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Stimme im Kopf -Coming-of-Age-Roman der ‹Generation Y› -Zürich von unten: Leben auf der Strasse - Temporeiche Geschichte über Jugend und Schizophrenie Der 20-jährige Sebastian leidet unter akustischen Halluzinationen. Er hört ständig eine Zeile aus dem Beatles-Song ‹Hey Jude›. Es verschlägt ihn auf die Strasse, weil er lieber obdachlos ist, als in der Psychiatrie zu landen. In Rückblenden wird von Sebastians Kindheit und Jugend erzählt, wo sich bereits die ersten Anzeichen von Schizophrenie zeigten, und vom endgültigen Ausbruch der Krankheit nach dem Tod seines Grossvaters. Das Leben unter Randständigen lässt Sebastian eine andere Form von ‹Normalität› erfahren, in der er zunächst seinen Platz findet und sich die Symptome abschwächen. Doch das Leben auf der Strasse ist härter als erwartet. Die Autorin behandelt ernste Themen wie psychische Störungen und deren Auswirkungen auf Betroffene und Angehörige, Obdachlosigkeit, Sucht, Wirklichkeitsverlust und Scheitern, bedient sich dabei aber einer humorvollen und direkten Sprache. Ein temporeiches und dennoch nachdenkliches Buch über das Lebensgefühl einer aus der Bahn geworfenen Generation.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2016
Mit freundlicher Unterstützung
© 2016 Zytglogge Verlag AG, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Thomas Gierl
Gesetzt aus: Frutiger LT Std, Garamond Premier Pro, Palatino LT Std
Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel
ISBN: 978-3-7296-0927-3
eISBN (ePUB): 978-3-7296-2106-0
eISBN (mobi): 978-3-7296-2107-7
E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch
www.zytglogge.ch
Der Herbst bricht plötzlich an. Praktisch von einem Tag auf den anderen wechseln die Blätter von Grün auf Gelb und manche auf Rot. Einige Nächte sind bereits zu frisch, um draußen zu schlafen. Für mich jedenfalls, der Freinächte noch nicht so gewohnt ist wie die meisten anderen hier. Und kaum kühlt es zum ersten Mal ab, erkälte ich mich. Es regnet häufig. Das macht die Tage lang und die totzukriegende Zeit schier endlos.
Seit zwölf Tagen habe ich die Stimme in meinem Kopf nicht mehr gehört, doch nun ist sie wieder da.
Ich saß gerade mit Hans-Jürgen und Melina unter der großen Eiche und schaute den ersten braunen Blättern zu, wie sie durch die Luft tanzten, ein paar Pirouetten drehten und sich elegant zu unseren Füßen niederlegten. Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Energydrink. Das klebrige Zeug kippe ich literweise in mich rein, obwohl sich der aufputschende Effekt bereits vor Jahren verflüchtigt hat, wohl wegen des übermäßigen Konsums.
Während ich trank, kehrte sie zurück. Nicht erst leise, um sich anzukündigen, wie es nach zwölf Tagen Abwesenheit höflichkeitshalber angebracht gewesen wäre, sondern so laut und unerträglich wie immer. Es ist die Stimme von Paul McCartney, die mir immerzu dieselben Worte einhämmert: Hey Jude, don’t make it bad. Manchmal träume ich sogar von diesem Lied. Am Morgen beim Aufwachen schreit Paul mir entgegen: Hey Jude. Wenn ich durch die Straßen laufe, hallt es von den Häuserwänden wider: Don’t make it bad. Während ich esse, Zug fahre, mich unterhalte, sogar während ich andere Musik höre, immer dieses Hey fucking Jude. Das muss man sich mal vorstellen. Da sitzt man auf dem Klo und kämpft gegen die Überreste eines Gammelfleisch-Döners, was an und für sich schon keine schöne Angelegenheit ist, und wenn man endlich all seine Kräfte mobilisiert hat und den kleinen Scheißer rausdrücken will, wird man von Sir Paul höchstpersönlich ermahnt: Don’t make it bad. Ich gehöre generell nicht zu den Menschen mit der besten Verdauung, aber bei so was bekomme ich glatt drei Tage Verstopfung.
Wenn wenigstens John Lennon zu mir sprechen würde anstatt Paul McCartney, wäre das schon eine ganze Spur erträglicher. John ist schließlich der Held einer Generation, wenn auch nicht meiner. Er ist Rock’n’Roll, gewissermaßen. John steht für Heroin und Kunst und für diese Sonnenbrillen mit den runden Gläsern, mit denen alle so bescheuert aussehen. Paul hingegen, nun, erst einmal lebt der noch, und das ist ja schon mal gar nicht cool. Und dann ist er auch noch Vegetarier, setzt sich für Umweltschutz ein und wirkt überhaupt wie ein verdammter Heiliger mit seinem unermüdlichen Kampf gegen die Armut und böse Robbenschlachter.
Die Blätter wirbelten durch die Luft. Rot, grün, gelb, braun. Der Hund hechelte. Sie verspotteten mich. Ich spürte ihren Hohn, das boshafte Kichern. Hörte sie lachen. Ich drehte mein Gesicht weg von ihnen, nur allzu bewusst, dass es nichts nutzte. Bemüht, mein Zittern unter Kontrolle zu bringen, setzte ich möglichst unauffällig einen Fuß vor den anderen. Der Atem entfloh mir hektisch und lärmend, aber ich starrte tapfer geradeaus. Nichts anmerken lassen. Sie dürfen nicht wissen, dass … Jemand gackerte. Meine Gedanken. Sie konnten meine Gedanken … Mein Herz setzte einen Schlag aus, dann galoppierte es los. Mir war heiß, so furchtbar heiß. Die Stirn kalt, die Augen übergroß, sie starrten direkt … Warum war es so heiß? Kalter Schweiß. Nicht denken, nur nichts denken, und dabei immer weiterlaufen, bloß nicht stehenbleiben. Meine Beine gaben unter mir nach. Der Hund beugte sich über mich, ließ seine gewaltige Zunge über meinem Kopf baumeln. Seine Nase bewegte sich rhythmisch zur Musik.
«Schnauze!»
«Ich hab doch gar nichts gesagt.»
«Lasst mich in Ruhe!»
«Sebastian, beruhige dich.»
«Verschwindet aus meinem Kopf. Ihr dürft das nicht. Man darf nicht … »
«Gar nix ist in deinem Kopf. Du bildest dir das nur ein. Das ist nicht real.»
«Sie testen weiter. Ein Proband bin ich, Kaninchen im Todeslabor. Mit Schockwellen gequält und später in der Müllverbrennung entsorgt.»
«Brüll nicht so. Es ist alles in Ordnung. Du musst versuchen, dich zusammenzureißen. Sieh mich an, Sebastian. Siehst du mich. Siehst du mein Gesicht. Konzentrier dich auf mein Gesicht.»
«Warum ich? Warum sucht ihr euch nicht einen anderen für eure perversen Experimente?»
Zwei massive Metallplatten drückten auf meine Schultern. Wenn ich nicht sofort aufstand, würden sie mich zerquetschen. Ich probierte hochzukommen. Doch weil ich so schwitzte, fanden meine Finger keinen Halt auf dem Boden. Jedes Mal, wenn ich mich hochzuhieven versuchte, rutschten mir die Hände weg. Keuchen. Schwitzen. Panik. Der Druck auf meinen Schultern war unerträglich. Krachend splitterten die Knochen auseinander. Kein Schmerz. Es brüllte aus mir. Dann zerschmolzen die Metallplatten plötzlich, wurden weicher, wärmer, fleischiger.
Hans-Jürgen hielt mich, sagte «Schschsch» und «Alles gut» und «Ist gleich vorbei». Ich trank den Rest des Energydrinks. Ich fror. Zu meiner Enttäuschung entdeckte ich keine Münzen in der Hosentasche, nur ein paar Fussel und ein steifes Papiertaschentuch, und auch das Durchwühlen der Sporttasche blieb ohne Erfolg. Hans-Jürgen wollte mir nichts von seiner erbettelten Beute geben – stolze siebenundzwanzig Franken lagen in seiner Messingschale –, weil er Energydrinks als zu vitaminarm und nährstofftechnisch fragwürdig erachtet. Selbstredend könne ich später von seinem Abendessen abhaben, er plane einen schmackhaften Linseneintopf mit über dem Feuer geröstetem Chicorée. Ich verzog das Gesicht. Hans-Jürgen achtet sehr auf sich, ernährt sich schrecklich vernünftig – mit viel Grünzeug und so – und gönnt sich an besonders guten Tagen schon mal eine schrumpelige Bio-Gurke oder eine verkrüppelte Fairtrade-Karotte. Paul hätte sich lieber ihn aussuchen sollen, um seinen musikalischen Terror durchzuführen. Die zwei würden sich bestimmt bestens verstehen und könnten gleich noch zusammen die Welt retten.
«Darauf gepfiffen», antwortete ich und rappelte mich auf.
Mittlerweile bin ich geübt im Schnorren. Ganz zu Anfang hatte ich mich wie ein Schmarotzer gefühlt, wenn ich auf jemanden hatte zugehen und meinen Spruch aufsagen müssen: «Hast du ein paar Franken für die Notschlafstelle?»
Doch heute will es nicht so recht klappen. Die Leute dackeln an mir vorbei, jeder mit dermaßen geschäftiger Miene, als eile er statt heim vor die Glotze direkt zum G8-Gipfel. Keiner bleibt stehen, um mir ein paar Rappen zu schenken oder mir auch nur zuzuhören. Ich verspüre gute Lust, dem nächsten, der mich ignoriert, ins Gesicht zu schlagen. Doch vom Prügeln ist noch kaum einer zu einem Energydrink gekommen, außerdem spricht sich Hans-Jürgen strikt gegen Gewalt aus. Es widerstrebt ihm sogar, sich auf eine Ameise zu setzen. Besäße er Bad und Dusche und verirrte sich eines Tages eine Spinne in besagte Dusche, würde er das Tier nicht wie jeder andere mittels Wasserstrahl den Abfluss hinab in den Tod spülen, sondern tropfnass aus der Wanne steigen, ein Stück Papier holen, geduldig warten, bis die Spinne sich dazu bequemte, auf den Zettel zu krabbeln, und das Tierchen schließlich durch den Fensterspalt in die Natur entlassen. Ich hingegen würde die Spinne mit Vergnügen ertränken und eine innere Zufriedenheit verspüren beim Gedanken, dass das widerliche Ding nie mehr mein Reinigungsritual stören könnte.
Gerade als ich aufgeben und meinen Durst mit Brunnenwasser stillen will, stolziert ein Mädchen auf mich zu und drückt mir zwei Münzen in die Hand. Mir verschlägt es angesichts ihrer Schönheit die Sprache. Plötzlich ist alles ruhig, die Zeit scheint stillzustehen. Einzig mein Herz rast. Ich schätze sie ein paar Jahre älter ein als mich. Wahrscheinlich eine Studentin im letzten Studienjahr. Aus ihrer vollgestopften Tasche schauen Hefte und lose Blätter heraus. Schwer zu sagen, was genau ihren Reiz ausmacht – ob es nun das engelsgleiche Gesicht mit den Froschaugen und der Stupsnase ist oder doch eher ihr stolzer Hintern, der sich provozierend vor mir hin und her wiegt. Natürlich würdigt sie mich nach ihrer kleinen Opfergabe keines Blickes mehr, sondern wackelt mit ihrem Riesenhintern ungerührt weiter. Dabei zählt sie in ihrem Freundeskreis bestimmt nicht zu den Granaten. Das vermute ich deshalb, weil mein Geschmack, naja, sagen wir etwas unorthodox ausfällt. Was anderen schon zu rund ist, finde ich an der Grenze zu mager. Das bedeutet nicht, dass ich zwingend auf dicke Frauen stehe. Was mich anzieht, ist das Auffällige, Außergewöhnliche. Dabei spielt es keine Rolle, ob damit das Körpervolumen, die Nasenlänge oder die Größe der Füße gemeint ist. Durchschnitt langweilt mich.
Dieses Mädchen passt daher genau in mein Beuteschema. Doch obwohl dieser Freak eigentlich dankbar dafür sein müsste, überhaupt von jemandem Beachtung geschenkt zu bekommen, bleiben sie und ihr Riesenhintern lieber weiterhin unter sich, als sich mit jemandem wie mir abzugeben. Das ist mir klar, ohne überhaupt ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. So fest ich kann, kicke ich gegen den Stamm der Eiche, neben der ich wie meistens meinen Schnorrplatz bezogen habe. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter, nicht einmal ein Rascheln ist zu vernehmen.
In solchen Momenten wünschte ich, die Zeit zurückdrehen zu können. Ich bin mir nicht sicher, wie weit zurück man sie drehen müsste, damit ich alles in Ordnung bringen könnte. Vielleicht reichen ein paar Jahre, um das Gröbste zu verhindern. Vielleicht muss man auch ganz am Anfang beginnen, also gleich bei der Geburt, und alles neu aufgleisen. Ich wäre nur schon damit zufrieden, die letzten drei Monate ungeschehen zu machen.
Es war ein prächtiger Tag Anfang Juli. Die Vögel zwitscherten vergnügt vor dem Küchenfenster unseres Einfamilienhauses. Das nahm ich zumindest an. Denn an diesem Tag schien die Stimme in meinem Kopf sogar noch lauter und penetranter zu johlen als gewöhnlich. Aber zwitschernde Vögel, das hätte gut zur herrschenden Dorfidylle gepasst. Im Sommer präsentierte sich die kleine Ortschaft wie aus einem Katalog. In den Nachbarsgärten blühten Flieder und Perlmuttsträucher hinter weißen Zäunen hervor, es roch nach Lavendel und geschnittenem Gras, und dank der Sonne hatte ein jeder dermaßen scheißgute Laune, dass nicht viel gefehlt hätte und die Herren hätten zum Gruße ihre Hüte gelüpft, während die Damen adrett geknickst hätten.
Ich stand mit Iris in der Küche und trocknete das Geschirr ab, das sie mir von der Spüle her reichte. Am liebsten hätte ich den Teller in meiner Hand fallen gelassen, um mir die Ohren zuzuhalten. Doch ich beherrschte mich. Kaputte Teller hätten nur wieder Geschrei gegeben – das zweite Geräusch, das ich mir fast täglich anhören musste. Iris und ich hielten es normalerweise keine zwei Sekunden im selben Raum aus, ohne dass irgendetwas für Streit sorgte. Meistens war dieses Irgendetwas ich, denn es gab immer etwas an mir auszusetzen. Zum Beispiel mein fehlendes Verantwortungsbewusstsein in Sachen Uni, meinen übermäßigen Fernsehkonsum oder auch nur meine Art zu kauen, einen ungebundenen Schnürsenkel oder die Dynamik, mit der ich Türen hinter mir zuzog. Iris nahm auch den Terror in meinem Kopf nicht ernst, dachte, ich benutze eine Ausrede, um das Studium schleifen zu lassen. Wie sie überhaupt nur das Schlechteste von mir erwartete. Sie verstand nicht, dass dieses verdammte Lied mich langsam, aber sicher in den Wahnsinn trieb. Dass es mir den Schlaf raubte, den Appetit verdarb und manchmal sogar zwischenmenschliche Interaktionen verunmöglichte, weil der Lärm in meinem Kopf die Stimme meines Gegenübers erstickte. Am liebsten hätte ich laut geschrien oder geheult, aber weil ich mich nicht zwischen diesen zwei Emotionsäußerungen entscheiden konnte, riss ich mich am Riemen und wischte weiterhin über das nasse Porzellan.
Scheinbar nicht gründlich genug, denn kaum hatte ich den Teller auf der Küchentheke abgelegt, motzte meine Erzeugerin wieder rum: «Da sind noch ein paar Tropfen auf der Oberfläche. Wenn du den so in den Schrank stellst, trocknen die ein, und es gibt Wasserflecken. Also ehrlich, kannst du dir nicht einmal richtig Mühe geben? Muss ich immer alles selbst machen?»
Sie riss mir das Geschirrtuch aus den Händen und rubbelte genervt auf dem Teller herum. Ich biss die Zähne zusammen. Mein Kopf platzte gleich.
Da ich nicht reagiert hatte, wiederholte sie ihre Schimpftirade.
«Alles muss ich selbst machen hier», grummelte sie vor sich hin. «Selbst Abtrocknen ist scheinbar zu viel verlangt.»
Mein Puls beschleunigte sich. Die Stimme gellte dermaßen laut, dass es schmerzte. Schützend hielt ich mir die Hände über die Ohren. Ich hatte diese ewige Mäkelei so satt. Dass ich in ihrem Leben nichts weiter als ein Störenfried war, hatte ich schon als Kind zu spüren bekommen, und je älter ich wurde, desto weniger schien sie mich zu mögen. Was ich auch tat, ich konnte es ihr nie recht machen.
Sebastian, warum kommst du so spät nach Hause? Sebastian, du hast das Licht im Bad brennen lassen. Sebastian, Karton gehört nicht ins Altpapier. Sebastian, du tust nicht genug für die Uni. Sebastian, kämm dir die Haare. Sebastian, warum hast du deine Tabletten noch nicht genommen? Sebastian, zieh etwas anderes an. Sebastian, du schaust zu viel fern. Himmelherrgott nochmal, Sebastian, du hast schon wieder das Licht im Bad brennen lassen. Sebastian, wegen dir kriege ich noch Falten. Sebastian, Sebastian, Sebastian.
«Sebastian!» Ich schreckte hoch. Sie hielt mir eine Pfanne entgegen und musste mich dem ungeduldigen Ton in ihrer Stimme nach schon mehrmals gerufen haben, doch hatte ich sie wohl nicht gehört, weil Paul noch immer in meinem Hirn dröhnte. Ich starrte sie ausdruckslos an.
Plötzlich brannte eine Sicherung in mir durch. Alles, was ich denken konnte, war, dass es nicht so weitergehen konnte. Dass ich das keine weitere Sekunde aushielt. Dass es aufhören musste. Ich riss Iris die tropfnasse Bratpfanne aus der Hand und schlug so fest ich konnte zu. Es gab ein dumpfes Geräusch, als das Eisen auf den Schädel traf. Iris schrie entsetzt auf. Ich holte erneut aus.
Da sah ich den Horror in ihren Augen, hörte die Angst in ihrer Stimme, ihre flehenden Worte: «Nicht, Sebastian. Nicht schlagen!»
Schwer keuchend taumelte sie rückwärts und klammerte sich hilflos an der Theke fest. In ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen der Verzweiflung an, doch das war mir egal. Erbarmungslos schlug ich noch einmal zu. Blut tropfte auf die hellen Fliesen. Erst als ich die roten Spritzer auf dem Boden sah, wurde ich mir meiner Tat bewusst. Ich ließ die Bratpfanne fallen und brach in Tränen aus.
«Das wollte ich nicht», stammelte ich. «Ich wollte nicht …»
Benommen stolperte ich auf Iris zu. Panisch wollte sie mir ausweichen, stand aber mit dem Rücken zur Theke und konnte sich nicht rühren.
«Es tut mir leid», schluchzte ich und drückte meine Stirn gegen ihre Brust.
Ihre Bluse war blutdurchtränkt. Sie zitterte.
«Du bist irre», flüsterte sie. «Mein Kind ist irre.»
Ich weinte noch heftiger. Ich wollte nicht irre sein. Und ich hatte ihr nicht wehtun wollen, wirklich nicht. Ich wollte nur endlich in Frieden gelassen werden. Sie sagte, sie werde gleich ein Taxi rufen, in ihrem Zustand könne sie unmöglich selber zum Arzt fahren. Ich solle mich inzwischen in mein Bett legen und das Zimmer nicht verlassen. Ich gehorchte. Auf einmal begannen die Fliesen unter meinen Füßen zu wanken, ja regelrecht übel war mir. Ich verabscheute mich für das, was ich getan hatte. Ansonsten fühlte ich kaum etwas.
Später wollte ich das Blut aufwischen, doch der Küchenboden war bereits mit einem feuchten Lappen gereinigt worden. Die Bratpfanne befand sich nicht wie üblich in der Schublade unter dem Herd. Ich riss einige Schränke auf, doch auch dort keine Spur von ihr. Der Gedanke erschien unerträglich, dass irgendwo noch dieses grässliche Teil rumlag, mit roten Flecken, die langsam eintrockneten und immer dunkler wurden.
Ich hörte den plätschernden Wasserhahn im Badezimmer und lief hin. Iris stand über das Waschbecken gebeugt und schrubbte das Blut aus ihrer Bluse. Durch den Spiegel sahen wir uns kurz an. Ich konnte nicht deuten, ob ihr Blick Angst, Trauer oder Verzweiflung verriet. Die Schläge hatten jedenfalls eine unschöne Platzwunde hinterlassen. Das Blut am Rand war bereits verkrustet, doch in der Mitte klaffte ein Loch. Ich glaubte sogar, den Schädelknochen durchschimmern sehen zu können. Teils reumütig teils fasziniert näherte ich mich mit meiner Hand der Verletzung. Ich wollte den Knochen spüren.
«Nicht anfassen», kreischte Iris erschrocken.
Augenblicklich zog ich meine Hand zurück. Sie hatte einen schmerzerfüllten Ausdruck im Gesicht, den ich noch nie bei ihr gesehen hatte. Und wieder fühlte ich mich schlecht. Wie hatte ich nur so etwas tun können?
«Willst du mir dein T-Shirt geben?» Vergebens versuchte sie, das Beben in ihrer Stimme zu überdecken.
Erst jetzt bemerkte ich, dass auch meine Kleidung voller Blut war. Ich zog das T-Shirt aus und überreichte es ihr. Mit zitternden Fingern nahm sie es entgegen und hielt es unter den laufenden Wasserhahn.
«Zieh dir etwas an, wir fahren gleich zum Arzt.»
Ich wusste nicht, was ich da sollte, wagte aber nicht zu widersprechen. Während der Fahrt stellte sie mir eine Menge Fragen. Sie flüsterte absichtlich, damit der Taxifahrer nichts mitbekam. Das fand ich lächerlich, der gute Mann war schließlich nicht blind. Wäre ja noch schöner gewesen, wenn wir uns von einem Sehbehinderten hätten rumkutschieren lassen. Natürlich hatte er die Wunde gleich bemerkt und auch kommentiert, was Iris mit einem gespielt lockeren Lächeln und einer fadenscheinigen Ausrede, «ausgerutscht und hingefallen», abgetan hatte.
Wir sprachen also auf dem Rücksitz dieses miefigen Gefährts. Sie wollte vor allem wissen, was mich zu dieser Brutalität bewogen hatte. Warum, fragte sie immer wieder. Warum ich das getan habe. Ich gab ihr eine Antwort, und eine ehrliche erst noch dazu, die sie jedoch nicht befriedigte. Dann entschuldigte ich mich und schwor, so etwas nie wieder zu tun. Sie schaute mich bekümmert an, als ob sie mir nicht glaubte, und drückte zaghaft meine Hand. Ihre Finger waren eiskalt. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie leise weinte.
«Nie wieder, ich versprech’s.»
Sie dachte eine Weile über meine Worte nach. Ich wollte indes die peinliche Stille füllen, indem ich übers Wetter zu plaudern begann. Das fand sie dann aber so richtig daneben, denn sogleich hieß es wieder: «Sebastian …»
«Sebastian, Sebastian, Sebastian», äffte ich sie nach.
Da wurde ich auf einmal richtig, richtig müde. Ich lehnte sachte den Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen.
«He! Du darfst jetzt nicht schlafen. Wach auf», rief Iris alarmiert und rüttelte mich.
Ich fand das nun nicht in Ordnung von ihr, wie sie den armen Taxifahrer erst mit dem ständigen Flüstern in die Irre geführt hatte, nur um ihm kurz daraufhin mit ihrem hysterischen Gekreische den Schreck seines Lebens einzujagen. Ich schaffte es aber nicht, ihr das zu sagen, denn ich war schon wieder dabei einzunicken. Als ich die Augen schließlich öffnete, standen wir bereits vor der Arztpraxis.
Dr. Brennemann wollte gleich als Erstes erfahren, wie es zu der Kopfverletzung gekommen war. Bevor Iris aus lauter Scham nach dem Taxifahrer auch noch Dr. Brennemann stinkfrech ins Gesicht lügen konnte, klärte ich ihn über die Wahrheit auf. Ich hätte mir keine Mühe machen brauchen, Iris gierte geradezu darauf, mich zu verpfeifen.
«Der war’s! Mit der Bratpfanne!», heulte sie und zeigte dabei mit dem ausgestreckten Finger auf mich. Sie berichtete Dr. Brennemann dann noch von unserem Streit eine Woche zuvor, der mit schmutzigen Füßen auf dem Couchtisch angefangen und mit meinem Ausruf geendet hatte, sie möge doch verrecken, woraufhin sie mir eine geklebt hatte, was sie dem Doktor gegenüber jedoch nicht erwähnte. Als Nächstes thematisierte sie meine Ausreißversuche in jungen Jahren, mein aufbrausendes Temperament und ihren dringenden Verdacht, ich hätte meine Neuroleptika die Toilette hinuntergespült.
Der Doktor hörte sich die Anschuldigungen geduldig an, verzog dabei keine Miene und nickte – ganz der Profi – an den richtigen Stellen.
Dr. Brennemann war ein Arzt wie aus dem Bilderbuch. Oder wie aus dem Arztroman, den ich mal unter Iris’ Bett gefunden hatte. Er sah gut aus, trotz seines fortgeschrittenen Alters, ziemlich männlich auch, aber viel zu geleckt. Ich ging jede Wette ein, dass er nur zu gerne mit entblößtem Oberkörper durch die Praxis stolziert wäre, hätten es die Hygienevorschriften denn erlaubt. Aber so mussten er und die weiblichen Patienten sich halt mit den blonden Haaren zufriedengeben, die sich keck über dem Saum seines Shirts kräuselten. Zur Not konnten sich die liebeshungrigen Damen ja immer noch an seinen ekelhaften Koteletten sattsehen, die fast bis zu seinen brennenden Lenden reichten und bestimmt auch nicht gerade einen Preis in einem Hygiene-wettbewerb gewonnen hätten.
«Hat Sebastian früher schon Anzeichen von Gewalt gezeigt?»
«Nie», beteuerte ich.
«Ja, sehr oft sogar», widersprach Iris. «Aber er hat noch nie so etwas … so etwas Schlimmes getan.»
Die beiden unterhielten sich weiter über mich, als ob ich nicht anwesend gewesen wäre, und Iris erzählte ihm von meinen gelegentlichen Ausrastern während der Internatszeit. Währenddessen begutachtete der Doktor die Verletzung und kam zum Schluss, man müsse die Platzwunde nähen. Er sagte tatsächlich «man», wahrscheinlich um die Spannung zu erhöhen, wem von uns diese Aufgabe zugeteilt würde. Gott sei Dank ergriff er dann doch selbst die Initiative.
Erst einmal holte er aber ein Schmerzmittel, gegen die Schmerzen, wie er uns unwissenden Idioten erklärte. Iris steckte die angebrochene Packung auf seinen Rat hin in ihren roten Lederbeutel, für später, und ich wunderte mich über die Wahl ihrer Handtasche. Normalerweise passte sie diese nämlich penibel ihrem Outfit an. Ihre gesamte Kleidung musste Ton in Ton sein, sonst fühlte sie sich so unwohl, dass sie sich gleich wieder umzog. Nun aber passte gar nichts. Das Rot der Tasche biss sich mit dem Rosa ihrer Bluse, und diese wiederum war unsauber zugeknöpft. Der oberste Knopf steckte im zweitobersten Knopfloch, so dass der Kragen verschoben war. Der Schlag auf den Kopf musste sie doch ziemlich mitgenommen haben.
«Wie lange wird’s denn noch wehtun?», wollte sie wissen.
«Schwer zu sagen», lautete die präzise Antwort.
Um dieses kompetente Fachwissen zu erreichen, musste man also sechs Jahre lang Medizin studieren.
«Die Wunde ist glücklicherweise nicht allzu tief. Bis alles verheilt ist, kann es jedoch gut zwei Wochen dauern. Und selbst danach können immer wieder akute Kopfschmerzen auftreten.»
Als Dr. Brennemann die Wunde abtupfte, verzog Iris das Gesicht, und ich schaute aus dem Fenster. Er nähte die Wunde mit acht Stichen und schnitt den Faden ab.
Dann wurde ich aus dem Behandlungsraum geschickt.
Die ersten drei Nächte auf der Straße machte ich durch, die vierte schlief ich bei ein paar Hausbesetzern, die ich an einer illegalen Freiluftparty in einer Unterführung kennengelernt hatte, in die ich beim nächtlichen Rumtreiben zufälligerweise reingestolpert war. Meine neuen Freunde wohnten in einem verlassenen Fabrikgebäude am Stadtrand, stellten jedoch am nächsten Morgen gleich klar, dass sie keinen Platz für einen weiteren Mitbewohner hatten. Mir war’s egal, ich konnte geradeso gut im Freien übernachten. Am See beispielsweise, oder im Park. Dort traf ich auch das erste Mal auf Hans-Jürgen, der auf einer Parkbank schlummerte. Neben ihm lag Melina, wachsam gegenüber allen Fremden, die ihrem Herrchen zu nahe kamen. Als ich an den beiden vorbeischlenderte, kläffte Melina warnend, wodurch Hans-Jürgen von seinem Schlaf hochschreckte.
«Mach dich nicht an meinen Sachen zu schaffen», knurrte er.
Abwehrend hob ich die Hände. Ich hatte weiß Gott nicht vorgehabt, das stinkende Bündel zu seinen Füßen anzufassen. Da er aufrecht sitzen blieb, darauf wartend, dass ich mich verzog, lief ich ein paar Schritte, bis ich einen Fleck auf der Wiese entdeckte, an dem das Gras einigermaßen bequem aussah, also nicht allzu ausgedorrt, und frei von Tierexkrementen schien. Dort legte ich mich hin, die Sporttasche unter den Kopf geschoben.
Ich hörte das Tapsen von Pfoten und das immer näher kommende Hecheln, bevor mich die raue Zunge mitten im Gesicht traf. Angeekelt schrie ich auf und übertönte dabei Hans-Jürgens erfolglosen Versuch, die Bestie zurückzurufen.
«Hast du deinen Hund nicht im Griff?», blaffte ich ihn an und wischte mir genervt den Sabber vom Gesicht.
«Melina, komm hierher. Das ist pfui.»
Na herzlichen Dank. Musste ich mir von einem, den man fünf Kilometer gegen den Wind roch, sagen lassen, ich entspreche nicht dem Hygienestandard für die feine Zunge seines Köters. Melina trottete zurück zu ihrem Herrchen, und ich schloss erneut die müden Augen.
Kaum war ich in den Halbschlaf abgedriftet, meldete sich Hans-Jürgen nochmal: «He, du.»
Ich grunzte als Zeichen meiner ungeteilten Aufmerksamkeit, wagte aber nicht, die Augen zu öffnen, aus Furcht, geradewegs in die zähnefletschende Visage des Berner Sennenhundes zu starren.
«Was machst du hier», fragte der Parkbankhüter.
Zumindest nahm ich an, dass es eine Frage war, es klang nämlich eher wie eine Feststellung. Doch dem Satzbau nach musste es fast eine Frage sein. Wenn nicht, war ich gerade auf einen verdammt philosophischen Penner gestoßen. Was machst du hier. Besser konnte man meine Situation nicht umschreiben.
«Schlafen», brummte ich. Der Wink sollte auch ohne Hochschulabschluss zu verstehen sein.
«Warum gehst du nicht nach Hause.»
Wieder ein Befund, fast schon aufdringlich.
Ich beschloss, dass ich ihn gut leiden konnte, diesen verwilderten Weisen. Offenbar beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit.
«Hast du Drogen genommen. Du hast Drogen genommen. Jedes Wochenende sehe ich euch im hier im Park herumliegen, manchmal ohne Kleider. Wisst nicht, wie ihr euch zu benehmen habt. Hinterlasst überall euren Dreck. Und auf uns ist man dann wütend. Wegen euch gibt es verschärfte Kontrollen und Platzverbot. Euch kümmert das nicht. Ihr könnt danach in eure Wohnungen gehen und euer schlechtes Benehmen vergessen. Weißt du, was ich am liebsten mit dir machen würde.»
Es entstand eine Pause, in der keiner von uns etwas sagte, bis er fortfuhr.
«Aber Melina, die mag dich. Also bist du gut. Sie spürt so was.»
Also war ich gut. Mein Herz, es schlug nicht mehr. Melina und Hans-Jürgen konnten beide froh sein, dass sie mir zu behaart waren, sonst hätte ich mich an Ort und Stelle in sie verliebt.
«Ich bin weggelaufen», sagte ich und begann zu erzählen.
