Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mein erster Leseabend mit 47+, recht weit entfernt vom Bühnenprofifeuerwerk - immerhin: Alle blieben bis zum Finale, niemand wurde geschmiert (na gut, es gab Käffchen, Kekse, Saft, Salzstangen, Eukalyptusbonbons und draußen war Nordseewinter). Kurzgeschichten, Heiteres, Nachdenkliches, Skurriles - teils steil erfunden, manchmal auch 1:1 erlebt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Manfred Schreiber *15. Februar 1971 in Bremen
Schulzeit: Unglamourös, aber skandalfrei, keinen Sinn für Mathe oder ähnliche Veranstaltungen
Stationen: Zeitungsjunge, Kochlehre (abgebrochen), Rangierarbeiter, Grundwehrdienst, Leiharbeitskosmos, Reproherstellerumschulung (abgebrochen), Postbote, Spüler, Eisverkäufer, Setrunner, Redaktionsassi, Soundtrackliebhaber, Kurzfilmer, freier Autor
Filmfavoriten: „Blade Runner“, „Jaws“, „E.T.“ „The Empire Strikes Back“, „1941“, „Rocky“, „Silverado“, „Skin Deep“, „The Road to Wellville“, „Wonder Boys“, „Ballon“, „Thelma & Louise“, „Dead Poets Society“, „Matchstick Men“, „Full Monty“, „Grand Canyon“, „Papa Ante Portas“ (meine DFFB-Bewerbung / Regiestudium 2002 wurde kurioserweise nicht erhört - wir müssen reden)
Eingestreut finden sich hier gut gemeinte Werkstatt-Kapitel vom Häppchen-Epos „Out of Dulsberg“. Hauptfigur Jens Peter Kollow schwirrt mittendrin umher - ebenfalls freier Autor und frei erfunden. Parallelen mögen schreibtischtätermäßig fingiert sein - es macht für mich Sinn.
B 432
CORDWESTE
42195 METER
METROPOLIS `78
LLOYD
WILKENS MACHT DEN UNTERSCHIED
DER EINBEINIGE
PAVIAN CRAIG
ABRECHNUNG UND RETOUR
TALKSHOW-DILEMMA
BRIDDA
BUTTERPFOTE
EISVERKÄUFER RELOADED
DAS SINKENDE SCHIFF
BERGEN-BELSEN
THE LEGEND OF DJANGO MAIL
KOPIERER
ALTE DRÄHTE
KLANGTEPPICH-WAHNSINN
DER RITT ZUM KREIßSAAL
VERNEIGUNG
AUS LIEBE ZUM SPIEL
DIE MUSIKTRUHE
BRÜDERCHEN
HEADLINES
BEDIENUNGSANLEITUNG FÖHR
Aufgewachsen in Sichtweite malerischer Bundesstraße 432. Achtzigerjahrewelt. Sandmännchen bewies mit jeder Reise, selbst in schlimmster Einöde war TV-Empfang möglich. SV Sülfeld, mein Verein - unser Team, die Brasilianer Segebergs: Starspieler und ruhige Arbeiter. Gewarnt wurden wir Kinder beim Sprung aufs Fahrrad vor rasenden Transportern einer mittelständischen Großbäckerei. Gut, mysteriösen Mittelpunkt bildete also diese Backstube - was stand links und rechts davon?
Erwachsenenrätsel machten mir zu schaffen: Nachrichtenstimmen redeten vom Butterberg - dessen Entdeckung blieb mir jedenfalls im Alltag verborgen. So tröstete heimeliges Hörspielmärchen „Die Reise ins Schlaraffenland“, wo findige Leute am Fuße gigantischen Bergs aus Grütze ihren Plan wahr machten und sich hindurchfraßen - mutig hoffend auf anderer Seite sagenumwobenes Schlaraffenland zu erleben.
Einlass bei Möbel Kraft gelang meinem älteren Bruder Joachim und mir ganz simpel - wir gingen am Haupteingang rein und folgten schnurstracks vertrauten Fischfiguren, welche lächelnd von der Decke baumelten, um uns jenen Pfad zum lohnenden Kinderkino zu weisen: Ratternder Filmprojektor, bewegte Bilder - beinahe wie im Leben.
Zeitungsausschnitte, jeder Fetzen, Reportagen über allerhand Dreharbeiten mit detailverliebten „Hinter-den-Kulissen-Fotos“ - grobkörnige Bilder zeigten typische „Zwei-Welten-Stimmung“: Links ausgeklügelt-eingerichtete Szene und rechts davon das Kamerateam, Schienen, Monitore, Kabelsalat, Plastikbecher, Kartons, eben geschäftig werkelnde Filmleute. Skywalker, McFly, Kent, Balboa, Rambo, Deckard, Jones - traumhafte Klingelschilder. Unsere echten Nachbarn hießen ganz anders.
Schon wieder diese zwei großen Jungs, nie ohne Regiebart und Baseballmütze: Nach „Jäger des verlorenen Schatzes“ erzählten George Lucas und Steven Spielberg ihre Archäologen-Action-Sause mit verzückendem „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ einfach mal weiter. Für kleine Cineasten, die nicht wussten, was das Wort meint, aber Abenteuerstorys liebten, genau die richtige Zeit. Ich war dreizehn, der Film ab sechzehn Jahren freigegeben, super, was nun? Organisieren einer schlimmen VHS-Raubkopie? Oder Warten auf massiv zu Buche schlagende Videokaufkassette, die obendrein erst wer weiß wann irgendwo zu haben wäre? Auch würden wir solch’ Homevideorekorderwundermaschine noch ewig nicht unser Eigen nennen - budgetmäßig: Science Fiction. Natürlich ab ins Kino - Tickets dafür? Gerade so machbar.
Pure Leinwandmagie: Polsterklappsitze, Tischchen, Lämpchen, das Gefühl Spielfilm: Kino - dieser phantastische Ort, wo Filme echt klangen und ihre Präsentation im Dunklen übergroß erschien.
Walkman, Cap, Sonnenbrille - ich war ausstaffiert. Joachim, der ja schon legal in FSK16-Filme rein durfte, hatte diesen Auftritt eines dreizehnjährigen Hochstaplers im Bad Segeberger Kinofoyer penibel geplant. Hosenklammern fürs Radeln? Nein - nicht zu viel. Die gut zwanzig Kilometer zwischen Borstel und Bad Segeberg brachte ich auf seinem Rennrad hinter mich - meine halsbrecherische B432-Tour sollte Eindruck schinden beim Kassenpersonal. Per Linienbus fuhr mein Bruder voraus. Nachdem auf heiligem Kinoparkplatz sein Drahtesel angebunden war, wurde es knifflig. Ab jetzt keine Fehler! Cool, locker, innen drin zitternd öffnete ich die gläserne Kinotüre. Mit seinem goldenen Eintrittsticket wedelnd wartete Joachim schon - Popcorntüten hatte er vorgebunkert! Herzklopfen, in die Schlange einreihen - noch zwei vor mir, noch einer. Niemanden kratzte es, ob ich nach original dreizehn aussah oder rumlief wie tölpelhaft aufgebrezelt. Im Kinosessel nahm ich endlich diese Sonnenbrille ab - dann genossen wir, was Indiana Jones beruflich alles so machte an regulären Arbeitstagen.
Die Schauspielerei: Sehr jung an Jahren fand ich es total faszinierend, so was ja auch mal zu können.
Zur Winterzeit 1982 ein Rilke-Gedicht, aufzusagen in weihnachtlich geschmückter Turnhalle. Es waren bloß einige Zeilen (geprobt hatte ich seit Sommer). Bühne, Vorhang, Kribbeln, Backstage zwischen Sprungmatten, Medizinbällen, Holzkisten: Im Sportunterricht störten mich diese Gegenstände - hier bei der Show wirkte alles magisch. Eltern, Großeltern, Mitschüler, Geschwister, der Hausmeister, die Heiligen drei Könige, Josef und Maria mit Anhang, auch unsere komplette Lehrerschaft - mein erstes Publikum. Wirklich alle waren nun nicht wegen mir erschienen - ich musste mich also bremsen. Applaudierten sie netterweise mir oder dem Rilke-Text? Ich denke, ich war ganz gut. Dann schmetterten obligatorische Flötenquietschtöne der gedrillten Parallelklasse mich jungen Künstler brutal von der Bühne.
Ein halbes Jahr später erfreuten sich auch meine stimmbruchgewaltigen Otto-Waalkes-Imitationen munterer Bäckchen. Technologisches Drama: Kein einziger Jo-Jo oder Zauberwürfel verfügte damals über Videofunktion - multimedial überliefert ist davon also gar nichts.
Dieser Bauer meinte es wirklich ernst. Er machte sicher `ne gute Mark mit seinem überdimensionalen Camembert. Jedes Mal, wenn ich auf abgeernteten Feldern jene rundum in weißen Kunststoffplanen eingeschweißten Zeugen landwirtschaftlicher Maloche erblickte, konnte ich nur staunen. Wieviel Paniermehl für nur einen gebackenen Camembert dieser Größe herbei gekarrt werden müsste! Ganz zu schweigen davon, was obendrein auf Hühnerfarmen los wäre, um das Austrocknen der Panierstraße zu vermeiden! Und beim hochgerechneten Bedarf an Fritteusenfett kann man sich dimensional-hardwaremäßig dann wahrlich verlieren.
„Von nichts kommt nichts“, wie unsere selbstbeherrschte Mathelehrerin unangenehm, belehrend, aber auch weise verkündet hatte. Logische Konsequenz nach Schulabgang war für mich nicht zwingend eine Kochlehre. Agrarvisionär, Molkereibesitzer oder Mähdrescherfabrikant: Optional möglich, wenn auch kaum ernsthaft verfolgt. Quatsch - ich will Schauspieler sein. „Erstmal was Richtiges lernen“, sagten alle, die schon länger erwachsen waren. Unmotiviert beugte ich mich ihrem Ratschlag. War das also das Geheimnis? Ein Ausbildungsberuf und ich? Der große Bruder eines Schulfreundes galt als Gastronom, wir kannten uns. Eine Kochlehre - nun ja, besser, als völlig untätig rumzuhängen. Der Beruf des Kochs ist ein guter, wenn man denn dafür brennt - mein Funke war verhältnismäßig minimal. Und zahlenintensives Fachrechnen (Dreisatz-Horror) bekam mir ja ganz schlecht. Etabliertes Haus, Qualität am Herd das Tagesmotto. Und Schreiber mittendrin - angetreten als siebzehnjähriger Kochlehrling in einem Ahrensburger Restaurant. Frittierter Camembert, nur ein paar Nümmerchen kleiner als auf den Feldern da draußen, welch’ Déjà-vu. Teilweise Slapstick, was sich dort im Betrieb zutrug: Ich verzapfte pfundige Schabernacks und jede Menge geschossene Böcke, schichtweise. Sehr gut, dass mir alte Zeiten erspart blieben, wo es für Lehrlinge im Kochberuf düster zuging und man sich schutzsuchend in Deckung warf, um nicht von arg tieffliegenden Bratpfannen getroffen zu werden.
Sie verliehen mir sogar das Holzaugenmaßzertifikat. Eines Tages sagte unser Küchenchef: „Geh’ mal rüber, Holzaugenmaß holen!“ In Sichtweite führte er einen zweiten gastronomischen Betrieb - mit „rüber“ war der Plattenweg gemeint, welcher beide Läden miteinander geographisch verband (ähnlich der Seidenstraße - womöglich, dass das hier nun zu weit führt). Was ein „Holzaugenmaß“ war, darüber konnte ich nur schummrig spekulieren. Meine grübelnde Miene fiel auf - unser Küchenchef beruhigte mich: „Ich ruf’ drüben an und sage, dass Du gleich vorbeikommst, Die werden das Teil für Dich einpacken. Sei aber vorsichtig, so ein Holzaugenmaß bedeutet sensible Technik, geeichtes Gerät, Du darfst es nur ganz zart anfassen, sonst kommt da drin alles durcheinander!“ Das klang wie drittes Lehrjahr - aber auch nach Punktesammeln für einen wie mich. „Lass Dir Zeit, obwohl …, wir brauchen das Ding echt eilig!“, dann griff unser Küchenchef zum Telefonhörer und ich war unterwegs auf der Seidenstraße nach nebenan.
Ein fragiles Irgendetwas sollte ich entgegennehmen und ohne Fauxpas meinem Küchenchef aushändigen. Ich hätte merken müssen, dass man mir breit grinsend hinterherguckte, als ich die Küche verließ, um den Plattenweg Richtung heikler Mission hinunterzugehen. Drüben nahm ich das Holzaugenmaß behutsam in Empfang - sie ließen sich nichts anmerken, wünschten mir Glück. Ich balancierte den zu hütenden Behälter verdammt vorsichtig aus, wie ich es mit jedem Eimer Nitroglycerin tun würde. Jeder Schritt ein Wagnis. Was ich nicht sah oder nicht sehen mochte: Hinter Küchenfenstern hingen alle Kollegen und feixten. Geschafft - ich kam ohne verstolperten Zwischenfall wieder zurück, erwartet von anerkennend dreinblickender Kochbrigade. Auftritt Küchenchef - zweifelnde Mimik, kurz vor seinem Lachflash (diesen Begriff gab es damals gar nicht, ebenso wenig wie ein real existierendes Holzaugenmaß). „Nu’ hol’ raus das Ding, mach’ schon!“, ermunterte mich mein erwartungsfroher Auftraggeber. Irgendeinen Blödsinn hatten sie mir drüben eingepackt: Salzpakete mit Alufolie stramm eingeschlagen (wirkte jedenfalls wie NASA-Equipment), umwickelt in mehrere Lagen aus Touchons und zur finalen Absicherung gegen möglichen Aufprall durch Hartplastikeiscremebehälter tipptopp versiegelt. Na, selbstverständlich waren alle Etiketten fein säuberlich abgepult worden - jeden Sprengmeister hätte das getäuscht. So festigt man als Azubi sein Image in der Küche.
Große Gesellschaften taten sich gütlich an festlichen Buffets, parallel hagelten Bons aus durcheinanderwirbelndem À-la-carte-Geschäft in diese wohlgeheizte Küche hinein. Unfreiwillig komisch hantierte ich am Gasherd: Zwölf Flammen galt es, mutig zu bändigen. Vergeblich. Ja, ich hatte Hilfe im Haushalt, da liefen noch andere Lehrlinge rum (einer wurde später mein Trauzeuge - er hat es auch gut gemacht). Dass man wirklich nicht jeden Fritteusenbrand mit Wasser löschte, lernte ich schon praxisnah. Dennoch, festgefahren wie ein viel zu schwaches Rührgerät im Nahkampf gegen mehlige Teigmassen: Kleckern mit allem, was solch’ Ausbildungsplatz auffahren konnte - Ruhm war nicht dabei. Der Salatposten - mein Abstellgleis. Kalte Küche - auch da ging noch was. Hier perfektionierte Schreiber heimliches Naschen nicht geringer Mengen Vanillesauce - ursprünglich gezaubert für diverse Silberhochzeiten. Pikantes Detail: Ich hätte zwischendurch auch mal jenen Probierlöffel wechseln sollen. Und überhaupt, dieses hemmungslose Schlemmen schlug ja auf die Figur. Heldenhafte Berufsschulleistungen konnten in Ermangelung konkreter Tatsachen keinerlei besänftigende Aromen entfalten. Gar kein Wunder, dass ich mich nebenbei wieder der Kunst zugewandt hatte. Schauspieler - ich war längst bereit für diese Bürde.
Frisches Ziel: Die fundierte Schauspielausbildung. So nahm ich Kontakt auf zum Hamburger Bühnenstudio der darstellenden Künste, einst Hansastraße 35. Schon bald der historische Ort, wo Schreibers Weltkarriere zünden würde? Immerhin hatte ich „Rambo III“ mit großen Augen dreizehn Mal gesehen (für diesen Kinospaß wurde der Löwenanteil vom Lehrlingslohn konsequent verpulvert). Richtiger Schauspieler zu werden - so kompliziert kann das auch nicht sein. Des Küchenchefs anfängliche Leidensfähigkeit gegenüber seines nicht immer bei der Sache wirkenden Lehrlings - allzu rasch verdampft.
Für die Schauspielprüfung musste ich mir natürlich Material draufschaffen: 1. ein klassisches und 2. ein modernes Stück - besser gesagt, zwei Rollen, klassisch, modern. Noch mehr Respekt forderten die Punkte 3. und 4. in der Prüfungs-Hitliste - da stand Schwarz auf Weiß „Gesang und Tanz“. Düster, eklig wie Ammoniak: Schmachvolle Erinnerung an den mütterlicherseits initiierten Tanzkurs beinahe ein Jahr zuvor. Ich liebe Musikhören - ich mag es bloß gar nicht, mich tänzelnd zu bewegen. Letztlich nur aus Mitleid zog meine damalige Tanzpartnerin ihre trotzige Klage wegen Körperverletzung zurück - behutsam hatte ich Gras darüber wachsen lassen.
Im Infoblättchen der Schauspielschule war nichts zu lesen von kernigen Prügel-Choreographien - man sollte singen und eben auch tanzen. Okay, dann punkte ich in Hamburg knallhart mit blanker Method-Acting-Präsenz - dem Autor verpflichtet, dem Werke ergeben. Doch zuvor brauchte ich Textmaterial und musste verstört aufpicken wie der Buchhändler mich sehr rasch bequatschte. Ehrlich gesagt kam sein Wissen gar nicht ungelegen, weil ich als Schauspiel-Prüfling-Anwärter von Literatur überhaupt keine Ahnung hatte - weder „Klassik“ noch „Moderne“ konnten bei mir ein Glöckchen zum Tröten bringen. Dieser sicherlich belesene Mann, vermutlich geboren hinter der Ladentheke seines vollgestopften Bücherrefugiums, überreichte mir zwielichtig blinzelnd zwei gelbe Reclam-Heftchen: Franz Grillparzers „Wehe dem, der lügt“ und Gotthold Ephraim Lessings „Der junge Gelehrte“. Mit einem Lächeln, welches ich ihm nicht auch noch abkaufen wollte, meinte dieser orakelnde Buchhändler: „Wird schon schiefgehen junger Mann.“ Beherbergten diese Textheftchen wirklich zwei passende Rollen für mich? Schreiber schmökerte rein, sammelte Requisiten und kaufte Videotape. Alle unterbelichteten Probeaufnahmen meiner Darbietung (im heimischen Kellerzimmer per VHS-Kamera runtergekurbelt) hatten erbarmungslos gerufen: „Lass das!“ Beim fünfzehnten oder sechzehnten Take kapitulierte sogar teuerstes Bandmaterial und quoll meterlang zerfriemelt durch den winzigen Spalt zwischen Kameragehäuse und Kassettenklappe - es wollte da nur raus. Auch dieser mechanische Weckruf konnte mich nicht lange schocken - unerklärlicherweise.
Fußball hatte ich bis dahin ganz passabel praktiziert - mit Büchern hielt ich es ja nicht so. Kein einziges „Lustiges Taschenbuch“ hielt der kleine Schreiber durch. „Karlsson vom Dach“, den mochte ich! Diese Frau aus Schweden konnte was (eine, doch, ja, ganz begabte Kollegin, nebenbei). Aus guten Gründen liebte ich diesen Filmroman, Hosentaschenkino: „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ - feines Stichwort, um zum Geschichtskern zurückzugelangen: Am Bühnenstudio war Schreibers Anmeldung aufgeschlagen und bestätigt - der alles entscheidende Termin rückte näher. Damis, ein recht Gescheiter - mein Part aus „Der junge Gelehrte“. Leon, Küchenjunge - mein Part aus „Wehe dem, der lügt“. Ja, bei letzterem hatte mich durchaus eine früh entwickelte Nähe zur Arbeiterklasse gepackt. Jedenfalls kam vom breit grinsenden Küchenchef freies Geleit zur Schauspielaufnahmeprüfung (vermutlich war ihm mein Unterfangen eine willkommene Auszeit).
Wohlan, am 9. September 1989 sollte man sich um 10 Uhr im Sekretariat des Bühnenstudios melden. U-Bahnstation Hallerstraße - aussteigen oder drinbleiben? Warum kam jetzt diese nervige Nervosität? Skeptisch stiefelte ich durch die Hansastraße der Adresse No. 35 entgegen. Eine berechtigt volle Flasche Multivitaminsaft sollte es richten, Vitamine, immer rein damit! Direkt vor der Schauspielschule umarmte sich ein Pärchen. Sie küsste ihn lange auf die Stirn, sehr lange. Reich belohnt wandte er sich ab, nahm die Stufen zum Eingang, blickte zurück zu ihr. Gehen wollte sie erst, wenn ihr geliebter Freund im Gebäude verschwunden war - man hätte gut und gern den Weichzeichner-Effekt drauflegen können. Wieder ein magischer Moment. Nur stand ich alleine da mit meiner Saft-Buddl und erweiterter Ausrüstung: Schürze, Tuch, Kochmesser, alles für die Rolle des Küchenjungen. Den seltsamen Studentenbengel aus Lessings „Junger Gelehrter“ - den …, ja, den wusste ich an diesem weichenstellenden Morgen sowieso und überhaupt noch rein gar nicht anzulegen. Mit kaum zu vertuschender Kribbeligkeit ging Schreiber dann hinein, durch die Tore der Schauspielschule. Man begrüßte mich freundlich im Sekretariat. Nach Papierkram hieß es warten - ist ja auch beim Film so: erstmal warten. Immer wieder fummelte ich die zwei leuchtend gelben Reclam-Heftchen aus der Tasche: Schreiber performed heute, eben mal vormittags, Grillparzer. Und Lessing. Wenn die beiden Herren nur davon wüssten. Oder deren Erben. Auf mich wirkte dieser Wartebereich haargenau wie Kubrick’s „Shining“-Hotelflur. Man tut schon seltsame Dinge, wenn man sich extreme Anspannung so gar nicht anmerken lassen will. Und viel zu rasch mahnte der nur zu gut bekannte Gedanke „Ähm …, biste’ hier wirklich richtig?!“
Irgendwann riss mich furchtbares Geschrei, Altbauwände durchdringend, aus lähmender Grübelei heraus. Kein Zahnarzt hier im Gebäude - alles, was aus dem Prüfungsraum real hervordrang, war Teil der Show, die ein willensstarker Schauspiel-Novize abfeierte, vor begeisterter Jury. Die Saftflasche war längst trocken - ein Minütchen hatte hier drin geschlagene 890 Sekunden. Auch meine zwei Rollen gerieten jetzt deutlich länger - fiebernd miniaturisierte Reclam-Seiten durchzappen. Das Regal mit Selbstvertrauen - ratzekahl leer geräumt. Eine arme junge Frau sackte immer wieder wie ein zerschmetterndes Bügelbrett zusammen und katapultierte ihren Oberkörper dann, unter heftigem Fauchen empor. Hoffentlich war die nicht ansteckend. Wie gebannt starrte ich zur Patientin des Morgens rüber - ein anderer Prüfling, der geküsste Held von vorhin, bemerkte meine Schweißperlen und sprach mir beruhigend zu: „Die macht nur Stimmübungen.“ Galaktisch cool wie Han Solo hörte ich mich antworten: „Ich weiß.“
Aufruf für Schreiber - es war ein rundum verspiegelter Raum. Ganz sicher würde hier später noch getanzt. Eine Handvoll Schauspieldozenten bat mich nach kurzer Eigenvorstellung zu beginnen - weiß der Geier, was ich denen erzählte. „Und bitte, Herr Schreiber!“ So erklang wahrlich erstes Regiekommando für mich. Bei letzten Textbausteinchen von Grillparzer & Lessing fühlte ich eine klassischmodern-pulstreibende Leere - Moment, nein, schon sehr viel weiter vorher. Ich war nicht gut. Ich hatte nichts anderes erwartet. Aber, ich wollte das machen. So fühlte es sich also an. Man weiß ja selbst am besten, wann man sich lächerlich gemacht hat. Schauspielen - ich erkannte immer beim Zusehen von außen, wer ein Guter seines Fachs war. Gefühlssache. Selbst spielen zu können, es wäre etwas ganz Feines. Talentiert, ich? Aber das hier war ja auch eine Schule. Zum Lernen, im besten Falle.
Am spontanen Dozentenecho störte mich die einstimmige Meinung: Nur lustige Rollen würden zu mir passen. Was wussten die denn? Beim Schulfest in der Fünften, ja, da hatte ich Otto imitiert - tapfer, ziemlich realistisch, bravourös und minutenlang. Der hätte gar nicht mehr selbst aufzutreten brauchen. Klar, kann ich lustig - doch deswegen lasse ich mich nicht in die Für-alle-Zeiten-Jux-Schublade verfrachten, ihr Anfänger. Oder hatte Schauspielprüfling Schreiber Rollen beider Stücke vercrossovert? Man würde sich melden, meinte die bedächtige Dozentenriege. Blackout: Kaum ein Filmschnipsel der Disziplinen „Gesang und Tanz“ wollte sich Jahrzehnte über im Kopf speichern lassen - da war dieser Saal mit ganz vielen Spiegeln, möglicherweise auch Musik. Mehr nicht.
Zurückrennen zur U-Bahn, dann vom Hamburger Hauptbahnhof nach Ahrensburg - wenig später: Dienstantritt in der Gefängnisküche. Küchenchef und Kollegen applaudierten spöttisch bei meinem Auftritt (hatte extra eine frisch gestärkte Kochjacke wie als Poncho übergeworfen) - „Ja, ja, gar nicht mehr lang’, und ihr alle stürmt wegen mir ins Kino!“ Ich brauchte Gagschreiber.
Wenige Wochen nach denkwürdiger Aufnahmeprüfung flatterte ein durchaus spannend erwarteter Brief herbei: Die Zusage, ich könne das Schauspielstudium beginnen. Unter zittrigen Händen, alles war so schräg verwackelt, las ich balsamwonnige Nachricht immer wieder - die wollten mich. Was tun: Kochlehre erstmal durchziehen? Quatsch mit Sauce. Umschulung auf Jedi-Ritter? Alles überbucht. Oder Schauspielstudium? Die zwei unterschriebenen Verträge bewahrte ich lange Jahre auf - einen davon hätte ich einst zurückschicken dürfen, zum freundlichen Sekretariat des Bühnenstudios, meiner potentiellen Schauspielschule. Mit achtzehn Jahren wusste man sowieso alles - meine Kündigung des Kochazubivertrages war für mich logisch. Die Hamburger Chance ließ ich fatal sausen, traute es mir nicht zu. Sauber - abgebrochene Lehre und nicht den Arsch in der Hose, um diese hart erkämpfte Schauspielausbildung anzutreten …
Als Abschiedsgeschenk wünschte ich, die Cordweste mitnehmen zu dürfen, welche mir beim Kühlhausaufräumen nicht nur dreimal das Leben rettete. Ich war raus aus dem Laden. Ein Küchenchef, an dem es nicht lag. Ein Schreiber, der keinen Plan B hatte. Als Essenz blieb unsere, nun ja, irgendwie kumpelhafte Sympathie über Jahrzehnte, sah man sich auch lange Zeiten nicht wieder. Diese Cordweste wurde mein ältestes Kleidungsstück.
Was man noch so macht für ´ne Handvoll D-Mark? Rangierarbeiter bei der Bundesbahn winkte als nächste Station, ein anderer Schulfreund brachte mich darauf. Vertraute Schreiber den falschen Leuten? Zugfahren mochte ich ja, traditionell als Passagier. Aber ab jetzt in versifften Signalklamotten mit wackeligem Helm durchs Gleisbett hüpfen und Güterwaggons ausweichen? Schreibers Karriere war gelinde gesagt mächtig am Stottern, wenn nicht sogar tief versunken Richtung ödem Brotjobdschungel. Malochen, Früh-Spät-Nachtschicht. Schlotternd im Schneetreiben, knuspernd bei sengender Hitze. „Was tust du hier?“, fragte ich mich zwischen vereisten oder auch schmieröligen Zugkupplungen. Die Gleise vom Rangierbahnhof im Hamburger Hafen erschienen mir endlos in allen Gewändern nur denkbarer Jahreszeiten. Spätschicht: 14 bis 22 Uhr, Nachtschicht: 22 bis 6 Uhr. Gleich morgens, ca. 5:45 Uhr, bekam ich vor der Frühschicht selbstverständlich ungefragt aktuellste Schweinereien zu hören, wie es eben üblich war unter diesen Kerlen. Ekelhaft, schon sehr einfach gestrickt, frauenfeindlich, teilweise abnorm.
