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Peter Sahm, erfolgloser Maler begegnet eines Nachts in Rom an der Fontana di Trevi einer dämonischen Gestalt, die ihm Ruhm und Reichtum verspricht, wenn er einen Pakt mit ihr schließt. Sahm; als Maler erfolglos, willigt ein. Seine Gemälde werden zu künstlerischen Sensationen, sie werden Schlüssel zu Toren, die besser verschlossen bleiben sollten. Kann die Liebe zu Donna Teresa ihn vor den vernichtenden Zugriff des Dämons retten?
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Verfluchte Versuchung
Roman
Impressum:
Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency
Foto: fotolia.de
© 110th / Chichili Agency 2014
EPUB ISBN 978-3-95865-135-7
MOBI ISBN 978-3-95865-136-4
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Wie eine dunkelblaue, durchsichtige, in vielen rätselhaften Farben schimmernde Kuppel stand die Sommernacht über dem ewigen Rom. Es war eine jener Nächte, in denen Rom nicht schlafen geht und wo in den Osterien Becherklang, Musik und Gesang nicht verstummen. Die marmorweißen Götterstatuen schienen unter dem mildblauen Mondlicht zum Leben zu erwachen. Uralte Fontänen sangen ihr nie verstummendes Lied, so dass vor dem stillen Träumer die Jahrhunderte aus ihrem Schlaf erwachen und das Leben längst vergangener Zeiten sich zusammendrängt in einige flüchtige Gegenwartsstunden.
Auf dem Rande der Fontana di Trevi saß ein einsamer Mann. Man könnte glauben er schliefe, doch er träumte nur. Es war Mitternacht. In der Luft zitterten noch die Echos der vielfach durcheinander tönenden zwölf Glockenschläge. In die letzten Nachklänge der ewig gleichen, in ihrer Unwandelbarkeit an die Ewigkeit ermahnenden Stimme der Zeit aber mischten sich schon wieder die lauten, lärmenden Stimmen der fröhlichen Gesellschaft, die sich drüben in der Osteria des Fidelinaro zusammengefunden hatte. Dort hockte, trotz der Wärme eng aneinander gedrückt, trinkend und singend ein sorgloses Völkchen. Künstler aller Gattungen, Weltenbummler aller Nationen vermischten sich mit den Söhnen des Landes. Die Lieder, egal, in welcher Sprache sie gesungen wurden, fügten sich zu einem rauschenden Akkord überschäumender Lebensfreude. Der Mann draußen auf dem Rande der Fontana di Trevi hob den Kopf und lauschte. Sein Gesicht war finster.
„Warum sitze ich hier und kann mich von dem Ort nicht trennen?" murmelte er.
„Warum gehe ich nicht hinein zu den anderen und berausche mich für meine letzte Lira in Lacrimae Christi?" Nach einer Weile: „Weil ich ein vollkommener Narr bin. Oh, ich weiß, alle wie sie da drinnen sitzen, trinken, lachen und singen, sie alle sind Künstler und sie sind sich ihres Standes wohl bewusst. Das gibt ihnen Mut und Selbstvertrauen, obwohl ihre Geldbörse nicht voller ist als die meine. Ich dagegen bin mir meiner Unfähigkeit bewusst und das drückt mich zu Boden!"
Abermals nach einer Weile finsteren Schweigens:
„Wie konnte ich nur ein solcher Dummkopf sein zu glauben, der Genius der Kunst, der mir in der Heimat nicht erscheinen wollte, würde sich hier meiner erbarmen! Ja, wenn ich Maler wäre! Meine Kunst reicht zur Not aus, eine Wand anzustreichen, doch nicht um aus einem Stück Leinwand ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Bitter ist das, sehr bitter! Nun sehe ich ein, dass ich meinen erträumten Idealen ferner bin, als jemals zuvor."
Er griff mit der Hand in die Westentasche und brachte ein Ein-Cent-Stück zum Vorschein. Er betrachtete die Münze mit verkniffener Miene, dann lachte er rau vor sich hin.
„Wer von Rom Abschied nimmt und es wiederzusehen wünscht, der trinkt aus der Fontana di Trevi und wirft einen Centesimo über seine Schulter ins Wasser. Getrunken habe ich schon. Soll ich meinen Leichtsinn vollenden und den Centesimo werfen? Besser wäre es, ich ersäufte mich selbst im Tiber, um zu beweisen, dass ich in der Tat von Sinnen bin." Achselzuckend und mit höhnischem Gelächter schleuderte er die Münze in den mythischen Brunnen. Im selben Augenblick ertönte hinter ihm ein leises heiseres Lachen.
„Sie haben zweifellos Recht, Herr Sahm. Wozu dieses überflüssige Überlegen und Grübeln!" Der einsame Mann drehte sich hastig um, nicht gerade erschrocken, doch durchaus überrascht von der Stimme, die so plötzlich hinter ihm erklang. Er sah sich einer höchst seltsamen Gestalt gegenüber, die mit langsamen Schritten, vom Pavillon kommend, auf ihn zu trat. Worin aber lag das Merkwürdige, was ihn von tausend anderen Menschen in auffallender Weise unterschied? Sein Gesicht war hässlich, dennoch interessant. Seine scharf ausgeprägten Züge hatten etwas merkwürdig Fließendes. Sie waren in ständiger Bewegung: die Augen, die in Sekundenschnelle den Ausdruck wechselten, die schmalen Lippen, die fortwährend leise zuckten wie in einem verhaltenen Lachen. Unsinn! Solch ein Gesicht konnte es gar nicht geben. Wie er sich auch anstrengte, dieses Gesicht mit seinen Blicken festzuhalten, es gelang ihm nicht. Menschlich anziehend und zugleich abstoßend war es, aber höchst fesselnd durch seine Eigenart. Darum vergaß er über dem Betrachten dieses Gesichtes ganz auf die Worte, die jener gesprochen hatte, zu antworten. Bis der Fremde, durch das Staunen des anderen erheitert, ihm zunickte und lächelte. Herrgott, dieses Lächeln! War dieses Lächeln menschlich? Es war so unerhört spöttisch, humorvoll und geistreich zugleich. War es das bleiche Mondlicht, das das Gesicht des unheimlichen Mannes so unwirklich erscheinen ließ oder verursachte der Asti Spumante des Fidelinaro eine so große Täuschung? Peter Sahm betrachtete den Fremden eine Weile schweigend. Dann zuckte er die Achseln und wandte sich halb von ihm ab.
„Wir werden einen Vertrag miteinander schließen, Peter".
„Wer? Sie und ich?" fragte der Maler verblüfft.
„Sie und ich", nickte der andere.
„Worauf wollen Sie hinaus?"
„Das ist nicht so einfach beantwortet wie gefragt. „Möchten Sie gerne reich und unabhängig sein?"
„Welch eine Frage!"
„Versprochen! Sie werden es bald sein.
„Das glaubt Ihnen der Teufel."
„Da haben Sie ausnahmsweise ins Schwarze getroffen!" rief der andere mit einem grellen
Lachen. „Der Teufel ist überzeugt davon. Aber im Ernst, Sie dürfen mir glauben; Sie werden der merkwürdigste Maler unserer Zeit werden. In einer Woche kennt man Ihren Namen in Italien, in drei Wochen in ganz Europa, in sechs Wochen in der ganzen Welt." Er hielt inne und betrachtete den Maler mit lauerndem Blick. Der aber lachte nervös auf. „Bitte, so reden Sie doch weiter. Schon lange hab ich mich nicht mehr so amüsiert, wie eben."
„Lieber Freund, Sie werden mich nicht mehr lange für einen närrischen Schwätzer halten. Um Sie zu überzeugen, will ich Ihnen einiges über Ihr Schaffen sagen. Sie tragen sich augenblicklich mit dem Gedanken, eine Tänzerin zu malen, die den Fandango tanzt. Der Stoff will sich Ihnen aber nicht nach Wunsch fügen und das macht Sie so verstimmt, dass Sie bereits den dummen Entschluss fassten, als Tüncher nach Berlin zurückzukehren. Sie werden vielleicht nach Hause zurückkehren, doch als ein Künstler, der nur darum nicht der Begründer einer neuen Schule sein kann, weil sich niemand finden wird, der sich auf seine Bahnen wagt. Morgen früh werden Sie die Leinwand aufziehen und unverzüglich mit der Arbeit an der Tänzerin beginnen. Morgen Abend werden Sie das Bild fertig haben." Der Fremde hatte die Worte in kühlem, geschäftlichem Ton gesprochen. Der Maler war langsam, von einem sichtlichen Schauer ergriffen, vor ihm zurückgewichen.
„Mein Gott, was sind Sie für ein Mensch", murmelte er verstört. „Sie reden wie ein Wahnsinniger und wissen Dinge, die niemand wissen kann. Woher haben Sie von dem Bild erfahren, das nur meine Gedanken kennen und das mich in der Tat verzweifeln lässt, weil es sich vor meinen Augen nicht formen will." Abermals stieß der Geheimnisvolle sein meckerndes Gelächter aus.
„Ich brauche Ihnen nur zu sagen wer ich bin, dann hätten Sie für alles eine ausreichende Erklärung. Haben Sie Mut?"
„Gewiss, solange ich es mit Sterblichen zu tun habe."
„Das, mein Freund, ist ein billiger Mut. Aber mir scheint, Sie ahnen schon etwas. Von den Menschen habe ich nur die äußere Form."
„Sind Sie ein Geist, der ruhelos umher wandert oder etwa selbst der sogenannte Seelenfänger?“
„Gut, dass Sie sagen, der sogenannte. Denn all die törichten Menschlein, die das Wort gebrauchen, haben keine Ahnung, welch ein Wesen sie bezeichnen wollen. Sie aber meinen offenbar seine Majestät den Teufel."
„Sie reden aber in hohen Tönen vom Antichristen."
„Wie sich das geziemt, wenn man von seinem höchsten Herrn redet."
Er sprach das alles in einer leicht hingeworfenen Weise. Er setzte sich wieder auf den Rand der Fontane. Eine Weile betrachtete er den Maler, der noch ganz steif stand und verstört ins Leere starrte. Dann ging ein spitzes Lächeln über sein Faungesicht.
„Nicht wahr, Herr Sahm, das Ganze verwirrt Sie ein wenig? Ich kann's mir denken. Es geschieht auch nicht alle Tage, dass einem ein leibhaftiges Mitglied des Internums begegnet. Aber ich kenne Sie und weiß, dass Sie sich ziemlich schnell daran gewöhnen werden. Wir sind nämlich im Allgemeinen gar nicht so übel. Gerade das Menschliche, mit seinen vielen Schwächen und seinen wenigen Stärken, die aber genau betrachtet nichts anderes als verkappte Schwächen sind, ist unserem Wesen bis zu einem gewissen Grade verwandt. Man schätzt uns nur auf der Erde nicht sehr, weil zu viele schlechte Dinge über uns geschrieben werden. Aber ich gebe Ihnen die feierliche Versicherung, dass alle die, die das geschrieben haben, nichts Näheres von uns wussten. Dafür aber", er sprach diese Worte mit einem heiseren Gelächter, „haben sie uns später umso besser kennen gelernt." Peter Sahm machte ein paar Schritte auf und ab, dann setzte er sich ebenfalls auf den Rand der Fontana, doch so, dass zwischen ihm und dem Fremden einige Meter Abstand blieben. Der merkte es und kicherte in sich hinein.
„Sie behaupten aus der Hölle zu stammen. An solche Dinge zu glauben, können Sie nur Einfältigen, Verrückten oder Betrunkenen zumuten. Mir dürfen Sie mit solchem Hokuspokus nicht kommen."
„Nein, wie aufgeklärt Sie sind!" gab der Fremde seiner Verwunderung spöttisch Ausdruck. „Mit anderen Worten: Sie glauben nicht an den Teufel?"
„Nein, natürlich nicht!" antwortete Sahm missmutig. „Ich glaube an nichts Übersinnliches, weder an Gott noch Teufel, Himmel oder Hölle."
„Armer Mensch! Sie sind wirklich der Ansicht, dass das alles nur Märchen sind?" fragte der Fremde mit einem heiteren Erstaunen in Miene und Stimme.
„Hirngespinste, fromme Erfindungen religiöser Menschen oder eine Art philosophischer Niederschlag, der in allen Menschen vorhandenen Gefühle für Recht und Unrecht widerspiegelt. Mögen das andere ergründen."
„Wahrhaftig, Sie sind ein ganz Aufgeklärter!" nickte der Geheimnisvolle anerkennend, doch mit einem Hohn, der den Maler maßlos aufbrachte. „Aber wissen Sie bester Herr Sahm, das ist nun so eine Art von Klugheit, die unsereiner nur schwer begreift. Allerdings, wir Überirdischen, Sie würden vielleicht sagen, Unterirdischen, haben es ja auch leichter, denn wir brauchen nicht zu glauben, weil wir wissen. Alles das, was Sie mit dem Begriff Übersinnlich bezeichnen, ist uns bekanntes Gebiet. Wer etwas genau kennt, der versteht nicht, dass ein anderer es nicht begreift, nicht daran glaubt. Dennoch, mir scheint an das Wichtigste von diesen Dingen müssten alle glauben. Besser noch, ihr müsstet fest davon überzeugt sein, da ihr es doch selbst in euch tragt.“
„Was haben wir denn in uns?“, fragte der Maler, der allmählich, wenn auch wider seines Willens, von dem Reiz dieser seltsamen Unterhaltung erfasst und gefangen wurde.
„Wie soll ich es Ihnen sagen?“, überlegte der Fremde. „Sie zwingen mich Namen zu nennen, die ich nicht gerne ausspreche.“ Er zog den Kopf tief zwischen die Schulter, beugte sich nach vorn, das Gesicht der Erde zugekehrt, mit einer Geste, die den Eindruck einer ungewollten und erzwungenen tiefen Reverenz machte.
„Gott" flüsterte er fast unhörbar. „Sie müssen doch Gott, den großen Meister des Ganzen, in Ihrem Inneren spüren. Er äußert sich doch in allen Regungen Ihres Wesens und Ihrer Seele." Er schwieg ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen. Dann zuckte ein Lächeln über sein Gesicht und seine Gestalt straffte sich. „Doch auch den anderen hohen Herrn, meinen erhabenen Gebieter, spürt ihr Menschen deutlich in eurem Blut. In eurer Lust am Bösen, am Sündigen, am Lügen und Betrügen, ach..." befreit atmete er tief ein, „an so manchem, was euch mit der höchsten Macht in Widerspruch bringt."
„Sie reden von der Moral", sagte Sahm mit einem Achselzucken.
„Aber das ist ja etwas ganz anderes."
„Etwas ganz anderes!" lachte sein Gegenüber vergnügt und spöttisch. „Sie reden von diesen Dingen, wie der Blinde von der Farbe. Hat ein Pferd Moral oder ein Hund? Ein Baum? Oder ein Strauch vielleicht? Alle Lebewesen sind ganz bestimmten Lebensgesetzen unterworfen. Haben diese Wesen deswegen Moral oder etwas Derartiges? Nein, mein Herr Neunmalklug! Das, was Sie Moral nennen hat nur der Mensch. Warum? Weil der Mensch Gott in sich hat, der ihn zur Höhe zieht oder den Teufel, der ihn in die Tiefe zu führen versucht. Sieger ist, wer in der Seele des Menschen die stärkste Gewalt hat."
„Jetzt habe ich Sie erst richtig durchschaut!" lachte der Maler erzürnt. „Für den Teufel geben Sie sich aus und sind in Wirklichkeit nichts anderes als ein verkappter Pfarrer!“
„Sie tun mir Unrecht. Ich begreife nicht, warum Sie nicht an mich und meinesgleichen glauben wollen! Alle Gebildeten kennen ihren berühmten Landsmann Goethe und sein Meisterwerk "Faust", mit dem der Ahnungsvolle so dicht wie möglich an unsere Sphäre herangerückt ist. Was glauben Sie wohl, wie viele Brüder Mephistos noch heute lebendig unter den Menschen wandeln als Künstler, als Dichter, Maler und Musiker, als Tänzer und Modeschöpfer? Sie brauchen nur zu wollen und Sie bekommen über den Punkt vollkommene Gewissheit. Reizt Sie denn nicht wenigstens das Verlangen zu sehen und zu wissen? Sie müssen nur ein wenig Vertrauen zu mir haben und mir Ihre Hand reichen, damit ich Sie in das Reich der höchsten Genüsse der Welt und der absoluten Macht über die Menschen führen kann!"
„Ein Vertrag mit Ihresgleichen", sprach er hastig, „hat immer eine höchst unangenehme Klausel, nämlich, das man nicht davon zurücktreten kann, wenn man aussteigen will."
„Ich sage Ihnen, Sie täuschen sich. Wenn Sie jemals den ernsthaften Wunsch haben, von unserem Vertrag zurückzutreten, dann sollen Sie davon befreit sein."
„Auf Ehre?"
„Ich schwöre."
„Also sind wir uns einig?"
„Wie? Worüber denn?"
„Hören Sie genau zu. Sie wissen, dass sich um das Menschliche zwei Parteien streiten. Beide lieben den Menschen, wenn auch auf verschiedene Weise. Auch sind die Kräfte beider Parteien so ziemlich gleich verteilt. Es kommt dabei sehr viel auf die Zeitströmung an. Es scheint, als beginnt gerade jetzt für uns wieder einmal eine bessere Geschäftszeit. Obwohl die Zeiten für das Höllenreich nie schlecht sind."
„Woraus schließen Sie das?"
„Aus der Kunst, der Literatur, der Politik, vor allem aber aus der Mode, mein Lieber. Aus der Damenmode", versetzte der andere mit einem schlauen Lächeln.
„Oh, Sie glauben gar nicht wie die Mode der Frauen für uns wirbt. Doch das nur nebenbei. Wenn wir im Großen und Ganzen auch eine ziemlich bedeutende Macht haben und über Mittel verfügen, denen der Mensch nur schwer widerstehen kann, so stoßen wir doch hin und wieder auf sehr heftigen Widerstand, gerade dort, wo uns am meisten am Sieg liegt. Dann sind wir mit unseren direkten Mitteln am Ende und wir müssen zu den indirekten greifen. Wir können dann auch nicht mehr selbst mitwirken, sondern bedürfen gewisser Mittelspersonen, wenn das Schauspiel stockt. So eine Art Hilfskraft, verstehen Sie?"
„Dazu haben Sie mich auserwählt?"
„Ganz recht."
„Ich fühle mich dadurch nicht gerade geehrt."
„Das ist ein ganz unberechtigtes Vorurteil. Wenn ich Ihnen eine Anzahl unserer Hilfsregisseure nennen würde, berühmte Namen aus eurer sogenannten Weltgeschichte, dann würden Sie staunen. Gekrönte Häupter, Staatsmänner, Feldherren, Schriftsteller, Gelehrte, Künstler, Menschen aus den sogenannten besten Kreisen.“
„Außerdem fühle ich in mir zu solch einem Amt keine rechte Begabung.“
„Das kommt noch. Sie sind klug, gewandt und dazu Künstler. Ich werde Ihnen die besten Aufträge vermitteln. Sie werden mit den Spitzen der großen Welt, der Kunst und des Adels verkehren. Ihr Name wird in aller Munde und Ihre Kasse nie leer sein. Sie werden leben wie ein Fürst, nur bei weitem freier als ein solcher."
„Sie wissen vielleicht nicht, dass ich ein Gewissen habe."
„Sie haben auch einen Blinddarm! Sehen Sie, wir leben in einer Zeit, wo man solch ein überflüssiges Ding ohne Schwierigkeiten wegschneidet."
„Dann würde ich ja in seelischer Beziehung ein Krüppel sein. Schon allein der Gedanke verursacht in mir ein ekelerregendes, widerliches Gefühl."
„In Ihnen scheinen sich alle Eigenschaften eines Spießbürger zu vereinigen. Die Überflüssigkeit des Blinddarms ist noch nicht sicher nachgewiesen, doch das Gewissen wirkt wie ein Kropf oder Höcker. Es ist einem überall im Weg. Ich werde Ihnen das Übel schmerzlos beseitigen lassen."
„Sind Sie endlich bereit?"
„Warten Sie! Das ist mir alles noch zu unklar. Wenn ich nun ja sage, wie wird sich dann unser künftiges Verhältnis gestalten?"
„Dafür ist bereits gesorgt. Sie werden ein großer Herr sein und ein Haus führen müssen. Dazu brauchen Sie Dienerschaft. Für das alles werde ich sorgen, denn ich selbst werde Ihnen einen Privatsekretär aussuchen."
„Sagen wir lieber einen Aufseher und Anführer in den höllischen Geschäften", bemerkte der Maler mit einem schalen Lächeln.
„Egal! Jedenfalls werden Sie mit mir zufrieden sein. Sie werden sich in Zukunft sehr wohl fühlen, viel wohler, als wenn Sie Tüncher in Berlin wären."
„Gut ich bin bereit", rief er heiser, „hier, meine Hand!"
Der Fremde griff mit einer gewissen Hast nach der ihm gebotenen Hand und hielt sie eine Weile zwischen seinen harten, knöchernen Fingern fest.
„Nun haben Sie sich verpflichtet und sind mein", sprach er mit einer Stimme, die dem Maler ein Frösteln durch den Körper jagte. Dabei legte der seltsame Sprecher auf jedes seiner Worte einen starken, eigenen Ton, so dass sie sich dem Maler wie ebenso viele schwere Gewichte auf die Seele legten. Nie würde er diese Worte vergessen solange seine Seele zu menschlichem Fühlen fähig war. Eine plötzliche Schwäche überkam ihn, so dass er fast zusammensank. Er stützte seine Ellenbogen auf die Knie und legte das Gesicht in die Hände. So saß er eine ganze Weile, bis eine Hand ihn bei der Schulter berührte. Da richtete er sich langsam wieder auf. Sein Gönner stand vor ihm und hielt ein winziges Fläschchen in der Hand.
„Ich sehe, Ihnen ist ein wenig unwohl geworden. Das liegt aber nicht an meinen Eröffnungen, sondern daran, dass Sie heute noch nichts gegessen haben. Das wird ab morgen anders sein. Nun schöpfen Sie etwas Wasser aus der Fontana." Peter Sahm gehorchte willenlos und der Fremde ließ aus seiner Phiole einen einzigen Tropfen in das Wasser fallen, das der Maler ihm in der hohlen Hand entgegen hielt. Sofort wurde das Wasser bernsteingelb und ein dünner, doch äußerst belebender Dampf stieg auf.
„Nun schlürfen Sie, schnell!"
Peter Sahm tat es. Es waren nur wenige Tropfen, die über seine Lippen kamen, da das Nass zwischen seinen Fingern hindurch gesickert war. Doch die wenigen Tropfen machten ihn zu einem ganz anderen Menschen. Er fühlte sich plötzlich von einer gewaltigen, unbeschreiblichen Lebenskraft und Daseinsfreude durchströmt. Alle Dinge der Welt erschienen ihm nun auf einmal in einem rosafarbenen Licht. Überall sah er nur dieses Licht, ohne jeden Schatten. Eine wunderbare Leichtigkeit war in allen seinen Gliedern, nicht nur in seinem Körper, sondern auch in seinem Geist. Er glaubte fliegen zu können, sofern er's nur versuchte.
„Teufel, ist das ein Trank, den lasse ich mir gefallen!" rief er und lachte laut und übermütig in die Nacht hinaus. „Ich bin gerade zu beschwingt! Was also nun?"
„Sie werden jetzt nach Hause gehen und eine ganze Nacht hindurch ausgezeichnet schlafen. Morgen früh beginnen Sie sofort Ihr neues Bild. Inzwischen werden Sie von mir hören. Gute Nacht, Peter Sahm!" Er lüftete mit tadelloser Weltmannsgeste seinen Zylinder, machte vor Sahm eine höfliche Verbeugung und ging dann mit merkwürdig schnellen, lautlosen Schritten auf den kleinen Pavillon zu. Bevor er aber soweit gekommen war, verlor sich seine Gestalt wie in einem Nebel. Peter Sahm, der ihm nachblickte, fröstelte ein wenig. Kopfschüttelnd ging er auf die Stelle zu, wo jener, trotz des hellen Mondlichts, im Nichts verschwunden war.
„Hallo, hören Sie mal!" rief er laut.
Der andere blieb verschwunden, nur ein leises, heiseres Lachen tönte als Antwort. Es schien von der mittleren Gruppe des Brunnens zu kommen, wo in einer Muschel, gezogen von Fabeltieren und gelenkt von Tritonen, der Meeresgott stand. Der Maler fasste die einzelnen Gestalten schärfer ins Auge, doch sie waren alle starr und steinern.
„Vielleicht war das Lachen nur eine Täuschung meiner Sinne. Mag es gewesen sein was es wolle, amüsant war es auf jeden Fall." Er ging langsam noch einmal um die Fontana herum und machte sich auf den Heimweg.
Es waren seltsame Gefühle, mit denen Peter Sahm am nächsten Morgen erwachte. Zunächst war er geneigt, das nächtliche Erlebnis für einen Traum zu halten. Dieser Glaube aber verschwand, je mehr er über das Geschehen nachdachte. So deutlich träumt man nicht, zumal nicht mit leerem Magen und klarem Kopf. Außerdem, dieses ganz unglaubliche Gefühl, das er in sich verspürte, seit er aus der hohlen Hand den Teufelstrank geschlürft hatte, war über Nacht nicht gewichen. Im Gegenteil, es hatte sich, vielleicht durch den guten festen Schlaf, noch verstärkt und erfüllte ihn bis ins Innerste seines Wesens. Dieses Gefühl trieb ihn nun aus seinem Bett. Immer noch ganz in Gedanken versunken ging er ins Atelier. Da stand auf der Staffelei die Leinwand, die für das Bild der tanzenden Römerin bestimmt war. Er betrachtete die Leinwand mit verkniffenen Augen und schüttelte den Kopf.
„Die Malkunst soll die Brücke sein, die mich auf die Höhe meines Lebens führen wird, so lautet der Orakelspruch des geheimnisvollen Boten des Infernums. Es müsste eine andere Malerei sein! Ganz anders. Ich glaube..." Er brach ab und hob lauschend den Kopf. Irgendwer hatte an seine Tür geklopft.
„Was, so früh schon Besuch?" murmelte er erstaunt. „Wer könnte denn das wohl sein? Etwa wieder mein Spukgeist? Herein!" Wer da zu ihm hereintrat, das war nicht der, mit dem er in der vergangenen Nacht verhandelt hatte. Ein Mann von schlankem, schmächtigem Körperbau, mit bleichem, glattrasiertem Gesicht, das einen äußerst klugen, dabei durchaus angenehmen Eindruck machte, trat geräuschlos ins Zimmer. Er war ganz in schwarz gekleidet und konnte auf den ersten Blick wohl für einen jungen Priester gehalten werden.
„Guten Morgen, Herr Sahm", sprach er mit gedämpfter Stimme und verbeugte sich höflich, doch nicht unterwürfig. „Ich heiße Nifer Luzi. Vor einer Stunde war ich schon einmal hier, aber Sie schliefen noch."
„Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte der Maler verwundert.
„Mit der Erlaubnis, Ihnen dienen zu dürfen", versetzte der andere mit einem Lächeln.
„Ich bin als Ihr Privatsekretär angestellt worden."
„Ah!" entfuhr es dem Mund des überraschten Malers.
„Wer hat Sie denn angestellt?"
„Oh, ein gewisser Herr."
„Das sagt weniger als nichts. Wurde mit Ihnen ein Vertrag gemacht?"
„Ein Vertrag? Gewissermaßen. Mein Gehalt hat man mir für drei Jahre im Voraus bezahlt. Ich freue mich natürlich sehr, eine so gute Stellung gefunden zu haben, denn an dem Wesen und der Großzügigkeit Ihres Beauftragten erkennt man sofort den großen Herrn."
„Sind Sie über die Art der Dienste, die Sie mir zu leisten haben genügend unterrichtet?"
„Vollkommen. Ich soll Ihnen in jeder Beziehung von Nutzen sein und hoffe, dass meine Kenntnisse der meisten lebenden Sprachen, sowie von Ländern und Menschen mir viel Gelegenheit dazu geben werden."
„Sie sind viel gereist?"
„Seit vielen Jahren tue ich nichts anderes."
„Seit vielen Jahren?" fragte der Maler lächelnd. „Ich meine, Sie sind noch gar nicht so alt, um viele Jahre gereist zu sein." Nifer Luzi lächelte ein wenig melancholisch.
„Sie täuschen sich in meinem Alter. Wenn Sie mich erst einmal näher kennen, werden Sie sehen, dass ich mich in allen Winkeln der Erde auskenne." Peter Sahm fasste den anderen scharf ins Auge. „Sagen Sie einmal offen und ehrlich; sind Sie ein Verwandter des, ich meine, des Anderen?"
„Welches Anderen?" fragte Luzi harmlos.
„Der Ihnen diese Anstellung gab."
„Ein Verwandter? Hat er gesagt, er wolle einem seiner Verwandten den Posten anvertrauen? Übrigens, wie hieß er doch gleich?" Peter Sahm biss sich auf die Lippen. „Hören Sie, ich frage und Sie antworten mit Fragen."
„Ich bitte um Verzeihung, Herr Sahm", sprach jener mit gemessener Höflichkeit, „ich fragte, um Ihnen Auskunft geben zu können."
„Nun ja. Was gedenken Sie als nächstes zu tun?"
„Was sie mir auftragen."
„Da wäre ich in Verlegenheit."
„Ich sah, als ich bei Ihnen eintrat, dass Sie arbeiten wollten. Wenn ich Ihnen bei Ihrem künstlerischen Werk mit Rat und Tat zur Seite stehen dürfte, würden Sie mich sehr glücklich machen."
„Verstehen Sie denn etwas von der Malerei?"
„Ich verstehe von allen Künsten ein wenig."
„Auch von Musik?"
„Ich spiele alle Instrumente. Natürlich laienhaft."
„Dort steht meine Violine. Wenn Sie so gütig sein wollen, dann spielen Sie etwas. Das regt mich in der Regel sehr zum Schaffen an."
„Sehr gern. Was wünschen Sie zu hören?"
„Spielen Sie, was Ihnen gerade einfällt."
„Ich werde Ihnen eine von mir komponierte Mazurka vorspielen, in die ich hier und dort nach Laune Variationen und Kadenzen einstreuen werde." Peter Sahm hatte derweil seine Malergerätschaften bereitgestellt und trat mit der Kohle in der Hand vor die Leinwand. Es war ein sonderbares Gefühl in ihm, eine Spannung ohnegleichen, eine Erregung, die ihn durchströmte bis in die feinsten Nervenspitzen. Dennoch war die Hand mit der Kohle von einer vollkommenen Ruhe. Die ersten Striche, die dem Bild seinen Umriss geben sollten, gelangen aufs allerbeste. Welch eine Schaffenskraft steckte nur an diesen Morgen in ihm! Eine Leidenschaft zum Arbeiten, ein Drang zur Vollendung, der dem Schaffen selbst den Stempel des Genialen aufdrückte.
Inzwischen hatte Nifer Luzi den Bogen angesetzt. Nach den ersten Tönen drehte der Maler sich erstaunt um und sah dem Geiger eine Zeit lang zu. Was jener da spielte, schien ihm eine sehr seltsame Musik. Auch die Geige klang ihm so fremd. Ganz anders als unter seinen eigenen Händen. Der Klang war so seltsam menschlich. So als sänge eine außerordentlich begabte Frauenstimme diese wunderlichen Koloraturen. Wie das durcheinanderwirbelte und durch die Saiten stürmte, maßlos sinnlich und leidenschaftlich, dann wieder unaussprechlich süß und innig. Doch immer, ob Sturm oder Stille, klang eine unwiderstehliche, heiße Liebeslockung durch das Spiel.
Peter Sahm hätte dieser Musik mit geschlossenen Augen stundenlang lauschen mögen. Doch in seinem Arm war eine Erregung, die ihn förmlich zur Leinwand zwang. Während hinter ihm unaufhörlich und unermüdlich der Bogen die tönenden Wunder aus den Saiten riss, zauberte seine Hand - als würde sie von einer unsichtbaren Macht geführt - in unglaublich kurzer Zeit ein Bild auf die Fläche, wie der Künstler es in seinen schönsten Träumen nicht erwartet hätte. Kühn in der Auffassung, lebendig in allen Linien und doch voll eines schönen Rhythmus, so stand die Skizze vor den Augen des Künstlers. Mit einem tiefen Aufatmen trat er endgültig zurück und in demselben Augenblick endete hinter ihm das Spiel mit einem fast schreienden Akkord. Wie lange das alles gedauert hatte, vermochte er nicht zu sagen. Er fühlte sich aus Raum und Zeit hinausgeschoben und zu einem Schaffen bestimmt, das in seinem Zweck und in seinen Erfolgen hoch über die Bedeutung des Alltäglichen hinausragte. Nifer Luzi legte still die Geige weg und trat an die Seite des Malers.
„Da hätten wir ja die Skizze“ sprach er mit einem leisen Lächeln. „Ich denke, sie ist trefflich gelungen." Peter Sahm blickte seinen Sekretär mit einem verlorenen Lächeln an.
„Ach, Sie sind ja auch hier. Ich glaube, ich wusste im ersten Augenblick gar nicht, wo ich war. Sagen Sie, wer hat Sie das Geigenspielen gelehrt?“
„Hat Ihnen mein Spiel nicht gefallen?"
„Gefallen - als ob bei solcher Musik von Gefallen die Rede sein könnte! Das ist außerhalb allem Irdischem. Wenn Sie mit solcher Musik an die Öffentlichkeit treten würden, will ich mir nicht vorstellen, was Sie damit anrichten könnten." Nifer Luzi lächelte und nickte.
„Ach ja die Menschlein ...", und zuckte die Achseln. „...sie sind so leicht zu betören."
„Aber sagen Sie mir doch, wie Sie zu solcher Musik kommen! Sie müssen doch zugeben, dass Ihrer Musik etwas Satanisches anhaftet."
„Herr Sahm, wie können Sie so was sagen! Denken Sie an das Wort des Don Quichotte:
„Wo Musik ist, da kann nichts Schlimmes sein."
„Aber auf Ihre Musik hat das Wort keine Anwendung. Das waren klingende Teufeleien."
„Ich sehe, dass ich bei der nächsten Gelegenheit eine andere Tonart anstimmen muss, um Ihren Geschmack zu treffen", bemerkte Nifer Luzi lächelnd.
„Ganz im Gegenteil", versetzte Peter Sahm lebhaft. „Ich habe das Gefühl, dass derselbe Geist, der Ihnen den Bogen führte, auch mir die Hand geführt hat."
„Glauben Sie, dass es ein Geist gewesen ist? Natürlich, der Genius der Kunst!" Sahm blickte den anderen scharf forschend in das geistvolle, lächelnde Gesicht.
„Vermutlich wissen Sie genau, dass ich jenen Geist meine, von dem im Faust geschrieben steht, dass er stets verneint."
„Aber in diesem Fall hat er doch nicht verneint, sondern im Gegenteil, Ihr künftiges Sehnen voll befriedigt."
„Ich fühle sogar, dass derselbe Feuergeist, der Ihr Spiel durchglühte, auch in mein Bild eindringen wird."
„Würden Sie das bedauern?"
„Ich weiß nicht. Die Wirkung muss ich erst abwarten."
„Meinen Sie die Wirkung auf das Publikum?"
„Ja, ob man von diesem Geist dann auch sagen kann, er hat das Böse gewollt und das Gute geschaffen."
„Ach, die Begriffe von Gut und Böse sind so dehnbar und die Grenzen so fließend! Wer soll da den Ausschlag geben? Die zukünftigen Kritiker? Oder etwa die berühmte Stimme des Volkes? Es hieße Wasser in einem Sieb tragen, wollte man auf diese Stimme etwas geben. Der Weg, den Sie ab heute gehen, kann Sie nur zum Ruhm und Erfolg führen, wenn Sie sich von Bedenken dieser Art frei machen."
„Aha, das war endlich mal ein offenes Wort!" rief Peter Sahm. „Jetzt erkenne ich in Ihnen deutlich die Verwandtschaft mit dem Mann, der mich in der letzten Nacht ansprach!“ Er sprang auf und maß seinen Sekretär mit einem scharfen Blick. Der aber hielt diesem mit ruhigem Lächeln stand. In diesem Lächeln aber, so sanft es auch auf den ersten Blick schien, war wiederum, wenn auch nur schwach, jener rätselhafte Ausdruck, der in diesem Gesicht alle Züge so merkwürdig unstetig und beweglich, geradezu fließend, erscheinen ließ. „Wenn Sie nicht…“
„Wenn was?" fragte Nifer Luzi sanft und immer noch lächelnd.
„Wenn Sie es nicht gar selbst sind! Der Teufel vermag ja wohl seine äußere Erscheinung ganz nach Belieben zu verändern." Nifer Luzi lachte belustigt auf und schüttelte den Kopf.
„Aber Herr Sahm, denken Sie doch daran, in welcher Zeit wir leben! Sie scheinen mich für den Teufel zu halten! Erinnern Sie sich daran, was einer unserer feinsten Köpfe, nämlich Heinrich Heine, gesagt hat: „Der Teufel existiert nur so lange, wie man an ihn glaubt." Da der Maler darauf nichts erwiderte, fuhr er nach einer kleinen Weile in einem anderen Ton fort:
„Nicht wahr, Sie werden nun einen kleinen Imbiss nehmen und dann an Ihrem Bild weiter arbeiten, damit es noch morgen in die Ausstellung wandert." Peter Sahm ließ ein spöttisches Lachen hören.
„An Ihren Worten erkenne ich, dass Sie von der Malerei keinen blassen Schimmer haben. Das wird im günstigsten Fall noch vier Wochen dauern. Bis dahin, mein Herr Sekretär, werden nicht sehr viele Imbisse genommen werden können."
„Darüber machen Sie sich keine Sorgen. Meine Aufgabe ist es, für alle Ihre Bedürfnisse zu sorgen. Ich habe mir gestattet..." Er trat zum Schrank und öffnete alle Türen. Was da stand und wie es da stand, das hätte einen Satten zum Zulangen verführen können. Auf den Hungrigen aber wirkte es geradezu verheerend. Peter Sahm, der seit einer Reihe von Tagen unfreiwillig fastete, überflog mit gierigen Augen die Reihe der Schüsseln, Töpfen, Döschen und Gläschen, der vielen großen und kleinen, langen und kurzen, dünnen und dickbauchigen Flaschen.
„Aber, wie das - wo kommen diese Schätze her?" murmelte er mit ungläubigem Blick.
„Ich habe mir erlaubt, während Sie heute Morgen noch fest schliefen, ein wenig vorzusorgen. Ich fand alles leer."
„Wenn ich die Speisen sehe, werde ich zu einer Bestie. Mensch, bringen Sie was auf den Tisch! Setzen wir uns und essen wir die Sachen gemeinsam. Sie aßen schweigend. Peter Sahm aß viel und infolge seines Heißhungers ein wenig gierig. Nifer Luzi aber nippte an diesen und jenen guten Dingen mit vollkommener Ruhe und Eleganz. Endlich lehnte sich der Maler in seinem Stuhl zurück.
„So, nun fehlt zum äußersten Wohlbehagen nur noch ein edles Kraut." Nifer Luzi erhob sich sofort.
„Die Zigarren und Zigaretten stehen im oberen Fach bei den Schnäpsen. Da ich Ihren Geschmack noch nicht kenne, wählen Sie am besten selbst."
„Wahnsinn!" rief Peter Sahm aufspringend. Wahrhaftig, eine ganze Auswahl der köstlichsten Sachen! Herr Nifer Luzi, ich bin mit Ihnen sehr zufrieden." Der Sekretär verbeugte sich lächelnd.
„Ich werde Gelegenheit haben, Ihre Zufriedenheit in noch größerem Grade hervorzurufen. Wenn Sie gestatten, werde ich Ihnen beim Mischen der Farben ein wenig zur Hand gehen."
„Verstehen Sie etwas davon?"
„Immerhin können Sie ja den Versuch machen. Ich bin überzeugt, dass in der Farbabstimmung mancher Maler mit weltberühmtem Namen von mir lernen könnte. Besonders..." er sprach diese Worte mit einem geheimnisvollen Lächeln „ ...was den Ton des lebenden menschlichen Fleisches betrifft."
„Welch hässlicher Ausdruck!" rief der Maler. „Hoffentlich sind Ihre Farben nicht so roh, wie Ihre Worte." Es dauerte aber gar nicht lange, da hatte Peter Sahm erkannt, dass Nifer Luzi, wenn nicht selbst ein tüchtiger Maler, so doch ein feiner Kenner der Maltechnik war. Die Mischungen waren durchaus fachgemäß und verrieten genaue Kenntnis der Wirkungen und chemischen Eigenschaften der verschiedenen Farbverbindungen. Ja, er stellte einige ganz neue Farbtöne her, von denen Peter Sahm bisher keine Ahnung gehabt hatte und mit denen er höchst überraschende plastische Wirkungen erzielte. Es erschien überhaupt wie ein Wunder, wie ihm heute alles unwahrscheinlich gut gelang. Ohne an Ermüdung oder Unterbrechung zu denken, arbeitete er. Nur hin und wieder machte er eine kleine Pause, um eine neue Zigarre anzuzünden oder einige Tropfen eines überaus kräftigen, feinen Likörs zu sich zu nehmen. Er merkte gar nicht wie die Zeit verging. Alles in ihm war in Hochspannung. Es war eine richtige Leidenschaft des Schaffens, eine freudige Rastlosigkeit, eine in ihrer Unbeschränktheit berauschende Fülle von Kraft.
Als die ersten Schatten des Abends durch die hohen Bogenfenster des Ateliers stiegen, legte Peter Sahm seine Pinsel beiseite und warf sich in den großen Sessel, der in einiger Entfernung von der Staffelei stand. Mit glänzenden Augen blickte er auf sein Gemälde. Auf seinem Gesicht lag ein tiefes Rot freudiger Erregung, denn soweit ihn seine Kunstwanderungen durch die Welt geführt hatten: etwas so Lebendiges, etwas in jedem Zug und jeder Bewegung Vollendetes wie diese Tänzerin auf seinem Bild, hatte er nie gesehen. Lange blickte er auf sein Werk. Es schien ihm selbst unfassbar, jenes Kunstwerk geschaffen zu haben.
„Ist das nicht, als wenn es ein Stück Leben wäre?" wandte er sich endlich an seinen Sekretär. Der stand schweigend mit über der Brust gekreuzten Armen abseits und betrachtete ebenfalls das Bild.
„Ja, aber Sie können den Anschein des Lebendigen noch um einen guten Teil verstärken. Wir wollen doch sehen...!" Er trat wieder zur Palette und mischte aus mehreren Farben ein kleines Kügelchen.
„Nun versuchen Sie mal, die Lichter in den Augen durch diese Farben zu verstärken." Der Maler folgte dem Rat und trat verblüfft von der Staffelei zurück.
„Hölle", murmelte er und warf einen scheuen Seitenblick auf seinen Sekretär. „Die Augen, nein! Das ganze Gesicht! Es lebt und bewegt sich!"
„Das ist eine höchst auffallende Täuschung. Die Farbe, die Sie eben aufgetragen haben, ist in ihrer Mischung mein Geheimnis. Sie funkelt gewissermaßen nach allen Richtungen. Dadurch folgt Ihnen der Blick bei jeder Ihrer Bewegungen. Je schneller Sie Ihren Standort wechseln, umso beweglicher werden Gesicht und Augen. Machen Sie den Versuch und gehen Sie vor dem Bild auf und ab."
Peter Sahm tat es und wirklich, die Augen der Tänzerin folgten ihm bei jedem seiner Schritte. Durch dieses eigenartige Nichtloslassen des Betrachters bekam das Gesicht, das schon an sich voll starken sinnlichen Reizes war, einen ungemein verlockenden und bestechenden Charakter. Unmöglich konnte jemand achtlos an dem Bild vorübergeht, ohne stehen zu bleiben und den geheimnisvollen Zauber dieser Augen auf sich wirken zu lassen. Peter Sahm saß wieder in seinem Sessel. Sein Blick hing unverwandt an dem Gesicht auf der Leinwand, dessen Augen ihn nicht aus ihrem Bann ließen. Die Lippen waren zu einem leichten Lächeln geschwungen und dieser lächelnde Mund lebte.
Tiefer war die Dämmerung geworden. Dünne graue Schleier lagen schon über dem Gemälde. Hell glänzten die Lichter in den Augen.
„Ich skizzierte dieses Gesicht einst in einer neopoltitanischen Schenke", murmelte der Maler vor sich hin. "Es hat mich gefesselt durch die Lebendigkeit jenes Ausdrucks. Sie war sehr lieb, die Kleine. Merkwürdig, wie sie mich hier so anschaut, bekomme ich richtig Sehnsucht nach ihr."
„Herr Sahm, Sie haben es nicht nötig, sich nach simplen Schenkenmädchen zu sehnen.", sprach Nifer Luzi. „Es wird nicht lange dauern und die schönsten Frauen werden sich um Ihre Liebe bemühen." Sahm blickte auf wie aus einem Traum erwachend. „Wie, habe ich das denn laut gesagt? Ich glaubte, ich hätte das nur gedacht."
„Jedenfalls waren mir Ihre Gedanken vernehmlich. Nochmals möchte ich Ihnen raten, jenes schöne Mädchen zu vergessen. Sie verderben sich an solch ungebildeten Wesen den künstlerischen Geschmack."
„In den Dingen der Liebe pfeife ich auf Bildung und künstlerischen Geschmack. Da schätze ich Rasse über alles."
„Sie werden Gelegenheit haben, sehr edle und leidenschaftliche Prinzessinnen kennen zu lernen." Sahm maß seinen Sekretär mit forschem Blick.
„Woher wissen Sie das?"
„Es ist nicht schwer, einem Mann von Ihrer Art wahrzusagen."
„Zumal wenn Sie mit seiner Majestät dem Satan auf Du und Du stehen." Nifer Luzi lächelte geheimnisvoll, sagte aber nichts.
„Ich möchte wissen, ob Sie auch hin und wieder auf Ihrer Stirn Hörnchen tragen wie der andere."
„Wie wer?" „Wie Ihr Herr und Meister aus der Unterwelt."
„Es gibt keine gehörnten Teufel."
„Dann sind Sie entschieden ein schlechter Kenner des Teufels. Ich schwöre Ihnen, er hat Hörner." Nifer Luzi schüttelte den Kopf.
„Wie doch die Menschen verschiedener Ansicht über den Herrn der Finsternis sind! Sie erinnern sich ohne Zweifel, was Heinrich Heine über den Teufel gesagt hat: „...er ist nicht hässlich und nicht lahm, er ist ein lieber charmanter Mann, ein Mann in seinen besten Jahren, freundlich und höflich und welterfahren."
„Sehr richtig, Herr Nifer Luzi, aber er hat Hörner! Ich habe Sie nämlich selbst gesehen."
„Ich will Ihnen nicht widersprechen, denn Sie scheinen nach der angestrengten Arbeit ein wenig abgespannt zu sein", sagte Nifer Luzi sanftmütig. „Ich möchte Ihnen raten, einen Spaziergang zu machen und derweil zu überlegen, was Sie morgen machen werden."
„Ihr Vorschlag scheint annehmbar", meinte Peter Sahm überlegend. „Nebenbei bemerkt, waren Sie schon mal in so einer Stellung ähnlich Ihrer jetzigen? Kurz gesagt, ich bin pleite."
„Wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollten und den geringen Betrag, es sind wohl einige hunderttausend Lire, die ich in jenem Fach Ihres Schreibtisches vorläufig deponiert habe, als Ihr Eigentum zu betrachten."
„Klingt gut! Natürlich nehme ich Ihr Angebot dankend an. Dieses Bild wird mir wohl ein kleines Sümmchen einbringen."
„Ein Kapital wird es Ihnen einbringen. Noch heute Abend werde ich es in den Kunstsalon des Marchese Vecelli bringen."
„Um Himmelswillen, nein! Es ist ja noch nass."
„Ich glaube nicht. Meine Mischungen trocknen schnell."
„Aber doch nicht in einer Stunde!" rief der Maler und fiel seinem Sekretär in die Arme, der das Bild mit einem wollenen Tuch abreiben wollte. „Ich würge Sie, wenn Sie mir dieses Bild verderben!"
„Keine Sorge", sprach Nifer Luzi ruhig, schob den Maler mit einer kleinen Bewegung seines linken Armes zur Seite und begann das Bild abzureiben. Dann zog er blitzschnell alle Gardinen zu, zündete die Lampen an und rückte das Gemälde in den vollen Lichtschein.
„Nun?"
Peter Sahm stand wie geblendet vor seinem Gemälde. So etwas war ja gar nicht möglich. Schon vorher war das Bild in all seinen Linien und im Ausdruck so lebendig gewesen, wie er es bisher bei kaum einem anderen Bild gesehen hatte. Nun aber schien jenes verführerisch schöne, tanzende Mädchen von wirklichem Leben erfüllt. Das war ja kein gemaltes Gesicht mehr, sondern frisches, blühendes, volles Leben. Die schlanken Arme... war es nicht, als wollten sie sich von der Fläche loslösen und sich in liebevollem Verlangen nach ihrem Schöpfer ausstrecken? Die klassischen Schultern, auf die ein blass rotes Rampenlicht seine leuchtenden Reflexe warf, die zierlichen Füße, deren Stellung des Tanzes Rhythmus aufs Deutlichste ausdrückte. Der Maler stand gänzlich fassungslos vor seinem Kunstwerk. Lange, lange starrte er auf die Schöpfung seiner Hände von der er ahnte, dass es nicht die Seinige war. Ein dunkles Grauen rieselte durch seine Seele. Ein lang vergessenes Wort tauchte plötzlich in seiner Erinnerung auf:
„Lass dich vom Teufel bei den Haaren fassen und du bist auf ewig sein!"
„Auf ewig!" murmelte er unwillkürlich. Seine Augen, die noch immer auf das Bild starrten wie auf eine überirdische Erscheinung, öffneten sich überweit, als sähen sie hinter dem Bild irgendetwas Schreckliches. Plötzlich wandte er sich abrupt um.
„Schaffen Sie das Bild fort!" stieß er heiser hervor. „Ich will es nicht mehr sehen."
Der Sekretär warf mit einem stillen Lächeln ein großes Tuch über das Gemälde.
„Sie werden es nicht mehr sehen, bis es in der Ausstellung hängt. Dann werden Sie hingehen und hören, wie die Menschen über Ihr Werk urteilen. Das wird Sie von Ihrer unberechtigten Abneigung gegen dieses Kunstwerk heilen."
Peter aber griff hastig zu Stock und Hut und verließ die Wohnung. Nifer Luzi blickte ihm mit einem sanften Lächeln nach, bis er draußen war. Dann veränderte sich dieses Lächeln auf einmal so sehr, dass der Maler, hätte er es gesehen, bis ins Innerste erschauert wäre.
Zu später Nachtstunde kam Peter nach Hause. Obwohl er mehr getrunken hatte, als er normalerweise vertragen konnte, stellte er erstaunt fest, dass er nicht einmal einen kleinen Rausch hatte. Er war erst stundenlang plan- und ziellos durch die Straßen Roms geirrt. Dann hatte er der Reihe nach alle beliebten römischen Künstlerschenken besucht. Er war von der Basilika Ulpia zur Goldkneipe, die dicht neben der Spanischen Treppe liegt geeilt, von dort weiter zur Roma Sparita, zum Zi Pippo und zur Goethe-Osteria an der Via Monte Sarelli. Es war eine Wanderung kreuz und quer und ohne Ruhe. Am Ende fand er sich im Kreise befreundeter Künstler im Fidelinaro wieder. Dort wurde er so richtig von den Künstlerkollegen auf die "Schippe" genommen. Ob sein Bild "Mondnacht am Tiber", das schon so lange in der Ausstellung hinge, endlich einen Käufer gefunden habe, ob er nicht so freundlich sein wolle, die Freunde einmal bei Mondschein an den bewussten Ort zu führen, da noch keiner von Ihnen diese Landschaft je gesehen habe. Wann denn mit einem neuen Bild von ihm zu rechnen sei und über welches Thema sie sich diesmal vor Lachen ausschütten könnten? Peter Sahm hatte sich über Späße dieser Art bisher immer geärgert und war, um ihnen zu entgehen, in letzter Zeit dem Kreise möglichst ferngeblieben. Heute nahm er die Reden der Kunstgenossen mit gemischten Gefühlen auf, zeigten Sie ihm doch gar zu deutlich, was man von seinen Künsten hielt. Äußerlich war er ruhig geblieben, hatte zu den mehr oder weniger geschmackvollen Witzen der Kollegen nur kalt gelächelt und schließlich bekannt, dass er gerade heute Abend ein neues Bild zur Ausstellung gegeben habe und zwar dies mal in den Kunstsalon des Marchese Vecelli. Der galt als der Feinste und Anspruchsvollste in ganz Rom. Peter Sahm erwähnte noch, dass er diesmal eine ganz andere Richtung eingeschlagen hätte und von dem Bild einigermaßen befriedigt sei. Über diese Ankündigung machten die Kollegen allerlei spitze Anspielungen und Bemerkungen. Es wurde beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam in die Kunstausstellung zu gehen. Still, mit einem wissenden Lächeln, stand Peter auf und ging nach Hause. Dort fand er zu seiner Überraschung Nifer Luzi noch wach.
„Sie sind noch wach? " fragte er erstaunt.
„Es gab noch einiges zu tun. Ich habe mich selbst ein wenig häuslich eingerichtet und Ihnen einen Nachttrunk bereitet." Er nahm vom Beistelltisch ein Glas mit einer leuchtend rötlichen Flüssigkeit, die einen kräftigen, herbsüßen Duft verbreitete. Sahm ergriff das Glas zögernd und mit fast feindseligem Blick auf den Diener. Als er es zum Mund führen wollte, zuckte seine Hand unwillkürlich zurück. Er hatte den heftigen Drang, das Glas auf den Boden zu schmettern. Doch da erklangen in seinem Inneren die Echos der spöttischen Reden seiner Freunde, zu denen er zwar äußerlich gelächelt, aber innerlich aber vor Wut gekochte hatte.
„Verflucht, ich werde sie zum Schweigen bringen und wenn es mit Hilfe des Teufels geschehen müsste!" stieß er hervor. Er goss den Trank mit geschlossenen Augen in sich hinein und warf sich auf sein Bett.
Am nächsten Morgen ging die Sonne nicht nur für Rom, sondern auch für Peter Sahm in strahlendem Glanz auf. Als er die Augen aufschlug und sich mit Wohlbehagen in den Kissen räkelte, trat der stets anwesende und dienstbereite Nifer Luzi an sein Bett und bot ihm mit seiner leisen, sanften Stimme einen guten Morgen. „Guten Morgen, mein lieber Sekretär! Auch schon munter? Ich glaube, Sie schlafen nie. Wie spät ist's denn?"
„Sehen Sie...", lächelte Nifer Luzi, zog die Vorhänge auseinander und ließ eine ganze Flut des goldenen Sonnenlichtes ins Zimmer herein, so dass der Mann im Bett geblendet seine Augen schließen musste.
„So spät schon! Nun aber raus aus den Federn!"
Er sprang mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett.
„Hören Sie mal, mein guter Sekretär, ich bin in einer ganz unerklärlich großartigen Verfassung. Ich könnte die ganze Welt an mein Herz drücken!"
„Auch mich?"
"Meinetwegen auch Sie, obwohl ich mir über Ihr Wesen durchaus noch nicht im Klaren bin. Übrigens, was machen wir heute?"
„Zuerst anziehen, dann wird gefrühstückt und danach geht’s in die Ausstellung."
„Teufel auch, die Ausstellung! Hängt mein Kunstwerk?"
„Gewiss und am besten Platz. Vecelli war außer sich vor Begeisterung."
„Glauben Sie, mein Bild wird Aufsehen erregen?"
„Gehen wir hin und sehen wir selbst."
"Das werden wir!", sprach Peter Sahm. Dann wurde er plötzlich nachdenklich. Schweigend kleidete er sich an. Er erinnerte sich, dass er gestern Abend auf einmal eine starke Abneigung gegen dieses Bild empfunden hatte. Seltsam, auf einmal konnte er es kaum erwarten, bei seiner Schöpfung zu sein. Minuten wurden zu Stunden. Die Ungeduld bezwingen zu wollen, kleidete er sich sorgfältiger an als sonst. Die Stille, die beim Frühstück herrschte, war fast körperlich zu spüren. Erst als er seine Morgenzigarre in Brand gesetzt hatte, sah er seinen Gegenüber nachdenklich an und sagte: „Weiß nicht, hab so ein sonderbares Gefühl in meinem Magen. Ob das heute für mich ein großer Tag wird?“
„Das wird es! Bestimmt! Es wird nicht lange dauern und Sie werden reich und berühmt sein.“
„Glauben Sie wirklich, dass es so schnell passieren wird?" fragte der Maler mit einem Kopfschütteln.
„Ich bin bereit, mein ganzes Geld gegen Ihre Hausschuhe zu verwetten, das Sie heute Abend schon nicht mehr im Besitz Ihres Bildes sein werden, sofern Sie es verkaufen wollen."
„Wollen?" rief der Maler mit einem Lachen. „Von Wollen kann gar keine Rede sein, wenn's nur wahr werden würde. Obwohl ich gestehen muss, dass zwischen mir und dem Bild ein ganz eigenartige geheimnisvolle Beziehung besteht, die mir, wie es scheint, die Trennung schwerer macht. Das ist sehr merkwürdig, denn ich habe dieses Gefühl erst seit heute Morgen, wo ich doch gestern Abend das Bild schon fast hasste. Also, wenn jemand kommt und mir fünftausend dafür gibt, kann er es mit Kusshand bekommen und meinen Segen dazu noch dazu."
„Fünftausend Euro", rief Nifer Luzi mit einem verächtlichen Lachen. „Aber Signore Sahm, sind Sie so wenig Kunstschöpfer, dass Sie ein Werk von dieser künstlerischen Bedeutung für einen Pappenstiel wegwerfen wollen? Wer Ihnen weniger als das Fünfzigfache bietet, dem lachen Sie getrost ins Gesicht."
„Ja, wenn ich einen Namen hätte."
„Den haben Sie heute Abend. Morgen werden Sie wieder ein Bild malen." „Mein Kopf ist leer!“
„Lassen Sie uns überlegen. Es gibt so viele dankbare Stoffe. Haben Sie nichts, wozu Sie sich ganz besonders hingezogen fühlen?"
„Nichts, das ich im Augenblick wüsste."
„Was meinen Sie zu einer büßenden Magdalena?"
„Ah, der Stoff ist schon zu abgegriffen."
„Kein Stoff ist verbraucht, solange man ihm noch neue Seiten abgewinnen kann. Diesem Stoff aber können Sie sogar noch eine neue Idee zugrunde legen."
„Da bin ich aber sehr gespannt."
„Eigentlich ist es erstaunlich, dass noch niemand von den Herren Künstlern auf diesen Gedanken gekommen ist. Man spricht immer von einer büßenden Magdalena. Ist es denn so absolut sicher, dass jene Magdalena, die doch vorher eine Hure war, durch Christi Einfluss wirklich bekehrt worden, das heißt, von einer echten Reue über ihren bisherigen Lebenswandel erfüllt worden ist? "
„Ich meine, das ist doch einwandfrei festgestellt."
„Könnte man sich nicht vielmehr vorstellen, dass es mit dieser Sünderin war, wie mit der Salome und Johannes, dem Vorläufer Jesu? Auch Magdalena könnte zu dem großen Bußprediger, satt von seinen Worten, in Liebe und Leidenschaft entbrannt sein. Sie war klüger und gescheiter als Salome und versuchte auf dem Weg der List zu erreichen, was jene mit Gewalt wollte."
„Hören Sie auf, das ist eine gottlose Vorstellung!" rief Peter Sahm heftig abwehrend.
„Gottlos, wieso?" fragte Nifer Luzi achselzuckend.
„Gottlos in jede Richtung und von erschreckender Perversität. Ich bin überzeugt, dass keine Frau der Welt es wagen würde, sich der überragenden Persönlichkeit Christi mit den Gefühlen unreiner Leidenschaft zu nähern."
„Dann kennen Sie eben die Frauen noch nicht. Am wenigsten die, die sich im Zustand der Liebesraserei befinden", bemerkte Nifer Luzi mit einem Lächeln, das dem Maler einen Einblick in seine Seele, wie in einen Abgrund von ungeheurer Tiefe nehmen ließ, auf dessen Grund das menschliche Auge die unheimlichen Gewalten der Finsternis mehr ahnt als sieht. Namenloses Entsetzen verschloss ihm den Mund.
„Außerdem würde dem durchdringenden Geist des Meisters der Truggedanke der Frau auch nicht für eine Sekunde verborgen geblieben sein."
„Und drittens? Ich denke, Sie haben noch mehr Gründe?"
„Und drittens hat der weitere Lebenswandel dieser Frau den Beweis geliefert, dass ihre Reue echt und ihr starker Zug zum Guten keine Lüge war. Sie müssen doch wissen, dass Maria Magdalena von der Kirche als Heilige verehrt wird." Abermals verzog sich das Gesicht des Sekretärs zu einer spöttischen Grimasse.
„Ich weiß, doch darüber möchte ich lieber schweigen. Selbst wenn alle Ihre Gründe stichhaltig wären, brauchte es Sie durchaus nicht daran zu hindern, diesen Stoff für ein Bild zu benutzen. Es wäre dann eben symbolisch. Stellen Sie sich die Wirkung vor: Maria Magdalena trocknet die Füße des Heiligen mit ihrem Haar, sie blickt dabei zu ihm empor und in ihren Augen brennt die begehrliche Glut ihrer Leidenschaft! So ein Bild würde ungeheures Aufsehen erregen.“
„ ... und vielleicht unberechenbares Unheil anrichten", murmelte der Maler finster, der sich fast wehr- und willenlos zu einem schrecklichen Abgrund hingezogen fühlte.
