Verliebte Träume - Tobias Hafner - E-Book

Verliebte Träume E-Book

Tobias Hafner

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Beschreibung

Seit Anbeginn unseres Menschseins dürfte ein Disput zwischen unserem Verstand und unseren Gefühlen bestehen. Vielleicht markiert die erste kleine Streiterei zwischen diesen grossen Instanzen gar den Ausgangspunkt Mensch, da wir möglicherweise den Lauf der Evolution verlassen haben, als sich der Kopf mit dem Bauch erstmalig versöhnte. So liessen wir die natürlich Auslese mit unseren Ideen und unserem Einfallsreichtum hinter uns, getrieben durch Leidenschaft, Liebe, Neugierde oder auch Sehnsucht. Und wohl jeder kann von einer Begegnung eines Menschen erzählen, dessen Anziehungskraft die Gefühle dazu veranlasst sich untrennbar zur Verliebtheit zu verknüpfen. Diese wiederum eröffnet einen Raum voller Ideen, die mit rosa Wattebäuschchen gegen die Realität geschützt sind, so dass man sie als Träume deklarieren möchte. Diese Geschichte erzählt, wie es die einzelne Träume in die Wirklichkeit geschafft haben.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tobias Hafner

Verliebte Träume

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1: Junge Jahre

Kapitel 2: Abschied

Kapitel 3: Dosengeheimnisse

Kapitel 4: Der Fluss

Kapitel 5: Die Einsamkeit der Zahlen

Kapitel 6: Begegnungen

Kapitel 7: Suche

Kapitel 8: Wackelkontakt

Kapitel 9: Grenzenlos

Kapitel 10: Neuanfang

Kapitel 11:

Kapitel 12: Gefährliche Treffen

Kapitel 13: Der Tag der toten Ente

Kapitel 14: Die Waldfee

Kapitel 15: Lippenbekenntnisse

Kapitel 16: Fertig lustig

Impressum neobooks

Kapitel 1: Junge Jahre

Ich hatte schon immer eine Affinität für Anfänge. Alles Neue ist besser, da gehe ich mit berühmten Männern einher. Natürlich nicht immer, aber oft. Sicherlich zu Beginn von etwas! Wenn man Anfänge liebt, so wie ich es tue, fragt man sich unwillkürlich, wo der Anfang eines Anfanges liegt. Die Menschen spazieren verständlicherweise nicht durch die Welt und denken sich: "Jetzt fängt es an." Diese Überlegung ist ähnlich absurd, wie wenn man sich bei jedem Schmetterling fragt, ob er wohl der Letzte des Jahres wäre. Trotzdem wünscht sich das kausale Wesen in uns einen Anfang, deshalb gibt es ein Neujahr oder einen Urknall. Wir lieben die tiefen Schnitte oder Brüche im Zeitstrang, die uns die schönsten Aha-Erlebnisse abnötigen.Ein angemessener Auftakt, da werden mir Eltern sicherlich beipflichten, wäre die Geburt. Wohingegen der Arzt in seiner wohl überlegten Kompetenz darauf hinweisen würde, dass der Samen dieses wichtigen Ereignisses neun Monaten vorher gepflanzt wurde. Woraufhin die Eltern wiederum an ein Lächeln im Zug denken, welches die ganze Geschichte ins Rollen gebracht hatte. Die Grosseltern insistieren in diesem Moment abermals heftig und verweisen auf ihre eigenen unübertrefflichen Liebesgeschichten. Aus diesem Grunde kann man froh sein, wenn man nicht sämtliche Generationen zur Geburtsstunde einlädt und eine Grundlagendiskussion bezüglich Anfänge anfängt. Tatsächlich könnte man die Diskussion mit Philosophen und Theologen weiterführen und zuschauen wie der Anfang eines Krieges entsteht.Soweit möchte ich natürlich nicht gehen und deshalb beginnt diese Geschichte mit einem lauen Frühlingswind, der seinen Ursprung dem Druckunterschied einer sibirischen Schlechtwetterzone und der überbordenden Lebendigkeit des atlantischen Ozeans zu verdanken hat. Man darf sich dadurch nicht zur Annahme verleiten lassen, Unterschiede als Ursache des Lebens zu sehen! Wahrscheinlich verdanken die verschiedenen Existenzen ihre Lebendigkeit einfach der Erde, die leicht schräg und rund in unserem Sonnensystem steht.Der Wind flog also von der französischen Küste mit brackigem Geruch den weiten Weg über die Bretagne, hielt sich im Centre tief über dicht besiedeltem Gebiet, um sich mit Russpartikeln der lokalen Industrie anzureichern und den zivilisatorischen Geschmack in der Bourgougne an dezent herben Weintrauben abzugeben. Die jurassischen Alpen dienten der Trocknung der letzten Meeresfeuchte und hinterliessen einen Eindruck von nicht überragender Höhe, dafür kühler Erfrischung. Als er dann endlich seinen Weg zu mir gefunden hatte, war die winterliche Kälte längst verflogen und er durchwirbelte die junggrünen Blätter. Er roch nach einem neuen Jahr und spielte mit meinen Fingern und Haaren, währenddem ich selbst unserem Ursprung alle Ehre machte: Hoch auf dem Baum sprang ich von Ast zu Ast mit dem Wind um die Wette.Meine Gedanken waren damals selbstverständlich nicht bei Anfängen, Druckunterschieden und unserer kulturellen Eigenart, uns selbst das Leben schwerer als nötig zu machen. Dies wäre auch eine zu schwierige Kindheit gewesen. Nein, meine Gedanken waren wie weggeblasen. Wie es sich für ein Kind in meinem Alter gehörte, sog ich die Luft gründlich ein, spannte meine Backen und stellte mir vor, wie ich in die Luft stieg. Ähnlich einem Wetterballon, der sich auf einen grossen Flug vorbereitete. Mein Gesicht wurde zuerst tiefrot bis allmählich ein blauer Teint durchschimmerte."Lukas, das sieht ganz übel aus. Musst du aufs Klo?"Dieser situationsgerechte Satz stammte von Thomas, der sich der Fantasie eines Dreissigjährigen Mannes rühmen konnte, dessen Arbeitstag völlig von Zahlen und Zählen vereinnahmt wurde. So wie die Erwachsenen sich an Kriegsspielzeugen erfreuen konnten und sich zuweilen Kriege ohne Konsequenzen wünschten, so lag das volljährige Alter als verheißungsvolles Land der unbeschnittenen Freiheiten manchmal vor meinen Augen, ohne mir den haushohen Regeln bewusst zu sein, unter denen ich als Kind durchschlüpfen konnte. Kurzum: Thomas hatte mit seinem frühreifen Verhalten eine nicht durchschaubare Anziehungskraft auf mich."Ich versuche mit dem Wind um die Wette zu fliegen!" antwortete ich und merkte dabei, dass ich nicht sprechen und gleichzeitig die Luft anhalten konnte. So würde ich nie gewinnen!"Na dann hoffe ich, der Wind dreht Richtung Kindergarten, denn dort müssten wir in fünf Minuten sein". Im Hintergrund läutete die Kirche neun Mal."Ich korrigiere: wir müssen genau jetzt dort sein."Thomas' Korrektheit konnte man nur mit Ignoranz begegnen, ich hatte auch schon etwas Neues entdeckt."Hey Thomas, schau mal! Hier bildet sich gerade eine neue Ameisenstrasse!" Ein wahrlich seltener Moment tat sich hoch über der Erde auf. In einem unbewussten Gedanken an eine eigene gefahrenvolle Zukunft, legte ich Äste und Steine in den Weg und beobachtete die verschiedenen Ausweichstrategien der Ameisen. Thomas klatschte mit seiner Hand an die Stirn, was er damals öfters tat und wohl auch seinen Mangel an Fantasie erklärte."Selbst wenn Biene Maja persönlich vorbeifliegen würde, ich gehe jetzt!", und ging so schnell wie sechs jährige Beine einen kleinen Jungen tragen konnten, Richtung Kindergarten.

Mag sich Thomas' Anziehungskraft mit den unbegrenzten Möglichkeiten der Zukunft erklären, war mir aber nie klar, weshalb Thomas darauf bestand mein Freund zu sein. Für mich war er damals regelrecht ein Glücksfall. Ich hörte meine Kindergärtnerin oft sagen, mit mir sei Hopfen und Malz verloren. Meine Mutter meinte auf meine Frage, was das sei: "Sicherlich nicht dein Bier, mach dir keine Sorgen." Eigentlich sah es im zweiten Kindergartenjahr fast so aus, als müsste ich schon da eine Ehrenrunde drehen. Ich konnte zwar sämtliche Spiele, lernte leichthin das Zählen und meine Schuhe binden, aber ich wollte nicht. Weder die Spiele noch das Zählen oder meine Schuhe binden. Wieso auch?! Ich würde für immer Klettverschlussschuhe tragen. Um mit Wind um die Wette zu fliegen, brauchte ich nicht zu zählen und meine eigenen Spiele waren um Welten besser, als die vorgefertigten Regelwerke. Nein, das Schulwesen war nicht mein Ding. Es hatte sich schon in meinen jungen Jahren in ein fantastisches Monster verwandelt, welches es zu bekriegen galt. Und sei es mit banaler Unpünktlichkeit. Da tauchte plötzlich Thomas auf, welcher sich in kürzester Zeit viele Freunde machte. Unter anderem auch mit mir. So wurde er mein Berührungspunkt zum Kindergarten und den anderen Kindern. Er sorgte dafür, dass ich doch einigermassen pünktlich kam. Wie er dies schaffte, konnte man gut und gerne einem achten Weltwunder zurechnen. Frau Huber, meine Kindergärtnerin, stellte erleichtert Fortschritte fest, zog ihr Begehren zur Sonderschule schnell zurück und ich konnte meinen schulischen Werdegang weiterhin unbekümmert fortsetzen.

Es war fünf nach neun, als sich die Ameisenstrasse früher als erwartet auflöste und ein ungutes Gefühl bezüglich eigener Zukunft hinterliess. Wenn schon die Ameisen mit einfachen Astabbrüchen, riesigen Blattbarrieren und mörderischen Sonnenlinsen nicht klar kamen, wie sollte ich bloß überleben. Ich nahm meine Utensilien zusammen und blickte über die Wiese. Sie war noch feucht und die kerzengerade Linie von Thomas zeichnete sich deutlich ab, so dass mir die Erklärung, ich fände den Kindergarten nicht, etwas trivial vorkam. Wohl überlegt legte ich aber noch vorsichtig eine falsche Fährte um den Ameisen einen Racheakt zu ersparen und ging nach einer Viertelstunde und einer flachen Wiese glücklich und zufrieden in den Zirkus der dressierten Nachkommenschaft, wie ich den Kindergarten insgeheim nannte. Dort sassen immer noch alle in der Runde und hörten Frau Huber aufmerksam zu, weshalb man ihrem Worte Folge leisten sollte. Ich schaffte es unbemerkt an meinen Platz zu sitzen."Habe ich etwas verpasst?" flüsterte ich in Richtung Thomas' Ohr. Er tat zuerst so, als würde er mich nicht hören, presste dann aber zwischen den Lippen ein: "Nichts, nur das Übliche." durch. So schnell gab ich natürlich nicht auf."Und was ist das Übliche?", hakte ich nach. Thomas Reaktion war ein Blutstau in seinem Kopf, worauf mir ein: "Jetzt siehst du aus, als ob du aufs Klo müsstest." entwich. Mein Trommelfell bebte, als er mich flüsternd anschrie: "Wenn du nicht JEDEN Tag zu spät kommen würdest, wüsstest du, was das Übliche ist!" Selbstverständlich war Frau Huber sofort zur Stelle und tat ihre vom Staat auferlegte Pflicht: sie schickte mich in die Ecke. Obwohl dieses alltägliche Ereignis kein Politikum war, gab es mir Rätsel auf, weshalb es immer nur mich traf. Ich stellte mit meiner kindlichen Neugier Frau Hubers Sozialkompetenz in Frage und mein freundlicher Wunsch nach Aufklärung brachte meist eine Eckverlängerung. So ertrug ich meine Strafe stoisch in Unverständnis und verpasste auch noch den Rest des Üblichen. Der Morgen verging schnell. Ich hatte mir extra ein paar Regenwürmer mit in die Stunde genommen und wollte im Aquarium fischen gehen. Leider erwischte mich Frau Huber schon beim Haken bestücken und unterdrückte die sonst vielgeschätzte Eigeninitiative. Ich verbrachte somit auch noch das Ende des ersten Teils in der Ecke womit sich der Morgen in einen von vielen reihte. 

In der Pause ging ich an meinen Lieblingsplatz etwas abseits von der ganzen Kinderschar, versteckt hinter dichten Büschen und dicken Stämmen. Dort lag mein Ast, den ich nun schon seit geschlagenen drei Wochen mit reiner Willenskraft zu verbiegen versuchte. Ursprünglich wollte ich ihn fliegen lassen, kam mir dann nach einer Woche aber grosszügig entgegen, und auch wenn es mir nicht gelingen sollte, konnte ich doch mit der Erfahrung aus dieser Episode gehen, dass Geistesarbeit anstrengend war. Schon nach wenigen Minuten gaben sich meine Schweisstropfen der Schwerkraft hin und wurden zum Salz der Erde.Man darf den Willen eines Geschöpfes nie unterschätzen, selbst wenn es so klein und jung ist, wie ich es damals war. Es heisst ja: der Wille versetzt Berge oder zumindest glaubte ich dies so gehört zu haben. Und mögen die vergangenen Pausen in der stetigen Bestätigung der physikalischen Gesetze ereignislos gewesen sein, heute würde alles anders! In naher Zukunft würde ich mich selbst durch die Luft tragen, meine gedanklichen Experimente verliefen bis anhin durchaus positiv. Ich merkte, wie meine Konzentration abdriftete, als plötzlich der Ast leicht schwerer wurde. In einem kurzen Schwall Vorfreude, das sich wenigsten irgendetwas geändert hatte, öffnete ich meine Augen. Die Enttäuschung hatte das federleichte Gewicht des Schmetterlings, der sich das andere Ende des Astes als Aussichtspunkt ausgewählt hatte und konnte mühelos mit meiner unverbrauchten Neugier ausgetauscht werden. Er war gross, grösser als meine Hand, wahrscheinlich doppelt so gross. Seine Flügel bewegten sich mit dem Wind, das Sonnenlicht schimmerte in Regenbogenfarben und seine zahlreichen Pigmente starrten mich an. In seiner Vertrauensseligkeit machte er mächtig Eindruck auf mich, denn sein Flug, der nicht chaotischer sein könnte und in verbundener Weise ebenfalls den physikalischen Gesetzen zu trotzen schien, hatte den Weg zu mir gefunden. Ich fühlte mich geehrt durch diese schlichte Persönlichkeit mit der prächtigen Flügelmusterung. Riesige Augen auf den Flügeln fixierten mich und ich spürte die nervöse Wirkung einer hypothetischen Observierung, die selbstverständlich im Reich der Fantasie anzusiedeln war. In diesem Moment wünschte ich mir die abgebrühte Logik eines Thomas` der kaum an den Nebenwirkungen einer unvorstellbaren Vorstellungskraft litt. Als ob der Schmetterling weitere Sympathie mir gegenüber bekunden wollte, flog er auch schon unbekümmert weiter und gab mir die Gelegenheit mich zu beruhigen. Wahrscheinlich sah ich trotz der kurzen Pause seltsam aus. Leicht schielend, starrend und doch nicht starrend, Schweisstropfen auf der Stirn und meine Atmung kurz vor dem Hyperventilieren. Anders liess sich der Gesichtsausdruck des Mädchens nicht erklären, welches offenbar den Weg in mein verborgenes Geheimversteck gefunden hatte. Die rechte Braue schaute mich fragend an, eine Denkerfalte hatte sich fest entschlossen, ihre Stirn in zwei Hälften zu teilen. Die schwarzbraunen Augen passten zu ihrem Haar, gebunden zu einem Pferdeschwanz. Beides glitzerte im Sonnenlicht. Ihr Mund ein wenig spöttisch verzogen, konnte sich, wohl ab meinem Anblick, das Lächeln nicht ganz verkneifen. Aufgewühlt durch die Schmetterlingsflügel ruhten sich meine Augen in ihren aus, wie eine verbrannte Hand in kühlem Wasser.Da war er wieder, der Frühlingswind, der mir um den Kopf säuselte. Das erwähnenswerte erste Mal, mit seinem flüchtig festen Eindruck, das einen auch in alten Tagen nicht loslässt. Erstaunt sah ich nicht nur die flachen schwarzen Pupillen, die das dunkle Innere des Augapfels preisgaben und einen Vergleich mit den Schmetterlingsflügel durchaus standhalten konnten, sondern die Grossartigkeit, die sich hinter diesen lichtlosen Löchern verbarg. Der Mensch war so viel mehr als ein Tier und vielleicht glaubte ich das mit meinen jünglichen Gedanken auch nur, weil trotz dem fragenden Blick, der mir entgegenschlug, Verständnis und Neugierde wie Wellen durch mich hindurch brandeten und ich mich auf diese Weise mit ihr verbunden fühlte. Der gesamte Vorgang lief für mich natürlich unbewusst ab und fand damit direkt den rechten Fleck in meinem Herzen. Die Leidenschaft für Menschen, namentlich des weiblichen Geschlechts nahm seinen frühzeitigen Lauf und liess mich sogleich agieren. Zugegeben, etwas ungeschickt, was mein enormes Potential im Umgang mit Frauen bewies, aber ausschliesslich meine jungen Jahren und nicht etwa mein Charakter zu verantworten hatte. Benommen vom Schmetterling, war ich mir nicht sicher, ob das Mädchen wirklich war oder ich nur träumte. So ging ich auf die stabile Utopie zu, hob meinen Finger und schnippte ihr an die Nase. Sie reagierte unerwartet und schrie mich an: "Spinnst du?"Eine schöne Stimme, wenn auch ein bisschen laut, dachte ich, behielt mein Urteil aber fairerweise für mich und starrte weiter."Du bist echt ein komischer Kauz, Lukas!"Diese Aussage hinderte mich natürlich nicht daran, weiter zu schweigen, aber ich fühlte, dass meine erste Begegnung mit dieser entzückenden, aber doch etwas gewöhnungsbedürftigen Spezies schief lief. Ich dachte an andere Begegnungen und musste mir einen eklatanten Mangel von Erfahrung eingestehen, der immerhin als guter Grund für die aktuelle Misslage gelten konnte. Gefährlichen Situationen versuchte ich bisher stets mit einem beharrlichen Schweigen zu meistern, da sich ausserordentliche Begebenheiten meist irgendwann im zeitlichen Mittelmass auflösten."Wenn du dann deine Sprache wiedergefunden hast, darfst du mir gerne das Ergebnis mitteilen."Schnippisch wurde sie auch noch, dies lag sicherlich am Schnippen. Das Mädchen drehte sich damenhaft um und lief zurück zur Mädchengruppe, die das Geschehen von Weitem mädchenhaft beobachtet hatten. Sie wurde kichernd aufgenommen und die Gruppe entfernte sich vom Hof. Zugegeben ich war verwirrt. Offenbar habe ich etwas laut gestammelt, denn Thomas tauchte in dem Moment mit einem Fussball unter dem Arm auf."Was ist los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“ "Ich weiss nicht, zuerst war hier ein Schmetterling und plötzlich stand dann dieses Mädchen vor mir.", entgegnete ich zögernd. "Ein Schmetterling? Und dann wurde daraus ein Mädchen? Das erklärt zumindest, weshalb Silvia so flatterhaft und chaotisch ist." Dass Thomas Silvia nicht mochte, fiel mir damals nicht auf. "Ah, Silvia, was für ein schöner Name.", seufzte ich und musste mich wieder setzen. "Du siehst nicht gut aus" schloss Thomas. "Was hat dir Silvia angetan? Soll ich Frau Huber rufen?"Die Gedanken an Frau Huber mit einem sorgenvollen Blick brachten mich sofort wieder auf die Beine. Ich räusperte mich. "Nein, lass mal, es geht schon. Du weisst nicht zufällig wo diese Silvia wohnt?".Thomas wurde misstrauisch: "Was willst du denn von der, bist du in sie verliebt?" "Verliebt?" ich liess mir das Wort auf der Zunge vergehen. Bisher war ich diesem Wort nicht im positiven Sinn begegnet. Ich brachte es mehr mit einer Herzkrankheit in Verbindung. Meine Mutter war jede Woche verliebt, meist schien sie dabei nicht glücklich zu sein."Hm, vielleicht…""Wie fühlt es sich denn an?" Ich dachte lange nach. "Leicht, flockig, wolkig. Wie die ersten Meter auf dem Fahrrad, ohne Stützräder. Wie wenn du in den Spiegel schaust und deine Mutter plötzlich von hinten auftaucht, dich anlächelt und umarmt. Wie wenn du auf dem Rücken auf dem Gras liegst und den Wolken nicht nur zuschaust, sondern gleich mit ihnen fliegst. So muss sich wohl ein Vogel fühlen, der das erste Mal spürt, wie ihn seine Flügel in die Lüfte tragen. Als ob du...""Lukas...""Ja?""Du brabbelst. Komm wir gehen rein, die Pause ist vorbei. Ach, und was ich noch sagen wollte.""Ja?""Silvia verdreht sich jeden Morgen die Augen, wenn du zu spät kommst!""Aha..."

Der verbleibende und viel zu kurze Rest des Tages verschwand in heimlichen Beobachtungen von Silvia. Ich versetzte Frau Huber in ungewolltes Staunen, als ich meine Freiwilligkeit in gemeinsamen Spielen unter Beweis stellte und mich an die Regeln hielt, ohne eigene, mir zusprechendere, zu erfinden. Es war ein Tag, an dem die Gedanken den Abend bedurften, um mit den Geschehnissen des Tages klarzukommen.Man mag einem kleinen Jungen, wie ich damals einer war, mächtige Verwirrungen zubilligen. Ähnlich wie Milch, welche heiss gekocht wird und als weisser Schaum über den Pfannenrand tritt, suchten meine Gefühle, ungebremst durch den Deckel, den man gemeinhin Verstand nennt, das Weite. Und was ist weiter entfernt, als die kalt glitzernden weissen Punkte, die die Nacht mit halb fertigen Bildern vorzeichnet? So stand ich am Fenster und betrachtete neugierig und gleichzeitig beklemmend meine Empfindungen, welche als rosa Wolke unter den Sternen tanzten. Es ist nicht etwa der Verstand, der uns Menschen in unsere heutige zivilisierte und fortschrittliche Lage versetzt hat. Denn jeder Idee, jedem Wissen und Fortschritt kommt ein Gefühl zuvor, welches durch Hoffen und Sehnen unsere Gedanken huckepack nimmt und uns über uns hinaus trägt. Wären wir wunschlos glücklich und würden uns auf der Wiese von Gänseblümchen ernähren, hätten wir wohl fünf Mägen, würden uns mit einem Vokal unterhalten aber bestimmt nicht auf den Mond fliegen.In diesem Sinne breitete sich die Hoffnung als stabiles Fundament aus und liess mich immer aberwitzigere Gedanken denken. War ich im ersten Moment noch bei Silvia und überlegte mir, wie ich ein Lächeln auf ihre Lippen zaubern konnte, dachte ich im nächsten Augenblick an die vielen anderen Schulklassen, die weitere Kinder enthielten. Und jedes Kind hatte eine eigene Welt, welche man entdecken konnte. Der Gedanke blieb aber nicht stehen, sondern entfaltete sich immerzu. Kinder, die in der Wüste, am Meer oder im Schnee spielten. Aber auch da war noch kein Ende in Sicht. Ich schaute hoch in das Sternengefilde. Um jeden dieser Diamanten konnten sich weitere blaue Planeten drehen, mit zusätzlichen Kindern und Welten. Angesichts der Tatsache, dass ich damals nicht weiter als bis zwanzig zählen konnte, eine wirklich unvorstellbare Zahl. Vielleicht kam das beklemmende Gefühl, welches die Euphorie begleitete, von meinem zählerischen Unvermögen, wahrscheinlicher ist aber die Tatsache, dass man selbst an Bedeutung verliert, wenn etwas anderes an Bedeutung gewinnt.Man kann zurecht behaupten, dass sich das Leben als Schlüsselloch einer Tür präsentiert. Die unscheinbarsten Dinge werden dabei durch unsere eingeschränkte Sicht geheimnisvoll und spannend und bekommen eine übergrosse Bedeutung. Gleichzeitig wandern die richtig grossen Phänomene zwecks ihrer Fülle nie in den kleinen Ausschnitt und falls doch, wird er einfach verdeckt und dunkel. Wir Menschen rütteln nun in unserer Neugier beständig an der Tür und staunen geblendet, wenn sich plötzlich ein kleiner Spalt auftut. Ein Vorteil, den ein junger Mensch geniesst, ist die Bereitwilligkeit, mit der er sich einer neuen Erkenntnis entgegenstreckt, hingegen der Erwachsene die Neigung hat, die Türe schnell wieder zuzuschlagen. Bei mir grub sich der Blick von Silvia und die damit verbundene Schwärmerei tief ins Herz und vertrieb damit die jungen Sprosse von Ehrgeiz, Fleiss und Strebsamkeit gänzlich, was für mein zukünftiges Leben nicht ohne Folgen blieb.

Kapitel 2: Abschied

Ich denke, man kann einem jünglichen Knaben, wie ich damals einer war, keine Passivität bezüglich Silvia vorwerfen. Da gibt es Männer, die sämtliche Regeln brechen, um einer Frau näher zu sein. Bei mir lief es mitnichten so. Im Gegenteil! Anfänglich versuchte ich die dünne Richtschnur einzuhalten, um den schmalen Grat zu erreichen, den eine Frau einem Mann zugesteht, wenn er ihr entgegenkommen möchte. Dabei ging es um Dinge wie individualistische Konformität oder regelbasierten Eigensinn, die ein erwachsener Mann mit einem tollen Auto, ja besser mit einem edlen Fingerring, vergeblich versucht auszudrücken oder gar riskiert mit einem wunderschönen Blumenstrauss die Angebetete zu beeindrucken. Ich habe jedenfalls noch nie von einem Mann gehört, der versucht einer Frau mit einem Glas Wasser im Briefkasten zu imponieren, auch wenn das Wasser sehr köstlich sein dürfte und diese Tat in der Tat einzigartig wäre. Als kleiner Junge standen mir diese Mittel natürlich nicht zur Verfügung. Dafür bekam ich den Hauch einer Ahnung, dass Frauen ihr Augenmerk auf Veränderung legen. Dieser an und für sich sehr sinnvolle Wunsch, das Leben ist schliesslich eine einzige Veränderung, bekommt der Mann beim Erstkontakt sehr zu spüren und bereitet ihm Kopfzerbrechen, da ausschliesslich der Frau und vielleicht nicht einmal ihr klar ist, in welche Richtung die Veränderung führen soll. Natürlich nur zum Besseren. Eine friedvollere Welt beispielsweise und da man stets im Kleinen beginnen soll, sind hier die geringfügigen Veredelungs- und Kultivierungspotentiale gemeint, die der Mann an den Tag legt und von der Frau schonungslos liebenswürdig aufgedeckt werden. Obwohl diese Kleinigkeiten, für den Mann eigentlich Nichtigkeiten, nicht wirklich der Rede wert sind, bringt die Summe aller gut gemeinten Ratschläge dann doch eine grosse Anstrengung mit sich. Grosse Anstrengungen kann man bekanntlich nur eine kurze Zeit aufrechterhalten, was eine vernünftige Erklärung ist, weshalb Männer zu Beginn einer Beziehung meisterhaft charmant sein können um dann nach Monaten ihr altes Ego raushängen zu lassen.

Silvia spielte dieses Spiel vorzüglich und am Ende wusste ich gar nicht mehr, wer ich war. Dieser Zustand wird gemeinhin als Verliebtheit bezeichnet, was ich aber so nicht als korrekt empfinde. Schliesslich kämpfen auch langjährige Ehemänner mit diesen Problemen und die sind wahrlich nicht mehr verliebt. Nun gut, ich hatte damals kein Auto, zumindest nicht in der richtigen Grösse. Tatsächlich hatte ich Silvia mit meinem Lamborghini-Modell 1:50 versucht zu beeindrucken, aber nur einen hochweiblichen Seufzer kassiert. So musste ich auf die unbeholfenen Möglichkeiten zurückgreifen, die einem Buben blieben. Unbekümmertes, interessiertes Schauen wurde von ihr mit dem Satz: "Glotz nicht so, Lukas!" quittiert. Letzten Endes versuchte ich verzweifelt einen bleibenden Eindruck in Form von Knüffen, schubsen und umwerfen zu hinterlassen, was mir auf unerwünschte Weise auch gelang. Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass wir beide froh waren, den Schulwechsel als schicksalshafte Wendung eines sich abzeichnenden Beziehungendes zu interpretieren, da jeder in eine andere Klasse kam. Der Anhänglichkeit meiner Gedanken an das andere Geschlecht taten meine ersten Erfahrungen aber keinen Abbruch.

In der Schule hörte ich dann das erste Mal, dass wir Menschen von Affen abstammten. Für mich war das ein etwas abenteuerlicher Gedanke, konnte aber als vernünftige Erklärung für das Verhalten von mir bekannten Personen herangezogen werden. Zumindest in eigener Person war nun klar, weshalb man mich immer wieder auf Bäumen fand. Wie auch diesen frühen Morgen, der die Stadt mit einem glutroten Sonnenaufgang beehrte. Ich hatte keine Augen für den Aufgang, sondern sorgte mich mehr um den Abgang einer Amsel. Sie war bis zu meiner Ankunft mit einem Nestbau beschäftigt und konnte sich nun nicht entscheiden, ob ich ein Feind oder nur ein Übel war.

Angespornt über die Menschenaffen-Erkenntnis fragte ich mich, was uns Menschen denn von Tieren unterschied. Die Amsel beäugte mich und ich warf einen misstrauischen Blick zurück. Vielleicht war die Frage falsch gestellt. Was unterscheidet die Tiere von uns Menschen? Die Amsel sah natürlich aus und verhielt sich wie eine Amsel. Ich konnte zu recht behaupten, dass sie eine Amsel war. Aber die Menschen? Ich schaute hinunter und sah Menschen teilnahmslos zur Arbeit gehen. Sie wirkten mehr wie Bienen oder Ameisen. Eine Gruppe hielt genau unter meinem Baum an und ich beobachtete sie. Offenbar mussten sie sich für die nächsten Schritte entscheiden. Dabei schien sich die Richtung durch den gegenseitigen Abstand zu ergeben und war der Willkür des am weitesten ausschreitenden Mitglieds ausgesetzt. Das waren dann wohl Zugvögel. Gedankenvoll blickte ich die Strasse hinauf und in meine Erinnerungen hinein und sah faule Löwenmännchen, einsame Steppenwölfe, feige Hasen und störrische Esel. Was ich aber damals nicht sah, waren Menschen.

Die Amsel überwand ihre Furcht und flog kurze Strecken um das Material für ihr Nest zu besorgen. Es machte Spass ihr zuzuschauen und sie erinnerte mich daran, dass ich in Kürze ebenfalls mein Zuhause neu bauen musste. Zugegeben etwas grösser und ohne die Äste und Federn. Trotzdem würde ich das Leben hier hinter mir lassen und irgendwo auf dem Lande, ich wusste nicht genau wo, ein neues beginnen. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass man immer etwas hinterliess. Einen Eindruck, ganz leicht, wenn man nur kurz auf der Stelle trat. Oder ein Gedanke, der wie ein fahler Nebelfetzen an einem Baum hing und von jemand anderem zu Ende gedacht wurde. Oder man hinterliess eine Erinnerung von sich. Von einem Festessen mit Cervelats, affenartig gegessen mit den Füssen. Oder am schönsten und schlimmsten: ein Gefühl von sich, welches mit dem alten Ort verbunden ist, ein Gefühl eines Zuhauses. Nein, diese Dinge waren mir nicht bewusst. Ich freute mich auf das Neue und Unbekannte. Auf lila Kühe, die grüne Wiesen frassen und dabei die Quelle von weisser Milchschokolade wurden. Hühner, die täglich ein ganzes Ei direkt in die Kartonverpackung legten. Bäume so gross und dicht, dass man kilometerweit von Ast zu Ast klettern konnte ohne jemals den Boden zu berühren.

"Hey Lukas, komm endlich vom Baum herunter!". Ein Grund, weshalb ich sorgenlos in die Zukunft blickte, war sicherlich auch das Wissen, dass sich Thomas' Familie entschieden hatte, ebenfalls mit uns aufs Land zu ziehen. Genauer gesagt waren sie schon auf dem Lande. Thomas war schon vor drei Wochen abgereist. Interessanterweise fiel mir der Zusammenhang von Thomas' physischer Abwesenheit und psychischer Anwesenheit nicht auf. Wahrscheinlich hatte ich seinen ungeduldigen Ruf schon zu oft vernommen. Trotzdem befolgte ich die Aufforderung und angelte mich die Äste runter. Wenigstens am letzten Schultag konnte man des guten Willens wegen pünktlich sein.

Um die Langweile der Schule zu vertreiben, betrieb ich seit Monaten ein neues Spiel. Ich entschied mich jeden Morgen, in wen ich verliebt sein wollte. Manchmal war es Evelyn, dann wieder Bettina oder Sandra. Ich konnte die Verliebtheiten nicht jedes Mal steuern, aber den Gefühlen eine Richtung vorgeben. Besonders schlecht gelang es mir, wenn mich eine der dreien aus unerfindlichen Gründen anlächelte oder mich in der Pause ansprach. Weshalb es mir wichtig war, sich nicht auf eine einzige Person zu konzentrieren, weiss ich nicht mehr. Ich kann mich nur noch an das zufriedene hoffnungsvolle Gefühl erinnern, welches dabei ausgelöst wurde.

Ich wusste, ich musste mich langsam sputen und warf noch kurz einen Blick in eine Pfütze. Die öligen Striemen malten einen Regenbogen in mein Gesicht. Ich stutzte noch, weil ich meine Augen einen kurzen Moment nicht erkannte, aber dann doch braun wurden und mich anlachten. Ich lachte mit und rannte zum Schulhaus.

Ich öffnete und schloss leise die Klassentüre, die Stunde hatte bereits begonnen. Herr Vogel und ich hatten ein unausgesprochenes Abkommen vereinbart, welches mich zu spät kommen liess und er dafür ungestört die Stunde abhalten konnte. Dank meiner Geistesgegenwärtigkeit hatte ich einen Fensterplatz. Naja, nicht ganz. Ich musste durch das Schulzimmer aus dem Fenster blicken. Trotzdem hatte ich praktisch freie Sicht nach draussen. Naja, nicht ganz. Kathrin sass seit ein paar Wochen davor und so trafen sich hin und wieder unsere Blicke. Wie es sich gehörte, brach der eine oder andere schnell den Blickkontakt wieder ab. Meine Vermutung war, dass die Augäpfel sonst aus der Höhle traten und rausfielen. So vermied ich den Blick aus dem Fenster und damit eine Sauerei. Und zur allgemeinen Erleichterung meines Erwachsenenumfeldes kam ich doch noch zu ein paar Wochen Schulunterricht.

Dieser Morgen war aber anders. Kathrin schaute öfters zu mir, ich bemerkte es im Augenwinkel. Ihr Blick hatte etwas magisch anziehendes. Als wollte sie mit mir kommunizieren. Ich versuchte gleichzeitig meine Augen zu halten und zu ihr zu schauen. Irgendwas brachte sie in diesem Moment zum Lachen, ihr Mund öffnete sich, ich glaubte, sie wollte etwas sagen.

Es wäre vermessen zu behaupten, ich sei ein Spezialist in Lippen lesen, trotzdem sollte der Mangel eines Zertifikates niemanden davon abhalten etwas zu tun, insbesondere, wenn es wichtig ist. Ich las demzufolge ein "Schau weg" und kam ihrer Bitte unverzüglich nach. Dadurch verpasste ich ein kräftiges Paar Stirnrunzeln und vernahm als Echo unserer stummen Unterhaltung ein Klatschen. In der Hoffnung einer bravourösen Geste schaute ich nochmals zurück, sah aber nur noch ihre flache Hand von der Stirn verschwinden.

"Kathrin, alles in Ordnung?" fragte Herr Vogel und sie gab leicht zerknirscht zur Antwort, dass alles bestens sei.

In der Pause lag ich auf dem Rand eines Brunnens und führte eine Feldstudie an Wolkenformen durch. Manchmal leistete mir Thomas Gesellschaft, was teils zu absurden Unterhaltungen führte. So sah ich ein hüpfendes Kaninchen, welches die Pfote in einen Karottentopf legte und Thomas eine Stratocumulus. Als er das erste Mal die verschiedenen Cumulus erwähnte, schaute ich mich nach einem grossen M um, realisierte aber bald, dass er die Gattung der Wolke meinte. Thomas' praktische Art führte einen Regenschirm mit, wenn sich eine Nimbostratus näherte. Ich persönlich bestaunte das Wunder, wie praktisch sich die Natur doch eingerichtet hatte. Thomas war aber heute nicht da und so hingen meine Gedanken alleine in der Luft.

Ein Schatten ragte plötzlich über meinem Gesicht empor und meine blitzschnellen Reflexe liessen mich in Deckung gehen. Ich fiel in den Brunnen. Glücklicherweise war der Schulabwart davon überzeugt, dass weniger Arbeit bessere Arbeit wäre und ein Brunnen ohne Wasser, trotzdem ein Brunnen war, aber zusätzlich die Fantasie der Kinder anregen könne, in dem sie sich das Wasser vorstellen müssten. Sozusagen eine Win-Win-Situation. Obwohl ich nicht immer mit dem Abwart einer Meinung war, beispielsweise nicht einig waren wir, was die Funktion des Schulhausdaches anging, so konnte ich mich der pragmatischen Ansicht über Brunnen in diesem Moment anschliessen.

Wahrscheinlich wollte Kathrin ein einfaches Hallo sagen, wurde aber durch meine herausragende Reaktion unterbrochen und sagte: "Was zum Teufel machst du da?"

Ich stand gekonnt langsam auf und erwiderte: "Ich absolviere ein Überlebenstraining und habe mir Reflexe antrainiert, die mich bei Gefahr in Deckung gehen lassen." Das wollte ich sagen, wenn mir diese Worte in diesem Moment eingefallen wären. Letzten Endes fiel mir aber nur folgender Satz ein: "Ich wollte mich abkühlen, es ist so heiss an der Sonne."

"Der Brunnen hat kein Wasser!" wies mich Kathrin auf eine bekannte Tatsache hin. Ich schaute mich um und versuchte einen passablen Ausruf: "Tatsächlich, da muss ich wohl mit dem Schulabwart sprechen". Es kam leider nur ein "Ja." raus. Kathrin übersprang meinen peinlichen Augenblick und sprach eine weitere Tatsache aus: "Du ziehst weg?"

Ich war erstaunt. Natürlich hatte Herr Vogel meinen Umzug angekündigt. Da ich mich aber selten um die Belange anderer kümmerte, ging ich davon aus, dass andere dies ebenso mit den meinigen hielten. "Das stimmt." bestätigte ich und als ich es laut aussprach, ging mir auf einmal auf, dass ich das letzte Mal auf diesem Brunnenrand liegen würde. Das heute die letzte Gelegenheit war, dem Schulhausdach einen Besuch abzustatten, sofern mich der Schulabwart nicht erwischte. Vielleicht sah ich auch das letzte Mal Wolken, vielleicht gab es diese ja nur in der Stadt. Ein letztes Mal in Evelyn, Bettina oder Sandra verliebt sein oder vielleicht in alle drei gleichzeitig. Eine leichte Wehmut machte sich bemerkbar, ein Ziehen in der Magengegend, ein zögerndes Tippen an der Schultern, welches mir sagen wollte: "Schau dich um, noch ein letztes Mal. Schau genau!" Ich drehte mich um, schaute die Plätze an, die mir ans Herz gewachsen waren und versuchte mir jeden einzelnen Ort einzuprägen. Kathrin stand geduldig neben mir und sah mir zu. Ich wusste nicht, ob sie verstand, was ich da tat, aber ich dankte ihr mit stillem Herzen, dass sie trotz meines komischen Verhaltens bei mir stehen blieb.

"Spielst du Shogun?" fragte sie plötzlich und unterbrach meine Verabschiedung. Ich schaute sie an und sah erwartungsvolle braune Augen. Ich wusste, die Augen-Aus-Der-Höhle-Treten-Regel traf nur bei grösseren Distanzen zu. Je näher die Augenpaare waren, desto länger durfte man schauen. So nahe hatte ich ihre noch nie gesehen und sie sagten Dinge wie: "Natürlich spiele ich Shogun, insbesondere gerne mit dir. Solange du möchtest." Ich sagte: "Ja." Längere Sätze brachte mein Hirn momentan offenbar nicht zu Stande. Ich versuchte mich an Shogun zu erinnern. Thomas war begeistert davon. Wahrscheinlich weil er gegen mich immer gewann. Ich versuchte nochmals einen Satz: "Ja, mach ich!"

"Grossartig!" meinte Kathrin. "Möchtest du heute nach der Stunde noch mit mir spielen?". "Grossartig," dachte ich, "ich habe einen ganzen Satz gesagt." und sagte dann: "Ja."

"Du fängst an" entschied Kathrin und drehte das Brett so, dass die weissen Steine auf meiner Seite lagen. Ich machte meinen ersten Zug und meine Gedanken formierten sich. Dies war das erste und letzte Mal, wo ich mit Kathrin Shogun spielen würde. Den Start und das Ziel in einem Schritt. Nur ein Schritt von Kathrin entfernt. Die kurze Distanz und die Konzentriertheit von Kathrin liessen mir genügend Zeit, sie aufmerksam zu mustern. Mir fiel auf, noch nie so nahe einem Mädchen gewesen zu sein. Die Angespanntheit, wenn ihr Verstand die nächsten Züge überlegte. Der kurze Augenblick, als sich eine Idee in einem Augenfunkeln verriet. Wie sie sich auch freute, wenn mir ein guter Zug gelang. Ihre Haltung und ihre Aufmerksamkeit zeigte ein Interesse und Wohlwollen an mir, welches ich mir nicht gewohnt war. Es fühlte sich gut an. Sie fragte mich, ob ich mich auf meinen neuen Ort freue. Weshalb ich ständig in den Bäumen sass und was ich den Spannendes ausserhalb des Schulzimmers sah. Ob ich nicht Ärger mit dem Hauswart bekam, wenn ich meine Pause auf dem Dach verbrachte und wie ich trotz meinen Träumereien stets die passenden Antworten während der Schulstunde hatte. Durch den Spielfluss ergab sich ein Redefluss und ich glaube, bis zu diesem Zeitpunkt hat mich niemand besser gekannt als Kathrin, ausgenommen Thomas natürlich.