle des relativ renommierten Zweitligaclubs anschmiegte. Es roch nach altem Friteusenfett und kaltem Rauch, und als er kam, saßen die meisten Spieler schon vor ihrem ersten Bier. Ein paar erkannte er von den Filmausschnitten, den schnauzbärtigen Torhüter beispielsweise, einen großen, breiten Mittvierziger, den sie Emil nannten, einen jüngeren schlanken Mann mit dunklem Teint, der einer der besten Techniker im Match gewesen war und den er nicht ein einziges Mal zum Fass hatte gehen sehen, dann zwei ruhige, stämmige Verteidiger, von denen der eine stotterte. Der Dunkelhäutige, ein Nordafrikaner, wie er bald erfuhr, wurde von den anderen Ali gerufen.  Es waren auch ein langer, hagerer Mann mit einem fahlgelben Haarkranz um die Glatze und extrem abstehenden Ohren, der Otto hieß und pausenlos schmutzige Witze erzählte, denen er ein wieherndes Gelächter folgen ließ, und zwei, drei kleine, wieselige Burschen, die wie Pariser Apachen wirkten, dabei. Er würde sie alle noch kennen lernen. Haben Sie einen Film, eine PowerPoint-Präsentation oder irgendeine Animation zum Thema Mexiko? Hatte Miller ihn gefragt, und er musste verneinen und auf ein paar Dias verweisen. Fotos, die etwa fünfzehn Jahre alt und mit einer Billig-Kamera geschossen waren, aber das hatte er Miller nicht gesagt. Also stand er da mit zweiundzwanzig gerahmten Dias, justierte den Projektor und scherzte müde, sein Bildervorrat sei so bescheiden, weil ohnehin nach zwei Dutzend Urlaubsfotos noch jeder in Tiefschlaf gesunken sei. Zu Beginn zeigte Miller einen Werbestreifen, der die Bucht von Acapulco und die Strände von Cancun zeigte, wobei verschwiegen wurde, dass die Reiseroute, die er inzwischen kannte, beide Orte nicht berühren würde. Die Männer schienen angetan vom Anblick weißen Sandes, hoher Palmen, kühler Drinks und brauner Mädchen in Bikinis. Danach verhielt sich die Gruppe zunächst noch ruhig, als er die ersten Motive, den Zócalo von Ciudad de México, die Pyramiden von Teotihuacan und das pulsierende Oaxaca, an die Wand warf, als er dann aber einige Erklärungen zur Geschichte des Landes versuchte, von Cortés’   Feldzug gegen die Azteken und der Mexikanischen Revolution sprach, wurde sie ungeduldig. Und als die Zwangschristianisierung der Indianer und die sozialen Ungerechtigkeiten erwähnt wurde, relativ kurz, schließlich wusste er, dass er künftige Urlauber ohne historische oder politische Bildungsbedürfnisse vor sich hatte, schwatzten einige bereits ostentativ desinteressiert miteinander. Als er versuchte, wenigstens ihr Interesse für die geographischen und demographischen Fakten zu wecken, waren sie am Ende der Geduld. Mexiko ist übrigens in jeder Beziehung größer als Deutschland, sagte er, weil er ihnen damit imponieren wollte. Größer sind hoffentlich die Titten da, sagte Otto und wieherte. Ja, was ist mit den Weibern? wollte ein schartiger Kleiner wissen, dessen Namen oder besser Künstlernamen, Stan, er erst später erfahren sollte, ihn sich aber nicht lange würde merken müssen. Der Frager fuhr sichtbar angesäuert fort: Scheiß auf die Zahlen und die Namen, die eh keiner aussprechen kann, wir sind hier schließlich nicht auf der Penne. Und was säuft man da unten? Von Tequila und so Fusel kann man ja wohl nicht leben. Emil grinste ihn an, und er glaubte eine versteckte Drohung in der Miene des Torwarts zu lesen, eine Warnung vor der nächsten Zukunft, die er sich so übersetzte: Du hältst uns für primitive Kaffern, aber wir nehmen dich nicht ernst, und da drüben haben wir das Sagen. Zwei, drei Ernsthaftere hatten sich die Dias mit verhaltenem Interesse angeschaut und verhielten sich auch jetzt ruhig. Immerhin, dachte er, immerhin nicht alle.

Später saßen Miller und er in einem Bistro in der City. Miller, der Pastis mit Wasser trank, übergab ihm eine Liste der Hotels, in denen sie absteigen würden. Die Leute wirken ein wenig ungehobelt, sagte der Agentur-Mann mit feinem Lächeln, aber sie sind leicht zu lenken. Vor allem, wenn sie in einem Land sind, dessen Sprache sie nicht verstehen. Übrigens haben wir für Sie zwei Führer oder Assistenten, ganz wie Sie wollen, verpflichtet, zwei Spanier, die Mexiko gut kennen. Die beiden werden den Mannschaftsbus fahren, bei der Einquartierung helfen, Kontakt mit den Vereinen aufnehmen, bei denen die Freundschaftsspiele stattfinden, und Ihnen in punkto Freizeitgestaltung zur Hand gehen. Sie sprechen allerdings kein Deutsch.

Er trank sein Bier aus und bestellte ein neues. Er hatte die Ungeduld in den Augen der meisten Fußballspieler gesehen, die Gier nach besoffenem Vergnügen und exotischer brauner Haut, nach all dem, was sie unter „Abenteuer“ verstanden, den libidinösen Amoklauf weit weg von Familie, Freundin oder Vorgesetztem. Und wortlos hatten sie ihm, den sie eigentlich eher für einen Pedanten und Spielverderber hielten, die Forderung gestellt, es sie erleben zu lassen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Schonung der Gastgeber, seien es Kneipenwirte, Geistliche oder indianische Nutten. Und er war verantwortlich für die Show, schließlich wurde er dafür bezahlt. Er betrachtete Millers Gesicht, das ewig um die schmalen Lippen spielende Lächeln, die linke Augenbraue ständig zu einem stumpfen ironischen Winkel hochgezogen, das energische Kinn auf eine schlanke Hand mit langen Fingern und perfekt manikürten Nägeln gestützt, und er wusste, warum der Mann nie selbst eine solche Himmelfahrtstour leiten, ja nicht einmal den Einsatz eines subalternen, aber unentbehrlichen Angestellten riskieren würde. Dennoch fragte er: Reizt Sie eine solche Reise nicht? Erstens ist Mexiko ein faszinierendes Land, zweitens handelt es sich doch um eine Art spannendes Gruppenexperiment. Miller erklärte, dass er genug damit zu tun habe, die einlaufenden Gelder zusammenzuhalten und zu reinvestieren. Dazu braucht man Ideen, sagte er, man muss ständig neue Events kreieren, neue Bedürfnisse schaffen, neue Nischen finden, die Durchführung planen, Kosten, personelle Ressourcen und Werbewirksamkeit im Auge behalten. Meine Abenteuer sind virtueller oder geistiger Natur, sagte er, sie spielen sich in meinem Kopf ab. Ich muss die Sponsoren finden, die Medien aufmerksam machen, die Akteure kontrollieren (ohne dass sie es merken), die Gewinnmarge berechnen und für einen Flop gerade stehen. Gerade jetzt habe ich eine Veranstaltungsreihe konzipiert, deren Formate ich als sophisticated, zumindest aber als fashionable bezeichnen würde, die meines Erachtens aber Massenpotential hat. Aber zurück zu Ihnen: Für Mexiko und das Fußballturnier habe ich Fernsehsender und sogar die überregionale Presse und für die Werbung etliche Firmen von der Schnapsfabrik über Fitness-Studios bis zu Großschlachtereien gewonnen, nur leider keinen Reiseveranstalter. Und so müssen wir auf das Know-how erfahrener, landeskundiger Fachleute zurückgreifen, um unsere Schäfchen sicher durch die wilden Kordilleren zu schleusen. Hier vertiefte sich Millers Lächeln, und zum ersten Mal schien er ehrlich belustigt. Und deshalb – er hob das Glas, wie um einen Toast auf einen gefeierten Stargast auszubringen – brauchen wir Sie.

3

Durch den diesigen Morgen, die wabernden Abgasschwaden der großen Stadt stachen bereits die satten Gerüche und Düfte nach Holzkohlenfeuer, gegrilltem Fleisch, Schwein, Iguan, vielleicht Hund, und gerösteten Kaffeebohnen, hier und da auch nach Kloake. Er ging noch vor dem Frühstück in einem Hotel, das er von früher kannte, durch Straßen, die er vor etlichen Jahren, so viel jünger und wissbegieriger noch, abgeschritten hatte, mit dem Staunen des Neuankömmlings und der Erwartung des Rastlosen: das Porträt des jungen Mannes als Reisender.

Er begann, alt zu werden, und seit längerer Zeit hatte er das Gefühl, dass er sich jedes Jahr hart erarbeiten musste, als sei er ein Minenarbeiter oder ein Bauer mit steinigen Feldern, der sich am Ende jedes Zwölf-Stunden-Tages oder jeder Sechs-Tage-Woche sagte: es war eine Quälerei, aber es ist geschafft, für dieses Mal, zufrieden, es wieder überstanden zu haben, aber ohne Hoffnung, ohne innere Befriedigung oder bescheidenes Glücksgefühl. Seit langem lebte er allein, nicht weil er es so wollte, sondern weil sich ihm keine Gelegenheit bot, diesen Zustand zu ändern. Und wenn er eine Frau traf, bei der eine Gleichzeitigkeit von Sympathie, geistiger Neugier und sexuellem Begehren in der Luft zu liegen schien, entglitt ihm der entscheidende Augenblick, und er gestand sich, mit sich und seinem Versagen im Reinen, erleichtert ein, kein Talent für Erotik zu besitzen. Obwohl es ihm regelmäßig so vorkam, als sei es vor Urzeiten zumindest ab und zu anders gewesen. Manchmal träumte er noch von der erfüllten und vor allem andauernden Partnerschaft, träumte von den wenigen Frauen in seiner Vergangenheit, mit denen es – unter bestimmten Umständen – eine Chance gegeben hätte, und wenn er aufwachte, stellte er ohne Überraschung fest, dass er allein geschlafen hatte. So wie er von der Veränderung träumte, durch die diese dünne Talmi-Oberfläche von Erfolg, wirtschaftlich, gesellschaftlich, banal, zerrissen würde und alle Millers dieser Welt an den Pranger gestellt und dem Spott der Nachdenklichen ausgesetzt werden könnten, und niemand mehr für diese Millers arbeiten musste, so wie er jetzt für seinen Miller arbeitete. Keiner, den er kannte, glaubte mehr an diese Veränderung, die ihm heute im beginnenden Herbst seines Lebens wie eine  grandiose, aber allmählich durchschaute Luftspiegelung in einer gnadenlosen Wüste erschien, doch er erinnerte sich an die Jahre, als er eigens auf diesen Subkontinent gekommen war, wo sich ständig etwas veränderte, zum Guten, zum Schlechten oder hin zum Stillstand, ließ sich auch nach näherer Betrachtung oft nicht sagen. Ganz hatte er die Hoffnung auf das unerreichbar Neue noch nicht aufgegeben; schließlich ist es eine Eigenschaft der Fata Morgana, ihre Opfer stets in Bewegung zu halten, kein Verharren auf einem Fleck zuzulassen. Allerdings schien es ihm, als bewege er sich seit geraumer Zeit kaum noch von der Stelle, zumindest seit er sich um seine Existenz nicht mehr perspektivisch, sondern im Monatsturnus Sorgen machen musste.

Zurück in Mexiko also. Bis auf den Zwischenfall mit dem kleinen blutenden Mädchen, dessen untröstliches Gesicht er einfach nicht vergessen konnte, war nichts weiter passiert. Die Gruppe hatte sich einigermaßen zurückgehalten und auch nicht allzu viel getrunken. Wäre er allein gewesen, er hätte sich auf das Einchecken und die erste Nacht im Hotel gefreut, so aber fühlte er sich in seinen Reminiszenzen gestört. In einem Umschlag hatte ihm Miller die wichtigen Unterlagen und die Devisen ausgehändigt, ein Bündel Dollarnoten, einen Packen Traveller-Schecks, was angesichts der lateinamerikanischen Kreditkartenfeindlichkeit Sinn machte, mit der Mahnung, jedem hundert Dollar am Morgen für den Tag in die Hand zu drücken, wie es als Bestandteil des Preises vereinbart war, nicht im Voraus, damit keiner nach drei Tagen abgebrannt sei (und wenn einer damit das Luxusbordell nicht zahlen könne, sagte Miller, sei das seine Sache), die Versicherungsscheine, die Adressen und Ansprechpartner der Fußballvereine, die Voucher für die vier Hotels, die sie ansteuern würden. In Ciudad de México war es das Isabel la Cátolica, eines der alten Häuser im alten Teil der Stadt, die dem Erdbeben getrotzt hatten, während die modernen Klötze, eilends mit zu viel Gewinnmarge und zu wenig Zement hochgezogen, widerstandslos in sich zusammenbrachen, das Hotel, in dem er bei seinem ersten Aufenthalt hier vor Jahrzehnten und dann immer wieder gewohnt hatte, einmal sogar mit einer Frau, Alexandra, was bei seinem nicht gänzlich glücklosen, aber doch recht überschaubaren Liebesleben eine Gedächtnisnotiz wert war. Die Zimmer waren wie früher, ziemlich sauber, aber nicht mehr neu, verblichen, aber noch nicht verkommen; die abgetretenen Teppiche in der Lobby schienen noch von damals zu stammen. Und auch die Bar existierte noch, wie er gestern Nacht anlässlich der seltsamen Begegnung mit dem mysteriösen Briten hatte registrieren dürfen. Der Vorfall ließ ihn an diesem grauen Morgen nicht los, andererseits wollte er nicht darüber nachdenken, zumindest keine weitgehenden Schlüsse daraus ziehen. Er überquerte den Zócalo, ging an der Kathedrale, deren gruftartige Düsternis durch ein Konglomerat aus Kerzen, Kandelabern, starrer Religion und knochenbiegender Folter angereichert wurde, das bei seinem ersten und einzigen Eintreten in ihm eine Vorstellung von Weihnachtsbeleuchtung in der Hölle geweckt hatte, vorbei, schlug sich in eine der Nebenstraßen und fand den Park, das Rasengeviert mit ein paar kümmerlichen Blumenbeeten, nach so vielen Jahren wieder. Zwar eilten Städter, die schon so früh unterwegs waren, der Arbeit zu, doch noch machte ihm niemand den ruhigen Platz auf einer gusseisernen Bank streitig. Aber die Rastlosigkeit um ihn herum störte ihn in seinen sentimentalen Gedanken an das, was damals war, was sich hätte anders entwickeln können, aber vor allem daran, dass schon einmal etwas in seinem Leben passiert war. Und bald würden die Bettler kommen, weil sie den Gringo gewittert hatten, neugierige Schulkinder, schnaufende Angestellte und besorgte Mütter würden sich zu ihm auf die Bank setzen und das Alleinsein aufheben, das er dringend benötigte, um seine Einsamkeit zu verfluchen. Er stand wieder auf, bahnte sich den Weg durch die hektischen Massen, überquerte Straßen, in denen Fahrer mit dem Kopf auf der Hupe schliefen, während ihre Autos in Viererreihen zentimeterweit vorwärts geschoben wurden. Es gab kein Verweilen, keine Ruhe in diesem Moloch von Stadt, wo jeder Mensch in einer menschenfeindlichen Atmosphäre aus gelbgrauen Schwebstäuben täglich um sein Leben zu hasten schien. Er blickte in die Ferne oder vielmehr so weit, wie es der morgendliche Dunst und der industrielle Nebel zuließen: keine Spur vom gewaltigen Popocatépetl und „seiner Frau“ Ixtaccihuatl, nicht eine Ahnung von den mächtigen Gebirgszügen, die das Hochtal, das wie eine platte Ebene ohne Anfang und Ende wirkte, einrahmten, nicht einmal von der Sonne; man befand sich in den Tropen, und bekam einen Eindruck vom kalten, trüben Thule. Schließlich erinnerte er sich an eine Passage, unweit seines Hotels, wo er früher manchmal ein wenig Frieden zum Lesen gefunden hatte. Es war ein von ein paar sterbenden Bäumen flankierter Durchgang zwischen zwei wie üblich belebten Straßen hinter einem Sakralgebäude aus schwefelfarbigem Kalkstein, einer Kirche oder Klosterkapelle, den Rad- und Mopedfahrer ebenso mieden wie Händler mit ihren Karren und alte Leute, die nicht mehr gut zu Fuß waren, da mehrere kurze Treppen die Passage unterbrachen. Als er den Ort erreichte spielte nur ein Junge, der in der Schule hätte sein sollen, mit sich selbst Pelota, wobei ihn der gedämpfte Aufprall des weichen, mit flacher Hand geschlagenen Gummiballs auf den Kirchenmauern nicht weiter störte. Er setzte sich auf eine niedrige Vormauer, und obwohl es noch empfindlich kühl war, verfiel er in eine Art Halbschlaf, wobei ihm immer seltsam bewusst blieb, dass er sich den Grundstoff zu seiner Tagträumerei aus der eigenen Vorstellungswelt und vor langem gelesenen Geschichtsbeschreibungen zusammenholte.