Vergangenheitskampf - Corinna Lindenmayr - E-Book

Vergangenheitskampf E-Book

Corinna Lindenmayr

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Beschreibung

Emma-Sophie Manning führt eigentlich ein ganz normales, unspektakuläres Leben. Zumindest dachte sie das. Bis zu dem Moment, der ihre Welt vollkommen auf den Kopf stellt. Auf einmal ist da ein Mann, der es offenbar auf sie abgesehen hat. Damit nicht genug, lernt sie auch noch den begehrtesten Junggesellen der Stadt und Kapitän der Eishockeymannschaft, Max Christensen, kennen, dessen Familie ebenfalls in diese Sache verwickelt zu sein scheint. Und was hat ihre verstorbene Mutter und ihr bislang unbekannter Vater mit all dem zu tun? Von heute auf morgen wird Emma-Sophie in einen Strudel ihrer Vergangenheit gezogen, von dem sie bislang keine Ahnung hatte. Können Max und seine Familie ihr helfen aus diesem zu entkommen oder ist es bereits zu spät?

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Seitenzahl: 451

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vergangenheistskampf
Impressum
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Epilog

Corinna Lindemayr

Vergangenheistskampf

Roman

XOXO Verlag

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-155-9

E-Book-ISBN: 978-3-96752-655-4

Copyright (2020) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung des Bildes: Stockvektor-Nummer: 535429474

von www.shutterstock.com

und Photo by Alisa Anton on www.unsplash.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Starker Regen prasselte an die alte Granitmauer der JVA Fuhlsbüttel und eisiger Nebel umgab das winzige, mit Gittern versehene Fenster seiner Zelle. In wenigen Minuten würde wieder das konstante Läutern der alten Kirchturmuhr von Gegenüber erklingen. Zu jeder vollen Stunde musste er sich tagtäglich diese monotonen Klänge anhören. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Die Füße von sich gestreckt und die Arme in den Taschen einer abgewetzten Levi´s Jeans vergraben lag er auf dem alten unbequemen Metallbett seiner etwa zehn Quadratmeter großen Zelle und starrte an die Decke.

Der widerliche Gestank der kleinen schäbigen Toilette vermischte sich mit dem Geruch von Rauch und Schweiß.

Routine, dachte er. Seit nunmehr fast fünfzehn Jahren erlebte er sie. Diese ständige und kontinuierliche Kontrolle seines Lebens.

Ganz leise tropfte der Wasserhahn seines Waschbeckens immer wieder auf das rostige Metall und mit jedem Tropfen Wasser der diese Leitung verließ wurde seine Wut größer. Wut auf den Menschen, der die Schuld daran trug, dass er nun hier war. Hinter Schloss und Riegel wie ein jämmerlicher Verbrecher.

Don Jefferson Barlock.

Das Leben, sinnierte er, hatte ihm eine Chance gegeben. All die Jahre war er lediglich ein Nichts gewesen. Musste zusehen, wie ein Mann wie Barlock ungeschoren durch die Welt marschieren konnte um Millionen zu kassieren, während er für Recht und Ordnung sorgte und es dennoch nichts veränderte. Er blieb ein Niemand.

Bis zu dem Tag, an dem er endlich sein Leben in die Hand genommen hatte. Und er bereute es nicht. Auch wenn er nun hier lag, umgeben von dem stickigen Geruch der Eingesperrtheit, bereute er es nicht.

Und bald war auch diese Zeit wieder vorbei und er konnte dort weitermachen, wo er vor all den Jahren stehen geblieben war. Er würde diese Sache zu Ende bringen, würde sich das holen, was ihm zustand und sein Imperium wachsen lassen.

Don Jefferson Barlock konnte sich nicht vor ihm verstecken.

Es war so verdammt einfach alle zu täuschen. Erst in seiner Position als Polizeibeamter und jetzt hier. Als ob er nicht wüsste wie er sich gegenüber Psychologen zu verhalten hatte. Ein paar verständnisvolle Worte hier, ein paar Andeutungen über eine verkorkste Kindheit dort und natürlich würde er am liebsten alles rückgängig machen wenn er denn nur könnte und schon stand einer Entlassung nichts mehr im Wege. Lächerlich.

So viele Jahre hatte er Zeit gehabt, seinen Plan zu verfeinern und immer wieder zu verändern, bis er letztlich perfekt war. Ja, er würde es zu Ende bringen. Würde das Finden, was er brauchte um es zu Vollenden. Er, PHM Gerald Wiesner, war lange genug unsichtbar gewesen.

Mit seinen Fingern strich er langsam über das raue, abgewetzte Stück Papier, welches er auf einem seiner letzten Razzien in Barlocks Haus gefunden hatte.

Damit würde es keinen Zweifel mehr geben. Egal wohin Barlock auch verschwunden war, mit diesem Stück Papier trug er die Gewissheit bei sich, dass er zurückkam.

In wenigen Tagen wäre er wieder ein freier Mann und konnte sein Vorhaben endlich in die Tat umsetzen und das Geheimnis lüften, welches er seit diesem Tag hütete wie einen wertvollen Schatz.

Don Barlock hatte eine Tochter.

1. Kapitel

Das Eis vibrierte unter seinen Füßen als Max Christensen über das Spielfeld rauschte und den Puck mit einem harten Schlagschuss in das leere Tornetz katapultierte. Dann reduzierte er sein Tempo und blieb etwa einen Meter vor dem Tor stehen.

Sein Blick fiel auf die Displayanzeige in der Mitte der Hallendecke, während er sich selbst mit seinem Schläger auf der Eisfläche abstützte.

Eine knappe Minute würde ihnen noch bleiben bis das Signal zum Ende der Aufwärmphase erklang. 60 Sekunden voller purer Anspannung, Vorfreude und gleichzeitiger panischer Angst es zu vermasseln.

Er atmete aus und schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen. Wenn sie dieses Spiel verlieren würden, konnten sie die Teilnahme an den Pree-Play-Offs vergessen. Sollten sie die Eisbären Berlin heute nicht schlagen, würden knapp 8.000 enttäuschte Menschen dieses Stadion wieder verlassen und die sonst so euphorische Stimmung wäre im Eimer. Er wollte diese Saison noch nicht beenden, schon gar nicht, bevor sie nicht jede Chance genutzt hatten, sich in die richtigen Play-Offs zu kämpfen.

Und weil er absolut keine Ahnung hatte, was er dann mit sich anfangen sollte. Es war schon deprimierend, wie wenig Lust er verspürte, sich einem Leben außerhalb des Eishockeys zu widmen. Die meisten seiner Kameraden würden mit ihren Familien Urlaub machen oder in die Heimat reisen. Über die Hauptsaison im Winter waren sie nahezu täglich im Training und ständig unterwegs. Teilweise reihten sich die Spiele in Abständen von weniger als drei Tagen.

Viele von ihnen freuten sich daher genauso sehr darauf, wenn eine Saison zu Ende ging, wie auf den Moment, wenn sie wieder begann. Und in der Play-Off-Zeit war es sogar noch schlimmer. Die Trainingszeiten wurden verlängert und die Spieltage rückten noch enger zusammen als ohnehin schon.

Natürlich war daher auch er froh, wenn er ein paar Tage Pause hatte. Das Problem dabei war nur, dass ihm schon nach kurzer Zeit meist die Decke auf den Kopf fiel.

»He Christensen, wach auf zum Teufel noch mal!« donnerte da die Stimme von Jack McGillen, seinem Trainer. »Wir haben hier gleich ein Spiel zu spielen also stell dich gefälligst auf deine Position!« Max blickte auf und sah wie neben ihm sein bester Freund und Teamkollege, Jonas Meiers, den Puck vor seine Füße platzierte und darauf wartete, dass er ihn zurück schoss. Er fuhr los, schob die Scheibe ein paar Mal zwischen seinem Schläger hin und her und ließ ihn dann genau so liegen, dass Jonas direkt auf das Tor zielen konnte.

Sein Mund verzog sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln, als sein Freund ihn an Jeff Brighten, dem Torwart, mühelos vorbeischoss. Jonas und er waren eben von Anfang an ein unschlagbares Team gewesen. Sie hatten zusammen in der Juniorenliga der Augsburger Panther gespielt, verloren sich dann für etwa drei Jahre aus den Augen weil er einen Vertrag bei den Mannheimer Adlern unterschrieben hatte und Jonas für Düsseldorf spielte. Gelegentlich trafen sie sich in dieser Zeit als Gegner auf dem Eis, doch das trübte ihre Freundschaft nicht im Geringsten. Vor zwei Jahren hatten sie dann beide wieder in ihren Heimatverein gewechselt und standen sogar kurz davor für den WM-Kader nominiert zu werden. Das Einzige, was seine Laufbahn im Augenblick also noch toppen könnte, wäre ein Angebot der NHL. Aber eigentlich war er ganz zufrieden so wie es gerade lief.

Die Sirene ertönte und die Spieler verließen das Eis, während die Maschinen noch einmal die Flächen neu beschichten. Max fuhr noch eine letzte Runde an der Bande entlang, dann folgte auch er den anderen in die Kabine. Im Hintergrund ertönte »Good old Hockeygame« und er hörte wie die Zuschauer bereits jetzt lautstark begannen sein Team anzufeuern.

Als die Tür hinter ihm zuflog, zog er seinen Helm herunter und legte ihn neben sich auf die Bank. Dann streckte er die Füße aus und lehnte sich zurück um der Ansprache des Trainers zu folgen, auch wenn er wie üblich die Worte von Jack nicht wirklich wahrnahm.

Stattdessen dachte er an seine Schwester Hannah und ihren Mann Tom und an die Zeit als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Das alles war jetzt schon mehr als fünfzehn Jahre her, doch er konnte es einfach nicht vergessen.

Bis zu seinem elften Lebensjahr hatte er mit seinen Eltern und Hannah in einem Zeugenschutzprogramm gelebt. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er also damit von einem Land ins Nächste zu ziehen, Schulen zu wechseln wie andere ihre Bettwäsche, während sein bester Freund der Schäferhundrüde eines der Polizeibeamten war, die sich rund um die Uhr in ihrer Nähe aufhielten. Jetzt, mit 29 Jahren, war es ihm bis heute ein Rätsel, warum sie damals trotz des Zeugenschutzprogrammes so konsequent überwacht wurden.

Es war nicht so, dass er grundsätzlich Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte, aber eigentlich ging er davon aus, dass der Zeugenschutz lediglich ein neues, sicheres Umfeld bieten sollte. Eine neue Identität. Ein neues Leben.

In ihrem Fall jedoch schien das irgendwie komplett anders verlaufen zu sein. Solange, bis seine Eltern für ein paar Jahre verschwunden waren. Ab diesem Moment hatte es nur ihn und seine Schwester gegeben.

Während Jack die Mannschaftsaufstellung diskutierte, erinnerte sich Max an jenen Tag, als er auf dem Schulgelände auf Hannah gewartet hatte. Als wäre es auf einmal wieder real, sah er sich, wie er unter einem Treppenaufgang Schutz suchen wollte und dann plötzlich alles dunkel wurde. Wie vor fünfzehn Jahren sah er immer wieder nur Bruchstücke, wie Teile des Daches die auf ihn eingestürzt waren oder hörte den entsetzlichen Krach des Aufschlagens von Ziegel auf Beton. Das Nächste was sich in seine Gedanken eingeprägt hatte, war der Moment im Krankenhaus als er die Augen öffnete. Es kam ihm vor als hätte er das Schlimmste einfach verschlafen. Hannahs Kampf gegen eine erneute Kontrolle ihres Lebens, der schlussendlich dazu geführt hatte, dass seine Eltern zurückkehren konnten und das ganze Versteckspiel endlich ein Ende fand.

Schon damals war es sein größter Wunsch gewesen, Eishockeyprofi zu werden und nun war er es. Er verdiente ein stattliches Einkommen und lebte in einem durchaus passablen Anwesen etwas abseits der überfüllten Innenstadt. Hannah war glücklich verheiratet und hatte eine Tochter.

Seine Nichte war sein Ein und Alles. Nie würde er zulassen, dass Elisa-Marie etwas zustoßen würde, ganz zu schweigen davon, dass er je zulassen würde, dass irgendein Typ ihr zu nahe kam. Sie war mittlerweile bereits 16 Jahre und wer wusste schon wie die Hormone von weiblichen Teenagern in diesem Alter tickten? Seine Eigenen hatten zu dieser Zeit jedenfalls vollkommen verrückt gespielt. Himmel, daran sollte er jetzt lieber nicht denken.

Wenn man so viele Jahre lang immer unter Beobachtung stand, ganz gleich ob von Eltern oder Polizisten, dann gab es nicht viel, was einen davon abhalten konnte, alles auszutesten was einem zwischen die Finger kam. Und das hatte er getan. Mehr als nur einmal geriet er dadurch in Schwierigkeiten, aber bereute er es? Nein. Damals nicht und heute wen er so darüber nachdachte eigentlich genauso wenig. Es war ein Teil von seinem Leben, der ihm geholfen hatte, dorthin zu kommen wo er jetzt stand.

Vielleicht würde er ein paar Dinge anders machen aber im Grunde waren Fehler eben auch dazu da, getan zu werden, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen.

Es gab zu viel Alkohol, Frauen und ja - er hatte auch Drogen ausprobiert. Allerdings war das eines der Dinge, die er definitiv nicht wieder tun würde und schon gar nicht, würde er zulassen dass Elisa-Marie irgendetwas davon zu nahe kam. In ihrem Fall natürlich eher Männer wie Frauen. Hoffte er zumindest. Nicht, dass er irgendwelche Vorurteile hegte, aber er konnte nicht umhin zuzugeben, dass ihn die traditionellere Weise des Zusammenseins mehr behagte.

»Also, ich möchte diesmal richtiges Eishockey sehen, verstanden?« riss ihn die Stimme von Jack aus seinen Gedanken.

»Jawohl!« donnerte es von seinen Kameraden durch den kleinen Kabinenraum und Jack gab, wie jedes Mal vor einem Match, jedem Spieler der aufgerufen und durch den aufgeblasenen Pantherkopf auf das Eis fuhr, einen Klaps auf den Hinten. Dieses Ritual vollführte er nun schon seit zwei Jahren und er beteuerte auch nach etlichen Niederlagen und der schlechten vorherigen Saison, dass es ihnen Glück bringen würde. Nun, daran zweifelte er, aber was soll´s. Ein bisschen Aberglaube gehört eben einfach dazu.

Als sein Name aufgerufen wurde, zog er seinen Helm wieder auf, holte sich seinen Klaps auf den Allerwertesten ab und fuhr durch den Nebelschleier hindurch aufs Eis, gefolgt von seinen Namensrufen durch die Zuschauer und dem heftigen Kribbeln in seinem Bauch, dass ihm jedes Mal aufs Neue vor Augen führte, wie wichtig ein jedes Spiel war. Und Heute ging es um Alles oder Nichts.

Emma-Sophie starrte ungläubig auf das rote Kärtchen mit der weißen Schrift, dass sie in den Händen hielt. Wieso musste ausgerechnet sie, als absoluter Nicht-Eishockeyfan, ein VIP-Ticket mit anschließendem Treffen des gefragtesten Spielers, Max Christensen, gewinnen? Aber die Grundfrage war ja sowieso, wie man etwas gewinnen konnte, woran man gar nicht teilgenommen hatte?! Stirnrunzelnd legte sie das Ticket auf ihre alte Wandkommode. Vielleicht konnte sie es verkaufen. Es gab sicher Duzende, vorzugsweise sicherlich Frauen, die nur zu gern mit ihr tauschen würden und das Geld konnte sie dann in den Rettungsfonds für ihr Kinderheim stecken.

Jenes Kinderheim in dem sie arbeite und in dem sie gelebt hatte, seit ihre Mutter gestorben war. Damals war sie gerade einmal vier Jahre alt gewesen. Da man keine Anhaltspunkte für ihren Vater fand und auch sonst niemanden, bei dem sie hätte bleiben können, wurde das Heim ihr zu Hause. Und entgegen aller Meinungen über solche Einrichtungen war es gar nicht so schlimm gewesen.

Sie besuchte die Schule wie andere Kinder auch, bekam Essen und einen Schlafplatz. Die Erzieherinnen waren sehr nett zu ihr und es gab nie Zeiten, in denen man alleine war. Sie verbrachte ihre Kindheit mit ihren Freunden die ebenfalls ohne Eltern aufwachsen mussten, zumindest solange, bis jemand adoptiert wurde. Es war ein Kommen und Gehen. Nur ihre beste Freundin Bea und sie waren bis zuletzt dort geblieben. Obwohl Bea grundsätzlich einen Vater und ein zu Hause gehabt hätte. Nur war dieses zu Hause eben nicht immer perfekt.

Und jetzt, nach dem sie beide nach München gegangen waren um Erziehungswissenschaften zu studieren, leiteten sie ihr ehemaliges Zuhause. Zusammen mit ihrem neuesten Praktikanten Nick und der Nonne Schwester Margarethe, die von allen nur liebevoll »Gretchen« genannt wurde.

Sie liebte ihren Beruf und ihr jetziges Leben. Wäre da nur nicht die finanzielle Situation ihres Kinderheims. Niemand wollte mehr Geld für das schon ziemlich marode Haus investieren, sodass der Stadtrat nun vor wenigen Tagen in einer dieser totlangweiligen Sitzungen beschlossen hatte, das Heim zu schließen und die Kinder auf andere Unterkünfte zu verteilen.

Gäbe es nicht in weniger als einem Monat jemand, der für die Renovierung aufkam, würde »St. Jose« nicht länger existieren.

Emma-Sophie stieß einen kurzen Seufzer aus und nahm die Karte wieder in die Hand. Sie musste wenigstens versuchen, sie zu verkaufen. Kampflos würde sie nicht aufgeben. Sie hatten immerhin noch einen Monat das Geld aufzutreiben. Es wäre zwar nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein, aber Kleinvieh machte eben auch Mist.

Allerdings war das Spiel schon heute Abend, was die Möglichkeiten erheblich eingrenzte.

Gerade als Emma-Sophie sich an ihren kleinen Schreibtisch setzen wollte klingelte ihr Telefon.

Sie beugte sich über ihren Laptop und griff nach dem Hörer. »Manning.«

»Hey Süße, ich bin´s.« Erklang die Stimme ihrer Freundin Bea aus der Leitung.

»Hey. Was gibt´s?« fragte Emma-Sophie zurück.

»Nichts besonderes. Ich wollte nur mal fragen, was du heute noch so vorhast.«

Emma-Sophie dachte an das Eishockeyspiel und die gewonnene Karte. Dann runzelte sie die Stirn. »Du hast nicht zufällig an einem Gewinnspiel teilgenommen? Noch dazu in meinem Namen?« fragte sie dann zuckersüß und erntete ein überraschtes Schnaufen durch den Hörer, gefolgt von einem kurzen Räuspern. »Willst du damit sagen, dass du gewonnen hast?«

»Also ja.«

»Ich habe auch eine Karte für mich ausgefüllt. Aber offenbar hattest du mehr Glück.«

»Ich würde das jetzt nicht unbedingt als Glück bezeichnen.« murmelte Emma-Sophie.

»Hallo? Hast du dir diesen Max einmal angesehen? Außerdem kann man sich das Spiel aus einer der VIP-Loungen ansehen, wo es sicherlich einige sehr lukrative Möglichkeiten gibt, Leute in den richtigen Positionen kennen zu lernen, die in unser Kinderheim investieren könnten.« erwiderte Bea.

»Fein. Dann geh du doch hin.« Ihre Freundin wäre da sicherlich sowieso viel besser aufgehoben. Bea war impulsiv, schlagfertig und so gar nicht auf den Mund gefallen. Sie hingegen, war eher ruhig und vernünftig. Sie mochte es, wenn die Dinge nach Plan liefen. Und ein Besuch in einem Eishockeystadion mit einem Treffen eines dieser selbstverliebten Spielers gehörte definitiv nicht dazu.

»Ich kann nicht. Ich treffe mich mit Leonhard.«

»Aha.«

»Komm schon Emma. Du weißt, wie selten wir uns sehen können.« klagte Bea.

»Was ja wohl hauptsächlich daran liegt, dass du die meiste Zeit immer eine perfekt zurecht gelegte Ausrede hast um ihn abblitzen zu lassen.«

»Nur weil ich nicht immer nur dann springen will, wenn der gnädige Herr Doktor einmal Zeit hat.« echauffierte sich ihre Freundin.

»Und ausgerechnet heute hast du deine Sprungfertigkeit entdeckt?«

Aus der Leitung erklang ein genervtes Stöhnen. »Musst du so zickig sein?«

Musste sie nicht. Eigentlich war das auch gar nicht ihre Art. Aber diese verdammte Karte machte sie wahnsinnig. »Nein.«

»Schön. Dann geh zu diesem Spiel, triff dich mit einem knackigen Kerl und hab einen tollen Abend. Und ganz nebenbei kannst du ja versuchen unser zu Hause zu retten.«

Da es jetzt ohnehin zu spät war, irgendwelche Versuche zu unternehmen noch einen Gewinn aus dem Verkauf dieses Treffens zu erzielen, gab Emma-Sophie sich geschlagen. »Also gut.«

Sie konnte es zwar nicht sehen, aber sie wusste dennoch, dass Bea gerade breit grinsend vor ihrem Telefon saß. »Er ist wirklich heiß.«

»Ich dachte du stehst auf deinen Arzt.« fragte Emma-Sophie scheinheilig, während sie aufstand, sich schwerfällig ins Bad begab und den Wasserhahn der Badewanne aufdrehte.

»Er ist ganz okay. Aber Max Christensen? Der spielt in einer ganz anderen Liga.«

Und das, dachte Emma-Sophie, während sie in das heiße Wasser stieg, war genau das Problem.

Seine Laune war auf dem Tiefpunkt. Und das war noch milde ausgedrückt. Sie hatten ein grottenschlechtes Spiel abgeliefert und erst in der Verlängerung den entscheidenden zweiten Punkt für sich gewinnen können. Zu allem Überfluss musste er sich jetzt auch noch zu einem Treffen mit einem dieser verrückten Groupies begeben.

Max drehte den Duschhahn zu und fuhr sich mit der Hand durch das nasse Haar. Vielleicht sollte er einfach nicht hingehen.

Vermutlich müsste er sich dann wieder eine ellenlange Standpauke von seinem Trainer anhören, bei welchem sich wiederum die beteiligten Sponsoren beschwerten und so weiter.

Aber irgendeine fadenscheinige Ausrede würde ihm schon einfallen.

Er verstand sowieso nicht, warum ausgerechnet er immer für solche Aktionen herhalten musste. Okay, er war der Kapitän, aber mal ernsthaft, wen interessierte schon mit welchem von ihnen man ein paar Selfies schoss und versuchte einen Wortwechsel aufrecht zu erhalten, von dem man noch nicht einmal wusste, wie man ihn beginnen sollte?

Er schlüpfte in seine Levi´s und das schwarze Polo-Shirt, dann stopfte er die restlichen Sachen in seine Sporttasche. Natürlich war er mal wieder der Letzte. Aber das störte ihn nicht. Um ehrlich zu sein ließ er sich sogar mit Absicht Zeit. Er genoss die Ruhe in der Kabine, die dann eintraf.

Gerade als er sich seinen Sherwood-Beutel um die Schulter warf öffnete sich die Tür.

Genervt drehte er sich um. Wenn das jetzt einer dieser Reporter war, konnte er für nichts mehr garantieren. Doch zu seiner Erleichterung war es nur Jonas, der seinen Kopf durch die Tür streckte.

»Noch Lust auf ein kaltes Bier?«

Für einen kurzen Augenblick dachte er an dieses blöde Treffen, verdrängte diese Gedanken jedoch sofort wieder aus seinem Gehirn. Sicherlich würde es der Mannschaft noch weniger Pluspunkte einbringen, wenn er dort mit seiner momentanen Stimmung eintraf, die gelinde gesagt, mehr als nur im Keller war.

»Klar.« Er zog sein Handy aus der Hosentasche und tippte eine kurze Nachricht an seinen Trainer, dass er starke Kopfschmerzen habe und daher bedauerlicherweise nicht mehr in der Lage war, sich noch mit jemandem zu treffen. Dann verließ er mit Jonas den Raum. Ein paar nette Bierchen wären jetzt genau das Richtige.

2. Kapitel

Emma-Sophie war wütend. Nicht nur, dass sie ein für sie vollkommen verständnisloses Spiel gesehen hatte, nein, jetzt versetzte sie dieser Kerl auch noch. Was echt mal wieder typisch war.

Sie hätte zu Hause bleiben sollen. Es sich mit ihrer warmen Wolldecke und einer heißen Tasse Kakao auf ihrem Sofa bequem zu machen um eine Folge »Bones« anzusehen, klang im Augenblick geradezu verlockend.

Stattdessen stand sie nun hier, zitternd und kein bisschen glücklich über diese Situation.

»Es tut mir entsetzlich leid.« versicherte ihr gerade ein in grauem Anzug und roter Krawatte gekleideter Mann, den sie auf Anfang fünfzig schätze, und sich als Trainer der Mannschaft vorgestellt hatte. Sein Name war ihr bereits wieder entfallen. McIrgendwas. »Vielleicht hat ihn der Schlag im letzten Drittel doch mehr erwischt wie gedacht.« Vielleicht. Vielleicht war er aber auch einfach nur ein selbstverliebter, Frauen versetzender Idiot.

»Ist schon okay. Wirklich. Es war schon toll, von hier oben das Spiel ansehen zu können.« log Emma. In Wahrheit war es ihr kaum gelungen dem Puck zu folgen, geschweige denn zu verstehen, warum die meisten Spieler immer wieder versuchten, aufeinander einzuprügeln oder sich brutal gegen die Bande zu knallen.

»Ich spendiere Ihnen noch einen Drink.« bot der Mann ihr gegenüber an, doch sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein. Danke. Ich werde jetzt besser nach Hause gehen. Ich muss morgen ziemlich früh raus. Tschüss und es war nett Sie kennengelernt zu haben!« Emma winkte diesem McSowieso überschwänglich zu und steuerte eilig Richtung Tür. Jetzt musste sie nur noch aus diesem Gebäude heraus finden. Was in Anbetracht dieser unzählig langen Gänge gar nicht so einfach zu werden schien. Wieder einmal verfluchte sie Bea und ihre Überzeugungskraft. Nie wieder würde sie sich zu irgendetwas überreden lassen. Leider wusste sie bereits im gleichen Moment als sie das beschloss, dass es nicht zutreffen würde. Bea schaffte es nämlich mit ihrer Hartnäckigkeit so gut wie immer ihren Kopf durchzusetzen und Emma-Sophie war in dieser Hinsicht eher das Gegenteil. Mit einem leisen Seufzer lief sie los und steuerte zielsicher auf eine alte, klobige Metalltür zu. Das bereits ziemlich dämmrige Licht flackerte verdächtig und gerade als Emma-Sophie den Griff der Tür in die Finger bekam, nur um festzustellen, dass sich diese trotz mehrfachem Ruckeln und Dagegentreten nicht öffnen lies, erlosch es komplett, sodass sie nun mutterseelenallein in einem stockfinsteren Gang stand, von dem sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wo sich dort der Ausgang befand.

Konnte es noch schlimmer kommen?

Manchmal gab es Tage, die katastrophal begannen und am Abend gar nicht mehr so schlecht waren. Dann wiederum gab es Tage, die zwar ziemlich gut anfingen aber beschissen endeten. Und es gab Heute. Heute lief einfach alles schief. War es also ein Wunder, dass er mehr als nur ein bisschen genervt durch den Gang der Eishalle trottete, während er sich selbst verfluchte, seinen Autoschlüssel in der Umkleide vergessen zu haben?

Er erreichte die Kabine und lief durch die leicht geöffnete Tür hindurch. Das Erste was er dort auf einer der Sitzbänke erspähte, war, wie sollte es auch anders sein, den Schlüsselbund. Frustriert griff Max danach und schob ihn in seine linke Hosentasche.

Vielleicht hätte er sich doch einfach ein Taxi nehmen sollen. Für seine Wohnung gab es einen Ersatzschlüssel und ob sein Audi nun hier oder bei ihm in der Garage parkte spielte eigentlich auch keine große Rolle.

Da er nun aber schon einmal da war sah er sich prüfend in dem Raum um. Er genoss die Stille die er jetzt verströmte. Wenn er sich sonst hier befand, herrschte immer reges Treiben. Wenn nicht in der Kabine, dann zumindest außerhalb.

Im Augenblick jedoch war alles ruhig. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und dachte an die letzten Spieltage und an die, die noch anstehen würden. Er war gut in Form, genauso wie die ganze Mannschaft. Sie bräuchten noch einen Sieg, dann wären ihnen auf jeden Fall die Pree-Play-Offs sicher. Er hoffte allerdings, dass es ihnen gelang, sich einen direkten Platz in den Play-Offs zu erkämpfen.

Die Jungs waren hart im Nehmen aber diese Zeit war dennoch nicht ohne. Die Spiele wurden intensiver, die Stimmung angespannter und die Kämpfe brutaler. Die Chance auf ein paar spielfreie Tage zwischen der normalen Saison und der direkter Play-Off-Teilnahme wären daher sicherlich von Vorteil.

Tja, noch hatten sie es selbst in der Hand. Er war der Kapitän. Sie alle zählten auf ihn. Er durfte sie nicht im Stich lassen.

Entschlossen drehte Max sich um und begab sich auf den Rückweg. Was er jetzt brauchte, war eine dicke Portion Schlaf um seine schmerzenden Glieder wieder zu entspannen.

Ruckartig drückte er sich mit seiner Schulter gegen die Tür und wäre beinahe dagegen gelaufen, als diese sich plötzlich nicht mehr weiter öffnete und er einen dumpfen Aufprall hörte.

Wie aus dem Nichts traf Emma-Sophie ein Schlag. Schmerz erfüllte sie und sie taumelte benommen gegen die hinter ihr befindliche Wand.

»Himmel!« eine tiefe raue Männerstimme drang an ihr Ohr, doch irgendwie verschwamm alles um sie herum und nur mit Mühe gelang es ihr sich aufrecht zu halten.

»Hallo, hören Sie mich? Ist alles okay?« Wieder hörte sie diese Stimme. Offensichtlich war jemand in ihrer Nähe, nur fühlte es sich nicht so an. Das dumpfe Pochen an ihrem Kopf wurde stärker und sie tastete hilfesuchend die Wand nach einer Haltemöglichkeit ab.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Gerade als Emma-Sophie den Kopf schütteln wollte, verlor sie die Kontrolle über ihre Beine und sank in zwei kräftige Oberarme.

»Verdammt.« Sie spürte wie sie hochgehoben wurde und sie jemand durch den Gang trug, dann schloss sie die Augen und öffnete sie erst wieder als sie auf etwas Weichem lag.

Kurz darauf hätte sie beinahe laut aufgeschrien, als etwas sehr, sehr kaltes ihre Stirn berührte.

»Das Eis wird die Schwellung lindern.« erklärte ihr die Stimme. Sie klang beruhigend und ziemlich männlich.

»Wie viele Finger sehen Sie?« Vor ihr schossen zwei Finger noch oben und sie kniff ihre Augen stöhnend wieder zusammen.

»Vier.«

Ein kurzes, ungezwungenes Lachen erhellte den Raum. »Das tut mir wirklich leid. Sie werden eine Beule bekommen.«

Mühsam rappelte sich Emma-Sophie auf und blickte nun geradewegs in die schönsten blauen Augen die sie je gesehen hatte. Leider kam ihr das dazugehörige Gesicht sehr bekannt vor. Es gehörte niemand geringerem, als Max Christensen, besagtem selbstverliebten Idiot, der sie eben noch versetzt hatte.

»Wo…wo bin ich?«

»Im Sanitätsraum der Eishalle. Ich fürchte ihr hübscher Kopf hat gerade gegen eine Metalltür den Kürzen gezogen.«

»Sie haben mir die Tür ins Gesicht geknallt?«

»So würde ich das jetzt aber nicht ausdrücken.«

»Wie denn dann?« Emma-Sophie nahm ihm den Eisbeutel aus der Hand und presste ihn auf die andere Seite ihrer Stirn. Dann versuchte sie sich in eine einigermaßen sitzende Position zu bringen. Der Mann vor ihr sah sie mit einem Blick, der irgendwo zwischen Belustigung und Reue lag, an. »Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.« Er zuckte die Achseln. »Um diese Zeit schleicht normalerweise niemand durch diesen Gang.«

»Ich bin nicht geschlichen.« widersprach Emma empört und ihr Kopf protestierte gegen die kurze Bewegung, die sie dadurch machte. Stöhnend sank sie wieder zurück auf die Liege.

»Was haben Sie dann gemacht?« Sie spürte eine Hand an ihrer Schläfe, die himmlische kleine Kreise auf ihrer Haut vollführte und den Druck etwas linderte. »Und bleiben sie am besten liegen. Ich fürchte sie haben eine Gehirnerschütterung. Ist Ihnen übel?«

Übel? Nein, ihr war nicht übel. Zumindest nicht wegen ihrem Kopf. Ihr Magen mochte ein paar lächerliche Tritte von sich geben, aber das lag sicher nicht an dem Schlag den sie abbekommen hatte. «Nein.»

»Gut. Also?«

»Also was?«

»Warum waren Sie hier?«

»In dem Gang speziell oder im Allgemeinen?«

Er unterdrückte ein leises Lachen. »Beides.«

»Ich hatte eine Verabredung.« Das ließ ihn aufhorchen. »In dem VIP-Bereich eines Eishockeystadions?«

»Ja.«

»Mit wem?« Emma-Sophie runzelte die Stirn und linste zu ihm hoch. Als ob ihn das grundsätzlich etwas anginge. Allerdings sah der Mann der für all das hier verantwortlich war in keinster Weise so aus, als würde er das auch so sehen. »Mit Ihnen.«

»Mit....oh.« Jetzt wirkte er doch leicht zerknirscht. »Ich vermassle das heute wohl auch so richtig, was?«

»Ich finde nicht, dass man etwas vermasseln kann, was man gar nicht erst versucht hat.«

»Autsch.« Ihr Gegenüber verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Aber ich vermute, dass habe ich verdient.« Dann warf er ihr einen für ihren Geschmack etwa zu eindringlichen Blick zu. Seine ohnehin schon herrlichen Augen wurden eine Nuance dunkler und seine Stimme bekam einen etwas raueren Ton als er weiter sprach. »Das bedeutet wohl, ich schulde Ihnen eine Wiedergutmachung?«

Emma-Sophie versuchte das flaue Gefühl in ihrem Magen so gut sie konnte zu ignorieren. Dieser Mann bedeutete Ärger. Auch wenn er es vielleicht nicht darauf anlegte, aber das war ja wohl sonnenklar. »Nein, danke.« erwiderte sie daher diplomatisch. »Ich habe ja gesehen, wo so etwas bei Ihnen hinführt.«

Erneut erhellte Max tiefes Lachen den Raum. »Verdammt, wenn ich gewusst hätte, dass ich auf Sie treffe, wäre ich garantiert niemals auch nur auf die Idee gekommen, einen Rückzieher zu machen.«

Was sollte das nun wieder bedeuten? Fand er sie etwa tatsächlich anziehend? Naja, wie auch immer. Sie musste jetzt dringend nach Hause und endlich in ein Bett, sonst würde ihr Kopf sie noch umbringen. »Wären Sie vielleicht so freundlich mir zu zeigen, wo hier der Ausgang ist?«, fragte sie daher, während sie vorsichtig von der Liege stieg und sich bemühte den Mann vor ihr nicht anzusehen. Leider wurde dieser Versuch von zwei kräftigen Armen vereitelt, die sie festhielten und sie zwangen, doch nach oben zu sehen. Geradewegs in zwei zusammengezogene Augen, die sie immer noch eingehend musterten. »In Ihrem Zustand werde ich Sie ganz sicher nicht alleine irgendwohin gehen lassen.«

»Ich komme schon zurecht.« erwiderte Emma und zwang sich erneut, woanders hinzusehen. Rechts oben in der Ecke befand sich ein kleiner schwarzer Fleck. Und vermutlich eine Spinnenwebe, die sich ganz langsam hin und her bewegte, wenn sie ein sanfter Windstoß berührte. Perfekt. Darauf konnte sie sich konzentrieren, bis sie endlich frische Luft bekam und wieder klar denken konnte.

»Natürlich. Aber ich fühle mich nun einmal verantwortlich. Schließlich habe ich Ihren hübschen Schädel zertrümmert.«

Jetzt war es Emma-Sophie, die die Stirn runzelte. »Sie haben mir nicht den Schädel zertrümmert.«

»Vielleicht nicht zertrümmert, aber einen kleinen Knacks hat er bestimmt abbekommen. Ich bin ziemlich stürmisch gewesen.« Und gutaussehend, charmant und sexy. Aber wenn interessierte das schon. »Also gut. Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dann bringen Sie mich eben nach Hause.«

Max lächelte. »Unbedingt.«

Wär hätte gedacht, dass er dieses Mal auf eine Frau treffen würde, die ihn in mehr als nur einer Hinsicht faszinierte? Er steuerte seinen Audi A6 über den Asphalt und der blumige, feminine Duft der Frau neben ihm drang in seine Nase und durchströmte seine Adern bis er sich in seinem Gehirn häuslich nieder zu lassen schien. Sie hatte die Arme verschränkt und den Kopf auf seine Nackenstützte gelegt. Ihre kleine khakifarbene Handtasche lag auf ihren Beinen.

Vermutlich würde sie noch ein paar Tage starke Kopfschmerzen haben und eine fette Beule bekommen.

Plötzlich schien der Tag sich doch noch zum Guten zu wenden.

»Sie sollten sich die nächste Zeit lieber etwa schonen.« bemerkte er beiläufig. Dann fiel ihm auf, dass er noch nicht einmal ihren Namen kannte. »Wie heißen Sie eigentlich?«

»Was? Ach so. Emma-Sophie. Emma-Sophie Manning.«

»Ich bin Max. Christensen.« fügte er noch hinzu, als ob sie das nicht wüsste. »Ja. Ihr Name wurde heute das ein oder andere Mal erwähnt.« Sie rutschte tiefer in ihren Sitz. »Da vorne müssen Sie rechts abbiegen.«

Max setzte den Blinker und folgte ihrer Anweisung. »Sie sollten nicht alles glauben was Sie hören.« Die Presseleute liebten es, ihm Dinge nachzusagen, die nicht unbedingt immer der Wahrheit entsprachen. Hauptsächlich was Frauengeschichten betraf. Klar, er war kein Kind von Traurigkeit, aber er sprang auch nicht von einer Kiste in die Nächste. Er war durchaus wählerisch. Meistens zumindest. Und er war ganz sicher niemand, der die Frauen benutzte. Jede die sich mit ihm einließ, kannte die Regeln. Die meisten wollten ohnehin nur eine Nacht mit einem Eishockeyspieler. Bislang hatte ihn das selten gestört, aber in letzter Zeit fing er komischerweise an, sich vielleicht mehr zu wünschen.

»Also haben Sie nicht die Nummer 73 der gegnerischen Mannschaft mit einem Stockschlag erwischt?«

Irritiert sah er sie an. »Doch.«

»Und mit - wie hieß er noch gleich? Harry? - haben Sie sich dann wohl auch nicht geprügelt?«

Barry Lindström und ja, er hatte diesem Idioten eine rein gehauen. Sogar zwei wenn man es genau nahm. »Doch.«

»Ah.« Emma-Sophie sah ihn fragend an. »Dann stimmt es also nicht, dass Sie vor zwei Jahren zurück nach Augsburg gewechselt haben und vorher für Mannheim gespielt haben?«

Er verkniff sich einen weiteren Kommentar und seufzte. »Vielleicht wurde dieses Mal nicht ganz so viel verdreht.«

Jetzt musste Emma lachen und er spürte, dass er es genoss wenn sie das tat. Ihre Gesichtszüge wurden weich und ihre Augen begannen zu leuchten. »Keine Sorge. Über Ihr Privatleben wurde kein Sterbenswörtchen erzählt.«

»Darüber mache ich mir keine Sorgen.« log er.

»Natürlich nicht.« Emma-Sophie grinste immer noch, während sie ihre Hand hob und nach links zeigte. »Da vorne ist es.«

Max lenkte den Audi an den Straßenrand und hielt an. Bevor Emma noch etwas erwidern konnte war er auch schon ausgestiegen und öffnete ihr kurz darauf galant die Wagentür. »Danke.« Sie griff nach ihrer Tasche und trat ins Freie. Kalte Luft streifte ihre Wangen und es hatte draußen vielleicht 3 Grad, dennoch war ihr irgendwie ziemlich warm, was vermutlich daran lag, dass dieser Mann einfach eine unglaubliche Hitze verströmte. »Tja, also dann noch mal Danke fürs nach Hause bringen.«

»Gern geschehen.«

Emma wartete darauf, dass Max sich zurückziehen und wieder ins Auto steigen würde, doch er rührte sich keinen Zentimeter, sondern sah sie nur weiterhin an. »Sie werden die nächsten zwei Tage im Bett bleiben.«

Als ob das möglich wäre. Und außerdem ging ihn das nichts an. »War das eine Frage oder eine Feststellung?«

»Eine Feststellung.«

»Ich glaube, ich kann sehr gut....«

»Im Bett. Und Sie werden viel trinken. Sehr viel. Am besten Wasser. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen. Ich weiß wovon ich rede.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch und da Emma-Sophie zu müde war um mit ihm zu streiten, nickte sie ergeben. Er würde es ja ohnehin nicht erfahren, wenn sie seine Anweisungen nicht befolgte.

»Gut. Ich habe am Dienstag noch ein wichtiges Spiel, aber am Mittwoch hole ich Sie ab und wir wiederholen unser Date. Ich werde um 19:00 Uhr da sein.«

»Wie bitte?« Sie musste sich verhört haben. Davon war nie die Rede gewesen. Okay, zugegebenermaßen gab es da ein paar klitzekleine Schmetterlinge in ihrem Bauch und ja, Max Christensen, war durchaus ein interessanter und attraktiver Mann und vermutlich könnte sie sich auch in ihn verlieben, aber erstens hatte sie dafür jetzt keine Zeit und zweitens, konnte sie es einfach nicht leiden, wenn man über ihr Leben bestimmte. »Ich werde nicht mit Ihnen ausgehen.«

»Ich schulde Ihnen eine Wiedergutmachung. Genauer gesagt sogar zwei.«

»Fein. Dann schenken Sie mir doch 25.000,00 EUR.«

Max verzog seine Lippen zu einem breiten Grinsen. »Vielleicht beim zweiten Date.« Flüchtig gab er ihr dann einen Kuss auf die Wange und lief zurück auf die Fahrerseite. Emma schnappe überrascht nach Luft. Doch ehe es ihr gelang ihre Stimme wiederzufinden, kam Max ihr erneut zu vor. »Mittwoch, 19:00 Uhr. Passen Sie bis dahin auf sich auf.« Die Wagentür flog zu und der Audi brauste davon.

Emma-Sophie sah zu wie die Rücklichter des Fahrzeuges immer kleiner wurden, bis sie nach einer Kurve ganz verschwanden. Okay, das war seltsam gewesen. Noch immer fühlte sie, wie ihre Beine ein wenig zitterten und ihr Puls schien es auch irgendwie eilig zu haben. Das Ganze war einfach total surreal. Noch nie hatte sie jemanden getroffen, der über den Bekanntheitsgrad des Bürgermeisters hinaus ging, geschweige denn, sich mit einem solchen unterhalten und Max Christensen, tja, dessen Gesicht schmückte nicht nur duzende von Werbeplakaten in der Stadt, nein, er war natürlich auch noch der Kapitän der Eishockeymannschaft, was ihn nicht gerade weniger bekannt machte.

Sie schlang sich ihren Mantel fester um ihren Körper und öffnete das Hofgatter. Ein Mann wie Max mochte vielleicht gut aussehen und einen fantastischen Körper haben, aber er war sicherlich niemand auf den man sich verlassen konnte. Aber genau das war es, was sie wollte. Irgendwann. Wenn sie bereit dafür war, wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen.

Sie tastete nach ihrem Schlüssel und fand ihn erst, nach dem sie ihre Handtasche zweimal vollständig durchwühlt hatte. Sie öffnete die Haupteingangstür des dreistöckigen Wohnblocks und lief die Treppen zu ihrer Wohnung im Dachgeschoss hinauf.

Ihr Kopf hämmerte noch immer wie ein Pressluftgerät und allmählich spürte sie zu dem dumpfen Schmerz auch ein wenig Übelkeit. Das Licht im Treppenhaus flackerte und auch wenn sie hier bereits seit beinahe zwei Jahren lebte und die Lampe seit ihrem Einzug noch nie richtig funktioniert hatte, wurde ihr auf einmal mulmig zumute.

Der Wind schlug gegen irgendetwas und das Rauschen vermischte sich mit einem leichten Pfeifen.

Bildete sie sich das nur ein oder war plötzlich ein dunkler Schatten an der Wand zu sehen?

Sie beschleunigte ihren Schritt und war gottfroh, dass sie dieses Mal ihren Schlüssel schon in der Hand hielt. Eilig schloss sie die Tür zu ihrer Wohnung auf und lehnte sich dann von innen gegen das alte Holz.

Es war lächerlich. Idiotisch und vollkommen verrückt. Niemand war hier außer ihr. Der Schlag gegen den Kopf schien sie wirklich ernsthaft mehr mitzunehmen, als sie gedacht hatte.

Emma warf ihre Tasche auf den Tisch und lief schnurstracks ins Badezimmer, zog ihre Klamotten aus und drehte den Duschhahn auf. Dann stellte sie sich unter den Strahl dampfend heißen Wassers. Auf einmal erschien das Gesicht ihrer Mutter vor ihr. Einfach so. Es ergab keinen Sinn. Natürlich gab es das nicht. Warum sollte es auch? Sie war vier Jahre alt gewesen als sie gestorben war. Nichts was in ihrem Leben geschah war ein Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit oder ihrer Mutter.

Aber es war auf einmal wieder alles so verdammt real. So, als wären seither nicht bereits mehr als 20 Jahre vergangen. Emma erinnerte sich ganz genau an den Unfall, der alles veränderte. Die Panik in den Augen ihrer Mutter. Den Tag, der sie zur Vollwaise machte, denn bis heute wusste sie nicht, wer ihr Vater war.

Es war ein schöner Sommertag gewesen. Die Sonne hatte geschienen und auf der Autobahn war die Hölle los, wie fast an jedem Tag an dem sie diese Strecke gefahren waren. Doch diesmal war irgendetwas anders. Ihre Mutter war unkonzentriert und nervös gewesen, hatte sich ständig umgedreht und Emma-Sophie erkannte die Angst in ihren Augen. »Mama, was ist denn los?« hatte sie noch gefragt, ehe sie im gleichen Moment von hinten ein dunkelblauer Range Rover rammte und sie von der Fahrbahn abkamen. Der alte BMW geriet ins Schleudern und schlitterte in einem mörderischen Tempo über den Asphalt. Emma-Sophie hatte geschrien, aber ihre Mutter hatte nur den Kopf auf das Lenkrad gestützt und unter ihren Armen vergraben. Immer wieder hatte sie nach ihr gerufen, hilflose und verzweifelte Schreie eines kleinen Mädchens, die durch den Innenraum des Wagens hallten. Letztendlich waren sie egal gewesen. Das Auto überschlug sich, krachte gegen einen Tanklaster und fing sofort Feuer. Diese enorme Hitze breitete sich immer weiter und weiter aus, die Sirenen erklangen und Emma-Sophie spürte noch wie jemand sie gepackt hatte, dann war alles schwarz geworden.

Ihr Körper zitterte noch immer als sie aus der Dusche stieg und sich ein Handtuch um den Rücken legte, welches sie vor ihrer Brust zusammenpresste. Wassertropfen rannen von ihr herunter und auf die kalten Fliesen. Der Spiegel war noch beschlagen von dem heißen Dampf in dem kleinen Raum. Dennoch starrte sie hinein. Beobachtete wie ihr Spiegelbild Stück für Stück durch den Schleier des kondensierenden Wassers zum Vorschein kam. Sie wusste nicht was sie erwartete, aber was sie sah, war alles andere als beruhigend. Ein verängstigtes kleines Mädchen, dass keine Ahnung hatte, was es mit seinem noch so jungen Leben anfangen sollte. Es war nicht ihr jetziges Gesicht, dass sie dort anblickte, sondern jenes von damals. Aber auch wenn seither zwei Jahrzehnte vergangen waren, lag in ihrer Augen immer noch die gleiche Resignation. Sie war allein.

3. Kapitel

Morgen waren sie endlich vorbei. Achtzehn Jahre seines Lebens, die er geopfert hatte, um endlich das zu erreichen wonach er sich schon so lange verzehrte.

Macht und Reichtum.

Er schämte sich nicht dafür das zuzugeben. Warum auch? Jahrelang hatte er auf der richtigen Seite des Gesetzes gestanden, hatte sein Leben riskiert um Verbrecher dorthin zu bringen, wo er sich nun selbst befand. Hinter Schloss und Riegel.

Die letzten Monate war er geradezu hineingewachsen in die Rolle des reuigen, unscheinbaren Polizeihauptkommissars, der nichts weiter als Vergebung wollte. Dessen unendlich schlechtes Gewissen ihn geradezu auffraß.

All die Jahre hatte er gelernt damit umzugehen. Sich Situationen anzupassen und im richtigen Moment die Chance zu ergreifen, die einem geboten wurde. Er war dafür ausgebildet worden, seine waren Emotionen und Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Es war so lächerlich einfach gewesen.

Jetzt endlich war seine Zeit gekommen. Der Augenblick, der ihn für die letzten eineinhalb Jahrzehnte entschädigte und dieses Mal würde ihn niemand aufhalten.

Ganz langsam stand er von seinem Metallbett auf und trat an das kleine Fenster. Durch die Gitterstäbe hindurch sah er sie. Die Freiheit.

Der Regen trommelte auf die Dächer der angrenzenden Häuser und er spürte wieder die Wut in sich aufsteigen.

Wut auf den Mann, der ihm zuerst alles versprochen und letztlich alles genommen hatte. Don Jefferson Barlock.

Aber auch das würde er ändern.

Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte und er zog es heraus. Vor wenigen Tagen hatte er sich ein neues Prepaidtelefon besorgen lassen. Auch solche Dinge waren innerhalb eines Gefängnistraktes nicht wirklich ein Problem. Kannte man die richtigen Leute war so ziemlich alles ein Kinderspiel.

Mit einem leisen Lächeln las er die Zeilen und steckte es dann wieder ein.

»Die Sache läuft. Ich erwarte dich.«

Oja, er würde zurückschlagen, so hart und unberechenbar, dass nichts und niemand daraus entkommen konnte.

Max hörte das laute »Schsch« der Schlittschuhe auf dem Eis der anderen Spieler die immer näher auf ihn zukamen und sich mit seinen eigenen vermischten, während er mit dem Puck an seinem Schläger weiter auf das Tor von Johnny Malcury, dem Torhüter der Krefelder Pinguine zusteuerte.

Von links näherte sich sein Teamkollege Ryan LeLane. Er drehte seinen Körper leicht in dessen Richtung, fixierte den Puck mit seinem Schlägerkopf und konzentrierte sich auf den Abschuss. Keine Sekunde später donnerte er durch einen Bodycheck von Toni Mellone mit voller Wucht gegen die Bande.

Er schüttelte sich kurz, rückte seinen Helm wieder gerade und steuerte seitlich auf das Tor zu um für einen weiteren Pass bereit zu sein. Ryan gab den Puck zunächst an Jonas, dieser zurück an Ryan. Max warf einen kurzen Blick auf die Anzeigentafel der Hallenmitte. Es waren noch knapp 3 Minuten im letzten Drittel zu spielen und sie lagen mit einem Tor hinten. Wenn sie dieses Spiel verloren standen die Chancen auf die Teilnahme der Play-Offs gegen Null.

Sie mussten sich zumindest in die Verlängerung retten. Ein Punkt wäre zwar nicht perfekt, aber er würde sie wenigstens im Spiel halten.

Ryan fuhr ein paar Meter weiter um sich besser in Schussposition bringen zu können, während Max seine Position hielt. Er beobachte seinen Kollegen genau, analysierte seine Körperhaltung und in dem Moment als der Puck Richtung Tor steuerte und von dem Torwart zurück prallte war er bereit. Mit nur einer einzigen Bewegung hielt er seinen Schläger exakt so, dass er den Winkel zur oberen Netzkante im Visier hatte und schoss.

Das Netz vibrierte als die schwarze Scheibe darin versank, der Schiedsrichter abpfiff und die Zuschauertribüne mit Jubelschreien explodierte.

Max riss die Arme nach oben und wäre am liebsten vor Dankbarkeit auf die Knie gegangen. Denn auch, wenn dieser Sport eine Teamarbeit war und man für Sieg oder Niederlagen selbst verantwortlich war, gehörte einfach hin und wieder ebenfalls ein Quäntchen Glück dazu. Und dieses Mal war es definitiv Letzteres gewesen. Wäre der Puck auch nur ein paar Zentimeter anders zurückgeschleudert worden, hätte sein Schusswinkel nicht gestimmt und die Scheibe wäre daneben gegangen.

Er ließ sich von seinen Kollegen auf dem Eis umarmten, klatschte dann an der Bande mit den restlichen Spielern ab bevor der Schiedsrichter wieder auf das Bully zeigte.

Noch 50 Sekunden. Sie würden das überstehen. Sie mussten einfach.

15 Minuten später schleppte er sich nach einem 2:1 Sieg in der Verlängerung vollkommen fertig in die Kabine. Sein linker Arm schmerzte von dem Zusammenprall mit Brady Meloy und sein Kopf dröhnte seit dem Moment, als er bei dem Bodyscheck mit Toni gegen die Bande geknallt war. Aber das alles war nicht wichtig. Seine Mannschaft hatte dieses Spiel gewonnen und das war das Einzige was zählte.

Es war allein sein Problem, dass er, anstatt sich darüber zu freuen und seine Gedanken wieder in Richtung Play-Offs zu lenken an eine zierliche, ziemlich süße schwarzhaarige junge Frau dachte, die ihn mit ihren braunen Kulleraugen und diesen zartrosa Lippen echt umgehauen hatte. Er sollte sich dringend wieder auf die wichtigen Sachen konzentrieren. Er hatte keine Zeit für Ablenkungen. Und Emma-Sophie schrie förmlich danach. Er sollte sie vergessen. Allerdings war dies angesichts der Tatsache, dass er sich mit ihr verabredet hatte, gar nicht so einfach. Denn dieses Mal gedachte er auch, dieses Treffen einzuhalten.

»Was meinst du damit, er ist nicht aufgetaucht?« Bea saß ihr gegenüber auf einer alten Holzbank im Garten des Kinderheims und spießte sich ein Stück ihres Hühnchens auf die Gabel. Da es trotz der Kälte ein recht sonninger und angenehmer Tag war, hatten sie beschlossen, diesen mit den Kindern im Freien zu verbringen.

Emma zog ihren Schal ein wenig fester um den Hals. Sie wollte eigentlich nicht unbedingt von ihrem gestrigen Abend erzählen. Was mehr daran lag, dass er sie so emotional aufgewühlt hatte. Die ganze Nacht konnte sie kein Auge mehr zu machen. Ständig musste sie wieder an den Tag denken, als ihre Mutter gestorben war. An den Unfall, der alles veränderte. Die letzten Jahre war es ihr gelungen, ihre Vergangenheit ziemlich gut zu vergessen, aber aus irgendeinem nicht erklärlichen Grund gelang es ihren Erinnerungen sich plötzlich wieder in den Vordergrund zu drängen.

Emma zuckte mit den Schultern. »Er hat mich versetzt.«

Ihre Freundin kniff die Augen zusammen. »Ich dachte du hättest dieses Treffen öffentlich gewonnen?« Hatte sie auch. Nur war das einem Max Christensen wohl egal gewesen.

»Tja, letztendlich habe ich ihn ja dann doch noch getroffen.«

Bea sah sie fragend an und Emma verfluchte sich im Stillen dafür, diese Worte ausgesprochen zu haben. Jetzt würde sie alles erzählen müssen, auch diese Sache mit dem Date.

Nun, das hatte sie sich selbst zuzuschreiben.

Ergeben berichtete sie Bea daher von dem gestrigen Abend, dem Zusammenstoß und dass Max sie nach Hause gefahren und dann zu einem nächsten Treffen eingeladen hatte. Was sie jedoch verschwieg, war die Tatsache, dass ihr bei dem Gedanken daran, verdammt kribbelig zu Mute war. Denn auch, wenn sie keinen großen Wert darauf legte, diesen Max noch einmal wiederzusehen musste sie dennoch zugeben, dass er mehr als nur ein bisschen gut ausgesehen hatte.

»Wow, da tust du all die Jahre so, als würde dich kein Mann mehr interessieren und dann angelst du dir gleich einen von der Sorte, hinter dem alle Frauen her sind.« Bea grinste sie an. »Respekt meine Liebe.«

»Ich angle mir überhaupt niemanden. Und ich werde nicht mit ihm ausgehen.« erwiderte Emma trotzig.

»Natürlich wirst du mit ausgehen. Hallo? Wir reden hier von Max Christensen! Dem Eishockeykapitän der Augsburger Panther mit dem so ziemlich jede zusammen sein will!«

»Tja, nicht jede.«

»Schätzchen, du kannst ja versuchen dich selbst zu belügen, aber bei mir schaffst du das nicht.« Bea sah sie mit diesem durchdringenden Blick an, mit dem sie alle ansah, von denen sie dachte, dass sie vollkommen falsch lagen. Und Bea war eine Person, bei der das verdammt oft vorkam.

Auch wenn sie es gar nicht wollte, musste Emma lachen. »Okay, vielleicht will ich ein klitzekleines bisschen mit ihm ausgehen. Aber das spielt keine Rolle. Er ist genau das Gegenteil von dem was ich mir einmal wünsche.«

Bea verdrehte die Augen. »Himmel, du sollst ihn ja auch nicht gleich als potentiellen Ehemann ansehen.«

»Sondern nur als möglichen Liebhaber, ich weiß. » vollendete Emma abwehrend den Satz. »Aber nein danke. Auch darauf kann ich sehr gut verzichten.«

»Worauf kannst du verzichten?« Nickolas Petersen, der von allen nur Nick genannt wurde und seit kurzem als Praktikant bei ihnen arbeitete, gesellte sich zu ihnen. Nick war genauso alt wie Bea, was bedeutete, dass er in etwa drei Jahre älter sein musste als Emma. Er war groß, knapp 1,85 m und seine hellbraunen Haare waren beinahe schulterlang. Hin und wieder trug er sie zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, so wie heute, was ihn in Kombination mit seiner Lederjacke, irgendwie verwegen aussehen ließ und so gar nicht nach jemandem der Kinderpfleger werden wollte. Mal ganz davon abgesehen, dass er ohnehin eigentlich schon viel zu alt dafür war, eine solche Ausbildung zu beginnen.

Lässig schwang er seine Beine über die Bank und setzte sich neben Bea. In der Hand hielt er ein bereits halb aufgegessenen Sandwich.

Emma funkelte ihre Freundin an. Wehe, sie würde mit Nick über Max Christensen reden. Das ging ihn nämlich rein gar nichts an.

»Ach, ich versuche Emma gerade nur deutlich zu machen, dass sie mit jemand, wie Max Christensen, durchaus ein wenig Spaß haben könnte.«

Erschrocken zuckte diese zusammen. Soviel also zur Loyalität unter Freundinnen. Sie warf Bea einen wütenden Blick zu, welchen diese aber getrost ignorierte und stattdessen munter weiter erzählte. »Max hat Emma zu einem Date eingeladen, aber unsere liebe »Ms. Ich-warte-auf-den-Richtigen« hier, will nicht hingehen.«

Nick warf Emma einen nicht ganz eindeutig zu definierenden Blick zu. »Wo hast du denn bitte diesen Proll getroffen?«

Proll? Benutzte man heut zu Tage tatsächlich noch dieses Wort? »Gestern. Ich, äh, war sozusagen schon mit ihm verabredet.«

»Aha.«

Bea stieß Nick unsanft von der Seite an. »Müsst ihr Männer immer so wahnsinnig kommunikativ sein?« fragte sie dann ironisch. »Wie wäre es stattdessen lieber mit einer hilfreichen Meinung?«

Nick verzog keine Miene. »Er ist nicht Emmas Typ.«

Das ließ Besagte aufhorchen. Sicher, das gleiche hatte sie selbst auch gedacht. Aber warum zum Teufel sagte Nick das?

»Warum?« hörte sie sich daher fragen, bevor sie sich eines Besseren belehren konnte.

»Habe ich etwa unrecht?« gab Nick anstelle einer Antwort zurück.

»Nein, aber..«

»Dann ist ja alles gesagt.« unterbrach er sie dann brüsk und stand wieder auf. »Vielleicht solltet ihr euch wieder an die Arbeit machen. Das scheint produktiver zu sein.« Damit lief er in Richtung der Spielwiese der Kinder davon.

»Okay, das war seltsam.« Emma sah ihm hinterher, wie er um die Ecke verschwand.

»Oder auch nicht.« erwiderte Bea nachdenklich. »Wenn ich es mir so recht überlege, denke ich, dass es die logische Reaktion darauf war.«

Irritiert zog Emma die Augen nach oben. »Worauf denn bitte schön?«

»Darauf, dass er auf dich steht.«

Auch in der kommenden Nacht schlief Emma nicht besonders gut. Ihr Kopf pochte noch immer, auch wenn die Schmerzen ein wenig nachgelassen hatten. Aber der Hauptgrund für ihren Mangel an Schlaf waren vermutlich ihre Gedanken, die einfach nicht aufhören wollten über die letzten beiden Tage nachzudenken. Nicht, dass es hier so verdammt viel gab, worüber man sich den Kopf zerbrechen könnte, aber irgendwie schien ihr Gehirn da anderer Meinung zu sein.

Das Treffen mit Max warf sie offenbar mehr aus der Bahn, als sie sich eingestehen wollte. Und Bea´s Kommentar über Nick und mögliche Gefühle für sie war dabei auch nicht gerade hilfreich gewesen. Zwar glaubte Emma nicht wirklich daran, aber sie konnte nicht leugnen, dass sie Nick seit dem versuchte aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen aus dem Weg zu gehen. Was angesichts des Umstandes, dass sie diese Tatsache für völligen Blödsinn hielt, auch nicht gerade viel Sinn machte.

Gott, seit wann war ihr Leben so kompliziert geworden?

Okay, zugegeben es war nie besonders einfach gewesen.

Mit zu erleben wir die eigene Mutter starb, worauf man in einem Kinderheim ohne weitere Familie aufwachsen musste, nur um dann mit 18 Jahren auf sich allein gestellt zu sein, mit nichts als einem Schulabschluss und monatlichen 200,00 EUR Kindergeld in der Tasche, war alles andere als leicht.

Dennoch hatte sie es geschafft.

In den letzten Jahren war es sogar ziemlich normal geworden. Sie besaß eine nette kleine Wohnung, einen Job den sie liebte und die beste Freundin, die man sich nur vorstellen konnte.

Bea war in jeder Hinsicht ihr Rettungsanker. Der Mensch, der ihr geholfen hatte das alles zu überstehen.

Das Kinderheim war ihr zu Hause, aber es war auch ein Ort, der sie ständig daran erinnerte, dass sie niemanden auf der Welt hatte zu dem sie gehörte.

Die meisten Kinder waren kaum länger als ein paar Monate geblieben. Wie sollte man da Freunde finden?

Sie hatte versucht, das Beste daraus zu machen, sich einzureden, dass sie dafür immer neue Freunde kennen lernen durfte, aber manchmal war ihr das eben nicht gelungen.

Emma war gerade 10 Jahre alt, als Bea in ihr Leben trat. Sie kam zu ihnen nach dem ihre Mutter gestorben war und ihr Vater erst einmal wieder mit sich selbst klar kommen musste. Was beinahe drei Jahre dauerte. Für Emma war dies die glücklichste Zeit ihres Lebens. Bea und sie wurden unzertrennlich. Zumindest bis zu dem Moment, als Bea´s Vater sie zurückholte.

Danach brach für sie zuerst ihre mühsam aufgebaute kleine Welt zusammen, doch Bea hatte sie nicht im Stich gelassen. Beinahe jedes Wochenende kam sie zu Besuch oder lud Emma zu sich ein. Solange, bis Emma volljährig wurde und das Heim verlassen musste.

Sie hätte nicht gewusst, was sie machen sollte. Wie auch, ohne Dach über dem Kopf. Frei nach dem Motto: Friss oder Stirb. Sie hatte sich für Ersteres entschieden. Hatte zugegriffen, als Bea ihr die Hand entgegenstreckte und sie nie wieder losgelassen.

Zusammen waren sie zur Uni gegangen um Erziehungswissenschaften zu studieren und während die anderen ihr Leben mit Partys und Alkohol genossen, arbeiteten sie Doppelschichten um ihr Studium und die Wohnung zu finanzieren, die sie sich angemietet hatten.