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»Wie Patricia Hempel über den Verlust der Unschuld und über die Nachwendezeit schreibt, ist ein Ereignis.« Florian Valerius Sommer 1992 im ehemaligen Elbe-Grenzgebiet. Pilly ist dreizehn und sehnt sich nach Zugehörigkeit. Aber auch zwei Jahre nach der Wiedervereinigung hängt ihre Familie noch immer an den Idealen von Gestern. Der Vater flüchtet in die Gaststätte, die Tanten träumen vom Goldenen Westen und von Pillys Mutter fehlt nach wie vor jede Spur. Halt findet Pilly nur in der älteren Mitschülerin Katja. Ein Trugschluss. Sie ahnt nicht, dass am Ende dieses Sommers ihre Welt abermals eine andere sein wird. Die Mischanlagen und Fließbänder des Betonwerks stehen still. Ebenso wie das Leben der Menschen in dem fiktiven Planort an der Elbe. Während Pilly um jeden Preis versucht, die Aufmerksamkeit der älteren Schulkameradin Katja zu gewinnen, trinkt ihr Vater gegen die Erinnerungen an. Die Mutter ist schon lange weg, angeblich im Westen, auch wenn darüber eisernes Schweigen herrscht. Die Tanten wollen sich den Traum vom Goldenen Westen verwirklichen und setzen dabei ihre Lebensgrundlage aufs Spiel. Der Sommer nimmt eine drastische Wende, als eines Tages die Gärten der vietnamesischen Vertragsarbeiter abbrennen und Pilly plötzlich einer Frau gegenübersteht, die behauptet, ihre Mutter zu sein. »Patricia Hempel ist eine Meisterin des Untergründigen. Lebenslust und Lebenslügen verwachsen in diesem Roman zu einem beängstigenden Gestrüpp.« Katja Kullmann
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2024
Patricia Hempel
Verlassene Nester
Roman
Tropen
Die Arbeit an dem vorliegenden Roman wurde mit einem Stipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Tropen
www.tropen.de
© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Favoritbuero, München unter Verwendung einer Abbildung von © Bastian Kienitz/mauritius images/Alamy Stock Photos
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-608-50223-7
E-Book ISBN 978-3-608-12364-7
Für meine Großmutter Marlis(1934–2023)
TEIL 1
Die Ferienzeit fiel in die Einöde und mittendrin wurde ich dreizehn. Bei uns im Ort wohnten die meisten Menschen in den dreistöckigen Kasernen am Wasser, gegenüber vom stillgelegten Betonwerk.
Vom Ufer aus wirkte der Wohnkomplex wie ein klobiger Bergsturz. Er überrollte die Elbauen mit ihren versteckten Stränden und schnitt sich in die Landschaft wie die Schienen, die an ihm Richtung Kanalbrücke vorbeiliefen. Die sieben Häuser standen in einer Reihe wie Dominosteine und dazwischen wuchs nichts außer Schafgarbe. Im Sommer kämpften sich die weißen Köpfe durch die Gittersteine der Fabrik und eroberten sich die Brachen zurück.
Meine Generation scheiterte an dem Versuch, auf diesen Gittern Fußball zu spielen. Jeder gute Schuss prallte an den scharfen Lochsteinkanten ab und ging ins Auge. Deshalb verlegten die Spieler ihre Turniere so oft es ging auf die Wiese hinter den Kasernen, bis sie vom Hausmeister vertrieben wurden. Die Mütter wuschen Grasflecken aus den Trikots und liefen an den Wochenenden mit Plastiktüten die Ziegel ab, um aus der Schafgarbe Limonade zu kochen. Für die Jungs an den Bällen und für die Mädchen, die sich auf dem Spielplatz nebenan langweilten oder Tierförmchen aus Plastik mit Sand befüllten.
Katja tat nichts von beidem. Wenn ihr danach war, schleppte sie Wasser in Farbeimern von der Anlegestelle der Ruderboote zum Spielplatz, wo sich die Mädchen jedes Mal um die Eimer stritten, sobald sie ankam. Eigentlich war es verboten, ohne Aufsicht die Elbpromenade zu überqueren und sich allein an der Uferlinie aufzuhalten, aber Katja sagte immer: »Wir sind doch keine Kinder mehr«, und trug gleich zwei Eimer auf einmal.
Auf dem Spielplatz gab es eine klare Ordnung: Der Sandkasten gehörte den Kuchenmädchen, und neben der Rutsche saßen die Vietnamesen auf ihren Picknickdecken und verkauften Zigaretten. Doch der beste Teil, eine riesige Betonröhre, gehörte Katja und ihrer besten Freundin Bine. In der Röhre spielten sie Familie. Katja war der Vater und Bine die Mutter, eins der Kuchenmädchen musste als Kind herhalten und wurde mit Cola bezahlt.
»Die Familie ist schon voll!«, schnauzte mich Bine an, als ich ein paar Wochen vor den Sommerferien zum ersten Mal fragte, ob ich mitspielen könne.
»Du kannst das Haustier sein, wenn du willst«, sagte Katja und schnalzte mit der Zunge, wie man es bei Pferden macht. »Katze oder Hund?«
Bine gefiel der Vorschlag gar nicht und sie schlüpfte in ihre Rolle: »Aber Liebling, ich will kein Haustier, die machen nur Dreck!«
Bevor ich mich entscheiden konnte, welches Haustier ich lieber sein wollte, nahm Katja ihren Gürtel und befestigte ihn an meinem Hosenbund: »So, und jetzt bei Fuß! Welche Hunderasse willst du sein?«
»Huskys sind cool!«, sagte ich, während mich Katja mit festem Griff in die Röhre zog.
»Okay, dann nennen wir dich Alaska.«
Die Wohnung im Inneren der Röhre war gemütlich. In der Mitte standen zwei Bierkästen, die als Küchentisch dienten, eine Schaumstoffmatratze war das Bett und eine Badetasche der Kühlschrank. Katja und Bine rückten den Tisch gerade und legten das Kind schlafen, das nicht mehr zu tun hatte, als an seiner Flasche Cola zu nuckeln.
»Alaska, ab in die Ecke!« Katja drückte mich gegen den Beton und klemmte meine Leine unter den Bierkasten, auf dem sie Platz nahm. »Liebling, was gibt es heute zu essen?«
»Heute gibt es Hühnerfrikassee.«
Bine zog zwei Puppenteller aus der Badetasche und verteilte Gummibärchen darauf. Ich bekam auch etwas von dem Frikassee, musste es aber auf allen vieren aus einer Sandform essen, die Bine aus der Bäckerei vor der Röhre geklaut hatte. Sie lachte und sagte: »Friss, du blöder Hund!«
Ich musste an den betretenen Gesichtsausdruck des Dackels meiner Tante Fuchs denken, der über Tage am Baum gekauert und erfolglos versucht hatte, sein Geschäft zu verrichten, nachdem ich ihm unter dem Gartentisch die Knochen meines Brathähnchens zu fressen gegeben hatte. Der Hund presste und presste. Die Schnauze bildete eine Linie mit seinem Schwanz, den er ausstreckte und der ihn noch länger aussehen ließ, als er ohnehin schon war. Er zitterte vor Anstrengung, und wenn nichts kam, schnüffelte er an der Stelle, wo eigentlich etwas hätte liegen sollen. Die Hühnerknochensplitter hatten sich so tief in seine Gedärme gebohrt, dass meine Tante das Tier irgendwann aufgab. Ich selbst saß in der Ecke und fühlte mich so unsichtbar wie die Hunde vor dem neuen Supermarkt, die an Eisenringen festgebunden auf ihre Besitzer warteten. Sie drückten ihren Bauch so flach es ging auf den Boden und hoben ihren Kopf nur, wenn sich die Automatiktüren zur Seite schoben.
Das Kuchenmädchen wurde unruhig und fing an, Katja zu nerven. Es wollte mit den anderen spielen, doch Katja entschied, dass das Kind sich zuerst waschen müsse. Das Badezimmer lag am Ende der Betonröhre. Katja befahl dem Mädchen, sich mit einer Gießkanne zu duschen, und wir konnten uns das Grinsen nicht verkneifen, als ihr der Zuckersand über den Kopf rieselte.
»Ich bin jetzt sauber!«, jammerte das Mädchen, und je mehr es unter dem Duschstrahl wimmerte, desto lauter mussten wir lachen.
»Okay, du kannst jetzt spielen gehen«, sagte Katja und gab Bine ein Zeichen, das Kind nach draußen zu bringen. Als wir allein waren, wandte sie sich an mich: »Alaska, was willst du machen? Draußen Stöckchen spielen oder gestreichelt werden?«
Der Gedanke, vor allen Kindern einem Stock hinterherrennen zu müssen, erfüllte mich mit Panik.
»Lieber streicheln.«
Sie sagte: »Na, dann komm her und mach Platz«, zog mich an der Leine zu sich und presste mein Gesicht auf ihren Schenkel. Langsam fuhr sie mit ihren Fingern durch mein Haar. Ich schloss die Augen und verlor mich in ihren Atemzügen. Die Luft in ihren Nasenflügeln erzeugte ein Säuseln, als würde sich Wind in einem zugigen Fenster verfangen. Einen Moment dachte ich, sie wäre so aufgeregt wie ich. Katjas Finger zeichneten immer schneller Spiralen in meinen Hinterkopf.
»Magst du das?«, flüsterte sie. »Feiner Hund. Ein ganz Feiner bist du.«
Ihre Hand war warm, und ich begann unter meinem Pullover zu schwitzen, als Bine mit einem Räuspern zurück in die Küche kam. »Was macht ihr denn – Kuschelstunde?«
Katja schob mich beiseite und grinste. »Bist du eifersüchtig?«
Vermutlich konnte mich Bine spätestens jetzt noch weniger leiden als vorher. »Hunde haben im Haus nichts zu suchen! Sie soll draußen vor der Tür aufpassen. In ihrer Hütte.«
Sie nahm meine Leine und zerrte mich vor den Eingang der Röhre. »Pass bloß auf!«, zischte sie und verschwand wieder in der Dunkelheit, in der Katja über irgendetwas laut lachte.
Die Fußballwiese war menschenleer und die Sonne hinter den Flachdächern der Kasernen längst abgetaucht. Der Abend lag kühl über der Wiese. In der Dämmerung glühten die Brachen zwischen den Häusern in diesem künstlichen Farbton, der im Sommer die nach Westen ausgerichteten Zimmer der Kasernen ausleuchtete. Manchmal lag ich reglos im Bett und stellte mir vor, wie das Nachbarhaus in Flammen stand und meine Fensterscheiben jeden Moment unter der Hitze zerbarsten. Mir fiel erst jetzt auf, wie mir das Rumsitzen in die Knochen gekrochen war.
»Ich muss nach Hause«, sagte ich zu Katja, die aus der Röhre trat und auf den Resten des Frikassees kaute.
Als ich ihr ihren Gürtel in die Hand drückte, sagte Bine: »Halt! Wir sind hier noch nicht fertig! Warst du denn heute schon Gassi?«
Für mich war das Spiel gelaufen, aber sie bestand darauf, dass ich mich wieder anleinte.
»Das geht schon, Bine«, fuhr Katja dazwischen, »sie kann ohne Leine laufen.«
Wir machten uns auf den Weg zur Hausnummer sieben, wo mein Vater und ich in der ersten Etage wohnten.
Vor der Haustür zeigte Bine auf die Platane: »Da kannst du hinmachen.«
»Was? Nein, ich muss aber nicht!«, entgegnete ich, obwohl ich schon die ganze Zeit über gemusst hatte.
Katja spielte mit dem Schultergurt der Badetasche und wanderte mit den Augen die Fenster über uns ab, weil Bine nicht lockerließ. »Tja, Pech. Dann spielst du ab morgen eben wieder alleine.«
»Komm, lass uns gehen.« Katja packte Bine am Ärmel.
»Was, wieso denn? Das sind doch deine Regeln!«
»Ja, aber …«
»Alaska, hierher!« Bine stellte sich vor dem Baumstamm auf und pfiff mich zu sich.
»Komm, Bine, lass gut sein!« Katja lief rückwärts in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Bine riss meine Hose bis zu den Knöcheln herunter und drückte mich neben sich auf den Boden.
»Rüden heben beim Pinkeln das Bein.«
Ich kauerte auf allen vieren und versuchte mit angehobenem Bein auf den abschüssigen Wurzeln das Gleichgewicht zu halten. Mein Körper zitterte so heftig, dass meine Arme immer wieder einknickten und mein Gewicht kaum halten konnten. Über mir kicherte Bine. Katja war am Ende der Straße stehengeblieben, umklammerte mit beiden Händen die Badetasche und starrte in unsere Richtung. An meinem Schenkel lief es warm hinunter, zwischen meinen Fingern sickerte es heiß gegen den Kantenstein. Die Erde war so hart, dass sich vor dem Rinnstein eine Pfütze sammelte, in die ich beim Aufstehen stolperte.
Bine betrachtete angewidert den Fleck auf dem Stoff meiner Shorts. »Du stinkst. Geh mal baden.«
Dann rannte sie hinter Katja her, die längst auf der anderen Straßenseite verschwunden war.
Zu Hause versteckte ich meine Sachen in der Schublade des Schreibtischs und sah vom Küchenfenster aus meinen Fußspuren von der Platane zur Haustür beim Trocknen zu.
An unserer Schule sahen die Mädchen meiner Klassenstufe in ihren bunten Nickis alle gleich aus, mit ihren straff nach unten gekämmten Haaren, die schnurgerade an den Wangen aufhörten, als hätte ihnen jemand beim Schneiden eine Salatschüssel übergestülpt. Die Älteren trugen Pferdeschwanz und Micky-Maus-Motive aus den neuen Katalogen. Katja war anders. Sie schnitt auf dem Pausenhof ihre Locken mit einer Bastelschere extra schief und wickelte bunte Halstücher zu Stirnbändern. Einzelne Strähnen filzte sie mit der Bürste aus ihrem Sportbeutel und verzierte sie mit den biegbaren Silberaufsätzen von Einwegfeuerzeugen. Die rechteckigen Metallteile klemmten sogar überall an ihrer Kleidung. Am Saum ihrer Fliegerjacke, am Schaft ihrer Schnürstiefel und sogar an den Reißverschlussseiten der runden Federtasche aus Leder, die wir alle hatten. Nur war Katjas mit Sprühfarbe bemalt. Sie spielte in den großen Pausen nicht Fangen oder Gummitwist wie die anderen, sondern versteckte sich hinter irgendeiner Hecke und rauchte Schmuggelzigaretten mit den Jungs aus der Zehnten.
Katja und Bine waren in der Nachbarklasse, und alle Mädchen hatten Angst vor ihnen. Sogar die Lehrer kuschten, wenn sie sich auf der einzigen Tischtennisplatte breitmachten und eins der verbotenen Taschenradios aufdrehten. Normalerweise nahmen sie die Geräte sofort an sich und räumten sie bis zur nächsten Elternversammlung ins Lehrerzimmer. Weil beide das Schuljahr wiederholen mussten, starteten wir zum ersten Mal gegeneinander beim Thälmann-Lauf, der die Ortsmitte jeden Sommer in eine Rennstrecke verwandelte. Das Rennen begann mit feierlichem Schulappell am zentralen Festplatz neben der St.-Nikolaus-Kirche, auf deren Hof Tante Fuchs und ich den verendeten Dackel im Schatten einer Rotbuche beerdigt hatten. Die Läufer schlängelten sich durch die Hauptstraße bergauf, vorbei am Schrauben-Hiller, an der Wäscherei Brunig und der Gaststätte Bandauer, bis die Tour am Schuttkontor außerhalb des Orts an der Stelle endete, wo die Kanalschiffer einfuhren. Insgesamt 4,2 Kilometer Schweiß, der auf den Filzdecken eines Massenpicknicks versiegte, an dem die Eltern früher nur teilgenommen hatten, um heimlich untereinander Westwaren auszutauschen, jedenfalls meinte das mein Vater. In diesem Jahr wurde das Fest vom Rohbau eines skandinavischen Bettenlagers überschattet, neben dem zum Ärger von Schrauben-Hiller ein Baumarkt mit angeschlossenem Gartencenter eröffnet hatte.
Katja gehörte immer zu den Besten. Sie lief direkt hinter mir, und ich lauschte, wie ihr Atem schwerer wurde. Ich rannte in ihrem Schattenwurf, der fast senkrecht auf meinem lag, und rechnete damit, jeden Moment von ihr überholt zu werden. Wurde ihr Keuchen leiser, ließ ich mich zurückfallen, bis sich ihre Silhouette wieder vor mir auf dem Asphalt abzeichnete. Ich hörte, wie ihre Sohlen die losen Kiesel wegtraten und ihr Schnaufen dumpfer wurde, wenn sie sich das Gesicht am Saum ihres T-Shirts abwischte. Es klang wie ein hastiger Spaziergang durch Tiefschnee, bei dem sie immer wieder ein »Ha« ausstieß, wenn ihre Kräfte nachließen. Kurz nach der Zielgeraden umarmte nicht sie mich, sondern meine Klassenlehrerin und drückte mir einen Korb mit Mineralwasser in die Hand, um die Flaschen an diejenigen zu verteilen, die hinter mir eintrudelten. Als wir uns bei der Siegerehrung nebeneinander einfanden, um unsere Urkunden entgegenzunehmen, riss sie mir meine sofort aus der Hand und kreischte: »Zwei Sekunden? Du blöde Kuh!«, und ich war stolz. Zum ersten Mal war ich das Tagesgespräch der Schule, und Katja schien beeindruckt, dass ihr jemand das Wasser reichen konnte. Eine Woche später konnte ich in der Siegergalerie mein Bild bewundern, das genau neben ihrem aufgehängt wurde. Auf dem Porträt des Schulfotografen wirkte mein Überbiss noch schlimmer als in echt, doch beim stufenübergreifenden Zirkeltraining für die Kinder- und Jugendsportspiele spürte ich trotzdem vom anderen Ende der Turnhalle Katjas Blick im Rücken.
In der Umkleide zog sie sich immer dann aus, wenn ich gerade hinsah. Sie war die Einzige, die schon einen echten Büstenhalter tragen konnte. Über den Waschbecken vernebelte der Wasserdampf die Sicht, Katja vornübergebeugt mit einem Stück Seife in der Hand, Schaum unter den Achseln. Ich zählte jeden ihrer Wirbel und stützte mich an die beschlagenen Fliesen, um nicht auszurutschen. Trafen sich unsere Augen, schoss mir das Blut bis in die Haarspitzen. Ich versteckte mich so gut es ging hinter dem Stoff meines Waschlappens, aus Angst, Katja könnte sich an den Monaten stören, die unsere Körper voneinander trennten.
»Kein Wunder, dass deine Mutter abgehauen ist, Pilly! Hätte mein Kind so eine Pferdefresse, würde ich mich auch voll schämen!«
Marijan und Jonathan nutzten die Pausen, um mich zu ärgern, weil sie sich vor unserer Klassenlehrerin Frau Leopold nicht trauten. Sie waren vom Sportplatz in meine Richtung gerannt, sobald sie mich entdeckt hatten. Ich stand allein vor der Sandgrube, die am Ende der Sprintbahn in den Boden eingelassen war. Die anderen Mädchen standen wie immer um Joseba herum, die auf der Tischtennisplatte voltigierte und auf den Knien »Die Fahne« demonstrierte. Ihr Bein reckte sich durchgedrückt nach hinten, den linken Arm streckte sie weit vor dem Gesicht aus. Sie hielt die Pose so lange, bis ihr Körper zu zittern begann und sie mit einem Salto auf beiden Füßen landete. Die Traube klatschte Beifall, als Joseba sich verbeugte und einer nach der anderen auf die Platte half, doch keine konnte die Figur so gut halten wie sie. Ich hielt nicht viel von Pferden und aus diesem Grund erst recht nichts von meinen Klassenkameradinnen mit ihren Wendy-Heften, aus denen sie sich gegenseitig vorlasen. Beides bereitete mir Unbehagen, die Tiere mit ihren klobigen Hufen und die Mitschülerinnen in ihren geputzten Reitstiefeln.
»Hast du deinem Vater heute Morgen schon eine Bierflasche geöffnet?« Jonathan tippte gegen seine Schneidezähne und balancierte einen Ball auf der Fußspitze.
»Die Beißer sind auch super für Konservendosen. Schließlich kocht Mutti nicht mehr«, setzte Marijan nach.
»Ihr seid so dumm, echt!« Ich lief in Richtung des Schulhauses und hoffte auf einen der Pausenlehrer.
»Na klar, schön feige zu den anderen Mädchen!« Marijan holte mich ein und baute sich vor mir auf. »Wie es aussieht, brauchen die sowieso ein echtes Pferd.«
Die Jungs lachten.
»Vielleicht können wir die Zähne gerade schießen.« Jonathan nahm Anlauf und bretterte mir den Fußball gegen das Kinn. Ich drehte mich weg und rechnete schon mit einem weiteren Schuss, als ich Katjas Stimme hörte.
»Sag mal, seid ihr total bescheuert?«
Sie kam mit einer Zigarette zwischen den Fingern aus dem Fliederbusch gestürzt. Bine schlurfte langsam hinter ihr her. Ich merkte, wie mir die Tränen kamen, und gab mir Mühe, nicht loszuheulen wie die Kuchenmädchen in ihrer Sandkiste.
Katja schoss Jonathans Fußball in hohem Bogen über die violetten Blüten. »Pilly gehört zu mir, ihr Vollidioten! Komm!«
Ihre Finger schnappten nach meinem Oberarm und zogen mich ins Gebüsch. Jonathan rief uns irgendetwas hinterher. Auf dem Boden lagen Kippenstummel verstreut, und die vertrockneten Fliederblüten standen so dicht, dass sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen mussten. Bine beschwerte sich bei Katja, dass es nicht gut sei, wenn ich ihr Hauptversteck kennen würde, doch sie überhörte ihren Einwand.
»Zeig mal, wo er dich getroffen hat.« Katja musterte mein Gesicht. »Alles noch dran!«
Sie griff in der Innentasche ihrer Weste nach einer Zigarettenschachtel und hielt sie erst Bine hin, dann mir. Ich angelte nach einem der Filter und steckte ihn mir ungeschickt zwischen die Zähne. Die Spitze knisterte, als die Flamme sie erfasste, und ich musste sofort husten. Die Feuerzeugteilchen in Katjas Haar funkelten, als sie den Knoten ihres Stirnbands löste. Sie kippte Wasser aus ihrer Trinkflasche auf das Tuch und hielt es mir ans Kinn.
Bine verdrehte die Augen. Das Band roch nach Haarwäsche und einem Öl, das Katja in einem Fläschchen bei sich trug und in der Umkleide nach dem Sport immer mit dem Zeigefinger hinter die Ohren strich. Der Geruch erinnerte mich an Waldspaziergänge, an das Harz von Nadelbäumen, das einem an den Händen kleben bleibt. Ich konnte es sogar dann riechen, wenn Katja nicht in der Nähe war. Manchmal stieg mir ihr Duft beim Schlafengehen in die Nase und ich sah sie in ihrem schwarzen BH neben mir im Bett liegen. Doch vor allem dachte ich seit dem Nachmittag in der Röhre fast jede Nacht an ihre weiße Haut.
Nach der Schule bestand Katja auf einer Runde geklaute Limonade auf dem Spielplatz, um meine offizielle Aufnahme in die Familie zu feiern. Sie wollte einen kurzen Umweg über die Schienen zum neuen Supermarkt machen, Bine und ich sollten vorgehen und in unserer Küche auf sie warten. Ich konnte mir nichts Besseres vorstellen, als mich den Rest des Tages von Katja anleinen zu lassen, aber den Gedanken, mit Bine alleine in der Röhre bleiben zu müssen, ertrug ich nicht. Ich wollte mich lieber von einem Stück Kuchen im Garten von Frau Klinge trösten lassen, die mir nachmittags oft bei den Hausaufgaben half und früher die Lehrerin meines Vaters gewesen war, doch an Montagen hatte sie Waschtag. Sie stiefelte mit einem riesigen Kleidersack über der Schulter durch den Auenwald ins Nachbardorf, wo sie eine winzige Wohnung besaß, und kam erst am Abend zurück in ihre Laube.
»Dann aber morgen, ja?«, befahl Katja noch und umarmte mich zum Abschied so fest, dass Bine ihren Blick abwenden musste.
Ich schleppte mich durch das Treppenhaus. Nach jeder Stufe sausten meine Ohren, und ich spürte, dass mein Kinn angeschwollen war. Mein Vater war um diese Zeit längst im Bandauer beim Stammtisch und ich war erleichtert über die Leere, die mir aus der Wohnung entgegenschlug. Im Schlafzimmer angelte ich im Schrank nach einer der vergessenen Blusen meiner Mutter und vergrub mich in dem Stoff, bis er nass war. Ihr Geruch ähnelte dem Duft, den Lindenbäume in Sommernächten verströmen. Eine schwere Blüte, die in jedem Kleidungsstück hing, das sie zurückgelassen hatte. Die Fasern hatten ihr Gesicht gespeichert, das Puppenhafte daran. Ich umarmte die Blusen immer nur so kurz wie möglich, aus Angst, sie verlören sonst ihren Duft. Ein tiefer Atemzug genügte, um den Umriss meiner Mutter für einen Augenblick hinter mir zu sehen. Ich brauchte mich nur umzudrehen, und schon saß sie aufrecht auf der Matratze. Sie hielt mir die Decke hoch, damit ich zu ihr ins Bett schlüpfen konnte, den Kopf auf ihrer Brust, umschlungen von einem Nest aus Bettflanell. Am liebsten roch ich an ihren Händen, wenn sie nachmittags von der Arbeit kam, an den Flecken, die die feuchte Friedhofserde auf ihnen hinterließ. Ich konnte den Nektar der Blumengestecke riechen, das Harz der Kränze und die scharfe Politur, mit der meine Mutter das Moos von alten Grabsteinen schrubbte. Ihre Haut wurde im Sommer ganz dunkel, nur die Falten auf ihrem Nasenbein blieben weiß wie die Rillen auf einem Wetzstein. Dachte ich an ihren Mund, kam mir immer das stolze Lächeln von Katarina Witt nach ihrem Olympiagold in Kanada in den Sinn. Die glänzenden Haarspangen, in denen sich die Scheinwerfer spiegelten, und ihre eisweißen Zähne über der Folie des Siegerstraußes.
»Das ist unsere Kati!«, hatte meine Mutter geschwärmt und mich vor dem Fernseher fest in den Arm genommen, als wäre ich selbst die Kür gelaufen. Die Witt sei eine der Wenigen, die das Land noch zusammenhielten.
Mein Vater sprang bei diesem Satz aus dem Sessel und polterte, dass meine Mutter von Zusammenhalt nichts verstand. Er trat ans Fenster und zog mit einem Ruck die Gardine zu. »Dir können die Fäden doch gar nicht schnell genug auseinanderlaufen.«
Ich verstand nicht, von welchem Zusammenhalt die Rede war und warum mein Vater sich nicht über die Frau auf dem Bildschirm freuen konnte, deren Gesicht dem meiner Mutter überraschend ähnlich sah. Später suchte ich am Fenster oft nach diesen Fäden, von denen mein Vater an diesem Tag gesprochen hatte. Ich strich mit den Händen die Gardine ab, aber ich konnte nichts finden, was in der Zwischenzeit auseinandergelaufen wäre.
Die Arbeit meiner Mutter war es, das Gedenken an diejenigen zu erhalten, die niemanden hatten, sich an sie zu erinnern. Keiner der Toten wirkte unter seinem Beet vergessen, denn sie wusste genau, welche Blumen zu pflanzen waren, um fehlende Besucher zu ersetzen. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag schlich ich mich an die schattigste Stelle unseres Auenwäldchens, pflückte ihr das größte Farnblatt, das ich finden konnte, und steckte es zu Hause in eine Vase. Meine Mutter liebte Farn, weil er sie an exotische Regenwälder erinnerte und schon vor unserer Zeit auf unserem Planeten gewachsen war. Die Pflanze habe eine alte Seele, meinte sie. Außerdem fand sie es herzlich, dass sich seine Blätter bei Nacht zusammenrollten. Herzlich. Wie ein müder Mensch. Ich stellte die Vase auf mein Fensterbrett und zündete ein Teelicht an, doch das Blatt half mir nicht, meine Mutter in Erinnerung zu behalten. Das Gesicht von Katarina Witt wurde zu ihrem.
Ich brachte es nicht fertig, die Bluse in den Schrank zu räumen, sondern legte mich mit ihr auf die kahle Bettseite, die früher meiner Mutter gehört hatte. Der Stoff war mit gelben Blütenknospen bedruckt und legte sich kühl über die Schwellung an meinem Kinn. Sie hatte die Bluse im Sommer vor Olympia häufig getragen, zu der Zeit, als auch die Stimmen meiner Eltern lauter geworden waren. Sie hallten durch die Wohnung, mein Vater klirrte hinter verschlossener Küchentür mit den Flaschen und ließ sich stundenlang nicht blicken. An einem besonders schlimmen Schreitag traute ich mich nicht aus meinem Zimmer und beobachtete durch das Schlüsselloch, wie meine Mutter durch den Flur stampfte und ihre Reisetasche vollstopfte. Nach dem letzten Streit war sie erst Tage später wieder zurückgekehrt und hatte mir von den Stunden erzählt, die sie im Haus meiner Ostsee-Oma im Achterland verbracht hatte.
An diesem Schreitag schlich ich mich in den Hausflur und nahm die Treppe so leise es ging, setzte immer dann einen Fuß auf die Stufen, wenn der Absatz meiner Mutter gegen den Stein traf. Sie hastete über die Straße zum Transporter der Friedhofsgärtnerei und lud ihre Tasche auf die Ladefläche. Als sie mich am Hauseingang entdeckte, warf sie mir einen Kuss zu: »Pillchen, geh zum Platz, spielen. Ich bin am Wochenende wieder da!«
»Darf ich mitfahren? Ich will mitfahren!«, rief ich, doch sie schmiss einfach die Fahrertür zu und startete den Motor. Unter den Reifen knirschten die Schlackesteine, als sie den Wagen aus der Parklücke manövrierte. Ich lief in die Mitte der Fahrbahn und beobachtete, wie das Auto immer mehr zu einem weißen Punkt wurde, bis die Baumkronen ihn verschluckten.
Hinter den Kasernen hatte jemand einen Treffer gelandet. Gebrüll legte sich über die Flachdächer, und ich bildete mir ein, deutlich Katjas Stimme zu hören, die den Torschützen bejubelte. Die Zuschauer klatschten und das schleppende Echo trieb mich aus dem Bett. Ich zog die Bluse über den Bügel und hängte sie zurück in den Schrank.
Ein weiteres Tor fiel, als ich den Fußballplatz erreichte, doch ich konnte in der Menge weder Katja noch Bine ausmachen. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den Weg hoch ins Zentrum. Vor dem Schrauben-Hiller wartete der zerzauste Hund der alten Karauschek, in der Wäscherei Brunig surrten die Walzen der Wäschemangeln. Ich stand in den Pedalen und kroch die Straße bergauf. Mein Schatten lag neben mir, immer eine Radlänge langsamer als ich, und konnte mich nicht einholen. Er versank in den Schlaglöchern, zerriss sich an den Laternenmasten und verschwand ganz, als ich die haushohen Dünen der Sandgrube am Schuttkontor erreichte. Von hier aus wirkte die Werkruine winzig. Wie ausgehöhlte Zähne ragten die Hallen bis zum Betonsteg, auf dem sich die Fischer mit ihren langen Ruten wie bunte Nadelköpfe aneinanderreihten. Über den rostigen Lastenkränen zogen die Möwen ihre Kreise und schossen kreischend im Pulk Richtung Wasser, wenn jemand die Schnur einholte. Ich legte mich in den Sand und schloss die Augen. Die Schuttkähne rieben sich an den Algenbetten der Kaimauern, ihre Fender schlugen im Takt der Strömung immer wieder gegen den Stein, und das gleichmäßige Rauschen der Schnellstraße klang wie die Brandung des Meeres am Zempiner Strand. Es erinnerte mich an den Mund meiner Mutter, fettig von den Aalbrötchen meiner Ostsee-Oma.
»Martin sah heute in der Kaufhalle schlecht aus. Hat eine Kiste Bier gekauft und zwei Pfeffi für den Weg, sonst nichts.«
Katharina Fuchs mochte es nicht, wenn Eli schlecht über ihre Familie sprach, und dabei machte es keinen Unterschied, dass Martin nur angeheiratet war. Vor allem ärgerte es sie, wenn ihre Freundin recht behielt, was bei Schwager Martin in den vergangenen Jahren leider meistens der Fall war.
Sie griff im Bottich nach einer der Barben und warf sie auf das Brett vor sich. Der erdfarbene Fischleib passte gerade so zwischen die gespreizten Finger, und seine Schuppen bedeckten schon nach Sekunden die Arbeitsplatte der Imbissküche wie Kunstschnee. Mit jeder Handbewegung versuchte Katharina, das Bild ihres Schwagers vor dem Schnapsregal aus ihrem Kopf zu kratzen. Der Hobel glitt leicht über die Barbenhaut. Sie mochte den Moment besonders, wenn das von seinen Schuppen befreite Tier in ihrer Hand schimmerte wie feuchter Flussstein. Wenn sein Körper noch intakt war, bevor sie mit der Schere die Flossen kappte und mit dem Messer den fahlen Bauch von hinten nach vorne bis zu den Kiemen öffnete. Hatte sie das Gekröse entfernt, ließ der Fisch los und fiel in sich zusammen. Katharina hatte sich oft gefragt, wie es Martin gelungen war, sich einen Platz in ihrer Sippe zu ergattern, mit diesem Vorarbeiterrücken und den Blähwangen. Dass ihre Schwester bei Männern noch nie ein gutes Händchen gehabt hatte, war ein ausgetretener Pfad, doch mit einem wie Martin hätte Katharina nie im Leben gerechnet. Nachts lag sie häufig neben ihren Sorgen und dachte an ihre Nichte, die mit einem betrunkenen Vater und einer fehlenden Mutter zurechtkommen musste. Früher hatten die Männer vom Stammtisch sie davon abgehalten, bei der Jugendhilfe vorzusprechen, und ihr auf den Treffen im Bandauer gut zugeredet. Doch die Phasen, in denen Martin nicht trank, hatten gezeigt, welche Art von Vater er ohne ihre Schwester hätte werden können. Sie versenkte die Hobelklinge in der nächsten Barbe.
Eine Handvoll dieser Fische verirrte sich im Sommer auf der Suche nach einer Laichgrube immer in Elis Fangreusen, aber dieses Jahr waren es besonders viele. Die drei Räucheröfen mit ihren Schornsteinen im Imbiss »Zum Hexengarten« qualmten sogar bei Nacht, obwohl Eli die ungenießbaren Tiere voller Rogen aussortierte und genug Männchen wieder freiließ.
»Dem Martin bekommt das alles nicht, der hat keinen Boden mehr. Machst du dir denn gar keine Sorgen um unsere Pilly?«, fragte Eli und richtete den Gartenschlauch auf die Fensterscheibe über der Filetierplatte. Von außen hatten Spinnen die Sicht in Weben gehüllt, innen hafteten die Schuppen wie Raureif am Glas.
Katharina hatte sich angewöhnt, unbequeme Fragen mit mindestens zwei Gegenfragen zu beantworten, und erwiderte: »Wenn unser Wasser so schmutzig wäre, wie die behaupten, dann würden sich diese riesigen Barben hier doch gar nicht erst breitmachen, oder? Passen die überhaupt in die Öfen?«
Sie wusste, dass Eli auf ihre Gegenfragen grundsätzlich nicht antwortete und ihr die Unart nur durchgehen ließ, weil sie insgeheim genau wusste, dass kein Tag verging, an dem sie nicht darüber nachdachte, wie sie den Abgang von Waltraut ausgleichen konnte. Für Martin, dem die Schnäpse zu Kopf stiegen, seit der Westen Frau und Arbeit geschluckt hatte, und für Pilly, die sich bei ihren Besuchen ausschließlich für die alten Fotoalben begeisterte, anstatt im Garten zu spielen wie jedes normale Kind in ihrem Alter. Katharina hatte sogar ein Trampolin aufgebaut, doch ihre Nichte hatte nur Augen für die alten Aufnahmen ihrer Mutter im Ruderboot, im Hemd vor dem Pionierfeuer, zwischen Möwen auf der Seebrücke bei den Großeltern und im beigen Hochzeitszweiteiler vor den Stufen des Rathauses. Die Fragen nach ihrer Mutter, die Pilly Katharina immer wieder aufs Neue stellte, trafen ebenfalls auf doppelt so viele Gegenfragen. Das Kind hätte, gleich nachdem Waltraut ihre Familie verlassen hatte, zu ihnen in den Hexengarten ziehen sollen, doch Martin wollte selbst an den schlechtesten Tagen davon nichts hören.
Als Katharina die letzte Barbe ausgenommen und zum Ziehen in den Lakeneimer geworfen hatte, ging es an den Fang vom Vortag. Er war perfekt durchgezogen und bereit für den Ofen. Eli reichte Katharina die Fische einzeln. Sie durchstieß die Unterkiefer mit Haken und öffnete die Luke. Das Geheimnis von Elis berüchtigtem Räucherfisch lag in der Marinade und dem richtigen Holz. Das ausgenommene Tier kam für einen halben Tag in Sole und nach dem Entschuppen für eine ganze Nacht in einen Sud aus Zwiebel, Lorbeer und Rosmarin aus dem Garten. Erst ohne Rauch bei sechzig Grad, dann zwei Stunden bei mehr Hitze über Buche und etwas Obstbaummehl. Hinterher kamen die Filets zum Abhängen auf Rundhaken und das verkaufsfertige Räuchergut der Reihe nach in die Dielenkammer an dünne Waschseile. Kein Fisch war besser in der Gegend. Früher standen die Leute im »Hexengarten« Schlange und drängten sich mit ihren Kühltaschen bis an den Steg. An Feiertagen kreuzten die ersten Kunden bereits auf, wenn Eli früh am Morgen von der ersten Tour zurückkam. Gemeinsam trug man die Fangeimer in die Räucherei, und wer besonders fleißig mithalf, bekam von Katharina ein Fischbrötchen umsonst. Neuerdings legte niemand mehr mit Hand an. Nachdem Gutachter aus dem Westen die Wasserqualität in Elis Angelbucht als »ausreichend bedenklich« eingestuft hatten und mit dem Verbraucherschutz drohten, blieb die Verkaufslade auch zur Hauptsaison geschlossen. Im Auftrag des Umweltbundesamtes gab es regelmäßige Stichproben am Steg, und das verhängte Verkaufsverbot hatte sich schneller herumgesprochen, als die Öfen sich befüllten. Alle Vierteljahre betrat jemand mit Klemmbrett unbefugt das Grundstück. Eli war sich sicher, dass den Eindringlingen das Elbwasser schnurzegal war und es nur darum ging, kleine Betriebe wie ihren kaputtzumachen. Fisch für alle gab es jetzt im neuen Supermarkt, aus Ländern, die in Katharinas Schulatlas aus guten Gründen gar nicht erst erwähnt wurden. Gefälligst kaufen sollten die Leute, das füllte die Staatskasse schneller als Rotbarsch und Neujahrskarpfen aus irgendeiner Kanalbude.
Frischen Elbfisch gab es noch immer, auch das Brötchen zum Mitnehmen, allerdings nur unter der Ladentheke. Diejenigen, die trotz Verkaufsverbot kamen, waren die festen Leute. Sie brauchten keine neuen Kaufhallen und schon gar nicht eine neue Zeit. Bei Sonnenaufgang die Reusen abrudern, den Fang einholen, ausnehmen, einlegen. Hölzer spalten, Haken setzen und am Abend im Garten mit einem Hasseröder auf volle Mägen anstoßen. Der frische Wind, den sich die meisten gewünscht hatten, konnte zwar die Laufkundschaft vertreiben, aber gegen die wirklich festen Menschen im Ort konnte er nichts ausrichten.
»Schlimmer wie die Stasi«, flüsterte Katharina mit Blick aus dem Fenster und hängte den letzten Fisch in den Rauch. Seit Tagen liefen Männer in dunkelgrünen Overalls mit Tachymetern das Gelände um den Hexengarten ab und markierten verschiedene Bäume mit hellroter Sprühfarbe.
»Tja. Jetzt ist das Grünflächenkommando auch bei uns angekommen. Drüben beim Holz-Giesecke haben sie gerade mal drei Bäume stehenlassen«, sagte Eli.
Es klopfte an der Tür. Zweimal lang, dreimal kurz, einmal lang. Genosse Bergmann kannte das Klopfzeichen, das die Hintertür der Fischbude öffnete, ob eingeladen oder nicht. Wer sich verklopfte oder die Reihenfolge nicht einhielt, blieb draußen.
»Dir schlackert ja schon die Uniform! Das müssen wir ändern! Komm schnell rein!« Eli ließ Bergmann eintreten und winkte einem Mann zu, der die Trauerweide neben dem Anlegesteg besprühte.
»Der Duft von besseren Zeiten«, sagte Bergmann und begutachtete die Öfen am hinteren Ende der Bude. »Was habt ihr denn Schönes für mich?«
Katharina schwärmte von den Barben. Viele Gräten, aber im Geschmack mal etwas anderes. In der Essnische war alles für den hohen Besuch vorbereitet, die Trapo hat man schließlich selten im Haus. Mischbrotecken mit Rauchpastete, Russische Eier und eingelegte Vorgebirgstrauben aus den eigenen Beeten vor dem Haus.
»Das nenne ich eine Gurke!« Bergmann kaute. »Den Mist aus Holland kann man ja nicht essen. Ich verstehe nicht, warum sie den Dreck von drüben jetzt hierher karren.«
Bergmann glaubte noch immer an die Souveränität seines Landes und wurde nie müde, Katharina im Hexengarten oder beim Stammtisch im Bandauer zu erklären, dass nicht die Bürger eingeknickt waren, sondern der Pleiterusse mit seinem Übermut. Nicht der deutschdemokratische Sozialismus hätte versagt, sondern seine Beschützer, die ihn hätten verteidigen müssen. Allen voran Eberlein und Böhme. Keiner der Konsorten hätte in seinen Augen einen Orden verdient.
»Gute Politik verrät sich nicht und gibt nicht nach, das war doch immer so!«, fügte Bergmann hinzu und stellte in den Raum, dass das letzte Wort längst nicht gesprochen war.
Obwohl Eli nach seinen Besuchen über Bergmanns Stiefelhosen herzog, fand Katharina es bewundernswert, dass es noch Leute wie ihn gab, die ihre Uniform mit der Kleiderbürste polierten und auf neue Einsätze vorbereiteten. Die an einen Tag glaubten, an dem ihre Abzeichen wieder etwas zählen würden. Selbst ihr war aufgefallen, dass im Ort die Euphorie vom Anfang längst verflogen war. Sie konnte spüren, wie es in den Leuten brodelte und sich etwas unter jedem Stein zusammenbraute, das bald an die Oberfläche treten und sich mit äußerster Kraft entladen würde.
Bergmann sammelte mit dem Zeigefinger die Brotkrümel vom Teller und holte weiter aus: »Die Demos vor drei Jahren haben doch gezeigt, dass dieses Land viel mehr als nur Rückgrat hatte. Der Westen kann Wettbewerb und Wohlstand auf Kosten anderer, aber Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn – den kann er nicht!«
Bergmann zählte die Monate, bis auch der letzte Bürger einsehen musste, dass freier Wille, Verfügbarkeit und Überfluss kein guter Tausch gewesen waren. Kein Wagen und kein Hotel in Italien könne länger darüber hinwegtäuschen, dass dieses neue Leben in keinem Verhältnis zu den ideellen Errungenschaften einer gesunden sozialistischen Ordnung stehe. Sei der Urlaub vorbei, stünde man trotzdem vor dem Scherbenhaufen einer gescheiterten und fremdbestimmten Existenz. Für unser Land!, lautete die Devise und nicht: Für deren Land! Das wussten schon Silly, der Heym und die Wolf, als man noch echten Spielraum gehabt hatte.
»Niemand weiß mehr, was einem tatsächlich noch gehört«, murmelte Bergmann mit Blick auf das Grünflächenkommando am Ufer vor der Bude. »Die ziehen euer Grundstück neu, säbeln die Bäume ab, und keiner weiß, wozu.«
Katharina nickte nach jeder Parole, die Bergmann über seinem Teller einfiel, und beobachtete Eli, die besonders bei den Worten »Italien« und »Rückgrat« zusammengezuckt war. Deren Land war längst zu Elis geworden, und es hatte deswegen nicht nur einmal Streit zwischen ihnen gegeben. Jeder gefällte Baum erhöhte das Verkaufspotenzial. Ein Wort, das vor allem von den Nachbarn in den Mund genommen wurde, die keinen Fisch mehr bei ihnen kauften.
»Dass einen die Wende um den eigenen Garten bringt, hätte man nicht gedacht, oder Eli?«, sagte Katharina.
»Jetzt hört aber auf zu meckern! Möchte jemand einen Fischergeist?« Auch Eli hatte sich angewöhnt, Katharinas Fragen mit Gegenfragen zu beantworten. »Gegen alles ist ein Korn gewachsen, nicht wahr?«
»Westplörre«, grunzte Bergmann.
»Schmeckt aber«, erwiderte Eli und wanderte mit einem Streichholz die winzigen Tonkrüge ab. Die Flammen züngelten bläulich über die Becherränder. Jeder hielt seine Löschpfanne bereit und las den auf ihrem Boden aufgedruckten Spruch laut genug vor, um die einsetzende Kettensäge zu übertönen:
Krug um Krug gut aufgefüllt,
Vom Flammenspiel umhüllt,
Lasst uns nun die Becher heben,
Fischergeist,
Lang soll er leben!
Frau Klinge war eine Wetteruhr. Wenn sie vor dem Tor ihres Gartens geputzte Nistkästen und Vogelhäuser zum Trocknen aufreihte, wusste jeder, der daran vorbeikam, dass der Frühling jeden Augenblick hereinbrechen würde. Sie konnte Schneefälle, Stürme und Hitzewellen so genau voraussagen, dass die Leute im Ort lieber sie fragten, als sich die Vorhersage im Fernsehen anzuschauen. Einmal hatte sie in den wolkenlosen Himmel gestarrt und gesagt: »Da kommt noch was.« Keine drei Stunden später setzte ein Platzregen ein, der den Kanal über sein Ufer treten ließ und die Elbpromenade bis zur Hauptstraße überschwemmte. Es gebe viele Wege, das Wetter zu bestimmen, hatte mir Frau Klinge an einem unserer Kuchennachmittage vor ihrer senfgelben Laube verraten. Wenn man weiß, aus welcher Richtung eine Wetterfront kommt, zeigt die Farbe des Horizonts beim Auf- und Untergang der Sonne an, ob man seinen Badetag besser verschiebt. Änderte sich der Luftdruck, kitzelte es ihr in den Knochen, und ob sich Schnee ankündigte, konnte sie am Umfang ihres Winterzehs ablesen, doch am zuverlässigsten waren die Vögel, wenn es darum ging, ein Ereignis vorauszusagen. Die Flughöhe der Mehlschwalbe verriet ein Sommergewitter, lange bevor es zuschlug, oder man lauschte tief in die Baumkronen hinein, ob eine Amsel einen Regenruf von sich gab. Je öfter ein Vogel den Meisenknödel anfliegt, desto wahrscheinlicher wird eine Regenjacke, erklärte sie mir.
An diesem Tag waren die Stare und Finken zwischen den Ästen umhergesprungen und interessierten sich weder für die Knödel noch für den Prasselkuchen auf unseren Tellern. Frau Klinge schnippte eine Fruchtfliege vom Tisch und sagte: »Wenn die Käfer nicht kuscheln kommen, kann man die Dachfenster offen lassen.«
Sie schob mir ein Etikett zu und ließ mich das Wort Zucchini buchstabieren. Wie immer vergaß ich das zweite C, wie bei Borretsch das zweite R, und ich durfte meinen Schönschreibfüller erst ansetzen, als es mir einfiel. Neben dem Gartentor stand ein langer Tapeziertisch, auf dem die Bewohner der Kaserne gebundene Blumensträuße, selbstgekochte Marmelade, Gemüse, Obst und braune Eier aus dem Hühnergehege kaufen konnten, das am Ende von Frau Klinges Parzelle stand. Jeden Abend zählte sie die Münzen in der Einmachglaskasse, und wenn die Hennen nicht auf der Wiese, sondern im schattigen Hühnerhaus legten, spannte sie zwei Schirme über die nach Größe sortierten Stapel. Ich hatte ein eigenes Glas mit Münzen, das im Küchenregal der Laube stand. Pro beschriftetes Etikett oder Preisschild bekam ich zehn Pfennige. Für Unkrautjäten sogar eine Mark. In jedem Winkel von Frau Klinges Garten wuchsen Schnittblumen und Kräuter. Sobald die Eisheiligen vorbei waren, reckten sie sich aus alten Milchkannen, Kochtöpfen und Obstkisten. Bunte Stauden überwucherten angemalte Autoreifen, und über dem schrägen Vordach der Laube rankte wilder Hopfen wie ein bestickter Brautschleier. Jedes Jahr war ich überrascht, wie viele Früchte die knorrigen Bäume aushielten und dass die Kürbisse bis in die Baumkronen wuchsen. Im Herbst hingen sie wie Girlanden zwischen den Ästen und Frau Klinge musste sich für ihre Ernte die Schiebeleiter der freiwilligen Feuerwehr leihen.
