Vererbte Schuld - Deva Vanshi A. Weidenbach - E-Book

Vererbte Schuld E-Book

Deva Vanshi A. Weidenbach

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Beschreibung

Wie leicht man seine Seele verlieren kann, erfährt Miro, als er aus einer idyllischen Kindheit in Bosnien vertrieben wird. In den Hochhausschluchten am Rande von Mühlheim wächst er auf; von der Mutter gebraucht und gehasst, vom Vater verlassen. In einem muffigen, aus den Fugen geratenen Leben sehnt er sich wie verrückt nach Liebe und fürchtet sich ebenso sehr davor. Sein Getriebensein hält er für das Leben - bis es eines Tages den Atem anhält: Seine Frau Lara, krank von all den Jahren, in denen sie um Miro gekämpft hatte, verlässt ihn. Als ihm ein altes Tagebuch seines Großvaters in die Hände fällt, flieht er vor seiner Verzweiflung und tritt eine Recherchereise in seine bosnische Heimat an. Mitten auf den Umschlagplatz von Schuld und Sühne begreift er, dass er als Stankos Enkel noch immer im Sog einer mörderischen Vergangenheit gefangen ist. Er kann seiner Familiengeschichte nicht mehr ausweichen und vollzieht einen tiefen Wandel. Das erlaubt ihm nach vielen Jahren seinen Vater wieder zu besuchen und er erfährt Heilung für seine verwundete Seele.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Deva Vanshi A. Weidenbach

VererbteSchuld

Copyright: © 2017: Deva Vanshi A. Weidenbach

Lektorat: Christin Bernhardt und Karla Schmidt

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net Verwendete Illustrationen: istockphotos 91389655 (walrusmail), 95019491 (jmbatt), 475764933 (Gile68)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Nicht weil die Dinge schwierig sind,wagen wir sie nicht,sondern weil wir sie nicht wagen,sind sie schwierig

Seneca

Um etwas in seiner wirklichen Dimensionzu erkennen, braucht es Zeit,und meist gelingt es uns erst,wenn die Geschichte schon längst vorbei ist …

1. Abschied

In diesem Jahr war es Ende September im nordöstlichen Teil von Jugoslawien schon recht kühl. Erste gelbe Blätter fielen auf den kleinen Eisentisch im Garten. Auf den Feldern lag frisch aufgeworfene Erde, bereit für den ersten Frost, der meist über Nacht kam und dem die Sonne dann nicht mehr viel entgegen setzen konnte. Miro strich sich mit einer Handbewegung das Haar aus der Stirn und hob den Kopf. Hinter der Spitzengardine am Küchenfenster stand Großmutter und lächelte. Er lächelte zurück und winkte ihr mit lehmverschmierten Händen zu. Dann schob er die Ärmel seiner Jacke höher, quetschte genüsslich den Matsch durch die Finger und formte aus dem nächsten Klumpen ein pickliges Ungeheuer. Aus der Küche drang der köstliche Geruch von Großmutters Burek.

„Komm herein“, rief Großmutter. Sie hatte das Küchenfenster nur einen Spalt geöffnet. „Es gibt bald Essen.“

Drinnen, über dem weißen Porzellanwaschbecken, floss der Lehm in rostroten Strömen von Miros Händen und färbte die Ecken des Beckens.

„Es wird langsam Herbst“, sagte Großmutter und sah hinaus in den Ahornbaum. „Wenn die Bäume ihre Blätter verlieren, kann man ihre Seele sehen.“

Mutter verdrehte die Augen und ließ scheppernd das Besteck auf den Küchentisch fallen. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich wieder diese steile Falte gebildet. Am Vorhang kletterte eine kleine Spinne und seilte sich an ihrem Faden elegant ab.

„Mach sie tot“, sagte Mutter, doch Großmutter hatte sie schon in ein Glas geschubst und ein Blatt Papier darüber gedeckt.

„Bring‘ sie raus“, flüsterte sie Miro zu, ohne sich um Mutter zu scheren.

Für das Essen hatte Miro heute kaum Geduld, obwohl Großmutter sein Lieblingsessen gekocht hatte. Aber es war Samstag, und die Samstage waren besonders: Nach dem Essen wurde gebadet und nach dem Baden setzte sich Miro auf Großmutters Ofenbank. Dann las sie aus dem abgegriffenen Märchenbuch vor, dazu gab es süßen Pfefferminztee. Nur im Schlafanzug, warm in eine Decke gehüllt, kuschelte sich Miro jedes Mal dicht an die Großmutter und lauschte ihren Geschichten von Feen, Hexen und Schutzengeln, in denen, so spannend sie manchmal auch waren, immer das Gute siegte.

Am schönsten war es, wenn Vater dabei in seinem Sessel saß, seine Zigarette anzündete und den Rauch tief in seine Lungen einzog. Mitunter vergaß er, an der Zigarette zu ziehen. Und sie glomm dann im Aschenbecher vor sich hin und türmte kleine Aschenwürmer auf.

Doch das war, bevor die Geheimpolizei aufgetaucht war und Vater verhaftet hatte. Und die Feen und Hexen und eine in Ruhe vor sich hin glühende Zigarette für immer verbannte.

Eines Abends, als der Wind von Osten kam und man hören konnte, wie er sich im Dach verbiss, um sich dann pfeifend durch den Kamin zu drehen, hatte es laut an der Tür geklopft. Mutter hatte aufgemacht. Lange noch war Miro ihr spitzer Schrei im Ohr. Gleich darauf polterten schwere Stiefel die Treppe herauf. Zwei Polizeibeamte waren die Treppe heraufgestürmt. Von oben hörte man laute Stimmen und Gepolter, als ob etwas umgefallen wäre. Miro hatte sich ganz eng an Großmutter gedrückt und durch die vielen Lagen des Stoffs hindurch gefühlt, dass ihr genau wie ihm die Knie schlotterten.

Die Männer in den Uniformen hatten Vater mitgenommen.

Die Wochen nach Vaters Verhaftung verliefen chaotisch. Immer wieder musste er zur Geheimpolizei. Zum Verhör hieß es, weil er ein Betrüger sei. Als ob so etwas überhaupt möglich wäre! Die Männer behaupteten, er habe in seiner Firma Papiere und Zeichnungen kopiert und an einen Hotelkonzern bei Primosten verkauft. Miro verstand das alles nicht, dennoch war es schrecklich. Am schrecklichsten aber war Mutters Geschrei, wenn sie durch das Haus lief und sich die Haare raufte. Manchmal weckte ihn ihre sich überschlagende Stimme auch nachts:

„Sie holen dich immer wieder ab! Manchmal frage ich mich, ob du nicht doch krumme Dinger mit diesem Hotelkonzern gedreht hast.“

„Das traust du mir zu?“, hatte Miro den Vater sagen hören.

„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll“, rief Mutter und klang dabei fast so weinerlich wie ein kleines Mädchen, doch im nächsten Moment war in ihrer Stimme die Wut zurück: „Aber ich habe ein Recht zu erfahren, was da gelaufen ist.“

Dann blieb es ruhig. Miro war schon fast wieder eingeschlafen, als Mutter in die Stille hineinschrie: „Du bist keinen Deut besser als dein Vater! Nur ein Unmensch bringt seine Frau und sein kleines Kind in eine solche Situation.“

„Das ist lächerlich“, hatte Vater gesagt, aber seine Stimme hatte müde geklungen.

„Die Ustascha ist schuld, dass sie uns immer noch hassen. Sie können nicht vergessen, was dein Vater in dem Lager gemacht hat. Die lassen uns nie wieder aus den Augen.“

Das war das erste Mal, dass Miros Mutter den Großvater erwähnte, und es klang irgendwie abfällig. Bis dahin hatte Miro noch nie darüber nachgedacht, dass auch Vater einen Vater haben musste.

Miro hielt den Atem an und drückte sein Ohr an die Wand.

„Wenn du alles so schwarz siehst, sollten wir auswandern“, sagte Vater ganz ruhig.

Auswandern? Was bedeutet das? Und mit einem Mal war es wieder da, dieses traurige Gefühl, das er schon kannte. Wie ein graues Tier schlich es um ihn herum, schlüpfte in ihn hinein und legte sich auf sein Herz.

Der nächste Abend war nasskalt. Vater war erkältet und angeschlagen vom Verhör nach Hause gekommen.

„Die fassen mich nur deshalb mit härteren Bandagen an, weil ich Kroate bin. Ohne Onkel Karlos Hilfe hätten die mich garantiert in Untersuchungshaft behalten“, sagte er, ließ sich erschöpft in den Sessel plumpsen und zündete sich eine Zigarette an.

Miro huschte zu ihm, setzte sich auf die Armlehne und schmiegte sich eng an ihn. Vater hustete.

„Du solltest mir nicht so nah kommen, du steckst dich noch an“, sagte er und wuschelte ihm dabei durchs Haar, ohne Anstalten zu machen, ihn wegzuschicken. Miro kuschelte sich noch ein wenig näher an ihn und sah der Zigarette beim Qualmen zu. Heute sahen die Aschenwürmer traurig aus.

Die Tage waren grau und zogen sich wie Brei. Alle schienen auf irgendetwas zu warten und dann, an einem dieser Abende, als der Wind die Zweige des Ahornbaums gegen das Fenster klatschte, war es soweit: „Ich habe beschlossen, mit euch nach Deutschland auszuwandern.“

Einen Augenblick blieb es still, bevor Mutter schrie: „Siegbert! Das kannst du nicht machen!“ Sie war von ihrem Stuhl aufgestanden und hatte die Hände in die Hüften gestützt. „Das kannst du vergessen, Siegbert“, schrie sie und fuchtelte mit dem Finger durch die Luft. „Ich bleibe hier. Das ist unsere Heimat, hier haben wir einen Garten und ein Haus. Glaubst du, ich reise mit dir und Miro ins Ungewisse?“

„Dort können wir es noch einmal schaffen. Ich werde hier kein Bein mehr auf den Boden kriegen, Elena. Selbst wenn sie mich für unschuldig erklären, es bleibt immer etwas an einem kleben. Von Zlatko habe ich gehört, in Deutschland ist alles leichter.“

Miro saß zwischen ihnen und hörte ihr Schweigen. Der Ofen glühte, doch ihm war kalt und das graue Tier hob schnüffelnd seinen Kopf.

„Du kommst doch mit, nach Deutschland, Baka?“, hatte Miro Großmutter in den Wochen danach immer wieder gefragt, und sie hatte ihn meist nur angelächelt. Mit diesem traurigen Lächeln.

Sie war stiller in letzter Zeit und sogar zum Vorlesen am Ofen meistens zu müde. Eines Morgens war sie nicht mehr aufgestanden.

„Sie ist ganz friedlich in ihrem Bett eingeschlafen“, hatte Dr. Nemec gesagt. „Sie hat nicht leiden müssen.“ Tot? Seine Großmutter? Nein!, schrie es stumm in Miro. Nadelstiche brandeten wie eine Welle von seinen Füßen über den Rücken und hakten sich am Hinterkopf fest. Du darfst nicht tot sein, nicht du! Und das graue Tier war aus ihm herausgekrochen, hatte den Rachen weit aufgerissen und ihn verschlungen.

Währenddessen blieb es um Miro herum laut und betriebsam. Die emsigen Vorbereitungen bis zur Abreise gingen weiter. Fast so, als wäre nichts geschehen. Aber Großmutter war doch weg. Wie konnten sie nur so tun, als hätte es sie gar nicht gegeben?

In der Nacht vor der Abreise hatte es geschneit. Am Morgen jagten winzige Schneeflöckchen durch den Tag und legten sich in einer dicken Schicht über Dächer, Zäune und Bäume.

Während Vater das Auto belud, stand er daneben und versuchte, immer wieder ein Eckchen vom abgeknabberten Fingernagel zwischen die Zähne zu bekommen, um es abzureißen. Es blutete, aber er spürte keinen Schmerz.

„Lass das“, fauchte Mutter ihn an, und gab ihm einen Klaps auf die Hand. „Hilf lieber deinem Vater!“

Miro zuckte zusammen und sah Mutter hinterher, wie sie im Haus verschwand.

Er ging ihr hinterher, zurück in sein Zimmer. Dort saß nur der Teddy vor dem Koffer, und daneben stand der gelbe Bagger. Er nahm den Teddy, klemmte sich den Bagger unter den Arm und rannte die Treppen hinunter, an Vater vorbei, raus aus dem Tor die Straße entlang.

Die Kirche lag auf einer kleinen Anhöhe, dahinter war der Friedhof. Er drückte die schmiedeeiserne Klinke des Tors nach unten und ging hinein. Seine Schritte knirschten auf dem Schnee, alle anderen Geräusche schienen wie abgepuffert. Der Erdhügel von Großmutters Grab war weiß. „Totentuch“, ging es Miro durch den Kopf. Er bückte sich zu dem Stein hinab und wischte den Schnee weg. Auch wenn er noch nicht gut im Lesen war: Edita Kovac stand da. Die Tränen quollen ihm aus den Augen, als er den Teddy vor den Stein setzte. Eine Weile stand er unschlüssig da. Dann zog er seine Mütze vom Kopf und setzte den Teddy hinein. „So ist es wärmer“, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken Augen und Nase ab. Und dann waren die Tränen plötzlich weg. Das heißt, nicht wirklich weg. Sie waren in ihm drin, aber etwas hatte sich drübergelegt und sie konnten nicht mehr hinaus.

Nasskalt zog der Wind über seinen Kopf. Auf dem Heimweg klingelte er bei seinem Freund Stefan.

„Pass auf den Bagger auf, ich leihe ihn dir bis nächstes Weihnachten.“

Stefan streckte die Hand aus.

„Bis nächstes Jahr Weihnachten? Kommst du dann zurück?“

„Bestimmt“, sagte Miro und tat so, als ob er überzeugt wäre. Aber sein Magen krampfte.

Vater war immer noch dabei, all diese Kisten und Taschen und Tüten im Auto zu verstauen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er weg gewesen war.

Dann war es soweit. Mutter kam zum Wagen, auf den Boden schauend und mit verheulten Augen und verkniffenem Mund. Sie stellte einen Korb mit Proviant in den Fußraum, während Vater das Haus abschloss und mit dem Hammer große Nägel in das Brett trieb, das er über die beiden Hoftore gelegt hatte. Die Fenster an Großmutters Haus waren schon gleich nach ihrem Tod vernagelt worden.

„In neun bis zehn Stunden sind wir in Deutschland“, sagte Vater. Es hatte munter geklungen, doch Mutters Blick ging weiter starr geradeaus.

Vorerst würden sie bei Onkel Zlatko wohnen, Vaters Cousin. In Mühlheim. Das lag bei Duisburg, alles mit „ü“ so komische Namen. Als sie die Grenze zu Österreich hinter sich hatten, fing Vater an zu pfeifen, legte eine Hand auf Mutters Hand und lächelte.

„Vertrau mir, Elena“, sagte er. „Alles wird gut.“

2. Abgründe

„Lara und ich müssen heiraten“, sagte Miro „wir haben schon eine Wohnung.“ Elena starrte ihn an, wie er da breitbeinig auf dem Sofa saß, die Ellenbogen auf die Knie gestützt.

Ihre Hände zitterten kurz, als sie eine Tasse auf den Couchtisch stellte und ihrem Sohn Kakao eingoss. Ein scharfes Nein schoss durch ihr Herz. Aber sie hatte sich gleich wieder unter Kontrolle.

Sie hatte es geahnt. Schon eine Weile war ihr aufgefallen, dass ihr ruppiger Junge im Gegensatz zu früher fast weich geworden war. Wenn er mit Lara zusammenziehen würde, konnte es ihr eigentlich nur recht sein. Sie würde darauf bestehen, dass er sie täglich besucht. Und sie hätte etwas in ihrem tristen Alltag, auf dass sie sich freuen würde. Sie würde Kakao kochen, obwohl sie wusste, Miro trank längst lieber Kaffee. Aber Kakao stand nun mal für die Zeit, als sie noch glaubte, alles würde gut werden.

Als Katholikin verstand sie natürlich, warum ihr Sohn sagte, dass er heiraten musste: Er hatte seine Finger nicht von Lara gelassen, und nun war sie schwanger. Elena rang sich ein Lächeln ab.

„Ist das nicht ein bisschen überstürzt? Ich meine …“ Sie suchte nach Worten, und Miro saß vor ihr und versuchte auf seinen dampfenden Kakao zu pusten.

Elena versteckte ihren Kopf hinter einer Illustrierten, sie hatte wieder unwillkürlich an Siegbert gedacht. Der hatte sie vor acht Jahre verlassen und damit die allerletzte Barriere mitgenommen, die ihr Leben vom Nebel der Sinnlosigkeit getrennt hatte. Seitdem war sie in einer Haut gefangen, die sich, selbst bei zarten Berührungen, anfühlte, als wäre sie verbrannt. Nichts war ihr geblieben, außer gegen alles Weiche und das Frausein zu kämpfen. Und so war es außerhalb ihrer Vorstellung, dass es einmal eine Zeit geben würde, in der sie sich um ihren Jungen keine Sorgen mehr machen müsste.

In der dunkelsten Zeit ihrer Mutter-Sohn-Beziehung war plötzlich Lara aufgetaucht. Natürlich war sie misstrauisch gewesen. Sie musste jedoch zugeben, dieses gutmütige Ding machte Miro umgänglicher. Im Stillen nagte die Eifersucht an ihr, aber das würde sie niemals offen zeigen. Sie würde schweigen. Auch, weil Miro, seit er Lara kannte, endlich regelmäßig zur Baufirma ging. Offenbar hatte er Gefallen an seiner Maurerarbeit gefunden.

Und jetzt, kaum dass sie sich innerlich mit Lara anzufreunden begann, eröffnete Miro ihr, dass es Nachwuchs geben würde.

Miro nippte an seinem Kakao, und stellte sorgsam die Tasse auf den Tisch.

„Es ist, wie es ist, Mutter.“

Elena nickte, senkte den Kopf und beeilte sich, die Kakaokanne zurück in die Küche zu bringen.

Schon seit Miros Geburt war es ihr schwergefallen, den Jungen so zu lieben, wie sie ihn eigentlich lieben wollte. Erst hatte sie es auf die Wochenbettdepression geschoben, denn schließlich war er doch ihr eigen Fleisch und Blut. Doch später war es einfach nicht besser geworden. Zwischendurch machte sie sich Vorwürfe, wenn sie ihn wieder einmal voller Abscheu einen armen Wurm genannt hatte. Natürlich bereute sie es sofort, und behauptete gleich danach, wie stolz sie auf ihren Sohn wäre. Es war dieses Unberechenbare, das immer wieder aus irgendeinem Winkel ihres Wesens auftauchte und dass sie damit zu sühnen begann, indem sie ihm wortlos sein Lieblingsessen kochte. Die kleinen Lücken, in denen die Liebe lebendig war, waren kurz wie gepresster Atem und, kaum bevor sie da waren, schon wieder weg. Elena wusste, dass die Härte, die sie ihn ansonsten immer spüren ließ, sie stärker aneinanderkettete, als diese Bruchstücke von Liebe.

Als Elena zurück ins Wohnzimmer kam, hatte sie sich wieder gefangen.

„Die Lara ist ein ganz liebes Mädchen“, sagte sie. Sie musste den Atem anhalten, bevor sie den nächsten Satz herausbringen konnte: „Ich freue mich für euch.“

3. Zweifel

Den Kopf auf eine Hand gestützt, saß Lara mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch. Vor dem Fenster blühte der Kirschbaum. In diesem Jahr war die Blüte recht früh. Heute Abend wollte sie Miro zu dem Wochenendausflug mit dem Fahrrad überreden. Sie musste es klug anfangen. In der letzten Zeit hatte sich Miro gegen alles gewehrt, was sie sich wünschte. Vielleicht wollte er sich beweisen, wer hier das Sagen hatte. Doch diesmal würde sie nicht locker lassen.

Am Sonntagmorgen war es sonnig und warm und sie waren tatsächlich losgefahren. Lara fühlte sich bestätigt, es hatte sich gelohnt, so hartnäckig zu sein.

Die Natur explodierte förmlich unter dem Sonnenschein, der vorangegangene Regen hatte den Boden fruchtbar gemacht. Schon früh am Morgen hatte Lara Getränke und Obst eingepackt und Miro das Kofferradio.

Die kleine Nina saß vergnügt quietschend auf Miros Gepäckträger in ihrem Kindersitz und das Radio dudelte: „Imagine you and me, I think about you day and night, it’s always right … so happy together!“

Mit fliegenden Locken, fest in die Pedalen tretend, war Lara an Miro vorbeigeradelt. „Kannst mal probieren, ob du mich einholst“, hatte sie ihm zugerufen.

Als er sie dann nach einiger Zeit keuchend erreichte, hatte er gesagt: „Du siehst wieder wie ein junges Mädchen aus, auf dem Fahrrad.“

Lara hatte glücklich gelacht, und ihr Strahlen kam von tief unten. Und dann, als sie beim ersten Halt etwas trinken wollten, streckte Miro in einer Art und Weise die Hand nach ihr aus. Diese Geste sagte viel mehr aus, als alle Worte es vermocht hätten. Die alte Vertrautheit war endlich wieder da.

Spätabends waren sie müde und zufrieden heimgekommen. Nina war schon vorher in ihrem Kindersitz eingeschlafen. Aber gerade als Lara sie ins Bett gebracht hatte und aus dem Kinderzimmer herauskam, klingelte das Telefon.

Nein, bitte nicht, dachte Lara. Es war Miros Mutter. Sie jammerte so laut, dass Lara ihre anklagende Stimme auch ohne Lautsprecher hören konnte.

„Warum bist du heute nicht zum Kaffee dagewesen?“, schrillte es aus dem Hörer, „Sonntags backe ich doch immer deine Schokoladenschnecken, die sind jetzt vertrocknet!“

„Mutter, ich habe mit Lara und Nina einen Fahrradausflug gemacht.“

„Wie bitte!“, es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Anklage.

Miros Gesicht hatte sich schlagartig verdunkelt. Seine Mutter hatte sich wieder einmal in den Mittelpunkt gedrängt. Als wäre sie wie ein unsichtbares giftiges Gas durch den Hörer in ihre Wohnung gekrochen und hätte die liebevolle Vertrautheit des Tages vertrieben.

Die Alte hatte es wieder einmal geschafft, ihnen den Tag zu versauen.

Am liebsten hätte Lara sie angerufen und einfach nur angeschrien. Aber dann würde Miro sie fragen, ob sie sie noch alle hätte.

Also stand sie auf, ging in die Küche und rührte einen Pudding an. Sie rührte und rührte und drückte dabei so fest auf den Rührbesen, dass die Knöchel ihrer Finger hervortraten.

Was Lara auch tat, niemals würde sie in Miros Leben die Bedeutung haben, die er Elena gab. Dumpfer Schmerz packte sie. Etwas in ihr wollte sich wehren. Aber etwas anderes in ihr wusste, dass ihr verfluchtes Harmoniebedürfnis doch wieder siegen würde. Oh, wie sie das hasste.

Miro war noch mal weggegangen. Lara ging davon aus, dass er zu seiner Mutter gefahren war. Irgendwann war sie eingenickt und durch einen Knall aufgeschreckt. Miro hatte wütend gegen die Tür des Schuhschranks getreten. Nicht seine Mutter, sondern sie bekam seine Scheißstimmung ab.

Am nächsten Morgen entluden sich ihre Wut und Enttäuschung. Allein die Frage nach dem Autoschlüssel brachte Lara dazu, Miro anzuraunzen: „Such deinen Mist selbst!“

Miro zog den Kopf ein.

Als er sie ein paar Minuten später beiläufig berühren wollte, konnte selbst diese versöhnliche Geste nichts gegen ihre Enttäuschung ausrichten. Am liebsten hätte sie sich schluchzend gegen seine Brust fallen und von ihm halten lassen.

„Was machst du heute?“, fragte Miro.

Lara atmete durch und zwang sich zurück in die Normalität ihrer Ehe.

„Ich bringe Nina in die Kita. Und dann rufe ich Sinje an. Vielleicht hat sie Zeit.“

„Schön“, sagte Miro.

Dann ging er zur Arbeit.

Nach außen sah ihre Ehe gut aus, ruhig und sortiert. Nur Laras beste Freundin Sinje wusste, wie verbissen sie um ihr Glück kämpfte.

Schon seit der dritten Klasse war Lara mit Sinje befreundet, und auch jetzt, als erwachsene Frauen, trafen sie sich mindestens einmal im Monat zum Frühstücken. Sinje hatte mit ihren Eltern jahrelang in Norwegen gelebt. Kurz vor der Einschulung war die Familie zurückgekommen, die Großmutter hatte ihnen ein kleines Häuschen vererbt. Als Jugendliche waren sie beide modische Außenseiter gewesen – Lara mit ihren bunten Klamotten aus dem Second-Hand-Laden und Sinje in ihrem ewig dicken Norwegerpullover oder den verwaschenen T-Shirts, außer denen sie nichts zu besitzen schien. Mit ihrem unbändigen Freiheitsdrang war sie bis zum heutigen Tag unverheiratet. Ihre Burschikosität und Direktheit schien die Männer zu erschrecken. Doch es war gerade diese Direktheit, die Lara so an ihr liebte. In den vielen Jahren ihrer Freundschaft hatten sich zwei verschiedene Arten herausgebildet, wie sie miteinander redeten: Eine leichte für den Großteil der Zeit und eine zähe, wenn es um Laras Ehe ging.

Lara wählte Sinjes Nummer, und schon nach den ersten Worten war klar: diesmal würde es zäh.

„Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Immer, wenn ich denke, jetzt hab‘ ich‘s geschafft, stehe ich schon wieder am Abgrund.“ Lara schluckte und spürte an Sinjes Schweigen ihre Besorgnis. Sie erzählte ihr von dem schönen Fahrradausflug und davon, wie die Stimmung gekippt war: „Kaum waren wir zu Hause, hat seine Mutter angerufen und ihm Vorwürfe gemacht, weil er nicht bei ihr war. Aber statt unseren Ausflug zu verteidigen und bei mir zu bleiben, ist er eingeknickt und zu ihr gefahren.“

Bevor Lara weitermachen konnte, fiel Sinje ihr ins Wort. „Du bist doch lange genug mit ihm verheiratet, um das zu wissen. Warum hoffst du immer noch, es würde sich ändern?“

Lara fühlte sich ertappt. Matt lenkte sie ein: „Ich weiß, ich bin naiv. Bei jedem Lichtblick hoff ich, diesmal haben wir’s.“ Dann schwieg sie und schluckte heftig. „Mit deiner Langmütigkeit tust du dir keinen Gefallen.“ Lara hatte das Bedürfnis, sich zu erklären: „Ich hab‘ immer geglaubt, in der Liebe würden sich seine vielen Widersprüche verlieren. Aber das scheint nicht so zu sein. Trotzdem hab‘ ich ihn immer noch lieb.“ Ein dicker Kloß steckte in ihrem Hals fest „Am Schlimmsten ist es, wenn er mit seiner Mutter Streit hatte, dann ist er so abweisend und tut fast so, als wäre es eine Zumutung, wenn ich ihm näher kommen möchte. Neulich ist er sogar zusammengezuckt, als ob ihm meine Zärtlichkeiten wehtun.“, jetzt weinte sie leise. „Ich verstehe nicht, was er immer noch jeden Tag bei der Alten will.“

Lara wartete auf die tröstenden Worte, die Sinje sonst immer fand. Doch heute sagte Sinje nichts.

„Er ist so gereizt, dann braucht es nur ein Wort, und er kriegt seinen Rappel und geht alleine aus. Ich weiß dann nicht mehr, wer oder was ihm überhaupt noch wichtig ist.“

Erneut wartete Lara. War Sinje überhaupt noch am Apparat?

„Hhmmm“, brummte Sinje schließlich. Lara wusste, sie kannte das, hatte es schon hundert Mal gehört. Aber sie musste es einfach loswerden.

„Ich kann es nicht lange aushalten, wenn er nicht mit mir redet. Wenn ich ihn etwas frage, zuckt er nur die Schultern. Irgendwann kriege ich dann Angst und bettele ihn an, wieder gut zu sein.“

Sinje seufzte tief, und Lara schämte sich. Sie wusste, dass Sinje diese Bettelei als würdelos empfand.

„Was ich von Miro halte, weißt du“, sagte sie endlich. „Der kann dich, auch ohne den Mund aufzumachen, ganz beiläufig runtermachen. Ich wäre an deiner Stelle schon längst ausgeflippt.“

„Ach, weißt du“, versuchte sich Lara zu verteidigen, „wenn man liebt, fängt man automatisch an, auf Dinge zu verzichten. Und …“

„Es hat keinen Sinn, ewig über Miro zu reden, wenn du ihm sowieso alles durchgehen lässt“, fiel Sinje ihr ins Wort. „Ich hätte ihn schon längst rausgeschmissen, für mich wäre Liebe ohne Respekt nicht möglich. An manchen Tagen ist von dir nur noch ein Häufchen Elend übrig. Und weißt du was: Du bist selbst schuld daran.“ Lara schnappte nach Luft.

„Das ist jetzt aber ziemlich hart, finde ich!“

„Das ist nur ehrlich. Du willst es einfach nicht anders, weil du die Konsequenzen vermeidest. Ich kann dir nicht helfen, Lara. Es ist immer wieder das gleiche. Also lass uns das Thema beenden“, sagte Sinje genervt. Lara schwieg betroffen.

„Gibt es außerdem noch etwas zu erzählen?“, fragte Sinje wieder ein wenig weicher.

„Nein. Eigentlich nicht“, sagte Lara kleinlaut.

„Na, dann mach‘s gut. Bis bald.“

Sinje legte auf.

Mit einem Seufzer ließ sich Lara auf das kleine Sitzbänkchen am Telefon fallen. Sinje hatte ja Recht, nie war sie konsequent. Aber allein daran konnte es nicht liegen, dass sie in letzter Zeit so unglücklich war. Verschloss sie wirklich die Augen vor der Realität? Aber andererseits, wer konnte schon aus seiner Haut? Für sie gab es nichts, was sie mehr erfüllt hätte, als jemanden glücklich zu machen. Es stimmte, sie war fast süchtig nach Wohlwollen. Vor allem nach Miros Wohlwollen. Sie tat alles, damit er ihr diesen ganz besonderen Blick zuwarf; diesen Blick, der ihr bewies, dass sie liebenswert war. Es war merkwürdig, immer wenn sie Miro am nächsten war, tat sich mehr und mehr ein großes Loch auf, das sich anfühlte wie ein konstanter Verlust von Substanz.

Doch so sehr sie sich auch abstrampelte, Miro blieb verärgert. Und wenn sie ihm etwas erzählte, ganz gleich ob von ihrem Tag oder von Nina, war sein Schweigen voller Ungeduld.

Seit dem letzten Wochenende ging Miro fast jeden Abend entweder ins Fitness-Studio – Bodybuilding war seine neue Leidenschaft – oder in irgendwelche Kneipen. Lara wartete bis Mitternacht, ohne zu wissen, was sie sich von Miros Rückkehr erwartete.

Und dann rief spätabends, während eines einsamen Fernsehabends eine Frau aus dem Studio an und fragte nach Miro.

Als er kurz darauf heimkam und erzählte, er hätte sich verletzt und zum Beweis die bandagierte Hand hochhielt, war Lara außer sich. „Bei dir weiß ich nicht, ob du auf deine Hand oder auf irgendeine Tussi gefallen bist!“

Der Satz hallte nach. Miro schwieg. Sein Verlangen nach Laras Körper hatten sich mit der Zeit verändert und dem Verlagen nach ihrem Strahlen Platz gemacht. Andererseits versuchte er genau diesem Verlangen auf seine Art zu entkommen.