Verehrung - Alice Urciolo - E-Book

Verehrung E-Book

Alice Urciolo

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Beschreibung

Die Schule ist aus, der Sommer beginnt – heiß und endlos. Für Vanessa, Vera, Giorgio, Diana und die anderen Jugendlichen in Pontinia, einer Kleinstadt südlich von Rom, geht es um Freundschaft, die große Liebe und die Suche nach Identität. Doch über allem liegt der Schatten eines Dramas: Vor einem Jahr wurde die 17-jährige Elena von ihrem Freund getötet. Zwischen Strandtagen und Sommernächten ringen die jungen Leute mit Trauer, Wut und der Enge eines patriarchal geprägten Umfelds, aus dem einige von ihnen auszubrechen versuchen.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2025

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AliceUrciuolo

VEREHRUNG

ROMAN

AusdemItalienischenvon VerenavonKoskull

Die Reihe NONSOLO limoni wird in kuratorischer Zusammenarbeit mit dem Literaturpreisträger Mario Desiati herausgegeben.

Verehrung

© 2025 nonsolo Verlag, Freiburg

Erste Auflage, September 2025

Titel der italienischen Originalausgabe: Adorazione

Copyright © 2020-2025 66thand 2ndSrl

Lektorat: Irene Pacini

Satz, Umschlaggestaltung und Layout: woerdesigSCN

Foto: © Alessio Albi

Model: Cloe Simoncioni

Con il sostegno del MiC e di SIAE, nell’ambito del programma “Per Chi Crea”

Mit der Unterstützung des MIC und der SIAE im Rahmen des Programms Per Chi Crea.

Questo libro è stato tradotto anche grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Die Übersetzung dieses Buches kam auch dank einer Förderung des Italienischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit zustande.

Druck und Verarbeitung: CPI buch bücher.de GmbH, Birkach

Printed in Germany

ISBN 978-3-947767-30-4

AliceUrciuolo

VEREHRUNG

Inhalt

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Autorin

Übersetzerin

Meinen Eltern und meinem Bruder

1.

Diana schlüpfte in den Trainingsanzug und verließ die Toiletten, sie betrachtete die Mädchen in dieser zu engen und zu stickigen Umkleide, in der man alles roch und alles sah: die nach Shampoo duftenden Haare, den Muff eines benutzten Tampons, ein zu schweres Parfum, die frisch epilierten Beine, die perfekt lackierten Zehennägel. Manche zogen sich bis auf Unterhose und BH aus und spazierten schaulaufend zum Pinkeln, andere besuchten denselben Tanzkurs und machten vor dem Betreten der Turnhalle komplizierte Dehnübungen an den Wänden, an denen sich faschistische DUCE REGNA-Kritzeleien mit Liebeserklärungen mischten. Dianas Lieblingsschriftzug war ein Catull-Zitat, das einer gewissen Chiara gewidmet war: CHIARA, AMO ET EXCRUCIOR.

Nach zwei Jahren Sportunterricht hatte keine ihrer Klassenkameradinnen sie je nackt gesehen, Diana aber jede von ihnen: In ihrem ganzen Leben hatte sie nichts ausgiebiger betrachtet als Frauen. Seit sie klein war, taxierte ihre Mutter die weiblichen Gäste des Restaurants und kommentierte mit ihr deren Aussehen, deshalb wusste Diana ganz genau, welche Frauen Diletta wunderschön fand, denn alle entsprachen einem bestimmten Typ. Diana hatte gelernt, sie zu kategorisieren: Es gab die mit dem gewissen Etwas, und es gab die anderen – sie gehörte zu den anderen. Auch Vera gehörte zu den anderen, dennoch waren sie grundverschieden. Vera hatte etwas, das es schlicht unmöglich machte, sie zu übersehen. Sie war sich jede ihrer Bewegungen bewusst, beherrschte den von ihr eingenommenen Raum. Während sie sich in der Turnhalle das T-Shirt auszog und die kurzen

Hosen zuband, konnte Diana den Blick nicht von ihr losreißen, genauso wenig wie von den anderen Mädchen. Der Gedanke war ihr unangenehm, und doch drängte sich ihr die Frage auf, ob sie diese Mädchen womöglich begehrte. Wenn sie sie aber begehrte, warum träumte sie nie davon, sie zu berühren oder von ihnen berührt zu werden? Und wenn sie sie nicht begehrte, warum hörte sie trotzdem nicht auf, sie anzusehen? Nicht nur in der Umkleide, auch auf der Straße, in Geschäften, im Fernsehen, in ihren Träumen. Überall.

Sie und Vera waren sechzehn Jahre alt und in der Pontinischen Ebene aufgewachsen, umgeben von flachen, trockengelegten Feldern, die nur vom Zement der Wohnhäuser und den schnurgeraden Landstraßen unterbrochen waren, welche den Raum mit geometrischer Präzision durchschnitten. Jeden Morgen trafen sie sich um sieben Uhr fünfundzwanzig an der Haltestelle des COTRAL-Busses, um zum Gymnasium nach Latina zu fahren, und landeten nach einer halbstündigen Fahrt in einer anderen Welt, in der die Klassenkameradinnen aus Latina eine Mascara von Kylie Cosmetics in ihrem Schminktäschchen hatten, sich das Haar jedes Wochenende beim Friseur stylen ließen und im September über ihre Ferien in Kenia oder an ähnlichen Orten redeten. Die checken ja gar nichts, dachten sie, wenn die Mädchen aus Pontinia, Sezze und Priverno fragten, wo das Lokal sei, über das sie gerade redeten, oder zum Bus rannten, um zurück in ihre Käffer zu fahren. Diana fand das verständlich und nahm es ihnen ab. Erst später sollte sie noch etwas verstehen: Man ist immer die Provinz von jemand anderem, auch Latina war Provinz.

Es war die letzte Stunde des letzten Unterrichtstages, und das Schrillen der Schulglocke schleuderte sie dem Sommer entgegen. Am Ausgang lieferten sie sich eine Schlacht mit Luftballonbomben, gefüllt mit Wasser und Mehl. Diana hielt sich abseits, um möglichst nicht werfen zu müssen oder getroffen zu werden. Vera war mitten im Getümmel, zielte auf jeden, während die aus Latina es tunlichst vermieden, sie aufs Korn zu nehmen, und es lieber nicht darauf ankommen ließen. Sie snobbten sämtliche Mädchen von auswärts, bis auf Vera, denn sie spürten, wie cool und lässig sie war, und wussten, dass sie ihnen bei einer Provokation ordentlich eins reinwürgen würde. Die schmerzhafte Erfahrung hatten sie bereits gemacht. Es war ihnen ein Rätsel, wie sie mit Diana befreundet sein konnte, die aussah, als könnte sie sich nicht einmal gegen ihren eigenen Schatten wehren, und doch hingen sie ständig zusammen, als könnten sie nicht anders, als hätten sie keine Wahl.

Als sie zur Haltestelle kamen, war der COTRAL-Bus bereits losgefahren und stand ein Stück weiter vorn an der Ampel. Vera rannte los und klopfte gegen das Seitenfenster. Als der Fahrer sie nass und mehlverdreckt dastehen sah, hob er verneinend den Zeigefinger, doch kurz bevor die Ampel auf Grün sprang, stellte sie sich vor den Bus und blockierte die Straße. Der Fahrer meckerte resigniert und ließ sie einsteigen.

Schon am Sommeranfang litt man in den alten Überlandbussen. In dieser Gegend, die einst Sumpfland gewesen war, stürzte die Hitze auf einen nieder und ließ einen nicht mehr los. Weil es keine Klimaanlage gab, fuhr man mit geöffneten Fenstern, sodass die dürftig befestigten Vorhänge nach draußen flatterten, und die pelzigen Sitze juckten unter den schwitzenden Schenkeln. Vera nahm Dianas Hand und sie setzten sich nach ganz hinten, teilten sich die falschen AirPods mit dem schlechten Sound, die sie beim Chinesen gekauft hatten, hörten Lorde und sangen leise mit.

Als der Bus vor dem naturwissenschaftlichen Gymnasium hielt, stieg Giorgio ein, ebenfalls von Wasserbomben durchnässt. Mit einem Satz war er bei den letzten beiden freien Plätzen ganz hinten, direkt vor Diana und Vera, und stellte den Rucksack auf den freien Sitz neben sich. Er war Veras achtzehnjähriger Bruder, und Diana kam sich in seinen Augen völlig unbedeutend vor. Grüßend drehte er sich zu ihnen um. Diana bemerkte, wie er kurz innehielt, um ihr T-Shirt zu mustern, und verstand nicht, was der Blick sollte. Bestimmt hatte er sie angeguckt, weil sie völlig mehlverschmiert war, also verschränkte sie die Arme vor der Brust, um sich dahinter zu verschanzen.

Ein Junge kam nach hinten und fragte Giorgio, ob er sich neben ihn setzen dürfe. »Nein, sorry, der ist besetzt«, antwortete er, blickte den Gang hinunter und winkte jemandem zu. Diana entdeckte Melissa, die gerade mit ihren Freundinnen Asia und Maria Rita eingestiegen war. Die Mädchen tuschelten kurz, dann drängte sie sich entschuldigend an den stehenden Fahrgästen vorbei durch den Gang.

»Ciao, ihr Hübschen«, sagte sie zu Diana und Vera. Giorgio nahm seinen Rucksack weg, sie setzte sich und er legte ihr den Arm um die Schultern.

Diana warf Vera einen fragenden Blick zu, doch die schüttelte den Kopf: Wenn die zwei wieder zusammen waren, wusste sie nichts davon. Seit zwei Monaten ging es bei den beiden hin und her, da blickte niemand mehr durch.

Diana spähte zwischen den Sitzen hindurch auf Melissa. Wenn sie den Kopf schräg legte, konnte sie die Rundung ihres Busens erkennen, den die blau gefärbten Haarspitzen streiften, und sofort stellte sie sich vor, wie sie in Giorgios Zimmer auf dem Schreibtisch vögelten. Sie konnte nicht anders, auch wenn es sie nervte, wie gern wäre sie an ihrer Stelle gewesen, doch in ihrer Fantasie ging alles durcheinander, mal war es ihr Gesicht, mal Melissas, also drehte Diana die Lautstärke von Ribs auf, um an einen andern Ort zu verschwinden.

Melissa und ihre Freundinnen stiegen in San Michele aus, einem der »Gründungsorte« rund um Latina, ursprünglich eine Ansammlung primitiver Behausungen einstiger Siedler, die während des Faschismus aus dem Veneto gekommen waren, um den Sumpf trockenzulegen. Auch Melissa hatte einen venetischen Nachnamen, Padoan, doch inzwischen hatte sich das Haus ihrer Familie in eine riesige Villa verwandelt, die der Haltestelle direkt gegenüberlag. Jedes Mal, wenn sie daran vorbeigingen, dachte Diana, dass sie eines Tages auch Ärztin werden würde wie Melissas Vater, ein Gynäkologe, doch würde sie als Neurologin arbeiten und bestimmt keine Pillen-Rezepte für die Freundinnen der Tochter ausstellen, denen es peinlich war, zur Beratungsstelle zu gehen. Zwar tat er das nicht oft, doch vor einem Jahr hatte er es für Vera getan, als sie noch mit Francesco zusammen war.

»Sehen wir uns nach dem Mittagessen?«, fragte Vera, als sie endlich in Pontinia ankamen und alle drei ausstiegen. Diana bejahte, verabschiedete sie sich von ihr und Giorgio und ging allein nach Hause.

Es war vierzehn Uhr und die Straßen waren so gut wie menschenleer, in der Mittagsstille drang das Klappern von Besteck und Geschirr, das Klicken von Kühlschranktüren, die Stimme der Fernsehnachrichten aus den Fenstern. Sie überquerte die Piazza Indipendenza, bog beim Teatro Fellini um die Ecke und begegnete Ricotta, der vor der verwaisten Bar vergeblich nach irgendeinem Alten zum Plaudern Ausschau hielt. Sein Gesicht war krebsrot, ausgemergelt und faltig, das inzwischen spärliche, graue Haar war kraus und verfilzt und reichte ihm bis auf die Schultern. Er schob Groll auf die Sikhs, die auf den umliegenden Feldern arbeiteten und die man gar nicht erst ins Land lassen sollte, sonst würde es allen wie seiner Mutter ergehen, die im Krieg von einem Marokkaner vergewaltigt worden war. Ricotta war ständig betrunken, es war sinnlos, ihm zu erklären, dass die Sikhs Inder waren.

Diana bog um die Ecke und kam am kleinen Park vorbei. Sie kannte jedes Stofftier, jedes Foto, jeden Zettel unter dem Banner WIR WERDEN DICH NIE VERGESSEN, KLEINER ENGEL auswendig, deshalb bemerkte sie das neue Foto sofort. Es zeigte Elena und Vanessa am Strand, mit den Fingern formten sie ein Herz. Wieder kamen ihr die Blumen, die volle Kirche, die fassungslosen Gesichter in den Sinn. Vanessa, Giorgio, Gianmarco, Teresa und all die anderen aus der Gruppe, die sich in der ersten Reihe neben Elenas Eltern stumm bei den Händen hielten. Sie, Vera, Nicoletta und die jüngeren Mädchen saßen ganz hinten, auf Abstand, noch immer unsicher, ob sie der Wirklichkeit dieses Sarges vor dem Altar glauben oder daran festhalten sollten, dass sie nur träumten.

Sie stieg die Treppen ihres Wohnhauses hinauf und öffnete die Tür im obersten Stock. Der Tisch war gedeckt und der Fernseher lief. Ihre Mutter hatte ihr Haar in zwei Strähnen geteilt und zu Schnecken aufgedreht, damit sie lockig wurden. Ihr Vater Massimo glaubte noch immer, Dilettas Locken seien echt, in all den Jahren war er ihr nie auf die Schliche gekommen.

An dem Tag war ihre Mutter früher aus dem Restaurant heimgekehrt, saß im Schaukelstuhl und blätterte durch die neueste Chi. Diana hatte ihr tausendmal erklärt, dass sie die Neuigkeiten, die es darin zu lesen gab, auch auf Instagram finden könnte, wenn sie den Models und Schauspielerinnen direkt folgte, und hatte ihr sogar die App auf dem Telefon installiert, doch ihre Mutter kam nicht damit zurecht und blätterte lieber durch die Papierausgabe. Diana warf einen verstohlenen Blick auf die Zeitschrift. Sie tat immer so, als sei sie nicht daran interessiert, und las sie dann doch heimlich. Das Titelfoto zeigte eine Schauspielerin auf der Straße, die einen Kinderwagen vor sich herschob, einen Mann an ihrer Seite, und die Schlagzeile lautete: Mit Paolo kehrt die Liebe zurück. Sie trug braune Cargohosen und ein geripptes Top, eine dunkle Sonnenbrille, das Haar zu einem nachlässigen Knoten gebunden. Sie hatte nichts von der Frau, die man aus Film und Fernsehen kannte und die so perfekt aussah, dass man sich fragte, ob sie gephotoshoppt war – »Die sind alle gephotoshoppt«, pflegte Diletta zu sagen. Sie freute sich, wenn sie auf einen Schnappschuss stieß, der die Stars zeigte, wie sie wirklich waren: In Jeans, ungeschminkt und unfrisiert. Aber sie freute sich auch, wenn sie hinreißend, überirdisch und unerreichbar aussahen. Der Traum und der kleine Trost: Ihre Mutter wollte beides.

Im Sommer sah man in Sabaudia Leute mit gezücktem Handy über den Strand hasten: Sie hatten gehört, Fußballstar Totti und seine Frau Ilary würden irgendwo in der Sonne liegen. Hatten sie sie aufgespürt, versuchten sie, ein Selfie mit ihnen zu ergattern oder sie wenigstens zu knipsen. Wenn schon nicht in Gänze, dann doch wenigstens ein Bruchstück: Einen Arm, ein Bein, einen Knöchel. Ein Knöchel von Totti war auch in Ordnung. »Hast du sie gesehen?« Sie zogen das Telefon heraus. »Ich schon, hier ist das Foto.« Sie waren ganz aufgeregt und stolz. Wesen von einem anderen Stern hatten der Erde einen Besuch abgestattet, und sie gehörten zu den Glücklichen, die den Moment für alle festgehalten hatten. Dann blickte Diletta vom Restaurant zum Strand und seufzte: »Wer weiß, ob Totti und Ilary irgendwann mal hierher zum Essen kommen.«

Zehn Jahre zuvor hatte Massimo ein Lokal gefunden, das über eine Terrasse mit Meerblick verfügte, und beschlossen, dort ihr Familienrestaurant zu eröffnen. Le Rocce war zwanzig Autominuten von zu Hause entfernt, man musste die gesamte Pontinische Ebene durchqueren, bis die unter der Schwüle liegenden Felder am Horizont dem Meer wichen. Hatte man die schnurgerade querenden Landstraßen, die halbfertigen Betonbauten und die Turban tragenden Inder hinter sich gelassen, die den ganzen Tag Tomaten und Kiwis für einen Hungerlohn ernteten, traute man seinen Augen kaum, wenn sich plötzlich vor einem das Meer auftat. In dieser Ebene gab es nichts außer Felder und Beton, doch ganz hinten, ganz am Ende, stieß man auf das Meer von Sabaudia, das sogar VIPs anzog.

Diana ging ins Bad, um zu duschen, schlüpfte aus den nassen Jeans und warf sie auf den Boden. Sie betrachtete die unregelmäßige Form des Muttermals, das sich über ihren Schenkel und die rechte Pobacke zog und vom Spiegel in voller Größe zurückgeworfen wurde. Deshalb zog sie sich in der Schule immer auf dem Klo und nie vor ihren Klassenkameradinnen aus Latina um, deren Kommentare sie sich nicht einmal vorzustellen wagte, sollten sie es je zu Gesicht bekommen.

»Dafür hast du schöne Beine«, pflegte ihre Mutter zu sagen.

Dafür.

Das Muttermal war nicht viel dunkler als die Haut, von einem kräftigen und dennoch zarten Rosa, doch man sah es trotzdem, und in Dianas Augen war es nicht zu übersehen. Ein paar Monate zuvor hatte sie gelesen, man könne es wegmachen lassen, und ihre Mutter gedrängt, mit ihr zu einem Hautarzt zu gehen. Der Arzt hatte ihre Hoffnung bestätigt, doch um es zu entfernen, müsse man abwarten, bis Diana und mit ihr das Muttermal zu wachsen aufhörten, also mindestens, bis sie achtzehn sei. Diana war enttäuscht, sie hatte gehofft, man könnte es sofort entfernen lassen. Der Dermatologe fragte, warum sie das wolle. Sie antwortete, es sei hässlich, und er fing an zu erklären, es sei alles andere als hässlich und mache sie obendrein einzigartig, nur sie habe es und sonst niemand. Für Diana klang das nach der üblichen Floskel, die jemand ohne ein riesiges Muttermal zu jemandem mit einem riesigen Muttermal sagt. Wir oft hatte sie diese Leier gehört: Es gibt keine vollkommenen Körper, jeder ist anders, nicht einmal die beiden Hälften eines Menschen sind gleich … All das wusste sie zur Genüge, und doch war das Muttermal für sie nicht hinnehmbar.

Als sie an jenem Tag vor ein paar Monaten auf dem Heimweg waren, ging ihr auf, dass sie den Hautarzt nicht gefragt hatte, wo sie den Eingriff würde vornehmen lassen können. Bestimmt weder in Pontinia noch in Latina. Sie würde woanders hinmüssen.

Sie wusste nicht, was es woanders gab.

2.

Giorgio und Vera kamen vor ihrem Haus an, einem dreistöckigen, von einem kleinen Garten umsäumten Wohngebäude. Ihre Großmutter Stella, die im Erdgeschoss wohnte, saß um diese Uhrzeit immer am Fenster, sah sie kommen und betätigte den Türöffner. Beim Eintreten bemerkte Vera neue Kerzen und neue künstliche Blumen rings um die Statue der Jungfrau Maria am Ende des Eingangsflurs. Sie hatte die Logik nie begriffen: Wenn die Großmutter ständig die Blumen auswechseln musste, warum nahm sie dann keine echten? »Echte sind hässlicher«, sagte Stella, künstliche hingegen seien perfekt, ohne die kleinste Macke, und es sei eine schöne Geste, sie hin und wieder auszuwechseln. Das Gleiche tat sie auf dem Friedhof am Grab des Großvaters, der vor zwei Jahren gestorben war.

Kaum waren sie eingetreten, hörten Vera und Giorgio ein Klopfen, vor der gläsernen Eingangstür stand ihre Cousine Vanessa. Sie ging auch in Latina zur Schule, aufs Manzoni-Gymnasium, und war ebenfalls von Kopf bis Fuß nass.

»Bist du mit Gianmarco zurückgekommen?«, fragte Giorgio und ließ sie herein.

»Ja, er war heute auch in Latina.«

»Ich muss dir übrigens noch was sagen«, wandte sich Giorgio mit vertraulich gesenkter Stimme an seine Cousine.

Vanessa grinste. »Ist es das, was ich glaube?«

Vera verabschiedete sich, ließ die beiden wie immer allein weiterreden, ging zur Wohnungstür im ersten Stock und trat ein. Es war niemand da, ihre Mutter Enza war bei ihrer Schicht im Krankenhaus und hatte ihnen zwei abgedeckte Teller auf dem Tisch gelassen. Sie ging in ihr Zimmer und stellte den Rucksack auf den Schreibtischstuhl neben die Fotos, die sie für Vanessas achtzehntem Geburtstag hatte ausdrucken lassen. Wieder überlegte sie, dass sie aktuellere Bilder hätte aussuchen sollen, doch waren die nicht so schön wie die Bilder aus ihrer Kindheit, als sie und Vanessa wirklich glücklich miteinander gewesen waren.

Vanessa hatte schon vor geraumer Zeit beschlossen, nicht zu feiern, und es allen gesagt, doch ihre Mutter Manuela konnte sich nicht damit abfinden. Ihr war klar, dass ihre Tochter noch immer wegen Elena litt, doch bestimmt hätte ihre beste Freundin sie an diesem Tag glücklich sehen wollen, außerdem wurde man nur einmal volljährig: Manuela wusste sehr wohl, dass ein Wimpernschlag genügte, um eine falsche Entscheidung zu treffen, die man ewig bereute.

Also hatte sie mit Vanessas Freund Gianmarco darüber gesprochen. Die beiden waren zusammen, seit sie vierzehn und er sechzehn war, und Manuela vergötterte ihn, er war zweifellos der hübscheste und netteste Junge der Welt und obendrein der Sohn des Bauunternehmers Dario Crociara. Die Crociaras wiederum waren die perfekte Familie, gesund, reich und glücklich – es war egal, dass Dario und seine Frau Serena einander ständig betrogen, alle in Pontinia wussten das, und genau wie alle anderen tat Manuela so, als wäre nichts.

Gianmarco lebte einzig und allein für Vanessa, und tatsächlich hatte Manuela nur sagen müssen, »wenn wir nichts für sie organisieren, wird sie depressiv«, da hatte er sich schon darangemacht, eine Geburtstagsparty mit ihren Freunden und engsten Verwandten auf die Beine zu stellen. Nichts Überkandideltes, hatte sich Manuela ausbedungen, nicht wie die Schwester von Giada, die ihren Achtzehnten mit dem Motto Dschungelbuch gefeiert hatte, samt zahmer Boa für die Fotos. Nur eine kleine Party, damit sie nicht allein war.

Enza pflichtete ihrer Schwester bei und hatte in der Woche zuvor darauf bestanden, dass auch Vera und Diana etwas für Vanessa vorbereiteten, einen Geburtstagsbrief, ein Video, ein Plakat… Jeder sollte sich an dem Tag ins Zeug legen, um sie das Fehlen der besten Freundin nicht allzu sehr spüren zu lassen. »Aber klar, ihre beste Freundin«, hatte Vera geblafft. Ihre Mutter hatte gefragt, was sie damit sagen wolle, obendrein in diesem Ton, und sie hatte geantwortet: »Vanessa konnte Elena nicht ausstehen, außerdem war sie eifersüchtig auf sie.« Daraufhin hatte Enza instinktiv das getan, was sie sich niemals zugetraut hätte: Sie hatte ihrer Tochter eine geknallt. Sie und Vera hatten sich ein paar Sekunden lang angesehen, eine verdatterter als die andere, dann war Enza weggegangen und sie hatten nicht mehr darüber gesprochen.

Doch Vera bereute das Gesagte kein bisschen, sie glaubte es wirklich. Vanessa konnte Elena nicht ausstehen, ebenso wenig wie all ihre anderen Freundinnen: Sie mochte Mädchen nicht, sie war die Königin der Jungs, nur das zählte für sie. Sie war die Schönste von Pontinia, wenn sie über den Platz ging, drehten sich alle Männer nach ihr um, ob alt oder jung, sogar Kinder. Gianmarco platzte fast vor Stolz, wenn er mit ihr unterwegs war, er war wirklich der passende Freund für sie, ein kleiner, neureicher Fascho, der an ihren Lippen hing. Die Leute verwechselten seine Treuherzigkeit mit Herzensgüte, doch Gianmarco war nicht sonderlich gut, er war nur dumm, und genauso wollte Vanessa ihn: vollkommen hörig, immer zu Diensten und wie alle anderen stets bereit, ihr jegliche Wünsche zu erfüllen.

Vera konnte sich noch gut an Elenas letzten Geburtstag im Mai vergangenen Jahres erinnern. Sie und Vanessa hatten zusammen die Kleider anprobiert, die ihre Großmutter für sie genäht hatte. Stella war ihr Leben lang Schneiderin gewesen, und brachte man ihr ein Foto mit einem Kleid von Bella Hadid, Madison Beer oder Kim Kardashian, hatte sie im Handumdrehen eine perfekte Kopie davon angefertigt. Enza und Manuela erzählten gern, als junge Mädchen hätte ganz Pontinia sie um ihre Kleider beneidet, und wenn die Großmutter etwas für Vera oder Vanessa nähte, wollten sie es unbedingt sehen. Also hatten die beiden Mädchen vor dem Geburtstagsabend eine Modenschau im Wohnzimmer veranstaltet, um sich von ihren Müttern und Vanessas Vater Walter bewundern zu lassen.

»Ihr seht umwerfend aus«, hatte Manuela gesagt.

Vanessa hatte geschnaubt. »Nein. Ich mag nicht, wie der Rock fällt.«

Vanessas Aufzug war die exakte Nachbildung eines Sofia-Jamora-Outfits, und der Rock saß perfekt. Doch aus irgendeiner Laune sah Vanessa das anders.

»Wollen wir tauschen?«, sagte sie und musterte den Rock ihrer Cousine.

»Aber das ist meiner…«, protestierte Vera.

»Und der Pulli, den du heute morgen anhattest, ist meiner.«

Vera wusste, wie es lief, wenn Vanessa sich in etwas verbohrte. Ihre Tante Manuela hatte als Erste angefangen: »Na los, tauscht doch, die sind sowieso genau gleich.« Vera hatte ihre Mutter angesehen, doch Enza stellte sich nie gegen die Familie ihrer Schwester. »Na komm, lass sie ihn anprobieren«, hatte sie in diesem wachsweichen Ton gesagt, den Vera hasste, weil er in Wirklichkeit ein Flehen war, das so viel hieß wie: »Bitte, stell dich nicht an, mach keinen Aufstand«.

Also hatte sie ihr Outfit Vanessa überlassen. In der Schule zollten ihr selbst die Älteren aus Latina Respekt und hätten sich so eine Frechheit nie erlaubt, doch in der Familie musste sie klein beigeben, nichts gehörte wirklich ihr. Weder das Haus, in dem sie wohnte, das der Großvater zusammen mit Onkel Walter für alle drei Familien gebaut hatte, noch die Klamotten, die sie zu einem Großteil von Vanessa geerbt hatte, sogar der Anfangsbuchstabe ihres Namens gehörte zuerst Vanessa. Ihr gehörte rein gar nichts, nicht einmal dieser Rock.

Wäre ihr Vater nicht fortgegangen und nach Mailand gezogen, wäre sie jetzt sicher nicht in dieser Situation. Er ließ nie von sich hören, doch hatte sie ihn auf Instagram gefunden und ging jeden Tag auf sein Profil, wie man es bei den Ex-Freundinnen der Jungs macht, mit denen man zusammen ist, oder bei den neuen Freundinnen der Jungs, mit denen man zusammen war. Seit einiger Zeit hatte er eine neue Lebensgefährtin, die wie eine Dame aussah und aus einer anderen Welt zu kommen schien. Den Rock, den sie ihre Großmutter hatte schneidern lassen, hatte sie an ihr auf Instagram gesehen. Das Original stammte von Elisabetta Franchi und war sauteuer. Nachdem sie ihn am Abend von Elenas Geburtstag Vanessa überlassen hatte, hatte sie ihn nie mehr getragen.

»Bist du wieder mit Melissa zusammen?«, fragte Vera ihren Bruder, der in die Wohnung gekommen war und sich mit ihr an den Tisch gesetzt hatte.

Giorgio gab ein widerwilliges Nuscheln von sich.

Vera grinste. »Diana war eifersüchtig.«

Sie versuchte seinen Blick zu erhaschen, um ihn zum Reden zu bringen, doch er ging nicht darauf ein. Seit Jahren wusste sie, dass Diana in Giorgio verknallt war und versicherte ihr, ihm niemals auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, und seit Jahren tat sie es dann doch, in der Hoffnung, damit einen Draht zu ihm herzustellen. Doch es half nichts, über keine seiner Freundinnen hatte Giorgio ihr je etwas erzählt. Sie wäre gern wie diese unzertrennlichen Geschwister gewesen, die man aus Filmen kannte, die alles teilten und sich alles anvertrauten, doch sie beide waren nicht so. Vera war froh, ihn als großen Bruder zu haben, froh, ihn zu begrüßen, wenn er mit seinen älteren Freunden zusammenstand – dann gab Giorgio ihr sogar zwei Wangenküsse und strich ihr über den Kopf –, doch wenn sie beide allein waren, hatte sie ständig das Gefühl, er hielte sie auf Abstand, und konnte sich den Grund nicht erklären. Hatte er keine Lust, mit ihr zu reden? Hielt er sie für zu klein, für zu blöd? Was war es sonst? Sie beneidete die Mädchen, die mit ihrem Bruder gingen, und vielleicht rieb sie ihm Diana ständig unter die Nase, weil sie wusste, dass ihre Freundin harmlos war und nie bei ihm landen würde. Im Vergleich mit den anderen war Diana keine echte Konkurrenz.

Doch vor allem beneidete Vera ihre Cousine. Seit Elena nicht mehr da war, waren Giorgio und Vanessa noch unzertrennlicher geworden, und die Mauer zwischen ihnen und ihr erschien inzwischen unendlich hoch und unüberwindlich. Sie war eifersüchtig auf ihre Vertrautheit, auch wenn es in ihren Unterhaltungen, die sie gelegentlich auf der Terrasse aufschnappte, immer nur um albernen Schwachsinn zu gehen schien, wie damals, als Vanessa glücklich zu ihm gesagt hatte »endlich geschafft«, und Giorgio hatte mit ihr abgeklatscht und sie hatten losgeprustet. Sie sprachen vom Kacken.

Alberner Schwachsinn. Dinge, über die sie und ihr Bruder niemals zu reden vermocht hätten.

3.

Diana kam gegen drei, an der Tür lief ihr Giorgio über den Weg, der mit einer Fußballtasche die Wohnung verließ, um zu den Bolzplätzen zu gehen. Weil sie sich erst vor gut einer Stunde voneinander verabschiedet hatten, wechselten sie nur eine knappe Geste. Vera erwartete sie in ihrem Zimmer, sie mussten das Geschenk für Vanessa fertig machen. Sie hatten ein Album gekauft und schon ein paar Fotos hineingeklebt, jetzt vervollständigten sie es, dann mussten sie noch den Einband mit Herzen, Aufklebern und Glückwünschen verzieren.

»Echt wahr, dass er dir nichts gesagt hat?«, fragte Diana noch einmal.

»Leider nein«, erwiderte Vera knapp. Seit Diana angekommen war, hatte sie nicht eine Sekunde lang aufgehört, von ihrem Bruder zu reden. »Was ziehst du morgen Abend eigentlich an?«, fragte sie und wechselte das Thema.

»Weiß ich noch nicht.«

»Zieh das mit den Rüschen an.«

»Das ist mir inzwischen zu kurz«, antwortete Diana.

Vera warf ihr einen entnervten Blick zu, dann kamen sie zum hundertsten Mal auf das Muttermal zu sprechen.

»Glaubst du echt, wenn du das Kleid anziehst, glotzen die Leute auf dein Muttermal?«, fragte Vera. Sie wusste nicht mehr, was sie sich noch ausdenken sollte, um ihr diese fixe Idee auszutreiben. Auch Diana war das Thema inzwischen leid, also zuckte sie stumm die Schultern und fuhr fort, das »i« von Auguri auszumalen. Vera begriff, dass es besser war, es dabei zu belassen, und stand auf, um einen Blick aufs Handy zu werfen.

»Och nee…«, sagte sie, als sie die gerade eingegangene Whats-App-Nachricht las.

»Was ist?«

»Raffaele.«

»Ist er noch immer beleidigt?«

Vera nickte.

»Du hättest aber auch ein bisschen netter zu ihm sein können.«

»Ich war doch nett.«

Diana verdrehte theatralisch die Augen. » ›Du hast es nicht geschafft, mich zum Orgasmus zu bringen‹ ist nicht gerade besonders nett.«

Vera seufzte. Schon als sie mit Francesco zusammen war, hatte sie die ganze Zeit nur so getan, als ob, und hatte die Nase voll davon: Raffaele gefiel ihr, sie fand es undenkbar, in dieser Sache nicht ehrlich zu ihm zu sein und eine weitere Beziehung auf Lügen zu bauen. Doch das Problem hatte sich ohnehin erledigt, denn er wollte nicht mehr mit ihr gehen.

Sie legte das Telefon weg und ließ sich aufs Bett neben das einzige Wesen fallen, das in der Lage gewesen war, ihr Freude zu bereiten: Camy, der Plüschpinguin, den sie seit ihrer Kindergartenzeit besaß. Mit dreizehn hatte Vera sich an ihm gerieben und ihren ersten Orgasmus gehabt, doch leider sofort gedacht, dass das, was sie empfunden hatte, kein richtiger Orgasmus, sondern ein Signal ihres Körpers sei, zum vollständigen Geschlechtsverkehr bereit zu sein. Wenn es allein schon so schön war, vermochte sie sich gar nicht auszumalen, wie es sich anfühlen musste, Sex mit einem Jungen zu haben. Die Überlegung besaß eine gewisse Logik, doch bei ihrem ersten Mal mit Francesco hatte sie nichts Besonderes empfunden, nicht einmal das, was sie fühlte, wenn sie sich selbst anfasste. Irgendwann hatte sie sogar versucht, ihm zu erklären, was er tun sollte, doch hatte das nur ein einziges, klägliches Mal geklappt.

Als Vera ihr von Camy erzählt hatte, hatte Diana ebenfalls versucht, sich anzufassen, und nach ein paar Experimenten hatte sie es sogar geschafft, zu kommen. Daraufhin hatte sie es auch mit einem Jungen getan, aber nur ein einziges Mal vor einem Jahr, und es war grauenvoll gewesen, viel grauenvoller als Veras erstes Mal. Es war so trostlos gewesen, dass sie inzwischen Mühe hatte zu glauben, es könnte wirklich schön sein.

»Gleich muss ich zu Jonathan«, sagte Vera und nahm das Album hoch, um es genauer zu betrachten. Es war super geworden, am Ende war sie doch froh, es gemacht zu haben, auch Diana schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein.

»Soll ich dich begleiten?«, fragte Diana.

Vera grinste. »Du bist so was von maso.«

Diana versetzte ihr einen Schubser. Vera ging am Zimmer ihres Bruders vorbei, sah, dass er seine Trinkflasche auf dem Schreibtisch vergessen hatte, und nahm sie mit.

Zweimal die Woche begleitete Vera Jonathan, den achtjährigen Sohn einer Kollegin von Enza, zum Fußballtraining. Seit ihr Vater fortgegangen war, hatte sie immer irgendwelche Jobs gehabt, aber dieser war bei Weitem der beste, denn sie konnte Zeit mit Giorgio verbringen, der seit ein paar Monaten Hilfstrainer in der Fußballschule war und in diesem Sommer die Kindercamps leiten würde.

Vera und Diana holten Jonathan vor seinem Haus ab. Der Junge rannte Vera in die Arme und brachte ihr wie jedes Mal ein Bild mit, das er für sie gemalt hatte. Zu dritt machten sie sich auf den Weg zu den Bolzplätzen, Vera und Jonathan verschwanden in der Umkleide und Diana setzte sich nach draußen, um auf sie zu warten.

Die anderen Kinder wurden von ihren Müttern begleitet, nicht einmal eine große Schwester war dabei, doch Vera machte es nichts aus, die einzige Jugendliche zu sein, unangenehm wurde es nur, wenn sie auf Agnese traf, die Mutter von Elena und Tommaso. Dann fühlte sie sich genötigt, etwas zu sagen, doch wollte ihr nie etwas Passendes einfallen, also lächelte sie, fragte Tommaso, wie es in der Schule gewesen war, und ging mit einem gähnend flauen Gefühl im Magen davon, das sich einfach nicht legen wollte. An dem Tag standen sie zum Glück weit weg, Vera streifte Jonathan das Trikot über, und sie gingen zusammen hinaus. Er erzählte ihr gerade, wie die Lehrerin letzte Woche mit ihm geschimpft und gesagt hatte, er habe die schlechteste Hausaufgabe der ganzen Klasse abgeliefert.

»Und du hast der alten Kuh keinen Tritt verpasst?«, fragte Vera.

Jonathan prustete los, aufgekratzt wegen des Schimpfworts und der Vorstellung, etwas Unerlaubtes zu tun. »Aber sie ist die Lehrerin!«

»Na und? Was denkt die sich?«

In dem Moment hörte Vera hinter sich ein weiteres Lachen. Sie dreht sich um und sah einen Jungen, der die gleiche Kluft trug wie ihr Bruder. Sie brauchte ein paar Sekunden, um ihn zu erkennen: Es war Christian, Teresas Freund, der gerade aus der Trainerumkleide hinter ihnen gekommen war.

»Ciao, Ve‘«, sagte er im Vorbeigehen.

Als Vera antwortete, hatte er sie schon überholt. Sie sah, wie er Diana zuwinkte, die vor ihnen auf einer Bank saß. Jonathan ließ ihre Hand los und rannte zu einer Gruppe kleiner Jungs hinüber. Vera gesellte sich zu ihrer Freundin.

»Trainiert Christian jetzt auch?«, fragte Diana.

»Scheint so«, antwortete Vera und überlegte, dass ihr Bruder nichts davon gesagt hatte. »Lass uns gehen, ich muss die hier Giorgio geben«, sagte sie und zog die Trinkflasche aus der Tasche.

Sie fanden ihn auf dem Spielfeld, zusammen mit Christian und mit Cesare, dem Cheftrainer und Leiter der Schule. Wie jedes Mal, wenn sie Giorgio gegenüberstand, verkrampfte Diana, panisch bei der Vorstellung, eine blöde Bemerkung zu machen, und überlegte, was sie sagen sollte, obwohl er sie gar nichts gefragt hatte. Sie wusste, dass sie damit alles nur schlimmer machte, doch sie konnte nichts dagegen tun, es passierte einfach.

»Hast du gesehen? Christian ist diesen Sommer auch dabei«, sagte Giorgio.

»Ja, wir haben uns vorhin hallo gesagt«, meinte Vera. Sie wollte ihm gerade die Flasche geben, als ein Junge vom Spielfeldrand nach ihm rief.

»Entschuldigt«, sagte Giorgio und ging davon, ohne die Geste seiner Schwester zu bemerken. Cesare folgte ihm, und Diana, Christian und Vera blieben allein zurück.

»Wieso kommt es mir vor, als hätte ich dich seit Jahren nicht gesehen?«, fragte Christian Vera unvermittelt.

Vera spürte, wie er sie musterte. Sie kannte diese Worte, diesen Blick. »Seit wir auf dem Gymnasium in Latina sind, gehen wir hier viel seltener aus«, antwortete sie knapp. Es war normal, dass sie sich nicht oft über den Weg liefen: Christian ging in Priverno zur Schule, im Bus begegneten sie sich nie.

»Du bist ganz schön groß geworden«, fuhr er fort und starrte sie noch immer an.

Diana stand ein wenig abseits und zwang sich, über die abgedroschenen Phrasen nicht zu lachen, an die sie inzwischen genauso gewöhnt war wie daran, dass alle nur mit Vera redeten, obwohl sie neben ihr stand.

»Kommst du zu Vanessas Geburtstag?«, bohrte Christian weiter.

»Klar«, antwortete Vera. Noch eine blöde Frage, Vanessa war ihre Cousine, wie hätte sie nicht hingehen können. »Wir setzen uns, ciao«, sagte sie brüsk, steckte die Trinkflasche in die Tasche zurück, nahm Dianas Hand und ging davon. Sie hatte seine Aufmerksamkeit erregt, ohne irgendetwas dafür tun zu müssen. Bei allen Jungs, die nicht ihr Bruder waren, ging das ganz leicht.

Es war so heiß, dass es von den Rängen aus schien, als würde das Spielfeld dampfen, die Trikots der Jungen troffen vor Schweiß, Vera und Diana saßen reglos in einem Stückchen Schatten und schwitzten trotzdem.

Vera nahm einen Schluck aus der Flasche ihres Bruders und hielt sie Diana hin.

»Willst du?«

Diana nickte, sie verging vor Durst.

»Kannst austrinken«, sagte Vera. In dem Moment bekam sie eine Benachrichtigung auf Instagram. Christian hatte angefangen, ihr zu folgen. Sie blickte zum Spielfeld, sah, dass er mit dem Telefon in der Hand auf der Bank saß, und musste lachen.

»Was ist?«, fragte Diana und gab ihr die leere Flasche zurück.

Vera hielt ihr das Handy hin. Jetzt hatte Christian ein altes Foto von ihr gelikt und ihr eine Nachricht auf Direct geschrieben: Siehst du, dass du vor einem Jahr noch viel kleiner warst?

»Was will der denn? Ist der nicht mit Teresa zusammen?«, fragte Diana.

Vera zuckte die Schultern. »Glaube nicht, dass das ein Problem für ihn ist.«

Diana blickte wieder aufs Spielfeld. Giorgio hielt der Schwüle nicht länger stand und zog das Trikot aus. Es gab da etwas, das sie wahnsinnig mochte und am Strand immer bewunderte: Das Profil der Beckenknochen und diese beiden symmetrische Grübchen, die sich von den Hüften bis unter das Gummibund der kurzen Hosen zogen. Giorgio warf sich das Trikot über die Schulter und fuhr fort, den Kindern mit ruhiger Stimme Anweisungen zu geben. Die Grübchen leuchteten in der Sonne, der Schweiß ließ sie glänzen, und Diana verlor sich in diesen beiden Hautsenken, meinte, sie berühren zu können, ihre Form und Wärme unter den Fingern zu spüren.

Sicher, alles wäre einfacher gewesen, wenn sie anders gewesen wäre. Wenn sie strategisch vorgegangen wäre, ihn ignoriert, vor seinen Augen einen anderen geküsst hätte. Aber dazu war sie nicht fähig, und vor allem hätte sie Giorgio niemals mit einem Trick erobern wollen: Sie wollte ihn ohne Täuschung für sich gewinnen, unwiderstehlich für ihn sein, sehen, wie er sich über sie beugte, um jeden Zentimeter ihrer Haut zu küssen, angefangen bei den Fußspitzen. Niemals hätte sie diese Schwäche ausgenutzt und ihm den Dolch in den nackten Rücken gerammt, den er ihr zuwandte.

Sie blickte zu Vera hinüber, die seltsamerweise noch keine blöde Bemerkung abgelassen hatte, doch ihre Freundin hing über dem Handy, scrollte durch ihren Instagram-Feed und hatte nichts mitbekommen. Nach der Hälfte des Spiels ging Diana auf, dass sie zu viel Wasser getrunken hatte.

»Ich gehe pinkeln. Kommst du mit?«

Vera murmelte etwas, den Blick auf das Display geheftet, sie hatte nicht die geringste Lust, dieses Fitzchen Schatten zu verlassen und in der sengenden Sonne bis zu den Toiletten zu latschen.

»Okay, schon gut«, sagte Diana und stand auf.

Als sie bei den Toiletten war, öffnete sie die alte Blechtür, die ein ohrenbetäubendes Quietschen von sich gab. Niemals wäre sie dort hineingegangen, wäre es nicht wirklich dringend, alles ekelte sie an: Die Fliesen waren erdverdreckt, es gab kein Klopapier, und aus den Abflussrohren stank es widerwärtig. Sie beugte die Knie und pinkelte in halber Hocke, ohne die Klobrille zu berühren. Als sie fertig war, zog sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischte sich ab. Vom Spielfeld war Giorgios Stimme zu hören, nur wenige Meter von ihr entfernt. Er rief die Jungen beim Namen, feuerte sie an, flachste mit ihnen herum.

Diana wischte sich noch einmal mit dem Taschentuch ab, dann noch einmal und ein weiteres Mal, und ließ es in die Kloschüssel fallen. »Halt, halt, komm her! Versuch es noch einmal langsamer«, sagte Giorgio.

Diana stand auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, schloss die Augen und fuhr fort, sich mit den Fingern zu berühren, das Bild von Giorgios Grübchen vor Augen, von den Schweißperlen, die daran hinabrannen.

Als Diana zum ersten Mal gekommen war, hatte sie im Gegensatz zu Vera geglaubt, sie hätte sich verletzt, und einen Schreck gekriegt. Sie hatte immer nur gehört, ein Orgasmus sei ein hinreißendes Gefühl, doch seit jenem Mal war sie zu dem Schluss gekommen, dass da außer der Lust auch ein Fünkchen Schmerz war. Sie hatte Vera gefragt, ob sie es genauso empfand, doch Vera hatte lediglich geantwortet, sie würde sich mal wieder viel zu viele Gedanken machen. In den folgenden Jahren hatte sie weiterhin vergeblich nach einer Erklärung gesucht, bis sie sich ihr erstes Anatomiehandbuch gekauft und das Kapitel über das Gehirn gelesen hatte. Dort hatte sie gelesen, dass zwei der während des Orgasmus aktivierten Regionen, die Insula und der Gyrus cinguli, mit der Schmerzempfindung verknüpft seien. Dasselbe hatte sie vor nicht allzu langer Zeit noch einmal in einer Doku über den weiblichen Orgasmus gehört, die sie auf Netflix gefunden hatte. »Es gibt da einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Schmerz und Lust, der sich uns entzieht«, sagte einer der interviewten Ärzte. »Wir können das Phänomen nicht genau erklären.« Diana konnte es auch nicht.

Sie fragte sich oft, was sie empfinden würde, wenn Giorgio sie zum Höhepunkt brächte, und auch, was er empfand, wenn er kam, was Männer empfanden.

Kaum war sie fertig, schob sie sich das Kleid herunter und zog den Slip wieder hoch. Weil die Spülung sowieso nicht funktionierte, ließ sie alles so, wie es war, und verließ hastig die Toiletten.

4.

Wieder erwachte Vanessa mit schmerzendem Kiefer, inzwischen passierte das fast jeden Morgen und sie konnte sich den Grund nicht erklären. Sie versuchte, sich darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen, denn nach einer Weile verschwand das Gefühl wieder. Sie stand auf, wusch sich das Gesicht und ging in die Küche, wo auf dem Tisch ein Stück Mürbeteigkuchen mit einer Geburtstagskerze und einer Glückwunschkarte auf sie wartete. Ihre Eltern hatten es ihr hingestellt, das taten sie seit ihrer Kindheit.

FÜR UNSER KLEINES MÄDCHEN, DAS HEUTE ACHTZEHN JAHRE ALT WIRD.

Manuela stand erwartungsvoll am Herd, umarmte sie und sagte, zum Mittagessen gebe es Crêpes, ihr Lieblingsessen. Vanessa bedankte sich, vor allem war sie dankbar, dass ihre Mutter sich damit abgefunden hatte: Dies war ihr achtzehnter Geburtstag, an dem sie sich nichts weiter wünschte als ein Mittagessen im Familienkreis und ein Abendessen mit ihrem Freund, keine Party, kein Festmenü, keine Veranstaltungen mit zu vielen Menschen. Elena war am 3. August letzten Jahres ermordet worden, zehn Monate waren vergangen, und alle schienen die Sache hinter sich gelassen zu haben. Man hatte den Fall schnell aufgeklärt, die Zeitungen hatten aufgehört, darüber zu berichten, in den Fernsehnachrichten war nicht mehr die Rede davon, und nun konnten es alle kaum abwarten, zu ihrem Leben zurückzukehren und Spaß zu haben, außer Vanessa. Elena fehlte ihr wie am ersten Tag, und wenn sie an die Zukunft dachte, sah sie nur schwarz, als gäbe es keinen Ausweg mehr. Der Sommer, der vor ihr lag, erschreckte sie zu Tode.

Inzwischen sprach auch sie nicht mehr darüber, es war sowieso kaum jemand bereit, ihr zuzuhören. Nach den ersten zwei Monaten hatten Teresa und Rosaria dichtgemacht, und Vanessa begriff nicht, wieso: Sie war Elenas beste Freundin gewesen und im Gegensatz zu Teresa und Rosaria mit ihr aufs Gymnasium gegangen, trotzdem hatten alle vier ein enges Verhältnis gehabt. Wie konnten die anderen nach so kurzer Zeit alles verdrängen? Wie konnten sie aufhören, daran zu denken, wie konnten sie so tun, als wäre nichts geschehen? Nur, wenn Vanessa tieftraurig war, fühlten sie sich genötigt, die Sache anzusprechen, und ließen sich zu einem mickrigen »Sei nicht traurig, tu es für Elena« hinreißen.

Auch Gianmarco verdrängte es, wenn auch auf seine Art: Er behandelte Vanessa wie ein heulendes Kleinkind und hielt ihr jedes erdenkliche Spielzeug unter die Nase, in der Hoffnung, ihre Tränen zu trocknen. Er überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten und Ideen – Ferien, Shopping, Strand, Partys –, er hätte ihr alles gegeben.

Nur Giorgio lief nicht davon, doch war das ein mehr als wackeliger Halt: Ein Wort zu viel, eine allzu direkte Bemerkung, und er versuchte ebenfalls, das Thema zu wechseln.

Ihr Vater kam in die Küche und wünschte ihr alles Gute. Die Gegensprechanlage surrte. Walter ging hin, um zu antworten. »Schau mal raus«, sagte er zu Vanessa.

Sie trat auf den Balkon und wusste, welcher Anblick sie erwartete. »Keine Überraschungen, spar dir das Geld«, hatte sie Gianmarco gebeten, und trotzdem stand er jetzt dort in seinem schwarzen Golf, beladen mit den unvermeidlichen roten Rosen. Es waren so viele, dass sie aus den Fenstern quollen, und einige Passanten waren stehengeblieben, um das Spektakel zu bestaunen: Das schöne Auto, der verliebte Freund, sie, die vom Balkon aus zu ihm hinunterschaute. Vanessa wurde nervös, es war abgedroschen und falsch, doch dann begegnete sie Gianmarcos Blick und wurde weich. Seit sie zusammen waren, hatte er sie immer in den absoluten Mittelpunkt gestellt und war aufrichtig darum bemüht, sie glücklich zu machen. Das Problem war nur, dass er ihr nie wirklich zuhörte und sie immer auf seine Art glücklich machen wollte, was noch schlimmer war, als es einfach zu lassen.

Manuela trat zu ihr auf den Balkon, stellte fest, dass alle auf der Straße das Schauspiel mitbekommen hatten, und strahlte vor Stolz. Gereizt bemerkte Vanessa die Genugtuung ihrer Mutter.

»Es ist so peinlich, dass alle Leute gucken…«, sagte sie, kehrte in die Wohnung zurück und lief die Treppen hinunter. Sie trat auf die Straße und umarmte Gianmarco, sie küssten sich, dann gingen sie nach oben und arrangierten die roten Rosen im Esszimmer. Es gelang ihr nicht, so fröhlich zu sein, wie es sich für einen Festtag, für ihren Festtag, ihren achtzehnten Geburtstag gehörte. Es gelang ihr nicht, eine Erklärung dafür zu finden, dass alle anderen geheilt waren und sie sich noch immer kaputt fühlte.

Das Mittagessen zog sich bis in den späten Nachmittag, dann kam der Moment für die Torte und die Geschenke. Ihre Eltern hatten ihr ein Paar hochhackige Sandalen in ihrem Lieblingsladen gekauft, doch das eigentliche Geschenk würde erst in ein paar Monaten kommen: Ein eigenes Auto, sobald sie den Führerschein hätte. Ihre Großmutter überreichte ihr einen prallen Umschlag mit Geld. Enza steckte ihr einen weiteren zu und Gianmarco ließ sie außer den roten Rosen eine Louis-Vuitton-Tasche von ihm und seiner Familie auspacken.

Kurz darauf standen Enza und Manuela auf, um abzuräumen. »Du hättest ihr nicht so viel Geld schenken sollen…«, sagte Manuela zu ihrer Schwester. »Nachher gebe ich es dir wieder.«

Enza war gekränkt, sie schätzte den Gedanken, aber nahm ihrer Schwester die Wortwahl übel und fürchtete, ihre Kinder könnten sie gehört haben. Vera und Giorgio hatten sie tatsächlich gehört, aber waren daran gewöhnt.

»Geschenke beiseite, behandelst du meine Vanessa gut?«, fragte die Großmutter Gianmarco.

»Ich behandele sie besser als mich selbst, Ste‘.«

Manuela streichelte ihm über die Wange und alle lachten. Vanessa musterte ihre Großmutter liebevoll. Stella erkundigte sich stets, wie es mit Gianmarco lief, und schien die Einzige zu sein, die es wirklich wissen wollte. Sie war fünfundsiebzig Jahre alt, hatte Opa Delio blutjung geheiratet und ihn sehr geliebt, doch etwas in den Erzählungen, die Vanessa im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte, ließ sie stets eine große Traurigkeit im Leben ihrer Großmutter spüren. Vielleicht glaubte sie, Delio sei nicht der Richtige für sie gewesen, auch wenn sie es niemals zugegeben hätte und dem Foto auf dem Nachttisch vor dem Zubettgehen noch heute einen Kuss gab und sich dabei bekreuzigte. Vanessa kannte nicht die ganze Geschichte, sie las zwischen den Zeilen der bruchstückhaften Schilderungen ihrer Familie, doch manchmal erhaschte sie auch deutlichere Hinweise, wie damals, als sie ihrer Großmutter von der Szene erzählte, die Enrico vor Elenas Haus gemacht hatte, und Stella zu weinen anfing wie ein Kind. »Wie kann sich Elena bloß so behandeln lassen?«, hatte sie gefragt.

Vanessa hatte keine Antworten, niemand hatte welche. Elena, die der Großmutter als kleines Mädchen wegen ihres vorlauten Mundwerks fast unausstehlich gewesen war, die mit den höheren Jahrgängen die Schule besetzt hatte, die ihre Freundesgruppe stets zusammengehalten hatte. Elena, die nie und nimmer zugelassen hätte, sich so behandeln lassen.

Vanessa hatte so oft über diese erste heftige Szene von Enrico nachgedacht, dass ihr inzwischen war, als hätte sie sie am eigenen Leib erfahren. Sie sah sich am Fenster, ihn auf der Straße, und all die Schaulustigen ringsum. Ein paar Stunden zuvor hatte Enrico gesehen, wie Elena auf dem Platz mit Christian redete, sie hatte ihm erklärt, dass sie sich zufällig auf dem Heimweg von der Schule getroffen und nur kurz begrüßt hätten. Zwischen fünfzehn und sechzehn waren sie zusammen gewesen, doch jetzt war Christian lediglich Teil der Gruppe und sie waren befreundet geblieben. Doch Enrico hatte ihr nicht geglaubt und in der Nacht ganz Pontinia aus dem Schlaf gerissen, weil er Schmähungen brüllend vor ihrem Haus stand. »Wenn du dich nicht beruhigst, rede ich nie wieder mit dir«, hatte Elena ihm in Tränen vom Balkon aus zugerufen. Doch es hatte nichts genutzt, und am Ende hatte ihr Vater hinuntergehen und ihn fortschicken müssen.

»Ja, aber nur, wenn man zwischen 1932 und 1945 geboren ist. Wann bist du geboren?«

Vanessa fand nur mühsam in die Unterhaltung zwischen Gianmarco und ihrer Großmutter zurück. Ihr ging auf, dass ihr das in Gesellschaft inzwischen häufig passierte – sie driftete ab, war ganz woanders –, doch war es nicht schwer, das bisher Gesagte zu rekonstruieren. Stella hatte erwähnt, sie müsse ihren Personalausweis erneuern lassen, und Gianmarco erklärte ihr, wenn man zwischen 1932 und 1945 geboren sei, würde auf den neuen elektronischen Ausweisen als Geburtsort nicht mehr Latina stehen, sondern Littoria, der damalige faschistische Name der Stadt. Diese Neuerung galt seit ein paar Monaten, und Gianmarco wusste davon, weil sein Onkel, der unverdrossen mit einem Foto des Duce auf seinem Handy herumlief, ebenfalls einen neuen Ausweis bekommen hatte. Vanessa konnte es nicht ausstehen, wenn er so redete, sie konnte diese nostalgische Faschismusfolklore nicht ausstehen. Sie seufzte vernehmlich, und Gianmarco verstummte. Giorgio und Vera konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Er sah sie an wie um zu sagen: »Was soll ich machen? Sie lässt sich nicht davon abbringen«, und versuchte, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen. Es war eine Posse, die sich auf die immer gleiche Weise wiederholte.

»Lasst uns noch mal anstoßen«, sagte Giorgio, stand auf und lächelte seine Cousine an. »Auf Vanessa«, und alle ließen die Gläser aneinanderklirren.

»Auf Vanessa«, sagte Stella besonders gerührt.

Als die Gäste gingen, war es fast sieben. Verwundert sah Vanessa, dass auch ihre Mutter in die Schuhe schlüpfte. »Wir müssen bei Freunden vorbei«, sagte Manuela vage. Eine erste Ahnung durchzuckte sie, doch sie sagte nichts und fing an, sich für das Abendessen mit ihrem Freund fertigzumachen. Gianmarco setzte sich aufs Sofa, um auf sie zu warten, und warf hin und wieder einen heimlichen Blick aufs Handy, um die Fußballwetten im Blick zu behalten.

Während Vanessa in den Schubladen kramte, fiel ihr Blick auf den Rock und das Top, die ihre Großmutter ihr im vergangenen Jahr für Elenas siebzehnten Geburtstag genäht hatte, griff danach und faltete sie auseinander, um sie noch einmal zu betrachten. Auch Elena hatte sich für den Anlass von Stella ein Kleid nähen lassen, es war wunderschön, doch als Enrico es sah, sagte er nur: »Findest du das nicht ein bisschen zu freizügig?« Vanessa sah Elenas gedemütigte Miene vor sich, faltete den Rock und das Top zusammen und stopfte sie tief in die Schublade zurück.

Je mehr Zeit verging, desto stärker hatte sie das Gefühl, als hätte sie sämtliche Puzzleteile schon immer vor sich gehabt, als hätte sie begreifen können, was vor sich ging, und stattdessen gar nichts begriffen. Sicher, sie hatte Elena etliche Male geraten, mit ihm Schluss zu machen, sich so aufzuführen, sei nicht normal, doch in Wahrheit war sie es oft leid gewesen, zu argumentieren, zu erklären, auf sie einzureden. Und wenn Elena entgegnete, Enrico sei nur ein bisschen zu eifersüchtig und ein bisschen zu unsicher, hatte sie sich damit begnügt und sich eingeredet, alles sei unter Kontrolle. Stattdessen hätte sie nicht lockerlassen dürfen, sie hätte weiterbohren, mit Elenas Eltern Agnese und Livio darüber sprechen müssen. Jetzt beschwichtigten sie alle: Sie trage keinerlei Schuld, niemand habe Schuld außer Enrico, schließlich hätte man sich niemals vorstellen können, dass… Doch wie konnte sie glauben, dass es nicht auch ihre Schuld war? »Das ist nicht unser Bier, wir mischen uns da nicht ein«, pflegte Manuela zu sagen. Sie hatte sich genauso verhalten wie ihre Mutter.

Sie entschied sich für ein anderes Kleid und fing an, sich zu schminken. Sie tuschte sich die langen Wimpern und teilte sie in winzige Stränge. Die Fingerkuppen, die den Bürstchengriff hielten, waren von winzigen, roten Krusten übersät. Als sie klein war, hatte Stella immer einen Fingerhut draufgesteckt, um sie daran zu hindern, die Häutchen abzuknabbern, doch inzwischen hatte sie es aufgegeben, es war zwecklos.

Gianmarco lugte ins Zimmer und lehnte sich an die Tür.

»Ich habe ein wunderschönes Hotel in Sevilla gefunden, wir könnten Ende Juli hin, nach meiner Prüfung.«

Vanessa schraubte die Mascara zu und führte den rechten Daumen an den Mund. Da war ein Häutchen, das sie störte, es war hart, aber leider so kurz, dass sie es weder mit den Fingern noch mit den Zähnen zu fassen bekam.

»Schauen wir mal.«

Ihr Ton war verschlossen, und Gianmarco seufzte. Sie waren schon so lange zusammen, dass beide sofort spürten, wenn mit dem anderen etwas nicht stimmte, außerdem war Gianmarco seit einem Jahr noch hellhöriger und empfänglicher für Vanessas Stimmungswechsel. »Bist du sauer wegen der Sache mit dem Perso?«, fragte er.

Vanessa antwortete nicht, wenn er wusste, dass sie sauer war, wusste er auch den Grund.

»Vane, das war doch nur, um ein bisschen zu plaudern… du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mir den Duce und den römischen Gruß zurückwünsche. Und, na ja, sorry, aber unsere Großeltern denken sich das nicht alles aus, für die Gegend hier hat er eine Menge gemacht.«

Vanessa nickte, sie bereute es bereits, nicht einfach darüber hinweggegangen zu sein. Sie wusste, dass diese Unterhaltungen vor allem eine Pose waren, eine Gewohnheit, in seiner Familie bekam Gianmarco diese Dinge ständig zu hören und plapperte sie nach, ohne groß darüber nachzudenken, und genau deshalb gingen sie ihr mächtig gegen den Strich: So daherzureden, ohne wirklich dahinterzustehen, kam ihr noch fahrlässiger vor.

»Hey, willst du das Hotel sehen?«, hakte Gianmarco nach und zog das Handy hervor.

Nein. Sie wollte es nicht sehen. Sie wollte weder nach Sevilla noch sonst irgendwohin.

»Das zeigst du mir nachher, okay? Jetzt lass uns gehen, es ist schon spät.«

Während der ganzen Autofahrt knibbelte sie mit dem Zeigefinger an dem Häutchen herum, was nur dazu führte, dass die Wunde noch größer wurde. Sie kam sich dumm dafür vor, und je mehr sie sich über ihr eigenes Verhalten ärgerte, desto verbissener wiederholte sie es.

»Sagst du mir, wo wir hinfahren?«, fragte sie, obwohl sie sich inzwischen denken konnte, was sie erwartete.

»Nach Sabaudia.«

»Und wohin in Sabaudia?«

»Überraschung.«

Nach zwanzig Minuten hielten sie vor dem Restaurant Le Rocce, Vanessa blickte ihn an, wie um zu sagen, er hätte wenigstens ehrlich sein können, doch er grinste und sagte nichts. Sie stiegen aus, Gianmarco nahm ihre Hand, sie betraten das Restaurant und wurden von Diletta empfangen, die Vanessa gratulierte und sagte, sie hätten einen besonderen Tisch für sie reserviert, mit Blick auf die Landzunge Circeo. Sie durchquerten den Gastraum, und als sie auf die Terrasse traten, stand Vanessa den zu ihrer Überraschungsparty eingeladenen Gästen gegenüber, die riefen: »HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!«

Am liebsten wäre sie wütend geworden, doch Gianmarco strahlte sie hingerissen an, überzeugt, sie glücklich gemacht zu haben – alle strahlten sie hingerissen an, überzeugt, sie glücklich gemacht zu haben. Es stand alle gegen eine, Gegenwehr zwecklos.

5.

Vanessas und Gianmarcos Familien waren da, dazu die ganze Freundesgruppe. Giorgio, Antonio, Saverio, Christian, Teresa und Rosaria stürmten ihr entgegen, und Vanessa gab sich bei jedem von ihnen gebührend überrascht. Dann kam ihre Mutter strahlend zu ihr und umarmte sie. Vanessa war kurz davor, ihr zu sagen, dass es wieder mal nach ihrem Willen gelaufen war, doch gleich hinter Manuela tauchten Dario, Serena und Gianmarcos große Schwester Beatrice auf.

»Wie kann es sein, dass du immer schöner wirst? Hörst du irgendwann auch mal damit auf?«, fragte Beatrice und küsste sie auf die Wangen.

Das sagte sie jedes Mal, wenn sie sich sahen, und Vanessa hatte sich immer darüber gefreut, bis sie eines Tages hörte, wie sie den gleichen Spruch bei Elena brachte, und einen eifersüchtigen Stich verspürte. Wenn sie jetzt daran zurückdachte, schämte sie sich zutiefst. Ihre beste Freundin als Konkurrenz empfunden zu haben, fühlte sich unverzeihlich an. Wieder hatte sie das Gefühl, genau wie ihre Mutter zu sein, die dem Friseur am Tag der Erstkommunion in vollem Ernst gesagt hatte: »Und nur, damit das klar ist, alle sollen meine Tochter ansehen.«

»Tja, das sagt die Richtige…«, antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln. Sie streichelte Rossella, das zwei Monate alte Baby auf Beatrices Arm. Es war Gianmarcos Nichte, und für alle inzwischen auch ihre.

Nach den Begrüßungen hakten Teresa und Rosaria sie unter: Beim Abendessen würde Gianmarco sich zu den Jungs gesellen, aber Vanessa würde bei ihnen sitzen, und sie waren überglücklich, sie den ganzen Abend für sich zu haben.

Auf der großen Terrasse, die auf den Circeo und Torre Paola hinausging, betrachtete Vanessa die Fischfrittüre, die vor ihr stand, unschlüssig, ob sie sich disziplinieren oder drauf pfeifen und alles verdrücken sollte. Derweil hörte sie ihren Freundinnen zu: Sie erzählten ihr von dem Laden, in dem sie ihre Kleider gekauft hatten, und von dem Laser-Haarentferner, den sie im Angebot auf Groupon gefunden hatten und nächste Woche zu dritt ausprobieren könnten. All diese nachdrücklich zur Schau gestellte Zuneigung, die Begeisterung, das Einvernehmen, kamen ihr vor wie ein mattes Licht, das von weither kam, wie ein verloschener Stern, der schon bald nicht mehr für sie leuchten würde.

Wieder fragte sie sich, wie sie diesen Sommer überstehen sollte, und der Gedanke, der seit einigen Wochen in ihr reifte, verfestigte sich: Sie würde sich eine Beschäftigung suchen müssen, irgendetwas, um diesen Ferien zu entkommen. Sie hatte sogar kurz erwogen, Gianmarcos Vater nach einem Job in seinem Unternehmen zu fragen, doch das war eine blöde Idee: Jeden verdammten Tag wäre sie von den Crociaras umgeben. Dann hatte sie überlegt, als Babysitter zu arbeiten wie Vera, doch für Kinder hatte sie noch nie ein Händchen gehabt, jedes Mal, wenn man ihr Rossella in den Arm drückte, konnte sie es gar nicht abwarten, sie an jemanden abzugeben, und fürchtete, Beatrice und ihr Mann Vincenzo könnten es mitgekriegt haben. Für saisonale Jobs war es inzwischen zu spät, wer Mitarbeiter brauchte, hatte bereits welche gefunden, auch die Fabrik, in der Giorgio hin und wieder aushalf, suchte keine Leute mehr. Sicher, sie hätte als Image-Girl in einem Club jobben können, nichts leichter als das, tausendmal hatte man sie darauf angesprochen, doch das hätte Gianmarco gar nicht gefallen. Und ihrer Mutter genauso wenig, sie konnte sie schon hören: »Warum musst du denn unbedingt arbeiten? Bekommst du von uns nicht genug?« Als stünden bei jeder Entscheidung, die ihr Leben betraf, ihre Eltern an erster Stelle und sie an zweiter. Als könnte sie nicht selbst entscheiden, weil sie tatsächlich nicht wusste, was das Beste für sie war.

Nach dem zweiten Gang stand sie auf, sagte, sie müsse aufs Klo, verließ das Restaurant und starrte auf die Autos, die auf der Straße vorübersausten. Hin und wieder warf sie einen Blick in den Gastraum, wo Diletta auf ihren schwindelerregend hohen Plateausohlen die Teller des zweiten Ganges heraustrug. Sie mochte die stets gut gelaunte Diletta mit den lackierten Nägeln und dem lockigen Haar, es gefiel ihr, dass sie hartnäckig behauptete, die Locken seien echt, auch wenn nicht zu übersehen war, dass sie künstlich hineingedreht waren. Irgendwie hatte sie trotzdem recht: Diese Locken waren ein natürlicher Teil von ihr, dieser Ort war ein Teil von ihr, alles, was sie betraf, gehörte zu ihr und stand ihr perfekt. Diletta war dort, wo sie sein sollte und wollte, und Vanessa beneidete sie.

Sie sah sie an den Tisch der Jungs treten, um die Teller abzuräumen. Saverio und Antonio knufften sich mit dem Ellenbogen und glotzten ihr auf dem Weg zurück in die Küche hinterher. Christian saß neben ihnen, aber machte nicht mit, gerade war Teresa zu ihm gekommen und schmiegte sich in seinen Arm. Sie waren seit fünf Monaten zusammen, und obwohl es lange her war, dass er und Elena ein Paar gewesen waren, fand Vanessa es noch immer seltsam, sie so zu sehen. Doch wenn es ihr gelang, nicht an Elena zu denken, freute sie sich für die beiden. Es war offensichtlich, dass sie viel füreinander empfanden, und seit dieser Sache mit seiner Mutter wirkte Christian erwachsener.

Als Vanessa in den Gastraum zurückkehrte, winkte Manuela sie zu sich, um ihre wunderschöne Tochter ein wenig in den Arm zu nehmen. Diletta kam, um den Tisch für die Torte vorzubereiten, Walter rückte mit dem Stuhl zur Seite und ließ sie vorbei. Manuela zwang sich, sie anzulächeln, doch kaum kehrte sie ihr den Rücken, konnte sie sich einen missbilligenden Blick nicht verkneifen: So aufgedonnert zu arbeiten, in dem Alter. Und wieso überhaupt arbeiten? Wenn man in seinem eigenen, gut laufenden Restaurant als Kellnerin arbeitet, dann doch nur, weil man angegafft werden will.

Beim Hereintragen der Torte wurde Diletta von Massimo begleitet, der im Le Rocce für die Küche zuständig war und diese nur selten verließ. »Zum Geburtstag viel Glück…«, hob Saverio an, und alle fielen mit ein.

Als der Moment für die Geschenke gekommen war, übergaben Vera und Diana das Fotoalbum, Vanessa schlug es auf, und kaum fiel ihr Blick auf das erste Bild, auf dem sie und Vera als kleine Mädchen in Stellas Wohnung miteinander spielten, überkam sie tiefe Rührung. Unwillkürlich fragte sie sich, wie sie sich in wenigen Jahren so weit voneinander hatten entfernen können. Würde es mit allen so gehen, würde am Ende niemand mehr übrig bleiben?