Verfangen im Liebeswahn - Kathrin Ehrlich - E-Book

Verfangen im Liebeswahn E-Book

Kathrin Ehrlich

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Beschreibung

Das Thema Stalking ist ein Thema, das uns alle angeht! Denn unverhofft kann es zu einer solchen unprovozierten Situation kommen. Das Leben hält viele unterschiedliche Begebenheiten für uns bereit. Stalking gehört zu den dunklen! Diese Geschichte erzählt von einer jungen Frau ,deren Leben sich schlagartig, von einer Sekunde zur anderen, völlig verändert.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kathrin Ehrlich

Verfangen im Liebeswahn

Eine wahre Geschichte

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

DIE FRAU 2013

DIE FRAU März 1980

Es wird schlimmer

Impressum neobooks

DIE FRAU 2013

Verfangen im Liebeswahn

Nach einer wahren Begebenheit

Das Telefon. Mitten in der Nacht klingelt es und weckt die Schläferin auf.

Ihr Herz schlägt bis zum Hals, und sofort fühlt sie sich wieder hinein versetzt in diese eine Nacht vor über 30 Jahren, als der Albtraum begann.

DIE FRAU März 1980

Sie war so glücklich. Endlich hatte sie ihn wieder gefunden. Michael, ihre Jugendliebe.

Wie oft hatte sie versucht sich vorzustellen, was wohl aus ihm geworden sei und wie es ihm gehen möge.

Und nun stand er vor ihr. Seltsamerweise sah er nicht viel älter aus als damals, als sie im Alter von 16 Jahren heimlich den ersten Kuss tauschten.

Irgendwann hatten sie sich aus den Augen verloren.

Aber nun war er hier und kam mit ausgebreiteten Armen und strahlendem Lächeln auf sie zu.

Gerade als sie ihm entgegenlaufen will, wird sein Gesicht plötzlich unscharf, und kurz darauf ist Michael komplett verschwunden.

Ihr wird das Herz ganz schwer, weil sie ihn schon wieder verloren hat.

So ganz allmählich realisiert die Frau, dass da ein unangenehm störender Ton an ihr Ohr dringt.

Etwas desorientiert wache ich allmählich auf. Schlaftrunken werfe ich aus halb geöffneten Augen einen Blick auf meinen Wecker. Mist, es ist ja noch mitten in der Nacht. Unwillig drehe ich mich auf die andere Seite. Bemüht, wieder einzuschlafen. Hoffnung auf Fortsetzung dieses schönen Traumes habe ich allerdings nicht. Aber das, was mich gestört hat, ist immer noch da. Und widerstrebend wird mir klar, dass es das Läuten meines Telefons ist, das mich mitten in der Nacht so unsanft geweckt hat und mich wohl oder übel jetzt aus dem warmen Bett scheucht.

Wenn um diese Zeit angerufen wurde, dann musste was passiert sein. Es gab nur diese Erklärung. Hoffentlich nicht wieder was mit Vater, fährt es mir durch den Kopf.

Auf einen Schlag bin ich hellwach, verheddere mich beim Sprung aus dem Bett in meiner Bettdecke, nehme mir nicht die Zeit, meine Nachttischlampe einzuschalten und stolpere im Dunkeln zur Tür und in die Diele, wo das Telefon an der Wand hängt.

Mit zitternden Händen betätige ich den Lichtschalter dort und greife nach dem Hörer. Voller innerer Unruhe vor dem, was ich gleich erfahren werde, hauche ich ein „Hallo“ in den Hörer.

Zunächst keine Reaktion am anderen Ende. „Mutter, bist du das? Was ist passiert?“ Ein Keuchen entsteigt meiner Brust, und meine Beine zittern. Aber nicht nur vor Aufregung, sondern mittlerweile auch vor Kälte. Ich mag ein warmes Bett, aber einen kalten Raum. So zieht jetzt die kalte Luft an meinen nackten Beinen hoch.

Völlig entnervt will ich gerade wieder auflegen, als endlich ein Ton an mein Ohr dringt. Aber es ist nicht wie erwartet und gleichzeitig befürchtet die Stimme meiner Mutter.

Es ist eine Männerstimme, die mir völlig unbekannt vorkommt, und die im Moment auch noch nicht mehr als ein „Hallo“ ins Telefon flüstert. Das kann doch nicht wahr sein, da hat sich einer bloß verwählt, ärgere ich mich.

„Wer sind Sie, und wen möchten Sie denn sprechen?“, frage ich aber höflichkeitshalber und bereue das gleich darauf. Stand mir doch der Sinn eher nach auflegen.

Gerade als ich dazu ansetze, antwortet der Unbekannte:

„Dich will ich sprechen, schöne Frau. Mein richtiger Name tut nichts zur Sache. Du kannst mich einfach Martin nennen.“

„Also gut, Martin. Ich kenne Sie nicht und möchte daran auch nichts ändern. Mir steht auch nicht der Sinn danach, mich mit Ihnen mitten in der Nacht zu unterhalten. Worüber auch?

Ich lege jetzt auf.“

Gesagt, getan.

Mal abgesehen davon, dass ich Grund hatte, mich über die nächtliche Störung zu ärgern, war ich nicht gewillt, dem Ganzen irgendeine weitere Bedeutung beizumessen.

Ganz schnell noch eben zum Klo (die kalten Füße hatten die Blase aufgeweckt) und dann wieder ab ins warme Bett.

Wenn ich nun aber dachte, bald wieder einschlafen zu können, so hatte ich mich gründlich getäuscht. Sehr sogar.

Immer wieder kreisten mir die Worte durch den Kopf, die der fremde Mann gesagt hatte: „DICH will ich sprechen“. Genau mit dieser Betonung.

Was er damit bloß gemeint hatte? Ich hatte die Stimme nie gehört. Und selbst wenn ich mich getäuscht hätte, ein Bekannter würde sich ja wohl zu erkennen gegeben haben. Setzte ich einfach mal voraus.

Aber welcher flüchtige Bekannte würde denn schon ausgerechnet mitten in der Nacht anrufen? Das konnte wohl kaum anzunehmen sein.

Es machte alles einfach keinen Sinn.

Und so ganz allmählich begann ich mich wirklich zu ärgern. Verwählen kann man sich ja durchaus mal. Auch mitten in der Nacht. Aber dann einer wildfremden Frau zu erzählen, man wolle ganz speziell SIE sprechen. Das war ja schon absurd. Und dafür musste ich mir die Nacht um die Ohren schlagen.

Aber irgendwann holte der Schlaf mich dann doch wieder ein.

Am nächsten Morgen schien diese nächtliche Begebenheit schon ziemlich weit weg, und der Alltag forderte sein Recht.

So verschwendete ich auch keinen Gedanken mehr daran. Die Arbeit als Filialleiterin eines Supermarktes forderte mal wieder meine ganze Aufmerksamkeit.

Eine Mitarbeiterin hatte sich krank gemeldet, und dann blieb es nicht aus, dass auch die Filialleiterin an einer der Kassen einspringen musste, obwohl heute eigentlich viel Papierkram auf mich wartete.

Als deshalb in dem kleinen Büro, das mit einer Glasscheibe zum Verkaufsraum hin versehen und nur nach dorthin durchsichtig war, das Telefon läutete, konnte ich gerade nicht von der Kasse weg.

Das dürfte wahrscheinlich der Bereichsleiter, Herr Mattes sein, der immer mal wieder einen Kontrollanruf machte.

Er würde sich zwar wundern, warum ich nicht ans Telefon kam, aber es war ihm ja bekannt, dass manchmal mein Einsatz an der Kasse erforderlich war und ich deshalb nicht gleich weg konnte.

Deshalb musste er eben nicht gleich zwanzig Mal klingeln lassen. Er wusste doch, wie es manchmal im Laden zuging.

Das Läuten wollte einfach nicht aufhören, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als nach der Kundin, die ich gerade bedient hatte, das Schild aufzustellen „Kasse zur Zeit nicht besetzt“ und zum Büro hinüber zu rennen.

Jetzt musste aber schon mindestens die Zentrale brennen, wenn Herr Mattes derart lange läuten ließ.

Aber es war nicht Herr Mattes und auch sonst niemand aus der Zentrale.

Als ich das „Hallo, schöne Frau“ hörte, fiel mir fast der Hörer aus der Hand.

Schon wieder diese Stimme. Und dann hier am Arbeitsplatz. Das ging ja nun wirklich entschieden zu weit.

Wut stieg in mir auf. Und gerade, als ich dem Unbekannten ein paar passende Worte dazu sagen wollte, flüsterte der nur noch „Bis bald, meine Schöne“ und legte auf.

Ich knallte den Hörer auf die Gabel und ließ mich in meinen Schreibtischstuhl plumpsen. Was war das denn für ein Mist? Ich hatte mich doch in der Nacht nicht mit Namen gemeldet. Und selbst wenn, woher konnte er wissen, wo ich arbeite?

Mich hier anzurufen, war ja an Dreistigkeit kaum mehr zu überbieten. Was wollte er damit erreichen?

„Na, ist der Hörer noch heile? Da hat dich wohl der Fischkopp geärgert.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht lugte Helga, eine meiner Kolleginnen, hinter der geöffneten Bürotür hervor.

„Fischkopp“ nannten wir Frauen unter uns den Bereichsleiter Herrn Mattes, der uns manchmal gehörig auf die Nerven ging mit seiner drögen Art. Aus dem hohen Norden halt.

Aber hier in München tummelten sich eher mehr Menschen von überall als noch echte Bayern. Das machte es halt auch sehr interessant.

„Nein, Helga. Nicht der Fischkopp. Da labert mich so ein fremder Mann blöd an, obwohl er sich doch offensichtlich nur verwählt hat.“

„Dann gibt es ja auch keinen Grund, dass du aussiehst, als wäre dir ein Geist begegnet, liebe Marion.“ Helgas Blick war etwas skeptisch.

Warum sagte ich es ihr nicht einfach? Dass mich der Anruf hier beunruhigt? Mit Helga hatte ich mich doch angefreundet, und manchmal unternahmen wir in unserer Freizeit etwas zusammen. Deshalb duzten wir uns auch.

Die anderen Kolleginnen waren mit der Filialleiterin per Sie.

Es war so eine eigenartige Scheu da, über diese Anrufe zu sprechen. So als würden sie damit eine gewisse Wertigkeit bekommen.

Wenn ich dies alles nicht so wichtig nahm, würde sich der Spuk in Nichts auflösen. Hoffte ich irgendwie.

Aber sicher war ich absolut nicht.

Und das bereitete mir immer mehr Unbehagen.

Da noch die Bestellung geschrieben werden musste, erübrigte sich erst einmal jede weitere Überlegung wegen anderer Dinge.

Was war denn auch schon groß passiert? Doch eigentlich nichts weiter. Das versuchte ich mir einzureden. Vorübergehend half es auch.

Wie gut, dass ich nicht in die Zukunft schauen konnte. Ich wäre schreiend aus dem Laden gerannt, um mich irgendwo zu verstecken.

Auf dem Heimweg war ich nicht abgeneigt, einen Teil der Strecke zu Fuß zu gehen. Es war Anfang März und noch kalt, aber ein Spaziergang würde mir gut tun. Den Kopf ein bisschen freikriegen.

Trotzdem bog ich automatisch nach Links in Richtung Straßenbahnhaltestelle ab. Der Endpunkt der Bahn war nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Nur noch durch den Tunnel unter der mehrspurigen Straße, dann ein paar Minuten geradeaus, und schon war ich zuhause.

Warum war da nur plötzlich das Gefühl, als sträubten sich mir die Nackenhaare? Jeden Tag mindestens zweimal durchschritt ich doch diesen Tunnel. Also vertrautes Terrain.

Aber das ungute Gefühl blieb. Es hätte ja schon geholfen, wenn mehr Leute unterwegs gewesen wären. Aber ausgerechnet heute war ich alleine hier. Oder doch nicht?

Waren da nicht gerade Schritte zu hören, die aber nicht näher kamen? Bin ich jetzt unter die Angsthasen gegangen? Mach dich nicht lächerlich, Marion, schalt ich mich selber.

Trotzdem lief ich schneller, und letztendlich rannte ich die Stufen zur Straße hoch.

Hier oben waren noch einige Leute unterwegs. Das war einigermaßen beruhigend.

Ein schneller Blick zurück in den Tunnel gab mir aber keinen Aufschluss darüber, ob die Schritte hinter mir nur Einbildung gewesen waren. Niemand war zu sehen.

Jetzt aber schnell nach Hause.

Es war jedes Mal schön, in meine gemütliche kleine Wohnung zu kommen, die mit kleinem Geldbeutel aber viel Liebe eingerichtet worden war.

Ohne mir dessen gleich bewusst zu sein, schloss ich die Wohnungstür zweimal ab und legte auch noch die Sicherheitskette vor. Dann erst wurde dämmerte mir, dass ich das noch nie zuvor getan hatte.

Beginnender Verfolgungswahn, versuchte ich innerlich über mich selbst zu spotten. Es wollte aber nicht recht gelingen.

Erst einmal in die Badewanne. Das war ein festes Ritual nach der Arbeit. Im warmen, duftenden Schaumbad beruhigten sich meine Nerven zusehends.

Und starke Nerven würde ich in der nächsten Zeit brauchen. Was ich aber noch nicht wusste. Nicht einmal ahnte.

Der nächste Tag brachte keine Besonderheiten. Im Geschäft hauptsächlich Routine, bis auf den Mann, der versucht hatte, zwei Flaschen Schnaps zu klauen. Als er bemerkte, dass er beobachtet worden war, rannte er davon. Eine Flasche ließ er stehen, die andere fiel ihm beim Laufen aus der Hand und zerschellte am Boden. Tja…Schwund ist immer, ging es mir durch den Kopf.

„Hier riecht es ja wie in einer Kneipe“, meinte eine Kollegin, als sie aus der Mittagspause kam.

Sonst alles wie immer.

Auf dem Nachhauseweg in der Straßenbahn wurde mir auf einmal mulmig bei dem Gedanken an den Tunnel und ich fragte mich, ob ich ihn heute nicht irgendwie umgehen könnte. Im gleichen Moment aber kam ich mir selbst kindisch und albern vor. War ich doch nie eine besonders ängstliche Person gewesen. Warum also jetzt damit anfangen?

Ohnehin waren noch mehrere Leute im Tunnel unterwegs, was mir die Überlegungen von vorhin noch lächerlicher erscheinen ließ. Hatte ich vielleicht zu viele Krimis gelesen? An den zwei Anrufen dieses seltsamen Typen konnte es wohl kaum liegen, dass ich plötzlich irgendwie unsicher war. Oder etwa doch?

Auf jeden Fall atmete ich mehrmals tief durch, als sich meine Wohnungstür hinter mir schloss.

In meinem geliebten Schaukelstuhl sitzend, gönnte ich mir erst einmal eine Zigarettenpause. Dann wie immer ins Bad.

Morgen würde es hektisch werden im Geschäft. Vor Wochenenden oder Feiertagen kauften die Leute ein, als gäbe es nie wieder etwas.

Das Läuten des Telefons unterbrach diesen Gedankengang. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich auf die Badewanne freute.

Unwillkürlich bekam ich Herzklopfen, was ich blöd fand, ging aber trotzdem zielstrebig zum Telefon hinaus in die Diele.

Kaum hatte ich den Hörer am Ohr, vernahm ich zu meiner großen Erleichterung das vertraute „Hallo Kind“ meiner Mutter.

Manchmal war mir diese Anrede schon ein bisschen komisch vorgekommen, da mit 28 Jahren meine Kinderzeit ja lange zurück lag, aber mittlerweile hatte ich mich nicht nur daran gewöhnt – ich mochte diese liebevolle Anrede sogar.

Dass ich später mal meine eigene Tochter auch so anreden würde, war ja noch nicht absehbar.

Mutter rief regelmäßig an, um sich nach dem Wohlbefinden ihrer Tochter zu erkundigen und von sich und Vater zu berichten.

Anhand der 700 km Distanz zwischen uns, sahen wir uns halt nicht so oft. Da war das Telefon eine wichtige Verbindung.

Nach dem Telefonat wartete aber nun wirklich die Badewanne auf mich. Wasserhahn aufdrehen, ausziehen und ab in die Wanne. Ich war gerade im Begriff, in die Wanne zu steigen, wo wie immer zunächst wenig Wasser drin war, damit während des Bades heißeres Wasser zulaufen konnte. In die volle Badewanne zu steigen, war mir unangenehm.

Fast wäre ich auf dem glatten Rand der Wanne ausgerutscht, als das erneute Läuten des Telefons mich erschreckte.

So wie ich war, lief ich noch einmal zum Telefon hinaus. „Na, Mutter, hast du noch was vergessen?“

„Nein, deine Mutter bin ich nicht. Nur Martin – dein großer Verehrer.“

Vor Schreck und weil ich mir plötzlich meiner Blöße bewusst wurde, brachte ich keinen Ton heraus.

„Ich wollte dir auch nur ein Kompliment machen. Heute hast du mal wieder besonders gut ausgesehen. Es war schwer für mich, dich auf dem Heimweg nicht anzusprechen.“

Wenn der Idiot wüsste, dass ich mich ihm hier im Evaskostüm präsentiere, finge er wohl das Sabbern an.

Ein fast schon hysterisches Lachen spürte ich plötzlich in mir aufsteigen. Mit Mühe nur konnte ich es im letzten Moment unterdrücken. Das hieße ja nur Öl ins Feuer gießen.

Stattdessen brüllte ich in den Hörer: “Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Ich will nichts mit Ihnen zu tun haben. Und Ihre Komplimente können Sie sich sonstwo hinstecken.“

Und legte auf.

Wobei es sich genau genommen um einen heftigen Aufprall handelte, als der Hörer auf der Gabel landete.

Der gesamte Apparat geriet für einen Moment ins Wanken und hätte durchaus von der Wand fallen können.

Zurück im Badezimmer, zeigte sich mir die Badewanne bis zum Überlauf voll. Gut, dass es den gab, weil ich sonst möglicherweise direkt auf dem Fußboden hätte baden können.

Also einen Teil des Wassers ablassen und dann endlich ins warme Wasser sinken.

Entspannung wollte sich allerdings nicht einstellen. Nur das Zittern ließ nach.

Als mir so richtig bewusst wurde, was dieser Mann angedeutet hatte, wurde mir trotz des warmen Wassers um mich herum von innen heraus kalt. Ich hatte Recht. Er war mir also gefolgt. Und sicher nicht zum ersten Mal. Die Schritte im Fußgängertunnel. Das war ER gewesen. Daran gab es nun keinen Zweifel mehr.

Aber was sollte das alles? Wie kam er ausgerechnet auf mich, die ich ja nicht mal sehr lange in dieser Stadt wohnte? Erst seit ungefähr einem halben Jahr.

Bin ich ihm zufällig begegnet, oder hat er mich im Geschäft gesehen? Fragen über Fragen, aber keine Antworten.

Der Versuch, mir trotzdem einen gemütlichen Abend zu machen, scheiterte kläglich. Der Fernsehfilm, auf den ich mich gefreut hatte, rauschte irgendwie an mir vorbei.

Die Gedanken kreisten stetig um diesen Fremden, der sich in mein Leben drängte, mich verunsicherte und mir Unbehagen bereitete.

Aber Morgen war Sonntag. Ausschlafen und bei diesem momentanen Schmuddelwetter keinen Schritt vor die Tür gehen. So stellte ich mir das vor.

Und es wurde tatsächlich ein schöner, ruhiger Tag.

Kurz vor Ladenschluss am nächsten Tag machte Helga, meine Kollegin, den Vorschlag, zusammen ein neu eröffnetes Lokal in der Nähe aufzusuchen.

Ich zögerte, aber stimmte letztendlich zu. Nur der Gedanke, dass ich mich dann noch später auf den Heimweg machen würde als sonst, beunruhigte mich etwas.

Auf dem kurzen Weg hinüber zu dem neuen Lokal, fiel es Helga auf, dass ich mich mehrmals verstohlen umblickte. Ich konnte nicht anders.

„Na, schaust du nach, ob dir ein heimlicher Verehrer folgt?“, fragte sie lachend.

Die Versuchung war da, aber nur kurz, meiner Kollegin von den Ereignissen zu erzählen. Stattdessen dachte ich nur: Heimlich nicht – eher unheimlich.

Es wurde ein lustiger Abend. Ein paar junge Männer hatten sich zu uns gesetzt, und es wurde viel gelacht. Einer fiel mir besonders angenehm auf. Der könnte mir gefallen. Die Anspannung von vorher fiel allmählich von mir ab.

Dann wurde es Zeit aufzubrechen. Ganz spontan beschloss ich, Helga noch ein Stück weit auf deren Heimweg zu begleiten, um dann den Bus zu nehmen. Keine zehn Pferde würden mich heute noch durch den Tunnel bringen können.

Helga wunderte sich zwar, da sie wusste, dass der Weg von der Bushaltestelle zu meiner Wohnung weiter war als von der Endstation der Straßenbahn, sagte aber nichts. Ihr Erstaunen konnte ich ihr aber vom Gesicht ablesen.

Irgendwie spürte sie wohl die wiedergekehrte Unruhe bei mir, die ich leider nicht ganz verbergen konnte. Und so blieb sie wie selbstverständlich mit mir an der Haltestelle stehen, bis ich in den Bus gestiegen war.

Der Weg war tatsächlich weiter, aber das nahm ich gerne in Kauf, um nicht durch den Tunnel zu müssen. Obwohl kein Mann im Bus saß und keiner mit mir ein- oder später ausstieg, war die Erleichterung groß, als die Haustür hinter mir ins Schloss fiel.

„Na, du Spinner, habe ich dir eins ausgewischt? Doof kann man ja sein. Man muss sich nur zu helfen wissen“, lachte ich laut heraus.

Die Freude über diesen kleinen Sieg sollte aber nicht lange anhalten.

Kaum in der Wohnung angekommen, erschreckte mich das Läuten des Telefons. Es kam mir irgendwie aggressiv vor. Wobei ich mir natürlich bewusst war, dass dies unmöglich und deshalb albern war. Aber das war ER … da war ich ganz sicher. Das spürte ich. Und ER war aggressiv. Sauer auf mich, weil ich ihn ausgetrickst hatte. Der kann läuten bis zum St. Nimmerleinstag. Ich gehe nicht ran. Und kam mir kurzzeitig sehr clever vor.

Es läutete und läutete. Allmählich musste ich mir eingestehen, dass dies mittlerweile eine Zumutung für die Nachbarn werden könnte. Schließlich war es schon recht spät. Also was war zu tun?

Den Einfall, der mir spontan kam, setzte ich auch gleich in die Tat um: Rüber zum immer noch läutenden Wandapparat, mit der linken Hand den Hörer abheben und blitzschnell mit der anderen Hand die Gabel herunterdrücken. Somit war die Verbindung unterbrochen, und es war nicht mal ein Ton von dem Anrufer zu hören gewesen.

Erst da merkte ich, dass ich offenbar die Luft angehalten hatte und atmete keuchend mehrmals tief ein und aus.

Den Rest der Nacht verbrachte der Telefonhörer am Kabel herunter baumelnd. Endlich Ruhe.

Als ich in der Früh aufstand, schien der Hörer, an der Wand herunterhängend, mich irgendwie vorwurfsvoll anzuschauen.

Dass dies keine Dauerlösung sein konnte, war mir schon klar. Ob vielleicht sogar eine Störung bei der Telefongesellschaft angezeigt wurde? Mal kurz testen. Hörer auflegen und wieder abnehmen. Nichts. Die Leitung war tot.

„Mist“. Das verdankte ich nur diesem blöden Typen, der sich einbildete, dass ich auf seine dummen Sprüche Wert legte.

Das mit dem Telefon musste warten bis zum Abend. Vielleicht war ja bis dahin wieder alles normal.

Dass das Telefon tatsächlich wieder funktionierte, war nicht zu überhören, als ich abends gerade meine Wohnungstür aufschloss. Wenn ER das wieder ist, werde ich ihm was erzählen, dass er einen Satz heiße Ohren bekommt. So gewappnet, nahm ich ab.

Er war es, aber ich kam gar nicht dazu, ihm zu heißen Ohren zu verhelfen. „Spielen wir jetzt Spielchen? Pass nur auf, dass du dabei nicht verlierst.“

Bisher war mir nur seine unangenehm schmeichelnde Stimme bekannt, aber nun lernte ich eine andere Variante kennen.

Und die war erheblich unangenehmer. Nur schwer unterdrückte Wut war zu erkennen. Es schien, als stünde dieser fremde Mann kurz vor einer Explosion.

Unwillkürlich fing mein Herz an zu rasen, und ich fühlte eine dumpfe Angst in mir aufsteigen.

„Ich kann mit meinem Telefon machen was ich will. Rufen Sie einfach nicht mehr an. Dann muss es Sie auch nicht stören“, brüllte ich durch den Hörer. Wobei ich Mühe hatte, dass meine Stimme nicht kippte. Aber diese Vorstellung wollte ich ihm nicht geben.

„Es ist ja nicht nur das Telefon gewesen, womit du mich verärgert hast. Du änderst deinen Heimweg, um mich abzuhängen. Glaubst du denn, ich bin dir nicht auf die Schliche gekommen? Du kannst mir nicht entgehen. Du gehörst mir!“

Das war zuviel. Plötzlich wurde mir speiübel. Hörer aufknallen und ins Bad rennen, wo ich es gerade noch zur Kloschüssel schaffte, um mich dann hustend und würgend zu übergeben.

Am ganzen Körper zitternd ließ ich mich auf die Badematte sinken. Mein Gesicht nass von Tränen. Tränen der Hilflosigkeit und der Wut.

„Was habe ich verbrochen, dass mir so etwas passiert?“, schluchzte ich. Diese Worte „Du gehörst mir“ ließen mir Schauer über den Rücken laufen und machten mir Angst. Denn die Bedeutung dahinter ließ ja eigentlich nur einen Rückschluss zu: Damit ich ihm wirklich „gehören“ könnte, würde er es nicht bei Anrufen belassen. Und das war eine zutiefst erschreckende Vorstellung. Mühsam nur konnte ich mich schließlich aufrappeln, griff mir den Bademantel vom Haken an der Innenseite der Tür und ging auf zittrigen Beinen zum Telefon hinüber.

Ohne lange nachzudenken, wer dafür in Frage käme, sich diese unglaubliche Geschichte anzuhören, hatte ich schon die Nummer meiner Kollegin und Freundin gewählt.

In Tränen aufgelöst, brachte ich nur ein „Ich brauche deine Hilfe, Helga“ hervor.

Helga, die gute Seele, hielt sich gar nicht erst mit Fragen auf. „Peter ist hier. Er leiht mir sicher sein Auto. Ich bin gleich bei dir.“

Peter war Helgas Freund und ein netter Kerl. Einen schönen gemeinsamen Abend würden sie jetzt aber wohl nicht verbringen.

Tatsächlich war Helga eine Viertelstunde später da.

Die praktisch veranlagte Helga dirigierte mich zitterndes Etwas erst einmal ins Wohnzimmer, packte mich in eine warme Kuscheldecke und dann in die Sofaecke.

„Du zitterst ja am ganzen Leib. Ich mache uns jetzt einen heißen Tee, und dann will ich wissen, was passiert ist.“

Und ich, froh, endlich darüber sprechen zu können, redete mir alles vom Herzen.

„Ich weiß, es klingt nicht nach viel. Noch nicht. Aber seine letzten Worte machen mir furchtbare Angst. Wieso meint er, dass ich ihm gehöre? Was will er denn noch unternehmen, um das real werden zu lassen?“

Meine Augen, sicher verquollen und gerötet vom Weinen, waren voller Erwartung auf die Freundin gerichtet.

Helga fackelte nicht lange: „Da muss ich dir widersprechen. Es ist durchaus schon viel. Für mich klingt das nach absoluter Grenzüberschreitung. Und dass du deshalb Angst hast, was er eventuell noch plant, ist nur allzu verständlich. Eine Strategie muss her.“

Und so saßen wir noch lange zusammen, diskutierten Maßnahmen, verwarfen sie wieder und kamen letztendlich zu dem Schluss, dass ich eine Fangschaltung beantragen sollte.

Und wenn Nummer und Anrufer identifiziert wären, würde eine Anzeige erfolgen.

Ein guter Plan – glaubten wir.

Natürlich wurde diese Fangschaltung nicht kostenlos von der Telefongesellschaft eingerichtet, aber das war es mir wert. Ich wollte endlich wieder mein normales Leben zurück. Wo nicht jedes Läuten des Telefons fast eine Krise auslöste.

In den folgenden Tagen genoss ich es einfach, dass keine störenden und belästigenden Anrufe kamen, aber dann stellte sich allmählich Nervosität ein, wieso ER ausgerechnet jetzt nicht anrief. Wo ich ja direkt darauf wartete.

Helga versuchte es zwar mit einem Scherz, dass es ja wohl der Hammer wäre, wenn der Kerl ausgerechnet jetzt in Urlaub gefahren sei und vom anderen Ende der Welt nicht anrufen wolle. Aber eine wirkliche Erklärung hatte sie auch nicht.

Es gab auch keine.

Nach vier Wochen musste ich schweren Herzens einsehen, dass ich mir die Kosten für die Fangschaltung sparen konnte. Es hatte ja nichts gebracht. Vielleicht hatte der Unbekannte ja einfach aufgegeben. Wäre durchaus möglich. Aber warum ausgerechnet jetzt, wo man ihn hätte überführen können? Mysteriös war das schon.

Hatte etwa Helga….? Nein, das wollte ich nicht mal zu Ende denken. Sie hatte das keinem erzählt. Da war ich sicher.

Aber es sah doch wirklich so aus, als hätte ER von der Fangschaltung gewusst. Ein Stachel des Zweifels blieb also.

Was ich zutiefst bedauerte.

So klammerte ich mich an die Hoffnung, dass es vorbei sei. ER hatte einfach aufgegeben. So musste es sein.

Wie naiv von mir.

Dass der Mann weit davon entfernt war aufzugeben, bestätigte sein nächster Anruf. Hatte ich doch die Dreistigkeit besessen, mich mit Klaus, den ich zusammen mit Helga in der neuen Kneipe kennen gelernt hatte, zu treffen.

Der Abend war viel versprechend verlaufen. Es hatte offenbar gefunkt zwischen uns, und ich kehrte mit einem wohligen Gefühl nach Hause zurück.

Das penetrante Läuten des Telefons riss mich schon auf den letzten Metern des Hausflures bis zu meiner Wohnungstür aus meinen angenehmen Gedanken an Klaus und die gemeinsamen Stunden.

Sollte ich überhaupt dran gehen? Und was, wenn der Typ es doch wieder war?

Die Chance, dass nicht, war gering. Das musste ich mir eingestehen. Denn mit meiner Mutter, meinen Geschwistern und Freunden hatte ich vereinbart, dass sie dreimal läuten ließen, auflegten und wieder anriefen. Allerdings ohne große Erklärung, warum ich das wollte. Ein bisschen wundern würden sie sich deshalb schon.

Der Gedanke, dass ich meine Nummer ändern müsste, kam mir nicht zum ersten Mal. Aber irgendwie war da die Überzeugung, dass es mir nichts nutzen würde. Diesem Mann traute ich mittlerweile eine ganze Menge zu. Und auch, dass er meine neue Nummer herausfinden würde. Selbst wenn sie nicht mal über die Auskunft zu erhalten wäre.

WIE er das anstellen könnte, entzog sich völlig meiner Vorstellungskraft, aber DASS er es könnte, war einfach eine bittere Erkenntnis.

Das Läuten musste einfach aufhören, sonst hätte ich bestimmt Beschwerden der Nachbarn zu erwarten. Da der Wandapparat so dicht an der Wohnungstür hing, konnten zumindest die direkten Nachbarn davon gestört werden so mitten in der Nacht.

Also widerstrebend abnehmen. Was blieb mir anderes übrig?

„Na, meine Schöne, du willst mir doch nicht etwa untreu werden?“ Das war so krass, so dreist, dass ich förmlich explodierte: „Sie Mistkerl. Verschwinden Sie aus meinem Leben. Es geht Sie einen feuchten Kehricht an, was ich mache. Und wenn Sie mich weiterhin belästigen, dann schalte ich die Polizei ein. Dann wollen wir doch mal sehen, wer zuletzt lacht.“ Und legte auf.

Danach saß ich wie ein Häufchen Elend im dunklen Wohnzimmer, rauchte eine Zigarette nach der anderen, um meine vibrierenden Nerven zu beruhigen.

Konnte ich denn keinen Schritt mehr tun, ohne dass ER davon wusste? Wie konnte das möglich sein? Hatte er soviel Zeit, um mich ständig zu überwachen?

Und wieso war mir nie ein Mann aufgefallen, der sich auffällig oft in meiner Nähe aufhielt? Der Kerl war unsichtbar, aber mein Leben lag offenbar vor ihm wie auf einem Präsentierteller.

Eine schauderhafte Vorstellung.

Das mit der Polizei sollte nur ein Schuss vor den Bug sein -sozusagen. Aber wieso eigentlich nicht?

Etwas musste passieren. Wenn das nämlich so weiterginge, wäre ich bald nur noch ein zitterndes Nervenbündel.

Am nächsten Tag sprach ich dann in meiner Mittagspause bei unserer zuständigen Polizeiwache vor.

Der Beamte war sehr freundlich, hörte mir aufmerksam zu und nahm mich offenbar wirklich ernst.

Aber als ich die Frage nach einem Anhaltspunkt über die Identität des Mannes verneinen musste, konnte er mir leider nichts weiter sagen, als dass sie da nichts machen könnten.

Aber ich dürfte mich jederzeit wieder melden, wenn es Hinweise gäbe, die eine Chance boten, den Mann ausfindig zu machen.

Immerhin hatte mich der Beamte nicht ausgelacht. Das war ja auch schon was. Aber in der momentanen Situation konnte die Polizei einfach nichts tun.

Frustriert ging ich zurück ins Geschäft, wo ich von einer Kollegin mit den Worten empfangen wurde: “Frau Steinert…ich soll Ihnen etwas ausrichten. Ein Mann hat für Sie angerufen, obwohl er offenbar wusste, dass Sie nicht da waren. Das fand ich schon etwas seltsam.

Ich soll Ihnen sagen, er wüsste, wo Sie Ihre Mittagspause verbracht haben und würde darüber mit Ihnen noch sprechen. Das war`s. Dann hat er einfach aufgelegt.“

Meine Kollegin erwartete ganz offensichtlich eine Erklärung zu diesem seltsamen Anruf, aber nichts lag mir ferner als dies.

Mir schwirrte der Kopf, und nur mit Mühe konnte ich mich die nächsten Stunden auf meine Arbeit konzentrieren.

Einerseits hatte ich den Feierabend herbeigesehnt, andererseits wollte ich um nichts in der Welt alleine aus dem Laden gehen und nach Hause fahren.

Da fiel mir Klaus ein. Der wohnte ja in der Nähe. Also rief ich ihn an, erzählte was von Kreislaufproblemen und fragte, ob er mich vielleicht nach Hause fahren könnte. Zum Glück hatte er kurz Zeit, musste dann aber zu einem Termin.

Immerhin brachte er mich bis in meine Wohnung, da ja mein angeblich instabiler Kreislauf ihn besorgt machte, ich könnte plötzlich umkippen.

Noch eine kurze, herzliche Umarmung, dann musste er leider wieder weg.

Ich wollte unsere erst junge Bekanntschaft nicht mit dem wahren Problem belasten.

Wenn auch der Kreislauf nur vorgeschoben war, so brauchte ich nicht viel Fantasie um mir vorzustellen, dass er bald wirklich Schwierigkeiten machen würde.

Das alles ging mir schon ziemlich an die Substanz.

In der Badewanne liegend, musste ich mir eingestehen, dass ich regelrecht Angst hatte vor der möglichen Reaktion des Unbekannten. Er wusste ja offenbar von meinem Besuch bei der Polizei. Was würde er als nächstes tun?

Das sollte ich einige Stunden später erfahren.

Das penetrante Läuten des Telefons holte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Mein erster Gedanke war, dass ich einfach wieder den Hörer aushänge, aber irgendetwas in mir drängte danach, zu erfahren, was er über die Sache mit der Polizei dachte.

So nahm ich ab und hatte gleich darauf seine unangenehme Stimme am Ohr.

„Ich habe mir gedacht, dass wir diese Sache (damit konnte nur mein Besuch bei der Polizei gemeint sein)persönlich klären sollten. Ich bin gleich bei dir.“

Völlig perplex wie ich war, hatte ich so schnell keine Erwiderung parat und wurde dann nur noch mit dem Freizeichen des Telefons konfrontiert.

Was um alles in der Welt sollte das heißen, dass er gleich bei mir wäre? Der konnte doch nicht wirklich vorhaben, hier bei mir aufzutauchen. Und selbst wenn ja normalerweise die Haustür nicht abgesperrt war, damit die Bewohner des Hauses den Besuchern mit dem Drücker öffnen konnten, so fiel sie doch sofort wieder ins Schloss, sobald jemand durchgegangen war. Ohne Schlüssel oder ohne zu klingeln, dass einem geöffnet würde, konnte niemand das Haus betreten.

Versuchte ich mich zu beruhigen.

Der Gedanke, dass dieser Mann Vorsorge getroffen haben könnte, indem er die Tür vielleicht am Zufallen gehindert hatte, kam mir aber nur kurze Zeit später.

Als ich nämlich Schritte auf der Treppe hörte. Die Telefonzelle gleich an der Ecke. Von dort aus musste dieser Kerl angerufen haben, um dann wenige Augenblicke später das Haus zu betreten. Nur was nutzte mir diese Erkenntnis? Wohler wurde mir dadurch nicht. Und natürlich benutzte ER nicht den Aufzug. Da hätte ich ihn ja beim Aussteigen vom Schlafzimmerfenster aus sehen können. Vorausgesetzt, ich hätte dort auf ihn gelauert. Aber bis zu diesem Moment, als ich die Schritte hörte, hatte sich mein Verstand einfach geweigert, sein Erscheinen hier tatsächlich in Erwägung zu ziehen. Seine Ankündigung, bald hier zu sein, war ja wohl nur der Versuch, mir Angst einzujagen. So musste es einfach sein. So war es aber leider nicht.

Nur Angst – Angst hatte ich mittlerweile. Und nicht zu wenig.

Selbst wenn die Treppenhausbeleuchtung eingeschaltet gewesen wäre, was natürlich nicht der Fall war, hätte ich ihn auf der Treppe oder im Flur nicht sehen können.

Hastig überprüfte ich noch die Türverriegelung, löschte das Licht in der Diele, als die Schritte auch schon vor meiner Wohnungstür inne hielten.

Obwohl ich kaum erwarten konnte, dass im dunklen Hausflur etwas zu erkennen war, schlich ich auf Zehenspitzen zur Tür und presste ein Auge auf den „Spion“. Natürlich nichts. Nur Schwärze draußen.

Mein Herz hämmerte dermaßen in meiner Brust, dass ich davon

überzeugt war, vor der Tür wäre es zu hören.

Quatsch - das ist unmöglich. Aber hörte ich eigentlich was, das mir bestätigte, ER stand tatsächlich vor der Tür?

Ja – da war was. Ich konnte ihn atmen hören.

Laut atmen.

Sollte ich die Polizei anrufen? Wie lächerlich. Er würde doch jedes Wort verstehen und ganz sicher nicht abwarten, bis die Polizei einträfe. Zu blöd aber auch, dass das Telefon so nah an der Eingangstür hing.

Sollte ich um Hilfe schreien? Das könnte vielleicht was bringen. Aber meine direkten Nachbarn waren nicht da.

Der Mann in der Wohnung rechts von mir hatte Nachtschicht – die Frau gegenüber war verreist.

Und sollte mich ein anderer Nachbar im Haus hören und sich auf den Weg zu meiner Wohnung machen, dann würde dieser mir immer unheimlicher werdende Mann auch das ganz sicher nicht abwarten.

Verflixte Kiste. In welchen schlechten Film bin ich hier eigentlich geraten?

Schweiß lief mir von den Achselhöhlen am Körper runter. War ich sehr nervös und angespannt, dann wurde das wohl automatisch in Gang gesetzt.

Was tat der Verrückte eigentlich da draußen - außer still vor der Tür zu stehen?

Dass ich DAS besser nicht wissen wollte, wurde mir plötzlich klar. Dieser Typ schnaufte mittlerweile. Das fehlte noch, dass der vor meiner Tür einen Herzinfarkt kriegt.

Nein. Das hörte sich irgendwie anders an.

Oh, mein Gott - der wird doch nicht etwa….?

Was ich nicht mal zu Ende denken wollte, war offenbar genau das, womit dieser schreckliche Kerl momentan beschäftigt war. Er onanierte. Kein Zweifel. Vor meiner Wohnungstür.

Das Wissen, dass ich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt war, gab ihm wahrscheinlich den nötigen Kick.

Ich war fassungslos. Was für eine absurde und entwürdigende Situation. Für einen kurzen Moment war ich in Versuchung, die Tür aufzureißen und ihm einen Tritt zu verpassen, wo es besonders wehtat. Und was dann?

Aber ich musste weg von der Tür. Das konnte ich nicht mehr ertragen. Ich schlich zum Wohnzimmer, um dann aber in einer spontanen Eingebung geräuschvoll die Tür hinter mir zu schließen. Das musste ER gehört haben und damit wissen, dass ich nicht mehr Ohrenzeuge seiner widerlichen Aktivitäten war.

Und nun? Vom Wohnzimmer aus, noch dazu bei geschlossener Tür, würde ich ihn nicht weggehen hören.

War ER endlich fertig? Schon der Gedanke daran war so grotesk, dass er bei mir fast einen Würgereiz auslöste. Das fehlte noch, dass ich mich hier auf meinen neuen Teppichboden übergeben musste.

Tief durchatmen. Das half erst einmal.