Vergessen was ich gelernt - Barbara Fatzer - E-Book

Vergessen was ich gelernt E-Book

Barbara Fatzer

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Beschreibung

Prosa und Lyrik über das Reisen in fremde Länder, über Reisen in die Kindheit, über Begegnungen mit Frauen und Männern.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lesen heisst

durch fremde Hand träumen.

Fernando Pessoa

Diese Texte sind für alle, die mich immer wieder ermunterten oder aufforderten zu schreiben

Inhalt

Inselgeburt

Wir wandern über die Erde

Landleben

Westwärts liegt das Paradies

Die Seidenschnurfalte

Er wird kommen

Aufbruch zur Reise

Chaled oder die Zuneigung zu einem Polizisten

Schlag doch schnell mal nach

Mit Frankyboy nach Hagar Qim

Unguja Ukuu

Sansibar

Totensee

A travers le Cameroun

Sand wie Meer

Fata Morgana

Sémaphore

Blau in Blau

Maiennächte

Lindenduft

Schätze hinter Glas

Der Weg nach Westen

Ausflucht – Einsicht oder das grosse Warten

Meine Freundin Vera aus Radkersburg

Die Künstlerin

Wort-Schöpfung

Katastrophen-Bericht

»Da ist nichts von Liebe«

Orakel oder El Amor Brujo

Klinikaufenthalt

Frühe Liebe

Letzter Schultag

Steinzeit

Eva

Spiel

Penelope

Sacré-Coeur

In Stein Gehauen

Vergessen was ich gelernt

sérieusement blessée

Lebenswasser

I.

Inselgeburt

ich bin das ufer

das ende der welt

rauh und beständig

kantig mein rand

fest verankert im land

das mich hält und hält

und nie mich gehen lässt

in die grenzenlosigkeit

meine sehnsucht nicht kennt

eigen zu werden

und ich bin das grosse Wasser – das kommt und geht – immer aus der fülle ins leere – und dann wieder zurück – nicht weiss woher und heimat nicht sucht – ich bleibe nie und bin doch stetig wieder da

was war es

zeit, unendlichkeit

dass ich geformt

geschunden

mich verliere

zwischen

fest und flüssig

mich nie

entscheiden kann

und doch

bin ich

klarheit

strenge linie

den andern

ich bin das grosse Wasser – das dich formt und dich überspült – ich komme und gehe – breche dich und baue auf, du bist nicht ohne mich. trenne, was nicht zu dir gehört und lass dich neu formen aus der heissen tiefe

ich bin das grosse wasser, weiss nicht, woher ich komme, wohin meine unzähmbare kraft sich ergiesst, und doch bin ich stetig da, erschaffe neu, was Leben bringt.

Wir wandern über die Erde

Wir kommen von den hellen, noch sonnnenbeschienenen Bergen herunter in die sich verdunkelnde Ebene. Ein kühler Luftzug berührt uns, da die verbliebene Erdwärme hochzieht. Es fällt uns schwer, unserem Weg im schwachen Licht zu folgen. Meine Begleiter machen sich daran, einen Rastplatz für die Nacht zu finden. –

In der Höhe schwächt sich der rötliche Widerschein ab, schnell werden die nochmals aufglühenden Felsen grau, die Dämmerung überspielt die scharfen Konturen und lässt die Weite vor uns in sich versinken. Es ist ein neues, fremdes Land, das sich hier unten für uns auftun will. Wir wandern über die Erde.

Es wird dunkler. Weit vor uns, in diesem noch nicht überblickbaren Flusstal, sehen wir ein flackerndes Feuer. Wir eilen darauf zu. Männer sitzen darum herum, Wanderer wie wir. Sie haben bereits genug Holz zusammenzutragen für ein grösseres Feuer, um Essen zuzubereiten.

Wir dürfen bleiben, für Stunden Wärme spüren. Gemeinsam teilen wir unsere Vorräte; über dem Feuer kocht Nahrung, ihren kostbaren Duft verbreitend.

Mein Feueropfer sind vertrocknete Blüten eines kurzen Bergsommers; bereits verblassen die lichtvollen Bilder daran – wie leicht dort oben alles war. Du bist neben mir – du lächelst, weil dich eine gleiche Erinnerung trifft, du verstehst meine Geste. Es ist eine Übereinstimmung, wortlos wissen wir um einander, es ist ein Augenblick, der unendlich scheint und doch schon die Trennung anzeigt.

Dem Flusslauf entlang steht dünner Nebel, der manchmal durch einen lautlosen Hauch sachte in Bewegung kommt. Darüber sehen wir unruhige Sterne, die ihr kaltfremdes Licht aussenden. – Noch gehört die Zeit uns, die kurze kostbare Zeit, in der wir uns finden, das eine im anderen. Die Ahnung von Heimat pflanzt sich in uns ein.

Fahles Licht liegt über der grossen Ebene, der frostkalte Morgen holt uns in die Wirklichkeit zurück. Die letzten Momente des Beisammenseins hat der Schlaf genommen; einander nah, hatten wir uns im Traum verloren, in dem das Starke der Gemeinsamkeit verebbte.

Unsere Wege sind vorgezeichnet; hier haben sie sich gekreuzt, jetzt streben sie wieder auseinander, wir werden ihnen weiter folgen. Wir wissen um die Erfüllung, nun können wir unseren neuen Orten zugehen. Wir sind reich geworden.

Wir wandern über die Erde.

Landleben

Sie war immer früh auf den Beinen. Beine, die nun krumm geworden waren und sie nicht mehr weit trugen. Im Sommer gegen fünf Uhr, um mit dem schnauzerartigen Bobbi einen Spaziergang zu machen, im Winter um sechs Uhr. Melken musste sie nicht mehr, ihre letzte Milchkuh hatte sie verkauft, als ihr das Heuen zu beschwerlich wurde. Aber die Gewohnheit, früh aus den Federn zu steigen, war so stark in ihr, dass sie nicht länger im Bett hätte bleiben können.

Sie braucht nun mehr Zeit als früher, um in der Küche den Herd und für die Stube den Kachelofen anzufeuern. Dann braut sie sich den ersten Zichorienkaffee – ohne ihn beginnt der Tag nicht richtig. Sobald es hell wird, regen sich die Hühner, sie wollen ins Freie, auch wenn der kahlgehackte Auslauf jetzt schon gefroren ist. Wenn sie die Gehegetür öffnet, wird das leise Gegacker im Stall drin aufgeregter; dichtgedrängt warten die Weissgefiederten darauf, dass ihre Ernährerin sie ins Freie lässt. Sie hat immer ein paar Körner in ihrer Schürzentasche, die sie den Hennen als Morgengruss vorwirft.

Sie wohnt abseits vom Dorf, ihr Hof steht auf der Grenze, ein Stück Land liegt schon in der Nachbargemeinde. Sie hatte zusammen mit ihrem Bruder den Kleinhof geführt, aber der Ernst hatte sie vor 25 Jahren zurückgelassen, als er beim Holzen tödlich verunfallte. Nach und nach hatte sie ihr Land in Pacht gegeben, nur die alten Obstbäume und den Garten behielt sie. Früher brachte sie jeden Mittwoch und Samstag Gemüse, Beeren, Honig und Eier auf den Stadtmarkt. Das Kernobst wurde gemostet. Man schätzte ihre Produkte, weil sie immer frisch und gefällig angeboten wurden. Jetzt in ihrem hohen Alter verkauft sie nur noch Eier, die sie ihren festen Kunden ins Haus trägt.

Mit den Dorfbewohnern hat sie keinen regen Kontakt, einmal pro Woche geht sie einkaufen im Konsum. Sie wird nicht ganz ernst genommen. »Sie hat zu wenig Ordnung ums Haus herum«, sagen die einen, die sich gern ihr Land angeeignet hätten. »Wie kann diese Frau nur so allein da draussen hausen«, sagen die anderen, die ihre Absonderung nicht verstehen.

Ihr macht das Alleinsein wenig aus, am Tag schafft sie draussen, am Abend und im Winter liest sie in ihren unzähligen Büchern und Zeitschriften, die sich bei ihr auf dem Stubentisch und am Boden stapeln.

Allein ist sie ja nicht, die dreizehn Katzen, die aus allen Löchern kommen und wieder in sie verschwinden, ihre Hühner und Bienen und vor allem Bobbi, sie sind immer in ihrer Nähe, teilen sich durch ihre Bewegungen und ihre Lebenswärme mit. Die Erde, ihr Land, ist ihr nah; jede kleinste Veränderung im Wechsel der Jahreszeiten nimmt sie wahr und deutet sie. Sie fühlt sich innerhalb dieses ewigen Kreislaufes geborgen, auch wenn ihr einmal die Weinäpfel verhagelt wurden oder die Kartoffeln wegen Trockenheit missrieten.

Und doch ist da eine Sehnsucht in ihr, etwas Ungestilltes, nicht Erfülltes, das nicht klar erkennbar ist. Es streift sie manchmal, wenn sie sich zusehends mühsamer bücken muss, um die Kugelbirnen zusammenzulesen, wenn sie schlaflos auf die Geräusche der fernen Autobahn horcht oder wenn sie behutsam in der russigen Pfanne den Maisbrei rührt für ihren Vierbeiner. – Sie merkt, dass eine Veränderung in ihr vorgeht, die nicht nur mit ihrem Älterwerden und ihrer Hinfälligkeit zu tun hat, was ihr immer mehr Mühe macht, alle notwendigen Arbeiten zu bewältigen.

Aber nicht das beschäftig sie, etwas anderes geht in ihr vor. Obwohl sie sich körperlich zusehends schwächer fühlt, spürt sie, als würde sich ihr Körper verjüngen, als würde ihm eine neue Kraft zuströmen. Sie versucht sich an die Zeit zu erinnern, als sie eine junge Frau war; da gab es Momente, wo sie ähnlich fühlte wie jetzt. Es ist ihr, als flösse die ganze Welt in sie und verdichtete sich in ihr, so dass sie ein grosses Glücksgefühl überkommt. Ihr scheint, als müsste sie nur leicht mit dem Fuss den Boden antippen, und schon schwebte sie über der Erde, verliesse die Schwere und würde ganz neuen Gesetzen unterworfen sein.

Sie liegt oben in der schmalen, ungeheizten Kammer und hustet wieder einmal in die Nacht hinein. Knisternd kriecht die Kälte auf das Haus zu, zwängt sich durch Tür- und Fensterritzen und legt ihren weissen Hauch in die unteren Räume. Die letzte warme Luft sucht sich einen Weg nach oben; es ist, als ginge jemand still durchs Haus. Die Stiege knarrt, aber Bobbi, der vor der Schlafzimmertür träumt, rührt sich nicht, er kennt die nächtlichen Laute im Haus. Gerade strampelt er mit den Vorderbeinen, er ist mitten in einer wilden Hetzjagd – da dringt etwas Unbekanntes an seine Ohren und Nase; etwas, das ihn aufspringen und dann erstarren lässt. Er spürt, dass drinnen mit ihr etwas passiert, und doch kommt er nicht vom Fleck, um die Tür aufzudrücken und ihr mit der Zunge übers Gesicht zu fahren, wie er es sonst tut, wenn sie vor lauter Husten keinen Atem mehr kriegt.