Vergessen kannst du nicht - Elisabeth Hyde - E-Book

Vergessen kannst du nicht E-Book

Elisabeth Hyde

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Vater, Mutter, Tochter. Das Ergebnis ist: Mord. Die Ärztin Diana Duprey wird ermordet in ihrem Pool aufgefunden. Anonyme Drohungen gehörten für sie zum Alltag. Aber auch ihr Ehemann Frank, von Beruf Staatsanwalt, wird verdächtigt: Am Todestag hat er sie außer sich vor Wut zur Rede gestellt. Es ging um die gemeinsame Tochter Megan und um schwerwiegende Schuldzuweisungen ihrer Erziehung wegen. Doch da ist noch mehr, wie der ermittelnde Beamte Huck Berlin schon bald herausfindet: Welches Geheimnis verbirgt Megan, die Tochter der Toten? Und was genau ist es, das Ehemann Frank fast um den Verstand brachte? Ehe er es sich versieht, ist Huck Berlin inmitten dieses Gewirrs aus Lügen und Intrigen gefangen – und kommt der Wahrheit näher, als ihm lieb ist... "Man ist von Anfang bis Ende in den Bann gezogen!" (InStyle) "Elisabeth Hyde ist eine bemerkenswert präzise Schriftstellerin." (John Irving) "Elisabeth Hyde ist eine Autorin, die uns eine ganze Weile begleiten wird." (Anita Shreve)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Elizabeth Hyde

Vergessen kannst du nicht

Roman

Ins Deutsche übertragen von  Wolfgang Müller

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "The Abortionist's Daughter" Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2014 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2006 by Elisabeth Hyde
The publication of this work has been arranged by Michael Meller Literary Agency GmbH, Munich.
Copyright First German Edition © 2007 by Wilhelm Heyne Verlag, München
Ins Deutsche übertragen von Wolfgang Müller

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-581-9

edel.com
facebook.com/edel.ebooks

Inhalt

Cover Page

Titelseite

Impressum

Teil Eins Dezember

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Teil Zwei Januar

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Teil Drei Februar

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

TEIL EINS

DEZEMBER

KAPITEL EINS

Das Problem war, dass Megan gerade die zweite Hälfte der Ecstasy-Pille genommen hatte, als ihr Vater anrief.

Vor ein paar Stunden war ihre Mitbewohnerin dick vermummt in den Front-Range-Blizzard hinausgestapft, um zwei grüne, kleeblattförmige Pillen zu kaufen: eine für sich und eine für Megan. Natalie hatte sie eigentlich als eine Art vorgezogenes Weihnachtsgeschenk in eine kleine Schachtel legen und einpacken wollen. Aber der Tag war etwas hektisch gewesen, mit den Prüfungen und allem, sodass Natalie, als sie beide nach dem Abendessen wieder auf ihrem Zimmer waren, einfach in die Hosentasche gegriffen und die kleinen Pillen ohne viel Tamtam auf Megans aufgeschlagenes Chemiebuch gelegt hatte. »Und stell dich jetzt bloß nicht an«, sagte sie.

Megan verzog das Gesicht. Die grünen Pillen erinnerten sie an die bunten Smarties, auf die sie in ihrer Kindheit ganz wild gewesen war. Für so was hatte sie heute Abend keine Zeit. Sie nahm die Pillen und legte sie in eine kleine selbst gemachte Tonschale, die ganz hinten auf ihrem Schreibtisch stand. Das klobige, an den Rändern abbröckelnde Gefäß sah aus, als hätte jemand seinen Ellbogen in einen Lehmklumpen gedrückt. Und genau das hatte ihr Bruder Ben vor elf Jahren getan. Eine für Ben bemerkenswerte Leistung.

Aber Natalie ließ nicht locker. Sie könnten ja mit einer halben anfangen, sagte sie. Und so kam es, dass Megan Thompson, die im ersten Semester Medizin studierte, anstatt wie geplant für ihre Prüfung in Organischer Chemie zu büffeln, schließlich nachgab und für den Abend einem ausschweifenderen und entschieden unterhaltsameren Zeitvertreib den Vorzug gab. Sie gab nach, ohne eine Ahnung davon zu haben, was sich früher an diesem Abend zwei Meilen weiter westlich in dem zweistöckigen Stuckhaus zugetragen hatte, in dem sie aufgewachsen war – in dem Haus mit den Sonnenkollektoren auf dem Dach und der Verdunstungskälteanlage, die innen für angenehme fünfundzwanzig Grad sorgte, wenn es draußen über vierzig Grad heiß war, und das schon seit drei Jahren im Online-Immobilienmagazin Home Tour zu besichtigen war. Sie hatte keinen Verdacht, verspürte keine Unruhe und hatte keine komischen Vorahnungen, die sie hätten zögern, die sie der Verlockung hätten widerstehen und sich gegen etwas entscheiden lassen, wovon sie aus Erfahrung wusste, dass es ihr eine Nacht reinster Wonne bescheren würde. Alles andere war vergessen – die Prüfung, der morgendliche Streit mit ihrer Mutter und auch Bills letzte, höchst merkwürdige E-Mail. Megan legte die halbe Ecstasy-Pille auf ihre Zunge, spülte sie mit Wasser hinunter und wartete.

Das war um acht Uhr gewesen.

Um halb neun fühlten sie sich nicht viel anders.

Um Viertel vor neun fragte sich Natalie, ob sie nicht auch die andere Hälfte nehmen sollten.

Und gerade, als sie die zweite Pille zerteilt hatten, klingelte das Telefon. Natalie erkannte die Nummer auf dem Display. »Wieder deine Mutter«, sagte sie.

Als Megan nicht reagierte, sagte Natalie: »Red mit ihr. Vielleicht hat sie ihre Meinung ja geändert und bezahlt dir das Ticket. Ich geh jetzt ran.« Sie drückte auf den Knopf und flötete, noch bevor das Telefon an ihrem Ohr war: »Hallooo?«

Megan, die im Schneidersitz auf ihrem Bett saß, sackte an der Wand zusammen. Der Grund, warum sie nicht mit ihrer Mutter reden wollte, war ganz einfach. Sie hatten sich gestritten, weil Diana ihr für die Semesterferien im Frühjahr keinen Flug nach Mexiko bezahlen wollte. Es waren böse Worte gefallen – auf beiden Seiten. Es schauderte Megan bei dem Gedanken, was für eine Befriedigung sie bei ihrer letzten, bösartigen Bemerkung über das Töten von Babys verspürt hatte. Warum machte es ihr so viel Spaß, die Gefühle ihrer Mutter zu verletzen?

Apropos Gefühle, sie spürte langsam den Kick und fühlte sich ziemlich gut. Und als Natalie ihr sagte, dass nicht ihre Mutter, sondern ihr Vater am Telefon sei, überkam sie ein Gefühl der Liebe und Zuneigung.

»Typisch Dad«, sagte sie zärtlich. »Er will immer vermitteln. Jedes Mal. Wenn Mom und ich uns streiten, steht er sofort auf der Matte und spielt den großen Schlichter. Dabei war’s diesmal gar nicht so schlimm. Er will einfach alles perfekt haben, besonders seit es zwischen ihm und Mom nicht mehr richtig hinhaut. Er kriegt schon die Krise, wenn er nur dran denkt, dass sie und ich ...«

»Jetzt nimm endlich das Scheißtelefon«, sagte Natalie.

Megan nahm das Telefon und hielt es sich ans Ohr. »Hi, Dad.«

»Hallo, mein Schatz«, sagte er.

»Es war doch gar nicht so schlimm«, sagte sie. »Hat sie dir schon alles erzählt? Ich will mit’n paar Leuten nach Mexiko. Ich zahl ja für das Ticket, ich zahl für alles. Ich will gar nicht, dass alles an Mom hängen bleibt.« Sie hörte ein Räuspern und verspürte plötzlich den Drang, sich zu entschuldigen – nicht nur für das, was sie heute Morgen gesagt hatte, für alles, was sie in den letzten neunzehn Jahren verbockt hatte.

»Ich war ziemlich grob«, sagte sie. »Ich hätte sie nicht anschreien dürfen, ich weiß. Schließlich ist fast Weihnachten, ich weiß auch nicht, was da mit mir los war. Wenn ich rumschreie, hasse ich mich hinterher jedes Mal selbst dafür.«

»Megan«, sagte ihr Vater.

Megan verstummte. Ihr stockte der Atem. Seine Stimme klang irgendwie dunkel und sonderbar. Sie brauchte keine Sekunde, um zu wissen, warum. Seine Stimme klang genauso wie vor zehn Jahren, als er sie im Sommerlager wegen Ben angerufen hatte.

»Megan«, sagte er wieder.

***

Frank Thompson wusste nicht, weshalb seine Knie zu zittern anfingen. Lag es an der Spiegelung des Poolwassers im Fenster, am Schrei seiner Tochter über das Telefon oder am Geräusch des Lakens, mit dem der Sanitäter seine Frau zudeckte? Er wusste nur, dass der Boden unter seinen Füßen zu schwanken anfing und er sich schnell setzen musste, wenn er sich nicht übergeben wollte.

Er kauerte sich auf den Boden, legte das Telefon auf die Schieferplatten, die Diana beim Einbau des Pools hatte verlegen lassen, und schlug die Hände vors Gesicht. Er hörte das saugende, glucksende Geräusch der Poolpumpe, die irgendwo unter ihm arbeitete, und atmete die feuchte, chlorhaltige Luft ein, die im Wintergarten hing. Einen Meter neben ihm unterhielt sich eine junge Frau in Polizeiuniform mit den Sanitätern. Vor ihm lagen Dianas pfirsichfarbener Bademantel und die violetten Flipflops, auf denen sich dunkel die Fersenabdrücke abzeichneten.

Es schüttelte ihn, und er schaute auf das Wasser, das immer noch an die Ränder schwappte, als ruderte in der Mitte irgendein Geist. Der Pool war klein, stand auf einem Podest und war mit hellen Birkenholzpaneelen verschalt. Er war kaum größer als zwei nebeneinander gestellte Badewannen und verfügte über eine Gegenstromanlage, so dass Diana non-stop schwimmen konnte, ohne wenden zu müssen. Obwohl er ursprünglich gegen den Pool gewesen war, hatte er später einem Kollegen gestanden, dass sich die Investition gelohnt habe. Wenn sie abends nach der Arbeit schwamm, fielen die Spannungen des Tages von ihr ab. Und in zwanzig Ehejahren hatte er gelernt, dass eine entspannte Diana eine Diana war, mit der man gut auskommen konnte.

Frank hob den Kopf. Unter dem Gummibaum an der gegenüberliegenden Wand glitzerte etwas. Die scharfen Splitter eines zerbrochenen Glases. Frank wand sich innerlich bei dem Gedanken, wie er am Nachmittag das Glas quer durch den Raum geschleudert hatte, damit seine Frau ihm überhaupt zuhörte. Er wusste, dass das falsch gewesen war. Aber nachdem er im Internet über die Bilder gestolpert war, Bilder, die kein Vater sich vorstellen geschweige denn sehen sollte ... nun ja, jeder hat eben seine Schmerzgrenze, und es war einfach die Art, wie nonchalant Diana das Thema abgetan hatte, wie sie davon ausgegangen war, dass er nur deshalb so sauer war, weil sie ihre Verabredung zum Mittagessen hatte platzen lassen. Seine Schultermuskeln hatten sich gespannt, und dann war das Glas geflogen.

Man sollte meinen, dass ein Mann wie Frank Thompson, mit über zwanzig Jahren Erfahrung als Staatsanwalt, es besser wissen müsste, als in einem Raum herumzupfuschen, in der eine Tote auf dem Boden lag; dass ein Mann in seiner Position sofort den Raum verlassen und seinen eigenen Anwalt anrufen würde. Aber Frank war in diesen Minuten nicht ganz bei Verstand, und ganz sicher hatte ihn sein professioneller Verstand im Stich gelassen. Sein einziger Gedanke war, dass das zerbrochene Glas ein falsches Licht auf seine Ehe werfen würde. (Allerdings hatte es verdammt gut getan, das Glas zu zerschmettern; die Genugtuung war unvergleichlich gewesen, fast so, als wenn man vor kleinen Kindern das Wort Scheiße oder Arschloch benutzt.)

Er richtete sich steif auf, ging zu einer kleinen Abstellkammer neben dem Pool und nahm Besen und Schaufel heraus. Niemand schien auf ihn zu achten. Die Streifenbeamtin telefonierte, und die Sanitäter unterhielten sich jetzt miteinander. Als wollte er all die Jahre in ihrer Ehe wiedergutmachen, in denen er sich nie um seinen Müll geschert hatte, ging er in die Hocke, kehrte die Blätter des Gummibaums und die Glasscherben zusammen und kippte sie in den Papierkorb. Er wollte einfach nicht, dass die Leute einen falschen Eindruck bekamen.

Eine Windbö blies Graupelschauer gegen die Glasschiebetüren. Die Polizistin und die zwei Sanitäter kauerten in der Hocke neben Dianas Körper.

»Sieht übel aus«, sagte die Polizistin und schaute auf. Sie war neu in der Truppe, blond, mit blauen Augen, als käme sie direkt von einer Farm in Minnesota. Und doch hatte sie schon diese rechthaberische Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge, die für Polizisten und ältere Geschwister typisch ist. »Haben Sie das schon gesehen?«

»Was?«, fragte Frank.

»Das hier«, sagte die Polizistin. »Knien Sie sich hin, dann können Sie es besser sehen.«

Zögernd ging Frank in die Hocke. Seit die Sanitäter gekommen waren, hatte er Diana nicht mehr angeschaut. Sie schlugen das Laken über ihrem Kopf zurück. Frank, der die kindische Hoffnung gehegt hatte, dass vielleicht alles nur ein Irrtum sei, zwang sich hinzuschauen.

So oft er eine Leiche gesehen hatte, und er hatte viele gesehen in den vierundzwanzig Jahren, die er jetzt im Büro des Bezirksstaatsanwalts arbeitete, so ließ sich dieser Anblick doch mit nichts vergleichen. Wie das Haupt der Medusa umrahmten die dunklen Korkenzieherlocken fächerförmig den Kopf seiner Frau. Die Haut war weiß und wächsern, die Lippen hatten die Farbe von Pflaumen. Die leeren Fischaugen starrten senkrecht nach oben. Frank schaute zur Seite.

»Was uns Kopfzerbrechen macht, ist das hier«, sagte die Polizistin und nickte dem jüngeren der beiden Sanitäter zu. Der Mann mit dem langen, strubbeligen Pferdeschwanz nahm sanft Dianas Kopf in beide Hände, drehte ihn leicht zur Seite und strich über einem Ohr die Haare auseinander.

»Da, sehen Sie das?«, sagte die Polizistin.

Es würgte Frank. Die Quetschung war riesig. Sie war aufgedunsen und glänzte wie eine fette, blaugraue Schnecke, die in ihren zerzausten Haaren klebte.

»Irgendeine Idee, wie das passiert sein könnte?«, fragte die Polizistin Frank.

Frank schüttelte wie betäubt den Kopf.

»Ein Riesenbluterguss«, sagte die Polizistin. »Kann mir gar nicht vorstellen, wie das gekommen ist. Und die Fingerknöchel, schauen Sie sich die mal an.«

Frank hörte sich sagen, dass sie vielleicht gestürzt sei.

»Tja, vielleicht ist es wirklich so einfach«, sagte die Polizistin. »Auf jeden Fall brauchen wir eine Autopsie.«

Frank schaute die Beamtin an, und erst jetzt erinnerte er sich daran, dass sie bei zwei verschiedenen Prozessen als Zeugin ausgesagt hatte. Beide Male hatte sie nicht mal mit der Wimper gezuckt, als der Anwalt der Verteidigung angedeutet hatte, dass sie eine nachlässige, schlampige Lügnerin sei.

»... haben wir es jetzt mit einem Tatort zu tun«, hörte er sie sagen.

»Sie glauben also, dass es kein Unfall war?«

»Frank«, sagte sie. »Ihre Frau ist eine Person des öffentlichen Interesses. Es gibt jede Menge Leute, die ganz und gar nicht mögen, was sie tut.«

»Könnte sie nicht einfach zu schnell geschwommen sein?«, fragte der ältere Sanitäter. »Vielleicht hat sie sich am Beckenrand gestoßen.«

»Hier ist 2405«, sagte die Polizistin in ihr Funkgerät. »Ich brauche noch ein paar Leute.«

Frank schaute die beiden Sanitäter und die Polizistin nur an.

»Oder sie ist gestolpert, hat sich den Kopf angeschlagen und ist dann in den Pool gefallen«, sagte der ältere Sanitäter.

Frank war unfähig zu antworten. Er verstand immer noch nicht ganz. Er schaute das Gesicht seiner Frau an. Heute Morgen hatte sie sich über die Falten zwischen ihren Augenbrauen beklagt. Und jetzt war ihre Stirn vollkommen glatt und faltenlos. Heute Morgen hatte sie ihm gesagt, dass sie sich schon seit fünf Jahren die Haare färbe, ohne dass er es bemerkt hätte. Jetzt fiel ihm zum ersten Mal auf, dass ihre Haare tatsächlich einen Hauch dunkler waren.

Er wollte ihr sagen, wie schön sie war, wie jung sie aussah, doch die Worte blieben ihm wie an kleinen Angelhaken im Hals stecken. Was hatte er heute Nachmittag zu ihr gesagt? Irgendetwas über Titelfotos und Ben, wenn er sich recht erinnerte. Die große Dr. Duprey, hatte er gesagt. Beim Gedanken an seine Worte wand er sich innerlich. Dann beugte er sich nach unten und legte seine Wange an ihre. Wenn er nur zurücknehmen könnte, was er heute Nachmittag gesagt hatte.

Genauso gut hätte er versuchen können, sein Ehegelübde zurückzunehmen.

»Es tut mir leid«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Es tut mir so furchtbar leid.«

***

Er hieß nicht deshalb Huck, weil seine Eltern irgendeine Vorliebe für Mark Twain hatten, sondern wegen seiner Augenfarbe. Seine Großmutter hatten die Augen an die Heidelbeeren erinnert, die überall auf Michigans Upper Peninsula blühten, wo sie aufgewachsen war. Blau wie Huckleberry Pie, hatte sie gesagt, als sie das Baby zum ersten Mal gesehen hatte. Blau wie der Lake Superior im Oktober. Und so hatte er immer nur Huck geheißen, obwohl ihn seine Eltern auf den Namen Arthur Harold getauft hatten.

In der Dienststelle kannten nur zwei Leute seinen richtigen Namen: Deb aus der Lohnbuchhaltung und sein Partner Ernie. Ernie war ein glücklicher Ehemann, der an den Wochenenden die Jugendbaseballmannschaft betreute und seiner Tochter beim Fußballspielen zuschaute. Er machte sich einen Spaß daraus, Huck mit seinem Namen aufzuziehen. Wo hast du bloß wieder deine Brille, Arthur? Wo ist deine Fliege, Arthur? Aber Ernie foppte ihn nur, wenn sie unter sich waren. In der Dienststelle, wenn die anderen dabei waren, nannte er ihn immer Huck, nie anders.

Wofür Huck ihm dankbar war.

Er und Ernie waren nicht in allen Dingen einer Meinung. Dem Thema Religion, zum Beispiel, gingen sie peinlich aus dem Weg. Ernie war Katholik, während Huck das letzte Mal vor acht Jahren bei der Beerdigung seiner Großmutter eine Kirche von innen gesehen hatte. Trotzdem arbeiteten sie gut zusammen. Aus dem einfachen Grund, weil sich ihre Gedankengänge immer perfekt ergänzten, was jede ihrer Ermittlungen ein klein wenig beschleunigte. Das heißt nicht, dass sie gleichgestellt waren. Ernie war gut zehn Jahre älter als Huck und verstand sich eindeutig als Mentor seines Partners. »Vertrau deiner Intuition, Arthur«, lautete zum Beispiel einer seiner Ratschläge. Als ob der Gedanke Huck noch nie gekommen wäre. »In neun von zehn Fällen liegt das, wonach du suchst, direkt vor deinen Füßen.«

Ernies Ratschläge erstreckten sich auch aufs Private. »Such nicht nach der Liebe«, ermahnte er ihn. »Irgendwann sucht sie nach dir.« Was ihn nicht davon abhielt, selbst sagenhafte Mühen darauf zu verwenden, Huck mit jedem weiblichen Wesen zu verkuppeln, das seinen Weg kreuzte – mit Kolleginnen, Nachbarinnen, Freundinnen, Freundinnen seiner Frau, ja selbst mit seiner Hundetrainerin. Es entwickelte sich zu einem Running Gag zwischen den beiden, dass Huck vor jeder neuen Verabredung ein Dossier von Ernie anforderte, damit er und die jeweilige Frau schnell den Grundfragenkatalog abhaken konnten. Das Ganze schien sich schon zu einem ziemlich schlechten Running Gag auszuwachsen, als Ernie ihn eines Tages mit einer Arbeitskollegin seiner Frau bekannt machte, die bei der ersten Verabredung weder eine Bemerkung über Hucks Namen noch über seine Augen fallen ließ. Das war vor etwa einem Jahr gewesen. Als dann im letzten Frühjahr Carolyns Mietvertrag auslief, beschlossen die beiden zusammenzuziehen – eine Entwicklung, für die Ernie weise Ratschlüsse im Dutzend parat hielt. »Der Schlüssel für eine gute Partnerschaft ist, dass da mehr sein muss als nur guter Sex«, lautete ein Rat. »Unternehmt was zusammen. Kreuzworträtsel, Kino, egal. Vor allem: Vögel nicht mm. Und eins gebe ich dir schriftlich: Was Gutes kompliziert zu machen ist immer schlecht.« Wie üblich lauschte Huck mit der pflichtschuldigen Dankbarkeit eines guten Sohnes, der hin und wieder einen kleinen Ratschlag nötig hat.

»Und setz deine Sonnenbrille auf«, knurrte Ernie. »Mit deinen Augen kann man ja Leute killen.«

***

Heute Abend war Carolyn unterwegs nach Minneapolis. Früher am Tag, als der Schneesturm tobte, hatte ihr Vater angerufen und gesagt, dass ihre Mutter einen leichten Schlaganfall erlitten habe. Obwohl er ihr versichert hatte, dass es nichts Ernstes sei, hatte sich Carolyn verpflichtet gefühlt, nach Hause zu fliegen und ihrer Mutter beizustehen. Und so fuhr Huck Carolyn am späten Nachmittag durch das nach wie vor heftige Schneetreiben zum Flugplatz.

»Ich weiß nicht, ob ich das durchstehe«, sagte sie während der Fahrt zu Huck.

Huck versuchte sie zu beruhigen, doch ihm fielen nur allgemeine und halbherzige Redensarten ein. Das ärgerte ihn, denn er war stolz darauf, in seiner Eigenschaft als Polizist Menschen in beängstigenden Situationen Trost spenden zu können. Warum jetzt nicht?

»Du kümmerst dich um die Katzen, oder?«, sagte Carolyn.

»Sicher.«

»Und die Post?«

Huck streckte den Arm aus und nahm ihre Hand. »Deine Mutter wird wieder gesund, mach dir keine Sorgen.«

»In ein paar Tagen bin ich sicher wieder da«, sagte sie und fügte hinzu: »Ich bin einfach nicht darauf vorbereitet.«

Es war schon nach sieben, als er wieder in der Stadt war. Die Schneepflüge schafften es kaum, die Straßen für den Verkehr frei zu halten. Er nahm sich bei einem Chinesen etwas zum Essen mit, hielt bei 7-Eleven, um Orangensaft und Halspastillen zu kaufen, und fuhr dann nach Hause.

Huck wohnte in einem hergerichteten Anbau, der sich an der Rückseite der kleinen Feuerwache seines Viertels befand. Der früher als Lagerschuppen für ausrangierte Schläuche und andere Geräte genutzte Bau hatte innen neue Gipswände bekommen und war frisch gestrichen worden. Weil es aber immer noch gelegentlich moderig roch, hatte Huck ihn von der Stadt zu einem vernünftigen Preis mieten können. (Im Laufe der Jahre war Huck etwas Merkwürdiges aufgefallen: Immer wenn in den angrenzenden Bergen ein Feuer wütete, wurde der Geruch deutlich schlimmer. Warum das so war, darüber wollte Huck lieber nicht nachdenken.) Außerdem funktionierte die Heizung nicht einwandfrei. Wenn es so kalt war wie heute, dann ließ sie sich nicht mehr abstellen. Er hatte das der zuständigen Stelle mitgeteilt und angenommen, dass die Stadt – schließlich zahlte sie für die Nebenkosten – ein Interesse daran hätte, die Heizung reparieren zu lassen. Was sie allerdings nie getan hatte. Also öffnete er in kalten Nächten einfach die Fenster und ließ die Hitze nach draußen – ein Verstoß gegen die Umweltgesetze, der die Stadt dazu berechtigt hätte, ihn vor die Tür zu setzen.

Als er um neun Uhr vor die Tür trat, um etwas frische Luft zu schnappen, wurde er mit dem ersten einer Serie von seltsamen Vorkommnissen an diesem Abend konfrontiert. Der Wind blies schräg in wütenden Böen, und er versuchte gerade abzuschätzen, wie hoch der Schnee wohl inzwischen war, als er den gelben VW-Käfer sah, der im Leerlauf auf dem Parkplatz vor der Feuerwache stand. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und der Fahrer schien im Innern nach irgendetwas zu suchen. Ohne sich eine Jacke überzuziehen, stapfte er durch den Schnee, um nachzuschauen, ob er oder sie Hilfe brauchte. So war er halt, Polizist eben.

Als er sich dem Wagen näherte, erkannte er plötzlich, wen er da vor sich hatte: die Tochter von Frank Thompson, der im Büro des Bezirksstaatsanwalts arbeitete. Da sie nie miteinander gesprochen hatten, würde sie ihn wahrscheinlich gar nicht erkennen. Er kannte sie von einer Vereidigung aus dem letzten Jahr, als ihr Vater den neuen Richter vorgestellt hatte. Seine Frau und seine Tochter hatten neben ihm auf dem Podium gestanden. Wie die Mutter so die Tochter – beide sahen sehr fremdländisch aus mit ihren orientalischen Augen und den wilden dunklen Locken. Huck erinnerte sich, wie nervös sie alle gewesen waren, aus Angst, Franks Frau, Dr. Diana Duprey vom Center for Reproductive Choice, könnte die Gelegenheit für eine Rede über den letzten Zwischenfall nutzen, bei dem man ihren Gehweg zur Klinik mit flüssigem Teer übergossen hatte. (Dr. Duprey, die um 8:15 Uhr eine Abtreibung im zweiten Schwangerschaftsmonat hatte, war einfach durch die klebrige Schmiere gestapft und hatte dann vor der Tür ihre schweren schwedischen Clogs ausgezogen, bevor sie im Gebäudeinneren verschwand.) Doch Dr. Duprey sagte an jenem Abend auf dem Podium kein Wort. Frank hielt seine Ansprache, der Richter wurde vereidigt, und alle gingen zufrieden nach Hause.

Huck beneidete Frank nicht darum, mit einer Frau wie Dr. Duprey verheiratet zu sein.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er und beugte sich zum Fenster hinunter. Sie schüttelte den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Er sah, dass ihre Windschutzscheibe schon ganz vereist war, und bot ihr an, mit Enteisungsspray auszuhelfen, doch auch das wollte sie nicht. Sie machte einen ziemlich nervösen Eindruck, und um sie zu beruhigen, dachte er kurz daran, sich als Polizist zu outen. Aber dann fiel ihm ein, dass sein Ausweis in der Jacke steckte. Warum sollte sie einem Mann glauben, der mitten in der Nacht bei Schnee und Eiseskälte im T-Shirt urplötzlich vor ihrem Wagen auftauchte? Er wusste, was einer jungen Frau alles passieren konnte, die in einer solchen Nacht eine Panne hatte.

Trotzdem bot er ihr noch mal seine Hilfe an. Ihm war unwohl bei dem Gedanken, dass sie bei so schlechter Sicht einfach weiterfahren würde. Sie beachtete ihn gar nicht. Als sie ein kleines Loch freigekratzt hatte, ließ sie ruckartig die Kupplung kommen und fuhr davon.

Auch gut, dachte er, ist nicht mein Problem.

Wieder im Haus, ging er in die Abstellkammer im Flur, holte die Wäsche aus der kleinen Waschmaschine und stopfte sie in den Trockner, der auf der Waschmaschine stand. Er nahm sich ein Bier, legte eine Platte auf und machte es sich auf dem Sofa bequem. Er hatte einen langen Tag hinter sich und freute sich schon auf morgen, seinen freien Tag. Er würde den Ölwechsel machen lassen und ein paar Weihnachtseinkäufe erledigen, vielleicht fände er etwas Schönes für Carolyn.

Als das Telefon klingelte, zappte er gerade durch die Kanäle. Eins vorweg: Huck Berlin war nicht der schreckhafte Typ. Mal abgesehen von dieser komischen Sache mit dem Schimmelgeruch, glaubte er weder an Geister oder außersinnliche Wahrnehmungen noch an Kristallkugeln oder Séancen oder irgendwelchen anderen New-Age-Kram, über den man überall in der Stadt stolperte.

Heute Abend jedoch, als er den Hörer abhob und Ernie ihm erzählte, dass Diana Duprey tot war, nur Minuten nachdem ihre Tochter mit abgewürgtem Motor und blinder Windschutzscheibe in seiner Einfahrt gestanden hatte, da spürte Huck deutlich, wie es ihm eiskalt den Rücken herunterlief. Er machte den Fernseher aus.

»Die von der Abtreibungsklinik?«

»Genau, mein Junge.«

»Wie?«

»Ertrunken, in ihrem Pool.«

»Die haben einen Pool?«

»Einen von diesen kleinen Dingern, in denen man gegen eine Gegenstromanlage schwimmt.«

Es hörte sich an, als würde Ernie etwas essen. Huck öffnete die Tür, um ein bisschen kalte Luft hereinzulassen. »Und wann?«

»Wissen wir nicht genau. Irgendwann nach fünf heute Nachmittag. Frank hat sie so um halb neun gefunden.«

»Wie kann man in so einer Badewanne ertrinken? Wie hat sie das gemacht... sich den Kopf angehauen?«

»Irgend sowas.«

»Die wissen also nicht, wie’s passiert ist...«

»... und deshalb haben sie uns angerufen, genau«, beendete Ernie den Satz. »Die Leichenbeschauerin ist jedenfalls schon unterwegs. Was machst du gerade?«

»Waschen.«

»Wo ist Carolyn?«

»In Minnesota.«

»Was macht sie denn da?«

»Ihre Mutter hat heute Morgen einen leichten Schlaganfall gehabt.«

»Schlimm?«

»Nein. Bin gerade erst vom Flugplatz zurück. Langer Tag, Kumpel.«

»Tja. Nicht so lang wie der von Diana Duprey. Ich hol dich um zehn ab.«

Huck legte auf und rieb sich die Augen. Ehrlich gesagt, war er kein großer Fan von Frank Thompson. Eine private Sache, die mit einem alten Fall zu tun hatte. Vor drei Jahren hatte man eine Sally Templeton mit 0,4 Promille im Blut und Samenspuren an den Beinen im Wohnheim einer Studentenverbindung tot aufgefunden. Huck und Ernie hatten passende DNA-Proben von fünf verschiedenen Studenten gehabt, doch Frank hatte den Fall wegen eines angeblichen Schnitzers bei der Beweismittelsicherung nicht weiterverfolgen wollen. Huck hatte immer den Verdacht gehabt, dass der Grund für Franks Entscheidung nicht irgendeine Unregelmäßigkeit bei der Beweismittelsicherung, sondern die Tatsache gewesen war, dass einer der Studenten der Sohn eines prominenten Geschäftsmannes war. Das war in Hucks Augen ein großer Fehler gewesen, der noch durch die Andeutungen seitens der Presse verschlimmert wurde, dass die Polizei nicht mal in der Lage sei, einen Fingerabdruck sicherzustellen, ohne dabei Mist zu bauen.

Die beiden hatten also nicht sonderlich viel füreinander übrig. Trotzdem war es falsch, den Groll auf ewig zu kultivieren. Und letztlich spielte das im Moment, trotz aller beruflichen Vorbehalte, keine Rolle. Frank Thompson hatte vor einiger Zeit seinen Sohn verloren, Down-Syndrom, eine schreckliche Geschichte. Und jetzt hatte er auch noch seine Frau verloren, so kurz vor Weihnachten. Huck hatte gefestigte, mitten im Leben stehende Männer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erlebt, die durch solche Schläge bis in den Ruin abgestürzt waren.

Und das Mädchen? Hatte, soweit er wusste, gerade mit dem College angefangen.

Er zog sich ein graues Sweatshirt über und wartete auf Ernie.

***

Reverend Steven B. O’Connell erfuhr die Neuigkeit, als er und seine Familie gerade über die passende Aufstellung für das alljährliche Weihnachtsfoto debattierten. Steven hatte einen derart unerfreulichen Tag gehabt, dass er alles andere als in Stimmung für Fotos war. Aber seine Frau Trudy hatte den Termin mit dem Fotografen schon vor Monaten ausgemacht. Drei ihrer vier Kinder empfanden es schon als empörende Unterstellung vonseiten der Eltern, dass sie zu einem Lächeln imstande sein könnten, wo doch jeder der drei der Meinung war, dass die Welt ganz generell besser dran wäre, wenn die beiden anderen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kämen. Scott, der Vierte, hatte sein eigenes Bündel an Problemen, große, widerwärtige Probleme, die jede Vorstellung von einem Lächeln für die Kamera vollends absurd erscheinen ließ.

Steven ging in seinem Arbeitszimmer ans Telefon. Einer seiner Freunde war Reporter bei der Lokalzeitung, und dieser erzählte ihm nun, dass Diana Duprey in ihrem winzigen Pool ertrunken sei. Ihr Ehemann hätte die Leiche entdeckt. Eine Autopsie sei anberaumt worden. Ob er irgendeinen Kommentar dazu abgeben wolle?

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte Steven. »Wie kann man in so einem Pool ertrinken?«

»Hat sich möglicherweise den Kopf angeschlagen. Sie wissen es nicht. Sind schon Leute im Whirlpool ersoffen«, sagte der Reporter. »Ist doch nichts Neues.«

Wie betäubt setzte sich Steven. »Ich habe sie heute Morgen noch getroffen«, sagte er. »Es ging ihr bestens.« Trudy steckte den Kopf herein. Steven machte eine abwimmelnde Handbewegung.

»Wie, getroffen? Habt ihr einen Kaffee zusammen getrunken, oder was?«, sagte der Reporter.

»Oder was, genau«, sagte Steven. »Woher weißt du überhaupt, dass sie tot ist?«

»Ich stehe in diesem Moment vor ihrem Haus«, sagte der Reporter. »Und frier mir den Arsch ab, wenn du’s genau wissen willst. Sie haben gerade eine Leiche rausgetragen, Frank war’s jedenfalls nicht.«

Trudy steckte wieder den Kopf herein. Steven drehte den Stuhl von ihr weg. An der Wand über seinem Schreibtisch hing ein gerahmtes Foto von ihm und Reverend Jerry Falwell, auf dem sie grinsten wie Honigkuchenpferde.

»Also hab ich mir gedacht, vielleicht willst du einen Kommentar abgeben«, sagte der Reporter. »Offiziell, als Wortführer der Coalition.«

Er meinte die Lifeblood Coalition, eine Anti-Abtreibungs-Initiative, die Steven vor sechs Jahren gegründet hatte. In den letzten beiden Jahren hatte die Coalition ihre Proteste gegen die Abtreibungskliniken im gesamten Front-Range-Gebiet ausgedehnt. Manche glaubten, dass sie hinter dem Bombenanschlag auf eine Klinik in Colorado Springs steckte, bei dem im letzten Sommer ein dreiundzwanzigjähriger Student so schwer verletzt worden war, dass er für immer an den Roll-Stuhl gefesselt bleiben würde. Steven O’Connell hatte natürlich jede Beteiligung abgestritten und behauptet, dass seine Organisation jede Art von Gewalt verurteile.

Im Augenblick war Steven zu verblüfft, um viel dazu zu sagen, geschweige denn ein offizielles Statement abzugeben. Aber da er nun mal der Wortführer der Coalition war, suchte er angestrengt nach passenden Worten.

»Eine schreckliche Nachricht«, sagte er schließlich. »Dr. Duprey und ich hatten, wie jeder weiß, unterschiedliche Auffassungen, aber ihr Tod ist eine schreckliche Tragödie. Ich möchte der Familie mein tief empfundenes Mitgefühl aussprechen, möge ihnen der Herr für die kommenden Tage und Wochen Kraft und Mut schenken.«

»Es hat Drohungen von Mitgliedern der Coalition gegeben«, sagte der Reporter. »Glaubst du, ein Aktivist hatte da seine Finger im Spiel?«

Wäre Steven nicht so erschöpft gewesen, hätte er diese Andeutung entrüstet und vehement zurückgewiesen. So wiederholte er nur müde seine Position, dass dies nicht die Vorgehensweise der Coalition sei.

»Die von einigen eurer Mitglieder aber schon«, sagte der Reporter, wobei er auf einen jungen Mann anspielte, der vor ein paar Jahren drei Schüsse auf ein Fenster von Diana Dupreys Klinik abgefeuert hatte und dafür im Gefängnis gelandet war.

»Wir haben Derartiges immer verurteilt«, sagte Steven. »Wir verurteilen die Tötung jeglichen Lebens – das gilt für einen Fötus wie für eine Ärztin.«

»Manche Leute sind der Meinung, dass man der Menschheit einen Dienst erweist, wenn man eine Abtreibungsärztin tötet.«

»Wir sind nicht dieser Meinung«, sagte Steven.

Aus dem Flur waren die Geräusche eines Handgemenges zu hören. »Du Schwuchtel«, schrie jemand.

»Du musst mich jetzt entschuldigen«, sagte Steven.

»Eins noch«, sagte der Reporter. »Hattest du irgendeine persönliche Beziehung zu Dr. Duprey?«

»Wie bitte?«

»Habt ihr eine Affäre gehabt?«

»Großer Gott!« Diana Duprey war zweifellos eine attraktive Frau gewesen, das strahlende Lächeln, die klimpernden Armbänder, die wilde schwarze Lockenmähne. Aber anzudeuten, dass ...

»Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragte er.

»War nur eine Frage«, sagte der Reporter.

»Dann hast du hiermit mein Dementi«, sagte Steven. »Wenn du mich jetzt entschuldigen möchtest, die Familie ruft.« Er legte auf und drehte sich samt Stuhl um. In der Tür stand mit fest über ihrem großen Busen verschränkten Armen Trudy. Hinter ihr hantierte der Fotograf an seiner Kamera herum.

»Schick ihn nach Hause«, sagte Steven genervt. »Heute ist kein Tag für Fotos.«

***

Der Rest der Stadt erfuhr erst am nächsten Morgen von Diana Dupreys Tod. Im gesamten Bundesstaat verkündeten fette schwarze Schlagzeilen die Neuigkeit. Jack Fries, ein ortsansässiger Scheidungsanwalt, dessen Tochter Rose gerade im Krankenhaus lag, hörte die Nachricht im Radio, als er sich rasierte. Megans Exfreund Bill Branson erfuhr davon, weil ihm die schiere Größe der Schlagzeile an einem Zeitungskasten auffiel. Der Polizeichef der Stadt, Stan Wolfowitz, der noch in der Nacht verständigt worden war, aber selbst nicht zum Tatort kommen konnte, weil das Fieber seines Sohnes auf 40 Grad gestiegen war, gab Order, dass sich der Pressesprecher der Behörde ab sofort ausschließlich um den Fall kümmern solle. Und Dixi LaFond, die Rezeptionistin der Klinik, hörte zum ersten Mal vom Tod ihrer Chefin, als sie bei Dienstantritt morgens um halb acht vor den gelben Absperrbändern der Polizei stand.

»Meine Güte, was ist denn hier passiert?«, fragte sie einen Polizisten.

Der runzelte die Stirn und senkte das Kinn. »Haben Sie’s noch nicht gehört? Irgendwer hat Dr. Duprey umgebracht.«

KAPITEL ZWEI

Auf der Fahrt vom Studentenwohnheim nach Hause konnte Megan an nichts anderes denken als an den Streit, den sie mit ihrer Mutter am Morgen gehabt hatte. Im Nachhinein kam ihr das alles unerträglich dumm und kleinkariert vor. Hatte sie im Ernst von ihren Eltern erwartet, dass sie ihr alles auf einem Silbertablett servierten, dass sie ihr einfach so einen Mexiko-Trip spendierten? Und sie hatte ja gleich ausrasten und aus dem Haus stürmen müssen. Ihre letzten Worte – Und viel Spaß noch beim Babykillen! – krochen wie Gift durch jede Ader ihres Körpers. Zweimal musste sie rechts ranfahren, so stark zitterte sie. Der Wind trieb den Schnee schräg vor sich her. Die Schneepflüge waren anscheinend schon länger nicht mehr hier durchgekommen, denn die Straße lag weiß vor ihr, und die Reifenspuren waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Laut der abwechselnd aufblinkenden Zeit-und-Temperatur-Anzeige an der Fassade des FORD-Autohauses waren es fünf Grad. Und die gefühlte Temperatur war wegen des scharfen Windes noch niedriger.

Das Problem wurde dadurch verschlimmert, dass der Käfer kein Heizgebläse hatte. Beziehungsweise, er hatte zwar ein Gebläse, aber das funktionierte nicht. Megan wischte dauernd mit einem alten Handtuch über die Windschutzscheibe, ihr feuchter Atem fror aber binnen Sekunden wieder fest, so dass sie schließlich nicht mehr zwischen Straße und Randstein unterscheiden konnte. Da Megan eine vorsichtige Fahrerin war, besonders wenn sie unter dem Einfluss von Rauschmitteln stand, bog sie in eine Einfahrt ein und hielt auf einem Vorplatz, der anscheinend zu einer Feuerwache gehörte. Sie legte den Leerlauf ein, holte den Eiskratzer aus dem Handschuhfach und fing an, die Eisschicht innen an der Windschutzscheibe abzuschaben, wobei kleine Wolken Eisstaub auf ihren Schoß niedergingen.

Als sie ein kleines gezacktes Loch freigekratzt hatte, wollte sie gerade wieder den Gang einlegen, als ihr ein Mann auffiel, der vor einem kleinen Haus hinter der Feuerwache stand. Er beobachtete sie. Trotz der Eiseskälte trug er keine Jacke, nur ein weißes T-Shirt. Ein Feuerwehrmann? Oder einfach irgendein Kerl? Keine Ahnung.

Scheiße! Er kam auf sie zu. Sie wollte jetzt mit niemandem sprechen. Sie war high. Ihre Mutter war tot. Scheiße, verdammte Scheiße! Das Fenster konnte sie nicht hochdrehen, da das Gewinde der Kurbel so ausgeleiert war, dass sie mit einer Hand hätte kurbeln und mit der anderen die Scheibe hochziehen müssen. Dafür reichte die Zeit nicht. Sie legte den Gang ein, ließ die Kupplung kommen und würgte den Motor ab.

Der Mann bückte sich und schaute in den Wagen.

»Alles okay?« Er hatte einen Stoppelbart und einen winzigen goldenen Ring im linken Ohrläppchen.

»Probleme mit dem Wagen?«, fragte er.

Megan wandte schnell den Blick ab. Sie wollte sagen ›Nein, alles okay‹ oder ›Nein, ist nur die Windschutzscheibe‹, aber sie schien ihre Stimme verloren zu haben. Sie hätte jetzt einen Schluck Wasser gebrauchen können.

Sie ließ den Motor wieder an, schaute nach vorn und sah, dass ihr Guckloch schon wieder von einem dünnen Eisfilm überzogen war. Um ja keinen nervösen Eindruck zu machen, nahm sie betont ruhig das Handtuch und versuchte das Loch wieder Freizurubbeln, verschmierte aber alles nur noch mehr.

»Haben Sie kein Enteisungsspray im Wagen?«, fragte er.

Megan hörte auf zu wischen. Sie konnte den Mann riechen. Er roch nach Waschmittel oder zu viel Deo, sie wusste nicht genau, wonach. Sie fing wieder an zu wischen.

»Hallo?« Er ließ nicht locker.

Der will mich verarschen, dachte Megan. Antworte ihm einfach, dann verpisst er sich schon. Es kostete sie einige Anstrengung, den Kopf zu schütteln – was ihm drei Dinge signalisieren sollte: Erstens: ich habe kein Enteisungsspray dabei; zweitens: mir geht s gut, und ich brauche keine Hilfe; drittens: ich hab kapiert, dass du mich verarschen willst.

Aber der Mann wollte partout nicht aufgeben. »Vielleicht hab ich eins im Haus, soll ich nachschauen?«, sagte er und schaute sie an, als wartete er auf ihre Erlaubnis. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Verdammt, der Kerl sah im Zwielicht des Schneegestöbers irgendwie abgedreht aus, und wo hatte er wohl diese Narbe am Kinn her? Plötzlich schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass der fremde Mann, mit dem sie hier abends um neun auf einem leeren Parkplatz stand, vielleicht ganz was anderes wollte, als sie nur zu verarschen. Ihr Herz machte einen Satz. Diese Stadt war nicht der kleine sichere Ort, für den die Leute ihn gern hielten. Hatten die Bullen eigentlich diesen Typen erwischt, der immer in die Schlafzimmer von alleinstehenden Frauen eingestiegen war? Sie versuchte sich an das Phantombild zu erinnern, das die Lokalzeitung abgedruckt hatte. Hatte der Kerl nicht einen Ohrring getragen?

Megan ließ ruckartig die Kupplung kommen, der Käfer machte einen Satz vorwärts und zwang den Mann zu einem unbeholfenen Hüpfer zur Seite. Megan war das egal. Sie fuhr zurück auf die Straße. Auch wenn sie jetzt den Kopf aus dem Fenster strecken musste, um überhaupt etwas von der Straße zu sehen, so spielte sie zumindest nicht mehr Kaninchen vor der Schlange und schrie geradezu danach, überfallen zu werden.

Megan behielt peinlich genau den Tacho im Auge, als sie die Hauptstraße entlangkroch und an der Ampel rechts abbog. Um die verlorene Zeit aufzuholen, nahm sie den kürzeren Schleichweg nach Hause, auch wenn sie dabei einen steilen Hügel hinauf- und dann wieder hinunterfahren musste. Spitze Eisnadeln piksten ihr ins Gesicht, während sie den Kopf aus dem Fenster hielt. Langsam, sagte sie sich, Hauptsache ankommen. Nur noch der eine Hügel. Sie trat das Gaspedal durch und fuhr schnell bergauf, doch als sie die Kuppe schon fast erreicht hatte, drehten die Räder durch. Sie nahm den Fuß vom Gas und wollte den Wagen langsam für einen zweiten Anlauf zurückrollen lassen. Stattdessen brach der Käfer zur Seite aus, rutschte lautlos in den flachen Straßengraben und kam neben einem Wacholderbusch zum Stehen.

Der Aufprall hätte sanfter nicht sein können. Als Megan jedoch versuchte, die Fahrertür zu öffnen, wurde diese von den Wacholderzweigen zurückgedrückt. Das dichte Grün versperrte ihr auch den Weg durch das offene Fenster. An der Beifahrerseite konnte sie nicht aussteigen, weil die Tür klemmte, seit Bill sie im letzten Sommer mit einem Fußtritt attackiert hatte.

Sie saß fest.

Ihr Handy hatte sie im Studentenheim liegen lassen, und die Hupe hatte sie im Sommer abgeklemmt, nachdem sie plötzlich nicht mehr hatte aufhören wollen zu hupen. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als zu warten, bis jemand vorbeikam. Und so saß Megan im Straßengraben – über sich ein Dach, auf das sanft der Schnee fiel, vor sich die vereiste Windschutzscheibe, neben sich das Gitterfenster aus Wacholderzweigen – und wartete und versuchte nicht an die letzten Worte zu denken, die sie zu ihrer Mutter gesagt hatte.

***

Als Frank die Tür aufmachte und im matten Schein der Straßenlaterne Detective Huck Berlin vor ihm stand, wand er sich innerlich. Nicht dass Detective Huck Berlin kein guter Polizist war. Er war sogar einer der besten. Aber damals waren hitzige Worte zwischen ihnen gefallen, als er entschieden hatte, den Templeton-Fall nicht weiterzuverfolgen. Berlin war stocksauer gewesen, und Frank konnte es ihm nicht verübeln. Huck Berlin hatte immer gute Arbeit geleistet. Doch wann immer Frank seitdem mit ihm zusammengearbeitet hatte – wie in dem Vergewaltigungsfall, als Berlin ihm einen eindeutig identifizierten Tatverdächtigen präsentierte –, hatte Frank das offene Misstrauen des Jüngeren gespürt, als ob er geradezu überrascht sei, wenn Frank einen Fall bis zum Ende durchzog.

Wie immer war Berlin in Begleitung von Detective Vogel. Frank hatte stets den Verdacht gehabt, dass Ernie Vogel für den Murks bei der Beweissicherung im Templeton-Fall verantwortlich gewesen war, und er hätte sich gewünscht, dass Ernie das wenigstens zugegeben hätte. In Franks Augen mangelte es Vogel an Verantwortungsbewusstsein. Außerdem konnte er ein echtes Arschloch sein. Seine ältere Tochter hatte mit Megan in einer Fußballmannschaft gespielt, und Frank hatte die Art, wie Ernie an der Außenlinie auf und ab gestapft war und dabei den Schiedsrichter bei jeder Gelegenheit lautstark angepöbelt hatte, immer missfallen. Ernie gehörte zu den Vätern und Müttern, die sich bei solchen Spielen über die Maßen erregten: Er war eine Peinlichkeit für die ganze Mannschaft gewesen.

Detective Berlin wischte sich auf der Fußmatte die Schuhe ab und betrat das Haus. Die Hände tief in den Taschen seines grauen Kapuzensweatshirts vergraben, stand er im Flur. Seine Nase war rot, die verschlafenen Augen waren feucht. Detective Vogel trat hinter ihm in den Flur. Ausnahmsweise hielt er den Mund. (Warum auch nicht, war ja kein Schiedsrichter zum Anpöbeln in der Nähe.)

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Detective Berlin.

Frank blinzelte bloß. Die Lust auf weitere freundliche Floskeln war ihm plötzlich vergangen. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

»Vielleicht könnten Sie uns den Pool zeigen«, sagte Huck. Frank führte sie durch den Flur in den Wintergarten, wo sich die Streifenbeamtin und die beiden Sanitäter über Dianas Leiche beugten. Sie schauten auf.

»Hallo, Jen«, sagte Huck.

»Abend, Huck«, sagte die Beamtin. »Ernie.«

»Was ist passiert? Wenn ich fragen darf«, sagte Ernie.

Frank sagte: »Sie ist ertrunken.«

»Sie hat sich irgendwo den Kopf angeschlagen und ist dann ertrunken«, korrigierte ihn Jen. »Da, schaut euch das an.«

Huck und Ernie gingen neben dem Körper in die Hocke und betrachteten die Stelle, wo der Sanitäter Dianas Haare zur Seite gestrichen hatte.

»Puuh«, sagte Ernie.

»Hast du den Leichenbeschauer gerufen?«, fragte Huck.

»Piper ist schon unterwegs«, sagte Jen.

»Seit wann sind die Kollegen da?«

»Die sind kurz vor euch gekommen. Sind noch draußen«, sagte Jen.

Huck richtete sich auf und schaute sich im Raum um. »Irgendwelche Anzeichen für gewaltsames Eindringen?«

»Mir sind keine aufgefallen.«

»Kampfspuren?«

»Nur die Quetschung hier.«

»Hat sie irgendwelche Medikamente genommen?«, fragte Ernie. »Kann es sein, dass sie was getrunken hatte?«

Frank schnaubte verächtlich.

»Das wäre zumindest eine einfache Erklärung«, sagte Ernie und zuckte mit den Achseln. »Vielleicht ist sie gestolpert und gefallen.«

»Sie war nicht betrunken«, sagte Frank.

Ernie ging zum Pool. Er beugte sich vor und fuhr mit der Hand durchs Wasser. »Wie funktionieren diese Dinger eigentlich?«

»Man schwimmt gegen die Strömung«, sagte Frank.

»Und wie stark ist die?«

»Kann man selbst einstellen. So stark, wie man will.«

»Was heißt das, zwei Meilen die Stunde? Oder fünf?«

»Keine Ahnung«, sagte Frank, der langsam ärgerlich wurde. »Da ist die Anzeige.«

In diesem Augenblick betraten zwei Polizisten den Raum, die Huck gleich wieder mit der Order nach draußen schickte, das Haus abzusperren. »Alles, auch den Rasen und die Garage«, sagte er. »Wer hat alles Schlüssel für das Haus?«, fragte er Frank. »Die Putzfrau vielleicht? Oder irgendwelche Handwerker?«

»Nur meine Tochter«, sagte Frank. Wobei ihm einfiel: Wo bleibt eigentlich Megan? Er schaute auf seine Uhr. Es war zehn nach zehn. Im selben Augenblick fiel ihm ein, dass Diana der Putzfrau durchaus einen Schlüssel gegeben haben könnte. Allerdings hatte er keine Ahnung, wer das gerade war. Diana verbrauchte Putzfrauen wie Papiertaschentücher.

Bevor er sich korrigieren konnte, marschierte eine kleine athletische Frau zur Tür herein. Piper McMahon, die Leichenbeschauerin des Bezirks. Ihr Sohn Brian war auf der High School in Megans Klasse gewesen. Er war in die Drogenszene geraten, hatte kurz vor dem Abschluss die Schule geschmissen und sich in eine Kommune am nördlichen Polarkreis abgesetzt. Piper hatte es nicht leicht gehabt, dachte Frank.

Du allerdings auch nicht, sagte er sich, wobei er an Ben dachte. Erstaunlich, nie hätte er sich vorstellen können, wie sehr man durch das Aufziehen von Kindern altert.

Piper machte den Reißverschluss ihres bauschigen schwarzen Parkas auf, ließ ihn auf den Boden fallen und umarmte Frank. »Während der ganzen Fahrt hab ich mir einzureden versucht, dass das einfach nicht wahr sein kann«, flüsterte sie. Dann kniete sie sich neben Dianas Körper. Sie drückte mit den Fingern gegen den Hals. Sie warf Frank einen kurzen Blick zu, verlagerte ihr Gewicht und drückte an einer anderen Stelle. Mit gerunzelter Stirn strich sie Dianas dichte Locken glatt nach hinten und untersuchte ihren Kopf, drehte ihn nach links, dann nach rechts. Sie betastete die Haut rund um die Quetschung. Dann zog sie Dianas Augenlider hoch und leuchtete mit einer winzigen Taschenlampe in die Pupillen. Sie drehte den Körper auf die Seite, untersuchte den Rücken und drehte ihn wieder zurück. Dann dehnte sie leicht ihre Arme und zog das Laken wieder über Dianas Kopf.

»Ohne Autopsie kann ich nichts Genaues sagen«, sagte sie. »Wann hast du sie gefunden?«, fragte sie Frank.

»Halb neun.«

»Im Pool?«

Frank nickte.

»Und du hast sie rausgezogen?«

Frank nickte wieder.

»Wer hat sie als Letzter gesehen?«

»Ich«, sagte Frank.

»Wann?«

»Fünf, halb sechs.«

»Okay, wir brauchen auf jeden Fall eine Autopsie«, erklärte Piper. »Sie hat einen Schlag gegen den Kopf bekommen, und sie ist ertrunken, mehr kann ich nicht sagen. Also dann, bringt sie rüber ins Leichenschauhaus«, sagte sie zu den Sanitätern und zog sich die Gummihandschuhe von den Fingern. »Ich ruf John an, dann können wir gleich anfangen.«

»Heute Abend noch?«, fragte Frank.

»Warum nicht?«, sagte Piper.

Huck war inzwischen zu den Schiebeglastüren gegangen und inspizierte die Türrahmen. »War die Tür nicht abgeschlossen?«

»Das Schloss ist kaputt«, sagte Frank. »Diana wollte jemanden kommen lassen.«

»Lassen Sie alle Türen offen?«, fragte Ernie.

»Nein, das tun wir nicht, Detective. Ich hab s doch gerade gesagt, das Schloss ist kaputt.«

Huck beugte sich vor, um das Schloss genauer unter die Lupe zu nehmen. »Tatsächlich, kaputt.« Er richtete sich wieder auf und schaute sich um. »Schöner Gummibaum, macht ziemlich Arbeit, damit er einem nicht eingeht, stimmt’s?«

»Um die Pflanzen kümmere ich mich nicht«, sagte Frank.

»Liegt wohl an der Feuchtigkeit hier drin«, sagte Huck und ging in die Hocke, um sich etwas anzuschauen, was auf dem Boden lag.

»Was ist da?«, fragte Ernie.

»Glasscherben«, sagte Huck. Frank sah, wie Huck sich die Gummihandschuhe überzog und die Glassplitter aufhob, wie er sie in einen Plastikbeutel schob und diesen oben zudrückte. Wie er den Beutel in die Tasche seines Sweatshirts schob und wie die beiden Männer einen schnellen Blick wechselten. Da begriff er plötzlich. Sie dachten, er wäre es gewesen. Natürlich. Verdächtiger Nummer eins ist immer der Ehemann. Dass ihm das jetzt erst einfiel.

Als hätte er Franks Gedanken gelesen, trat Ernie auf ihn zu und sagte leise: »Müssen Sie heute Abend noch irgendwohin, Frank?«

»Was soll die Frage?«

»Na ja, das Haus ist ab sofort der Tatort eines Verbrechens«, sagte Ernie. »Und da müssen wir alles Mögliche sicherstellen.«

»Ich werde Ihnen schon keine Beweisstücke versauen«, sagte Frank. »Wenn es das ist, was Sie meinen?«

»Das meine ich nicht, Frank«, sagte Ernie. »Aber Sie wissen doch selbst, dass das vielleicht später Ärger geben könnte, wenn Sie jetzt hier bleiben.«

»Sie meinen, wenn ich mich als Verdächtiger herausstellen sollte?«

»Das meine ich nicht.«

»Schön. Weil ich nämlich hier bleibe und auf meine Tochter warte.«

»Wo ist Ihre Tochter eigentlich gerade?«, fragte Huck.

»Sie ist auf dem Weg hierher«, sagte Frank. »Ich habe sie angerufen. Sie müsste längst da sein.« Er schaute wieder auf seine Uhr.

»Hat sie kein Handy?«, fragte Ernie.

Daran hatte Frank noch gar nicht gedacht. Er ging zum Wandtelefon neben der Tür, hob ab und wählte Megans Nummer. Es meldete sich niemand.

»Sie fährt einen gelben Käfer, oder?«, sagte Huck.

»Ja, warum?«, sagte Frank.

»Weil ich sie gesehen habe, als sie nach hier unterwegs war«, antwortete Huck. »Glaube ich zumindest. Sie hatte Probleme mit dem Gebläse. Ich ruf im Revier an.« Er verließ den Raum. Frank war nun mit Ernie allein, der ihn anschaute und dabei mit dem Kleingeld in seiner Hosentasche klimperte.

»Ich wollte Ihnen noch sagen ...«, begann Ernie. »Nun ja, dass mir das alles sehr leid tut.«

Frank war noch nicht bereit für Beileidsbezeugungen. Er räusperte sich und fragte Ernie, wo eigentlich seine Älteste jetzt lebe.

»Oben in Fort Collins«, sagte Ernie.

»Spielt sie noch Fußball?«

»Nein. Und Megan?«

Frank schüttelte den Kopf. Ernie seufzte und sagte: »Alle hätten sie ein Fußballstipendium bekommen. Wissen Sie noch?«

Frank rang sich ein Lächeln ab.

»Wollten alle die nächste Mia Hamm werden«, sagte Ernie.

Seine Frau war tot, und er stand da und redete über Fußball. Er bückte sich, um den Bademantel seiner Frau aufzuheben, doch Ernie berührte seinen Arm und hielt ihn zurück. Frank steckte die Hände tief in die Taschen.

»Unser Haus steht im Internet, bei Home Tour«, sagte er zu Ernie. »Vielleicht hat sich’s da einer rausgepickt.«

»Durchaus möglich«, sagte Ernie.

»Vielleicht einer von der Coalition, haben Sie daran mal gedacht? Der könnte im Internet durchs ganze Haus marschiert sein und sich den Grundriss ausgedruckt haben.«

Ernie zuckte die Schultern und sagte, dass es jede Menge Leute gebe, denen ganz und gar nicht gefallen habe, was Diana gemacht habe. »Da gibt’s jede Menge Ecken, in die man reinleuchten muss«, sagte er. »Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich sag’s nicht gerne, Frank, aber an Ihrer Stelle würde ich meinen Anwalt anrufen.«

Zum ersten Mal an diesem Abend bäumte sich Frank innerlich auf. Auf der anderen Seite des Fernglases zu stehen war ein surreales Erlebnis, aber er würde niemandem die Genugtuung bereiten, dass er sich wie ein Verdächtiger benahm. Ehrlich gesagt, hätte er jetzt gern eine Zigarette gehabt. Und einen kräftigen Schluck. Er wäre gern fest eingeschlafen, um am nächsten Morgen aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

»Danke für den Tipp«, sagte er zu Ernie. »Aber im Augenblick macht mir mehr Sorgen, wo meine Tochter jetzt ist.«

»Ja, sicher«, sagte Ernie. »Klar, versteh ich.«

***

Wahrscheinlich war dies das erste Mal in Megans Leben, dass sie unter dem Einfluss von Rauschmitteln stand und trotzdem froh war, einen Polizisten zu sehen.

Die beiden Beamten stemmten die Beifahrertür auf, zogen sie heraus und setzten sie auf den Rücksitz ihres Streifenwagens. Ein paar Sekunden lang vergaß sie, warum sie überhaupt hier war – es war warm im Wagen, ihr selbst war ebenfalls warm, und der zuckende Schmerz in ihrem Nacken war auch verschwunden. Doch als sie die Hügelkuppe erreicht hatten, als sie auf der anderen Seite hinunterschauen und den Krankenwagen sehen konnte, die Streifenwagen und das gelbe Absperrband rund ums Haus, da fühlte sie sich, als zappelte ein eiskalter Fisch in ihrem Magen. Es war passiert. Was ihr Leben schon immer wie ein Schatten begleitet hatte, war passiert. Dies war die Realität. Auch wenn es ihr nicht so vorkam.

Ihr Vater erwartete sie an der Haustür. Er sah genauso mitgenommen aus wie das weiße Hemd und die dunkle Hose, die er schon den ganzen Tag trug.

»Dad.« Er schloss sie in die Arme. »Daddy.« Sie war froh, dass er sie festhielt, denn sie bekam weiche Knie, und Lichtblitze zuckte vor ihren Augen. Sie wusste, dass das nichts mit irgendwelchen grünen kleeblattförmigen Pillen zu tun hatte.