Vererbte Wunden - Sophia Wesner - E-Book

Vererbte Wunden E-Book

Sophia Wesner

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Beschreibung

Das sperrige Kind, die schwierige Tochter, die rebellische Frau – Zuschreibungen, die Heide Wetzel zu hören bekommt, seit sie denken kann. Sie ist Mitte 40 und auf der Suche nach dem Grund ihres komplizierten Verhältnisses zum Vater. In dieser Situation bekommt sie von ihrer Tante einen Schlüssel in die Hand gelegt: die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Luise. Die Großmutter, die als Kind lippischer Siedler in Westpreußen geboren wurde, nach dem Ersten Weltkrieg eineinhalb Jahre in einem Lager auf die Umsiedlung nach Ostpreußen warten musste, nach dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Lippe floh und dort unter schweren Bedingungen die Familie durchbrachte. Wie sehr das Leid Luises Sicht auf die Dinge und die Menschen geprägt hat, erfährt Heide indirekt durch ihren Vater und die Ehe der Eltern. Sie entdeckt an ihren Eltern, ihren Schwestern und sich selbst verschiedene Strategien, mit dem Erbe dieser harten Frau umzugehen. Der Roman erzählt vom Zusammenhalt, aber auch den Fallstricken und Fesseln einer Familie vor dem Hintergrund des bewegten 20. Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sophia Wesner

Vererbte Wunden

Von Ostpreußen nach Lippe

Familienspuren

Prinzengarten Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright 2023 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Bild Umschlag: Karline Johanning

ISBN 978-3-89918-850-9

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert.

Rainer Maria Rilke

Es ist Sommer, Heide sitzt im Park, von ihrem Schattenplatz unter einer Buche aus betrachtet sie, was sich da alles so bewegt. Hunde toben auf der Wiese, Leute spielen Frisbee, Volleyball oder balancieren auf einem Seil, manche essen Eis, manche liegen auf Decken und schauen in die Bäume oder den Himmel, Grilldunst schwebt von irgendwoher, Kinder kreischen im Sandkasten, ein ganz normaler Sommertag. Sie betrachtet den Trubel, ist aber eigentlich gar nicht da. Sie ist mit ihren Gedanken im Buch, in dem sie liest, ein Buch, das ihre Tante geschrieben hat. Manchmal schaut sie auf. Es ist nur etwa eine Stunde her, dass Heide es bekommen hat. Das Buch liegt schwer in ihren Händen. Gleichzeitig drängt es, flattert, will wieder geöffnet werden. Aufgeladen vielleicht von der Energie der todkranken Tante Dietlind. Die hat es ihr in die Hände gelegt. Ihr Buch.

Heide liest weiter. Sie schlägt das Buch irgendwo auf. Ihr Puls steigt und ihr wird warm. Die Worte treffen sie, verwirren sie. Sie blickt auf – und sieht ihre Schwestern, die sie abholen wollen. Die gesamte Zeit der Pause ist an ihr vorbeigestrichen, weil sie so vertieft in ihre inneren Bilder war, die Dietlinds Buch hervorgerufen haben. „Na?“, fragt sie Katharina und Mathilde, „wollen wir wieder zu ihr gehen? Ich denke, die Pause war lang genug, nicht, dass sie auf uns wartet. So viel Kraft hat sie ja nicht mehr.“ Heide steht auf und sie gehen durch die pralle Sonne zu Dietlinds Haus. Den seltsamen Geruch kennen sie nun schon. Dietlind liegt in ihrem Bett, sieht ihnen mit wachen Augen entgegen. „Ihr kommt genau richtig, eben ist die Pflegerin gegangen. Es kann weitergehen.“

Sie setzen sich wieder um ihr Bett herum. Heide sitzt an ihrem Fußende. Der Krebs hat Dietlind dünn gemacht, durchscheinend. Trotzdem leuchtet Dietlind.

„Kommt her. Der Krebs wird bald gesiegt haben. Aber ich genieße jeden Tag. Stellt euch vor. Das kann man auch als todkranker Mensch. Gib mir doch mal das Buch da drüben, Katharina.“ Sie zeigt auf ein dickes Buch, aus dem Zettel und Fotos herausschauen. Es sieht aus, als hätte Dietlind es über Jahre hinweg täglich in den Händen gehabt. „Das ist mein ‚Mutter-Buch‘. Sie schlägt es auf, blättert ein wenig darin herum, zeigt den Nichten Fotos, schöne Portraits von der Omi. Über die Jahre hinweg muss sie immer wieder bei einem Fotografen gewesen sein. Hin und wieder ist Dietlind mit ihr zusammen zu sehen. Eine sitzt, eine steht, ernste Blicke in die Kamera, Hand auf Schulter, leicht gebeugte Haltung der Oberkörper zueinander. Heide ist vor allem fasziniert von den Zeichnungen in dem Buch, allesamt von Dietlind. Ganz anders als Dietlinds Bilder, die überall in ihrer Wohnung stehen, sind die Zeichnungen ohne Farbe; klare schwarze Linien reißen Horizonte auf, grenzen ab, zeigen Figuren in verschiedenen Posen und Konstellationen, drücken Fragen und Schmerz aus. Auch Texte in Dietlinds spitz geschwungener Schrift sind darin, Gedichte, Reflexionen. Seitenweise.

„Sind das alles deine Gedanken zu Omi?“

„Ja. Irgendwann hab ich begriffen, dass ich mir nicht erlauben darf, Mutti als Dämon zu sehen. Ich habe mich entschlossen, Mutti zu lieben und ihr alles Schreckliche, das ich in meiner Jugend durch sie erlebt habe, zu verzeihen. Da gab es viel zu verzeihen. Das Leben war wirklich schwer für mich. Im Zentrum immer: Mutter. Mutter, ungefiltert: Mutter, potenziert durch die Brüder: Mutter. Deswegen seid ihr hier. Ich möchte euch erzählen. Von meiner Befreiung. Denn an dem Abend der Feier zu ihrem 80., als ich zusehen musste, wie meine Brüder sich dabei überboten, wie sie einander am besten demütigten, da habe ich verstanden: das kommt von Mutter und ich muss einen anderen Weg gehen, ich muss mich retten. Und so habe ich diese Seminare besucht, die ihr alle zum Lachen findet, das weiß ich wohl, die mir aber geholfen haben. Ich möchte euch von Mutter erzählen, weil ich weiß, dass sie euch ebenfalls weh getan hat. Ich weiß, dass ihr unter ihr gelitten habt, dass sie kalt, ungerecht, hart zu euch war. Und dass sie euch durch ihren Sohn und seinen Blick auf alles Weibliche geprägt hat. Unvergessen die Szene, als sie sich auf dich drauf gesetzt hat, Heide. Oder Agnes und dich im Winter nicht ins Haus gelassen hat. Harte Frau, hartes Herz. Fast bin ich an ihr zerbrochen. Es war der Segen meines Lebens, dass ich mich mir zugewandt habe, und dann auch ihr. Alles hängt davon ab, ein weites Herz zu bekommen. Man kann sein Herz befreien, man kann den Code durchbrechen.“

Diese letzten Worte hört Heide fast gar nicht mehr. Plötzlich sieht sie sich in einer Reihe stehen. Die Schreckensfrau, den Vater und sich selbst. War das traumatische Erlebnis mit ihrem Vater von neulich, als sie sich so unverstanden gefühlt hat, nichts anderes als die spukhafte Fernwirkung der Omi? Ein Abgrund angefüllt mit Ablehnung, Bitterkeit, Hilflosigkeit hatte sich zwischen ihrem Vater und ihr aufgetan. Und sie war hineingefallen, vollkommen unvorhergesehen. Kein Anzeichen, dass sich der Boden auftun könnte. Kein Felsvorsprung, der sie hätte davor bewahren können, dort einzutauchen. Gebadet wurde sie in diesen tiefen Wassern der Unfreiheit, der Selbstablehnung, des Vorwurfs, sie selbst noch immer zu sehr Kind, zu sehr Tochter, als dass diese Wasser nicht durch ihre Poren in sie eindringen könnten. Dieses Wasser, von dem zuvor ihr Vater jahrelang umspült war. Japsend, nach Luft schnappend war sie aufgetaucht und weggerannt.

„Heide? Was geht in dir vor?“ Dietlinds Stimme.

„Oh …“ Heide braucht einen Moment, um wieder in der Realität anzukommen. „Ich war grad in meinem Film. Ich glaub, ich hab was verstanden. Es hat mit Omi zu tun. Erzähl ruhig weiter, es tut mir gut, dir zuzuhören.“

Dietlind erzählt ihren Nichten an diesem Nachmittag Luises Lebensgeschichte. Im Zuhören schweift Heide wieder ab, vor ihrem Auge taucht Omi auf. Heide ist wieder Kind und beobachtet Omi durch den Brotschrank in dem Zuhause aus Heides Kindheit. Wenn man ihn öffnete, sah man als erstes den großen braunen Brotteller mit der Butterschale darauf. Daneben waren die Marmeladengläser. Man konnte den Schrank aber auch von der anderen Seite aus öffnen, von der Küche, und durch ihn hindurchsehen, sogar, wenn er geschlossen war, denn an der Gummilippe zwischen beiden Türen fehlte ein Stück. Und durch diesen Schlitz betrachtet Heide ihre Großmutter. Aus Entfernung und in der Sicherheit des Verborgenen schaut sie auf diese Frau. Heide ist fasziniert, in dem Großmutter-Bann. Sie nähert sich durchs Guckloch der Aura von Angst und Schrecken, ohne vereist zu werden. Heide sieht Luise, wie sie den Boden fegt, dabei etwas mit ihrer hohen, dünnen Stimme murmelt. Es geht um Hilda, Heides Mutter, so viel kann Heide verstehen. Sie muss gar nicht die Worte hören, um zu wissen, dass Luise wieder schlecht spricht; Heide sieht die Lippen, sie konzentriert sich nur auf sie, diese Lippen, zwei dünne Striche, darum herum ein Oval von der Nase bis hin zum Kinn: tiefe Falten, Furchen, Schlünde. Riesig und kraterhaft erscheinen sie Heide, und als Omi sich dem Schrank zuwendet, um den Boden davor zu fegen, wird dieser Mund größer und größer, das leichte Öffnen und Schließen des Mundes ist nur dazu da, Heide hineinzuziehen in diese gruselige Dunkelheit. Mit einem Ruck macht sie sich los, rennt aus der Küche und plötzlich sitzt sie wieder auf dem Stuhl an Dietlinds Bett. Sie schüttelt sich und kneift sich in die Hand, denn sie will schließlich Dietlinds Geschichte hören.

Dietlinds Worte werfen ein anderes Licht auf Luise. Das spürt Heide. Und sie folgt der Erzählung ihrer Tante, taucht wieder ab, aber nun geleitet von Dietlinds Worten, sie taucht mehr als einhundert Jahre zurück, in das Jahr 1919, in Luises vaterlose Zeit.

I Luise als Mädchen

Im Stall. Abschied aus Westpreußen

Es war ein schöner, eiskalter Tag im Januar 1919 in Tergewisch, Westpreußen, als Luise Busse und ihre Schwester Frieda von ihrer Mutter und ihrer Tante Johanne am Abend in die gute Stube gerufen wurden. Luise und Frieda hatten am Nachmittag im Garten des Hofs, den sie bewohnten, eine Schneefrau gebaut. Sie liebten den Winter, er dauerte schon lang und hatte viel Schnee, das reinste Vergnügen war es für Luise und Frieda, ein umhegtes Winterparadies auf dem Hof, den der Vater mit eigenen Händen vor einigen Jahren errichtet hatte, nachdem er und seine Frau mit dem Siedlungsprogramm von Lippe nach Westpreußen gezogen waren. Der Hof umfasste einen Stall, einen Geräteschuppen und ein Lager für Saat und Ernte – und natürlich das Wohnhaus, das sich fein und doch stattlich am Ende des Hofs erhob, zweistöckig.

An diesem Januartag also hatten sie eine Schneefrau gebaut. Frieda und Luise stritten gerade darum, wer die letzte Eierkohle als Knopf in den Bauch drücken dürfe, kamen aber auf den Ruf der Mutter hin gleich angelaufen. Luise vermisste ihren Vater in solchen feierlichen Momenten immer am meisten. Es musste ein feierlicher Anlass sein, wenn sie die gute Stube benutzten. Hier feierten sie sonst nur Geburtstage oder Feste. Ihr Vater war schon lange nicht mehr dabei gewesen, denn er war vor mehr als zwei Jahren in den Krieg gegangen. Johanne, seine Schwester, half der Mutter deswegen auf dem Hof. Die Erwachsenen machten ernste Gesichter und sagten, dass sie schlechte Neuigkeiten hätten, der Krieg sei aus, schon etwas länger, und er sei nicht gut für Deutschland ausgegangen. Luise verstand nicht, warum das schlecht war. Dann würde der Vater doch wiederkommen? Das ja, aber sie selbst, sie alle müssten Haus und Hof verlassen. Das Land gehörte ihnen wohl bald nicht mehr, sondern den Polen. Die Mutter erklärte, dass Deutschland den Krieg verloren hatte und den Landstrich, in dem sie wohnten, höchstwahrscheinlich an Polen abgeben musste und alle Deutschen müssten das Land verlassen. Luise fing an zu weinen. Ihre Mutter gab ihr eine Ohrfeige. Zwar keine starke, aber sie tat doch weh.

„Es ist jetzt nicht die Zeit zum Weinen, sondern zum Packen. Hast du verstanden? Außerdem hilft kein Jammern, niemals, merk dir das!“

„Aber warum können wir nicht bleiben? Wir tun den Polen doch nichts? Ich habe Olga nicht geärgert, sie ist es, die immer anfängt.“ Olga wohnte in der Nachbarschaft und sie hatte denselben Schulweg wie Luise. Natürlich ging Luise in eine andere Schule, in eine für Deutsche, aber die lag gleich nebenan.

„Nun gut, ich versuche, es dir zu erklären.“ Johanne war immer viel freundlicher zu ihnen als die Mutter. „Sieh mal, deine Eltern sind ein Jahr vor deiner Geburt, also 1911, hier angekommen. Der Kaiser hat ihnen Geld und Land dafür gegeben, dass sie diese Gegend deutscher machen. Das Land, auf dem dein Vater euer Haus gebaut hat und auf dem ihr eure Felder habt, hat vorher polnischen Bauern gehört. Man hat es ihnen weggenommen. Sie konnten sich nicht wehren, denn den Staat Polen hat es gar nicht gegeben. Jetzt hat aber Deutschland den Krieg verloren und die Mächte, die gewonnen haben, wollen den Polen wieder einen Staat geben. Sie verhandeln gerade in Frankreich darüber, welche Teile von Deutschland sie Polen geben können. Verstehst du?“

„Ja, aber was hat das mit uns zu tun?“

„Tja, wir leben genau auf dem Land, das jetzt bald zu Polen gehören wird. Und deswegen müsst ihr entweder polnisch werden oder weggehen. Verstehst du?“

„Und du willst nicht polnisch werden, Mama?“

„Auf keinen Fall. Das würde bedeuten, katholisch zu werden, das ist unvorstellbar. Und jetzt ab ins Bett.“

„Aber wenn es noch gar nicht klar ist, dass es unser Land sein wird, das polnisch wird, warum warten wir dann nicht?“

Die Mutter antwortete: „In den Zeitungen heißt es immer wieder, dass Westpreußen polnisch werden soll. Wir leben in Westpreußen. Und ich warte nicht, bis man uns mit bösem Blut und Hass vertreibt. Ich warte nicht auf anti-deutsche Gesetze. Ich verkaufe lieber mein Hab und Gut und gehe freiwillig.“

Sie waren entlassen. Die Nacht nach diesem Gespräch war für Luise eine schreckliche Nacht, sie träumte schlecht. Männer mit Mistgabeln kamen auf den Hof, schon waren sie unten in der Küche, hatten die Mutter aufgespießt und in hohem Bogen nach draußen geworfen, die Töpfe und Pfannen, Teller, Tassen, Schüsseln, alles, was sie in der Küche fanden, warfen sie auf die Mutter, die schon ganz begraben war. Nun war Luise selbst dran. Kurz bevor die Mist­gabel in ihren Bauch fahren konnte, stand Johanne da und verscheuchte die Männer. Sie fühlte Johannes Hand einmal beruhigend über ihren Rücken fahren, dann war sie wieder fort. Luise wachte auf und blieb bis zum Morgen wach. Als sie früh nach unten ging, hörte sie ihre Mutter und Johanne leise miteinander reden. Sie blieb auf der Treppe stehen.

„Es ist ein Jammer, vor zwei Jahren ist das Haus überhaupt erst fertig geworden. Und alles hat Ernst allein gemacht. Das ist nun der Dank.“ Luises Mutter klang müde.

„Wohin werdet ihr denn jetzt gehen? Wollt ihr zurück nach Lippe?“

„Auf keinen Fall, wir sind so froh, dass wir dort weggekommen sind. Diese Enge dort mit meinem Bruder auf dem kleinen Hof, nein danke. Meinst du, dass Ernst es gut aushielte mit Karl? Der Zweite zu sein, nur der Ehemann der Schwester? Auf den Hof eurer Eltern können wir erst recht nicht zurück, den führt doch euer Bruder. Zwei Brüder auf einem Hof, das geht nicht gut. Du siehst, die Gründe, warum wir damals gegangen sind, wirken heute noch. Und diese Landschaft! Auf der Velmerstot mag es schön sein, wenn man die Weiten überblickt, Lemgo mag süß anzusehen sein mit seinen Fachwerkhäusern, die schöne Alte Hansestadt, Detmold mag eine schöne und stolze Stadt sein, aber da war ich fast nie; ich war immer nur auf unserem Kotten in Entrup. Und den Teutoburger Wald mag ich auch nicht, er drückt mit seinen dunklen Wäldern auf das Land und macht es düster. Ich weiß, du liebst ihn, aber für mich ist das nichts. Nein, dorthin gehe ich nicht zurück. Hier ist alles weit, der Horizont und die Stirnen der Menschen. Ich bin stolz, dass meine Kinder alle gebürtige Westpreußen sind. Wir müssen von hier aus, das habe ich vom Nachbarn gehört, wohl erst in ein Umsiedlungslager in Ostpreußen, nicht weit von hier, von dort verteilt man uns dann neu. Was Besseres als ein Leben in Lippe finden wir auch hier.“ Die Mutter hatte laut und schnell gesprochen. Dann, nach einer Pause sagte sie in veränderter Stimmlage: „Kommst du mit uns mit, Johanne?“ Luise hörte einen Ton, den sie noch nie in der Stimme ihrer Mutter gehört hatte.

„Das kann ich doch nicht. Ernst kommt bald wieder, das weißt du, und du gehörst zu ihm. Und er zu dir. Nicht ich. Ich gehe zurück nach Lippe.“

Dann hörte Luise lange nichts, nur ein dumpfes Schniefen. Ob das von ihrer Mutter kam? Sie lief die Treppe ganz herunter und stand in der Küche. Johanne hielt ihre Mutter fest im Arm und tatsächlich war es ihre Mutter, die ein Taschentuch in der einen Hand hatte, obwohl sie das gar nicht brauchte, denn sie hatte ihr Gesicht an Johannes Hals gelegt, die andere Hand lag um Johannes Taille. Als sie Luise sah, machte sie einen Satz nach hinten, riss ihre Augen erschrocken auf und kam dann auf Luise zu. Sie bog ihr mit hartem Griff in die Haare den Kopf zurück und mit der anderen Hand umfasste sie Luises Kinn, kniff sie regelrecht. Luise bewegte sich keinen Millimeter, schaute nur ihrer Mutter in die Augen. Die sagte nichts, blickte sie lange an, dass Luise Angst bekam. Aber sie zitterte nicht, bebte nicht, war stumm und wartete ab. Irgendwann ließ ihre Mutter sie los und scheuchte sie aus der Küche.

Eine Woche nach diesem Erlebnis sah Luise im Dämmerlicht des frühen Nachmittags einen fremden Mann auf den Hof kommen. Sie war gerade draußen und sollte den Schnee beiseiteschieben. Instinktiv zog sie sich zurück Richtung Hauseingang, da spürte sie, wie ihre Mutter an ihr vorbeiging und im bloßen Arbeitshemd auf den Mann zuschritt. Sie wunderte sich sehr darüber und noch mehr, als sie sah, wie ihre Mutter den Mann in den Arm nahm und dann mit ihm zum Haus ging. Erst als er nur noch zwei Meter von ihr entfernt war, erkannte sie ihren Vater wieder. Sie erschrak tief und war gebannt vor Scham, dass sie ihn nicht erkannt hatte, dass ihr Auge nichts Vertrautes mehr sehen konnte. Er grüßte sie mit anderer Stimme. Sie warf sich ihm trotzdem in die Arme. Er fing sie auf und strich ihr einmal übers Haar. Dann betrat er das Haus und bat um einen Tee. In der Küche saß Frieda am Tisch und malte etwas. Auch sie erkannte den Vater erst nicht, guckte ängstlich und lief zur Mutter. Lilli gar versteckte sich hinter Johanne, die am Herd stand, und sagte: „Beißt“, als ihr Vater sich ihr nähern wollte. Die Mutter fing an, den Tee zu kochen, am Herd neben Johanne. Vater stöhnte und setzte sich an den Tisch, betrachtete lange seine Schwester, die Lilli auf den Arm genommen hatte und ihr ein Brot machte, und seine Frau, die neben Johanne hantierte, beobachtete, wie die Bewegungen der Frauen ineinandergriffen, ohne sich zu behindern. Er sagte zu seiner Schwester: „Ich sehe, du hast deine Aufgabe, mich zu vertreten, gut erfüllt. Du hast dich hier ja richtig unentbehrlich gemacht.“

„Ernst, was denkst du? Dass die Kinder keine Beziehung zu mir aufbauen?“

„Und Helene?“ Luise sah diese beiden Wörter wie Blasen im Raum schweben, wie sie sich mal dem einen, dann dem anderen näherten, sich emporhoben über die Köpfe, dort die Farbe wechselten und schließlich zerplatzen. Auch Mutter und Johanne hatten kurz die Farbe gewechselt, aber nichts gesagt. Luise wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Die Erwachsenen warfen vor Ratlosigkeit und Schmerz blitzende Blicke hin und her. Der Revierkampf fand stumm statt, er war von vornherein entschieden, so war es eben, der Mann gab die Ordnung vor und alle Frauen folgten.

Luise setzte sich auf den Schoß ihres Vaters, er fragte sie zwar, ob sie nicht schon zu alt dafür sei, aber er ließ es doch zu. Aus der Nähe sah sie, dass er ganz viele Furchen ins Gesicht bekommen hatte. Seine Haut war nicht mehr glatt und er war nicht mehr so stark wie früher. Lang durfte sie nicht dort sitzen, ihr Vater stand auf und verließ die Küche. Luise sah, dass Johanne und ihre Mutter sich anschauten, aber sie sagten nichts. Luise verstand die Blicke nicht, verstand nicht, was die Frauen sich stumm sagten. Frieda wollte hinter dem Vater her und wurde von Johanne zurückgehalten. So blieben sie alle in der Küche, seltsam still und stumm.

Das Abendessen nahmen sie zusammen ein, es wurde kaum gesprochen, der Vater aß wenig und auch die anderen hatten keinen Appetit. Luise beobachtete, dass alle bis auf Lilli Mühe hatten, ihre Portion Suppe aufzuessen. Zum Ende des Essens nahm der Vater die Hand der Mutter, drückte sie und verließ als erster die Küche. Luise und Frieda halfen aufräumen und wurden dann zu Bett geschickt. Luise konnte lange nicht einschlafen, sie lauschte ins Haus hinein. Weinte die Mutter? Luise hätte gerne die Mutter getröstet, aber sie traute sich nicht, einen Fuß aus dem Bett zu setzen. So blieb sie liegen und musste wohl doch eingeschlafen sein. Bleischwer begann der Morgen, bleischwer setzte er sich fort, denn Johanne packte. Als Luise am Morgen in die Küche kam, lief Johanne geschäftig im Haus hin und her und suchte all das, was sie für ihre Reise, ihren Umzug brauchte. Luise wich ihr keinen Schritt von der Seite, bis es Johanne zu viel wurde und sie sie wegscheuchte. Ernst saß den ganzen Tag am Küchentisch und beobachtete mürrisch beide Frauen. Kaum ein Wort wurde gesprochen. Am nächsten Tag im Morgengrauen erwachte Luise davon, dass Johanne an ihrem Bett stand und sie sanft rüttelte. Johanne war vollständig bekleidet, sogar einen Mantel hatte sie an. „Luise, wach auf! Ich möchte Adieu sagen! Ich muss nun gehen, jetzt ist euer Vater wieder da. Ich habe meinen Dienst getan.“ Luise legte sich in Johannes Arme und umklammerte ihren Bauch. „Kannst du nicht trotzdem bleiben?“ Das verneinte Johanne, machte sich rasch von ihrer Nichte los, verabschiedete sich von Frieda, die im selben Zimmer schlief, und ging dann zur Tür. Dort drehte sie sich um und sagte: „Wer weiß, vielleicht sehen wir uns eines Tages in Lippe wieder? Lebt wohl!“

In Lippe. Davon hatte ihre Mutter ihr oft erzählt. Sie, Luise, solle stolz sein, eine Westpreußin zu sein, dies hier sei ihre Heimaterde und keine andere. Luise hatte nicht verstanden, warum die Erde in Lippe so viel schlechter sein sollte, schließlich kamen ihre Eltern und Johanne von dort. Auch ihre Großeltern, die sie noch nie gesehen hatte, wohnten dort, ihre Onkel und eine weitere Tante. Angeblich war die Erde dort schwarz und klumpig, die Bäume geduckt und der Himmel voller schwarzer Wolken. Das hatte Mutter immer erzählt.

Sie war traurig, dass Johanne weg war, aber viel Zeit zum Traurigsein hatte sie nicht, denn sie musste helfen, alles in Kisten zu packen. Bis Ende Februar mussten sie das Haus geräumt haben. Das lag an der Mutter, sie wollte keine Polin werden. Der Vater wäre nicht begeistert gewesen, aber er hatte die Mutter eines Abends gefragt: „Und was, Helene, wenn wir einfach Polen werden und hier bleiben?“

„Auf keinen Fall, Ernst. Auf keinen Fall. Ich bin Deutsche und meine Kinder sind es auch. Also musst du es wohl auch sein. Möchtest du diese merkwürdige Sprache lernen? Ich nicht! Auf Polnisch beten? Singen?“ Sie begann zu singen:

Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

Luise hatte ihre Mutter groß angesehen. Sie hatte eine so schöne Stimme, leider sang sie ihnen abends nur selten etwas vor. „Er wird mir weiterhin helfen.“

„Ja, aber denk doch, welche Mühsal es war, hier anzukommen, das Haus zu bauen, wie viel Kraft und Geld haben wir dort hineingesteckt.“

„Das haben wir. Besonders du. Aber einen Verrat am Blut kann ich nun einmal nicht begehen.“

„Du verlangst also, dass ich alles verkaufe? An Polen verkaufe?“

„Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, es sei denn, du möchtest Pole werden, aber dann wärest du ein sehr einsamer Pole, denn die Kinder und ich bleiben nicht hier.“

So gab sich ihr Vater geschlagen und sie packten.

Die Tiere konnten sie nicht mitnehmen, die blieben auf dem Hof. Auch alle Möbel mussten sie zurücklassen, denn sie hatten kein neues Haus. Ob sie auf dem Planwagen wohnen würden, wollte Frieda wissen. Nein, in einem Lager, erklärte der Vater. Sagte aber nicht, was das sei.

Die neuen Besitzer ihres schönen Zuhauses, ein junges polnisches Paar, kam pünktlich am Tag ihrer Abreise. Ihre Eltern übergaben ihnen die Schlüssel. Der junge Mann nahm sie und sagte auf Deutsch: „So kommt alles wieder in Ordnung. Was Deutsche den Polen gestohlen haben, kommt nun wieder zu Polen zurück.“

Das Lager

Der Weg von Tergewisch in Westpreußen bis nach Preußisch-Holland in Ostpreußen war nicht weit, etwa 80 Kilometer betrug die Entfernung. Luise fuhr mit ihrer Familie Anfang des Jahres 1920 über weites Land, durch viele Alleen. Die kahlen Gerippe der Bäume zu beiden Seiten der Straße machten Luise Angst. Nirgends Trost, keine Farbe, auch der Himmel war grau. Und kalt war es. Lilli hatte blaue Lippen, obwohl sie fest eingepackt war und ihre Mutter sie auf dem Schoß hielt. Luise nahm die Hand der Schwester, die war bläulich. Erschrocken schaute Luise zu ihrer Mutter auf. Die gab kein Zeichen irgendeiner Anteilnahme. Luise hauchte und streichelte. Lilli ließ alles teilnahmslos mit sich geschehen, die Augen blieben geschlossen. Luise hielt eine Weile Lillis Hand, bis es ihr zu kalt wurde und sie ihre eigene Hand wärmen musste. Was machte Frieda? Sie saß vorn beim Vater, hockte zusammengekauert in seiner Nähe. Niemand sprach. Luise überließ sich dem Schaukeln und Ruckeln, dem Geräusch der Hufe auf der Straße, dem Schnauben der Pferde, den eigenen Gedanken. Aber der Kälte nicht und den Gerippen nicht. Dagegen kämpfte sie. Sie malte den Bäumen Blätter und der Kälte sagte sie stumm und trotzig, dass sie sie nicht blaumachen durfte. Schlimm war es, dass Lilli blau war und sie dagegen nichts tun konnte.

Der Vater rief etwas und zeigte auf ein langes flaches Gebäude in weiter Ferne. Das war ihr Ziel? Es sah von Ferne aus wie ein Stall, fand Luise. Ob sie da ihren Geburtstag feiern würde? In zwei Wochen wurde sie acht Jahre alt. Sie wurde traurig, wenn sie daran dachte.

Luise betrachtete das Gebäude, das dunkel und flach in der Landschaft stand. Etwas weiter weg sah sie eine kleine Stadt, aber das Gebäude stand einsam. Es wurde ihr mulmig. Das war kein Haus. Wie sollten sie dort leben? Es würde nicht für lange sein, hatten ihre Eltern gesagt, dorthin müsste man, wenn man von den Polen vertrieben wurde, sagten sie, und dann erwähnten sie immer abfällig ein fremdes Wort, das in Luises Ohren wie Weasai klang. Was das war, wusste sie nicht. Und wenn sie fragte, bekam sie zu hören, dass sie das nicht verstehe. Aber Weasai war ein Unglück. Und der Grund, warum sie von zu Hause weg mussten, das sollte sie sich merken, hatte der Vater gesagt. Sie stellte sich Weasai wie einen großen Mann mit schwarzen bösen Augen vor, der alle Deutschen mit einem Besen wegfegte. Sie hatte Angst vor diesem Mann und hasste ihn dafür, dass er ihr das Haus weggenommen hatte und Lilli so frieren ließ.

Je näher sie dem Gebäude kamen, das Luise für sich nur noch den Stall nannte, desto größer wurden ihre Angst und ihre Abscheu. Der Stall sah gar nicht freundlich aus. Fenster gab es nur recht weit oben, aber nicht so, dass man in die Umgebung herausschauen konnte. Aus einem Häuschen neben dem Stall kam ein Mann heraus und begrüßte sie. Er fragte, wie sie hießen und woher sie kämen, schrieb alles auf einen Zettel und bat dann den Vater, ihm zu folgen. Luise sah den Vater mit schweren Schritten dem Mann ins Häuschen folgen, dann passierte lange nichts. Vor dem Stall erstreckte sich eine Wiese, auf der Leinen gespannt waren. Unter einer Baumgruppe stand ein Tisch, weiter hinten war ein klitzekleiner Wald, es war fast beleidigend, ihn so zu nennen, so klein war er. Ansonsten gab es nichts zu sehen. Frieda war nach hinten geklettert und hatte sich zu Luise gehockt. Auch sie schien bedrückt zu sein. Die Mutter schaute stur geradeaus und merkte gar nicht, dass Luise Lilli auffing, die der Mutter vom Schoß rutschte. Lilli hatte immer noch die Augen geschlossen. „Ist sie tot?“, fragte Frieda. „Nein, schau.“ Luise stieß sanft mit ihrer Nase an Lillis Nase, daraufhin zog sie das Gesicht ein wenig kraus. „Euer Vater kommt.“ Die Mutter sprach tonlos. Im Gesicht des Vaters konnte Luise etwas sehen, das ihre Hoffnung sinken ließ. Sie stellte sich auf ein schreckliches Zimmer ein, das sie bekommen würde, wahrscheinlich mit Frieda zusammen, sie sah es vor sich, nichts als ein Bett und ein Tisch und ein Stuhl und sonst kahle Wände. Die Mutter, durch die ein Ruck gegangen war, stieg ab und nahm dann Lilli wieder auf den Arm, die jetzt anfing zu jammern. Frieda und Luise hüpften mit steifen Beinen hinterher und dann führte der Vater sie zu ihrer neuen „Wohnung“. Durch die Tür des Stalls kam man in eine große Halle, aber man sah nicht den Raum, sondern gleich vor eine Wand aus Decken, die auf Leinen gespannt waren, darüber das Hallendach, von wo das Licht kam. Diese Decken, manche braun, manche grau, bildeten einen Flur, an dem der Vater entlang schritt, am Ende der geraden Strecke bog er nach links ab und dann wieder nach links bis zu einem helleren Rechteck, in das er hineinging.

Das war also ihr Raum? An den Seiten und hinten hingen ebenfalls diese Decken. Ansonsten sah sie vier schmale Gestelle, die wie Betten aussahen, einen Tisch mit zwei Stühlen und einen Eimer. Jetzt verstand Luise, warum sie keine Möbel mitgenommen hatten. Wo sollte sie denn ihre Kleidung hinlegen? Denn ein wenig Kleidung hatten sie dabei. Und ihr Geschirr? Das gute, das nur an Feiertagen hervorgeholt wurde. Wortlos sahen sich die Eltern an. Aber sie hörte dennoch Worte, eher Gemurmel. Das kam hinter den Decken hervor, von beiden Seiten, es kam von oben über die Decken hinweg, auch ein Schaben und Klappern hörte Luise. Es roch nicht gut. Stickig und faulig war die Luft. Der Vater wandte sich wieder um und winkte ihnen, dass sie mitkommen sollten. Sie gingen in den Eingang zurück, dort gab es noch eine Tür, die hatte Luise vorher nicht gesehen, sie führte auf eine Treppe hinab in den Keller. Dort standen viele Schränke, auf jedem war eine Nummer. Ihrer war der Schrank mit der Nummer 94. Der Vater schloss ihn auf. Sie konnten doch niemals alle ihre Kleider dort unterbringen. Was hier nicht hineinpasste, sagte der Vater, werde in Kisten verpackt und weiter weg eingelagert und könnte erst abgeholt werden, wenn sie das Lager wieder verließen, also sollte die Mutter gut überlegen, was sie auswählte. Dann ging er wieder die Treppe hoch, aus dem Stall heraus und um ihn herum, dort gab es zwei weitere Ställe, eher Ställchen, eines war für die Notdurft, das andere zum Waschen. Wo sie denn kochen sollte, fragte die Mutter. Nirgends, es werde für sie gekocht. Ob sie Geschirr und Besteck benötigten, wollte die Mutter wissen, oder ob das im Gepäck bleibe, das woanders aufbewahrt werden würde. Besteck und Geschirr stellte das Lager. Die Mutter seufzte und murmelte etwas, das Luise nicht verstand, aber unglücklich klang. Sie wies Frieda und Luise an, mit Lilli in ihre Abteilung zu gehen und dort auf die Eltern zu warten. Luise nahm Lilli, die immer noch etwas jammerte, und ging den Weg zurück zu ihrem Platz. Wie sollte sie das nennen? Ein Zimmer war es nicht, Raum konnte sie auch nicht dazu sagen. Wände gab es keine, keine Tür, nur diese Decken überall, sie verstand, dass das, was die Flur“wände“ gewesen waren, die Eingänge zu den anderen Wohnplätzen für andere Familien waren.

Ihre Abteilung war nach vorn hin offen, denn sie schaffte es nicht, die Decke zu bewegen. Also saßen sie da, Frieda und sie, auf diesen schmalen Betten und wiegten Lilli, die nicht mehr ganz so blaue Lippen hatte. Denn kalt war es nicht, wenigstens das nicht. Auf dem Flur huschte ein Kind vorbei, kam zurück und sah sie aus großen Augen an. Ob es ein Junge oder Mädchen war, konnte Luise nicht erkennen. Das Gesicht war bleich, die Haare hingen zu allen Seiten lang herab. Es war ungefähr in Luises Alter, schätzte sie. Das Kind stand und starrte. „Glotz nicht so!“, sagte Frieda. Luise fiel etwas ein. Ob Lilli vielleicht Hunger hatte? Vielleicht konnte das Kind ihr sagen, wo man etwas zu essen bekam. „Warte du hier.“ Luise drückte Frieda, die Schwester, in den Arm, stand auf und wollte zum Kind gehen, aber das stand nicht mehr dort. Also ging sie den Flur entlang und guckte, ob irgendwo ein Vorhang offen war. Sie fand keinen. Sie schob dann einen vorsichtig zur Seite und schaute herein. Dort saß eine Frau mit entblößter Brust, ein Kind daran. Erschrocken ließ Luise den Vorhang fallen, aber es kam jemand dahinter hervor. Offenbar der Mann. Er packte sie und hielt sie fest. „Was tust du hier? Lass uns in Ruhe, du Balg! Bist neu, was? Merk dir eines: wenn du hier überleben willst, rührst du niemals an geschlossene Vorhänge.“ Er gab ihr eine Ohrfeige. „Die ist dafür, dass du dir das bestimmt merkst.“ Luises Wange tat unglaublich weh, aber sie machte keinen Laut. Sie drehte sich um und lief zurück. Sie fand in der Aufregung aber nicht mehr den Weg. Es waren so viele Gänge, war sie von links gekommen? Oder doch von rechts? Sie wusste es nicht, Tränen traten ihr in die Augen. Nur jetzt nicht heulen. Bloß das nicht, sonst würde sie von Mutter gleich die zweite Ohrfeige bekommen. Sie lief und lief und fand keine offenen Plätze. Wie konnte das denn sein? Schließlich rief sie nach Frieda. Sie hatte Glück, Frieda steckte den Kopf heraus. Die Mutter war gekommen und hatte die Vorhänge zugezogen. Mit gerunzelter Stirn sah sie Luise an. „Warum ist deine Wange so rot? Hat dich jemand geschlagen?“ „Ja.“ Jetzt saß ein Schluchzen ganz oben in ihrer Kehle und wollte am liebsten in den Schoß der Mutter hinein. Aber die sagte nur: „Das wird dir wohl recht geschehen sein, was stromerst du herum?“

„Ruhig da, meinen Sie, wir wollen Ihre Familienstreitigkeiten hören?“ Das kam von nebenan. Die Mutter legte den Finger auf den Mund. Luise wandte sich an Frieda und setzte sich dicht neben sie, die auf dem Bett mit Lilli saß, es tat ihr gut, diese Nähe und Wärme zu spüren. Die Mutter richtete so gut es ging den Raum ein, der nun ihrer sein sollte. Vier Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal und ein Eimer. Beide sahen ihrer Mutter zu. Der Eimer, erklärte die Mutter nun im Flüsterton und mit gesenktem Blick, war für die Nacht, wenn man mal musste. Da konnte man nämlich nicht nach draußen gehen. Und nun sollten sie sich fertig machen für die erste Nacht hier. Sie gab Luise und Frieda Waschzeug und schickte sie nach draußen.

„Ist es nicht furchtbar hier?“, weinte Frieda. „Ich will zurück nach Hause!“

„Wir halten das schon aus, du wirst sehen, und dann bekommen wir ganz bald ein viel schöneres Zuhause.“ Frieda tat ihr so leid und natürlich wollte auch sie selbst am liebsten zurück, in ihr weiches Bett zu ihrem Teddy und ihrer Puppe. Sie betraten den Waschraum. Es gab eine Abteilung für Männer und eine für Frauen, das Waschbecken war so lang wie der Raum und sechs Wasserhähne ragten hinein.

Nun mussten sie noch aufs Klo. Es gruselte ihnen davor. Zu Hause hatten sie einen Raum für sich gehabt, das Klohäuschen. Hier aber saß man nur durch eine kleine schmale Trennwand von dem Nachbarn entfernt, hörte alles, das Atmen, Stöhnen und Plumpsen, alles fiel in dieselbe Grube, die riesig war und dunkel und unheimlich. Natürlich stank ihre Grube zu Hause auch, aber das Gefühl, dass unter ihnen die Abfälle dieser vielen fremden Menschen waren, ekelte Frieda und Luise. Es half nun nichts. Sie gingen zu zweit in eine Kabine, die eine hielt die andere fest, denn der größte Albtraum war, dort hineinzufallen. Mit Zeitungspapier wischten sie sich ab und flohen so schnell es ging von diesem Ort.

Als sie zurückgekommen waren, hatte die Mutter schon ihr Bett gemacht. Zwei Betten standen an der einen Seite des Raumes, zwei auf der anderen. Luise, Frieda und Lilli schliefen auf der linken Seite. Wie sollten sie denn zu dritt auf diesen schmalen Liegen schlafen? „Ganz einfach, die Mittlere legt den Kopf auf die andere Seite.“ In der ersten Nacht sollte das Luise, die Älteste, sein. Sie legte sich hin und lag auf Holz. Es war viel zu hart. Außerdem gab es ein Gerangel um die Decke, denn Luises Füße wurden kalt, weil die Decke auf den Schultern ihrer Schwestern lag und sich nicht auf die Füße senkte. Die Mutter unterband jedes Wort aber mit einem scharfen Gezisch, die Nachbarn murmelten auch schon etwas lauter. Es half nichts, man musste sich dreinschicken. Sie war sehr müde, aber trotzdem schlief sie lange nicht ein. Ihre Schwestern atmeten gleichmäßig, die Eltern lagen im Bett, es war dunkel, und von überall her drangen die Geräusche zu ihr. Jemand schnarchte, ein anderer pupste laut, irgendwo wurde getuschelt. Das waren die Gerippe der Bäume, sie sahen auf Luise herab, ihre Äste wogten und beugten sich zu ihr herunter. „Hinweg mit dir, fort von hier. Wir wollen dich nicht sehen.“ Sie packten Luise, warfen sie in die Luft und fegten sie weit und hoch hinaus. Sie hatte solche Angst, wenn sie auf den Boden aufschlagen würde, würde sie sterben, sie konnte doch nicht fliegen. „Mama, Mama, Luise hat ins Bett gemacht!“ Es war stockdunkel, aber Luise spürte, dass Frieda aufrecht im Bett saß und schrie.

„Ruhe da drüben!“

„Stopft dem Balg das Maul! Wir wollen schlafen!“

Die Mutter stand am Bett und sagte: „Morgen früh machst du das alles weg, Luise, ich werde dich lehren, das Bett sauber zu halten. Jetzt aber bleibt euch nichts übrig, als im Nassen weiterzuschlafen.“ Frieda kniff Luise fest in den Rücken. Luise hielt ihre Hand fest und kniff zurück. Von Lilli kam kein Ton.

Am Morgen wurde Luise vom Licht geweckt, das plötzlich anging. Im ganzen Stall war es plötzlich hell. Sofort stand die Mutter an ihrem Bett, den Finger auf dem Mund. „Zieht euch an! Und du, Luise, nimmst das Laken und die Decke und kommst mit mir ins Waschhaus.“

Luise lernte nun, was es hieß, Wäsche zu waschen. Ihre Hände wurden rot und blutig vom Schrubben und Rubbeln und Wringen und vom Wasser. Die Mutter half nicht, hoch aufgerichtet und mit hartem Blick befahl sie ihrer Tochter nur, was sie tun musste, und je weniger Fehler Luise machte, desto weniger Nackenschläge bekam sie. Als Tuch und Decke gewaschen waren, legte die Mutter sie auf Luises Schulter und sie gingen auf die Wiese zu den Leinen. Da sollte beides trocknen. „Nun kann jeder sehen, dass du nicht rein bist. Schäm dich!“ Sie schämte sich wirklich, denn sie war doch schon groß. Sie konnte sich nicht erinnern, wann ihr das zuletzt passiert war.

Drinnen stand das Frühstück auf dem Tisch, eine Schüssel voller Brei, fünf Teller und Löffel, eine Kanne Tee und fünf Becher. Sie hätte gern gewusst, wie es dahin gekommen war, aber das würde sie sicher noch herausfinden. Da es nur zwei Stühle gab, konnten sie nicht wie gewohnt alle um den Tisch sitzen. Luise und Frieda saßen auf den Betten. Der Vater betete und verteilte dann den Brei. Die Kinder hatten von früh auf gelernt, dass alles, was auf dem Tisch stand, gegessen wurde. Luise ekelte sich zwar ein wenig, war aber ermutigt von Friedas Geräusch, das sie machte, als sie einen Löffel in den Mund gesteckt hatte. Ja, das war wirklich lecker. Warm, süß und klebrig. Es machte satt. Den Eltern schien es zu schmecken, nur Lilli mochte es nicht. Sie verzog den Mund, so sehr die Mutter auch versuchte, es ihr schmackhaft zu machen. Frieda und Luise durften sich Lillis Portion teilen. Nach dem Frühstück gingen Luise und Frieda heraus, um die Gegend zu erkunden.

Sie liefen an den Sanitärbaracken vorbei und kamen an ein Tor. Es war geschlossen. Man konnte die kleine Stadt sehen, die in einiger Entfernung lag. Sehnsüchtig schaute Luise hinüber, sie legte gedankenverloren ihr Gesicht an den Maschendrahtzaun und wünschte von ganzem Herzen, in einem der schön aussehenden Häuser sein zu dürfen. Aber das war unmöglich, denn an das Tor schloss sich ein Zaun an, den sie entlang schritten mit ihren Kinderbeinen. Das war also ihr Areal. Eine recht große Wiese rund um Stall und Baracken und in einer Ecke ein Wäldchen, etwas mehr als Gestrüpp. Dahin zog es Frieda und Luise. Vielleicht gab es einen Baum zum Klettern oder Verstecken. Sie näherten sich, da blieb Frieda abrupt stehen. Sie war beworfen worden. Jetzt hatte auch Luise etwas gespürt. Von wo kam das? Das konnte nur aus dem Wäldchen kommen. Kleine Steine flogen weiter auf sie und dichter, je näher sie den Bäumchen kamen. „Komm, denen zeigen wir es!“, sagte Luise, und Frieda kam, nicht ganz so kampfeslustig, notgedrungen hinterher. Die Steine kamen von oben, und tatsächlich, Luise sah gleich das Kind, das sie gestern schon gesehen hatte, auf einem knorrigen Ast sitzen. Dann flog ein Stein in ihren Rücken. Sie wirbelte herum. Zwei weitere Kinder hockten auf einem anderen Baum.

„Kommt runter, ihr Feiglinge! Das kann ja jeder, Steine von oben werfen!“

„Komm du doch rauf, wenn du so eine große Klappe hast. Trau dich!“

Luise sagte zu Frieda: „Du kletterst zu dem, der allein sitzt, ich nehm mir die zwei vor, ok?“

„Nein“, jammerte Frieda, „die sind viel größer als ich, ich hab Angst.“

„Dann warte hier und geh in Deckung.“ Luise entschied sich, auf den loszugehen, der gesprochen hatte, von den anderen beiden war kein Mucks gekommen. Sie war flink und geübt im Klettern. Sie ließ sich nicht davon abhalten, dass Sand auf sie rieselte, sie durfte nur nicht mehr nach oben schauen. Gleich war sie da. Gleich würde sie das Kind erwischen. Sie erreichte den Ast, auf dem es saß und starrte es von der Astgabel her an. Das Kind drehte Luise eine Nase und sprang mit einem großen Satz auf den Baum, auf dem die anderen beiden saßen. Das sah elegant und kräftig aus, Luise bewunderte den Sprung.

„Na? Was sagst du jetzt? Wenn du mutig bist, dann springst du!“ Luise schätzte die Entfernung und die Tragfähigkeit der Äste ab. Sie konnte keinen Rückzieher machen. Aber sicher war sie sich ihrer Sache nicht. Ihre Beine zitterten, sie holte tief Luft und sprang. Mit ihren Händen bekam sie den Ast zu fassen, auf dem eigentlich ihre Füße landen sollten. Sie hing in der Luft. Die drei fremden Kinder lachten sie aus. Der Anführer kam langsam auf sie zu und wollte ihr auf die Hand treten. Luise schwang ihr Bein über den Ast und packte das Bein des Angreifers. Es war ein stiller und kurzer Kampf. Sie zog sich hoch. Sie hatte gewonnen. Grinsend stand sie sicher auf dem Ast, von dem sie eben noch herunter getreten werden sollte. Die drei fremden Kinder grinsten auch.

„Willkommen in unserer Bande. Ich bin Frieder. Und das da sind Max und Claudia. Bis jetzt war noch keiner so mutig wie du. Respekt! Wie heißt ihr?“

„Ich bin Luise und das da ist auch eine Frieda.“

Die drei Kinder lachten: „Ich bin aber FriedER.“

„Also bist du ein Junge? So so! Soll ich dir mal die Haare schneiden?“ Luise fühlte sich ermutigt, ein bisschen frech zu werden. Max und Claudia beobachteten gespannt, wie Frieder sich verhalten würde. Er betrachtete Luise lang und ernst. Dann sagte er: „Wenn du eine Schere hast? Weißt du, im Lager gibt es keinen Friseur und wir sind hier schon seit vier Wochen.“

Den Stall zu betreten mit der Freude und dem Stolz in der Brust war ganz anders als gestern. Es kam ihr so vor, als könnte sie den schrecklichen Raum ein wenig verzaubern. Die Mutter erwartete sie schon und schickte sie nach einem Blick auf ihre zerkratzten und schmutzigen Hände zum Waschen und dann zum Essen holen. Zusammen trugen sie die Schüssel mit Suppe. Wie Frieder gesagt hatte, grau. Vielleicht konnten sie schmecken, was darin war. Luise tippte auf zu kalt gelagerte Kartoffeln. Nach dem Essen sollte Luise prüfen, ob das Laken im Wind trocken geworden war. War es noch nicht. Was gab es nun zu tun? Viele Möglichkeiten blieben nicht. Was sollten sie bloß so lange tun? Keinen Krach machen, das hatten sie verstanden. Luise maß den Raum mit ihren Schritten. Vier Riesenschritte von der Tür zur Wand und sechs von der Seite zur Seite. Das war es. Am Nachmittag und Abend lernte Luise die große Langeweile des Lagers kennen.

Diese Nacht verlief ruhig. Jedenfalls in ihren Betten. Direkt neben ihnen, hinter dem Vorhang, kämpften ein Mann und eine Frau miteinander, so hörte es sich an. Plötzlich kämpften auch ihre Eltern. Sie hörte, wie ihre Mutter sagte: „Bitte nicht, Ernst. Es ist gerade gefährlich.“ Und: „Aber die Kinder …“ Aber offenbar war dem Vater das egal, er kämpfte weiter und war stärker als die Mutter. Frieda flüsterte in Luises Ohr: „Sollen wir Mama helfen?“ „Ich weiß nicht, ich hab Angst, dass sie uns schlägt.“ Beide blieben liegen und recht schnell wurde alles wieder ruhig.

Am nächsten Tag schien die Sonne und wenn man sich an die Stallwand lehnte, war es sogar etwas warm. Komisch, dass keiner sonst draußen war. Luise verstand das nicht, da drinnen war der schlimmste Ort, den sie kannte. Ein Grauen erfasste sie dort, sie fühlte sich dumpf und ohne Mut. Draußen war alles besser. Sie hielt ihr Gesicht in die Sonne. Kurze Zeit später ging Luise weiter, denn es wurde doch kalt, wenn sie bewegungslos in der kalten Luft stand. Sie streifte umher und betrat schließlich die Wasch-Baracke. Es gab in einer Ecke Kabinen, die hatte sie noch gar nicht bemerkt. Zwei kleine Kabinen mit einer Bank, Spiegel und Haken. Sie schloss die Tür und setzte sich auf die Bank. Ein Ort, an dem sie allein sein konnte! Sie ließ die Beine baumeln. Was war das bloß für ein schrecklicher Stall, in dem sie jetzt war. Und warum waren sie eigentlich da? Wegen Weasai. Und irgendwas musste das oder der mit dem Krieg zu tun haben. Sie hörte Geräusche. Zwei Frauen sprachen miteinander und kamen offenbar in den Raum. Luise stellte sich auf die Bank und reckte den Kopf, sie konnte geradeso über die Wand gucken. Die Frauen hatten Handtücher über den Schultern und je einen Beutel in der Hand. Sie sprachen über das Essen und wie hungrig sie waren. Und natürlich, wie lange man es denn aushalten solle in diesem Loch, in dem man von allen Seiten mit peinlichen Geräuschen und ekligen Gerüchen umgeben sei und man wie ein Automat leben müsste. Luise achtete nicht so sehr auf die Worte, sie hatte etwas entdeckt: Eine der Frauen legte auf der Suche nach einem Kamm einen Gegenstand nach dem anderen aus ihrem Utensil auf die Ablage; darunter war eine Schere. Luise war elektrisiert: Die brauchte sie doch, um Frieder die Haare schneiden zu können! Sie sah sich die Frau genau an, vielleicht schaffte sie es in den nächsten Tagen, einmal gleichzeitig mit ihr zum Waschen zu gehen.

Sie lief in den Stall. Luise kuschelte mit Lilli und schaute dabei ein Bilderbuch an. Die Mutter war nicht da und der Vater saß auf dem Bett. Luise setzte sich neben den Vater. Er reagierte nicht. Sie nahm seine Hand und lehnte sich an ihn. Da legte er einen Arm um sie.

„Na, mein kleines Mädchen?“

„Ich bin nicht mehr klein, ich werde nächste Woche acht!“

„Ach, ja, stimmt. Ob dieser Tag schön wird für dich?“

„Hier im Lager ist gar nichts schön. Aber wir kommen doch bestimmt bald woanders hin. Du, Papa, ich wollte dich was fragen.“

„Was denn, meine Tochter?“

„War es nicht gut im Krieg? Du sprichst gar nicht mehr mit uns und auch nicht mit Mama.“

Der Vater schaute nach vorn und sagte leise: „Nein, es war nicht gut im Krieg, es war gar nicht gut im Krieg. Aber frag mich nie mehr etwas dazu.“

„Aber ich vermisse es, dass du mit uns sprichst!“ Sie legte ihren Kopf an seine Brust. Er aber stand auf und drehte sich langsam im Kreis. Luise saß da und schaute ihm zu. Sie fühlte sich in diesem Moment einsam und verlassen. Er beachtete sie gar nicht mehr. Es war so schrecklich für sie, wie ihr Vater unbeholfen im Kreis tappte, ja, torkelte, sich an den Kopf griff und die Haare zerwühlte. Sie fühlte sich schuldig, weil doch sie ihn an den Krieg erinnert hatte. Weinen aber wollte sie jetzt auf keinen Fall, also ging sie nach einer Weile zu ihren Schwestern. Lilli ging es etwas besser, sie war zwar blass, aber sie lachte über Frieda, die ihr kleine Geschichten zu den Bildern erzählte. Luise kauerte sich ans Fußende der Betten, warf immer noch Blicke auf ihren Vater, der sich wieder gesetzt hatte und mit hängendem Kopf da saß, nichts wahrnehmend. Luise flüchtete sich in die Stimmen der Schwestern, es wurde ihr langsam warm. Sie dämmerte ein.

Zwei Tage später hatte Luise Geburtstag. Sie erwartete nichts von dem Tag. Sie erwachte davon, dass ihre Mutter nach ihr tastete (noch immer änderten die Schwestern jede Nacht ihre Positionen) und ihr im Dunkeln leise ins Ohr sang: