Vergiftete Bodybuilder - Mario Dungl - E-Book

Vergiftete Bodybuilder E-Book

Mario Dungl

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Beschreibung

Eigentlich möchte Helmut im Fitnessstudio den Alltagssorgen entfliehen. Als ein Trainingskumpel unter mysteriösen Umständen stirbt und dessen Freunde der Trauerfeier fernbleiben, beginnt er, Nachforschungen anzustellen. Ahnend, dass der Ausgang kein leichter sein würde, wird auch er grauenvoll überrascht. Der Autor selbst war Teil dieser Begebenheit, die sich in Wien zugetragen hat – und sich wiederholen wird … VERGIFTETE BODYBUILDER zeichnet ein düsteres sowie satirisches Bild über die Bodybuilding-Szene, greift Themen wie Depression, Suizid, Zivilcourage und die Frage auf – "Was sind wir bereit, für 'Likes' und Anerkennung zu opfern?"

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Fitless & Bodydestroying

In schlechter Gesellschaft

Am Set

Zeiten ändern sich

Alltagswahnsinn

Abgründe tun sich auf

Vergangenes und Gegenwärtiges

Chronologie des Verfalls

Der Drache fliegt nicht mehr

Déjà-vu mit dem Tod

Nur eine Zahl

Als hätte jemand das Licht aufgedreht

Schlaflose Nächte und ein Anruf

Sand im Getriebe

Sprengstoff

Fotoalbum

Brokkoli zum Frühstück

Totengräber

Wie erkenne ich einen Stoffer?

Der Beidl muss weg!

Zu viel Cola!

End of the Road

Taten sprechen für sich

Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Diese Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit.

Aus rechtlichen und ermittlungstechnischen Gründen wurden Namen sowie Merkmale von Personen und Unternehmen geändert.

© 2025 Vindobona Verlag

in der novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-903579-44-6

ISBN e-book: 978-3-903579-47-7

Lektorat: Angelina Mavric

Umschlag- und Innenabbildungen: Mario Dungl

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

Vorwort

Als ich meine Aufzeichnungen zu „Vergiftete Bodybuilder“ niederzuschreiben begann, nahmen die Dinge erst ihren Lauf. Ich halte diese Geschichte also inmitten ihrer Entstehung fest. In „Vergiftete Bodybuilder“ existiert einzig und allein meine Wahrnehmung, die nicht gänzlich frei von Subjektivität ist. Denn im Erleben eines jeden Menschen spiegelt sich eine allgemeine Wahrheit wider. Als sich die in diesem Buch beschriebenen tragischen Geschehnisse ereigneten, stand für mich noch nicht fest, ob ich als Autor mit meinem realen Namen an die Öffentlichkeit gehe. Doch Falschheit anprangern und Zivilcourage einfordern kann und will ich nicht unter einem Pseudonym. Zum Schutz der Identität wurden alle handelnden Personen maskiert, einschließlich der Erzähler.

Es wird immer ein gewisses Ziel verfolgt, wenn man ein Werk verfasst. Meine Intention ist, das unmittelbare Erlebnis festzuhalten, als ein „Diktat des Lebens“ gleichsam, ehe die Erinnerung daran verblasst. Bestimmte Gegebenheiten brennen sich ins Gedächtnis ein. Dennoch stellte ich verblüfft fest, dass mir manch längst vergangene Dinge erst wieder in den Sinn kamen, als ich diese Zeilen über die gegenwärtigen Ereignisse niederschrieb. Eine Zeitreise beginnt vor meinem geistigen Auge, ich finde und erkenne mich selbst in vergangenen Situationen wieder. Längst vergessen geglaubte Sätze und Erlebnisse, manche schmerzhaft, manche erfreulich, holt das Gedächtnis wieder hervor, wie eine Fackel im Dunkel der Zeit. Ich durchlebe diese einzelnen Ereignisse wieder neu, als ob ich den Fernseher einschalten und einen Film ansehen würde. So ist es mir möglich, das Erlebte auch nach Jahren relativ genau und detailliert wiederzugeben. Das menschliche Gehirn ist schon faszinierend.

Diese Erzählung ist eine Abrechnung mit der sogenannten „Elite“, welche sich gern mit Begriffen wie „Fitness“ und „Sport“ schmückt. Ich liebe ja Sport im Allgemeinen und arbeite gern an meinem Körper. Die Kunst, seinen Leib zu einem – überspitzt formuliert – Monument zu gestalten, liegt mir auch nicht fern. Ich ziehe hier also nicht über Menschen her, die ins Fitnessstudio gehen und ihren Körper stählen wollen. Ich schreibe über das Geschäft mit Bodybuilding, speziell über das, was in das Gebiet des Profibereichs fällt, beziehungsweise über Wettkämpfe und Pseudo-Heldentaten auf YouTube. Bodybuilding ist verbunden mit dem Phänomen der Hoffnung auf Wunderpulver, die sich Sportnahrung nennt. Es handelt sich dabei um jene Wunderpulver, die man oftmals für fünfzig Euro oder mehr pro Packung erhält und die sich durch genauso wenig Inhalt wie Wirkung auszeichnen. Noch nie ist jemand von dieser „vitalen“ Nahrung hundert Jahre alt geworden. Und noch nie ist jemandem, wie auf manchen Produktverpackungen versprochen und in noch mehr Muskelmagazin-Werbungen gepriesen, über Nacht der Armumfang auf sechzig Zentimeter angewachsen, ganz gleich, wie hart er auch trainiert. Ich habe auch noch nie, wie im Beipacktext prognostiziert, „das Fitnessstudio eingerissen“. Ja, auch ich habe selbst viele von diesen „Wunderpulvern“ geschluckt: „Creatin“-Pulver, „Booster“, „Tribulus“ und wie sie alle heißen. Irgendwann strich ich dieses angebliche Wunderzeug aus meiner Ernährung und stellte – damals noch recht erstaunt – keinen Unterschied in Form eines Leistungsabfalls oder mangelnden Muskelzuwachses fest. Und dann wäre noch der Kult der Marken für Fitnessbekleidung zu nennen, welche mit Models werben, die aussehen wie Barbie und Ken auf Steroiden und Fettverbrennungsmitteln. Immer in lächerlicher Pose: mit eingezogenem Bauch, hochgezogenen Schultern und auf Zehenspitzen stehend, in Seitenansicht wie ein Pharao auf den Hieroglyphenwänden.

Kurz gesagt, die Wahrheit über die Bodybuilding-Branche ist diese: Du musst das Aussehen und die Stärke von Herkules haben, sonst hast du nichts zu melden. Wie körperlich fit man wirklich ist, ist im Prinzip vollkommen egal, und wie man sich fühlt, sowieso. Statt durch den Sport mit sich selbst zufrieden zu sein, gelangt man in einen Teufelskreis: noch mehr Erfolgsdruck, noch größere psychische Belastung. Einen größeren Bizeps, einen geringeren Fettanteil und ein noch stärker ausgeprägtes Sixpack braucht man zur Perfektion, sonst ist man ein Niemand und wird von dieser Gesellschaft nicht angenommen. Das wiederum verlockt dazu, in die Trickkiste zu greifen, um diesen Psychokrieg, den man als Hobby-Athlet tagtäglich führt, zu gewinnen, obwohl man tief im Inneren genau weiß: Es gibt keinen „ersten Platz“ in diesem Ranking um gesellschaftliche Anerkennung. Betroffen von dem Phänomen sind auch immer mehr Frauen.

In Bodybuilder-Magazinen sucht man Artikel über gesundheitliche Risiken vergeblich. Schäden nimmt man in Kauf, um vermeintlich besser als nur dabei zu sein. Statt Fitness ergeben sich bleibende körperliche Beeinträchtigungen, statt gesünder leben ergibt sich vielleicht sogar ein qualvolles Sterben. Es sind Schäden, welche in erster Linie von dem Zeug stammen, das man „unter der Ladentheke“ bekommt, kurz: Dopingmittel. „Fitless-Szene“ wäre eine wohl bessere Bezeichnung, oder „Bodydestroying“…

1.

Fitless & Bodydestroying

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen betreibe ich seit rund neun Jahren durchwegs Kraftsport. Angebote für sogenannte Meisterschaften gibt es im Laufe der Zeit immer wieder, aber ich weiß ganz genau: Wenn ich darauf eingehe, muss ich meine Gesundheit aufs Spiel setzen. Ein Wettkampfathlet in dieser Sportart dopt, das ist allgemein bekannt. Gesundheitliche Schäden für vielleicht zwei oder drei Jahre „Ruhm“ riskieren? Drauf g’schissn.

Meine allerersten „Gehversuche“ im Kraftsport während meiner Teenagerzeit rechne ich nicht zu den neun Jahren, denn auf jeden Fitnessstudiobesuch in der Schulzeit folgte meist eine mehrwöchige Pause. Während der neun Jahre besuchte ich viele Fitnessstudios, darunter auch einige im Ausland. In einigen davon bin ich jahrelang Mitglied gewesen. Logischerweise trifft man hier auf viele Teilnehmer und Gewinner diverser Bodybuilding-Contests sowie Kraftsportler, Kampfsportler, Fitnesstrainer, Fitnessfreaks und Ex-Profis, Berufssportler wie natürlich auch blutige Anfänger. Der gegenseitige Austausch über Erfahrungen ist mir damals schon wichtig gewesen. Es liegt mir jedoch fern, damit zu prahlen. Keiner muss auf mich den Scheinwerfer richten und mich behandeln wie einen Star. Ich bin kein Profi, aber in eben neun Jahren, gespickt mit Erfahrungen, lernt man diese Welt der Fitness näher kennen.

Es gibt viele Mutmaßungen, wenn es um Anabolika geht. Tatsächlich werden weder Fakten klar dargestellt noch werden diese richtig gehandhabt. Es wird nicht über die unangenehmen Seiten des Sports geschrieben, denn wie jeder weiß, redet und schreibt man bekanntlich lieber nur über Erfolge und Sieger, denn nur diese schreiben Geschichte. Statements wie „Ich habe gewonnen und ich habe nie geschummelt“ sind dann zu hören, und sollte dies der Letzte ganz hinten in der Reihe noch nicht gehört haben, gehen diese Statements natürlich noch lauter. Wenn ein Gewinner wim Rampenlicht dann eine Biografie raushaut, steht am Anfang dieser Ausführungen oftmals der beschwerliche Weg aus der Kindheit bis zum harten Training, vielleicht ein paar Rückschläge, aber das war es. Und was steht am Ende? Richtig, der Gewinner am Podest. Jeder kennt das berühmte Sprichwort: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Schatten wird hier aber nur durch einen Menschen geworfen, den Verlierer.

Als ich mit etwa zwanzig anfing, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen, lag das wohl an denselben Gründen wie bei vielen anderen. Zu dieser Zeit, ich erinnere mich zurück, war ich recht dünn, wog lediglich zwischen 50 und 60 Kilogramm, und besonders groß bin ich auch nicht. Ich wollte aber nicht als Schwächling gelten. Die Leute sind einfach gut darin, einen Weg zu finden, um jemanden zu hänseln. Sie bleiben sich darin auch treu. Und sie sind weniger gut darin, jemanden zu respektieren und ihn zu nehmen, wie er ist. Solange man keine xy Kilogramm auf die Waage bringt, haben die Menschen es leicht, einen Weg zum Beleidigen zu finden. Wenn man sein Leben lang ständig gehört hat, wie augenscheinlich schwach man erscheint, dann reicht es einem irgendwann einmal. Übrigens ist dies das häufigste Motiv, warum man mit dem Kraftsport anfängt. Und noch dazu die beste Motivation!

Zu diesem Zeitpunkt wollte ich es der Welt einfach nur noch zeigen, was der kleine, schwache Helmut so draufhaben kann. Ex-Freundinnen und Mädels, Kritiker und Ignoranten, welche lästern und hinter meinem Rücken abfällig reden, sollten irgendwann ruhig sein. So begann ich eben, Wiens Fitnessstudios unsicher zu machen, und mit jedem sichtbaren Fortschritt, sei es auf der Hantelbank oder mit Zuversicht vor dem Spiegel, entwickelte ich eine regelrechte Sucht danach. Darüber hinaus versuchte ich mich auch im Boxen, was mir aber nie so gut gelang, wie Gewichte zu stemmen. Viel zu oft verlor ich die Geduld mit meinen Boxtrainern oder sie mit mir. Blumenkohlohren stehen mir ohnehin nicht. Was aber noch hinzukam: Ich konnte niemanden schlagen, den ich nicht hasste. Eine Blockade, so unüberwindbar wie die Chinesische Mauer, tat sich in jedem Sparringkampf auf. Verletzte ich einen Gegner beim Training, fühlte ich mich wie gelähmt.

Ein Mensch gleicht einem Baum. Ein Baum wird in einer schlechten Umgebung nicht gedeihen so wie ein Mensch sich in einer schlechten Gesellschaft nicht entfalten kann. Man ist das Abbild der Gesellschaft, in der man sich aufhält.

2.

In schlechter Gesellschaft

Blick in die Vergangenheit

Herbst 2004 bis Sommer 2006

Jasmin hat den Freitod gewählt. Sie war meine Sitznachbarin in der Schule und eine gute Freundin. Noch nach einem Jahr lese ich aus den Blicken und Bemerkungen einiger Lehrer, dass mein Einfluss auf sie eine Rolle gespielt hätte. Wir waren uns in vielerlei Hinsicht ähnlich, standen auf härteren Metal und schwarze Kleidung. Niemals werde ich vergessen können, wie ich ihren kleinen Bruder am Grab stehen sah, einen großen Teddybären fest umklammernd. Dieser suchende Blick eines kleinen Buben, der seine Schwester nie wieder sehen wird. Ich habe mir damals so sehr gewünscht, dass der große Teddybär zum Leben erwachen und fortan auf den Kleinen aufpassen würde.

Ihr Todestag hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Am Tag ihres Suizids, nur ein Jahr zuvor, wurde ein Bekannter von mir ermordet. Angeblich aus purer Geldgier, per Auftragskiller, angeheuert von der eigenen Lebensgefährtin. Doch Beweise fehlen, und der Fall wird trotz fehlender Tatwaffe als Selbstmord eingestuft. Macht sich besser für die Aufklärungsrate. Weitere Ereignisse lassen mich seelisch abwärts trudeln.

Eines davon traf mich wie ein Schlag. Nach ungefähr eineinhalb Jahren Beziehung offenbarte ich meiner damaligen Freundin, sie bereits mit knapp über zwanzig, heiraten zu wollen. Denn ich will nur sie und keine andere. Eines Abends ruft mich Kathrin an. Sie spricht mit einer Eiseskälte ins Telefon.

„Helmut, ich habe es mir anders überlegt …“

Hätte mir jemand eine Minute zuvor noch gesagt, was gleich passieren würde, so hätte ich ihn laut ausgelacht oder beschimpft. Denn es gab keinen Streit oder sonst etwas, das eine solche Aktion von ihr zu erwarten gewesen wäre. Noch in derselben Nacht fährt mich mein Vater rasch zu ihr. Am nächsten Tag würde die letzte Englisch-Schularbeit vor der Matura stattfinden. Bei ihr angekommen, beharre ich darauf, hineinkommen zu können. Kathrin ist noch munter, selbst eben erst heimgekommen, denn sie war zuvor mit ein paar Leuten ausgegangen. Diese sollen ihr angeblich geraten haben, die Beziehung mit mir zu beenden. Ich setze mich zu Kathrin und schnappe mir ihre Hand. Ich erkläre ihr mit zittriger Stimme, dass ich sie brauche, und frage nach dem Warum. Doch Kathrin blockt ab, schildert mir nur nochmals, dass sie das „Aus zwischen uns eben auch mit anderen besprochen hat“. Aha. Ich beginne wie ein Schlosshund zu weinen. Es ist das erste Mal, dass ich derart heftig weine. Es sollte auch das letzte Mal in dieser Form sein.

Wenige Zeit später höre ich, dass Kathrin bereits am nächsten Abend mit einem Typen ins Bett gegangen sein soll. Sie kann mich gar nicht geliebt haben, denke ich mir schon bevor ich von diesem „Seitensprung“ erfahre. Zu kalt war ihre Reaktion auf meine Tränen. Meine Welt stürzt wie ein Kartenhaus zusammen, denn eine Säule war weggebrochen. Eine Säule nach der anderen bekommt Risse und bricht ebenfalls weg. Ich stürze ab, es folgt der freie Fall.

Mit der Schule ziehe ich einen Schlussstrich. Mir bleibt nur die Abmeldung. Ich war den Lehrern offensichtlich suspekt. Das war nicht gerechtfertigt, aber wie hätte ich ihr Vorurteil ändern können, ohne eine Chance zu bekommen? Meine Englischlehrerin will mich jedenfalls durchfallen lassen. Sie sagt zu mir:

„Helmut, egal was du für gute Noten schreibst … Selbst wenn deine Portfolio-Arbeit ein Sehr Gut ist, nützt das auch nichts. Du kommst nicht durch. Ich werde dich auch im Herbst nicht durchlassen, solltest du zur Nachprüfung antreten.“ Eine Begründung bleibt sie mir schuldig. Mein Physiklehrer meint, ich „gehöre nach Schönbrunn, in den Zoo.“

Der Direktor der Schule besucht einen Tag nach dem Selbstmord unserer Klassenkameradin Jasmin die geschockte Klasse. Er ist einer, der meint, „man kann über alles reden, denn wir sind ja Pädagogen“. Als nur wenige Augenblicke nach dieser Feststellung ein Schüler aufgrund einer Verspätung seines Zuges zu spät bei der Tür hereinkommt, wird sein Versuch, sich zu entschuldigen, durch ein lautes „Dann geh früher weg, du Trottel“ zerschmettert. Von solchen Pädagogen brauche ich mir keine Unterstützung erwarten – nicht einmal als Klassensprecher und stellvertretender Schulsprecher. Dieselbe Englischlehrerin, welche ankündigt, mich nicht durchzulassen, gibt zur Englisch-Schularbeit den inneren Monolog „Spaziergang am Friedhof“ zum Thema. Unsere Klasse im Leid des tragischen Verlustes einer Mitschülerin soll im Prüfungsmodus die „Gedanken an den eigenen Tod“ darlegen. Die Lehrerin macht somit den Suizid unserer Klassenkameradin zum Prüfungsgegenstand. Die Biologielehrerin wiederum verteilt offen bekennend „möglichst viele Fünfer, damit die Schüler wüssten, wofür sie lernen und auf andere Gedanken kämen“. In dieser schweren Zeit sollte der Fokus auf das Überleben im Fach Biologie gelenkt werden. Einfach nur sprachlos denke ich mir im Geheimen: Den Sinn fürs Lernen unter diesen Umständen auf diese Weise zu definieren, ist gefühlloser, purer Zynismus.

Doch wie ein Fass, das überläuft, kann ich all die Ungerechtigkeit schon bald nicht mehr aufnehmen. Wann immer ich nun Unrecht erfahre, beginne ich mich zu wehren. Meinen Physiklehrer, den „Zoologen“, der Frühwarnungen austeilt wie ein Parksheriff Strafzettel, nenne ich einen Trottel und Schlimmeres. Daraufhin kämpft er beim Verlassen der Klasse mit den Tränen. Soll er ruhig kämpfen.

Als mich später ein ehemaliger Schulkollege vor einem Lokal eine Schwuchtel nennt und sogar handgreiflich wird, weil ich seinen Musikgeschmack nicht teile, bekommt dieser meine Wehrhaftigkeit zu spüren. Nach meiner „Streicheleinheit“ entschuldigt er sich bei mir, und ich lade ihn für seine Größe daraufhin auf ein Bier ein. Doch es geht nicht immer so gut aus.

Als eine Gruppe von Menschen in einer U-Bahn-Station aneinandergerät, bekomme ich beim Versuch, die Unterlegenen vor den Angreifern zu verteidigen, eine Messerverletzung ab. Es gelingt mir, die Tatwaffe an mich zu reißen und stark blutend in die abfahrende U-Bahn zu springen, um das Messer bei der nächsten Polizeistation abzuliefern. Die Beamten wirkten in Sachen Aufklärung nicht sehr motiviert. Ja, es schien so, als ob ein junger Mann, der mit blutigem Arm und Messer ein Wachzimmer stürmt, keine große Sache sei. Es wurde weder auf die Überwachungsvideos zur Stationsaufsicht zugegriffen noch Fingerabdrücke vom Messer genommen: Das nächste Mal besser abstechen lassen. Bis heute zeugen drei kleine Narben an meiner rechten Hand von jener Nacht. „Komplette Entlederung“ nennt es der Amtsarzt, als er mein geschältes, vorderes Mittelfingersegment sieht. Mir wurscht, denn für Gerechtigkeit würde ich auch den ganzen Finger geben. Ich bin enttäuscht, auch mein selbstloser Einsatz lohnt sich nicht.

Und Loyalität? Und Treue? Die gehen spätestens dann baden, wenn die Freundin für jemand anderen die Beine breit macht. Dann wird auch ein Credo „Bruder vor Luder“ schnell über Bord geschmissen. Werte werden sogar für Nichtigkeiten aufgegeben. Man verspricht viel, hält aber nichts. Egal, ob in der Schule, in der Metal-Szene, im Club oder in der Band – überall wo ich hinsehe, ist nur Verrat.

Es ist nicht meine Zeit. Streit in der Familie, Streit mit Freunden, fehlende Anerkennung und, was noch schlimmer ist: kein Verständnis für meine Gefühle und mein Denken. Ich mache mir Gedanken über die Welt, die mit voranschreitender Technologisierung immer mehr zu verkommen scheint. Dass sich die Welt seit 9/11zunehmend in Geiselhaft der sensationsgeilen Medien befindet und das Schreien nach Status immer lauter wird als der Ruf der Vernunft und des Miteinanders, macht mir zu schaffen. Ich schreibe Gedichte, um den größten Schmerz zu lindern, und begebe mich auf Spurensuche nach dem Sinn des Lebens. Für eines jedoch, nämlich das Wesentliche, fehlt mir wiederum der Sinn.

Ich verfalle innerlich stetig, bin depressiv, höre auf, Sport zu treiben, und fange an, zu hungern. Manchmal vergehen Tage, bis ich wieder etwas Festes zu mir nehme. Ich greife zu Schlaftabletten und Alkohol. Einmal werfe ich 32 Stück, doch ich wache wieder auf. Ich bin ein Gefangener der realen Welt, die mein Alptraum ist. Schließlich fange ich an, mich zu ritzen. Wieder. Denn einmal habe ich mich schon geschnitten:

Als ich mit fünfzehn über beide Ohren verliebt war, wollte ich dem Mädchen unbedingt beweisen: Ich würde für sie durch dick und dünn gehen. Also ritzte ich mir ihren Namen auf die linke Brust. Quasi auf mein Herz, welches nur ihr gehören sollte. Sie wollte es aber nicht, denn die Liebe war auch hier eine Einbahnstraße, so wie die Liebe zu Kathrin immer mehr zur Einbahnstraße wurde. Denn auch Kathrin war leider nicht die eine, mit der ich über alles reden konnte. Trotzdem liebte ich sie. Den mittlerweile zugelegten Muskeln sei Dank, ist der „Name auf dem Herzen“ heute nicht mehr lesbar. Ich bereue diese „Tattoos“ aber nicht, denn sie bedeuten für mich: Helmut, du darfst nicht vergessen, wozu Menschen fähig sind.

Als ich beobachte, wie mir das Blut die Arme hinabläuft, will ich nur noch eines: mich wieder spüren. Wieder leben. Bingo! Mein Leben hat wieder einen Sinn. „Ich muss ihn nur noch finden“, ist mein Gedanke. Klingt komisch, ist aber wahr. Durchhalteparolen an mich selbst.

Als es mehr oder weniger klar ist, dass ich es nicht zur Matura1 schaffe, verbringe ich die meiste Zeit im Proberaum meiner neuen Band. Mit den Leuten in der alten Band habe ich mich zerstritten. Die Gedichte, die ich schreibe, werden zu den Liedern des neuen Musikprojekts. Nebenbei lege ich als DJ in einem Metal-Lokal namens „RIP“ auf. Ich verdiene damit kein Geld, doch es macht mir Spaß, und darum geht es mir. Ich darf meine Lieblingsmusik spielen, treffe viele Leute und lerne interessante Mädels kennen. Ich versuche, die Probleme zu vergessen, allen voran meinen Liebeskummer wegen Kathrin. Wenigstens für einige Stunden. Eines Abends ist im RIP „Delirium Night“. Ein Abend, an dem man um den Eintrittspreis so viel trinken kann, wie man will. Ich lege gemeinsam mit einem Bandkollegen auf, da treffe ich sie: Bianca.

Von den Frauen, die an jenem Abend anwesend sind, ist sie meiner Meinung nach die Schönste. Ich muss an dieser Stelle sagen: Wirklich schöne Frauen sind in dieser „schwarzen Subkultur“ selten, die ohnehin von Männern zahlenmäßig dominiert wird. Die wenigen Schönen sind auch zumeist schnell vergeben, es herrscht „akuter Frauenmangel“ zu jener Zeit in dieser Szene. Bianca ist neben ihrer Tätigkeit als Bürokauffrau auch als Fotomodel aktiv. Sie ist spezialisiert auf Motive wie Latex- und Ledergeschichten und gut darin, wenn ein düster-mystisches Äußeres gefragt ist. Der Laufsteg ist allerdings nicht ihres. Sie ist Single, gerade achtzehn geworden, trägt langes, glattes, schwarz gefärbtes Haar mit einigen roten Strähnen und hat große blaue Augen. Bianca hat mit derselben Körpergröße wie ich die perfekte Größe – nicht zu groß, nicht zu klein. Perfekt für mich. Jahre später ist mir das egal, aber 2006 bin ich zugegebenermaßen auch mit oberflächlichen Ansichten unterwegs. Ich Trottel. An die wahre Liebe glaube ich zu jener Zeit auch nicht.

Bianca ist an diesem Abend sturzbetrunken und kaum in der Lage, sinnvolle Gespräche zu führen. Sie schläft auch später im Lokal ein. Trotzdem hat sie etwas an sich, das sie von den wenigen anwesenden Frauen unterscheidet. Als sie im Lokal ihren Rausch auf einer Ledercouch ausschläft, werfe ich ein schützendes Auge auf ihre Wertgegenstände, wofür sie sich später im Internetforum des Clubs bedankt. Da unterhalten wir uns das erste Mal ausgiebiger und reißen Witze über diesen Abend, aber auch über andere Dinge. Ich finde sie sehr sympathisch. Wenn ich das heute schreibe, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf – echt schwer, in dieser Kiste zu wühlen. Wie dem auch sei, Bianca hat anfangs ein offenes Ohr für meine Probleme, denn sie hat wie ich ebenfalls an einer Trennung zu kauen.

Wir ergänzen uns wirklich gut, das glaube ich jedenfalls, und sie behauptet nichts Gegenteiliges. Wir beide hören Metal, haben einige gemeinsame Vorlieben und mögen Sport, den ich aber in dieser Zeit stark vernachlässige. Dass ich keine Kraft fürs Fitnessstudio aufbringen kann, bedauert Bianca sehr, denn sie steht darauf, wenn ein Typ athletischer gebaut ist. Ältere Fotos von mir, die ich ihr schicke, gefallen ihr sehr. Sie spricht mir Mut zu und möchte, dass ich wieder auf die Beine komme. Es kommt schließlich zum Nummernaustausch, und wir treffen uns. Irgendwann wird auch mehr daraus. Beziehung würde ich es nicht nennen, als schweren Fehler schon eher. Wir führen so etwas wie eine offene Beziehung, allerdings mit Regeln. Es gibt eine „Abmache“, die da lautet: keine „Sachen“ mit Leuten aus unserem Freundeskreis, keine Ex-Partner und speziell für mich: keine Blondinen. Warum keine Blondinen? Sie hasst Blondinen. Warum hasst sie diese? Weil sie selbst keine ist – darum! Sie wollte immer blond sein, wie sie mir erklärt. Aus Neid also, wie sie indirekt zugibt. Mir ist es egal. An sich ist eine offene Beziehung schon scheiße. Aber Regeln in einer offenen Beziehung? Das ist, als wenn man rauchen darf, nur ohne Lungenzüge. Oder James Bond erhält die Lizenz zum Töten, bloß, dass er nur mit einem Löffel bewaffnet töten darf. So macht kein Actionfilm Spaß. Obwohl, wenn ich so recht nachdenke, wäre es eine grandiose Filmidee für eine Actionkomödie:

„Agent 007?“

„Ja, M.?“

„Sie erhalten die Lizenz zum Töten.“

„Supergeil.“

„Mit Löffel.“

„Superscheiße.“

Keine Ahnung, warum ich dieser Beziehung zustimme. Ich glaube, es ist mir zu dem Zeitpunkt schon irgendwie alles egal. Mir ist nach der Trennung und mit dem Schulabbruch vieles wurscht. Ich weiß nur, dass wir beide unsere Trennungen noch nicht verarbeitet haben und noch nicht bereit für etwas Ernsteres sind. Aber ob sie das von sich auch behaupten kann? Eines Abends kommen mir jedenfalls Zweifel auf. Wir sind in einem unserer Stammlokale, dem Metal-Lokal „Graffiti“, als sie sich zu mir kuschelt und die Vertrauensfrage stellt:

„Glaubst du, hält das mit uns beiden ewig?“ Moment mal. Das „mit uns“ ist eigentlich ja nichts Festes, wie kommt sie da jetzt also auf diesen Gedanken? Da stellt sie mir jedenfalls die Frage aller Fragen, und was mache ich? Ich Dummkopf bin ehrlich:

„Weiß’ nicht. Kaum etwas hält ewig. Aber… ich… hoffe schon“, stammle ich herum, während sich ihre Miene mit jedem Wort verzog. „Doch, ja. Eigentlich ja.“Zu spät. Sie heult los, und zwar mitten im Lokal. Die Leute schauen uns an, deren Blicke sprechen Bände.

„Was wird der Typ zu ihr gesagt haben? Warum macht der denn nichts angesichts ihres auffälligen Weinens? Was ist denn das für ein Arschloch?“ So etwas würden sie nun bestimmt denken.

„Ich bin kein Arschloch. Sie ist gerade nur a bissl deppert2“, „telepathiere“ ich stumm retour. Es ist voll peinlich. Ich will nur noch nach Hause. Ich bleibe aber und begleite sie später zum Zug, der sie heimbringt, sie wohnt außerhalb Wiens. Ich will zeigen, dass ich für sie da bin. Was ich allerdings nicht bemerke: Sie nutzt von da an meine Fürsorge immer mehr zu ihrem persönlichen Vorteil aus, setzt mich immer öfter unter Druck. „Wenn du das nicht machst, bin ich weg, oder tust du jenes, würde ich dir etwas antun“, gefolgt von einer Wut- oder Heul-Szene, wenn ich nicht pariere. Meistens aber geht sie subtiler vor.

Einmal spazieren wir „zufällig“ an der Auslage eines Geschäftes vorbei. Bianca zeigt mir ein Kleid, das ihr gefällt:

„Weißt du, was ich toll finden würde?“, sagt sie. „Nein, was denn?“ Natürlich ahne ich schon, was jetzt als Nächstes kommt. „Derjenige, der mir dieses Kleid schenkt, der …“ – aus, vorbei, von da an höre ich ihr nicht mehr zu. Sie quasselt irgendwas von wegen, dass dieser Jemand ihr Prinz Charming sei. Natürlich ist es kein Zufall, dass wir genau an jenem Geschäft vorbeigehen. Das Kleid kostet jedenfalls siebenhundert Euro, und ich bin zu diesem Zeitpunkt noch Schüler. Für so viel Geld müsste ich wochen- oder monatelang sparen, und da wäre ich noch gut dabei. Auf diese Art und Weise schaffte sie es, dass einer ihrer Ex-Freunde ihr ein Katzenbaby kaufte und so weiter.

Ich denke mir nur: „Sicher nicht, Oide3!“ Aber alles, was ich aus meinem Mund bringe, ist ein plumpes „Ah, okay. Ja. Ein schönes Kleid.“ Bloß nicht zu viel oder zu wenig sagen. Noch eine öffentliche Plärr-Aktion brauche ich wirklich nicht. Was sie hört, gefällt ihr gar nicht. Sie schaut mich irritiert an, ihre Mundwinkel gehen abwechselnd rauf und runter wie eine Wippe auf einem Kinderspielplatz. Ihre Augenbrauen gehen ebenso synchron rauf und runter. Ihr Blick sagt mir:

„Der Koffer4sagt sicher nur so viel, dass es nicht zu wenig oder zu viel ist. Vielleicht ist er doch gar nicht so ein Trottel. Hm, nein, doch, er ist ein Trottel!“

Das taugt mir nicht, aber ein Trottel zu sein, ist mir immer noch lieber als noch so eine Szene wie damals im Lokal. Bedeutete ihre Frage nach der Beständigkeit unserer Romanze Zuneigung? Nein, kann nicht sein. Erst will sie nichts Festes, stellt jedoch Regeln auf, dann überrumpelt sie mich komplett, und jetzt will sie teuer beschenkt werden? Quasi: „Ich will nichts Festes von dir außer ein Kleid um siebenhundert Euro.“ Warum lasse ich mir das alles gefallen? Im Grunde bin ich einfach nur froh, wenn ich wenigstens an einem Wochenende meine letzte, in die Brüche gegangene Beziehung vergessen kann, und sie versucht, meine psychische Labilität mehr und mehr schamlos auszunutzen. Das Kleid kaufe ich ihr trotzdem nicht. Sie macht auf beleidigte Leberwurst.

Ich bin sehr depressiv seit dem Beziehungsaus mit Kathrin und lasse leider Gottes einiges zu. Ich bin manipulierbar, für einzelne Momente sogar willenlos. Bianca fragt mich nach einem „Dreier“, und ich stimme in einem Schlaftablettenrausch – ich nehme diese Dinger, um schlafen zu können – mehr halb als richtig wissentlich zu. Obwohl mir vor Dreiern graust und ich neben manchen Menschen nicht einmal essen kann. Gott sei Dank kommt es nicht dazu, aber wenn, dann würde ich ohnehin vorher schlussmachen, sage ich zu mir. Oder zu einem Nasenbeinbruch eines Beteiligten. Gerade solche Aussagen lassen mich daran zweifeln, dass da je so etwas wie „ewige Liebe“ entstehen könnte. Ich hätte mir damals nie gedacht, als Bianca mir im Lokal die Frage aller Fragen nach „ewiger Liebe“ stellt, während sie plant, es mit anderen zu treiben. Es ist einfach absurd, und es wird noch absurder.

Eines Nachmittags läuft im Fernsehen ein Fußballmatch – es ist Fußball-WM. Allerdings ein ziemlich langweiliges Spiel. So langweilig, dass ich stattdessen gar nicht das Match schaue, sondern vor dem Computer sitze und mit Bianca im Windows Messenger, kurz MSN, schreibe, was mich normalerweise spätestens nach einer Stunde nervt. Die nicht mehr ganz so jungen Leser kennen das Chat-Programm MSN sicher noch. Man kann dieses Programm so einstellen, dass man Nachrichten schreiben und erhalten kann, wenn man den Computer einschaltet. Irgendwann textet sie mir:

Ich gehe kurz telefonieren. Bin mal abwesend, was für mich okay ist.

„Abwesend“ ist ein Status, bei dem man sich nicht aktiv am Computer aufhält. Nutzer des Chat-Programms können so auch signalisieren, dass man auf eine Nachricht verspätet reagiert, obwohl man am Rechner sitzt. Plötzlich fällt ein Tor in dem langweiligen Match, und ich springe auf und gehe zum Fernseher. Ich sehe mir die Wiederholung an, bleibe noch für kurze Zeit vor dem Fernseher stehen und gehe nach rund drei Minuten wieder zum Computer. Dort erwartet mich ein Donnerwetter. Auf dem Monitor stehen die Worte:

Wo bist du? Ich hab’ dich angerufen!!! Bianca hat mir geschrieben.

Darunter steht mehrfach RING! –das ist so eine Art Weckruf, bei dem das Chatfenster vibriert und sich automatisch über den Bildschirm schiebt. Tatsächlich zeigt das Handy drei verpasste Anrufe innerhalb von nicht einmal vier Minuten an. Ich denke mir:

„Was ist los mit der, ist was passiert, oder ist die einfach nur deppert?“ Als ich Bianca zurückrufe und fragen will, ob was passiert sei, faucht sie ein „Geh’ scheißen“ ins Telefon und legt auf. Ich rufe sie noch einmal zurück, sie hebt aber erwartungsgemäß nicht ab. Öfters würde ich ihr jedoch nicht hinterherrufen. Irgendwann ruft sie dann aber sogar zurück. Gutmütig und dumm genug, wie ich bin, lasse ich den darauffolgenden Vulkanausbruch über mich ergehen wie der Regenwald seine fortschreitende Abholzung.

Heute, nach all den Jahren, weiß ich: Der Helmut dieser Tage würde laut „Geh du doch scheißen“ ins Telefon zurückbrüllen und darauf achten, dass er selbst derjenige ist, der als Erster auflegt.

Bianca ist echt fleißig im Austeilen. Einmal nörgelt sie indirekt über meine Körpergröße, wozu sie sogar noch meint, manche Models ließen sich die Beine brechen, um noch einmal zu wachsen. Zweimal wird Bianca tatsächlich gewalttätig. Zwar schlägt sie mir nur mit der flachen Hand ins Gesicht, aber es hinterlässt trotzdem Spuren. Warum tut sie das? Einmal, weil ich ihr beim Sex zu dominant bin, ein anderes Mal, als es mir nicht gut ging, denn:

„Männer weinen nicht.“

Ich wehre mich nicht, denn ich vermute, sie würde zur Polizei gehen und überall erzählen, dass ich sie geschlagen hätte. Schlussmachen ist, zumindest vorerst, keine Option, da sie mir mit Konsequenzen droht.

„Wer sich mit mir anlegt, bekommt alles dreimal zurück“, warnt sie mich nicht nur einmal. Dabei deutet Bianca stets mit ihrer Hand an, als würde sie damit eine faule Frucht zerquetschen. Von Rufmord bis Auftragsschlägern muss man wohl mit allem rechnen. Sie kennt viele Leute. Wie komme ich da bloß raus?

Als mein Schulabgang beschlossen ist, bin ich selbst nicht mehr in der Lage, mich aufzurichten. Ich brauche Halt und bekomme ihn nirgends. Ich nehme immer diese Schlaftabletten, um besser oder überhaupt schlafen zu können. Einmal sind es fünf Stück, was das Fünffache der normalen Dosis ist. Ich erbreche in jener Nacht, Bianca bekommt das mit und folgt mir einmal bis vors Badezimmer, scheinbar um zu lauschen. Als ich ins Bett zurückgekrochen komme, herrscht sie mich auf einmal von der Seite an:

„Du bist depressiv, weil du es willst.“ Nachdem ich weinend neben ihr aufschluchzte, keift sie mich weiter an: „Hör auf damit! Lass das! Was bist du denn für einer?“

Aufbauende Worte oder dergleichen sind ihr auf einmal komplett fremd. Nichts ist von der Bianca mehr zu bemerken, die ich vor Kurzem kennengelernt habe. Sie ist eine Schlange und misshandelt mich psychisch mehr, als dass ich in der Lage bin, mich wehren zu können. Die Tabletten und die Depressionen haben mich fest im Griff. Einmal jedoch, ich erinnere mich aus bestimmten Gründen genau daran, fragt Bianca mich abermals im Halbschlaf beziehungsweise im Tablettenrausch komische Dinge. Sie erkundigt sich nach Leuten, die ich hasse, und wo man diese antreffen könnte. Es wirkt so, als ob sie diese treffen wollte. Es ist plötzlich klar, dass sie das will. Oder doch nicht? Diese verdammten Tabletten! Sie lassen dich glauben, die Pinguine aus Madagascar5 existieren wirklich. Später sollte ich mich an ihre Fragerei zurückerinnern.

Eines Abends werde ich in Polizeigewahrsam genommen. Wir sind gemeinsam fort und werden beim Verlassen des Graffiti von zwei Beamten eingesammelt. Daraufhin müssen wir auf die Polizeiwache mitkommen, weil Bianca angezogen ist wie eine Professionelle und der Verdacht auf illegale Zuhälterei besteht. Sie trägt einen extra kurzen, rot karierten Rock, unter dem bei Schrittbewegungen die Streifen der halterlosen Strümpfe hervorblitzen. Dazu hat Bianca kniehohe Stiefel und ein Top mit einem tiefem Dekolleté angezogen. Nuttiger geht es fast nicht mehr. Aber so, oder noch schlimmer, laufen viele Mädels in der Metal-Szene nun einmal herum. Mit meinen langen Haaren und Lederjacke sehe ich daneben wie ihr vermeintlicher Zuhälter aus. Sie nimmt es als Kompliment, grinst auf der Wache vor sich hin und macht einen auf Catherine Tramell aus Basic Instinct, während ich von mehreren Polizisten „nett“ befragt werde. Auch eine Leibesvisitation mit Kleidung ausziehen muss ich über mich ergehen lassen, aus Verdacht, ich könnte Drogen bei mir haben. Danach lässt man uns beide laufen. Als wir wenig später das Thema Drogen aufgreifen, deutet sie an, Kokain probieren zu wollen, was keine Begeisterung in mir auslöst. Langsam reicht es mir.

Kurz vor unserer „Verhaftung“ hat Bianca mich ein Arschloch genannt, weil ich die Frechheit besessen habe, sie nicht daran zu erinnern, die Pille zu nehmen. Irgendwann da, aber allerspätestens nach einer der beiden Ohrfeigen, fange ich an, sie zu hassen und mir Strafaktionen für sie auszudenken. Auf ihre Kommentare wie „Frauen sollte man wie Gold behandeln“antworte ich schon längst nur mehr mit „Passt, dann sperr’ ich dich inden Tresor.“ Queen Bianca ist natürlich not amused. – Mir egal. Nach all den Aktionen und einem nicht enden wollenden, nervtötenden und oberflächlichen Blabla aus ihrem Mund – „Sind meine Haare eh schön? Steht mir das?Der XYZ hat dies und das über mich gesagt!“ – würde sich jeder so verhalten, der es da noch bei ihr aushält. Zu diesem Zeitpunkt glaubt sie allerdings, mich so weit zu haben, dass sie mich beauftragt, ihren Ex zu verprügeln, und zwar, ich zitiere:

„Am besten mit dem Baseballschläger und zu zweit oder zu dritt.“Eventuell gegen Bezahlung. Doch da irrt sie sich.

Ihr fallen alle möglichen Gründe dazu ein. Er hat sie geschlagen, missbraucht und so weiter. Ich willige ein, bin mir aber da bereits nicht mehr sicher, ob ich überhaupt wüsste, was ich da tun würde. Zuerst sage ich zu ihr, dass ich es nicht machen wolle, da müsste man eher zur Polizei gehen. Der Typ würde bei eindeutiger Beweislage drankommen. Nur: Beweise hat sie keine. Durch meine Reaktion wird sie sauer. Richtig sauer. „Feigling“ist noch eine der netteren Bezeichnungen für mich. „Muttersöhnchen, Schwächling, …“ Das ganze Wörterbuch für entmannende Bezeichnungen hat sie für mich parat.

Sie macht mir immer wieder eine Szene und droht mir mit allen möglichen Dingen wie: Wenn ich es nicht tun werde, tut es jemand anderer, und der darf sie dann zur Belohnung sogar ficken. Ist mir doch scheißegal, weil ich ohnehin das Weite suche. Ja, wenn. Das ist allerdings nicht so einfach.Bianca macht mit ihrer Hand wieder die Geste mit der zerquetschten Frucht: Was du auch tust, Helmut, es wird alles zurückkommen. Ein Schlägertrupp, wiederum organisiert von meinem Nachfolger, würde sich dann auch um mich kümmern. Oder es würde bald in sämtlichen Szene-Pubs heißen, ich wäre ein Vergewaltiger, Frauenschläger oder sonst was. Es würde schwer werden, das Gegenteil zu behaupten. Wie komme ich hier raus? Dann gebe ich ihr mein Wort. Denn ich will nicht in der kleinen Metal-Szene Wiens als etwas gelten, das ich nicht bin.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war ich zu diesem Zeitpunkt der größte Idiot aller Zeiten. Ich wollte männlich sein und war aber nichts anderes als ein Würschtel6.

„Okay, ich tue es, oder am besten, ich beauftrage jemanden. Ich wüsste da wen. Der macht kurzen Prozess. Mit Baseball- oder Alu-Schläger. Zack-Zack, du weißt schon.“

Tatsächlich kenne ich jemanden, der durchaus in der Lage ist, wen für Geld herzurichten7. Solche Leute sind nicht schwer zu finden. Und ja, man staune, es würden nicht wenige Männer für eine Frau einfach alles machen. Es gibt genug, die so blöd sind! Und ich auch, oder?

Nein, eigentlich nicht. Ich will zwar nicht als Feigling dastehen, aber innerlich habe ich beschlossen, die Sache einfach so lange hinauszuzögern, bis sie es sich anders überlegt. Dieselbe Taktik wenden oft verdeckte Ermittler an, wenn sie einen Mordauftrag erhalten. Man willigt ein, hält aber so lange den Auftraggeber an der Stange, bis der Auftrag verfällt. Die Ausrede für das Nichtausführen dieser Straftat war etwa in Richtung „Gib mir nur etwas Zeit, ich brauche einen Plan.“ So habe ich das auch mit dem „Dreier“ gehandhabt. Ich kreuze doch keine Schwerter. Neben manchen Menschen zu essen, wird für mich schon zur Herausforderung, aber gemeinsam dieselbe Frau schnackseln8?

Aber ganz so leicht ist es nicht mit dem Unterlassen der Gewalttat. Ich hadere mit mir selbst. Was, wenn Biancas Ex sie tatsächlich missbraucht hat und das vielleicht der Grund ihres aufkeimenden Männerhasses ist? Was, wenn ich jetzt für die Taten ihres Ex-Freundes büßen muss? Es dürfte stimmen, dass er sie schlug, denn als ich mich in der Szene umhöre und sie nicht anwesend ist, höre ich nichts Widersprüchliches. Typen, die Frauen schlagen, gehören geschlagen, war immer meine Meinung. Aber was, wenn seine Wut gegen Bianca „verständlich“ war? Schließlich weiß ich auch, wie sie sein kann. Bestimmt hat ein jeder von uns diesen gewissen Schalter, mit dem man ein Erdbeben auslösen kann, wenn man ihn nur umlegt.

Dann schreibt mir eines Tages ein Freund aus der Zeit gemeinsamer Jam-Sessions9. Wir waren oft im Proberaum und hatten Lieder für mein neues Black-Metal-Projekt geübt – ich am Schlagzeug, er an der Gitarre. Nun schickt er mir einen frischen MSN-Chatverlauf. Der Chat hat kurz zuvor zwischen ihm und Bianca stattgefunden. Sie hatte ihm geschrieben und heftig geflirtet. Ihm kam das spanisch vor, was er ihr auch zu erkennen gab. Darauf erwiderte Bianca zwar, dass ich ihr Freund sei, setzte aber das Wort „Freund“ in Anführungsstriche. Sie hat damit eindeutig gegen unsere vereinbarte „Regel Nummer Eins“ verstoßen: keine Sachen mit Bekannten. Und wie war das nochmal: „Glaubst du, hält das mit uns ewig?“ – Ach, leck mich doch, du falsche, fetzendämliche Kuh! Soll ich echt für so ein Miststück jemanden ernsthaft Schaden zufügen, also diesen mir nahegelegten kriminellen „Auftrag“ ausführen? Was, wenn er eigentlich ein friedfertiger Typ ist und wegen ihrer unerträglichen Art einmal ausholte? Für so etwas eine Vorstrafe oder Gefängnisstrafe riskieren? Die hat doch einen Knall, aber einen ordentlichen. Und ich habe einen Einfall.

Ich kontaktiere über einen Bekannten Biancas Ex-Freund, den angeblichen Frauenschläger. Ich bitte um seine Telefonnummer und nenne die Gründe. Wir treffen uns sofort, und er lädt mich aus Dankbarkeit prompt zu einer Pizza samt Bier ein. Er ist ein nicht ganz einfacher, aber durchaus fairer Kerl. So ziemlich nichts von all dem, was mir Bianca über ihn erzählte, dürfte stimmen. Er kann so gut wie alles widerlegen, was Bianca über ihn gesagt hat, und umgekehrt erzählt er mir Dinge, die zu ihrem Wesen passen. Welche Frechheiten sie besitzt, welche Allüren sie an den Tag legt, was man in ihrer Anwesenheit sagen darf und was nicht. Alles passt zu ihrer reizvollen Erscheinung wie die Faust aufs Auge. Apropos Faust aufs Auge: Das Einzige, womit Bianca recht hatte, war, dass er sie geschlagen hatte. Das war jedoch nur die halbe Wahrheit. Bianca hatte ihn mit massiven Provokationen und Attacken psychisch drangsaliert. Mit seiner „Abschiedswatsch’n“10 auf einem Bahnsteig war es aus. Soll ich ihm dafür einen Denkzettel verpassen? Ich stehe vor ihm. Jetzt oder nie.

Ihn vermöbeln?

Wozu denn?

Mögliche Folgen:

Aber klar doch!

Um „be like Bud Spencer“, für Gerechtigkeit zu sorgen.

… wären strafrechtliche Konsequenzen.

Auf keinen Fall!

Für so eine Schnepf’n11 noch die Finger schmutzig machen?

Es kommt feig rüber…

Dazu sei erwähnt: Um Prinzipien wie die eigenen Ansichten von Recht, Macht oder Vorteile durchzusetzen, war Gewalt Teil der Black-Metal-Szene, oft gegenwärtig. Ich entscheide mich für:

Bei einem Bier alles bereden. Biancas Ex hat ohnehin mit den Geschichten, die sie in Umlauf bringt, zu kämpfen, welche über ihn in den Metal-Bars erzählt werden. An seinem Schicksal lässt sich erahnen, was mir blühen könnte. Als wir uns treffen, zeigt er sich erst über meine Geschichten amüsiert, dann schockiert und danach froh, nicht mehr mit ihr zusammen zu sein. Überrascht war er eigentlich gar nicht, allerdings doch über den Auftrag, ihn überfallen und zusammenschlagen zu lassen. Aber auch ihm blieb ihre kriminelle Seite nicht verborgen.

Auch die Dinge, die sie über all ihre anderen Ex-Freunde verbreitet, sei es, dass einer bisexuell sein soll oder einer nie einen hochbekommt und so weiter, erscheinen jetzt in einem ganz anderen Licht. Auch dass sie jede Beziehung von A bis Z durchplant, was die Länge einer Liaison betrifft, hatte sie immer „vorhergesagt“. Diese hielten wie angekündigt exakt fast auf den Tag genau. Oder die berechnende Art, wie sie ihre Freunde ausnutzt und abserviert, lief nach Plan.

Ich erzähle ihr nichts von unserem Treffen – noch nicht. Aber wir machen ein Foto von dem Moment, als wir zusammensitzen und uns kumpelhaft gegenseitig die Arme um die Schulter legen. Irgendwann würde ich ihr dieses Bild schicken. „Wer ist denn das nebenmir?“,würde ich zu ihr grinsend sagen, wenn sie mir wieder mit dem Auftrag oder anders blöd käme. Aber es ist mir dies noch nicht Rache genug für all die Erniedrigungen der letzten Wochen.

Es ist eine Genugtuung, ihrem Ex-Freund zu verraten, dass sie das Passwort seiner E-Mail-Adresse kennt und seine E-Mails checkt. Das ist jedoch nicht alles. Bianca überlegte gerade, wenn möglich, ihm von jemandem einen Computervirus per E-Mail senden zu lassen, seinen Computer mit dem Passwort zu öffnen und zu installieren, um dann an die Daten seines Kontos für Zahlungsabwicklungen heranzukommen. Dieser Zugang sollte dazu dienen, Daten zu löschen oder seine Accounts, wie zum Beispiel auf eBay, zu manipulieren. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das mit dem Virus je möglich gewesen wäre, aber Bianca hatte die Absicht. Als ich ihm das erzähle, ändert er sofort sein Passwort. Einige Tage später ärgert sich Bianca grün und blau.

„Anscheinend hat er das Passwort gewechselt!“ Ich lache mir ins Fäustchen. Eins zu null für mich.

Zur gleichen Zeit meldet sich Thomas, der Bruder meiner Ex-Freundin Kathrin, bei mir. Er möchte mich vor Bianca warnen. Er erzählt mir, dass sie auch bei ihm schon landen wollte. Und auch vor ihm redete sie schlecht über mich. Thomas äußert, dass Bianca andeutete, etwas gegen michzu planen. Mir fällt das Gespräch mit meinem Kumpel ein, der sich vor ihren Flirtversuchen kaum retten konnte, und auch die Sache, als sie mich im Halbschlaf über meine Feindeausfragte. „Siehst du XY noch? Wohin geht XY aus?“ Auch von Thomas wollte sie die Namen derer wissen, welche etwas gegen mich haben, und wo man diese Leute treffen könnte.

Es ist nur allzu klar: Sie plant, mich fertigzumachen, und zwar nach demselben Muster, wie sie ihre Ex-Freunde fertiggemacht hatte. Betrügen, Schlussmachen, nachträgliche Rufschädigung, indem sie überall verbreitet: Der bekommt eh keinen hoch, er ist schwul, pervers, ein Lügner, kriminell, schlägt und vergewaltigt Frauenund so weiter. Und dann noch der „Auftrag“. Zwei haben sich angeblich bereits gegeneinander aufgehetzt, wegen ihr geprügelt, und sie sah aus der Ferne zu.

Bianca hat eine Lektion verdient. Das Gefühl, ich müsste nicht nur mich, sondern auch ihre Ex-Freunde rächen, begleitet mich fortan. Ich habe eine Idee. Sie hat ja diese „Regeln“ aufgestellt:

„Keine Sachen mit Bekannten, mit Ex-Freundinnen oder Blondinen.“ Meine Ex Kathrin ist blond, und sie kennen einander. Alle drei Faktoren auf einmal. Niemals wäre mir eingefallen, so etwas zu tun, doch Bianca holt das Böse in mir heraus.

Ich treffe mich zunächst mit Kathrins Bruder Thomas. Er lädt mich im Graffiti auf ein Getränk ein. Thomas hält viel auf mich. Es ist sogar sein Wunsch, dass ich mich von Bianca trenne und wieder mit seiner Schwester zusammenkomme. Kathrin ist auch an jenem Abend im Lokal mit dabei, was mich positiv überrascht. Wir sitzen zu zweit bei gemütlicher Stimmung an einem Tisch, als sich irgendwann Kathrin zu uns gesellt. Zum ersten Mal seit Monaten reden wir wieder miteinander. Ich merke, dass ich noch Chancen bei ihr habe, denn anscheinend vermisst sie mich sehr. Ich bin einerseits noch verletzt und andererseits schrecklich enttäuscht von Kathrins Beziehungs-Kill per Telefon. Ich liebe sie nach wie vor. Sie weiß von der Beziehung mit Bianca.

Ich schnappe mir ihre Hand, und so, als ob Thomas nur darauf gewartet hätte, geht er in dem Moment an die Bar, um ein Getränk zu holen. In Wahrheit sucht er wohl das Weite, um uns alleine zu lassen. Sein zufriedener Blick deutet jedenfalls darauf hin. Ich habe mich nie bei ihm dafür bedankt. Eines Tages wird er diese Zeilen lesen, da bin ich mir sicher. Kathrin und ich – wir verabreden uns zu einem Treffen am nächsten Tag bei ihr daheim.

Auf dem Weg zu Kathrin und Thomas füttere ich Bianca am Telefon mit der Information, dass ich zu Thomas fahre, was logisch bedeutet, dass ich auch Kathrin sehen werde. Zu meiner Überraschung scheint Bianca es zu genießen und meint, ich solle Kathrin mit meiner Anwesenheit fertigmachen. Dann reißt sie noch einen Witz, ich werde ihn nie vergessen:

„Aber nicht, dass du auf falsche Gedanken kommst und noch mit ihr im Bett landest.“

Sie lacht. Ich lache mit, aber nicht, weil der Witz so gut ist …

Wenn es etwas gibt, das ich im Leben gelernt habe, ist es, etwas ganz selbstverständlich und vor aller Augen zu tun, um unerkannt zu bleiben wie ein Fisch im Wasser. Um Kathrin herumzukriegen, bedarf es keiner Schauspielerei von mir, denn tief im Innersten wünsche ich mir diesen Moment schon zurück. Und Kathrin offenbar auch.