Verletzte Herzen - Josef K. Pöllath - E-Book

Verletzte Herzen E-Book

josef k pöllath

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Beschreibung

Der Roman "Verletzte Herzen" erzählt von drei jungen Menschen, ihren Träumen und Sehnsüchten und der großen Liebe in der erzkatholischen nordbayerischen Provinz der Jahre 1965 bis 1974. Die Handlung beginnt mit der Bundestagswahl im September 1965 und endet mit dem Machtwechsel von Bundeskanzler Willy Brandt zu Helmut Schmidt als neuen Kanzler im Mai 1974. Es ist einer Zei, in der die katholische Kirche und die Nähe zum Nationalsozialismus das Denken der Menschen in vielen Bereichen immer noch beherrscht. Jakob Wandel, ein intelligenter und von einigen Schulkameraden gefürchteter Klassenclown, denkt selbst bei der Frühmesse nur an Gabi. Die wiederum schwärmt für Tim, einen US-amerikanischen Lieutenant, der auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz stationiert ist. Sie beginnt eine Affäre mit ihm und wird von ihm schwanger. Hubert Fürst schafft mit Ach und Krach die Mittlere Reife, verlässt 18-jährig die Oberrealschule und beginnt eine Ausbildung im mittleren nicht-technischen Dienst des Finanzamts der kreisfreien Stadt und träumt von einer politischen Karriere, die er ehrgeizig und ambitioniert angeht ... Wie in einem Gefängnis durchlebt der eine die alles niederdrückende Sittenstrenge der katholischen Kirche, aus der er sich nur mühsam befreien kann, während der andere unbekümmert sein Glück in der Politik sucht. Und Gabi, die wegen ihrer Schwangerschaft vorzeitig die Schule verlassen muss und auf der Strecke zu bleiben droht, kann sich der alles kontrollierenden Welt in der Provinz entziehen und sieht einer hoffnungsvollen Zukunft in der Landeshauptstadt entgegen. It’s all over now (Rolling Stones) oder All my Loving (Beatles), Auflehnung oder Anpassung, Büstenhalter und Minirock, heiße Küsse nach schwülen Tanzpartys, Beichte, Schultheater und Sozialkundeunterricht, Petting oder Entsagung, Sonntagsgottesdienst und Kommunalpolitik prägen das Leben der jungen Menschen in der Provinz. Am Ende des Romans steht Hubert vor der Wahl in den Bayerischen Landtag. Jakob, der nach dem Abitur in München Mathematik und Theaterwissenschaften studiert, spürt, dass es vor allem die Dämonen in seinem Kopf sind, die ihm das Leben schwer machen. Das Auf und Ab in seiner Beziehung zu Margit scheint endlich überwunden. Doch das Schicksal sieht eine andere Lösung für ihn vor...

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Josef K. Pöllath

Verletzte Herzen

Roman

Inhaltsverzeichnis

1 Betrachtung

2 Bekenntnis

3 Andacht

4 Fürbitten

5 Requiem

6 Beichtgeheimnis

7 Fastenaktion

8 Bittprozessionen

9 Gebietsmission

10 Fronleichnamsprozession

11 Hochzeit

12 Botschaft

13 Vergebung

14 Krankensalbung

Impressum

Josef K. Pöllath

Verletzte Herzen

Roman

Impressum

© 2024 Josef K. Pöllath

Dr.-Hiller-Straße 8, D-85221 Dachau

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Atelier Lehmacher, Friedberg, unter Verwendung eines Fotos von © pexels-whicdhemein-one

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Einspeicherungen und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Hinweis

Der Roman spielt in den Jahren 1965 bis 1974. Im Text wird an einigen Stellen das Wort »Neger« verwendet. Dieses Wort hat sich in Nutzung und Bedeutung im 20. Jahrhunderts gewandelt und verschwand berechtigterweise so gut wie vollständig aus unserer Umgangssprache. Es gilt als abwertende, rassistische Bezeichnung und wird als Schimpfwort gebraucht. Wegen seiner negativen Wertungen wird es gelegentlich durch den Euphemismus »das N-Wort« ersetzt. In der Zeit, in der der Roman spielt, war es jedoch eine alltägliche Bezeichnung für Menschen schwarzer Hautfarbe.

Ähnlich verhält es sich mit der Bezeichnung »Zigeuner«. Zigeuner ist im deutschen Sprachraum ein umstrittener Ausdruck für ethnische Gruppen wie die Roma und Sinti und teilweise darüber hinaus für weitere Gruppen, die von Dritten damit assoziiert werden (»fahrendes Volk«). Viele Roma und Sinti sowie Jenische weisen den Ausdruck als diskriminierend zurück. Im Roman sind die diskriminierenden Bezeichnungen mit einem Sternchen (*) versehen.

Die Handlung des Romans ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1 Betrachtung

Jakob schreckte hoch. Was war das? Und wo war er? Warum war er so nass? Es dauerte einen Moment, bis er begriffen hatte, dass er schweißgebadet im Bett lag.

»Hörst du nicht? Aufstehen! In einer halben Stunde beginnt die Frühmesse! Jeden Tag das Gleiche mit dir!« Verstört schaute er auf den Wecker. Es war 6:30 Uhr. Warum konnte sie ihn nicht in Ruhe lassen?«

Widerwillig schlug er die feuchte Bettdecke zurück, stand auf, ging zum Schrank, holte ein Handtuch heraus und trocknete sich ab. Dann sammelte er seine Kleidungsstücke zusammen, die auf dem Boden verstreut herumlagen, und schlüpfte in die Hose, riss mit einem Ruck die Tür auf, als wollte er sie aus den Angeln heben, und warf sie mit großer Wucht wieder ins Schloss zurück, lehnte sich grinsend an die Tür und lauschte. Sie pfiff irgendeine Melodie vor sich hin, während Wasser in einen Topf lief.

Missmutig schlürfte er durch das Zimmer und ließ sich in den alten Ledersessel fallen. Was waren das für eigenartige Bilder, die ihm da im Kopf herumschwirren? Seit Wochen diese finsteren Träume! Immer wieder neue rätselhafte Gesichte. Als sein Blick zufällig auf das Kreuz über Heinrichs Bett fiel, lief der Traum wie ein Film vor ihm ab: Er ist Ministrant. Zusammen mit elf anderen Messdienern trägt er beim Einzug in die Kirche einen Baldachin, unter dem ein dickes rosafarbenes Schwein stakst, das einen roten Bademantel übergeworfen hat. Auf dem Kopf trägt es einen Spitzhut, an dem einer Mitra ähnlich hinten zwei Bänder befestigt sind. Um den Bauch hat es eine Schärpe, die nur ungenügend die prallen Zitzen verdeckt. Alle Ministranten sind mit langen Röcken, Alben und Kragen gekleidet. Nur er, Jakob, trägt eine schwarze Hose und ein gelbes T-Shirt sowie Jesus-Sandalen. Als die Prozession an den Betstühlen vorbeizieht, entfernt er sich grimassierend von den anderen und setzt sich in eine Bank, in der Frau Rieger aus der Waldrandstraße sitzt. Sie ist ihm wegen ihrer aufgesetzten Frömmigkeit zutiefst zuwider. Er drängt sie an den Rand der Bank, bis sie aus der Kniebank stürzt und am Steinboden liegen bleibt. Doch er kümmert sich nicht weiter um die Frau, die ihn aus schmalen Augen anstarrt, während er niederkniet und andächtig und mit gefalteten Händen den Zug mit dem Baldachin betrachtet, der sich auf den Altar zu bewegt.

An den Cancelli angekommen, hüpft das Tier unter dem Stoffhimmel hervor und kriecht die Stufen zum Altar hinauf. Als der Zug die Sedilien erreicht, kotet das Schwein mit hervorquellenden Augen den Priestersitz ein, ohne sich zu genieren, dass ihm die ganze Kirchengemeinde dabei zusieht.

Nun lassen die Träger den Baldachin fallen, lachen und klatschen in die Hände, während sich einige Gläubige zum Altar drängen und sich wie Kinder mit dem Mist bewerfen. Ein spindeldürrer Mann in einem zu großen schwarzen Anzug geht gesenkten Hauptes, laut Lobe den Herren singend auf das Schwein zu und kniet sich nieder. Dann steht er auf und geht langsam zu einem der hinteren Beichtstühle, um seine Sünden vor einem Priester aufzusagen. Da geht die Tür auf, und eine nackte Frau mit riesigen Brüsten kommt aus dem Beichtstuhl heraus und schaut ihn lüstern an. In der linken Hand hält sie eine zerfledderte Bibel, in der rechten eine Stola, das Amtszeichen des Priesters, die sie wie eine Schnur auf dem Steinboden hinter sich herzieht. Er kann der Frau gerade noch ausweichen. Aber kaum hat sie ihn passiert, da geht die mittlere Tür des Beichtstuhls auf und der Beichtvater kommt nachlässig mit einem Rauchmantel bekleidet heraus und stellt sich ihm grinsend in den Weg, während sein halb erigiertes Glied hin und her baumelt. Der Beichtvater breitet seine Arme aus, als wolle er Jakob wie den verlorenen Sohn aus der Bibel umschlingen und ihn an sich ziehen. Erschrocken weicht Jakob zurück und versucht zu fliehen. Doch er kommt nicht von der Stelle. Da bemerkt er, dass auch er mit Schweinemist besudelt ist. Mit letzter Kraft läuft er zum hinteren Kirchenportal. Doch die Tür ist verschlossen. Sein Körper fängt an zu jucken. Da beginnt es vorn am Altar zu läuten, das Zeichen für die beginnende Wandlung ...

Während er noch über den Traum nachdachte, rief die Mutter erneut: »Jetzt beeil dich und komm endlich!«

Lustlos und ohne zu antworten, schob er mit dem rechten Fuß Heinrichs Schuhkarton mit den Sex-Magazinen unters Bett, dann stand er auf, reckte sich mit lautem Gähnen, ging ans Fenster und schaute angestrengt auf die graue Stadt hinunter, über der schwere, tiefgraue Regenwolken hingen. Welcher Wochentag war eigentlich heute? Die Stille tat ihm gut. Er blieb einen Augenblick am Fenster stehen und überlegte. Dienstag. Richtig. Am Sonntag hatte die Wahl zum Fünften Deutschen Bundestag stattgefunden.

Warum sollten eigentlich die Menschen den Gürtel enger schnallen, wie der neue Kanzler forderte? Der hatte einen ganz schön dicken Bauch, da wären doch Hosenträger die bessere Lösung. Es war eine Qual, so früh aufstehen und in die Frühmesse gehen zu müssen. Er schlüpfte in die Schuhe und schlich langsam die Treppe hinunter, wo ihm die Mutter vorwurfsvoll die Tür zur Küche aufhielt.

»Ist der Herr doch noch aufgestanden. Welch eine Gnade! Jetzt beeil dich!«

Er setzte sich an den Küchentisch und schenkte sich eine große Tasse Kaffee ein, goss Milch hinzu, nahm drei hoch gehäufte Löffel Zucker und rührte um. Gedankenverloren führte er die heiße Tasse an die Lippen, da legte die Mutter jäh ihre Hand auf seinen Arm. »Willst du nicht zur Kommunion gehen?«

»Warum?«

»Warum? Warum?«, keifte die Mutter. »Weil du dann nichts trinken darfst. Der Herr will nüchtern empfangen werden.«

Ohne seine Reaktion abzuwarten, nahm sie ihm die Tasse aus der Hand, schüttete den Kaffee in den Ausguss und verließ wütend die Küche.

Belämmert starrte er ihr hinterher. Dann stand er auf und schlurfte laut gähnend ins Badezimmer.

Beim Zähneputzen fiel ihm Vroni ein, mit der er am Samstagabend auf der Party bei Richard war. Wie immer hauchte er nach dem Zähneputzen gegen den Spiegel und schnupperte konzentriert, ob er vielleicht Mundgeruch habe. »Halitosis«, sagte er leise vor sich hin, »ekelhaft«.

Zufrieden lächelte er in den Spiegel. Roch ganz gut, der Atem. Warum war Vronis Atem eigentlich immer leicht säuerlich? So wie am Samstag auf der Party, als ihm ihr Mundgeruch untergärig in die Nase gezogen war und ihm das Küssen unmöglich gemacht hatte. Angewidert hatte er die Lippen aufeinander gepresst und ihr einen trockenen Kuss auf den Hals gedrückt.

Doch Vroni hatte offenbar nicht kapiert, warum er sich von ihr abgewendet und mit Agnes zu flirten begonnen hatte. Überdies benahm sich Vroni in letzter Zeit so, als wären sie verheiratet. Wie am letzten Donnerstag nach der Leiterrunde, als der Führungskreis der katholischen Jugend noch in der Gemeindebücherei zusammensaß und sich Witze erzählte. Da hatte sie doch glatt vor der ganzen Clique einen derart blöden Witz über seine krummen Beine gemacht, dass er ganz rot geworden und vor die Tür gegangen war. Am liebsten hätte er ihr aufgelauert und sie zur Rede gestellt.

Er musste grinsen, als er daran dachte, wie sie neulich im Kino, als sie sich den Western Für eine Handvoll Dollar angesehen hatten, ihre Brüste an ihn gedrückt und den Arm um seinen Hals gelegt hatte. Und er hatte ihr seine feuchten Lippen auf den Mund gepresst, hatte vorsichtig unter ihren Rock gegriffen und ihren Oberschenkel sanft gestreichelt.

Er trocknete sich ab, kämmte sorgfältig die Haare und schlurfte langsam den Flur entlang, schnappte sich die grüne Windjacke und verließ grußlos die Wohnung.

Wie jeden Tag um diese Zeit erinnerten die Kirchenglocken an den Beginn des Gottesdienstes. Es regnete mittlerweile ziemlich stark, was ihn nicht störte. Er trottete die Waldrandstraße entlang, nahm die Abkürzung über den Fußballplatz und blieb an den Stufen zur Kirche stehen, sah sich um und überlegte kurz, ob er nicht den Gottesdienst ausfallen lassen sollte. »Ich hätte heute so schön ausschlafen können. Die erste Unterrichtsstunde fällt aus«, murmelte er vor sich hin. Er hasste diese Frühmesse, hasste die alten Weiber, die jeden Tag in die Kirche gingen, hasste den Pfarrer, hasste die Mutter mit ihrem religiösen Drill.

»Osténde, Domine, misericórdiam tuam«, betete Pfarrer Bauer gerade, als er die Kirche betrat, und die alten Frauen »Et salutare tuum da nobis«, antworteten.

Still setzte er sich in die vorletzte Bank und schaute unbeteiligt Pfarrer Julius Bauer und den beiden Ministranten zu, wie sie die Stufen zum Altar hinaufstolperten und allerlei geheimnisvoll anmutende Handlungen verrichteten. Dann begann der Priester mit der heiligen Zeremonie. Da fiel ihm wieder sein Traum ein, und er musste sich zusammenreißen, dass er nicht laut herausprustete, als er an das Schwein dachte.

Warum war Dietlinde eigentlich gestern weinend aus dem Wohnzimmer gekommen? Nun lebte und arbeitete sie schon seit zwei Jahren im Familienhaushalt, aber so richtig warm war er mit ihr immer noch nicht geworden. Heinrich war in letzter Zeit auffällig oft mit ihr unterwegs. Als er am Donnerstag nach der Gruppenstunde früher als sonst nach Hause gekommen war und auf das Zimmer gehen wollte, war die Tür abgeschlossen. Unschlüssig hatte er überlegt, wie er nun an sein Buch kommen sollte. Da hatte er Geräusche im Zimmer gehört und an die Tür geklopft. Heinrich hatte sich in das Zimmer eingeschlossen und wütend gezischt, er solle sich gefälligst zum Teufel scheren. Da hatte er sich leise umgedreht und sich im Dunkeln auf den obersten Treppenabsatz gesetzt. Es hatte nicht lang gedauert, da wurde leise der Schlüssel im Schloss gedreht, und zu Jakobs Überraschung war Dietlinde aus dem Zimmer gekommen, der es sichtlich peinlich war, als sie Jakob auf dem Treppenabsatz sitzen sah. Sie hatte ihn herausfordernd angesehen und ihn flüsternd gebeten, niemandem zu erzählen, dass sie mit Heinrich im Bett gewesen war.

»Sanctorum communionem, remissionem peccatorum, carnis resurrectionem, vitam aeternam. Amen«, betete der Pfarrer. Der Gottesdienst war erst beim Apostolischen Glaubensbekenntnis. Jakob kam die Messe endlos lang vor. Der Pfarrer kam und kam einfach nicht zum Ende.

Eigentlich sah Dietlinde ziemlich gut aus, auch wenn sie von ihrer Art her nicht sein Fall war. Hans hatte sie vor Kurzem Sexy Hexy genannt. Wahrscheinlich wegen ihrer dichten dunklen Haare, den langen Beinen und den runden Brüsten. Sie war sich offenbar bewusst, wie sie auf Männer wirkte. Ihre leicht schräg stehenden grünen Augen verliehen ihr etwas Frivoles. Irgendwie erinnerte sie Jakob an Gina Lollobrigida.

Heinrich ging also mit Dietlinde ins Bett, obwohl er mit Isolde verlobt war. Vor ein paar Wochen noch hatte er beim Essen getönt, dass sie demnächst heiraten würden, sobald Isolde ihre Friseurlehre abgeschlossen habe. Ob es Heinrich etwa nur darum ging, endlich auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen? Nachvollziehbar wäre es ja.

Was wohl Vater dazu sagen würde? Bestrafen konnte er Heinrich nicht mehr. Dazu war der große Bruder schon zu alt. Der Vater hatte Heinrich oft geschlagen, einmal, weil Heinrich geraucht und es geleugnet hatte, obwohl Vater die Zigaretten in der Jackentasche Heinrichs gesehen hatte. Die Strafe war wie immer nach einer grausamen Dramaturgie abgelaufen. Vater hatte nicht auf Heinrichs Lüge geantwortet und ließ den Sohn einige Tage richtig schmoren, bis er endlich das Exempel statuierte.

»Der Alte hat vergessen, dass ich rauche. Dann gibt’s auch keine Strafe«, hatte Heinrich selbstsicher gehofft, als sie in ihrem Zimmer saßen und Mühle spielten, bei dem Jakob immer verlor. Doch Heinrich hatte sich getäuscht.

Einige Tage darauf, als sie gerade mit dem Essen fertig waren und Mutter den Esstisch abräumte, war Vater aufgestanden und hatte Heinrich unvermittelt und aus heiterem Himmel mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Heinrich hatte versucht, dem Schlag auszuweichen, aber der Schlag hatte ihn mitten ins Gesicht getroffen, sodass seine Nase zu bluten begonnen hatte. Und weil Heinrich gebrüllt hatte, was das soll, hatte der Vater nur geantwortet: »Das nächste Mal überlegst du dir, ob du mich anlügst«, hatte in seine Hosentasche gegriffen und Heinrichs angebrochene Schachtel Pall Mall auf den Tisch geworfen. Vergessen gab es beim Vollstrecker nicht. Jakob überlegte, ob die Bestrafung den Exekutor vielleicht erregen würde.

Die Ministranten gaben das Klingelzeichen zum Beginn der Wandlung. Mechanisch kniete Jakob sich nieder, während der Pfarrer betete: »Accipite et manducate ex hoc omnes: hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur ...«

Jakob machte mit dem Daumen der rechten Hand drei Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust, wie es alle Gläubigen bei der Wandlung machten, verneigte sich und klopfte sich mit der rechten Hand dreimal an die Brust. Vor Kurzem hatte er einmal Dietlinde in den Ausschnitt geglotzt, als sie auf den Knien den Boden in der Küche gewischt hatte. Als sie seinen Blick bemerkte, tat sie, als wollte sie den obersten Knopf ihrer Bluse zuknöpfen. Da hatte er sich − wie jetzt bei der Wandlung − niedergekniet und ihr unter die Bluse gefasst. Dietlinde schien von seinem Angriff gar nicht überrascht. Jedenfalls hatte sie sich nicht zur Wehr gesetzt. Sie hatte auch keine spöttische Bemerkung gemacht, was er eigentlich erwartet hätte. Sie hatte nur herausfordernd gelächelt und dann langsam seine Hand aus dem Büstenhalter gezogen. Er war sich dabei ziemlich blöd vorgekommen. Mit ihr würde er gern ins Bett steigen, aber das traute er sich nicht.

Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Heinrich mit Dietlinde ernste Absichten hatte. Was würde wohl passieren, wenn er ihr ein Kind machen würde? Am Altar sprach der Pfarrer allerlei lateinische Gebete halblaut vor sich hin.

In letzter Zeit hatte sich Heinrich aufgeführt wie ein Platzhirsch, als hätte Vater bereits die Familienhierarchie neu geregelt und dem Bruder den Primat übertragen. Ständig kommandierte Heinrich ihn herum. Was der Bruder am Sonntag wohl gewählt hat? Die Kämpfe in den letzten Wochen zwischen Vater und Heinrich drehten sich ausschließlich um die Bundestagswahl. Oder war die Wahl nur ein Vorwand für Heinrich, um den Vater zu provozieren und sich mit ihm anzulegen? Der Vater war traditionsgemäß CSU-Wähler. Er hatte vor dem Krieg die Bayerische Volkspartei gewählt, wie er immer behauptete. Und für ihn ist die CSU die Nachfolgepartei der BVP. Heinrich hingegen behauptete, die CSU sei eine Partei der Großkopfeten, der es nur um wirtschaftliche Interessen gehe. Der einfache Mann auf der Straße komme im Parteiprogramm der Schwarzen gar nicht vor, hatte er argumentiert. Die CSU quatsche ständig von Tradition, dabei zerstörte sie die alten Werte, sie rede vom Mann auf der Straße, dabei zielten alle politischen Aktivitäten nur auf die Unterstützung der Wirtschaft. »Was hat diese Partei für Menschen wie dich zu bieten?«, hatte Heinrich den Vater gefragt und dabei die Mundwinkel verächtlich nach unten gezogen. Den Vater hatte weniger das Gerede des großen Bruders als vielmehr dessen verächtliche Grimasse wütend gemacht. Man hatte ihm richtig angesehen, dass er am liebsten losgedroschen hätte, so sehr hatte ihn der Sohn in die Enge getrieben. Der Strafvater wusste sich in solchen Situationen einfach nicht anders zu helfen als zuzuschlagen.

»Von wegen christliche Werte, die hat es bei der CSU noch nie gegeben«, hatte Heinrich spöttisch noch eins draufgesetzt. Mit der Bemerkung hatte er auch die Mutter gegen sich aufgebracht. Und als dann die Eltern über ihn hergefallen waren, hatte Heinrich nur provokativ vor sich hin gegrinst und das Wohnzimmer verlassen. Jakob wusste bis heute nicht, was der Bruder damit bezwecken wollte.

Als der Strafvater vor Kurzem wieder einmal außer sich war vor Wut und sich nur mühsam beherrschen konnte, hatte sich Heinrich grinsend vor dem Vater aufgebaut und ihn grinsend aufgefordert, sich keinen Zwang anzutun. »Wenn es dir guttut, dann schlag ruhig zu!«, hatte er gezischt.

Da hatte sich der Vater nicht mehr zu helfen gewusst. Als gestehe er seine Hilflosigkeit ein, hatte er sich wortlos umgedreht und mit feuchten Augen das Zimmer verlassen, mit einem Blick, als habe der Sohn die Hand gegen ihn erhoben, und Heinrich hatte dem Vater cäsarisierend hinterhergeschaut.

Ob Heinrich wirklich von der SPD so überzeugt war, wie er vorgab, konnte Jakob nicht einschätzen. Im Grunde genommen waren sich Heinrich und der Vater sehr ähnlich.

Wenn Jakob hätte wählen dürfen, hätte er die CSU gewählt. Jakob war von Franz Josef Strauß ganz begeistert. Das war in seinen Augen ein Redner, wie es in Deutschland keinen zweiten gab. Und wie dieser den politischen Gegner zur Sau machte, das faszinierte Jakob sehr.

Wenn er doch auch so gut reden könnte wie Strauß. Dann würde er den verhassten Gemeinweser vor der Klasse blamieren und zernichten. Jakob fühlte sich bei solchen Gewaltfantasien richtig stark und gut. Was das wohl für ein Gefühl sein mochte, den anderen überlegen zu sein und sie zu beherrschen?

Willy Brandt war ihm von seiner ganzen Erscheinung her nicht besonders sympathisch. Er konnte diese raue, ewig heisere Stimme nicht ausstehen. Was vertrat dieser Brandt politisch eigentlich? Andererseits fand er ihn auch wieder interessant, weil er so vehement für Berlin eintrat. Die Stadt würde Jakob auch reizen. Dort würde er gern studieren. Wenn Berlin nur nicht so weit weg wäre. Er vertraute letztendlich dem Vater, der sagte, Brandt habe Deutschland im Krieg im Stich gelassen. Brandt sei nach Norwegen geflüchtet, und deswegen sei er ein Feigling, ein Drückeberger, ein Vaterlandsverräter. Im Übrigen heiße Brandt in Wirklichkeit Frahm. Den Namen Brandt habe er nur angenommen, um seinen politischen Zickzackkurs zu verschleiern. Eigentlich interessierte Jakob Politik nicht besonders. In der Zeitung las er nur die Lokalnachrichten und den Sportteil. Und für den Sport war es einerlei, welche Partei gerade an der Macht war.

»Ecce Agnus Dei, ecce qui tollit peccata mundi«, jammerte Pfarrer Bauer mit einer Leidensstimme, die dieser immer annahm, wenn er die Messe las, und die Gemeinde antwortete laut und demütig:

»Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.«

Hier unterbrach Jakob seine familiär-politischen Betrachtungen, stand auf, ging mit langen, federnden Schritten, gesenkten Hauptes und gefalteten Händen, ohne nach links und rechts zu schauen, nach vorn zur Kommunionbank, drängte zwei kleine Buben zur Seite, stieß dem einen seinen Ellbogen in die Nierengegend und schob den anderen mit dem Körper zur Seite, kniete nieder, schloss die Augen, öffnete den Mund und ließ sich von Pfarrer Bauer den Leib des Herrn auf seine herausgestreckte Zunge legen. Als er zur Bank zurückging, fiel ihm Gabi ein. Wie großartig wäre es doch, wenn er mit ihr zusammenkommen könnte. Aber wie sollte er auf sich aufmerksam machen?

In der Bank angekommen, kniete er erneut nieder, legte das Gesicht in beide Hände, wie es alle, die zur Kommunion gegangen waren, machten und wartete darauf, dass Jesus sich bemerkbar machte. Auf diese Weise könnte man, so hatte Kaplan Meyer im Religionsunterricht behauptet, am besten mit dem Sohn Gottes reden. Jakob hatte das Gefühl, als ob es sich bei der langsam auflösenden Oblate um Tapetenkleister handelte, der unangenehm an seinem Gaumen klebte. Er fummelte mit der Zunge verzweifelt daran herum, bis er die Oblate endlich lösen und hinunterschlucken konnte.

Merkwürdig, aber er spürte wie immer, wenn er zur Kommunion ging, überhaupt nichts von Jesus. Wenn er wenigstens Herzklopfen bekommen hätte, wie er es bekam, wenn er an Gabi dachte. Er schüttelte gedankenverloren den Kopf und beobachtete den Geistlichen, wie er den Kelch mit Wein hinunterstürzte und anschließend das Gefäß theatralisch reinigte oder purifizierte, wie der Kaplan im Religionsunterricht gesagt hatte.

Ob er Gabi einmal anquatschen sollte? Er konnte ihr doch schlecht sagen, dass er sie gern küssen würde. Wie würde sie auf so eine Belästigung reagieren?

Mit den Gedanken bei Gabi trat er auf den Mittelgang hinaus, deutete eine Kniebeuge an, drehte sich um und ging mit wiegenden Schritten zum Ausgang der Kirche, noch ehe Pfarrer Bauer mit seinem Latein am Ende war. Am Hauptportal hörte er ihn noch pathetisch den Segen deklamieren:

»Benedicat vos omnipotens Deus, Pater, et Filius, et Spiritus Sanctus, Amen.«

Doch Jakob kümmerte sich nicht weiter um Vater, Sohn und Heiligen Geist. Hauptsache, die Messe war zu Ende.

***

In der Schule wurde an diesem Vormittag das Thema Bundestagswahl des Langen und Breiten behandelt. Jakob konnte sich schlecht konzentrieren, weil ihm immer noch Gabi im Kopf herumschwirrte. Er malte sich aus, wie er mit ihr auf der Bank hinter dem Sportplatz sitzen, seinen Arm um sie legen, ihr durch die langen rötlichen Haare streichen und sie küssen würde. Was der Studienrat gerade erzählte, drang nur gedämpft wie durch eine angelehnte Tür an sein Ohr. Eigentlich wusste er so gut wie nichts von Gabi, außer dass sie zusammen mit Heidi Assenböck nach der Schule immer mit dem Bus nach Hause fuhr. Mit Ausnahme von Karl Wimmer starrten alle aus der Klasse gebannt auf Gabis Brüste, sobald auch nur der Schatten von ihr auftauchte. Sie aber schien gar nicht zu bemerken, welch geistige Verwirrung ihre Erscheinung unter den jungen Männern auslöste.

Mit Karl Wimmer, der nach dem Abitur Theologie studieren und Priester werden wollte, konnte man im Grunde genommen über gar nichts reden. Er lebte in einer anderen Welt, ging jeden Tag in die Messe und zur Kommunion und schien geschlechtslos zu sein. Was ihn von allen Mitschülern jedoch abhob, das war seine Fistelstimme, die sich immer überschlug, wenn er mehr als zwei Sätze redete, was allerdings selten vorkam. Karl war in nahezu allen Fächern sehr gut. Seine Mutter schien ihm ihre Angst vor dem lieben Gott mit der Muttermilch eingegeben zu haben, denn für ihn war nichts interessanter als Religion.

Vor Kurzem behauptete Franz Wienand, dass er mit Gabi am Ziegensee gewesen sei. Dort habe er sie auch geküsst. Jakob, der sich über diese Angeberei wahnsinnig geärgert hatte, hatte nichts darauf gesagt, weil er sich vor den Klassenkameraden nicht verraten wollte. Nur Hans wusste von seiner Sehnsucht.

Während Jakob von Gabi träumte, analysierte Studienrat Strecker die Bundestagswahl, erläuterte die Veränderungen in der Sitzverteilung und stellte die Vorteile des alten und neuen Bundeskanzlers gegenüber seinem Herausforderer Willy Brandt heraus. Strecker bekam immer leuchtende Augen, wenn er von der sozialpolitischen Umgestaltung der Bundesrepublik Deutschland durch den früheren Wirtschaftsminister und jetzigen Kanzler sprach. Erhard war in den Augen Streckers ein richtiger Sozialrevolutionär. Wenn man den Studienrat so reden hörte, bekam man den Eindruck, die Bundesbürger hätten ohne Erhard kaum etwas zu essen. Von Hubert wusste die Klasse, dass Strecker Mitglied der CSU war und im Kreistag saß. Jakob wusste gar nicht, was der Kreistag war und was der für Funktionen hatte.

»Dass in diesem Jahr nahezu jeder Hilfsschüler eine Lehrstelle bekommt, ist nicht immer so gewesen, und das wird auch nicht in alle Ewigkeit so bleiben. Aber das ist einzig und allein das Verdienst unseres neuen Bundeskanzlers«, so Strecker.

Auf die Klasse machte diese Begeisterung keinen Eindruck. Nur Hubert war von den Ausführungen des Sozialkundelehrers fasziniert. Wenn es um Politik ging, lief Hubert zur Höchstform auf. Er war Mitglied der Jungen Union und träumte von einer politischen Karriere, was er bei jeder Gelegenheit erwähnte. Sein speichelleckerisches Gehabe gegenüber Studienrat Strecker war vielen in der Klasse zutiefst zuwider. Jakob verachtete den bulligen Schwätzer mit seinem dunkelroten Bürstenhaarschnitt. Am schlimmsten fand er Huberts metallische Stimme. Und Studienrat Strecker konnte er nicht ausstehen, weil dieser Schüler, die nicht seiner Meinung waren, unfair behandelte. Aber auch wegen seiner geifernden Reden hätte er ihn am liebsten zum Mond geschossen.

***

Als sie an einem Donnerstagabend nach der Gruppenleiterrunde wie immer vor dem Heimweg noch eine rauchten, fragte ihn Franz unvermittelt, ob er nicht in der Theatergruppe mitspielen möchte. Jakob wusste gar nicht, dass es eine Theatergruppe in der Pfarrgemeinde gab.

»Na ja, eine Theatergruppe gibt es noch nicht. Die soll erst gegründet werden. So stellt sich der Brummer das vor«, führte Franz herablassend aus.

»Was hast du mit dem Kirchenrat zu tun?«, fragte Hans.

»Wir sind beim Pfarrfest nebeneinandergesessen. Er findet, dass wir endlich mal was fürs Gemeindeleben tun sollten, statt ständig in der Pfarrbibliothek herumzulungern. Ihr könntet doch für den Seniorenclub im Fasching einen Bunten Abend gestalten, hat er vorgeschlagen.«

Franz war sichtlich stolz darüber, dass ihn der Kirchenrat mit dieser Führungsrolle betraut hatte. Jakob hatte noch nie in seinem Leben Theater gespielt, die andern, soweit er wusste, allerdings auch nicht.

»Kann ich mir das noch überlegen?«, fragte er Franz. »Ich muss erst noch meine Mutter fragen. Nicht dass es in der Bibel irgendwelche Verbote fürs Theaterspielen gibt. Ich gebe dir am Sonntag Bescheid.« Und damit gingen sie auseinander, Jakob innerlich aufgewühlt wegen der Frage von Franz, und Franz, weil er den Spinner endlich einmal verunsichern konnte.

***

Die nächsten Tage waren schlimm für Jakob. In der Schule konnte er sich nicht konzentrieren, und zu Hause regte ihn die Mutter auf mit ihrer ständigen Fragerei, wo er sich nach Schulschluss immer so lang herumtrieb, warum er sein Zimmer absperrte, wieso er sich seit einiger Zeit ständig in den Spiegel schaute.

»Hast du eine Freundin?«, wollte sie wissen.

»Was wäre, wenn ich eine hätte?«, entgegnete er gallig und ließ die Mutter verunsichert zurück.

Sie hatte keine religiösen Einwände gegen das Theaterspielen, befürchtete allerdings, Theaterspielen könnte ihn vom Ernst des Lebens abbringen. Im Übrigen, so unterstellte sie ihm, sei es doch lediglich ein Vorwand, um von zu Hause wegzukommen und sich auch abends noch herumtreiben zu können. Oft hielt er es zu Hause einfach nicht aus. Diese ständige Gängelei, diese Anspielungen, diese zynischen Bemerkungen des Vaters. Er hasste dies alles so sehr, dass er lieber heute als morgen von zu Hause ausgezogen wäre.

In der Clique spielte er häufig den Clown, stellte sich blöd, humpelte durchs Klassenzimmer oder frotzelte an Kaktus, dem Klassenprimus, herum. Kaktus war der Spitzname von Heinz-Peter Dahlem, dem Sohn einer Flüchtlingsfamilie aus Schlesien, der von unglaublicher Begriffsstutzigkeit, in Mathematik jedoch ein wahres Genie war. Den Namen Kaktus hatte ihm Jakob verpasst, weil Heinz-Peter sich beim Sport immer besonders eckig und hölzern bewegte.

»Pass auf, dass dir kein Stachel in den Arsch fährt, wenn du dich an den Kaktus drückst«, hatte er einmal beim Basketball Hans zugerufen, der mit Heinz-Peter zusammengestoßen war.

Die ganze Mannschaft war in schallendes Gelächter ausgebrochen, und seitdem war aus Heinz-Peter Kaktus geworden. Einige Lehramtskandidaten, die neu an der Schule waren, glaubten offenbar, Hans-Peter heiße mit Nachnamen Kaktus. Jedenfalls sprachen ihn verschiedene Lehrer mit Kaktus an, was immer große Heiterkeit in der Klasse auslöste und Hans-Peter rot anlaufen ließ.

Einmal hat Jakob im Lateinunterricht wie Hans-Peter geredet. Er konnte ihn verblüffend gut nachahmen. Die ganze Klasse johlte, und Jakob war der unangefochtene Star. Zu Hause allerdings wurde er oft traurig, wenn er an seine Blödeleien dachte. Dann fühlte er sich schlecht und schämte sich. Manchmal stellte er sich vor den Spiegeltisch im Schlafzimmer der Eltern, drehte und wendete sich, hielt den Kopf ganz nah an den Spiegel, zupfte an den Augenbrauen herum, schnitt Grimassen und schüttelte den Kopf und führte murmelnd Selbstgespräche.

In den letzten Monaten war er ziemlich stark gewachsen, was man nicht nur an seinen Jeans merkte, die mittlerweile hochwasser waren. Jetzt hatte er sogar Franz eingeholt. Äußerlich war er mit sich ganz zufrieden. Wenn er nur mehr Muskeln hätte. Zeitweilig fühlte er sich unendlich einsam. Dann fragte er sich, auf wen er sich verlassen und wem er ganz vertrauen konnte. War Hans etwa nicht sein Freund? Dann stieg ein schlechtes Gewissen in ihm auf, weil er so ungerecht war.

Trost fand Jakob nur bei seinem Großvater, den er in letzter Zeit häufiger besuchte. Still setzte er sich dann an Großvaters Bett und genoss es, nichts reden zu müssen. Bei Großvater konnte er rauchen, ohne Angst, vom Vater erwischt zu werden. Der Großvater verstand ihn. Das wusste er, obwohl er schwer krank war und seit einigen Wochen mit dem nahenden Tod beschäftigt schien. Manchmal sprach der Großvater von früher, vom anderen Krieg, wie er den Ersten Weltkrieg nannte, von Belgien, wo er stationiert war. Vom Zweiten Weltkrieg, den der Großvater als Zivilist erlebt hatte, sprach er so gut wie nie. Eigentlich erzählte er immer wieder das Gleiche. Jakob kannte die Geschichten auswendig. Und doch fragte er immer wieder nach, ließ sich manches Detail, das ihn besonders berührte, noch einmal schildern oder saß einfach nur da, wenn der Großvater leise vor sich hinredete. Beim Großvater konnte er sein, wie er war, ohne etwas spielen oder besondere Leistungen erbringen zu müssen. Er konnte seinen Träumen nachhängen oder den Opa nur anschauen. Der Opa hatte große, wässrig-blaue Augen und ein erstaunlich glattes, rot-braunes Gesicht. Jakob fand, dass Opa trotz seines Alters verdammt gut aussah. Ob er im Alter auch einmal so aussehen würde? Schlank, schlaksig, hochgewachsen, mit flinken, wissenden, durchdringenden, aber gütigen Augen? Diese leicht heisere, dunkle Stimme hatte er jedenfalls von ihm, wie manche Leute sagten, die den Großvater kannten.

***

Und nun hatte ihn ausgerechnet Franz eingeladen, bei dem Bunten Abend mitzumachen. Wieso hatte Kirchenrat Brummer Franz, diesen Angeber, und nicht ihn angesprochen? Wo er doch weit eifriger in die Kirche ging als Franz, und obendrein war er der mit Abstand beste Unterhalter der gesamten Clique. Jakob ärgerte sich über seine Eifersucht. Er überlegte sich, wie er die Gruppe verunsichern könnte, und er entschloss sich, Franz ein wenig zappeln zu lassen. Er könnte ja so tun, als wollte er ihm einen Korb geben. Doch dann verwarf er diese Möglichkeit sogleich. Nein, so eine Chance, fremden Leuten zu zeigen, was er kann und im Mittelpunkt zu stehen, bekam er nie wieder.

Als ihn einige Tage später Erich Klügg an der Bushaltestelle fragte, ob er sich denn nun schon entschieden habe und die Rolle der Klothilde übernehmen wolle, wurde er so wütend, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte. Er kanzelte den Biafra, wie sie Erich seiner mageren Gestalt wegen nannten, verächtlich ab:

»Ich denk doch gar nicht daran, bei diesem Scheiß mitzumachen, keine Lust, mich mit euch Stotterern, Stinkbomben und warmen Brüdern zu blamieren. Aber vielleicht übernimmst ja du die Rolle der Klothilde, dann könnte Franz deinen Partner spielen. Stell dir vor, da dürftest du ihn auf der Bühne küssen, öffentlich, ohne dass jemand was dagegen haben kann.«

Erich war vor Scham feuerrot geworden, weil Jakob seine Wut so laut herausgestoßen hatte, dass sich die Leute an der Bushaltestelle umdrehten und sie angafften.

»Du bist ein Arschloch«, kam es tonlos von Erich. Und damit drehte er sich von Jakob weg und schaute in die andere Richtung. Jakob hatte Erich mit der Bemerkung an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Erich überlegte, warum Jakob ihn so verletzte. Er hatte ihm doch nichts getan.

»Was hast du gesagt? Könntest du es noch einmal wiederholen? Ich habe dich leider nicht verstanden«, setzte Jakob noch eins drauf.

»Lass mich in Frieden!« stieß Erich halblaut hervor. Er überlegte kurz, ob er das Thema wechseln sollte, um nicht weiter von den Leuten angestarrt zu werden. Aber dann unterließ er es. Er hatte sich mit Jakob gar nicht anlegen wollen. Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und ließ Jakob einfach stehen, der wusste, dass er in diesem Moment zu weit gegangen war. Er holte ein zerfleddertes Taschenbuch aus der Schultasche und tat, als wolle er lesen. Erich ging geknickt von der Bushaltestelle weg und schämte sich vor all den Leuten, mit denen er im gleichen Bus fahren musste. Nun wussten alle, dass er auf Männer stand.

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Am Kirchweihsonntag nach dem Hochamt waren Hans und Vroni Händchen haltend und eng umschlungen auf dem Weg nach Hause, ohne zu merken, dass Jakob ihnen schon eine ganze Weile folgte. Als er zu ihnen aufgeschlossen hatte, rückten sie erschrocken voneinander ab und gaben sich betont unbefangen, als hätte ihr Schäkern nichts zu bedeuten. Hans blickte drein, als habe Jakob ihn auf frischer Tat beim Klauen erwischt. Und Jakob ließ sich nicht anmerken, wie sehr es ihn wurmte, dass Vroni mit Hans Händchen hielt. Und Vroni wäre am liebsten in den Boden versunken und schaute schuldbewusst auf ihre Schuhspitzen. Erst vor einigen Tagen noch hatte sie mit Jakob herumgeschmust. Dabei war Hans Jakobs bester Freund. Hans versuchte, mit einem Witzchen die Situation zu überspielen: »Seien Sie gegrüßt, der Herr. Kennen wir uns?« lächelte er verlegen.

Jakob ging ohne eine Reaktion ein, zwei Schritte weiter, dann stellte er sich ihnen in den Weg, nickte bedeutungsschwer und begann, aus dem Stück, das sie für den Bunten Abend einübten und in dem er Klothilde, die Frau des Ritters Kunibert spielen sollte, zu rezitieren:

»Schaut sie nur an, ihr lieben Leute − sind nicht sehenswert die beiden? Ist sie nicht ein reizend Wesen, schön, gebildet und belesen, sittsam, tugendreich und mild? Unverkennbar Mutters Bild! − Kind, wie hab ich um dich Angst, dass du mal daneben langst! Was schlägst du deine Augen nieder? Oh, blick mich an! Sei nicht so z‘wider! Ich erkenn mit Mutteraugen: Etwas will dir heut nicht taugen. Welcher Kummer nagt an dir? O liebe Tochter, sag es mir!«

Hans schob unbeholfen seine Hände in die Hosentaschen und stammelte gequält lächelnd: »Das ist ja aus unserem Theaterstück, oder? Hast du schon so viel gelernt?«

Jakob ging auf die Bemerkung nicht ein, nahm seinen Freund am Ärmel, zog ihn ganz nah an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Hey, du kannst sie haben. Hast du es schon bemerkt? Sie riecht aus dem Mund. Halitosis nennt man das. Das ist eine Krankheit!«

»Hali, was?«, stotterte Hans, ohne darauf zu achten, ob Vroni hörte, was sie redeten.

»Na, Halitosis, krankhafter Mundgeruch. Ich kann so etwas auf den Tod nicht ausstehen. Sie mag es übrigens, wenn man an ihrem linken Ohrläppchen saugt.«

Vroni war inzwischen mit gesenktem Kopf weitergegangen. Ihr war es egal, was die beiden redeten. Dann blieb sie stehen, drehte sich um und ging einige Schritte rückwärts.

»Hans, kommst du heute Abend in die Theaterprobe?«, fragte sie, drehte sich um und lief den beiden voraus. Man musste sie gar nicht kennen, um zu sehen, wie sehr sie sich über diese Begegnung ärgerte. Eigentlich hätte sie Jakob längst sagen sollen, dass sie nun mit Hans zusammen war.

Jakob ließ Hans stehen, lief Vroni hinterher und gab ihr einen kräftigen Klaps auf den Hintern. Dann lief er mit langen, federnden Schritten, ohne sich noch einmal umzudrehen, nach Hause. Ganz außer Atem stürmt er in die Küche, wo die Familie bereits vor dem gedeckten Tisch stand und das Tischgebet sprach. Der Vater schaute den Sohn vorwurfsvoll an, ohne das Vaterunser zu unterbrechen. Dann nickte er, das Zeichen, dass die Familie sich setzen durfte.

Beim Essen gab sich Jakob entspannt und ungezwungen und erzählte von der großartigen Predigt, die Pfarrer Bauer heute gehalten und in der er gegen die heruntergekommene Moral der Jugend gewettert habe. Vorehelicher Geschlechtsverkehr sei immer noch eine Todsünde, hatte er ausgeführt, so Jakob. Aber das scheine unserer Jugend ja egal zu sein, oder sie verdränge es einfach. Und Schuld daran trügen nicht etwa die Eltern, sondern einzig und allein diese sogenannten Sexidole, wie diese verkommene, impertinente Brigitte Bardot. Diese Pseudoschauspieler und Musiker würden von den Zeitschriften und im Fernsehen zu Stars gemacht. In Wirklichkeit seien es substanzlose Idole unserer Jugend, die sich ohne jedes Schamgefühl nackt fotografieren ließen. Am schlimmsten seien diese Hottentotten-Musiker aus England, diese Rolling Stones oder wie sie hießen. Musik nennen diese Gammler das. In Wirklichkeit sei es nur grauenhafter Lärm, was sie fabrizierten, habe der Pfarrer ausgeführt.

Dies sei der Niedergang der europäischen Kultur. Unter Musik verstehe der Pfarrer etwas ganz anderes, zum Beispiel Walzermusik, die Gregorianischen Choräle, die Werke von Bach oder Mozart oder aber auch unser wunderschönes Volksliedgut. Aber dafür lasse sich unsere Jugend nicht mehr begeistern. Und mit der Frage, wo das noch hinführen werde, habe er die Predig beendet.

Die Eltern hörten Jakobs langer Rede erstaunt zu. Dass der Sohn die Predigt so aufmerksam verfolgt hatte, war recht ungewöhnlich. Sie merkten gar nicht, dass Jakob mit seinem Bericht davon ablenken wollte, dass er zum Essen zu spät gekommen war. In Wirklichkeit hatte er sich über die Predigt wahnsinnig geärgert. Diesem hinterwäldlerischen Pfarrer hätte er am liebsten zwischen die Beine getreten.

Als Jakob mit dem Essen fertig war, fragte er den Vater, ob er aufstehen und auf sein Zimmer gehen dürfe, da er noch lernen müsse. Und da der Vater, ohne ihn anzusehen, wortlos nickte, stand Jakob auf, schlug im Vorbeigehen Heinrich schnell und von den Eltern unbemerkt den Ellbogen ins Kreuz und ging eilig auf sein Zimmer, legte sich aufs Bett und überlegte, wie er sich an Hans und Vroni rächen könnte.

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Der neue Bundeskanzler stand ganz schön unter Druck, als es um die Bildung des neuen Kabinetts ging. Die FDP als Koalitionspartner stellte doch glatt die Bedingung, Franz Josef Strauß von einer Regierungsbeteiligung auszuschließen. Dass die kleine Partei so viele Stimmen erhalten hatte, verdankte sie vor allem ihrem Parteivorsitzenden, den angeblich vor allem Frauen wegen seines guten Aussehens gewählt hatten. Dem ehemaligen Major hatte der Führer im Krieg das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. Dieses dürfte er allerdings nicht wegen seines Äußeren bekommen haben. Dass der Vorsitzende der CSU von der Regierung ausgeschlossen werden sollte, regte viele Parteimitglieder maßlos auf. Schließlich hatte man das satte Ergebnis bei der Bundestagswahl dem rabulistischen Metzgerssohn an der Spitze der Partei zu verdanken. Da der Kanzler jedoch trotz des guten Wahlergebnisses nicht ohne die FDP regieren konnte, gab er dem Druck des kleinen Koalitionspartners nach und drängte damit Strauß in die zweite Reihe zurück.

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In der Steinpfalz, im südöstlichen Grenzgebiet zu Tschechien, verzieh man dem sabbernden Kanzler diese Kumpanei mit der ungeliebten kleinen, aber mächtigen FDP nicht. In Eslarn saßen die Kleinbauern, Sägewerksbesitzer, Kolonialwarenhändler und Handwerker beim Frühschoppen am Sonntag im Gasthaus Zum Schwarzen Bären und diskutierten sich die Köpfe heiß, wie der CSU-Vorsitzende der Bonner Koalition diese Herabsetzung am besten heimzahlen könnte. Die 1344 Einwohner jedenfalls waren bereit zum Angriff auf die Republik. Sie wollten wie ein Mann hinter ihrem Großen Vorsitzenden Strauß stehen.

Als Richard Schnabel, gebürtiger Eslarner, in der Pause seinen Schulkameraden von der Versammlung erzählte, wussten die meisten nicht, was sie dazu sagen sollten. Kaktus vermutete, dass in Eslarn ein kontagiöser Wahnsinn ausgebrochen sei. Hubert Fürst jedoch erregte die Nachricht so sehr, dass er sogar den Gong, der das Ende der Pause anzeigte, überhörte und immer noch wild gestikulierend weiterredete, als alle außer Johnny bereits wieder im Klassenzimmer auf ihren Plätzen saßen. Hubert wollte auf jeden Fall ein Zeichen setzen und so bald wie möglich mit dem Zug nach Eslarn fahren, um sich vor Ort ein genaues Bild zu machen und den Staatsrevolutionären in Eslarn damit seine Solidarität zu erweisen.

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Richard Schnabel war einer der Schulpendler, die täglich mit dem Zug eine Dreiviertelstunde fahren mussten. Jakob hatte zu den Grenzlern, wie sie in der Schule meist genannt wurden, wenig Kontakt. Die schulischen Leistungen der meisten Pendler waren ziemlich gut, hatten sie doch während der Zugfahrt ausreichend Zeit, die Schularbeiten zu erledigen, sich gegenseitig abzufragen und sich auf den Unterricht vorzubereiten. Es gab allerdings auch eine Clique, die die Zugfahrt ausschließlich zum Kartenspiel nutzte und die in der Klasse die Kartler genannt wurden. Zu ihnen gehörte auch Johnny, ein gut aussehender, achtzehnjähriger Wiederholer, der aufgrund seiner schulischen Leistungen die Mittlere Reife offenbar längst abgeschrieben hatte.

Jakob hatte zu Johnny einen sehr guten Draht, weil Johnny alles gut fand, was Jakob sagte oder tat. Johnny kam aus einer kleinen Nachbargemeinde von Eslarn, wo seine Eltern umfangreiche Waldgebiete besaßen, die Johnny einmal erben sollte. Johnny war der einzige in der Klasse, der ein eigenes Auto besaß, einen Fiat Cinquecento, mit dem er allerdings höchst selten zur Schule fuhr. Er war lieber mit dem Zug unterwegs, da konnte er wenigstens ungestört schafkopfen, was er meisterhaft beherrschte. Johnny lag Jakob immer wieder in den Ohren, ihn doch mal zu besuchen: »In Eslarn kenne ich ein paar hübsche Mädchen. Die würden dir bestimmt gefallen«, sagte er augenzwinkernd. Aber Jakob interessierte sich nicht sehr für die Mädchen in Eslarn. Er hatte nur Gabi im Kopf.

»Lass gut sein, Johnny. Eslarn ist mir zu weit weg«, versuchte Jakob Johnny abzuwimmeln.

»Ich kann dich am Wochenende abholen, wenn du willst. Das ist überhaupt kein Problem. Du kannst auch bei mir übernachten«, ließ Johnny nicht locker.

»Ich weiß nicht, ob mir das meine Mutter erlaubt.«

Johnny grinste vielsagend. Und ließ es dabei bewenden.

***

Die Grenzregion, vom übrigen Deutschland scherzhaft Bayerisches Sibirien genannt, war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich und politisch vom übrigen Bayern ziemlich isoliert. Das führte bei den Bewohnern zu einer sonderbaren Starrköpfigkeit und eisernen Lernunwilligkeit. Mit dem CSU-Vorsitzenden gab es endlich einen Menschen, der ihnen sagte, wo es langging. Damit hatte ihre jahrhundertelange Zerrissenheit, in der sie nicht wussten, ob sie Bayern oder doch Böhmen waren, endlich ein Ende. Nun hatten sie eine politische Führungspersönlichkeit, zu der sie aufblicken konnten. Der CSU-Vorsitzende mit seiner Sprachgewalt, seinem Aussehen und mit seinem Absolutheitsanspruch weckte in ihnen geheime Wünsche und Allmachtsfantasien, ähnlich wie ihre Vorfahren vor über 150 Jahren, als Napoleon das Land besetzt hatte. Und diese Treue zu ihren ehemaligen französischen Besatzern zeigte sich auch in ihrem Dialekt. Sie sagten zum Beispiel Chaiselongue statt Sofa, Plafond statt Zimmerdecke, Parapluie statt Regenschirm, Trottoir statt Gehsteig.

Den Schülern der Oberrealschule in der kreisfreien Stadt war dies alles völlig egal. Sie waren weder an Politik interessiert noch wussten sie über die verschiedenen Parteiprogramme Bescheid. Ob das nun an ihren Lehrern lag oder am jeweiligen Elternhaus oder an der einseitigen Propaganda des Steinpfälzer Tagblatts oder am Fernsehen oder an der BILD-Zeitung, daran verschwendete keiner einen Gedanken, schon gar nicht die Untersekunda der Oberrealschule. Dort interessierte man sich nur für Mädchen, Partys, Mopeds und Musik.

***

Jakob war nun schon seit Wochen nahezu ausschließlich mit seiner Rolle als Klothilde in Robart und Radegund beschäftigt, einem Ritterstück, das von fünf Jungen gespielt und von Kaplan Joseph Meyer einstudiert wurde. Der geistliche Regisseur war bei den Proben meist hypernervös und brachte die ganze Gruppe durcheinander, vor allem die Mädchen, die in den anderen Stücken mitspielten und den Bunten Abend mitgestalteten. Bei einer Probe verletzte der geistliche Regisseur Helga, eine hübsche, sehr gescheite Blondine, mit seinem Kommentar so sehr, dass diese beleidigt den Probenraum verließ und sich in einem Nebenraum der Pfarrbibliothek versteckte. Der unsensible Kaplan hatte im Eifer des Gefechts herausgestoßen, dass man zum Theaterspielen vor allem ein gutes Gedächtnis bräuchte, da brächte ein noch so kurzer Mini-Rock gar nichts.

»Auch deine blonden Haare und dein Schmollmund helfen dir nicht weiter«, versuchte er zu witzeln.

Es war schließlich Franz Wienands Verdienst, dass sich Helga herabließ und doch noch weitermachte. Er war ihr, ohne lange nachzudenken, hinterhergelaufen, hatte ihr lieb zugeredet, sie in den Arm genommen und sie auf den Hals geküsst. Sein Saugen an ihrem Hals hatte sie schlussendlich dazu bewogen, zu den Proben zurückzukehren. Jedenfalls reckte Helga hinterher ihren Hals demonstrativ und voller Stolz in den Zuschauerraum, sodass die ganze Theatergruppe den dunkelroten Knutschfleck auf blasser Haut sehen konnte. Doch aus der Theatergruppe hat niemand das Resultat des Trostes kommentiert.

Der Regisseur brachte meistens alle Stücke durcheinander, die er für den Bunten Abend einstudieren wollte, soufflierte ohne Notwendigkeit, sagte das Stichwort entweder zu früh vor oder unterbrach damit den Schauspieler, wodurch sich dieser nicht mehr konzentrieren konnte und aus der Rolle fiel. Oft widersprach der geistliche Herr mit seinen schwulstigen Lippen den eigenen Regieanweisungen, fing immer wieder bei Adam und Eva an, wenn er die Beziehung zwischen Mann und Frau in dem Stück erklären wollte, kam ständig mit neuen Einfällen daher, lachte sich halb tot dabei, wiederholte dann diese Szenen, kratzte sich mit der linken Hand auf der rechten Schädelseite, fuhr sich mit den Fingern durchs Gesicht, ließ das Regiebuch fallen, fiel beim Bücken, um es aufzuheben, über einen Stuhl, stieß dabei die Sachen auf den Boden, stand auf und nahm das nächstbeste Textheft, das er sah, um mit der Probe fortzufahren. Dabei merkte er nicht, dass er mit einem falschen Textheft arbeitete und Regieanweisungen gab, die zu dem gerade geprobten Stück überhaupt nicht passten. Den Schauspielern juckte das alles nicht. Sie tranken Bier, droschen Karten und störten damit die Akteure auf der Bühne so sehr, dass nach einer Stunde Probe keiner der Anwesenden mehr wusste, warum sie eigentlich zusammengekommen waren. Außer Jakob und dem Regisseur setzte sich auch keiner aus der Gruppe mit den Stücken auseinander. Den meisten ging es lediglich um die Gaudi. Sie machten nur deswegen mit, weil sie dadurch mit den Mädchen zusammenkommen und sich für kurze Zeit der Knebelung und Kontrolle ihrer Eltern entziehen konnten.

Jakob jedoch war bei den Proben in der Form seines Lebens. Er war, wenn es ums Theaterspielen ging, ungewohnt ernst und reflektiert. Er spürte in gewisser Weise, wie er sich von den Kameraden damit abgrenzen konnte, und dass ihm Theaterspielen eine Bestätigung gab, die ihn innerlich wachsen ließ. Er stellte sich vor, wie ihm die Pfarrgemeinde einschließlich Pfarrer und Lehrer nach der Aufführung huldigend zu Füßen liegen würde. Sein penetrantes Nachfragen, wie er die Rolle anlegen könnte, brachte den Regisseur jedoch zur Weißglut.

Einmal wollte Jakob wissen, ob er von links oder doch besser von halblinks auftreten, ob er vor der Frage: »Sind nicht sehenswert wir beide?« eine kleine Pause einlegen oder ob er einfach weitersprechen sollte. Er wollte wissen, ob er laut einatmen und die Luft anhalten sollte, bevor er zu sprechen begann oder ob er sich nur räuspern sollte, und wie es wäre, wenn er als Frau die Stimme verstellte und betont krächzen würde. Da jedoch vom Regisseur keine Reaktion kam, außer dass er resigniert die Schultern hob und senkte, baute sich Jakob vor ihm auf und bat ihn herablassend, ihm zu zeigen, wie er sich als Frau bewegen müsse. Ob er etwa die linke Hand in der Szene, in der die Tochter auf die Knie sinken muss, vor die Brust pressen oder ob er sie vielleicht ausstrecken sollte.

Einmal kam er mit einer ganzen Liste an Fragen in die Theaterprobe, die er mit dem Kaplan diskutieren wollte. Damit er die Rolle der Klothilde publikumswirksam spielen könne, sagte er, müsste er genau wissen, in welcher Zeit das Stück spiele, wie alt die Ritterfrau Klothilde, wie alt der Ritter Kunibert und wie alt ihre Tochter Radegund sei. Aus dem Text ginge das ja leider nicht hervor. Er wollte wissen, wie sich die beiden Eheleute kennengelernt hatten, in welcher Region das Stück spielt, wer der Souverän des Landes gewesen sei, wie viele Untergebene zur Ritterfamilie gehörten, ob sie mehr männliche oder vorwiegend weibliche Bedienstete gehabt hätten, wie viele Ländereien sie besaßen und so weiter und so fort. Der soziale Hintergrund gehöre schließlich zum Rollenstudium und sei Voraussetzung für einen Schauspieler, die Rolle zur Zufriedenheit und zur Begeisterung der Zuschauer glaubwürdig verkörpern zu können, erklärte er. Das habe er in einem Buch von Bert Brecht und in einem Artikel von Jewgeni Wachtangow in der Zeitschrift Theater der Zeit gelesen.

»Ich habe mich in der Bücherei erkundigt und drei Bücher kommen lassen, die mir die Bibliothekarin empfohlen hat«, klärte er den Geistlichen auf.

Die meisten in der Gruppe fanden diese quälenden Fragen langweilig. Manche reagierten versteckt aggressiv auf dieses ganze Geschwätz und drohten, alles hinzuschmeißen. Manchmal kam es zu Streitereien, weil es die einen interessant fanden, was Jakob wissen wollte, während die anderen es als Zeitverschwendung bezeichneten, derartig blödes Zeug zu diskutieren.

»Wir sollten endlich mit den Proben beginnen«, schlug Biafra vor.

Da die meisten Spieler noch nie auf einer Bühne gestanden hatten, wurden sie immer nervöser, je näher die Aufführung rückte. Manchmal verließ nahezu das gesamte Ensemble den Probenraum und wechselte in die angrenzende Pfarrbibliothek, während Jakob mit dem völlig zermürbten Geistlichen und zwei eifrigen Mitspielern im Probenraum zurückblieb, um über eine Szene zu streiten.

Unterdessen qualmten die anderen Zigaretten, tranken Bier oder Lambrusco aus Zwei-Liter-Flaschen und machten Pfänderspiele, bei denen jeweils ein Kleidungsstück ausgezogen werden musste, bis man halb nackt in der Bücherei herumsaß und sich erst wieder anziehen durfte, wenn man einem bestimmten Mädchen oder Jungen einen Zungenkuss gegeben hatte. Der Regisseur im Probenraum war dagegen einem Nervenzusammenbruch nahe und wusste weder ein noch aus. Hinauswerfen konnte er Jakob nicht, weil dieser die Rolle der Klothilde ziemlich gut verkörperte und man dummerweise auch keinen Ersatz für den Quälgeist hatte.

Am Ende spielte Jakob meist den Beleidigten. Einmal warf er schnippisch hin, es sei ihm egal sei, ob er eine Frau mit 30 oder 60 Jahren spielen würde. Dann würde er halt so dahinstümpern. Blamieren würde sich schließlich der Regisseur, der den ganzen Mist zu verantworten hätte. Dem Regisseur fiel dazu nichts mehr ein. Er stampfte wie ein Kind mit dem Fuß auf den Boden auf und starrte den Störenfried wütend an, worüber Hedwig laut kicherte.

Jakob drehte sich vom Regisseur weg und erklärte, er habe gelesen, dass das Alter einer Rollenfigur die gesamte Handlung des Stückes beeinflussen würde, weil das Alter etwas über die Lebenserfahrung aussage, es beeinflusse die Körperhaltung, ob jugendlich oder senil, das Alter zeige sich auch in der Sprache, im Umgang mit den Konflikten im Stück und so weiter und so fort. Wenn das Alter der jeweiligen Rollenfigur richtig gespielt werde, entstünde eine Verbindung zwischen Schauspieler und Zuschauer.

»Man nennt das eine glaubwürdige Interpretation«, dozierte er neunmalklug.

»Verarschst du uns jetzt?«, wollte Hans wissen.

»Schau, wenn ich als Klothilde dreißig Jahre alt bin, dann kann meine Tochter Radegund bestenfalls fünfzehn sein. Wenn ich aber als Klothilde sechzig bin, dann kann Radegund zwanzig, ja sogar schon vierzig sein. Damit hat meine Rolle enorme Auswirkung auf dich als Robart. Verstehst du das?«

Hans saß belämmert da. Das leuchtete ihm ein. Seitdem war er ziemlich beeindruckt von dem, was Jakob bezüglich der Schauspielerei von sich gab.

»Hast du das alles gelesen?«, wollte er verschämt wissen.

Doch Jakob ging auf die Frage nicht ein. Er setzte sich mit verschränkten Armen auf den Bühnenrand und schaute den Regisseur herausfordernd an.

Kaplan Meyer kapitulierte schließlich vor Jakobs Argumentation und flehte ihn an, er möchte sich die Fragen bitte schön selbst beantworten und die Rolle einfach nach eigenem Gusto interpretieren. Als Spielleiter könne er dazu nichts sagen, er habe sich noch nie zu einem Theaterstück solche Gedanken gemacht, obwohl er bei Gott schon eine ganze Menge Stücke einstudiert habe.

»Ich glaube, am liebsten würden Sie alles hinschmeißen«, warf Jakob verächtlich hin. Hoffentlich merkt das die Gruppe nicht, sonst können wir den Bunten Abend in den Wind schreiben.«

Dieser ungeheuerlichen Frechheit hatte der Kaplan nichts entgegenzusetzen. Er war dem Weinen nahe und würgte mit einem lauten, langgezogenen Grunzen das Gespräch ab. Jakob verhielt sich ab diesem Moment dem Hochwürdigen Herrn gegenüber umso freundlicher und zuvorkommender und behandelte ihn wie einen geistig minderbemittelten Idioten, einen »Gehirnamputierten«, wie er ihn vor den Kameraden nannte, und sprach dann immer in einem leicht singenden Ton mit ihm.

Einigen Mitgliedern des Theaterensembles, die den Kaplan wegen seiner dummen Bemerkungen nicht ausstehen konnten, kamen diese Kämpfe zwischen Jakob und dem Geistlichen ganz recht. Nun hatten sie einen Grund, den Kaplan bei jeder sich bietenden Gelegenheit blöd anzureden und ihm seine Unverschämtheiten heimzuzahlen. Damit hatte Joseph Meyer bei den Jugendlichen seine ihm per Weihe verliehene Würde endgültig verloren. Sie waren überzeugt, dass dies auch der Grund war, warum der Geistliche ein halbes Jahr später beim Bischöflichen Ordinariat ein Gesuch zum Weiterstudium an der Universität in München einreichte, wie es Hans Rummel erzählte, der es wieder einmal von der Pfarrhaushälterin erfahren haben wollte, zu der er einen sehr guten Draht hatte. Der Geistliche allerdings behielt die Gründe für seine Entscheidung bei sich. Er verschloss sich den Jugendlichen gegenüber mehr und mehr, wurde immer einsilbiger und redete meist nur wirres Zeug daher, wenn ihn jemand fragte, was er denn an der Universität wolle. Er betonte höchstens, dass es schon immer sein innigster Wunsch gewesen sei, seine theologischen Studien in München zu vertiefen.

»Ich ginge zwar am liebsten nach Rom an die Gregoriana, aber ich füge mich der Vorsehung unseres Herrn Jesus Christus und gehe dorthin, wo er mich hinstellt, und das ist nun einmal München.«

Von Kirchenrat Brummer wusste Franz, dass die Absolventen der Theologischen Hochschule Gregoriana in Rom seit Jahrhunderten beste Voraussetzungen hatten, später einmal Bischof zu werden, unbesehen ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Ob der jeweilige Kandidat für ein solches Amt geeignet war oder nicht, hatte für die Päpste keinerlei Bedeutung, erklärte der kirchlich versierte Rat. Entscheidend wäre nach wie vor ausschließlich der Gehorsam des Kandidaten. Je einfältiger der Theologe seinen Glauben formulierte und je eifernder sein Auftreten, desto größer waren seine Chancen, Bischof zu werden. Und Bischof würde wahrscheinlich auch Kaplan Joseph Meyer gern werden.

»Dann hat er wenigstens nichts mehr mit Menschen zu tun«, schloss Franz grinsend seinen Bericht.

***

Hubert Fürst saß im Zug nach Eslarn, blätterte im Steinpfälzer Tagblatt und las einen Bericht über den jüngsten Übungseinsatz der Freiwilligen Feuerwehr, Gruppe B, in Tännesberg mit der Überschrift: »Freiwillige Feuerwehr Tännesberg erhält das Goldene Leistungsabzeichen.« Neben dem Bericht, der eine Viertelseite der Zeitung einnahm, war auch ein Bild der Übungsgruppe abgedruckt, das die Mitglieder der Gruppe B in ihren Uniformen zeigte. Es waren dies Kreisbrandrat Rudi Keck, umrahmt vom Kommandanten Hans Spachtholz und dem Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr Tännesberg, Sepp Brunner, sowie dem Gruppenleiter Otto Lindner, dem Fahrzeugwart Paul Knorr, dem Schlauchwart Adolf Müller, dem Übungsleiter Gustl Völkl, dem Jugendleiter Peter Zoller und dem Kassier Herbert Kraus.

Hubert fand den Bericht nicht besonders gut gelungen, verschwieg er doch offensichtlich die Leistung des Ortsvorsitzenden der CSU, der, wie Hubert annahm, diesen Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr durch sein politisches Wirken erst ermöglicht hat. Hubert machte sich Notizen für einen Leserbrief an das Steinpfälzer Tagblatt. Doch wollte ihm der Beitrag nicht so recht gelingen, zumal er den Ortsvorsitzenden der CSU nicht kannte und auch nicht wusste, wie dieser hieß. Schließlich gab er auf und widmete sich der unberührten Landschaft, den sanften Hügeln, den dunklen Wäldern und den darüber hinziehenden Wolkenschwaden, die am Zugfenster vorüberflogen. Er war noch nie in Eslarn gewesen. Einerseits war er schon richtig nervös, andererseits freute er sich riesig auf seinen Auftritt im Gasthaus Zum Schwarzen Bären. Er wollte den Hinterwäldlern auf jeden Fall zeigen, was für ein JU-Mitglied echte menschliche und politische Solidarität bedeutete.

Im Gasthaus Zum Schwarzen Bären saßen an diesem frühen Freitagabend vier Kartenspieler in einer Nische und droschen ihr Blatt, ohne ein Wort zu verlieren, mit unbeschreiblicher Wucht auf den Tisch, dass Hubert fürchtete, das solide Möbelstück könnte jeden Moment auseinanderbrechen.

»Ich hätt’ ein Spiel«, krächzte heiser einer der Spieler. Er wog sicher zwei Zentner, hatte einen Schnauzbart, breite Koteletten und lange fettige schwarze Haare, die auf seinem Hemdkragen aufsaßen und das Genick vollkommen verdeckten. In seinen Filzpantoffeln und dem blauen Overall saß er vornübergebeugt mit aufgestützten nackten Oberarmen am Tisch und blickte herausfordernd in die Runde. Hubert war froh, dass er ihm nicht im Dunkeln begegnete.

Wie es aussah, war der Bulle nach der Arbeit kurz nach Hause gegangen, um seine Arbeitsschuhe gegen Filzpantoffeln einzutauschen und ohne sich zu waschen oder umzuziehen an den Kartentisch geeilt.

»Weiter«, brummte sein linker Tischnachbar mit einem Hut von unbestimmter Farbe und Form auf seinem relativ kleinen Kopf. Er hatte klobige Hände, groß wie eine Bratpfanne, und konnte ebenso gut 30 wie 60 Jahre alt sein. Hubert vermochte ihn jedenfalls schlecht zu schätzen. Er hatte schließlich auch keine Erfahrung mit Leuten vom Grenzland. Aus einem wettergegerbten Gesicht blickten zwei blutunterlaufene graue Augen dumpf auf den Bullen und dann auf seine eigenen Karten.

»Weiter«, schrie der dritte Kartenspieler, ein bis auf die Knochen abgemagertes, gut 65 Jahre altes Männlein, bekleidet mit einer ehemals braunen, speckig-ledernen Cordhose. Er hielt die Spielkarten eng vor seine Brust gedrückt und blickte mit wässrigen Augen ängstlich in die Runde, ohne dabei einem der Mitspieler direkt ins Gesicht zu sehen. Sein trockener Husten klang wie das Bellen eines Schäferhundes, was Hubert unwillkürlich an Tuberkulose denken ließ. »Hoffentlich steckt der Keucher mich nicht an«, ging es ihm durch den Kopf.

»Ich hab‘ auch ein Weiter«, grunzte der vierte Spieler in zungenschwerem Dialekt. Er saß mit dem Rücken zum Eingang der Wirtsstube. Hubert war an der Tür stehen geblieben und sah den Männern eine Weile stumm beim Kartenspiel zu. Als er die Tür schließlich losließ und sie geräuschvoll ins Schloss fiel, drehte sich der vierte Mann zu ihm her und musterte ihn abweisend von oben bis unten. Hubert wurde ganz verlegen, wie der Mensch ihn anstarrte. Um seine Unsicherheit zu überspielen, deutete er auf den Nebentisch und fragte, ob er sich dort hinsetzen könne. Da lachte der Mann, der eine Art Schubladenkinn hatte und offensichtlich der Wirt war, und erwiderte, während er sich wieder seinen Mitspielern zuwandte: »Du kannst dich hinsetzen, wo du willst. Es ist alles frei.«

Bevor sich Hubert gesetzt und noch bevor er einen Wunsch geäußert hatte, brüllte der Wirt in Richtung Theke, hinter der aber niemand stand: »Ria, ein Bier.«

Nach einer Weile kam eine müde, verhärmt aussehende, schlanke Frau aus der Küche. Sie hatte eine schmutzige Wickelschürze umgebunden und eine Zigarette ohne Filter im rechten Mundwinkel. Ihre blond gebleichten Haare mit dem brünetten Haaransatz hatte sie provisorisch hochgesteckt. Hubert schätzte sie auf etwa vierzig Jahre. Sie ging an den Zapfhahn, schenkte ein Bier ein, schlurfte mit ihren Holzpantoffeln quer durch die Gaststube und stellte das überschäumende Glas wortlos vor Hubert hin. Dann drehte sie sich um und sagte beim Verlassen der Wirtsstube mit dunkler, heiserer Stimme in Richtung Wirt: »Faule Sau. Nichts wie Karten spielen den ganzen Tag. Schafkopfen. Sonst hat er nichts im Kopf.« Der Wirt grinste nur und sah ihr hinterher, dann konzentrierte er sich wieder auf sein Spiel.

Für Hubert war das alles ziemlich fremd. Er trank nie Bier, wenn schon Alkohol, dann am liebsten Martini weiß, mit einer Zitronenscheibe am oberen Glasrand. Da er sich aber nicht zu reklamieren traute, tat er, als wäre er ein eingefleischter Biertrinker und nahm schon beim ersten Ansetzen des Glases einen großen Schluck. Der Bulle sah zu ihm herüber, lachte kurz meckernd und vertiefte sich sogleich wieder in sein Spiel. Er fand offenbar den jungen Gast ganz interessant.

»Ich spiele mit der Blauen.«

Die Blaue, so viel wusste Hubert von den Kartlern aus seiner Klasse, war eigentlich grün und hieß offiziell Gras. Warum man sie blau nannte und ob das eine Art Geheimsprache war, darüber hatte sich Hubert bisher keine Gedanken gemacht.

Sogleich drosch der Koloss eine Trumpfkarte mit der Faust in die Tischmitte, dass die Gläser wackelten und das Bier überschwappte. Daraufhin warfen die anderen jeweils eine Karte wortlos auf den Tisch. Der Koloss hatte die erste Runde gewonnen und musste daher auch die zweite eröffnen. Er legte ein Herzblatt in die Tischmitte und schrie laut: »Trumpf ist die Seele vom Spiel.«

»Dein Herzkasperl hängt zu weit unten«, wieherte der Wirt, während er seine Karte auf den Tisch schleuderte. Diese Runde ging an ihn.

Dann schob er eine sogenannte kleine grüne Karte in die Tischmitte, und der Hütchenmann schmetterte seine Blaue, also das Gras-As, in die Mitte. Der Koloss brüllte: »Da ist ja die Blaue«, und warf seine Grün-Zehn hinein.

Da aber jubelte das Skelett: »Grün frei«, legte den Eichel-Unter in die Tischmitte und bellte noch lauter: »Den kann keiner mehr.«

Offensichtlich spielten der Wirt und der Alte zusammen. Jedenfalls nahm jener die in die Mitte geworfenen Karten an sich und rief:

»Das sind 23 Augen.«

»Ein guter Stich«, kommentierte der Alte.

Hubert wusste, dass die Augen den Wert der Karte bezeichneten, und war ehrfürchtig erstaunt über die Rechenkunst der Spieler, die offensichtlich bereits während des Spiels wussten, wie viele Augen jeder Stich eingebracht hatte.