Verfolgerwahn - Agnes Spiro - E-Book

Verfolgerwahn E-Book

Agnes Spiro

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Beschreibung

Totgeglaubte leben länger! Wie oft schon wurde das Ende des Feminismus prophezeit. Tatsächlich scheint er gerade heute in Zeiten eines Donald Trump wichtiger denn je. Einprägsam und spannend, zuweilen auch satirisch, beschreibt Agnes Spiro in "Verfolgerwahn" vielfältige Verflechtungen, die es auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit zu entwirren gilt.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Unter Stalkern

Freundinnen

Verfolgerwahn

UNTER STALKERN

Weißgelbe Lichtkegel. Sie bohren sich durch die in die Wohnungstür eingelassene Glasscheibe. Sie tanzen auf und ab. Hin und her. Sie fallen in einen Raum, dessen Tür geöffnet ist. Sie umkreisen den Kopf einer schlafenden Frau. Saugen sich fest, bis sie erwacht. Aber auch jetzt bleiben die weißlichen Kegel über das Gesicht der Frau gestülpt. Bis sie aufsteht. In den Flur tappt.

Sie hat doch vor dem Zubettgehen nirgends Licht brennen lassen. Jetzt sieht sie die Lichtquelle im Treppenhaus. Direkt vor der Glasscheibe ihrer Wohnungstür. Sie glaubt die Umrisse einer hochgewachsenen Gestalt zu erkennen. Sie tastet nach dem Lichtschalter, knipst das Licht an. Da erlischt der Lichtkegel.

Im dunklen Treppenhaus war niemand zu sehen. Hatte sie alles nur geträumt? Oder litt sie schon an Halluzinationen? Sie ging in die Küche. Sie würde sich Kaffee kochen, denn so paradox es klingen mochte, half der schwarze, frisch aufgebrühte Trank ihr meistens, wieder einzuschlafen, wenn sie mitten in der Nacht aufwachte.

Wie der Schlaf‐ und Wohnraum ähnelte die Küche einem Campingzelt – ausstaffiert nur mit Klapptisch und zwei Klappstühlen. Ein Zweiplattenkocher stand auf den Steinfliesen ebenso wie Wasserkocher und Kaffeemaschine. Erst vor zehn Tagen war sie eingezogen, denn auf ihre vielen Stellenbewerbungen hatte sie erst vor einem Monat hier in G. ein Stellenangebot erhalten. Als Mitarbeiterin eines kleinen Verlags, von dessen Existenz sie noch vor einem halben Jahr nichts ahnte. Nach einem langen Telefonat hatte die Verlegerin auf ein persönliches Vorstellungsgespräch verzichtet.

Ihre nackten Füße auf den kalten Fliesen. Wie weißliche Kriechtiere, die sich außerhalb ihres Körpers befanden, denn sie spürte nicht die Kälte in sich eindringen. Und doch folgte ihnen ihr Körper wie ein gehorsamer Diener, ließ sich von ihnen hin und her bewegen. Bis die Kaffeemaschine zu gurgeln begann und einen warmen, würzigen Duft ausatmete.

Sie ging zurück ins Wohn‐Schlafzimmer, zog die Hausschuhe an. Warf sich eine warme Jacke über die Schultern. Sie durfte sich nicht erkälten, sonst wäre es wohl mit dieser Stelle vorbei, bevor sie sie überhaupt angetreten hätte.

Sie goss die dampfende dunkelbraune Flüssigkeit in einen Kaffeebecher und setzte sich auf einen der Klappstühle, die sie selbst in ihrem Golf von B. hierher transportiert hatte. Wie ihre Faltmatratze, die fürs Erste als Bettersatz dienen musste. Bis sie endlich wieder monatlich so viel Geld auf dem Konto hatte, dass sie nicht jeden Cent zweimal umdrehen musste. Denn von der schmalen Witwenrente, die sie seit Thomas´ Tod vor zwei Jahren erhielt, konnte sie nur ein Jahr dank der gemeinsamen Ersparnisse ganz gut leben. Natürlich kündigte sie so schnell wie möglich die 100 qm große Wohnung und mietete eine preiswerte Einzimmerwohnung. Nach der Haushaltsauflösung half ihr Sohn, ein Student der Ingenieurstechnik, beim Umzug. Aber das war dieses Mal nicht möglich, denn jetzt steckte Daniel in den Examensvorbereitungen.

Als der Kaffee ihre Eingeweide zu wärmen begann, fiel es ihr wieder ein. Der blendend helle Lichtstrahl, der wie ein Wurfgeschoss die Glasscheibe durchdrungen und bis zu ihrem Kopf geschnellt war. Wer konnte ihn geschleudert haben? Warum? Gewiss kein potentieller Einbrecher, denn hier war wirklich nichts zu holen. Hier kannte sie niemand. Oder doch – aus lang zurückliegenden Studienzeiten? Wie viele Jahre war es her, dass sie an der Universität G. Germanistik und Politologie studiert hatte? Über dreißig Jahre gewiss. Kontakte aus dieser Zeit gab es nicht mehr. Sie war froh, als sie nicht mehr rätseln, sondern gähnen musste. Ihre Augendeckel und Beine schwer wurden. Sie knipste das Licht im Flur aus und tastete sich in der Dunkelheit zurück zur Faltmatratze. Es dauerte nicht lange, bis sie einschlief.

Mit ihrem klapprigen Golf fuhr sie am nächsten Morgen zum Stadtrand von G. Da sie schon am Sonntagmorgen die Strecke abgefahren war – Thomas alter Navi war nicht mehr zu gebrauchen – entdeckte sie bald die Konradstraße Nr. 2 im gemischten Wohn‐ und Industriegebiet. Ein einstöckiges Backsteinhaus, über dessen Eingangstür ´Atlantis‐Verlag, Inhaberin Anita Eggeling´, stand.

Auf ihr Klingeln öffnete eine füllige Frau mittleren Alters. Judith sah in ein rundes, lächelndes Gesicht. In rauchgraue, weit geöffnete Augen. Sie passten zur rauchigen Stimme und den grauen, vollen Haaren, die in Wellen über die Schultern bis zur Taille herabfielen.

„Sie sind sicher Judith Jahnke. Und ich bin Anita Eggeling. Kommen Sie herein.“ Judith folgte ihr in einen schmalen Flur, dann in ein mittelgroßes Büro. Auf dem Schreibtisch neben dem Laptop türmten sich Blätterstapel, davor, dahinter und daneben grünes Blätterwerk. Unzählige Topfpflanzen, die Judith, abgesehen von den Hortensien, Azaleen und Orchideen, botanisch nicht einordnen konnte. Man musste sich erst einen Weg durch das wuchernde Gewächs bahnen, um die weißen Wandschränke zu erreichen, in denen Judith die Früchte verlegerischer Arbeit vermutete.

Der angrenzende Raum sei Judiths zukünftiger Arbeitsbereich. Anita lächelt sphynxhaft. Sie scheint Judiths Verwunderung nicht zu bemerken. Auch in diesem kleineren Zimmer wuchern Grünpflanzen in großen und kleinen Töpfen. Sie solle doch gleich ihren Laptop hochfahren, hört sie jetzt Frau Eggeling sagen. Unter der E‐Mail‐Adresse [email protected] fände sie die Leseprobe eines Manuskript, das vor vierzehn Tagen hier eingegangen und das recht originell sei – zumindest im Vergleich zu den Wogen aus Wortgestrüpp und Worthülsen, mit denen wöchentlich ihr Computer geflutet werde. Bei Fragen solle sie sich an sie wenden. Aber Anita Eggeling lässt Judith gar keine Zeit zum Fragen, sondern entschwindet sogleich. Lächelnd. Sphinxartig.

Judith gibt besagte E‐Mail‐Adresse an ihrem PC ein. Als Datei‐ Anhang erscheint der Titel „Femistat“ von Carola Camenz. Sie klickt noch ein paar Seiten weiter bis zum Textteil und beginnt zu lesen:

Enrica hatte den kleinen, grauhaarigen Mann schon eine Weile beobachtet, unauffällig über die Blätter ihrer Zeitung gebeugt. Wie ein alter Mäuserich nagte er an einem Kuchenstück. Wie er mit zittrigen Fingern die Kuchengabel zum Mund führte. Was in diesen alten, vertrockneten Kerlen wohl vorgehen mochte?

Wahrscheinlich war er ein spätes Knäblein oder schon seit Jahren ein einsamer Witwer, für den sich keine Fensch mehr interessierte. Vielleicht gerade noch ein paar andere alte Hutzelmännlein, die mit ihm zum Kaffeeklatsch zusammen kamen, um über Belangloses zu tratschten. Enrica musste immer wieder hinüber schielen. Irgendwie interessierte sie sich für dieses ältliche Herrlein. Wie sich frau für ein seltsames, leicht Ekel erregendes Insekt interessiert.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen, meine Dame?“ Der junge, hübsche Kellner war dicht an ihren Tisch heran getreten und lächelte sie liebenswürdig an. „Ja, bringen Sie mir noch einen Damentoast und noch ein Glas Spätburgunder. Und dann hätte ich noch eine Frage.“ Enrica senkte die Stimme. „Kennen Sie den älteren Herrn, der dort drüben hinten in der Nische ganz allein an einem Tisch sitzt?“ Der Kellner antwortete, für jede hörbar: „Einer unserer Stammgäste. Früher ein Oberregierungsrat.“ Er fing an zu kichern. „Jetzt ein richtig alter Schruller.“ Er verzog die Lippen zu einem breiten Grinsen und zwinkerte Enrica zu. „Der Toast und das Glas Wein kommen gleich.“

Enrica beobachtete mit Kennerinnenblick, wie sich der Kellner von ihrem Tisch entfernte. Biegsamer Gang, breite Schultern, ein elegant geformter Kopf. Eine wahre Augenweide. Im Gegensatz zu den wenigen Ehemännern, die mit ihren Frauen an den anderen Tischen saßen. Ihre voluminösen Bäuche wölbten sich trotz Korsetts über den Hosenbund, die Toupets, die die Halb‐ oder Ganzglatzen verdecken sollten, waren zumeist verrutscht. Auch das sorgfältigste Make‐up konnte ihre Knitter‐ und Dackelfalten nicht verbergen. Wie es ihre Frauen nur mit solch abgetakelten Kerlen aushielten?

Nach dem Essen und einem Espresso vertiefte sich Enrica wieder in ihre Zeitung. Auf der Titelseite natürlich die üblichen Schlagzeilen: ´Neues Handelsabkommen zwischen den USA und der EU´… auf der zweiten Seite erfuhr frau von einem beunruhigenden Ereignis aus Indien/ Punjab: ´Brutale Kastration eines Inders durch eine Gang aufgebrachter, bewaffneter Frauen´. Die Journalistin beschrieb die Tat als Vergeltung für mehrere Vergewaltigungen, die sich zuvor im Gebiet um Lahore ereignet hätten. Sie seien von einsamen, frustrierten Kerlen verübt worden. Die Täter seien wohl gefasst und inhaftiert, doch der Zorn unter der weiblichen Bevölkerung schwele weiter und habe nun zu dieser gewiss beklagenswerten Reaktion geführt. Enrica hatte genug vom Zeitunglesen und im Café herumsitzen. Sie zahlte ihre Rechnung, gab dem hübschen, zuvorkommenden Kellner ein üppiges Trinkgeld und verließ das Lokal.

Auch jetzt, nach ihrer Pensionierung als Personalmanagerin eines mittelgroßen Konzerns, war sie, Göttin sei Dank, in der Lage, üppige Trinkgelder verteilen zu können.

Sie bekam monatlich nicht nur eine stattliche Pension, sondern profitierte heute noch von dem Polster, das sie vor dreißig und fünfunddreißig Jahren bei der Geburt ihrer Kinder als staatliche Prämien erhalten hatte. Nachdem über Jahrzehnte die Bevölkerungszahl immer weiter geschrumpft war, waren die Damen der Regierung endlich zur Einsicht gelangt, dass allein die Frauen durch ihre Gebärfähigkeit den Fortbestand des deutschen Volkes garantieren. Um einen Anreiz zu schaffen, diese Fähigkeit in größerem Umfang unter Beweis zu stellen, war frau auf den Einfall mit der Prämie gekommen. Natürlich meldeten sich sogleich die Bedenkenträgerinnen der Opposition zu Wort. Frau könne doch so etwas Privates und Kreatürlich‐Intimes wie Schwangerschaft und Geburt nicht mit schnödem Geld aufwiegen. Das sei genauso verwerflich wie die Leihmutterschaft. Und natürlich protestierten die wenigen männlichen Abgeordneten, die von himmelschreiender Ungerechtigkeit faselten. Schließlich setzte sich die Regierungschefin mit Mutterwitz und Pragmatismus durch: Eben weil nur Frauen in der Lage seien, Kinder zu gebären, ohne Kinder die Fenschheit jedoch aussterbe, sei es nur recht und billig, in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der alles seinen Preis habe, auch die allerwichtigste Tätigkeit angemessen zu honorieren. Pro Kind mit einer halben Million Euro. So kam es, dass die Mütter, und das waren ca. 35 % der Bevölkerung, die reichste Bevölkerungsgruppe wurden. Natürlich lamentierten einige Maskulinisten, frustrierte, unansehnliche Tucker nebenbei bemerkt, aber es half ihnen wenig. Sie mussten sich mit den biologischen Naturgesetzen und den daraus folgenden wirtschaftlichen Konsequenzen eben endlich einmal abfinden. Während Enrica solchen und ähnlichen Gedanken nachhing, schlenderte sie die Allee entlang in Richtung Ricarda Club. Immer wieder kamen ihr junge, knusprige Kerle entgegen. In engen Jeans oder Lederhosen, so dass sich ihre Knackärsche prächtig abzeichneten. Auch ihre Jacken waren eng geschnitten und betonten die breiten Schultern, die muskulösen Oberarme, die schmalen Hüften. Die meisten hatten auch makellose Gesichter – mit oder ohne Bart. Aber irgendwie ähnelten sie einander wie Klone. Austauschbar. Ohne Individualität.

Am Ende der Allee befand sich das prunkvolle, barocke Damenhaus – der Ricarda Club. Enrica betrat die Eingangshalle und zeigte dem Portier ihren Mitfrauenausweis.

Dann kam sie in den weiten, holzgetäfelten Saal. Die hohen Kristallspiegel an den Wänden warfen das Licht der Kronleuchter zurück. Die tiefen, champagnerfarbenen Ledersessel, in denen lässig, mit übereinandergeschlagenen Beinen, ein paar ältere Frauen saßen. In grauen, beigen oder anthrazitfarbenen Kostümen. Die ergrauten Haare kurzgeschoren. Einige waren in die Financial Times vertieft, andere über Play Girl Hochglanz Magazine gebeugt.

„Fensch, Lilo, altes Mädchen. Schon lange nicht mehr gesehen.“ Enrica hatte die mittelalterliche Frau erst erkannt, als sie dicht an deren Sessel vorbei ging. Nach freundschaftlichem Schulterschlag ließen sie sich an einem Ebenholztisch nieder, dessen eingearbeitete Intarsien durch die Spitzendecke schimmerten. Sogleich stand ein ranker, schlanker Kellner neben ihnen. Beide bestellten Cointreau, später Irish Coffee.

„Du hast gerade das Börsenblatt studiert, als alte Füchsin kannst du mir doch verraten, in welche Aktien frau investieren sollte.“ – „Natürlich kann ich das.“ Lilo knirschte beim Sprechen mit ihren falschen Zähnen. „Werd´ ich das – unter uns Old Girls gebe ich gerne heiße Tipps weiter.“ Lilos scharfe, kleine Augen waren auf Enrica gerichtet. „Das Unternehmen Micado, das kaum eine kennt, legte in diesem Quartal eine Bilanz hin, von der die allseits bekannten Konzerne nur träumen können. Investiere dort 10000, 20000 € ‐ und du bist binnen kurzer Zeit eine gemachte Frau. Aber das bist du ja längst. Wie geht es denn dem Herrn Gemahl? Wie alt ist er noch mal?“‐ So, schon vierzig. Er sieht glatt wie dreißig aus. Da hast du dir mit deinen 60 Jahren wirklich ein Prachtexemplar ausgesucht. Nochmals herzlichen Glückwunsch. Ah, hier kommt unser Cointreau. Lass´ uns auf die Schönheit der Männer und die Macht der Frauen anstoßen.“

Gegen 16.30 machte sich Enrica auf den Weg zum Kosmetikinstitut, in dem ihr Mann arbeitete. Richard war noch beschäftigt, als Enrica den Salon betrat. So konnte sie sich setzen und die Kunden beobachten. Allesamt Männer, junge, aber auch viele mittleren Alters und alte, die sich die Augenbrauen zupfen, Gesichtsmassagen verabreichen, Make‐up auflegen, die Fingernägel maniküren ließen. Bei reifer, um nicht zu sagen überreifer Haut ähnelten ihre kosmetisierten Gesichter altägyptischen Mumien.

Endlich zu Hause angekommen, eilte Richard in die Küche, um das Abendessen zuzubereiten, während Enrica den Tisch deckte und sich dann vor dem Fernseher niederließ. Beim Abendessen erzählte Enrica von ihrem Nachmittag im Ricarda Club. Richard dagegen blieb einsilbig. Mümmelte bekümmert an seinem Reis mit zarter Putenbrust. Fragen nach dem Grund für seine Schweigsamkeit wich er beharrlich aus, bis er endlich in Tränen ausbrach. Ein Kunde habe sich heute über sein Doppelkinn, ein anderer vor ein paar Wochen über sein leicht gewölbtes Bäuchlein mokiert. Er sei doch am Ende nicht gar schwanger? Dann hätten die jungen Scheißkerle lauthals losgelacht. Er sei bis unter die Haarwurzeln errötet. Enrica versuchte, ihren Schatz zu trösten, legte ihm den Arm um die Schultern. Er solle doch die blöden Säcke reden lassen, wenngleich…Sein Doppelkinn sei ihr in den letzten Monaten auch ein paar Mal aufgefallen. Ja, wenn sie ehrlich sei, und sie hätten doch vereinbart, immer ehrlich zueinander zu sein, dann habe sie es auch schon ästhetisch gestört. Aber frau könne doch heute leicht Abhilfe schaffen. Eine kosmetische Operation bei einer erfahrenen Schönheitschirurgin würde Wunder wirken. Nachher sähe er wieder aus – wie Adonis. Aber jetzt solle er nicht weiter heulen, sondern….

Anita streckte den von grauen Haaren umwallten Kopf durch die Tür. Ob Judith nicht zu einer Pause kommen wolle? Sie habe gerade Kaffee frisch aufgebrüht. Zu Judiths Erstaunen befand sich im Büro der Chefin, versteckt hinter Palmen, ein Sofatischchen mit zwei Korbsesseln. Während Anita die beiden Tassen mit Kaffee füllte und sagte, Judith solle sich mit den bereitstehenden Keksen, mit Milch und Zucker selbst bedienen, nahm diese Platz. Was sie von der Leseprobe halte, wollte Anita wissen. „Ein interessanter Einfall – verkehrte Welt, konsequent durchexerziert. Aber neu ist er nicht. Man denke nur an ´Die Töchter Egalias´1 von Gerd Brantenberg oder ´Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?´ von Martin Wehrle2.“ Irgendwie finde ich den Text, auch wenn es sich um eine Satire handelt, reichlich überzogen.“

„Ja, und? Was jene Bücher betrifft: Was haben sie bisher bewirkt? Herzlich wenig, mal von dem offiziellen Verriss der ´Töchter Egalias´ ganz abgesehen. Genauso wenig wie ´Der Krieg gegen die Frauen´3, obgleich Marilyn French mit einer Fülle von Faktenmaterial gearbeitet hat. Genau deshalb müsste der Buchmarkt mit ähnlich gearteten Büchern jedes Jahr aufs Neue überschwemmt werden, immer wieder die Variation desselben Themas – als Gegenmelodie zu dem ewig‐alten Schlummerlied. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch verlegen werde.“

Anitas Haut hatte sich gerötet, gierig trank sie die Tasse leer, füllte sich gleich ein zweite, während Judith noch an der ersten nippte und lustlos an den Keksen knabberte. Sicher, Anitas Argument war nicht von der Hand zu weisen, aber….Bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, sagte Anita, es warte noch eine andere, dringlichere Aufgabe auf Judith. Auf ihrem Monitor finde sie die Aufträge von Buchhandlungen der letzten vier Wochen. Es dürften an die vierzig sein. Die bestellten Bücher befänden sich in einer Abstellkammer hinter ihrem Zimmer. Dort lägen auch Kartons, Packpapier etc. „Schreiben Sie bitte an Ihrem PC die Rechnungen, Versandgebühren werden extra berechnet, drucken Sie sie aus, machen Sie die entsprechenden Bücherstapel fertig, kleben Sie den Ausdruck der Adressen und unseres Absenders auf die jeweiligen Pakete. “ Anita war aus dem Sessel geglitten und zu ihrem Schreibtisch zurückgekehrt.

Es war ganz angenehm, mit den Händen zu hantieren. Den Gedanken freien Lauf lassen zu können. Zum Beispiel über Anita Eggeling. Gewiss keine alltägliche Erscheinung. Irgendwie widersprüchlich. Einerseits ihr bemerkenswertes Vertrauen, das sie Judith allein dadurch bewiesen hatte, dass sie auf ein persönliches Vorstellungsgespräch verzichtete und sich, nach Durchsicht der umfassenden Bewerbungsunterlagen, mit einem einstündigen Telefonat begnügte. Sie verstehe Judiths prekäre Situation, schließlich ergehe es vielen Frauen um die fünfzig oder älter ganz ähnlich. Sie hatte ihr den auf ein halbes Jahr befristeten Arbeitsvertrag vor einem Monat nach B. geschickt, bevor Judith in G. auf Wohnungssuche gegangen war. Andererseits – trotz ihres Lächelns blieb sie distanziert. Bestimmend. Natürlich hatte sie auch alle Rechnungen akribisch kontrolliert, bevor Judith diese in den diversen Paketen verstauen konnte.

Gegen 13 Uhr hatte Anita Judith zum Imbiss in ihrer Küche im 1. Stock eingeladen. Es gab Käsebaguette, frisch in der Mikrowelle aufgebacken, dieses Mal zum Einstand kostenlos. In Zukunft ein Lunch für € 2,5 ‐ 3,00 regelmäßig zur Mittagszeit. Getränke, kalt oder warm, noch einmal 0,50 ‐1,00€.

Während des Essens gab sie ein wenig von sich preis. Dass sie sich erst vor zwei Jahren als Verlegerin selbständig gemacht, zuvor bei verschiedenen Zeitungen als Presselektorin gearbeitet habe. Nein, eine weitere Mitarbeiterin gäbe es nicht. Sie müsse bei dem harten Wettbewerb mit all den etablierten Verlagen, ganz zu schweigen von den elektronischen Medien wie e‐books etc., jeden Monat knapp kalkulieren, wenn sie auch dank einer Erbschaft noch nicht ums Überleben kämpfen müsse.

Zusammen waren sie dann kurz nach 16 Uhr zur nächsten Postfiliale gefahren. Anita fuhr in ihrem Wagen voraus, Judith folgte in ihrem Golf. Jeder Kofferraum war vollgepfropft mit Kartons, die sie gemeinsam zu einem der Postschalter schleppten. Und wegen der langen Schlangen vor allen Schaltern noch endlos lange warten mussten. Es war gegen 17.30, als Judith Anitas mondgleiches Gesicht in der Masse der Gesichter untergehen sah. Sie selbst zog noch am Geldautomaten € 100, denn sie musste vor ihrer Rückfahrt im Supermarkt einkaufen. Wenigstens das Nötigste, Milch Kartoffeln, Margarine, Quark, auch Fisch, Bismarckhering zum Schnäppchenpreis. Und natürlich Kaffee, ihr Lebenselixier. Sie hatte heute Morgen den Reklamezettel der Penny Markt‐Sonderangebote eingesteckt, den sie am Wochenende neben den kostenlosen G‐Nachrichten in ihrem Briefkasten fand.

Endlich, gegen 19 Uhr, kann Judith ihre Wohnungstür aufschließen, einen Topf mit Wasser auf den Zweiplattenkocher stellen, auf die höchste Stufe schalten, vier Kartoffeln abspülen, und sich dann mit dem ´G‐Kurier´ auf einen Klappstuhl setzen. Sie überfliegt die Schlagzeilen.

,Wieder Gefechte zwischen Separatisten und Polizei in der Ukraine – Terroranschlag auf eine Synagoge in Jerusalem – Boko Haram wieder Schule überfallen und zweihundert Mädchen entführt.´ Darunter ein Foto, das in schwarzen Burkas steckende jungen Frauen zeigt, die aneinander gekettet waren. Laut Bericht sollten die Frauen mit Islamisten zwangsverheiratet werden.

Das Wasser brodelt und zischt bereits. Judith legt die Kartoffeln hinein. Schaltet die Herdplatte zurück auf Stufe1 und setzt ihre Lektüre fort.

´Die IS-Milizen haben im Irak die Städte Tikrit, Kobani und Mossul eingenommen und vierhundert Geiseln vor laufender Kamera enthauptet. Die gefangenen Frauen wurden erst vergewaltigt, anschließend ebenfalls enthauptet. Die IS-Miliz plant Terrorakte in den Vereinigten Staaten und in Europa.

Die EU plant, weltweit alle Steueroasen in ein neues, für alle verpflichtendes vertragliches Regelwerk einzubinden.

Die Aufsichtsräte in Deutschland protestieren gegen die geplante Frauenquote, da sie dem Wirtschaftsstandort Deutschland schaden könne.

In Indien kam es zum vierten Mal innerhalb eines Monats zu Massenvergewaltigungen von Inderinnen, auch ausländische Touristinnen wurden in Neu Dehli von einer Clique herumlungernder Männer vergewaltigt.

Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend4 verdienen auch heute in Deutschland im Jahr 2014 Frauen im Durchschnitt 22% weniger als ihre männlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen. Daraus, und vor allem wegen der durch Kinderbetreuung unterbrochenen Erwerbsbiographien resultiere die zunehmende Altersarmut von Frauen. Daran habe sich in den letzten Jahren nichts geändert – trotz besserer weiblicher Berufsqualifikation.

Sie blättert die buntscheckigen Blätter der illustrierten Beilage um, Kaschmir‐Strickkleider burgunderrot, flaschengrün, senfgelb, leuchtendes Herbstlaub, dazu passende Gehröcke, in denen sich makellose Mädchen rekeln.

Ihr knurrt der Magen. Mit der Gabel sticht sie in eine der Pellkartoffeln, die mittlerweile butterweich ist. Man kann deren Schale wie dünne Haut abziehen. Abwechselnd stopft sie sich die gepellten Kartoffelbrocken und Stücke des säuerlichen Bismarckherings in den Mund. Dazwischen einen kräftigen Schluck aus dem prall mit Becks Bier gefüllten Glas. Sie will heute Nacht durchschlafen. Vorsichtshalber wird sie das Kopfende der Faltmatratze umdrehen, so dass es nicht mehr Richtung Tür und Flur weist. Aber die Schlafzimmertür wird sie nicht schließen, um sich nicht wie ein Käfer in einer Zündholzschachtel zu fühlen.

Knöchel pochen gegen die Wohnungstür. Klopfen, knacken, hämmern, trommeln. Das Trommeln dringt bis zu Judiths Trommelfell und wirbelt sie aus dem Schlaf. Sie schaltet die Taschenlampe an, tastet sich in den dunklen Flur. Bis zum Glaseinsatz der Wohnungstür. Sie versucht, mit der Taschenlampe das Treppenhaus auszuleuchten. Sie kann eine hochgewachsene Gestalt sehen, die auf den Stufen zum Erdgeschoss verschwindet. Ist es dieselbe, die sie schon vorige Nacht zu erkennen glaubte? Soll sie die Wohnungstür öffnen? Soll sie rufen? Sie kann doch nicht im Pyjama hinterher rennen. Sie öffnet die Wohnungstür dann doch – nur einen Spalt breit. Sie hört, wie die Haustür geöffnet und gleich wieder geschlossen wird.

Sie spürt ihr Herz. Hämmern, pochen, stolpern. Als wolle es aus ihr herausfallen. So lange musste sie warten, so viele vergebliche Stellenbewerbungen schreiben, um immer wieder Absagen zu erhalten. Sie wird sich ihre kostbare Chance im Atlantis Verlag von niemandem nehmen lassen.

In ihrem Arzneikästchen findet sie eine angebrochene Schachtel mit Schlaftabletten. Ihr Hausarzt hatte ihr nach Thomas´ Tod Temazepam verschrieben. Immer wieder, sieben oder acht Monate lang. Danach war sie nur noch müde. Auch ohne Tabletten. Sie konnte dann stundenlang auf der Couch liegen, sich in Gedanken auf all die Reisen begeben, die sie mit Thomas und Daniel, später als Daniel schon älter war, nur mit Thomas unternommen hatte – –nach Minsk, Smolensk, Leningrad, nach Nowgorod, Zagorsk und natürlich nach Moskau, wo sie vor dem Kreml auf dem Roten Platz standen. Wie ein Liebespaar in inniger Umarmung. Ein Mitreisender hatte sie in dieser Pose fürs Album fotografiert. Das war vor sieben Jahren. Sie war 48, Thomas 50. Daniel war gerade achtzehn geworden und verbrachte die Ferien mit einem Schulfreund in London, angeblich, um sein Englisch für das bevorstehende Abitur zu