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Das Frankfurter Bankhaus Praetorius feiert 1987 mit den Investments von Dr. Reza Sistani Rekordgewinne. Nur die Hamburger Journalistin Shila Abó Malungu fragt beharrlich nach der Herkunft märchenhafter Renditen. Sistanis wichtigster Mitarbeiter Svetozar Kron versteckt die im Westen verbliebene FDJ-Funktionärin Ada in der Hausbesetzerszene. Vor den Besuchen von US-Präsident Reagan und DDR-Staats- und Parteichef Honecker in der BRD sind die Sicherheitsdienste hochnervös. Als wichtige Großanleger Sistani unter Druck setzen, entgleitet ihm zunehmend die Kontrolle. Er macht Fehler und wird erpressbar. So gerät er zwischen die Fronten von Waffenschmugglern, Finanzjongleuren und Geheimdiensten aus Ost und West. Er wird gezwungen, einen Koffer mit Dokumenten in das Grenzgebiet zwischen Iran und Irak zu bringen, wo seit Jahren ein mörderischer Krieg herrscht. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt, als die Kleinstadt Sardascht mit Giftgas bombardiert wird… Die Handlung dieses realistisch erzählten Politthrillers aus dem Schattenreich des internationalen Waffenhandels führt von den sterilen Etagen Frankfurter Bankhäuser und mondänen Golfclubs bis in nordiranische Kurdendörfer. Sie spie-gelt die Hybris der Finanzwirtschaft und die Skrupellosigkeit von Geheimdiensten wider und fängt den Zeitgeist und die Popkultur der späten 80er Jahre präzise ein.
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Seitenzahl: 780
Veröffentlichungsjahr: 2024
Stefan Piasecki
Vergiftete Sonne
Stefan Piasecki
Roman
edition vi:jo
Impressum
Vergiftete Sonne
Copyright 2024: Stefan Piasecki
Ebook060525
Lektorat: Ursula Luckner, Lektorat ›Wortgestöber‹
Stefan Piasecki im Web:
www.stefanpiasecki.de (Wissenschaft)
www.stefanboucher.de (Romane)
www.instagram.com/stefan.piasecki.boucher/
Veröffentlicht von:
edition vi:jo - Stefan Piasecki
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St. Huberter Landstraße 21
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Das Buch thematisiert wahre Ereignisse. Strukturen der geheimdienstlichen und finanzwirtschaftlichen Tätigkeiten wurden recherchiert und werden, soweit möglich, authentisch wiedergegeben. Gleichwohl ist die Kernhandlung fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind unbeabsichtigt und zufällig.
Reale Firmen und Personen werden nur dann mit Klarnamen genannt, wenn ihre Beteiligung nachgewiesen und öffentlich bekannt ist.
Nichts auf der Welt entschädigt dafür, den Menschen
verloren zu haben, der einen liebt.
Selma Lagerlöf, ›Jerusalem‹ (Stockholm 1901)
Inhaltsverzeichnis
Sardascht, Nordwestiran. 28. Juni 1987
Acht Wochen zuvor: Bad Homburg, Westdeutschland
Rüber in den Westen
Sonnenaufgang beim Klassenfeind
Vance Parys besucht das Bankhaus Praetorius
Interview hinter Rezas Rücken
Ein Gedicht und seine Wirkung
Alles ist politisch
Es geht um Geld
Telefonanruf aus Leningrad
Die neue Geschäftsidee der Pillar Studios
Weißer Ritter?
Bakunin
Sveto wird zum Ziel
Der Galgenberg in Sicht
Adas Bild im Schaufenster
Buchprüfung!
Die Pornoqueen wird nervös
Enthüllungen
Der Kurier
Hotel ›Neptun‹, Warnemünde
Angst!
Razzia um 5.40 Uhr
›Tear down this wall‹
Störmanöver aus Libyen
Reza muss nach Hamburg
Autoradio
Überfall an der Ampel
Ein furchtbarer Tag
Offenbarung
Allein, völlig allein
Ankunft in Sardascht
Die Hölle um 16:20 Uhr
Still ruht der See
Das Ende des Sommers
Tropicarium
Erkenntnisse
Der lange Weg durch das Dunkel
Mit dem Bus nordwärts
Asena
Flughafen Schönefeld, Ostberlin
›Asyl‹
Die Akte ›Parys‹
Betrogene Betrüger: Déjà-vu
Deals im Schatten von Honecker und Lindenberg
Danksagungen
Quellen
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Sardascht, Nordwestiran. 28. Juni 1987
Yekshanbeh. Der zweite Tag in der persischen Woche war mit einem metallenen Glanz unter dem Grau der dicht gewebten Wolkendecke angebrochen. Sonntag in Deutschland. Nahezu widerwillig hatte sich das Tageslicht in die schläfrige Landschaft gestohlen, wie angelockt vom Gebetsruf zum Sonnenaufgang. Es war über die Gipfel der wilden kurdischen Berge gekrochen und hatte sich in den Tiefen der Täler gesammelt.
Rezas Blicke schweiften über den ruhig daliegenden Kreisverkehr. Ein paar wenige Autos verirrten sich auf den Sarchawe, drehten eine Runde und ließen sich in irgendeine Richtung auswerfen. Alte Männer standen vor der Moschee nebenan und plauderten. Bisweilen schaute jemand neugierig herüber. Er hatte so sehr gehofft, der ländlichen iranischen Einöde für immer entronnen zu sein. Dennoch hockte er hier, als wäre sein kometenhafter Aufstieg in Westdeutschland nichts als die Traumerzählung eines gehässigen Dschinns gewesen.
Noch vor dem Gebetsruf dämmerte dieser Tag herauf wie vermeintlich jeder andere. Ohne große Ereignisse wälzte er sich in die Welt und würde spurlos versiegen, sobald die Sonne abends den Himmel wieder dem Mond auslieferte. Etwas anderes zu vermuten, bestand zu diesem Zeitpunkt keinerlei Veranlassung.
Kaum zwei Stunden später waren die Wolken verschwunden, aufgelöst, ohne jede Spur zu hinterlassen. Ein sattes Blau wölbte sich über eine beigebraune Welt – selbstbewusst, arrogant, als sei es immer schon da gewesen. Beige die Häuser, klebend an den Hängen des Talkessels. Graubraun der ausgebleichte Asphalt der Hauptstraße, die durch die Kleinstadt Sardascht führte und 16.000 Menschen miteinander und der Welt verband. Grau auch die Mauern um Grundstücke und Gärten. Graubeige die Kanäle und Zisternen, die länger kein Regenwasser mehr gesehen hatten.
Ein alter Mann und eine Horde Kinder sorgten in der Mitte des Sarchawe für ein wenig Abwechslung und Unruhe. Er unterhielt sie mit allerlei Späßen und ihr Gejohle verriet schnell, dass dieses Großväterchen Bari hieß.
In Deutschland wäre es jetzt wohl ein geruhsamer Sonntagnachmittag. Die Zeit, wenn Bauern das Heu auf den Weiden wendeten und andernorts die Kaffeetafeln mit Kuchen und Plätzchen hergerichtet wurden. Eiscafé-Wetter, kurz nach halb drei Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Für Reza 16.01 Uhr Ortszeit im kurdischen Nordwesten der Islamischen Republik Iran.
Als Dr. Sistani hatte er sich hier vorgestellt und hockte auf einer brüchigen Mauer, die die Fahrbahn des Kreisverkehrs von der Innenfläche abgrenzte. Hier standen ein paar Blumenkübel und sonst nichts, nur asphaltierte Fläche erstreckte sich und sammelte die Sonnenhitze. Als Reza Naderi war er geboren, Iraner, und doch fremd in Kurdistan. Die Parsen trauten den Kurden nicht und diese selbst nur ihresgleichen. Zumal waren sie Sunniten in einem schiitischen Land.
Seine kohlefarbenen Augen zwinkerten aufmerksam, auch wenn seine Körperhaltung entspannt wirkte – so wirken sollte. Dichte schwarze Haare fielen leicht gewellt auf den Kragen seines Poloshirts.
Es war nicht ersichtlich, wofür das Mäuerchen im Inneren des Kreisverkehrs gebaut war oder warum es überhaupt noch stand. Wenn er sein Gewicht verlagerte, brach es bestimmt zusammen, so erbärmlich war gemauert worden. Reza trug seine weiße Jeans. Nicht die beste Idee – die war später reif für eine Handwäsche im Spülstein des kargen und dunklen Hotelzimmers. Wieder so ein Ärgernis in diesem Kaff. Keine Bar, keine Partys, nur ein paar Teestuben und ein Café. Ein Restaurant hatte er gefunden, neben einer Annahmestelle für Milchkannen, die in einer unfassbar lauten Maschine gereinigt wurden.
Zu seinen Füßen stand der Koffer aus feinem Leder. Darin bloß ein Apfel und der heilige Koran. Der alte Bari hüpfte und tanzte mit einer Marionette zur Freude der Kinder um ihn herum. Autos innerhalb des Sarchawe störten nicht. Das Mäuerchen schützte, Bari hatte Zeit und Platz.
»Yekşemme Mandala xoşewistekan, emro Pinokioy xoşewist, çlon bawka Žępeṭoyi pir azar dedat?« Womit der liebe Pinocchio wohl den alten Geppetto ärgern mochte, fragte er die Kinder laut und die Puppe machte an ihren Fäden einen großen Sprung bis rüber zum Marktplatz. Beinahe jedenfalls. Die verstanden es richtig, sie grölten und schrien. Man sprach Kurdisch im iranischen Nordwesten. Reza konnte trotzdem mühelos folgen.
»Ew be dro delę: dro dekat. ű kepoyi Hewa dedat!« Er lügt, er lügt, johlten die Kleinen. Auch Reza konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Bari hatte nur einen Arm und den setzte er gekonnt ein, um die Marionette alles Mögliche tun zu lassen, als hätte er derer gleich vier. Ein faszinierender Kerl. Auf dem Kopf trug er eine staubige Kappe, auf dem Leib ein schmutziges Hemd, das vielleicht einmal weiß gewesen war. Oder schon immer grau, so wie jetzt. Die Ballonhose schlackerte um seine Schenkel. Sie wirkte viel zu groß, vermutlich stammte sie aus wohlgenährteren Tagen. Bari bedeutete auf Kurdisch ›Gestalter‹, und mit der Marionette hatte er seine neue Bestimmung gefunden. Jedenfalls größeres Glück als in seinem Hauptberuf als Hirte, denn den Arm verlor er bald nach Kriegsausbruch bei der Rettung eines Lämmchens, das sich in ein Minenfeld verirrt hatte. So erzählte es Isar, der Hotelportier des Puri. Sardascht war eine Kleinstadt, man kannte sich. Fast jeder jeden.
Bari rauchte, aber da er die Marionette führte, behielt er die Zigarette im Mund und verbarg so immer mal wieder einen Teil des hageren Kopfes in einer bläulichen Wolke, die kaum verflog, denn es war windstill.
Stöhnend reckte Reza sich und verlagerte den Oberkörper nach links, damit der Stoff des Jacketts nicht über seinem linken Bizeps spannte und die frische Wunde wieder aufrieb. Der Schmerz war nur erträglich, wenn die Stelle sich beruhigte. Den Oberarm mit Säure zu verätzen war töricht gewesen, dies mit Domestos zu verstärken sogar schierer Wahnsinn. Aber hier mochte es ihm das Leben retten. Und das machte die Pein fast wieder lohnend.
»Çirokey warçaka dezani? Debe hatmeni goey lê bgri. Katek ke Pinokio le Žêpeṭoyi pir dexwaze ke yarmeti warçaka bdat?« Bari wollte unbedingt das Abenteuer mit Pinocchio und dem Fuchs erzählen.
Ein kleines Mädchen, dessen reinweißes Kopftuch es vor der Sonne schützen mochte, hüpfte und winkte.Worte waren nicht nötig: Bitte, alter Bari. Bitte! Der Alte lachte laut.
Reza behielt die Straße im Blick. Wann sein Kontaktmann auftauchen sollte, wusste er nicht. Heute? Morgen? Es wurde jedenfalls Zeit: Am Montag – Doshanbeh, spätestens Dienstag musste er wieder zurück. Der Bus fuhr nur alle paar Tage.
Seit vorgestern war Reza in Sardascht. Bis gestern hatte sich eine Handvoll Deutsche in der Stadt aufgehalten. Touristen angeblich, fotografierten viel und redeten wenig. Reza drängte sich nicht auf, aber hörte ihnen zu. Sie hatten ihn nicht bemerkt, er war für sie nur irgendein weiterer Iraner. Die Männer hatten großes Interesse an jedem Winkel von Sardascht und waren ständig unterwegs. Wären sie eine geografische Expedition gewesen, hätte ihn das nicht gewundert, doch so? Ein Kaff auf dem Land, im unruhigen Kurdistan. Der Iran seit 1980 im Krieg mit dem Irak. Und man kam aus Deutschland hierhin? Um Fotos zu knipsen? Jedenfalls waren sie gestern Abend wieder verschwunden, still und heimlich abgereist. Er hätte sich ihnen gerne angeschlossen, doch er musste ja warten und diese verfluchten Unterlagen übergeben, die verschnürt im Karton hinter der Rezeption lagen. Wer wusste schon, was geschehen würde? Es schien sicherer, sie nicht bei sich zu haben. Und auch in seinem Zimmer würde man sie nicht finden. Der Junge an der Rezeption musste erst recht nicht wissen, was er da zu seinen Füßen aufbewahrte.
Es war Reza zwar verboten, aber er hatte hineingesehen. Zertifikate waren drin. Lieferdokumente, Warenlisten chemischer Bestandteile. Längst ahnte er, wofür die brauchbar waren, doch genau wollte er es lieber nicht wissen.
Daheim im Frankfurter Bankenviertel war er eine große Nummer. Der Mann des Bankhauses Praetorius, dessen Geldbringer. Erfolgreich, mächtig, unabhängig. Seit Jahren. Abgesehen von Direktor Praetorius selbst musste er sich von niemandem etwas sagen lassen. Er hatte sich wahrhaftig ein gutes Leben aufgebaut. Beeindruckend für einen geprügelten Waisenjungen aus dem westiranischen Kermanshah.
Dieser Vance war ihm zu nahegekommen, näher als beabsichtigt. Ein Amerikaner und langjähriger Bankkunde. Hatte Reza zu Beginn seiner Karriere einen entscheidenden Tipp gegeben und daraus war Vertrauen entstanden. Aber längst fühlte er sich von ihm benutzt. Sogar hintergangen. Und Reza schien machtlos dagegen. Seit ein paar Wochen empfand er sich nicht mehr unantastbar. Ganz im Gegenteil.
Wut ließ ihn den Körper straffen. Scharf sog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein und bereute es augenblicklich. Das war unvorsichtig gewesen. Die frische Wunde sandte rasende Impulse durch die Nervenbahnen. Er hatte sie verbunden, dreimal täglich erledigte er das. Sie durfte nicht durchbluten, das könnte zu ausgesprochen unangenehmen Fragen führen. Gefährlichen Fragen, für ihn. Der Iran war seine Heimat, aber der Staat des Ayatollah Khomeini nicht sein Freund.
Seit heute früh war er zweimal Zeuge des Sieges über den Irak gewesen. Wenigstens wie die Kinder ihn spielten, bevor dann später Bari übernommen hatte.
Sie hatten Plastikflaschen an einem Brunnen gefüllt, der eigentlich nur aus einem Betonring bestand, mit dem ein Loch im Boden umfriedet wurde. Damit bewarfen sie sich und schrien »Hamlatê Moşekî« oder »Elwezey Şehîdan Pêşewa!« – ›Raketenangriff‹ und ›Märtyrerbrigade voran!‹ Ein älterer Junge hatte ein kleines Loch in den Deckel gebohrt und presste die Flasche, sodass ein scharfer Wasserstrahl herausdrang, der meterweit spritzte. Dabei machte er Maschinengewehrgeräusche: »Rattatattatat!« Gleichsam verständlich auf Kurdisch, Arabisch und überall. Einem kleinen Jungen ballerten sie die Hose voll und lachten ihn aus, er habe sich eingenässt. Bis er weglief und wenige Minuten später eine Furie im schwarzen Tschador die Straße entlang rannte und die größeren Kinder vertrieb. Dieser Wasserkrieg hatte demnach mit einem Sieg der Frauen geendet. Dann war Bari aufgetaucht und mit ihm kehrten auch die Kinder zurück.
Nur Rezas Kontaktperson zeigte sich nicht. Er ging die Optionen durch für den heutigen Tag: Kaffee trinken. Noch mehr Kaffee trinken. Auf den verschneiten TV-Bildschirm in der Hotellobby glotzen und revolutionären Gesängen und Kriegsnachrichten folgen. Dabei Kaffee trinken. Vielleicht auch Tee. Er seufzte und stellte den Koffer auf die andere Seite seiner Unterschenkel. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte.
Sardascht schien fern vom Krieg, aber der Krieg war nicht fern von Sardascht. Er begann wenige Kilometer westwärts auf den Minenfeldern, in Richtung der irakischen Grenze, die keine zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt war. Über die Kelestraße dauerte es nicht länger als eine halbe Stunde, dorthin zu gelangen. Alle paar Wochen schlugen Artilleriegranaten ein. Man hatte sich wohl oder übel daran gewöhnt. Granaten, die der Westen an den Irak lieferte, Bofors aus Schweden. Die Iraner bekamen zum Ausgleich Sprengpulver von Dynamit Nobel aus Aschau im oberbayerischen Chiemgau. Malerisch gelegen. Die Amerikaner belieferten den Irak, auch die Franzosen und sogar die DDR. Der Iran wurde von der BRD beliefert, ebenso von den Amerikanern und den Israelis. Eigentlich belieferte jeder jeden und alle verdienten daran. Nur nicht die Leute in Sardascht.
Warum es Kriege gab, danach fragte hier keiner mehr. Die Kinder nicht den alten Bari und der fragte auch keinen. Jemand profitierte, mehr war nicht zu wissen. Leute wie Vance Parys. Und ja, auch Reza Sistani selbst, genau genommen.
Irgendwie hatte sich Pinocchio mittlerweile in einen Drachen verwandelt. Er sah noch aus wie vorher, aber Bari fauchte und die Kinder schrien aus Angst vor dem Ungetüm. Reza musste etwas verpasst haben. Leichter Wind war aufgekommen. Er kam von Süden und wenngleich der Rauch um Baris Kopf nun zur Geschichte und dem Drachen passen würde, war er verschwunden, vom Winde verweht.
Aus dem Westen nahten sie, und dass Reza nicht früher gewarnt wurde, war einer Plastiktüte geschuldet. Deren grobes Plastik raschelte und knirschte über den sandigen Grund. Auch sonst bemerkte niemand das Unheil. Erst als die Tüte hochflog und Rezas Blick ihr mit schläfriger Neugierde folgte, erkannte er die beiden Jets in der Luft. Fremdkörper, Stachel im natürlichen Blau von Gottes Himmelszelt, das keine Wolke störte. Schnell, dunkelgrau, flirrende Schemen, von denen sich zwei Punkte lösten und kaum drei Sekunden später zwei weitere, dann abermals zwei.
Reza hielt die Luft an, erst jetzt war das Donnern über ihnen, als die irakischen Suchoi über Sardascht hinwegfegten. Die Kinder stoben auseinander. Bari blieb, wo er war, und hielt die Marionette, als habe sich nichts ereignet. Reza dachte Scheiße und ließ sich einfach rücklings hinter die Mauer fallen. Er wollte seine Arme schützend um den Kopf legen, obwohl das viel zu spät und sowieso unwirksam gewesen wäre. Wenige Sekunden vergingen, seine Anspannung löste sich. Ein krachendes Scheppern ein paar Dutzend Meter entfernt war alles, was passierte. Dasselbe etwas weiter weg. Wie ein Verkehrsunfall, oder ein Kühlschrank, der aus dem fünften Stock geworfen wurde.
Ungläubig hob er den Kopf, spähte über die Mauer und sah sich um. Keine Explosion? Keine Zerstörung? Er hatte sechs Punkte gesehen, sechs Bomben, sechs Blindgänger auf einmal? Durfte man soviel Glück haben? War Gott wirklich so groß?
Bari war in die Knie gegangen, hockte im Inneren des Kreisverkehrs, die Marionette noch immer haltend. Reza blieb einen Moment in Deckung, dann erhob er sich und warf den beinahe leeren Koffer um. Das kleine Asadzadeh-Gässchen war getroffen worden, durch das er vom hundert Meter oberhalb gelegenen Hotel Puri gekommen war. Sie war verwinkelt, führte bergan, ein Baum wuchs in ihrer Mitte. Neben diesem lagen Trümmer auf dem Boden. Ein Haus wirkte beschädigt, die Bombe musste davon abgeprallt und schwer zu Boden gefallen sein. Weiter entfernt, oben auf der Anhöhe in der Nähe des Hotels, stieg hinter Gebäuden etwas Qualm in die Höhe.
Reza bemerkte neben Bari Blut auf dem Asphalt, vielleicht ein Splitter, der den alten Mann getroffen hatte. Als er über das Mäuerchen sprang, riss seine Oberarmwunde auf, aber den Schmerz spürte er kaum. Nicht jetzt.
Er lief zu dem Alten. Dem schien wenig zu fehlen, möglicherweise ein Schock. Die ersten Kinder erschienen wieder. Aus dem beschädigten Haus drang feiner Rauch, der sich gemächlich hangabwärts durch die Asadzadeh-Gasse wälzte und auf den Kreisverkehr ergoss. Süßlicher Gestank. Wie Müll oder verdorbenes Obst.
»Batscheha, yek doctor khabar konid. Hal-e pir-e mard khosh nist!«, rief Reza auf Persisch. Der Alte braucht einen Doktor. Plötzlich versagte seine Stimme und der Junge, der eigentlich loslaufen sollte, fiel ohne einen Mucks um. Bari hechelte.
Reza ging in die Knie und kniff die Augen zusammen. Sie tränten. Er riss sie auf, doch er konnte nichts sehen. Augenblicklich stockte der Atem. In einer Mischung aus Überraschung und aufkeimender Panik sprang er auf, seine Hände fuhren zum Hals und zu den Augen, sie waren nass, weit offen und dennoch sah er nichts.
»Ich bin blind«, schrie er auf Deutsch und hörte seine eigenen Gedanken, die ihn scholten, dass doch niemand ihn verstehen könne. »Hilfe, Hilfe«. Seine Stimme brach und er gurgelte, spuckte. »Komak!«, entrann ihm jämmerlich leise. Sein Hals brannte wie Feuer, als hätte er die schlimmste Angina aller Zeiten. Stand er? Lag er auf dem Boden? Tastende Schritte. Er trat auf etwas, war es Bari? Hoffentlich kein Kind. Er hörte eines weinen, irgendwo. Stieß gegen einen Widerstand, die Mauer. Wälzte sich darüber. Eine Frau rief, dann krächzte auch sie und ihre Stimme wandelte sich in Gurgeln. Stolpernd entfernte er sich und betete, dass es die richtige Richtung war, egal wohin, nur weg von dem, was ihn quälte, ihm das Augenlicht nahm und die Luft abschnitt.
Warnsirenen heulten. Jetzt erst? ›Sardascht ist nicht kriegswichtig, da besteht keine Gefahr‹, hörte er Vance sagen, als stünde der neben ihm. ›Don´t worry, buddy.‹ Kein militärisches Ziel.
Uninteressant für die Iraker? ›Fuck you, Vance Parys. Mister Asshole.‹
Mit dem Kopf stieß Reza gegen ein Hindernis. Seine Finger schabten über verwittertes Holz, Splitter drangen in den Handballen und unter die Fingernägel. Eine Tür. Er zog sie auf und ließ sich dahinter kraftlos fallen. Atmend, keuchend, vegetierend. Sterbend?
Acht Wochen zuvor: Bad Homburg, Westdeutschland
Die Nacht war wie dünnes Tuch, das sich über alles spannte und im Schatten beließ, was im Hintergrund lag. Gleichzeitig durchlässig genug, dass durch die Wipfel der im leichten Frühsommerwind rauschenden Blätterkronen alter Bäume die Sterne zu sehen waren. Mit Glück ließ sich der Blick auf das milchige Band der Milchstraße erhaschen.
Reza lachte impulsiv und zeigte weiße Zähne. Er wandte sich ab, kichernd, als einer der jugendlichen Golfer mit Anlauf in den riesigen Pool sprang. Die Spritzer trafen seinen Rücken und benetzten das helle Dinner-Jacket, aber das störte ihn nicht. Es war tagsüber für Ende April ausgesprochen warm gewesen, mehr als 24 Grad in der Spitze, und seine Laune konnte besser nicht sein. Er hatte ein ebenmäßiges, leicht gebräuntes Gesicht. Der schön geschwungene Mund versprach liebevolle Worte, eine kleine Narbe unterhalb des rechten Auges kündete von früheren Verletzungen, sie unterstrich seine männliche Erscheinung.
Die Party war in vollem Gange und noch immer kamen Gäste. Seineigener Tanz in den Mai. Reza, Dr. Sistani, galt als Mann von Wohlstand und Einfluss sowie raffiniertem Geschmack. Ihm zu Ehren wurde zu dem Fest geladen, obgleich es die Praetorius-Bank war, die es ausrichtete. Doktor Praetorius, der Hausherr, nahm es gelassen. Er konnte gönnen und belohnen, sagte er immer, und so ermöglichte er einem seiner besten Mitarbeiter den Erfolg an diesem Ort auszuleben. Er hatte Reza in die Bank aufgenommen, ihm als Ausländer den Weg in den Homburger Golfclub geebnet und seine Privatschatulle für die Bankenparty des Jahres geöffnet.
Schon am Eingang empfing das Anwesen die Besucher mit opulentem Glanz. Ein roter Teppich aus Samt führte vom kiesbedeckten Parkplatz hinüber zum gemauerten Clubhaus, wo Palmen Spalier standen und ihre Wedel im Wind wiegten. So wirkte der April fast wie August.
»Chef«, sagte jemand von der Seite und Reza unterbrach sein Gespräch mit einem Hauch des Bedauerns. Soeben hatte er die ersten verbindenden Themen mit der rothaarigen üppigen Schönheit gefunden und war nicht einmal dazu gekommen, nach ihrem Namen zu fragen. Er nickte ihr zu und wandte sich ab, das Versprechen murmelnd, gleich wieder da zu sein. Sie lächelte huldvoll, dann blieb sie alleine, doch nicht für lange.
Reza folgte dem jungen Mann, Svetozar Kron, einem seiner finanzanalytischen Programmierer. Tscheche. Anfang 20. Alternativ, mit Pferdeschwanz und Kraushaaren und einem schmalen Gesicht. Aber schlau. Hatte rübergemacht vor ein paar Jahren und sich als absolutes Talent entpuppt, was Recherche über das Use-Net und Mailboxen anbetraf. Hatte in kürzester Zeit gelernt, die ›Equities 2000‹-Handelsterminals zu bedienen und die Reuters-Volllizenz virtuos zu nutzen. Ebenso talentiert trug er den feinen Leihsmoking, den Reza ihm empfohlen hatte.
»Wieso bist du später gekommen, Sveto? Ist was in der Bank los gewesen?« Rezas Blick war auf das bunte Treiben gerichtet. Er beobachtete einige seiner Kunden und suchte andere, die es werden könnten.
»Es war ein Privatkunde da, der Informationen über Sonderanlagen wollte. Er hat Wiebke Wünscher von unten ziemlich genervt mit Fragen, bis jemand mich anrief.«
»Was für Fragen«, murmelte Reza so leise, dass Sveto ihn hörte, aber niemand seine Lippenbewegung sah.
»Anlagestrategie, Ihre Bewertungsverfahren, Ausschlusskriterien.« Svetos Stimme wurde unverständlich, als er sich abwandte und nach einem der angebotenen Häppchen griff.
»Kannst du dich bitte konzentrieren? Für‘s Essen ist den ganzen Abend Zeit.«
»Entschuldigung«, beeilte Sveto sich. »Er fragte nach dem Potenzial eines Investments von 250.000 Mark und dem Risiko.«
»Weiter?«, Reza hatte Franca entdeckt, die ihn aus ein paar Dutzend Metern Entfernung böse anfunkelte.
»Seine Fragen waren zielgerichtet, sehr zielgerichtet. Deshalb rief Frau Wünscher mich an.«
»Investiert er? Oder glaubst du, es war ein Journalist?«
»Kann ich nicht sagen. Er will sich melden«, Sveto kaute. Jetzt blickte Reza ihn ungnädig an. Schnell schluckte der junge Mann herunter. »Mir sah er nicht nach einer Viertelmillion aus. Irgendwie ungepflegt, struppiger Bart. Stechende Augen. Schlaksig.«
»Sondern?« Reza wollte nicht den Inhalt einer Kontaktanzeige hören.
»Eher nach 25.000 Mark – Jahreseinkommen als Verwaltungsbeamter. Finanzaufsicht. Oder Berufsrevolutionär.«
Sie lachten beide.
»Okay, wir werden sehen. Hat vielleicht geerbt.«
Sveto hob den fettglänzenden Zeigefinger. »Übrigens! Ich habe rausgefunden, wie man an den Terminals schon ab 14.30 Uhr die US-Vorbörse abrufen kann. Den Kundenbetreuern habe ich es sofort gesagt.«
Reza sah den Jungen mit großen Augen an. »Ich dachte, das wäre nicht möglich. Nur für amerikanische Analysten? Hast du wieder eine undokumentierte Funktion gefunden?« Sveto grinste. Nach einem Moment sprach Reza weiter. »Wo ist jetzt der, den du mir vorstellen wolltest?«
»Dort, das ist Herr Meierjohann.« Sveto zupfte an Rezas Ärmel und zog ihn weiter.
»Steht dir übrigens gut, der Frack«, murmelte Reza und musterte den untersetzten Mann, den er aus dem Fernsehen und der Presse kannte. Aloys Meierjohann, in Straßenkämpferjahren ›Ali‹ genannt. Hörte er heute nicht mehr so gerne, seit er für die junge Partei der Grünen im Wiesbadener Landtag saß. Zuständig für die Finanzmarktaufsicht. Zehn Jahre zuvor hatte er zur Frankfurter Putztruppe gehört, linksradikale Straßenkämpfer. Hausbesetzer. Betrieb eine linke Untergrunddruckerei im Westend. Längst alles legalisiert. Das Haus war ›instandbesetzt‹, die Druckerei im Innenhof druckte für die grüne Partei und zahllose Spontigruppen. Gleiches Denken, dachte Reza, legaler Anstrich. Er trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand hin. Aus der Nähe wirkte er noch beleibter. Parlamentsarbeit schien nicht gerade schlank zu machen. Sein Gesicht war pausbäckig, die Augen klein, aber sympathisch und irgendwie humorvoll. Er trug einen Topfhaarschnitt wie Oliver Hardy, der Dicke aus Dick & Doof. Ein dichter Bart verlängerte sein Gesicht.
»Herr Meierjohann, ich freue mich, Sie kennenzulernen.«
Ali schlug ein. »Ebenfalls.« Sein Blick fiel auf die schulterlangen Haare Rezas, für das steife Bankgewerbe ungewöhnlich. Er trat einen Schritt zur Seite, um Funken zu entgehen, die aus Fackeln stoben, die die Wege zu einem Pavillon markierten, im Zentrum des kleinen Parks gelegen, jenseits dessen die Golfplätze im Dunkeln lagen.
Der Abgeordnete sah sich um. »Das ist ja märchenhaft hier. Wie in Tausendundeiner Nacht.« Sein Blick wanderte zu dem Kristalllüster dort drüben, der in die Mitte des Pavillons gehängt war, unterhalb des gewölbten Daches. Die Ersten tanzten bereits. Zwischen dem Gartenhaus und dem Pool waren exotische Blumenarrangements angeordnet. Das Licht des Lüsters warf funkelnde Reflexe auf die Wasseroberfläche. Aktuelle Popmusik kam gleich aus mehreren versteckten Lautsprechern. Anregend, nicht zu aufdringlich. ›Shout‹ von Tears for Fears spielte.
»Schön, dass Sie kommen konnten. Ich habe viel von Ihnen gelesen. Herr Abgeordneter.«
»Meierjohann, nennen Sie mich einfach beim Nachnamen.« Er sah sich abermals um und musterte für einen Moment die polierten Marmorböden der Terrasse. »Ich habe ebenfalls einiges von Ihnen gehört, Herr Doktor Sistani. Nicht nur durch Sveto, auch aus der Szene.«
Reza lachte und zeigte Grübchen. Das wirkte immer. »Sveto wohnt bei Ihnen, ich weiß. Ich bin sehr dankbar, dass Sie ihm Unterkunft gegeben haben, als er aus dem Ostblock rüberkam. Er hat sich zu einem wertvollen Mitarbeiter entwickelt. Ein Talent.«
Sveto war noch geblieben, grinste jetzt verlegen und verschwand.
»Das mag er nicht«, bestätigte Ali. »Er ist bescheiden.«
»Das ist er, in der Tat. Herr Meierjohann, was möchten Sie essen?«
Bevor der andere antworten konnte, schritt Doktor Praetorius vorüber, in einem eleganten Zweireiher mit türkisfarbenem Einstecktuch. Reza machte Aloys und den Bankdirektor miteinander bekannt.
»Aha, Herr Kron wohnt bei Ihnen, Herr Abgeordneter«, parlierte Praetorius gelöst. Dann tippte er Reza schmerzhaft auf die Brust und grinste Ali an. »Ich habe diesem Mann hier gesagt: ›Der Junge aus der ČSSR hat Zukunft. Schauen Sie ihn sich wenigstens an.‹ Und das hat er getan.«
Sie lachten, Reza fand es unpassend, angepikst zu werden, aber er sagte nichts. Stattdessen trieb er das Gespräch weiter und teilte mit Ali ein neues Geheimnis.
»Svetozar hat Herrn Doktor Praetorius in der Tiefgarage aufgelauert und einfach angesprochen. ›Computer sind die Zukunft des Bankgeschäfts, Herr Direktor‹ hat er gesagt. ›Das sollten Sie wissen.‹ Ist das nicht drollig?«
Aloys staunte schweigend. Reza sagte nichts weiter. Es stimmte, Sveto war ein ungeschliffener Diamant. Noch dazu unprätentiös. Ohne ihn und seine Fähigkeiten wäre Reza längst nicht so weit gekommen.
»Über Ihr Geschäft würde ich gerne mal...«,begann der Abgeordnete, aber Reza entdeckte neue Gäste, wichtigere als ihn. Auch eine willkommene Gelegenheit, dem vielleicht unangenehmen Gesprächsverlauf zu entfliehen.
»Unbedingt. Ich melde mich bei Ihnen. Franca Frizzante...«, er reckte sich, dann zeigte er auf eine Frau Ende dreißig von herber Schönheit, etwa ein Dutzend Meter entfernt, mit tiefschwarzen langen Haaren und einem ausgeschnittenen goldenen Paillettenkleid, das nicht ganz dem Anlass gemäß war. »Sie wird Ihr Büro anrufen. Bitte entschuldigen Sie mich.«
Mit diesen Worten wandte er sich ab. Meierjohann war bedeutend, aber er hatte Meredith Midas erspäht und die würde zweifellos sofort auf ihn zustürmen und das ließ er lieber nur geschehen, wenn nicht potenziell wichtige oder gefährliche Leute in der Nähe waren.
Gäste, viele davon mit funkelnden Juwelen geschmückt, schritten in Richtung des Pavillons, um zu tanzen, nachdem sie erste Happen am Buffet genommen hatten. In den eleganten Salons des Clubhauses genossen einige noch das Festmahl. Ein Gourmetkoch war von Doktor Praetorius eingeflogen worden, der Symphonien auf exotischen Aromen und kulinarischen Köstlichkeiten zelebriert hatte. Von Austern in Champagnersauce bis hin zu hauchdünn geschnittenem Kobe-Rindfleisch war beinahe jede Fantasie erfüllt. Reza vermisste einfaches Ghorme Sabzi, wie seine Großmutter es gemacht hatte, doch das kannte hier keiner.
»Doktor Sistani«, drang Merediths Stimme von weitem zu ihm. Schrill und laut. Er seufzte und setzte sein bestes Grinsen auf, unschuldig jungenhaft, mit einem Zug lasziver Frivolität, wie sie es mochte. Schon war sie heran. Ungestüm umarmte sie ihn und sog tief die Luft ein.
»Ahhh, ich liebe Ihren Duft. Männlich und verrucht. Minzig und melonig.« Nur wer genau hinhörte, erkannte noch eine Spur des rollenden Dialekts ihrer ostpolnischen Heimat.
»Halston, wie immer«, grinste er. Sie drückte ihn erneut an ihre üppige Brust und er musste gleichfalls an Melonen denken.
Meredith Midas hieß eigentlich Malgorzata Oborski. Hatte als unschuldiges junges Ding aus Krosno östlich von Krakau bei einem Schweden-Trip 1970 Carl Serung kennengelernt, den Altvater des schwedischen Pornos. Ihm schenkte sie ihre Unschuld, und er der kleinen Malgorzata alle Sauereien, die sich ein abartiges Männergehirn ausdenken konnte. Zunächst auf 16mm Zelluloid gebannt, zuletzt auf Betavideo. Man ging mit der Zeit. Es gefiel ihr nicht nur, sie lernte unaufhörlich. Erst als seine Fantasien selbst ihr zu krass wurden, löste sie sich von ihm und kam 1981 nach Frankfurt, um eine eigene Produktion aufzubauen, als Meredith Midas. Mit einer Videokamera, die sie Carl geklaut hatte. So viel Teilhabe musste sein.
»Sie sehen fantastisch aus, Allerliebste«, log Reza, denn sie sah beschissen aus. Wie Mitte vierzig, und war doch nicht einmal Mitte dreißig. Verlebt und durchgezogen. Überschminkt, um Ränder unter den Augen und Falten rund um die Mundwinkel zu verdecken.
Sie winkte ab. »Keineswegs. Mir geht es hundeelend. Kaum bin ich in Monte Carlo eingezogen, ist die Wasserleitung kaputt. Beim Nachbarn gehe ich aufs Klo und dusche da.« Sie machte ein verächtliches Gesicht. »Dabei ist der schwul, lebt mit einem alten Beau. Nichts ist mir vergönnt.« Rezas Grinsen übersah sie. »Und das Geschäft... dann das Geschäft. Habe mir ein zweites Bahnhofskino gekauft.« Sie hustete schwer. »Bald gehört mir die Kaiserstraße ganz. Im Aphro-Lux habe ich außerdem ein Studio eingerichtet. Da produziere ich selbst. Sieben Tage die Woche.« Sie nickte stürmisch, und Reza tat es ihr nach, weniger euphorisch. »Die Wertschöpfungskette liegt voll in meiner Hand. Das nächste Ding ist V-H-S – Video Home System«, sie dehnte das Kürzel, als sei das Videoformat eine edle Blumenart. »Damit beliefere ich die Videotheken.«
»Laufen die Geschäfte denn gut? Sie überweisen ja ordentlich und kaufen immer neue Anteile.« Reza beugte sich vor, als wolle er ihr in den tiefen Ausschnitt pusten. »Ich weiß bald nicht mehr wohin mit Ihrem Geld.«
Beide kicherten wie Schüler nach einem schmutzigen Witz.
»Es läuft gut. Ich habe nur Ärger mit den Putzfrauen. Die kapieren das Konzept der Pornokinos nicht. Stören sich am Gewichse. Gut, das mit den Exkrementen ist unschön. Aber so läuft das Business eben. Ist wie eine beheizte Wartehalle. Kein Kunstbetrieb.«
Reza hustete indigniert. Er sah sich um, beinahe erleichtert erkannte er den knochigen Nacken von Vance Parys, der am Buffet stand und ihm den Rücken zudrehte.
»Ich baldowere gerade was mit Alberto Codacorta und Titus Hung aus. Riesensache. Wir wollen eine erotische Kurzgeschichtensammlung von Byron Alvarado verfilmen. ›Fantasia Vaginalia‹.«
»Eine Story vom ungekrönten König des US-Pulp mit dem Altmeister des Hong Kong Kinos und dem Titan der Italo Disco?«, fragte Reza ungläubig. Er wusste, dass die sich kannten. Sie alle hatten bei ihm investiert. Aber dass sie mit Meredith arbeiten wollten... manches überraschte ihn doch immer wieder. Der Umzug der Pornokönigin nach Monte Carlo war durch alle Gazetten gegangen und hatte ihr jede Menge Aufmerksamkeit beschert. Offenbar erfolgreich. Die Münchener Schickeria war out. Es war abzusehen gewesen, seit Michael Cretu und Sandra nach Ibiza abgehauen waren. Dann nun wohl Monte Carlo.
»Alvarado ist jetzt zehn Jahre tot, die Rechte sind günstig. Der arabische Raum ist in aller Munde.«
Reza schüttelte den Kopf. »›Fantasia Vaginalia‹ spielt angeblich in den 20er Jahren in Teheran. Das ist nicht Arabien.«
Sie winkte ab. »Vollkommen egal. Weiß doch auch keiner, wer der Ayatollah Hussein ist, der da Krieg in Afghanistan macht.«
Reza schloss die Augen und atmete ein. Besser schweigen. »Nein, das weiß keiner. Stimmt.« Sein Blick wanderte wieder zu Vance.
»Alberto und Titus wollen auch kommen. Das haben sie jedenfalls gesagt«, frohlockte Meredith.
Reza zeigte auf die lange Theke, an der ein Barkeeper kunstvolle Cocktails mit seltenen Spirituosen und frischen Früchten mischte. Das Klirren von Kristallgläsern vermengte sich mit dem heiteren Gemurmel der Gäste und löste sich in einer entspannten Atmosphäre auf. »Wollen Sie vorgehen? Ich komme dann gleich hinterher. Ich will nur einen Bekannten begrüßen.«
Sie kniff zwinkernd ein Auge zu und schob ab in Richtung der Bar.
Leise seufzte er, als er sich in Bewegung setzte zu dem Amerikaner. Er nickte hierhin und dorthin, dann tippte er letztlich Vance auf die Schulter. Neugierig drehte der sich um. War das Lächeln gefroren zuerst, taute es augenblicklich auf. Er bewegte sich schnell, dabei elegant und nahezu lautlos.
»Doktor Sistani, eine Freude. Es ist länger her, dass wir uns begegnet sind.«
Vance Parys war groß und hager. Der edle Anzug maßgeschneidert und schlackerte dennoch. Seine Haare militärisch kurz geschnitten, die Augen schimmerten hinter dicken Brillengläsern wie Greenbacks. Er lebte eine disziplinierte Strenge. Die Brille musste ein Accessoire sein, denn Reza hatte ihn bei früheren Gelegenheiten sich mühelos ohne Sehhilfe bewegen und orientieren sehen. Trug er sonst Kontaktlinsen?
»Was machen die Geschäfte, Vance? Und meinen Doktortitel, den brauchen wir doch nicht, hm?« Er zwinkerte.
Der Ami hob ergraute Augenbrauen. »Unbedingt, den haben Sie sich redlich verdient, oder etwa nicht?«
»Nun ja«, nickte Reza. »Klar hat der mir immer wieder mal die Türen geöffnet. Ein Titel macht Eindruck, viele reden mich immerfort so an. Oder fragen: ›Sie haben promoviert? Wo denn? Wie denn?‹«
Vance grinste schräg. »So entgeht man anderen Fragen zu seiner Vergangenheit, stimmt‘s?«
»Das auch«, Reza bemühte sich um ein lautes Lachen, doch irgendwie klang der Ami nicht, als wolle er einen schalen Witz machen. »Wie geht es der Forcirain Hamburg?«
»Alles safe bei uns. Wäre peinlich, als globale Organisation für diskrete Geschäftslösungen, wenn es nicht so wäre. Wir befinden uns in der Anbahnungsphase einiger sehr vielversprechender Projekte. Es sind noch vor Jahresende größere Investitionen zu tätigen. Und wir haben jetzt einen weiteren bedeutenden Kunden für unsere neuen Silence-Wire-Transaktionen. Das wäre was für Sie. Direkte Zahlung über Kreditkarte ohne viel Papierkrieg. Nicht nachzuverfolgen.«
»Nicht nur für mich«, Reza sah in Richtung der Bar, Meredith war nicht zu entdecken. »Sie kennen Meredith Midas, sie hatte mir damals Guthaben vorgestreckt, mit dem ich mich bei ›Microtech Implants Inc.‹ einbringen konnte. Dank Ihres Tipps machte ich die Rendite meines Lebens.«
Parys lachte. »Gott, das ist ewig her. Wann war das? 1983? Seitdem hat die Welt sich gewandelt.«
»Klar, aber auch unser Direktor Praetorius war beeindruckt. Doch er war zu zögerlich. Er wollte ja nicht. Wenigstens kann er gönnen.« Beide lachten. »Jedenfalls, die Midas könnte an Ihrem Silence-Wire-Verfahren interessiert sein. Sie ist im Geschäft der Boobs-&-Babes, Sie verstehen?«
»Klar, die Midas und die Porno-Branche? Mein erster Kunde des Verfahrens ist Pornoproduzent. Ein Schwede.«
Reza grinste. »Dann kennt Meredith ihn vielleicht. Sie sollten mal reden. Ich mache Sie bekannt.«
Parys hielt ihn zurück, als Reza sich in Bewegung setzen wollte. Er sprach jetzt leiser. »Ich habe Ihnen den Zugang zum Netzwerkknoten der Georgetown Universität gegeben. Haben Sie den ausprobiert?«
Reza schüttelte den Kopf. »Das wird Sveto für mich tun, aber... es ist noch zu früh. Wir haben uns sehr gut mit den IDN 700 MRV-Terminals arrangiert. Die Reuters-Netze sind eine Fundgrube.«
Parys legte den Kopf schräg, er blieb freundlich, die Enttäuschung war ihm trotzdem anzumerken. »Sie sollten die Chance nicht ungenutzt lassen. Was kostet Reuters, 6000 Mark im Monat?«
»Wir haben die Volllizenz: 12.000 Mark. Kurse, News, Breaking News und Produktverwaltung. Keine Sorge, ich sehe mir das an. Aber erst muss ich etwas arbeiten.«
Die grünen Augen von Vance weiteten sich. »Und was machen Sie jetzt gerade? Ist das keine Arbeit? Also, ich arbeite immer, selbst wenn ich mit Ministerpräsidenten golfe oder mit Müllunternehmern speise.«
Reza wandte sich zum Gehen und drückte den Unterarm des Amerikaners. »Nein, Sie mag ich Vance. Sie sind keine Arbeit, Sie sind mir eine Freude. Jetzt rede ich mit einem Journalisten von der Wochenzeit. Das ist Arbeit.«
»Dieser Sam etwa? Der immer wieder einen über Sie fahren lässt? Der stresst mich schon, wenn ich ihn lese. Dieses Namenskürzel... Sam.«
Reza kniff ein Auge zusammen und feuerte mit dem rechten Zeigefinger eine unsichtbare Pistole ab. »Genau diesen Sam. Bin gespannt.«
»Westward-Ho«, rief der Ami und übertönte Frankies ›Relax‹ im Hintergrund.
Reza suchte Franca. Sie wusste Bescheid, wo war die bloß?
Meredith lief mit zwei Typen im Arm quer über die Wiese zum Pavillon. Wofür gab es Wege? Wer brauchte die? Sie hatte Titus Hung und Alberto Codacorta gefunden. Alberto, der Italiener, breit wie ein Bulle. Ende dreißig, untersetzt, breitschultrig. Sein Stiernacken sprengte jeden Hemdkragen und ging nahtlos in den massigen Schädel mit den hohen Wangenknochen über, die ihm einen Hauch von brutaler Verwegenheit verliehen. Schön war er nicht. Aber wenn er auf der Bühne als ›Whimsy‹ auftrat und fetzige Popsongs zum Besten gab, oft in Klamotten, als stammten sie aus dem Leichensack von Elvis, war das alles vergessen. Der Kerl war eine Partysau und konnte singen, selbst wenn seine Sprechstimme klang, als würde man eine Katze gegen ihren Willen über das Dach eines Parkhauses schleifen.
Titus Hung war Philippino. Ein kleiner Mann, schwarzblaue Haare, mit Sicherheit gefärbt. Mitte 50. Der Altmeister des billigen Hongkong-Prügelkinos: ›Der letzte Kampf der Krallenkrieger‹, ›Operation Todesdschunke‹, ›Schwarzer Drache: Mädchen, verdorben und versklavt‹. Meisterwerke für die, die es brauchten. Einen Kopf kleiner als Meredith, er hätte in Codacorta reingepasst. Das ungleiche Trio schritt humpelnd und angeheitert zur Tanzfläche. Vielleicht gab Whimsy sogar einen Gastauftritt? ›Cold like Ice, kill me nice‹ gefiel auch Reza. Zunächst musste er aber mit diesem Sam reden.
Erleichtert entdeckte er Franca, seine rechte Hand. Er sprang auf die kleine Italienerin zu, die ihm häufig in kritischen Gesprächen den Kragen gerettet hatte. »Du musst mir helfen!«
Sie verzog das Gesicht, ihr Blick blieb wütend und drückte Enttäuschung aus. Sie hob gebieterisch den Zeigefinger. »Schon klar. Da hinten ist sie. Neben dem Pavillon.«
Er folgte ihrer Geste, eine dunkelhäutige Frau stand dort. »Häh? Nein, ich suche den Journalisten von der Wochenzeit.«
Franca sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Dann wies sie wieder in Richtung des Pavillons. »Bist du blind? Da steht die.«
Reza drehte sich um. Francas Finger deutete auf einen kleinen Tisch neben dem Tanzpavillon. Meredith in ihrem roten Kleid war zum Mittelpunkt geworden. Dort gab es Getränke, dahinter stand ein Mann in Livree, davor, Reza zugewandt, eine Frau. Anmutig, schlank, groß gewachsen, in einem weißen Kleid. Tiefschwarze Hautfarbe.
»Die da?«, raunte er.
Franca gab ihm einen Stoß. »Ja, habe ich tausendmal gesagt. Shila Abó Malungu. Sam. Wie S-A-M.«
»Sam«, murmelte Reza vor sich hin, als hätte er den Verstand verloren, während er auf sie zuschritt. »Eine Frau!« Hastig holte er sich die Kontrolle zurück und setzte sein gewinnbringendstes Lächeln auf. »Immerhin.«
Neben der Journalistin standen zwei Gläser. Soeben erhielt sie ein weiteres und trank. Sie musste durstig sein.
Rechter Hand am Pool unterhielt sich Doktor Praetorius mit einem Redakteur der Wirtschaftswoche. Die waren Reza stets wohlgesonnen. Er hätte gerne mit ihm getauscht. Der Bankdirektor war ein Mann von geistlicher Leibesfülle, wie er bisweilen lächelnd betonte. Er sah sich in der Tradition gut genährter Mönche, sagte er immer. Stammte aus Ostpreußen und hatte dort alles und auf der Flucht die Großeltern und die Mutter verloren. Der Vater war im Krieg geblieben, die Mutter unter einer Horde russischer Soldaten, wie er ein einziges Mal schmerzhaft in sein Inneres hatte blicken lassen. Der Direktor trug einen dunklen Zweireiher mit türkisfarbenem Einstecktuch. Er liebte guten Whisky, Zigarren und eine Frau, die er schon als Kind gekannt hatte. Auf seiner Nase saß eine kleine runde Hornbrille, meistens etwas schräg. Früh ergraute Haare hingen ihm über die Stirn, dabei war er erst Mitte fünfzig. Er wahrte vollkommen die Erscheinung eines weisen Finanzmagnaten.
Der Direktor formte mit Daumen und kleinem Finger das Telefonzeichen in seine Richtung. Reza blinzelte nickend, dass er verstanden habe.
›Tonight, tonight, tonight‹ von Genesis wurde gestoppt. Einen irritierenden Moment lang lief Reza ohne Musikuntermalung auf Sam zu und hörte das Klackern seiner eigenen Schuhsohlen auf den Marmorplatten. Sie blickte ihm reglos und ernst entgegen, dann hämmerten die Beats von ›Cold like Ice, kill me nice‹ durch die Nacht. Er erreichte die Journalistin.
»Der berühmte Doktor Reza Sistani«, begann sie grußlos, aber hielt ihm ihre Hand hin, mit dem Handrücken nach oben. Reza verstand. Er ergriff sie und deutete einen Handkuss an, als Whimsy einige Meter entferntanfing zu singen. Ohne Mikro, er johlte einfach über seine eigene Platte hinweg. Die Leute rasteten aus und feierten ihn.
»Die berüchtigte Sam«, seine Blicke wanderten von ihrem Handrücken nach oben zu ihrem Gesicht, den vollen Lippen, an der schmalen Nase vorbei zu den großen und ausdrucksstarken Augen.
»Shila Abó Malungu«, stellte sie sich vor.
Reza nickte. »In der Wochenzeit nur als Kürzel ›Sam‹.«
Sie zuckte die Schultern und reichte ihm ein Glas Champagner, das der Diener bereitgestellt hatte. Reza lehnte ab. »Wasser, bitte.«.
»Mein Name bringt Missverständnisse. Shila kapiert noch jeder. Abó... mein eigentlicher Nachname. Aber dann landen bei mir die Leute, die ihr Zeitungsabo verlängern wollen. Oder kündigen. Malungu ist meine Geburtsstadt in Zaire. Habe ich dahintergesetzt. Klingt auch besser.«
»Oh, Zaire.« Er staunte.
»Kennen Sie?«
Schnell schüttelte er den Kopf. »Nein, ich war nie dort.« Das war gelogen, aber was kümmerte sie das? »Sind Sie schon als Kind in die Bundesrepublik gekommen?«
Sie schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Drink. »Ich habe über ein Austauschprogramm Deutsch gelernt und dann bei der Lufthansa in Kinshasa gearbeitet. Als intern eine Stelle frei war, ergriff ich die Chance und ließ mich versetzen. Erst Stuttgart, dann eine kurze Zeit in Frankfurt. Aber Finanzen sind spannender. Geld ist mein Ding.«
»Meines auch.« Er zwang sich zu einem Lächeln. Bei der Lufthansa hatte er ebenfalls einmal gearbeitet, in einem früheren Leben. Zufälle gab´s ...
»Ich wollte Sie unbedingt treffen und war froh, als Doktor Praetorius mich einlud.«
Reza griff das gebotene Glas Wasser und trank. »Wundervoll, sonst lesen wir ja nur übereinander.«
»Ich habe viele Fragen...«, sie hielt inne. »Irgendwo las ich, dass Sie als Waise aufgewachsen sind, bei Ihrem Onkel.«
Ein Schatten fiel über Rezas Gesicht. Er fing sich und mühte sich um ein Lächeln. Shila war das nicht entgangen.
»Stimmt es, dass er Geistlicher war und Sie keine glückliche Kindheit hatten?«
»Woher haben Sie denn das? Ja, er war Imam einer kleinen Gemeinde in Kermanshah. Meine Eltern sind im Krieg ums Leben gekommen, als die Briten einmarschierten. 1941. Es war nicht einfach. Mein Onkel war ein jähzorniger Mensch. Ganz anders meine Tante.«
»Stimmt es, dass Sie es nicht ertragen können, wenn Sie kein Radiergummi in der Nähe des Schreibtisches haben?«
Reza lachte laut los. Gäste drehten sich um. »Ja, wieso wissen Sie denn sogar davon? In meiner Kindheit gab es Bleistifte in Hülle und Fülle. Mein Onkel schrieb seine Predigten damit. Aber er konnte den Koran auswendig und brauchte kein Radiergummi. Es gab also keine. Und ich war dadurch gezwungen, immer zu meinen Fehlern zu stehen, denn ich konnte sie nie korrigieren. Höchstens mich gekonnt rausreden.«
»Aha.« Shila nickte. Immer wieder sah sie zu dem Pavillon und dem zuckenden fetten Mann in dessen Mitte. Verwirrt, überrascht. »Ist das da wirklich Whimsy auf der Tanzfläche? Oder eine Parodie?«
»Einer meiner Kunden, ja. Ein wenig exzentrisch. Aber nett.« Er war froh, dass sie das Thema wechselte. »Er ist es in der Tat.«
Sie starrte den Sänger an, als könne sie es nicht glauben. »Die Musik ist gut, sein Englisch ist furchtbar schlecht. Und er sieht so gar nicht nach Bühne aus.«
Reza grinste. »Aber so ist Alberto Codacorta. Vielschichtig.«
»Gott«, sie blickte Reza direkt ins Gesicht. »Codacorta? Das ist Italienisch für Kurzschwanz. Heißt der wirklich so?«
Er lachte laut und schallend. »Ja doch, auf den Kontoauszügen steht es.« Sie kicherten beide. Reza nestelte eine Visitenkarte aus der Hosentasche und reichte sie ihr. »Falls Sie mich mal sprechen wollen, da stehen auch meine Adresse und Privatnummer, so dass Sie jederzeit...«
In diesem Moment ereignete sich der Höhepunkt des Abends über ihnen. Ein glitzerndes Feuerwerk erstürmte den Himmel und überstrahlte die funkelnden Sterne. Die Farben explodierten in einem bunten Rausch und die Gäste jubelten staunend, als die Funkenregen wie Diamanten auf die Erde fielen und im Gras und zwischen den Bäumen verloschen. Sam lächelte, ihre Worte gingen in dem Krach unter, sie steckte die Karte in ihre winzige Designerhandtasche.
Er hoffte, das Eis damit gebrochen zu haben. Für heute war das Risiko vorbei. Alle weiteren Gespräche würden frühestens morgen folgen.
Rüber in den Westen
Magdeburg, Bahnhofstraße. Donnerstag, 30. April. Verabschiedung einer FDJ-Delegation. Hoffnungsvolle Menschen mit einem festen Klassenstandpunkt, die in Frankfurt am Main an einer Tagung zur Vorbereitung des Festivals der Jugend 1988 in der BRD teilnehmen sollten.
Junge Pioniere standen Spalier für ihre älteren Genossen. Sie hoben die rechte Hand zur Mütze und entboten ihren Gruß. In manchen Gesichtern lag Vorfreude auf das lange Wochenende oder die Freizeiten und Aufmärsche am morgigen 1. Mai. Sie alle waren eingebunden in unterschiedliche Aktivitäten. Auf nicht wenige der zurückbleibenden Kinder wartete außerdem ein feuchtfröhlicher Feierabend mit Eltern und Nachbarn, gemeinsames Grillen in der Datsche oder ein spannender Fernsehabend.
Das Wetter war launisch. Tagsüber hatte immer wieder sanfter Regen die Straßen und Gehwege benetzt. Es duftete nach frischer Erde und nassem Gras. Ada sah sich aufmerksam um. Die FDJ-Truppe war angetreten, ihre Freundin Pamela fehlte. Ihretwegen war Ada gekommen. Sie beide waren in der FDJ aktiv und mit 20 Jahren gehörten sie zu den Älteren. Bereits neunzehn Uhr – es sollte doch bald losgehen.
Es herrschte große Aufregung, für die allermeisten lockte die erste Fahrt in den Westen. Vorfreude auf Kulturarbeit mit Gleichgesinnten war spürbar, die Neugierde auf neue Orte, gemeinsame Erlebnisse mit den Genossen im Westen und das große Abenteuer. Dennoch waltete Disziplin. Alle waren handverlesen. Jungfunktionäre der Polytechnischen Oberschulen und der Partei. Zusätzlich hatte sich eine Delegierte vom Kulturbund eingefunden, Frau Eberspacher, mit p. Bisweilen Fräulein Rottenmeier genannt, wie die furchtbare Gouvernante aus dem Roman ›Heidi‹. So schlimm war sie auch wieder nicht, nur fast.
Die tiefstehende Sonne zeigte sich als verwaschener und blasser Fleck hinter den Wolken. Der leichte Wind brachte angenehme Frische.
Der Bus war schon da, stand am Rande des Bahnhofsvorplatzes. Gruppenführer Heinlein hatte Grippe, für ihn war Genosse Stickan eingesprungen. Einige FDJ-ler tuschelten. Stickan und Eberspacher hassten sich. Verwirrung machte sich breit. Die jüngeren kannten ihn nicht, immer noch fehlte Pamela, Adas Freundin und ihr unfamiliärer Zwilling, wie viele sagten. Der Busfahrer öffnete die Ladeluken des Ikarus, das beschäftigte alle für einen Moment, da sie ihre Koffer verstauen mussten.
Ada setzte sich ab, Pamela wohnte nicht weit von hier. Was war denn los? Eilig, nicht rennend, lief sie die Straße entlang, bog zweimal ab und stand unvermittelt vor ihr. Genervt schleppte die einen offenbar schweren Koffer neben sich her.
»Pamela«, rief Ada und reichte ihr helfend die Hand. »Was ist los? Die anderen sind längst am Sammelpunkt.«
Stur latschte sie weiter an Ada vorbei. »Ich habe keine Lust. Klaus hat jetzt doch Zeit und stattdessen fahre ich mit einer Kinderhorde nach Frankfurt.«
Ada glaubte, nicht richtig zu hören. Sie holte auf und ging neben ihr.
»Du fährst in den Westen, Pamela. Andere beneiden dich darum. Es geht um etwas. Das Vorbereitungstreffen von SDAJ und dem Spartakus-Bund für das Festival der Jugend ´88 im kommenden Jahr. Eine riesige Gelegenheit. Wir müssen unseren Anteil leisten. Von wegen Kinderhorde. Der sozialistische Mensch soll rational sein.«
»Geh‘ mir weg mit deinen Sprüchen, der sozialistische Mensch ist auch Mensch. Meinen Anteil will ich mit Klaus leisten. Der ist Brigadeleiter im SKET und ab nächste Woche für einen Monat in Wolgograd. Wann soll ich ihm denn mal näherkommen? Dir ist es so wichtig, fahr du!« Bevor Ada etwas sagen konnte, plapperte sie weiter. »Du bist sowieso besser geeignet. Als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Dir geht es um Kultur. Du hast an der Uni einen Poesieclub gegründet. Das ist dein Ding da in Frankfurt.«
Ada schüttelte den Kopf. »Alle beneiden dich, Menschenskind. Ich auch.«
»Dann fahr also du!«
»Kann ich nicht. Das weißt du. Meine Mutter will das nicht.«
Ada lief voran, als Pamela plötzlich stehenblieb. »Deine Mutter ist in Leningrad, oder nicht?«
Ada verharrte. »Ja, sie ist in Leningrad. Du weißt, wo sie arbeitet. Und sie hat Angst, dass mir was passiert.«
Pamela lachte verächtlich und zog die Nase hoch. »Als wenn dir was passiert. Sie ist bei der Firma, nicht du.«
»Bist du denn so dumm oder kapierst du es nicht? Ich oder sie, ist doch egal. Ich glaube, sie war im Westen eingesetzt. Weißt du nicht mehr? Damals? Als wir klein waren, wo ich wochenlang bei Papa wohnen musste?«
»Musste ick ooch, wenn die Alten sich wieder jefetzt hatten.« Pam schob trotzig die Unterlippe nach vorne.
»Meine Eltern haben sich nicht deswegen getrennt. Ich meine was anderes. Die im Westen kennen vielleicht den Nachnamen Darburg. Also auch meinen. Wer weiß, was noch alles. Ich muss mich außerdem um Oma Gertrud kümmern.«
Wortlos lief Pamela vorbei. Unverständnis im Blick mit einer Spur Verachtung gepaart. »Deine Oma... geht´s echt um die? Was ist denn mit diesem Pedro, dem Funktionär eurer Hochschul-PO?« Kurze Denkpause. »Ist Genosse Heinlein wirklich krank?«
»Klar, Parteisekretär Stickan springt ein. Der ist bestimmt nett. Und Pedro... der reagiert einfach nicht. Ich bin wohl nicht sein Typ.«
Pamela lachte hämisch. »Schade um Pedro.« Mehr sagte sie dazu nicht. Verflossen war Vergessen für Pamela. »Stickan. Der eitle Pfau? Weißt du nicht mehr? Im Zeltlager vor zwei Jahren hat der uns immer verwechselt. Wir hatten nicht einmal die gleiche Frisur, anders als heute.«
Jetzt lachte Ada. Pamela hatte recht. Sie trugen beide die braunen Haare offen und schulterlang, waren ähnlich groß, schlank und hatten eine kleine Nase. Sie hätten Schwestern sein können. Zwillinge sogar.
Pamela ließ nicht locker. »Komm Ada. Du hast dich im letzten Jahr freiwillig im Sommer zum Arbeitseinsatz gemeldet. Du hast was gut. Ich bin in der Produktion, jetzt im siebten Semester Maschinenbau. Bei dir ist der Praxisabschnitt erst nächstes Jahr. Und du machst Physik, viel weniger stressig. Die Tage könnte ich super mit Klaus verbringen. Du hast zwei Wochen Urlaub, oder nicht? Am Dienstag bist du wieder da.«
Ada rollte die Augen. Physik weniger stressig? »Warte einen Moment.« Sie blieb neben einer Telefonzelle stehen und nestelte eine 20 Pf.-Münze aus der Jeanstasche. Sie schlüpfte in das Glashäuschen und wählte eine Nummer hier in Magdeburg. Die Tür hielt sie auf, damit Pamela mithören konnte.
Aus einiger Entfernung drang lautes Hupen. Anscheinend war der Bus bereit und der Fahrer wollte abfahren. Ada wechselte ein paar Worte, dann steckte sie den Kopf durch den Türspalt.
»Oma hat kein Telefon, ich habe den Abschnittsbeauftragten angerufen, der läuft rüber zu ihr.« Sofort zog sie den Kopf wieder ein. Das Gespräch dauerte nicht lange. Dann sprang sie aus der Kabine. Hinter ihr das Schild: ›Fasse dich kurz‹ – wie immer vorbildlich.
»Oma sagt, sie sei fies erkältet und fragt, ob ich nicht erst nächste Woche kommen will.« Sie grinste.
Pamelas Mund stand offen. »Du machst Witze? Was hindert dich denn? Statt mir fährst du und gut ist.«
Ada schüttelte den Kopf. Beide lachten. Dann nickte sie. »Gut, ich fahre. Du hast recht, Stickan wird es nicht merken. Die Gruppe kennt mich nicht, wir Älteren sind ja nur die Aufpasser.«
Pamela ließ den Koffer auf den Boden fallen und umarmte sie, dann zog sie ihren Pass aus der weißen Lederhandtasche mit Fransen. »Den brauchst du.«
Ada gab ihr ihren eigenen. »Wir sind handverlesen. Nur auf der Westseite wird man genau hinschauen und als eine von 35 Personen falle ich nicht auf.« Plötzlich war sie mutig und zuversichtlich. Vier Tage in den Westen, ohne Scherereien wieder zurück. Niemand würde sie vermissen. Und sie könnte was Gutes tun für das Festival der Jugend, indem sie die mitreisenden FDJ-ler unterstützte mit dem, was sie in den Kaderschulungen gelernt hatte. Das würde sie besser hinbekommen als die Freundin.
Pamela trat einen Schritt zurück. »Dann verschwinde ich jetzt. Nimm den Koffer. Schloss gibt es nicht.« Sie schob ihn mit der Fußspitze zu ihr.
»Ist die Unterwäsche wenigstens frisch? Und keine kratzigen langen Unterhosen diesmal?«, lästerte Ada und griff zu.
»Blöde Kuh«, grinste Pamela, drehte sich um und lüpfte ihr Röckchen für eine Sekunde. »Wenn´s dir im Schritt juckt, ist es jedenfalls nicht meine Wäsche.« Dann stolzierte sie davon, mit einem ausgeprägten Hüftschwung.
»Den Schlampengang spar dir besser für deinen Klaus«, johlte Ada ihr hinterher.
»Oh ja«, gab Pamela über die Schulter laut zurück. »Der kriegt mehr als nur diesen Schwung.«
Ada beeilte sich und schleifte den Koffer rumpelnd hinter sich her. Die Truppe mit den blauen Hemden saß längst im Ikarus, weithin sichtbar. Stickan wartete ungeduldig neben der offenen Tür. »Fräulein Gollnow, jetzt wird's aber Zeit. Wir sind überfällig.«
Parteisekretärin Eberspacher stand am Straßenrand und funkelte Stickan böse an, als habe er persönlich Adas Verspätung zu verantworten.
Er half ihr, den Koffer in die letzte verbliebene Lücke im Bauch des Busses zu hieven und schlug die Klappe zu. Ada sprang die Stufen hoch, jetzt hatte sie plötzlich große Lust auf den Trip.
»Freundschaft, Genossen«, rief sie euphorisch und ein vielkehliges »Freundschaft« schallte ihr entgegen.
Der Busmotor heulte auf und der Ikarus setzte sich langsam in Bewegung. Sie lief bis nach hinten durch. Da gab es noch Platz. Die Unsicherheit war verflogen, die Neugierde ließ sie beinahe platzen. Mama war im Westen gewesen. Bestimmt öfter als sie zugegeben hatte. Und nun würde sie das auch alles sehen. Aber ob sie ihr später davon berichten wollte, wusste sie nicht. Mama würde sie erwürgen.
Es begann zu regnen. Während die Landschaft draußen vorüberzog, beobachtete sie den Parteisekretär, der vorne saß und interessiert umherschaute. Er war anders als Heinlein. Ebenfalls nett und bemüht, jedoch hölzerner. Unsicherer? Ein Schreck durchfuhr sie. Vielleicht war er auch bei der Firma? Auszuschließen war das nicht. Sogar wahrscheinlich, dass sie nicht ohne ›Betreuung‹ fuhren. Sie kannte niemanden hier, aber zwei verdeckte Zuträger waren bei Westreisen mindestens an Bord. Sie musste vorsichtig sein.
Regen vermischte sich mit Staub, seifige Nässe verteilte sich über die Welt und verschmierte die Scheiben. Der anbrechende Abend ließ einige ihre Sitzlampen anschalten, andere dösten. Irgendwann morgen früh würden sie ankommen.
Es dauerte nur wenige Minuten, dann erstarb das aufgeregte Geplapper um sie herum langsam. Ada hatte sich an der Landschaft festgesehen, eher unwillig sah sie nach vorne. Stickan lief durch die Reihen und ließ sich die Pässe geben. Das alleine war nicht ungewöhnlich. Aber er stellte Fragen: Augenfarbe?, hieß es. Körpergröße? Weiter ging es. Stets prüfte er die Antworten durch Augenschein oder einen Blick in die Papiere. Alter, Straße? Noch zwei Reihen. Dein Vater arbeitet wo? Sowas stand nicht im Pass. Jetzt war er bei ihr und streckte die Hand aus. Langsam zog Ada Pamelas Ausweis aus der Innentasche ihrer Jeansjacke. Ungeduldig rupfte er ihr das Dokument aus der Hand, als sie ihn aufklappen und ihm mit einem Lächeln reichen wollte – natürlich nicht ohne einen Blick auf die Daten zu werfen. Das war damit unmöglich. Ada hielt den Atem an. Aufmerksam sah er hinein und musterte die Seiten, als wolle er sie auswendig lernen. »Augenfarbe«, murmelte er und überprüfte sie selbst. Dann: »Geburtsdatum?«
Eine Frage wie ein Befehl, sein Gesicht ernst. Die Lippen verkniffen. »Geburtsdatum!«, forderte er erneut.
Adas Gedanken rasten. Sie hatte mit Pamela oft Geburtstag gefeiert, doch... der genaue Tag, in diesem Moment? Es war dann immer kalt draußen, Frühjahr. März. Der Tag? »Das ist...«, der Bus fuhr um eine Kurve und eckte mit dem Hinterrad an einem Bordstein an. Der deutliche Ruck brachte ihr ein paar Sekunden.
»Was jetzt?«, fragte Stickan barsch.
»Gorbi«, keuchte Ada. »Generalsekretär Gorbatschow!« Sie presste es heraus. Das fiel ihr ein, damit machte Pamela oft Witze. Sie hatte am gleichen Tag Geburtstag.
Stickans Pupillen weiteten sich, Ada starrte ihn an wie ein Kaninchen das Raubtier. Ohne eine Miene zu verziehen, stopfte er den Ausweis in eine Plastiktüte.
»Ob man darauf stolz sein muss, ist die Frage«, knurrte er. »In unserer gefährlichen Zeit.« Mit diesen Worten ›kassierte‹ er die letzten beiden Pässe ab und stapfte nach vorne, wo er sich neben den Fahrer setzte.
Ada ließ sich gegen die Rückenlehne fallen. Ihr Blick wanderte zum Himmel des Busses, dann über junge Genossen vor ihr und nach draußen, durch die Scheiben, die schon beschlagen waren. Generalsekretär Gorbatschow der Sowjetunion. Reformer. Die DDR-Elite mochte ihn nicht, manche verachteten ihn gar. Aber niemand würde es wagen, ihn offen zu kritisieren. Gorbatschows Geburtstag, das war auch Pamelas Geburtstag. Wann genau? Mist, das würde sie herausfinden müssen. Die Vorfreude war verschwunden. Was sollte sie bloß tun? Das Risiko erschien ihr plötzlich unannehmbar groß, gewaltig sogar. War ihr Verhalten bemerkt worden? Sie glaubte es nicht. Wenn sie aufflöge, wäre alles für sie vorbei. Studienplatz erledigt. Mamas Karriere bei der Firma vielleicht ebenfalls gestorben. Man könnte Ada immerhin der versuchten Republikflucht beschuldigen. Das wäre das Schlimmste. Was hatten sie sich nur gedacht? Sie war keine 15 mehr und das Leben kein Mädchenroman von Hedda Zinner. Und Pamela lag derweil bestimmt längst mit ihrem Klaus schön warm in der Kiste.
Sonnenaufgang beim Klassenfeind
Der Bus stand wieder einmal. Seit über einer Stunde ging es nur zentimeterweise voran. Erneut regnete es leicht. Die Wischer vorne fegten in Intervallen Wasser von der Windschutzscheibe. Sie quietschten und das Geräusch drang durch den gesamten Bus, bis nach hinten. Immer wenn die Frontscheibe für einen Moment trocken war, bildeten sich sofort neue Nässeinseln. Von oben, wo der Wischer nicht hinreichte, kamen zaghaft zunächst einzelne Tropfen, dann mehr und schnell war sie wieder von Perlen überzogen, in denen sich das Licht der Scheinwerfer entgegenkommender Autos brach. Wie in Trance konnte man dem Spiel ewig zusehen. Genosse Stickan stand im Mittelgang, als gäbe es etwas abzuholen. Er mampfte ein Butterbrot.
Die Landschaft lag im Dunkeln, nur die Lichter der Abfertigungsgebäude und Grenzkontrollstellen bildeten Abwechslung. Ein wenig erhöht die Strahler der Wachtürme der Grenztruppen, die durch den nebeligen Nieselregen schnitten.
Bis hierher war die Fahrt kurzweilig gewesen. Wann immer der Regen zwischendurch aufhörte, war die grüne Natur Thüringens zu bewundern, die sich wellig und von wenigen Hügeln unterbrochen in alle Richtungen im Westen des Bezirks Erfurt erstreckte. Beidseits der Autobahn hatten zwei Burgen für Aufmerksamkeit gesorgt, die Burg Gleichen und die Mühlburg. Insgesamt waren es drei Festungen aus dem Mittelalter, die sich in unmittelbarer Nähe zueinander auf den Anhöhen der Umgebung befanden, genannt diedrei Gleichen. Der Sage nach hatte ein einziger Kugelblitzeinschlag alle Burgen gleichzeitig in Brand gesetzt, trotz der kilometerweiten Distanz zwischen ihnen. Das erzählte Genosse Stickan wenigstens vorne im Bus über das Mikro. Er hatte für sich die Rolle des Reiseleiters entdeckt. Vielleicht war er doch nicht so übel.
Ada hingegen hielt im Flüsterton die bei ihr sitzenden Jugendlichen mit einer viel imposanteren Geschichte bei Laune. Vom Grafen von Gleichen wurde nämlich berichtet, dass er auf einem Kreuzzug in die Gefangenschaft eines morgenländischen Sultans geraten war und sich in dessen Tochter verliebt hatte. Die dunkeläugige Schönheit war nicht nur schlau und gesellig, sie ging auch mit ihm zurück nach Thüringen und lebte fortan dort mit ihrem Grafen und seiner bereits wartenden Frau, bis sie alle zufrieden und glücklich gestorben waren. An dieser Stelle hatte Ada eine Kunstpause gemacht – denn gestorben waren sie sicher, aber ob der Graf mit zwei Ehefrauen unterschiedlicher Herkunft und Kultur glücklich geworden war, stellte sie zur Abstimmung. Alle hatten gelacht, und Stickan hatte bloß geglotzt wie ein Schaf.
Bereits eine gefühlte Ewigkeit standen sie östlich des Grenzübergangs Wartha bei Eisenach. Es war still im Bus um kurz nach ein Uhr in der Früh. Viele schliefen. Langeweile griff um sich, der mitgebrachte Lesestoff war durch und wurde reihum getauscht. Parteisekretär Stickan gab sein Bestes, das musste Ada ihm lassen. Er sprach leise zu denen, die zuhörten, über das bevorstehende Treffen in Frankfurt, gab Sicherheitshinweise, erzählte ein paar Witze. Die überdachten Kontrollstellen in der Mitte zwischen den Fahrbahnen lagen im Vordergrund, dahinter war der Grenzturm zu erahnen. Die Fahnen von DDR und BRD, einige Dutzend Meter voneinander entfernt aufgezogen, hingen schlaff und nass herab, vereint in Feuchtigkeit.
Einer der Gründe für Stickans Aktivität war vermutlich auch, die Jugendlichen von den Autos und Reisenden aus dem Westen abzulenken, die vor und hinter und neben dem Bus in der gleichen Schlange warteten. Man musterte sich gegenseitig, besonders Mutige gaben Zeichen oder schnitten Grimassen. Ada beteiligte sich nicht, sie konzentrierte sich. Ihr fiel ein Soldat der Grenztruppen auf, der pausenlos den Bus beobachtete. Er hatte seinen Mantelkragen hochgeschlagen und die Mütze tief ins Gesicht gezogen.
»Paule«, sagte Ada leise zu dem jungen Genossen zwei Reihen vor ihr. Er war vielleicht 17 oder auch nur 16 Jahre alt und flirtete heftig mit einer gleichaltrigen Rothaarigen, die im Fond eines Citróen mit Westkennzeichen saß. Sie hatte extra die Lampe im Fahrzeughimmel angemacht, damit man sie sehen konnte. Vorne ihre Eltern, still und stumm. Möglicherweise hatten sie Angst. Ganz anders ihre unbeobachtete Tochter, die nach oben zu Paule im Bus über ihr winkte, mit den Augen zwinkerte und sich bestimmt nicht zufällig so vorbeugte, dass der ihr tief in den Ausschnitt des knappen Tops sehen konnte.
Ada stupste Luisa vor ihr an und wies auf Paule. Sie tat es Ada nach und der drehte sich um. Ohne ein Wort fasste sie sich an die Stirn und zeigte dann auf den Grenzschützer, der sein Gewehr über der Schulter trug und wie erstarrt den Bus anvisierte. Womöglich befürchtete er, dass aus dem Bus etwas in das Auto geworfen wurde oder sich andere Formen der Informationsweitergabe ereigneten.
