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Die heile Welt im schottischen Ravenscraig Castle zerbricht, als der dortige Pächter Angus Mark wegen seiner Bosheit enteignet wird und sein Leben fortan der Rache hierfür verschreibt. Sogar sein eigener Sohn Adam muss vor ihm fliehen und baut sich in den westlichen Kolonien eine neue Existenz auf. Er verbringt erfüllte Jahre als Jäger und als Freund des eingeborenen Stammes der Metis. Doch das Schicksal will es, dass Adam Mark gleich zweimal von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Zuerst in der Gestalt der jungen Adligen Rebecca Sinclair, welche Adam Marks treue Gefährtin wird. Danach durch seinen Vater Angus, der auf seinem Rachefeldzug den Weg in die Neue Welt auf sich nimmt. Es kommt zu Begegnungen, die Familienbande, Freundschaften und gesellschaftliche Werte gleichermassen auf die Probe stellen.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 2
1 - Im Schatten von Ravenscraig Castle 3
2 - Auf zu neuen Ufern 11
3 - Mein Freund Weiter Weg 19
4 - Post aus der Heimat 29
5 - Am Bibersee 39
6 - Sonnenaufgang die Jägerin 49
7 - Von Stolz und Demut 60
8 - Schatten der Vergangenheit 70
9 - Angus Mark 79
10 - Ein Mann und eine Frau 90
11 - Stiller Fels weiss … 100
12 - Licht und Dunkel 110
13 - Zu Gast bei den Métis 119
14 - Blutgeld 129
15 - Lebensentscheidungen 141
16 - Eine neue Heimat 150
17 - Das unvermeidliche Schicksal 159
Impressum
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-971-2
ISBN e-book: 978-3-99107-972-9
Lektorat: Marianne Müller
Umschlagfoto: Kornelija, Artem Merzlenko, Nejron, Tartilastock | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1 - Im Schatten von Ravenscraig Castle
Meine Herkunft ist nicht schwer zu bestimmen, denn dessen kann ich mich gerade noch entsinnen. Ich wurde geboren unter den manchmal drohenden und manchmal schützenden Schatten von Ravenscraig Castle, in Schottland, in der Provinz North Lanarkshire. Bei meiner Geburt schenkten mir meine Eltern den Namen Adam, den auch schon der Vater meines Vaters mit Stolz getragen hatte, mit dem ich mich allerdings schon seit sehr langer Zeit nicht mehr auswies.
Mein Vater, Angus Mark, war ein Pächter im Hause Sinclair, der Familie, der auch das Schloss gehörte. Er war wohl angesehen und hatte durch die Heirat mit meiner Mutter, einer Mailänder Adligen, eine gute Mitgift zur Verwaltung inne, die ihn zu Wohlstand und weltlicher Grösse erhoben hatte. Er hat nie mit Geld oder der Herkunft meiner Mutter geprahlt oder sich darob besser gemacht, als er denn war. Er blieb immer der schottische Landpächter, der er eigentlich war. Dies zumindest, bis geschah, was den Zwist in unserer Familie schürte.
Ich war gerade siebzehn Sommer lang der Sohn meines Vaters und stolz darauf, eines Tages sein Erbe und der Hüter des geschätzten Familiennamens zu werden, als er zum ersten Mal in seinem Leben etwas Eigenes besitzen sollte: Lord Sinclair schenkte ihm, weil sich der Tag, an dem er in seine Dienste getreten war, zum dreissigsten Mal jährte, ein Stück Land neben dem, das er ihm verpachtet hatte. Auf diesem Stück Land wohnte aber eine Witwe mit ihrer jungen Tochter. Sie hatten von seiner Lordschaft ein Recht auf Haus und Hof auf Lebzeiten der Mutter erhalten. So wagte mein Vater nicht, sie von seinem Land zu weisen. Er nahm stattdessen die junge Tochter Shannon, die mir vom Alter her ein paar Jahre voraushatte, in den Dienst bei uns.
Eines Morgens durfte meine Mutter dann mit eigenen Augen sehen, welche Art Dienst die junge Frau bei uns tat, als sie diese eines Morgens über dem Küchentisch liegend vorfand und mein Vater über ihr lag.
Meine Mutter, von edlem und hitzigem Geblüt, trennte die beiden sogleich. Sie forderte die Magd auf, ihr Haus auf der Stelle und auf ewig zu verlassen. Mein Vater musste sich von dem Tage an täglich mindestens einmal anhören, welche Schande er über den Namen der Familie gebracht habe und mit welchem Gefühl von tiefer Scham meine Mutter künftig ihren Anverwandten im Süden gegenüberzutreten haben werde.
Nun, mein Vater hörte es sich einige Zeit lang an, dann hörte er einfach weg. Shannon blieb im Dienst und forderte meine Mutter immer wieder mit ihrem Gehabe und ihrer frechen Zunge regelrecht heraus. Sie erzählte meiner armen Mutter ohne Bedenken, welche Dienste sie dem Herrn geboten hatte. Als dann das unerbittliche Schicksal seinen Vorboten der Schande zu uns schickte, brachen bei meinem inzwischen schrecklich veränderten Vater alle Dämme der Vernunft.
Die Mutter der fehlbaren Magd kam eines Morgens auf den Hof und teilte meinem Vater mit, ihre zuvor unberührte Blume von Tochter, die er zu pflücken gewagt hatte, erwarte ein Kind. Sie drohte meinem Vater, die ganze Geschichte vor Lord Sinclair zu bringen, wenn Erster sich nicht um das Ungeborene kümmern werde.
Ein anderer hätte ihr Geld bezahlt und die Sache so aus der Welt geschafft. Mein Vater aber, der zuvor edle und nun nur noch dumme Betrüger, holte die Schwangere zu uns ins Haus und eröffnete meiner Mutter, dass künftig die Magd Herrin im Hause sein werde. Meine Mutter sollte sich mit einer entsprechend untergeordneten Rolle abfinden.
Aber das war eine Anmassung, der meine Mutter nicht folgen konnte und schon gar nicht wollte. Sie wehrte sich erst, dann resignierte sie und schliesslich erkrankte sie wegen des eigenen Grames und der Niedertracht meines Vaters. Allmählich nahmen ihre Kräfte ab, ihr Lebenswille schwand. Ihr bis anhin wohlgeformter Körper wurde schmaler, bis er schon fast gespenstisch anmutete. Die Röte verliess ihre Wangen und Lippen, der Glanz wich aus ihren Augen, und wo früher ein Lächeln die Gemüter der Umstehenden erheiterte, drangen nur noch leise Seufzer an die Ohren derer, denen sie ihre Nähe noch zumutete.
Ich habe mehrfach meinen Vater aufgesucht und ihn gebeten, Vernunft anzunehmen und endlich die Verhältnisse wieder so herzustellen, wie sie denn sein sollten. Ich war gar im Interesse des Friedens und der Familie bereit, die Magd Shannon zu ehelichen und den Bastard, den sie im Bauche trug, meinen eigenen zu nennen. Aber mein Vater schenkte mir keinerlei Gehör. Er beschimpfte mich stattdessen als Verräter und wies mir mehrfach die Tür.
Nun, meine Mutter überlebte dies alles nicht. Am Tage nach meinem wohl letzten Gespräch mit meinem Vater bat sie mich an ihr Bett in einem kleinen Zimmer im hinteren Teil des Hauses und sprach mir ihren Dank und ihren Segen aus, weil ich mich so sehr um ihrer Willen bemüht hatte, drückte mit schwindenden Kräften meine linke Hand in ihre beiden und schloss ihre Augen. So starb sie, traurig, verloren und verlassen.
Wir trugen sie zu Grabe, auf dem Friedhof nahe dem Schloss. Seine Lordschaft, Lord Robert Sinclair, seine liebliche Gattin, Lady Rowena, und die einzige Erbin der Sinclairs, das kleine Mädchen Rebecca, erwiesen ihr mit aller Höflichkeit die Ehre des letzten Gebetes. Alle Pächter und Bauern der Region bis hin zur Stadt Motherwell trugen dazu bei, meine Mutter würdig in die sanfte Erde zu betten.
Einzig mein Vater und Shannon, die unsere Familie so entzweit hatte, blieben der Bestattung fern. Ich musste Lord Robert mit Tränen in den Augen erklären, dass der Schmerz über den Verlust meinen Vater an sein Bett gefesselt hatte und es ihm verunmöglichte, dem Begräbnis beizuwohnen. Dies war wohl die grösste Lüge meines noch jungen Lebens und ich musste an mich halten, um mich nicht zu verraten.
Aber im Angesicht dieser grausamen Worte erkannte ich die nahezu mütterlichen Züge von Lady Rowena, die mich bat, in einigen Tagen zum Schloss Ravenscraig hinaufzugehen und dort bei ihr zur Audienz zu erscheinen.
Ein solches Ansinnen konnte und durfte ich nicht verweigern. So liess ich denn einige Tage verstreichen, in denen ich meine ganze Kraft auf die notwendige Bewirtschaftung des Hofes verwandte, und schritt an einem Mittwochmorgen, in mein bestes Gewand gekleidet, den Hügel empor. Schon am schweren Tor wurde ich von einer mich herzlich empfangenden Hofdame lächelnd begrüsst und ohne lange Umschweife in die strahlenden Audienzgemächer der Sinclairs begleitet.
Lady Rowena sass gelassen und etwas gelangweilt in einem weiten Sessel und genoss die bequemen Kissen und die Aufmerksamkeit, die eine andere Hofdame ihr zuteilwerden liess. Bei meinem Eintreffen wurde diese aber gebeten zu gehen. Auch diejenige, die mich denn begleitet hatte, trat nur bis zur Tür.
Im weiten Saal waren Lady Rowena und ich alleine. Sie wies mir ohne ein Wort einen Sessel in ihrer Nähe zu und ich entschuldigte mich kaum hörbar für mein Eindringen, als ich darin Platz nahm.
Lady Rowena erkundigte sich zuerst nach der Gesundheit meines Vaters und dem Lauf der Dinge auf dem Hof und ich versicherte ihr, dass mein Erzeuger sich allmählich erhole und die Felder weiter im Sinne der Lordschaft gepflegt und bewirtet wurden. Die wohlwollende Gräfin sah mich aus den Augenwinkeln an und erhob sich. Ich tat es ihr nach, doch sie bedeutete mir, mich wieder zu setzen.
Langsam schritt sie durch das Zimmer und sprach dabei: „Ich weiss, dass das Volk glaubt, wir hier oben auf dem Hügel, hinter den dicken Mauern des Schlosses, seien zu weit weg, um zu sehen, zu hören und zu verstehen. Nun, junger Mann, das Volk irrt! Ich bin sehr wohl über alles unterrichtet, ich kenne die traurige Geschichte der Erkrankung, die Eure selige Mutter heimgesucht hat. Ich bin auch im Bilde über das schändliche Verhalten des Vaters und Ehegatten, der Unglück über Euer Haus gebracht hat.“
Noch während sie sprach, wurde ich bleich. Woher konnte sie wissen? Welche teuflische Ranke schmiedete man da um das Haus meines Vaters?
Die Gräfin eröffnete mir, dass ihr sehr wohl bekannt war, dass mein Vater die Magd Shannon besessen hatte und dass diese seinen Bastard erwartete. Sie wusste auch, dass Gram und stetige Isolation den Tod meiner Mutter herbeigeführt hatten und dass mein Vater sehr wohl an der Bestattung hätte teilnehmen können, wenn er gewollt hätte. Sie wusste in groben Zügen alles, was ich auch wusste, und sogar ein paar Dinge, die mir fremd geblieben waren.
Entsprechend sprachlos und beschämt sass ich nun da. Sie wusste somit auch, dass ich sie und Lord Robert zumindest bei zwei Begebenheiten schamlos und ohne zu zögern belogen hatte. Aber das schien sie mir nicht übelzunehmen.
Sie setzte sich nach diesen langen Ausführungen wieder hin und beendete das vernichtende Einzelgespräch: „Sie, junger Mann, werden nicht zum Hof Ihres fehlbaren Vaters zurückkehren, niemals wieder. Ich werde Sie zu retten wissen. Noch am heutigen Tage werden Sie von uns mit den notwendigen Papieren ausgestattet, um mit dem Schiff nach der Neuen Welt zu segeln und dort ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater hingegen wird in Kürze seine Pachtrechte, seine Besitzungen und seinen gehobenen Stand gegen das einfache und entbehrungsreiche Leben eines Tagelöhners eintauschen. Er wird verbannt von Ravenscraig Castle. Er soll lernen, was es bedeutet, Tod und Schande über die Unschuldigen zu bringen.“
Nach diesen Worten bediente sie eine kleine Klingel auf dem Tisch neben sich, und sogleich trat eine der Hofdamen ein, die den Befehl erhielt, den Schlossschreiber zu holen.
Dieser erschien auf der Stelle und sollte nun auf Ansinnen der Gräfin neue Papiere für mich anfertigen. Mein neuer Name sollte nun Mark Adam sein, einfach eine Umkehrung meiner zuvor getragenen Namen. Man bescheinigte mir, in Diensten der Lordschaft Sinclair ein fleissiger, umsichtiger Pächter, ein folgsamer Untertan und ein ehrlicher Steuerzahler zu sein. Dazu erhielt ich einen Freibrief für eine Fahrt auf einem Flottenschiff Ihrer Majestät, der Königin von England, um in die Neue Welt zu segeln. Der Schreiber wurde dazu angewiesen, mir hundert Pfund in Silbermünzen auszuhändigen und mich mit einer Kutsche bis zum Hafen der Grossstadt Edinburgh bringen zu lassen.
Als ich mich kaum hörbar nach dem Fortbestand meiner Familie erkundigte, gab Lady Rowena mir klar zu verstehen, dass mein Vater ein Vergessener sein werde und alles andere, was einst meine Familie gewesen war, in einer frischen Gruft am Pächterfriedhof von Ravenscraig zu liegen hatte. Das Pächtergeschlecht der Mark starb an jenem Tag.
Wenngleich überrascht und nicht wirklich von der Idee begeistert, dankte ich der Gräfin von Herzen für ihre Anteilnahme und ihre Hilfe und durfte mich nun von ihr verabschieden. Obgleich ich versprach zu schreiben, wo ich hinkommen würde, schien sie das weder zu beeindrucken noch zu beschäftigen. Ich war wohl nur eines der vielen Staatsgeschäfte, das einem solchem Oberhaupt einer Gemeinschaft eben zur Last fällt.
Eine Kutsche der Lordschaft wurde bereitgemacht. Ich sollte mich beeilen. Viel zu regeln hatte ich nicht, aber einen letzten Besuch auf dem Grab meiner Mutter wollte ich mir nicht verwehren lassen. Der wurde mir gestattet.
Meine Augen brannten, ich fühlte, dass ich gerne geweint hätte. Aber ich wusste den Mann mit der Mappe neben mir. Der Schreiber der Sinclairs war mir seit dem Moment, in dem ich den Saal der Herrschaft verlassen hatte, nicht mehr von der Seite gewichen.
Langsam sank ich auf die Knie und liess den Blick auf dem einfach gezimmerten Holzkreuz haften, auf dem der Name meiner Mutter mit den Tagen ihrer Geburt und ihres Ablebens eingeritzt war.
Eine kleine Hand klammerte sich um meinen Arm. Ich drehte den Blick nach rechts und sah in das frische, anmutig strahlende Gesicht der kleinen Rebecca Sinclair. Sie war mit ihrer Mutter zum Pächterfriedhof gekommen. Lady Rowena wies gerade den Schreiber an, nach der Kutsche zu sehen.
Erst als der fleissige Mann sich entfernt hatte, trat sie zu uns. Sie flüsterte nur noch: „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich diese Entscheidung über Ihren Kopf hinweg getroffen habe, Herr Mark … ach … heute Herr Adam. Aber glauben Sie mir, dass es besser ist, Sie gehen fort von hier. Was am morgigen Tag über Angus Mark hereinbrechen wird, ist nicht Ihr Schicksal und Sie sollen es auch nicht teilen.“
Ich hob die Augen zu ihren: „Lady Rowena … warum tut das Schicksal mir das an?“ Sie lächelte nun gequält: „Ihnen hat das Schicksal einen anderen Weg geboten, Herr Adam. Ich … wir … werden hierbleiben und der Dinge harren, die für uns alle vorbestimmt sind.“
Die kleine Rebecca spielte mit ihren kupferroten Zöpfen und lief immer wieder Kreise um das Grab. Sie blieb plötzlich vor mir stehen und fragte unumwunden: „Bist du traurig, Grosser?“ Ich nickte: „Ja, etwas schon, kleine Lady. Meine Mami ist in den Himmel gegangen und ich muss jetzt auch fortgehen.“ Das Mädchen strahlte mich an: „Aber dann sollst du dich doch freuen. Meine Mami hat gesagt, dass es im Himmel wunderschön ist. Sie hat gesagt, wir werden alle irgendwann dorthin reisen.“ Wieder nickte ich: „Das hat Eure Mami sehr weise gesagt, kleine Lady. Ich werde mich daran erinnern, wenn ich unterwegs sein werde. Leben Sie wohl, Lady Rebecca. Und auch Sie, Lady Rowena … ich werde das alles vermissen.“
Die schöne Frau versicherte: „Es wird Ihnen bestimmt gut ergehen, Herr Adam. Ich kann das in Ihren Augen sehen. Sie werden zu einem guten und starken Mann heranreifen. Tragen Sie Ihren neuen Namen mit Stolz, zeigen Sie den Menschen in der Neuen Welt, dass die Pächter des Hauses Sinclair immer wohlerzogen und mutig, stark und arbeitsam sind.“ Ich schluckte: „Das werde ich versuchen. Ich verspreche es Ihnen.“
Die Herrscherin über Schloss und Land liess sich von mir die Hand küssen und zeigte hinter mich, wo der Wagen mit dem Schreiber bereits für mich bereitstand. Dazu sprach sie sehr leise: „Gehaben Sie sich wohl, Herr Adam. Eines fernen Tages, vielleicht, wird mein Ruf Sie erneut erreichen. Ich hoffe, Sie mögen ihn erhören.“ Ich versprach: „Wo auch immer ich sein werde … ich werde immer ein Pächter dieser Herrschaft sein, ein Untertan der Sinclairs. Wenn Sie rufen, werde ich eilen.“
Die kleine Rebecca liess sich widerstandslos hochheben und drücken. Sie klatschte mir einen kindlich fröhlichen Kuss auf die Wange und lachte: „Wenn du im Himmel bist … sag denen, dass ich einen Platz mit vielen Tieren zum Spielen erwarte, wenn ich komme.“ Ich drückte sie erneut: „Ja, Lady Rebecca. Ich werde allen Bescheid geben. Aber, in Gottes Namen … nehmen Sie sich Zeit.“
2 - Auf zu neuen Ufern
Und ich wurde in die Kutsche geladen, begleitet vom Schreiber und einem Kutscher, nach Südwesten wurde ich gebracht. Wir waren fast einen ganzen Tag unterwegs, legten bei Dämmerung eine Nachtrast ein und erreichten am späten Morgen des Folgetages die pulsierende Stadt Edinburgh.
Dort angekommen, verlor der Schreiber keine Zeit. Er fand schnell ein Schiff, das in vier Tagen nach der Hudson Bay ablegen sollte, und legte den Freibrief der Gräfin vor, den er selbst aufgesetzt hatte.
Der Eigner des Schiffes nahm mich gerne auf. Er wollte mir eine der seltenen Kabinen zuweisen. Aber nun endlich konnte ich zum ersten Mal ein Wort des Einwandes hervorbringen. Ich bat darum, an den Arbeiten an Bord beteiligt zu werden, um so wenigstens etwas zu diesem, meinem unverdienten, Reiseglück beizutragen.
Der Schreiber liess mich gewähren, besorgte mir in einem Bekleidungsgeschäft noch einige Roben und ein paar gute Stiefel, und schon war seine Pflicht erfüllt. Zum Abschluss reichte er mir eine dünne Mappe und erklärte mir, darin seien meine neuen Dokumente und einige wichtige Informationen, die mir auf meinem weiteren Weg helfen sollten. An diesem Tag wusste ich noch nicht, mit welchen Ränkespielen in der Nähe von Schloss Ravenscraig die Machtverhältnisse verschoben werden sollten.
Ich werde keine Leser mit der langweiligen Seereise belästigen, die ich unternommen habe. Es reicht zu wissen, dass es für einen Menschen mit meinen Fertigkeiten auf einem Schiff nicht wirklich lohnende Arbeiten zu verrichten gab. Einmal nur konnte ich mich wirklich nützlich zeigen, als einer der Masten ausgebessert gehörte. Dabei halfen mir mein Geschick mit Werkzeug und mein Wissen über Holz.
Die meiste Zeit verbrachte ich sonst in der Kombüse bei Handreichungen oder an Deck bei Reinigungsarbeiten. Das Schiff war in seiner Eigenschaft als Frachter nicht auf Passagiere ausgerichtet, sodass ausser mir und der Besatzung gerade einmal ein einziger weiterer Reisender an Bord war. Aber von ihm sah ich in den nahezu achtzig Tagen Seereise sehr wenig. Er soll ein Franzose namens Guillaume Clary gewesen sein, der zum ersten Mal eine so weite Reise unternahm und diese wohl auch nicht ganz freiwillig angetreten hatte. Zudem war er die meiste Zeit seekrank und weigerte sich, seine Kabine zu verlassen.
Wenn ein junger Kerl wie ich damals, der eben gerade seine geliebte Mutter verloren hat, sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lassen muss, werfen ihn Empfindungen aus der Bahn, die er vorher nicht gekannt hat. Ich verbrachte gewisse Nächte versteckt in einem kleinen Verschlag am Bug des Frachters in vollkommener Dunkelheit, weinte, seufzte, machte mir selbst Vorhaltungen und verfluchte das Schicksal, das mir nicht die Kraft gegeben hatte, mich erfolgreich gegen den Vater aufzulehnen. Aber das Gute an einer langen Reise ist die Zeit, die unweigerlich verstreicht. Mit dem Fortschreiten der Reise entfernten sich die Trauer, die Sorge und die Wut und machten der Neugier Platz. Ich hatte zuvor noch nie das Meer bereist und war auch noch nie so lange ohne Begleitung unterwegs gewesen. So sammelte ich viele neue Eindrücke und sog Wissen und erste Erfahrungen in mich auf wie ein Schwamm.
Unsere Ankunft in Fort George schien ein grosses Ereignis zu sein, denn als unser Schiff endlich den kleinen Hafen ansteuerte, sahen wir, die wir an Deck waren, Dutzende von Männern, die an der Pier auf uns warteten.
Allerdings wurde meine Hoffnung, wir wären etwas Besonderes, ziemlich schnell zerschlagen. Diese Männer hatten lediglich den Auftrag, unser Schiff schnellstmöglich zu entladen und mit neuen Waren zu beladen, damit der Dreimaster eilig den Weg zurück nach Hause suchen konnte. Ich erachtete es als selbstverständlich, bei den Ladearbeiten meinen Teil beizutragen.
Als nach etlichen Stunden alle Waren ausgeladen, kontrolliert und abgesegnet waren, begann die Horde Männer, den umgekehrten Weg zu nehmen. Kistenweise wurden Waren aufgeladen. Ein kleiner Mann mit Brille und Klemmbrett stand an der Ladeplanke und kontrollierte dabei genau, welche Kisten über die wackelige Holzbrücke auf das Schiff gelangten. Einer der Arbeiter nannte ihn Tolmie.
Ich suchte meine Unterlagen hervor, die ich bereits mehrfach während der Überfahrt studiert hatte, und fand seinen Namen unter denjenigen, die mir von Lady Rowenas Schreiber genannt worden waren. Deshalb half ich auch beim Beladen, um schnellstmöglich in den Genuss eines Wortwechsels mit Herrn Tolmie zu kommen.
Erst am späten Abend war der Dreimaster zur Zufriedenheit von Kapitän und Reeder mit Kisten und Waren beladen. Die Mannschaft des Schiffes durfte nun ruhen. Ich hingegen holte meinen Seesack, der meine ganze weltliche Habe beinhaltete, und suchte Herrn Tolmie in seinem Büro am Hafen auf, wo er gerade seine Arbeit zu beenden gedachte.
Sein Blick war deutlich. Er verriet kein Interesse, wies mit seinem Gebaren auf den einzigen Wunsch, nach Hause gehen zu dürfen, hin. Aber er zeigte sich höflich und fragte nach meinen Wünschen.
Ich versuchte, so kurz und bündig wie nur irgend möglich, meine Situation darzulegen und versicherte ihm, es liege meinen Absichten fern, ihm zur Last zu fallen. Herr Tolmie hörte mir zu, liess sich meine Unterlagen reichen und erkannte auf Anhieb das Siegel der Sinclairs.
Dieses änderte augenblicklich sein ganzes Verhalten. Aus Höflichkeit wurde Liebenswürdigkeit und aus Ungeduld eine mir unbekannte Höflichkeit. Er legte mir freundschaftlich die Hand auf die müde Schulter und versicherte mir, er werde bestimmt etwas finden, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte.
In meiner ersten Nacht in der Neuen Welt schlief ich im Heuschober eines Bauern, dessen Hof in der Nähe des kleinen Hauses des Herrn Tolmie lag. Schon früh wurde ich geweckt und zu meinem neuen Bekannten gebracht. Man reichte mir etwas Brot und Kaffee, bevor man mir einen Ort zum Waschen zuwies.
Herr Tolmie schien sich in der Nacht schon ein paar Gedanken gemacht zu haben, denn er liess, noch während ich mich im Nebenzimmer für den Tag herzurichten suchte, nach einem Constable Connor rufen. Diesen traf ich bald darauf. Er trug eine dunkle Uniform. Ich mochte ihn vielleicht etwas über zwanzig Jahre alt schätzen, also nicht sehr viel älter als ich. Er war stämmig, hoch und gut gewachsen und von ruhigem Gemüt.
Man hat uns einander vorgestellt und Herr Tolmie eröffnete mir, dass so oft wie möglich eine Ladung Waren ins Landesinnere in die junge Siedlung Radisson gebracht wurde. Dafür nutzte man den Fort George River, der nach einer langen Reise am gleichnamigen Ort in den Meerbusen der James Bay mündete.
Letztere lag als Ableger der Hudson Bay südlich ihrer berühmteren Schwester. Radisson hatte eine Gruppe unerschrockener Männer und Frauen gegründet, die als Erste ins Innere des Landes gedrungen waren und den Reichtum der dortigen Natur erkannt hatten.
In der Tat gab es dort reichlich Platz, Grün, Wasser und Wild. Laut den Angaben, die man mir gemacht hatte, pflegten verschiedene einheimische Volksstämme ein ruhiges und einfaches Leben im Einklang mit der Umgebung. Die Stämme der Chippewa, Métis und Cree, die dieses Land neben kleineren Völkergruppen bewohnten, betrachteten die Neuankömmlinge wohl mit einigem nicht unbegründeten Argwohn; allerdings hatten sie durch die Geschichten, die ihnen aus dem Süden überliefert worden waren, schnell verstanden, dass ein Krieg gegen die hellen Augen, so wurden wir Weisse genannt, ihnen nur Schmerz und Verlust bringen konnte. So tolerierten sie die Siedlung der weissen Männer.
Ich sollte folglich als erste Aufgabe diesen Warentransport auf dem Fluss begleiten. Da das Transportschiff, das gegen den Strom nach Osten hin segeln sollte, nicht immer auf guten Wind zählen konnte, hatte man uns mit langen Holzstangen und starken Seilen ausgerüstet, die der Mannschaft dazu dienen sollten, das Schiff, wenn nötig, aus seichten Stellen zu befreien oder gar zum Sonnenaufgang hin abzustossen oder zu ziehen.
Nach einem sehr kurzen Abschied von Herrn Tolmie folgte ich Connor zum Fluss. Mein erster Eindruck des Transportschiffes liess mich zweifeln, aber Connor versicherte mir: „Keine Sorge, mein Freund. Bei ruhigem Wasser ist diese Nussschale absolut zuverlässig. Es kann nur auf der Rückfahrt etwas ruppig werden, wenn der Fluss viel Wasser trägt. Besitzen Sie vielleicht eine Waffe?“
Ich habe diese Frage verneint und auch dazu erklärt, dass ich im Umgang mit Waffen nicht geübt sei. In der Tat hatte ich noch nie im Leben weder eine Schuss- noch eine Hieb- oder Stichwaffe benutzt.
Auf dem Schiff holte Constable Connor aus dem Führerstand eine Büchse, die er mir als Sharps Vorderlader vorstellte. Er liess mich die Waffe mit dem entsprechenden Gurt über der einen Schulter tragen und versicherte: „Auf dem Weg begegnen uns höchstens ein paar Cree oder Métis. Aber die tun uns nichts, wenn wir ihnen nichts tun. Die Waffe soll vorwiegend eine gewisse Signalwirkung haben.“
Die Fahrt nach Radisson wurde in der Tat mehr zur Kraftprobe als zur Flussfahrt. Die Winde wollten nicht in die richtige Richtung ziehen und immer wieder mussten wir uns ins Zeug legen, um den Flusslauf an gewissen Stellen mit Anstrengung und roher Muskelkraft hinaufzukommen. Connor hatte eine Schätzung von gut vierhundert Meilen Weg für uns gemacht. Und das brauchte mehr Zeit, als es jemandem von uns lieb war.
Kurz und gut, wir hatten auch ein paar Tage Glück, sodass wir richtig gute Fahrt machten, aber schliesslich und endlich brauchten wir für die Flussfahrt nach Radisson nahezu einen Monat. Dort wurde ausgeladen. Mich hatte man dem dortigen Siedlungsvorsteher, Herrn Ducroix, wie ein Paket überantwortet.
Nachdem man mir in einer Hütte mit fünf anderen Männern eine Schlafstelle zugewiesen hatte, durfte ich mir ein paar Tage Ruhe gönnen, bevor ich zum ersten Mal an die Arbeit gerufen wurde. Anfangs benutzte man meine Arbeitskraft regelrecht, denn man wies mir die niederen und ungeliebten Aufgaben zu. Auf eine Jagd wurde ich gar nicht mitgenommen. Stattdessen gab man mir Schaber und Messer, die vom Blut der erlegten Tiere zu reinigen waren, forderte mich auf, Fellbündel zu schnüren und zu zählen, Knochen und Tierreste zu verbrennen und die uns zugewiesene Hütte in Ordnung zu halten.
Nun, ich bin jahrelang mit den Männern von Herr Ducroix durch die grüne Wildnis geschlichen. Diese Jäger haben mir beigebracht, wie man Spuren von Tieren voneinander unterscheidet, welche Pflanzen man essen kann, welche man meiden soll. Ich lernte, ein Tier fachgerecht zu häuten und das Fell so zu behandeln, dass es einen Wert hat, wenn man es dem nächsten Händler gegen Munition, Kaffee oder Tabak zum Tausch anbietet.
Unsere Felle brauchten wir nicht nach Radisson zu bringen, denn Herr Ducroix nahm sie uns alle ab und zahlte dafür ein monatliches Entgelt für unsere Arbeit. Ich hatte mit der Zeit allerdings das Gefühl, dass meine Felle mehr Wert hätten als das, was Herr Ducroix zu bezahlen bereit war. So verabschiedete ich mich von den Pelzjägern und machte mich auf den Weg, diese Welt auf eigene Faust zu erkunden.
Obgleich ich viel gelernt hatte, mit meinen Jagdgefährten verschiedene Siedlungen der hier ansässigen Jäger besucht und mir einige gute Freunde gemacht hatte, musste ich bald einsehen, dass ein einzelner Mann im Kampf gegen die Natur und deren eiserne Regeln nur bestehen kann, wenn er mit ebendieser Natur arbeitet und sich nicht gegen sie stemmt. Da ich eben doch ein Dickkopf war, musste ich das mit Niederlagen und Verlusten lernen, zog mir da und dort Narben und Schrammen zu.
Es dauerte dementsprechend seine Zeit, bis ich alleine auch wirklich zurechtkam. Aber ich hatte auch Glück. In der Gegend, in der ich mich meist aufhielt, tauchte eines Tages Kyle Tyler auf. Er war ein erfahrener Jäger, der eine junge Métis zur Frau genommen hatte und nun seine Ruhe suchte. Er hatte sich eine kleine Hütte am Seeufer gebaut, wo er sich mit seiner Gefährtin niedergelassen hatte.
Kyle jagte immer noch weiter, aber nur so viel, wie er brauchte. Seine Gattin kümmerte sich zu Hause um die Verarbeitung der Jagdbeute. In den kalten und unbarmherzigen Wintermonaten durfte ich oftmals bei ihnen über die Nacht Unterschlupf finden.
In solchen Nächten erzählte mir Kyle, dass die meisten Jäger unwissentlich für die Hudson Bay Company tätig waren. Jedes Fell, das sie den Händlern in Radisson oder Fort George verkauften oder zum Tausch anboten, landete über kurz oder lang in den Lagern der Company, die es nach Europa brachte, wo viel Geld für unsere mit fast nichts erkaufte Mühe bezahlt wurde. Darum hatte er sich zurückgezogen und jagte nur noch, um zu überleben.
Natürlich veranlassten mich diese Gespräche zum Nachdenken. Waren wir Jäger also nur die billigen Erfüllungsgehilfen weniger Nutzniesser, die unseren Schweiss und unser Blut in der Alten Welt an den Meistbietenden verschacherten?
Leider konnten wir diesen Gedanken nie ganz zu Ende besprechen, denn er wimmelte gerne ab. So endete auch das letzte Gespräch mit ihm in dem Frühsommer, als ich auf dem Weg nach Radisson bei ihm vorbeigekommen war und für eine Nacht bei ihm und seiner Frau Rehkitz Quartier bezogen hatte. Ich hatte auf dem Weg einen Feldhasen ausgeräuchert und teilte ihn gerne mit ihnen.
Rehkitz hatte uns aufgelegt. Kyle sah mich an: „Darf ich dich um etwas bitten, Junge?“ Ich nickte: „Natürlich, Kyle.“ Der alte Jäger sah mich durchdringend an: „Heute werde ich dir ein paar Dinge zur Company sagen. Danach bist du mir immer jederzeit willkommen, aber du sollst dieses Thema nie wieder in meine Hütte tragen. Versprich mir das!“
Ich versicherte: „Du brauchst mir nichts zu erklären, mein Freund. Wenn du nicht mehr darüber sprechen willst, frage ich nicht.“ Der andere lächelte: „Du bist ein verständiger junger Mann, Felljäger. Ich sage nichts, du fragst nicht. Dann lass uns im Herbst mit Sam Elk und seiner Gruppe die Fährte der Elche aufnehmen.“
Ich drückte ihm die Hand und versprach, mich rechtzeitig für diese Jagd bei seiner Hütte einzufinden. Ich wusste allerdings nicht, dass diese nie stattfinden sollte. Der Lebensweg meines Freundes sollte sehr bald zu Ende sein.
Den Namen Felljäger hatten mir die anderen Jäger im Laufe der Zeit gegeben, weil ich mich hauptsächlich mit der Jagd auf Biber, Wölfe und behaarte Kleintiere am Leben erhalten hatte. So wurde ich Felljäger.
3 - Mein Freund Weiter Weg
In der Tat war ich an jenem späten Herbsttag wieder einmal auf dem Weg zur Hütte, die Kyle am Seeufer gebaut hatte. Ich hatte Wild Hank, einen alten Jagdgefährten Kyles, in Radisson beim Auffrischen seiner Vorräte angetroffen. Wir hatten uns auf einige Tage später mit Kyle, Sam Elk und dessen Sohn zur Jagd verabredet.
Als ich auf der Höhe der letzten Biegung auf dem Weg zur Hütte war, hörte ich einen Schuss, der nicht weit von mir abgegeben worden war. Ich kannte das Donnern des Vorderladers. Sogleich drehte ich mich nach dem Geräusch um und lief behände los. Es folgte kein weiterer Schuss. Ich durfte also annehmen, dass mein Jagdgefährte allein war oder die Beute wie oftmals zuvor zur Strecke gebracht war.
Aber beide Annahmen erwiesen sich als falsch. Als ich durch einen Busch brach, fand ich einen riesengrossen Schwarzbären vor, der gerade seine Pranken vom Kopf des alten Jägers befreite und ohne sich umzusehen auf dessen Frau zuging.
Ohne nachzudenken riss ich meine Büchse von der Schulter, legte an und zielte. Noch im selben Augenblick löste sich der Schuss. Der Bär heulte auf, wich ein paar Schritte zurück, fiel aber nicht. Stattdessen entschied er wohl, dass ich als Beute interessanter wäre als der liegende Jäger und dessen Frau. Er stapfte auf mich zu.
Zum Nachladen hätte ich niemals genug Zeit gehabt. So drehte ich die Büchse in meinen Händen um, um sie künftig als Knüppel zu benutzen. Wie ein Irrsinniger rannte ich schreiend auf den Schwarzbären zu und schlug mit der umgedrehten Büchse mehrmals auf seinen Kopf ein. Das Tier heulte zwar, schüttelte sich, schien sich aber ansonsten nicht von meiner Attacke beeindruckt zu zeigen. Ich musste etwas zurückweichen, um einem Prankenhieb auszuweichen.
Gerade als ich den improvisierten Knüppel erneut zum Schlag heben wollte, knallte es aus einem Gebüsch mehrmals hintereinander und der Bär zuckte wild, ehe er nach vorne über mich fiel. Ich konnte mich dem Gewicht des fallenden Tieres nicht mit genügend Kraft entgegenstemmen. Das Tier fiel, riss mich mit zu Boden und verendete auf mir liegend.
Länger als einige Augenblicke lag ich nicht unter dem Bären, aber diese gefühlte Ewigkeit war genug. Als der Bär endlich von mir genommen wurde, blickte ich in die erstaunten Gesichter dreier Krieger. Ihre Kugeln hatten den Bären wohl schliesslich zur Strecke gebracht und mich gerettet.
Leider konnte ich nicht verstehen, was die drei Männer zu mir sprachen, aber da kam mir die noch immer etwas verstörte Métis zu Hilfe. Sie sprach unsere Sprache. Ich erfuhr so, dass Kyle und sie auf dem Weg zum Dorf der Métis waren, wo sie Verwandte von ihr besuchen wollten. Die Krieger kamen aus ebendieser Ansiedlung. Eigentlich wollte mein einstiger Jagdgefährte einen der jungen Burschen bitten, uns zur Jagd zu begleiten.
Wir mussten allerdings feststellen, dass der arme Kyle Tyler nie wieder an einer Jagd teilnehmen sollte. Er hatte unter den schweren Pranken des Bären seinen ewigen Frieden gefunden.
