"Verlogene Wahrheit" - Katherine Engel - E-Book

"Verlogene Wahrheit" E-Book

Katherine Engel

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Beschreibung

Dies ist die Erzählung einer Geschichte, die so wie sie hier erzählt wird, auch passiert ist. Sie ist zum Teil unglaublich, jedoch denke ich, dass der Leser versteht, mit welcher Leichtigkeit und Naivität ein Leben gelebt werden kann, wenn man in der Lage ist zu lügen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nur eines im Sinn hatte, nämlich ihr Leben positiv zu gestalten. Sie wollte sich selbst und allen anderen beweisen, dass es auch anders geht. Dabei fällt ihr irgendwann auf, dass sie darüber die Wahrheit und den eigentlichen Weg verloren hat. Zurück bleibt nur das, was zu Beginn für sie wichtig war. Die Liebe.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Roman

Für meine Kinder

Alle Träume können wahr werden,

wenn man den Mut

hat, ihnen zu folgen

(…Walt Disney)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Januar 2005

Oktober 2005

Dezember 2001

Die Wohnung

Erster März

Liebe?

Papa

Thilo

Frank

Frank

Der Tag

Alex

Andrea

Frank

Kinderwunsch

Rene´

Andrea

Die Zwillinge

Das Geständnis

Alex

Das Verhältnis

Paula

Beziehung

Der erste Brief

Aufklärung

Ende?

Davids Brief

Prolog

Vorwort Januar 2005

Die Frage die sich jeder Mensch irgendwann wohl stellt, ist die Frage nach dem Sinn und dem Grund des eigenen Handelns, nach der Berechtigung Fehler zu erklären, sie sinnvoll erscheinen zu lassen, sodass sie für das eigene Ich, keine Fehler mehr sind. Zu erklären, dass man sie machen musste und keine andere Chance gehabt hat, weil dieses oder jenes nicht zu ändern war in dem Moment des Geschehens. Ich habe mich mit Enthusiasmus und vollem Einsatz in diesem Schlammassel hinein gestürzt, ohne auf die Konsequenzen zu achten die jeden Menschen einholen. Den einen früher, den anderen später. Aber niemand kommt daran vorbei. Man hat immer die Wahl! Das weiß ich heute. Aber trotzdem hält es mich und auch sonst niemanden davon ab, erneut Fehler zu machen, erneut in Verwicklungen zu versinken und zu glauben, man hätte keine Wahl.

Elf Stunden Nachtdienst liegen vor mir. Seit einer Stunde schon bin ich auf der Arbeit und lenke all meine Konzentration auf die Dinge die hier wichtig sind. Hier sind mir Menschen anvertraut worden, die nicht mehr in der Lage sind eigene Entscheidungen treffen zu können. Sie haben keine weltlichen Probleme, keine finanziellen Sorgen. Für diese Menschen gibt es keine Lügen, die sie jetzt noch belasten würden. Niemanden in ihrem Umfeld interessiert es, wie viele Fehler sie je in ihrem Leben gemacht haben, welche Abgründe in ihrem Gewissen zu finden sind. Es ist den meisten von ihnen von allen Seiten verziehen worden. Väter die von ihren Töchtern vergöttert werden, obwohl sie in Wahrheit nie für sie da gewesen sind. Frauen die, die Liebe zu ihren Männern erneut spüren, jetzt wo der Verlust so nah ist. Kinder die ihre Eltern beweinen, obwohl es in der Vergangenheit oft ein Gegeneinander war. Diese Menschen kämpfen hier um ihr Überleben. Sie sind Schmerzgeplagt, oft komatös und damit jeglichen Bewusstseins beraubt. Für diese Menschen da zu sein, sie zu beschützen und ihnen den Weg den sie gehen müssen zu erleichtern und zu unterstützen, das ist mein Beruf und für mich war es oft, und ist es immer noch oft, eine Berufung. Hier in diesem Beruf fühle ich mich geborgen. Hier ist mein Dasein ohne Lüge, hier ist mein Halt. Diese Arbeit hilft mir meine eigenen Probleme in den Hintergrund zu platzieren und sie hilft mir, mich vor mir selbst zu rechtfertigen, all die Lügen zu entschärfen. Sie für einen Moment vergessen oder auch als nicht so wichtig zu empfinden, weil es Menschen gibt, die mit schlimmerem kämpfen. Weil es Menschen gibt die meine Hilfe brauchen und sie bedingungslos annehmen. Es scheint eine Nacht ohne besondere Vorkommnisse zu werden. Hoffentlich, denke ich. Meine Gedanken schweifen einen kurzen Moment zu meinen Kindern. Meine Mädchen sind jetzt alleine Zuhause. Das hinterlässt bei mir immer ein ungutes Gefühl. Nicht, dass sie noch zu klein wären um sie alleine zu lassen. Nein, in mir macht sich eher das schlechte Gewissen breit, dass sie mich brauchen könnten, ohne dass ich zu erreichen wäre. Die letzten Jahre habe ich sehr darauf achten müssen, dass ihnen nicht Zuviel zugemutet wurde. Und doch musste ich ihnen selbst eine ganze Menge an Dingen aufs Herz legen. Ich selbst war es, die durch Handlungen und Verfehlungen bei den Kindern Schmerz ausgelöst hat und vielleicht auch Schäden die nicht wieder gut zu machen sind. Dinge die für Kinder in ihrem Alter schwer zu verstehen sind. Dinge die sie in ihrem Leben niemals vergessen werden und ich mir nur wünsche, dass sie es zumindest schaffen damit zu leben, sie zu verarbeiten und das Gute darin, und auch das Gute im Leben, immer noch sehen zu können.

Mit dem Gedanken ein Buch zu verfassen beschäftige ich mich schon sehr lange. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht und den Gedanken auch immer wieder verworfen. Wer möchte das schon lesen, wen würde es interessieren? Wer würde es überhaupt verstehen. Und wer würde es glauben? Das ist noch die einfachste Frage, die für mich zwar nicht wichtig ist! Aber unglaubwürdig zu erscheinen, das wäre mir doch zu schade gewesen. Diese und andere Fragen haben mich immer davon abgehalten aber ich denke ich schreibe es nicht für alle anderen auf. Ich will es nicht nur für Leser schreiben. In erster Linie will ich es für mich schreiben, für meine Kinder, damit Sie es verstehen, damit Ich es verstehe. Wenn ich so manches Mal darüber nachdenke in welchen Verstrickungen ich mich wiedergefunden habe, frage ich mich ernsthaft wie ich da hineingeraten bin. Wie konnte das alles passieren. Ich möchte niemandem die Schuld dafür geben. In erster Linie glaube ich, dass es eine unglückliche Verkettung von emotionalen und moralischen Missverständnissen und Fehlhandlungen ist. Sie haben mich und auch andere in Situationen gebracht, aus denen man nur mit sehr viel Mut heraus kommt und die leichter zu ertragen sind, wenn man lügt. Ich hege die Hoffnung dass man mir verzeihen wird. Meine Kinder, meine Freunde, meine Familie bitte ich darum in diesen ersten Sätzen, sie mögen mir verzeihen.

Ich habe mich durch Gedankenlosigkeit und Naivität in Situationen manövriert die mich erwachen haben lassen. Mein Lebenslauf, wenn ich ihn denn aufschreiben müsste befähigt mich nicht gerade dazu in einem katholischen Haus mit offenen Armen empfangen zu werden. Aber warum sollte ich den Gedanken an Schuld zulassen. Ich weiß es nicht, jedoch ist die Schuld in mir übermächtig. Sie blockiert mich, macht mich depressiv und klein.

Und immer noch hinterlassen diese Gedanken einen bitteren Nachgeschmack von Selbstmitleid. Ich glaube auch nicht dass es überhaupt einen Alleinschuldigen in dieser Situation gibt. Viele Menschen waren an meinem Leben beteiligt und von vielen habe ich mich abhängig gemacht, sodass so manche Situation daraus entstanden ist. Ich fühle, dass ich es zu Guter Letzt doch noch richtig gemacht habe, aus diesem Lügengebilde ausgebrochen bin und damit meinen inneren Frieden gefunden habe. Ich glaube dass ich meinen Kindern den richtigen Weg noch weisen kann. Einfacher wäre es gewesen das Gegebene hinzunehmen und zu schweigen. Einige Menschen in meinem Umfeld hätten damit besser leben können. In ihrem Versteck weiterlügen damit sie sich nicht trauen müssen auszubrechen, denn Ausbruch bedeutet Veränderungen und Veränderung bedeutet manchmal Schmerz, Peinlichkeit, Scham, Schuld und Vergebung. Aber auf jeden Fall bedeutet es, sich mit sich selbst zu beschäftigen und das möchten nur die wenigsten.

Immer wieder dringen diese Gedanken in meinen Kopf und unterbrechen meine Konzentration und ich frage mich wieder einmal ernsthaft ob ich dieses Buch beginne. Mit diesen Fragen und Überlegungen gehen diese Nachtdienststunden vorbei und ich freue mich auf mein Zuhause.

Heute Morgen könnte ich ohne einen weiteren Gedanken in mein Bett gehen. Niemand muss noch in die Schule gebracht werden, niemand der auf mich wartet. Aber irgendetwas hält mich heute davon ab. Nach einer Heimfahrt, die wie immer anstrengend und gefährlich nah am Abgrund ist, weil ich völlig übermüdet und oft dem Sekundenschlaf nah bin, genieße ich die Ruhe meines Hauses, den kalten verschneiten Morgen, schaue aus dem Fenster und wieder kommen die Gedanken der Nacht. Wie soll ich das alles den Kindern erklären, wie soll ich es für sie lebenswert machen, wenn sie die Tragweite dieser Enthüllung verstehen. Viele kleine und große Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Gute und schlechte Erinnerungen.

„Fang an dies alles einmal zu sortieren“ sage ich mir! „Damit zumindest du selbst es mal verstehst und von allen Seiten beleuchten kannst. Schreib einfach alles auf, egal ob es gut oder schlecht geschrieben ist. Tu es für dich selbst und vielleicht noch für deine Kinder“! Und da ist es wieder, dieses Ja! tu es. Versuch es doch. Diese innere Stimme, die ich bei so vielen Begebenheiten in meinem Leben schon gehört habe, meldet sich wieder zu Wort. Sie hat mir schon bei einigen Entscheidungen geholfen, schon oft den Weg gezeigt. Nie den bequemsten Weg aber trotz aller falscher Entscheidungen, auch manches Mal den Richtigen. Die Distanz gibt mir die Möglichkeit die Dinge aus der Ferne ohne emotionale Belastung zu sehen, sodass es für mich vielleicht möglich ist Lösungen zu finden, die für alle erträglich sind. Ich bin es mir und auch den Kindern schuldig, meine Gedanken aufzuschreiben, meine Gefühle deutlich zu machen. Ich möchte dass die Verletzungen, die Eifersucht, das Verlassen sein und die Einsamkeit und nicht zuletzt die Liebe in mir spürbar werden.

Oktober 2005

Hallo André.

Auf diesem Wege möchte ich mich bei dir bedanken.

Bedanken für deine Hilfe, die mich über die letzten Jahre begleitet hat. Eine Hilfe ohne die mein Leben und auch das der Kinder wesentlich schwieriger gewesen wäre.

Ich halte es nicht für selbstverständlich, denn nur durch diese Hilfe haben wir, sprich Maya, Sophia, Peer, Alex und Ich es geschafft, ein neues Zuhause für uns zu finden. Wir mussten uns neu orientieren und lernen mit den Gegebenheiten umzugehen. Ich denke die Fehler, die David und Ich gemacht haben, sind nicht wegzudenken und ich habe immer versucht, dafür gerade zu stehen. Das werde ich auch weiterhin tun. Ich hoffe, dass ich nie wieder in die Not kommen werde, dich um Hilfe zu bitten. Du hast mehr getan, als man dir hätte zumuten können. Du hast uns aus einer existenziellen Not herausgeholfen. Ich habe mich auf dein Wort verlassen und bin nie enttäuscht worden. Ich wollte dir diesen Brief eigentlich schon früher schreiben aber ich musste für mich die Gewissheit haben, dass David auch mit Sicherheit seiner Unterhaltsverpflichtung nachkommt. Seit Monaten zahlt er jetzt, ohne Verzug, und so langsam kann ich nachts ruhig schlafen. Es erscheint dir vielleicht etwas überzogen aber, wenn man morgens noch nicht weiß wie man das Mittagessen für die Kinder beschaffen soll, dann wird’s einem schon mal warm und man wird sehr vorsichtig mit Versprechungen. Nachdem Frank diese Geschichte erfahren hatte, hat er sich geweigert den Unterhalt für seine Kinder zu zahlen. Hätte ich die finanzielle Möglichkeit gesehen, die Kinder Selbst zu unterhalten, wäre ich niemals an David oder dich herangetreten.

Leider blieb mir keine andere Wahl.

Ich danke dir für dein Verständnis und deine schnelle Hilfe. Die Kinder sind seit längerem schon in die Geschichte eingeweiht und auch sie möchten dir danken. Vieles verstehen sie noch nicht aber was sie verstanden haben, ist das sie einen Onkel haben, der ihnen in einer schweren Zeit sehr geholfen hat.

Katherine

Dezember 2001

„Hallo, wie geht es dir? „ fragte er, und lächelte mich an. Mir zitterten die Knie, mir brach der Schweiß aus und in meinem Hirn tobte der Sturm. Schon zu sehen, dass er im gleichen Ladenlokal stand wie ich, hatte mich unruhig werden lassen. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz umgedreht und wäre davon gelaufen, als ich ihn sah. Ich fühlte mich in seiner Nähe bedroht, schuldig und kraftlos. Wir hatten uns seit mindestens 4 Monaten nicht gesehen und ich hatte auch dieses Treffen nicht provoziert. Ich war froh um jeden Tag, den ich meine Ruhe hatte. Es war noch nicht lange her, da fühlte ich mich von seinen ständigen Telefonaten belästigt. Abends schlich er ums Haus herum. Immer wieder hatte er versucht Kontakt zu mir zu bekommen. Als er gemerkt, dass er das nicht mehr schaffte, hatte er seine Taktik geändert.

Er war immer schon ein Taktiker gewesen, jemand der es gelernt hatte sich in den Vordergrund zu spielen. Nicht unbedingt mit Wissen oder Können. David war nun 43 Jahre alt und stand von jeher im Schatten seines Bruders. Aufgewachsen in einer Familie, in der es immer nur um Geld und Macht ging, hatte er keine Chance, seine Stellung anders zu behaupten. Sein älterer Bruder André war um viele Grade intelligenter und hatte es nicht nötig Halbwahrheiten zu verbreiten. Er ging seinen Weg alleine. Er konnte seine Ziele sehr deutlich weitergeben, sodass sie verstanden und akzeptiert wurden. Seine Ziele waren natürlich auch durchführbar und realistisch. So schaffte er es, zu studieren und die väterliche Firma mit Gewinn in die oberen Etagen zu wirtschaften.

Dies verschaffte ihm natürlich auch unbegrenzten Freiraum und Zweifelsfreiheit. Er war immer über jeden Zweifel erhaben. Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder, der sich in allen möglichen Dingen versuchte aber oft scheiterte, sehr zum Leidwesen seiner Eltern die daraufhin mit Einschränkungen reagierten. Eigene Entscheidungen wurden ihm selten abverlangt. Und wenn, dann nur untergeordnete Dinge, bei denen ein Fehler nicht viel Schaden anrichten konnte. So wurde er in der Firma seines Bruders als Bauleiter eingestellt und zu Anfang als Zaunbauer beschäftigt. Rückblickend muss man sagen, dass er von seinem Bruder, in seinen Aufgaben und der Entwicklung seiner Fähigkeiten gut geschult worden ist. Er arbeitete sich in all den Jahren hoch und man übertrug ihm verantwortungsvollere Aufgaben. Aber in all der Zeit machte er sich selten Freunde. Durch sein mangelndes Selbstbewusstsein, welches er in seiner Kindheit entwickelt hatte, verhielt er sich angeberisch und allwissend. Er beschränkte sich darauf, als Familienmitglied dieser Firma einen Sonderstatus zu genießen. Diesen Sonderstatus bekam er natürlich auch, denn alle anderen, wären bei einer ähnlichen Fehlerquote längst gekündigt worden. Fand er aber einen Fehler bei seinen Kollegen, wurden diese weit über jedes normale Maß hinaus kritisiert. Er fand immer die Gelegenheit, seine Kollegen bei seinem Bruder anzuschwärzen und seine eigenen Fehler zu verharmlosen. Da David sich niemandem mehr anvertrauen konnte, ohne Gefahr zu laufen nicht ernst genommen zu werden, entwickelte er im Laufe der Zeit seine eigenen Wahrheiten und verließ sich nur noch auf sich selbst was natürlich zu weiteren Verhaltensfehlern führte.

Ich denke heute, dass auch aus ihm durchaus ein gefühlvollerer und emotional gefestigter Mensch hätte werden können, wenn er mit mehr Liebe und Geduld erzogen worden wäre. Er war nie wie sein Bruder aber jeder hat es von ihm erwartet. Die Fehler, die daraus entstanden sind, sind ihm angelastet worden und er war nicht in der Lage, aus dieser Familie auszubrechen um sein eigenes Ich zu finden. Die Wahl seiner Frau, verbesserte seinen Stand nicht unbedingt. Sie war nett, aber nicht in der Lage eine eigene Meinung zu entwickeln und sich damit zu behaupten oder gar zu kritisieren. Sie war nicht in der Lage, ihn in seiner Meinungsfindung und Entwicklung, auf eine Art und Weise zu unterstützen, die ihm hätte helfen können, ein klar strukturierter Mensch zu werden. Von ihr bekam er kein Feedback seiner wilden Gedanken, sondern nur unverständiges Nicken.

Sie glaubte ihm alles und war selbst sehr unsicher. Ob ich es geschafft hätte, wenn er sich für mich entschieden hätte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wäre ein anderer Mensch aus ihm geworden. Jemand mit mehr Respekt und Toleranz den Menschen gegenüber. Homogener, weniger aggressiv und weniger arrogant.

Seit wenigen Wochen war mir aufgefallen, dass Frank, mein Ex Mann und die Kinder, oft bei ihm waren. Und immer wenn meine Kinder und Frank einen Sonntag bei ihm verbracht hatten, musste ich dies die ganze Woche über ausbaden. David schaffte es immer, ihn gegen mich aufzuwiegeln. Er war auf dem besten Wege dahin, den letzten Rest Akzeptanz der bestehenden Situation, aus Franks Gehirn zu löschen. Er wollte mir damit wehtun, seine eigene Haut retten und seinen Neid befriedigen.

Diese Treffen, auf die ich keinen Einfluss mehr hatte, machten mir Angst. David war nicht der Mensch, der Kindern viel Selbstbewusstsein geben konnte. Im Gegenteil, er fand immer einen Grund sie zu provozieren und sie zu verunsichern. Nach seiner Meinung, waren dies Gedankenanreize, die er den Kindern setzten wollte. Besonders Peer war mit seinem Wesen, seinen provokanten Äußerungen ausgeliefert. Er hatte mit seinen Zehn Jahren nicht den Wortschatz, ihm zu wiedersprechen oder in eine Diskussion mit ihm zu gehen und war regelrecht verunsichert und bockig wenn er wieder zuhause war. Sophia galt als frech und unkontrolliert, weil sie ihm wiedersprach. Natürlich fand dieser Wiederspruch wenig Anklang. Maya war auch da schon, 2 Jahre älter, und immer schon etwas redegewandter besser in der Lage ihm entgegen zu treten, wurde aber ebenso belächelt. Außerdem, war er ein Meister der Beeinflussung und ich wollte nicht, dass er meine Kinder noch weiter mit seinem Gerede belastete. Sie waren eh in einer Situation, die zurzeit nicht ganz einfach war und ich befürchtete schlimmeres. Frank war sicherlich nicht der Mensch, der dies in schwierigen Momenten unterbinden würde oder es überhaupt merken würde, wenn den Kindern unterschwellig Schaden zu geführt würde.

Dazu musste man sagen, dass Frank und David schon seit Kindertagen Freunde waren. Frank, mein Noch- Ehemann und der liebende Vater meiner Kinder, war immer der einzige, der noch in der näheren Umgebung von David verweilte, wenn alle anderen schon das Weite gesucht hatten. Das hatte aber weniger mit Mitleid ihm gegenüber zu tun, als mit der Tatsache, dass Frank ein Mensch war, dem das Gerede von David, solange es um andere ging, nichts ausmachte. Er überhörte es. Er war der „Meister des nicht Wahrnehmens“.

Eine Eigenschaft, die ich zu Beginn unserer Beziehung nicht gesehen hatte, die sich aber im Laufe der Zeit sehr deutlich herauskristallisierte. Er redete selten und hatte in David jemanden gefunden, der ihm die Zeit vertrieb. Sie gingen zusammen zur Schule und wenn man sich in der Nähe von David aufhielt, konnte man sicher sein, dass man in Ruhe gelassen wurde, denn mit David wollte eh niemand etwas zu tun haben. Er war rechthaberisch und intolerant seinen Mitschülern gegenüber.

Innerhalb Franks Familie, war das Reden auch nicht unbedingt das Kommunikationsmittel der Wahl. Sein Vater starb früh an einer schweren Krankheit und er musste als 18 jähriger, die Verantwortung für seine Mutter und die jüngere Schwester übernehmen. Der Tod des Vaters, setzte die ganze Familie in einem Zustand, der einem Trauma gleichkam. Seine Mutter, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich mit der ihr aufgelegten Verantwortung überfordert fühlte und eine Schwester die noch zu jung war, als das sie ihm helfen konnte. So versuchte er das Beste aus der Situation zu machen. Er reagierte immer nur Situationsbezogen und nie vorausschauend. Er selbst befand sich in einem ähnlichen Trauma, dass es ihm versagte tiefer denken zu können. In dieser Zeit lernte ich ihn kennen. Er war 21 Jahre alt, hatte gerade seinen Vater beerdigt und noch keine Träne darüber vergossen. Nicht, dass er nicht traurig gewesen wäre, er wusste nicht was er fühlte, ob er weinen durfte, wütend war, traurig oder verletzt. Er wollte Stark bleiben. Ich selbst war 17 Jahre alt und bewunderte die Ruhe, die von ihm ausging. Kein pubertäres Jungengerede, kein unflätiges Verhalten. Das imponierte mir. Ich durchschaute nicht, dass es sich hierbei um reines Unvermögen handelte.

David stand mir also gegenüber in dieser Bäckerei, süffisant lächelnd. In Sekundenbruchteilen musste ich mich jetzt entscheiden. Was machst du jetzt fragte ich mich. Was ist dein Ziel und was willst du erreichen? Eigentlich handelte ich instinktiv.

Ich lächelte zurück, sah ihn offen an und antwortete:

„Gut, danke. Mir geht es gut! Viel mehr an Wortfindung war mir auch nicht möglich. Mir fehlte die Sprache.

Wir standen beide, in einer Reihe anderer Personen, an der Theke der örtlichen Bäckerei. Zwischen der Bestellung von Hörnchen und Brötchen musste ich mich sehr beherrschen, meine Fassung nicht zu verlieren.

Es war, als würden alle die um mich herumstanden, mir ansehen, was ich gerade dachte. Ich war so aufgewühlt, dass es mir vorkam, als würden meine Gedanken laut durch den Raum schallen. Er bestellte in aller Seelenruhe seine Brötchen und als er sein Familienfrühstück sicher unter den Arm geklemmt hatte, kam er erneut mit einem siegessicheren Lächeln auf mich zu. Nichts bewegte sich mehr in meinem Kopf, alles stand still, kein Ton drang in mein Hirn. Kurz beschlich mich das Gefühl, dass ich niemals die Kraft haben würde mich ihm entgegentreten zu können, niemals seinem Einfluss entkommen könnte. Alles was er ausstrahlte, sein Geruch, sein Blick, seine Gesten, alles lähmte mein Denken.

Ich nahm all meine Kraft zusammen und stellte mir die Frage, was er wohl von mir wolle und wie ich darauf reagieren solle. Ich wusste, dass die Frage die von ihm kommen würde, eine Antwort verlangte. Ich könnte weiterhin den Weg des geringsten Wiederstandes gehen.

Ich könnte aber auch......

In diesem Moment zeigte sich mir ein Weg den ich vorher nicht wahrgenommen hatte, vor dem ich vielleicht auch Angst hatte. Wenn ich diesen Weg einschlagen würde, wäre er in erster Linie, mit der Aufdeckung von Lügen gepflastert. Lügen die mich selbst belasten würden. Aber sie belasteten mich eh schon so lange, dass es mit Sicherheit an der Zeit war alles aufzuklären, auch wenn dabei andere Personen verletzt würden. Und ich war es leid, mich vor ihm zu verstecken oder Angst vor ihm zu haben, und mit dieser Angst leben zu müssen. Glasklar zogen die Gedanken durch meinen Kopf, passierten jeden Zweifel und bildeten ein Ganzes. Sie reiften schnell zu einem Plan, der für ihn und für viele Andere nicht positiv enden würde.

Ich wusste in diesem Augenblick nicht, ob ich gewinnen oder verlieren würde aber ich wusste, dass ich diesen Weg jetzt gehen musste.

Er sprach mich erneut an.

„Ich möchte dich wiedersehen, mit dir reden. Wann hast du Zeit“?

Wie immer stellte er eine Ablehnung nicht in Frage. Er wusste, dass er mich immer irgendwie beeinflusst hatte und das wollte er auch diesmal. Es kam in seiner Denkweise nicht vor, dass man ihm widersprach. Sofort merkte ich meine Aggression hochschnellen. Ich musste mich sehr unter Kontrolle bringen um lächelnd antworten zu können. Ich ließ ihn also guten Glaubens und antwortete: „ Geh schon mal zum Auto, ich komme gleich nach“! Mit einem Mal war ich sehr ruhig. Meine Gedanken hatten sich gefestigt. Der Plan stand fest und ich würde mich sicher nicht noch einmal freiwillig unter Druck setzen lassen. Ich stellte mir sein Gesicht vor, wenn ich ihm gleich sagen würde was ich dachte. Wie er die Farbe wechseln würde. Ich freute mich geradezu auf diesen Moment. Er konnte sich sicherlich nicht vorstellen, dass ich es jemals wagen würde, die Dinge die ihn so schwer belasten würden, auszusprechen. Wie ein Pfau stolzierte er selbstbewusst zu seinem Auto. In aller Seelenruhe, gab ich nun meine Bestellung auf. Ich wusste, dass was ich jetzt tat war nicht fair. Ich ließ ihn in die Falle laufen. Aber zu lange hatte ich alles akzeptiert und hingenommen, sodass ich jetzt wie eine bösartige, verletzte Seele handelte und ihn leiden sehen wollte. Trotzdem freute ich mich, auf ein Sonntagsfrühstück mit meinen Kindern. Für ihn würde es leider nicht ganz so nett Zuhause werden, wenn ich mit ihm gesprochen hatte.

Mit einem Hochgefühl und meinen frischen Hörnchen unter dem Arm, ging ich also auf sein Auto zu. Er saß in freudiger Erregung auf seinem Platz und fuhr die Scheibe seiner Fahrertür herab.

„Komm, steig ein, lass uns doch ein Stück fahren, da können wir uns besser unterhalten“! sagte er. „Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Ich habe dich vermisst“. Ich musste bei dieser Aussage innerlich lächeln und antwortete ihm: „Du hast nicht mich vermisst, du hast die Kontrolle über mich vermisst. Aber ich möchte dir auch nur ein paar Worte sagen. Es ist schon gut, dass ich dich jetzt und hier treffe, sonst hätte ich dich anrufen müssen aber ich sage dir die Dinge lieber persönlich. Ich wurde immer sicherer und auch immer leiser. Also hör jetzt gut zu mein Freund. Heute Abend wird der Zeitpunkt sein, an dem du deiner Frau eine Geschichte erzählen wirst. Eine Geschichte, die uns betrifft. Du wirst nichts auslassen und nichts hinzufügen. Und du wirst jede Frage ehrlich beantworten, denn wenn du unehrlich bist, wird sie es erfahren. Ich gebe dir genau vierundzwanzig Stunden Zeit, die Dinge zu erklären und deine Lügen auf den Tisch zu legen, sonst werde ich es tun. Ich werde dafür sorgen, dass der Kontakt zwischen dir, Frank und meinen Kindern sofort unterbrochen wird, denn ich lasse es nicht mehr zu, dass sie unter deiner Beeinflussung stehen. Ich werde heute Abend mit Frank sprechen und ihn in all die Dinge einweihen, die geschehen sind. Es gibt nichts mehr, was ich noch verlieren könnte und ich denke es ist die Zeit gekommen, dem Lügengeflecht, dass wir uns all die Jahre aufgebaut haben, zu entkommen. Ich für meinen Teil, werde mich nicht mehr in deine Hände begeben und auch nicht weiter lügen. Ich habe mich seit dem Sommer deiner Kontrolle entzogen und merke, dass mir das sehr gut tut. Nun werde ich noch dafür sorgen, dass du meine Kinder nicht mehr kontrollieren und gegen mich aufbringen kannst. Ich werde mich von keiner Seite mehr als Schizophren oder psychisch labil bezeichnen lassen denn, Du hast mit deinen Handlungen den Faden deutlich überspannt und mich zu oft versucht zu schlagen und ich fange endlich an mich zu wehren. Als ich diese Worte sprach, es war an einem Sonntag, einen Tag vor dem Heiligen Abend im Jahr 2001, wusste ich nicht, was ich noch alles erleben würde in meinem Leben. Es war auch jetzt nicht wichtig. Wichtig war für mich in diesem Moment nur, dass ich mich frei gemacht hatte. Frei von Lügen und Manipulation.

Der Weg der vor mir lag, war nicht weniger schwer als der Weg den ich ihm aufgebürdet hatte. Der Unterschied in der Schwere lag nur darin, dass ich ihn gehen wollte, und er dazu gezwungen wurde.

Wir lebten in einem kleinen Dorf in der Nähe von München. Ein typisches kleines verschlafenes Kaff, indem jeder jeden kannte und auch mindestens ein negatives Gerücht, über jeden im Umlauf waren. Jeder der sich trennte, oder etwas sonstiges Außergewöhnliches machte, wurde die nächsten Wochen als Themenfüller benutzt. Hier passierte sonst nichts, also wurde man als Thema missbraucht. Man wusste, dass der ehemalige Bürgermeister wohl Alzheimer hatte, man wusste, dass seine Frau Alkoholikerin war. Man tratschte über Hinz und Kunz. Und die erzkatholischen Mitbürger, die am häufigsten in der Kirche verweilten und am lautesten beteten, waren die Menschen, die auch am lautesten hetzten, die die meisten Leichen im Keller hatten. Aber diese Menschen, waren im allgemeinen Gefüge anerkannt, wurden als Schützenkönige in teurer Tracht gefeiert. Je teurer umso besser. Diese Menschen taten sich christlich und verteufelten alles Fremde. Die Männer die in der Woche ihre Frauen und Kinder schlugen, standen Sonntags in der Kirche und beteten, danach gingen sie in die Kneipe und tranken bis sie ihr schlechtes Gewissen totgetrunken hatten und wieder schlugen. Beim Frühschoppen fachsimpelten sie über die Familienpolitik. Es wurden teure Autos gefahren, weil man sich das Gerede, über eventuelle Finanznot ersparen wollte. Die Akzeptanz dieser Leute, was das Fremde oder das Andere betraf, war gleich Null. Also, ein ganz typisches Dorf, in dem der Verschönerungsverein über alles, was im eigentlichen Sinne einer Veränderung bedurfte, frische Farbe pinselte. Die Frauen gehörten dem Kirchenchor an und trällerten in schrägen Stimmen jedes Jahr, erneut dem Mai entgegen. Sie zogen abends ihre Männer aus den Armen fremder Frauen, damit niemand bemerkte wie traurig es in ihrer Ehe wirklich zuging. In diesem Dorf wurde ich, zusammen mit meinen drei Geschwistern in meiner Familie großgezogen, ebenso wie mein späterer Ehemann Frank. Auch David wuchs in diesem Dorf auf und bis heute, ist keiner von uns ausgebrochen. Auch heute noch, wartet man darauf, friedlich betend in der Kirche, es möge endlich einmal wieder jemand die Scheidung einreichen, damit man mal wieder etwas zum tratschen hätte.

David wusste also, dass alles was ab jetzt passieren würde, eine Welle der Entrüstung im Dorf auslösen konnte. Er hatte blanke Angst, vor dem nun eintreffenden Super Gau. Er saß wie versteinert hinter dem Steuer seines Autos. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Ich musste innerlich schmunzeln, weil mir durch den Kopf ging, dass ich diese Gesichtsfarbe nicht genau benennen konnte. War sie mehr grün oder mehr grau, oder vielleicht gelb? Mit tonloser Stimme presste er hervor: „ Das kannst du nicht tun. Du zerstörst alles was mir wichtig ist!

Nun tobte es in Seinem Gehirn! Und wieder ein Farbenwechsel seines Gesichts. Jetzt war es rot und seine Augen blutunterlaufen. Völlige Fassungslosigkeit seinerseits, machte sich breit. Er sah aus, als hätte ich jegliche, von ihm so gern zur Schau getragene Selbstsicherheit, mit meinen wenigen Sätzen zerstört. Er sackte hinter seinem Steuer zusammen, starrte aus dem Fenster, zu keiner Regung mehr fähig.

Ich sagte: „ Doch ich kann und ich werde. Alles was mir heilig und wichtig war hast du in Frage gestellt und am Ende zerstört. Ich zerstöre alles was dir wichtig ist? Was ist mit meiner Familie, mit meinen Kindern, hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht? Du siehst nur Dich und deinen Verlust! Was hast du mir vor Wochen noch gesagt? Das du ohne mich nicht Leben kannst? Jetzt möchtest du am liebsten alles ungeschehen machen. Aber das wird nicht gehen David. Ich lasse es nicht zu, dass die Kinder sich von mir entfremden, weil du sie beeinflusst. Ich lasse es auch nicht zu, dass wir, die Kinder und Ich, als Alleinschuldige bestraft werden. Es wird dir nicht gelingen uns zu vergessen oder zu zerstören. Du weißt was du zu tun hast. Ich beendete meinen Monolog mit den Worten: „Ich wünsche dir ein schönes Weihnachtsfest“.

Als ich mich umdrehte um zu meinem Auto zu gehen kamen mir kurz Zweifel. War es richtig, jemanden zu zwingen die Wahrheit zu sprechen? Konnte ich ihm das antun? Dann kamen mir die letzten Wochen ins Gedächtnis. Die Angst die er mir gemacht hatte. Die Unwahrheiten, die er über mich erzählt hatte. Die finanzielle Not, in die er mich gebracht hatte und das alles nur um mich seinem Willen zu unterwerfen. Es ist gut so, war meine Antwort auf die Frage. Ich stieg in mein Auto und fuhr mit meinen Brötchen und ausgesprochen guter Laune nach Hause. Im Rückspiegel sah ich ihn immer noch an derselben Stelle stehen. Das Hochgefühl mit dem ich nach Hause fuhr, sowie die Vorfreude auf Weihnachten, wurden leicht getrübt von dem Gedanken an den bevorstehenden Abend und das Gespräch mit meinem Mann.

Der Tisch war festlich gedeckt. Die ganze Wohnung, erstrahlte im Glanz der vielen Lichterketten. Kitsch und Weihnachtsdekorationen in jeder Ecke der Wohnung. Für ihn war es gemütlich, für mich wie immer eine Spur zu viel. Aber in der Gesamtheit musste ich ihn loben. Er hatte es sich in seiner neuen Wohnung sehr gemütlich gemacht. Seit drei Monaten wohnte er jetzt nicht mehr Zuhause. Ich hatte es tatsächlich geschafft, ihn dazu zu bewegen, dieser unerträglichen Situation ein Ende zu bereiten.

Bis dahin lebten wir getrennt in unserem eigenen Haus. Die Einigung zu Anfang sah so aus, dass er im gemeinsamen Schlafbereich bleiben durfte, während ich mein Lager in der Praxis, in den unteren Etagen aufgeschlagen hatte. Aber diese Lösung barg viele Probleme in sich. Wir konnten uns niemals aus dem Weg gehen. Das Erdgeschoss sollte waffenfreie Zone sein, in der sich jeder aufhalten durfte, da sie die Kinderzone war. Und wir wollten beide weiterhin für die Kinder da sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne die Kinder zu sein und das wollte ich ihm auch nicht antun. Über ein Jahr schafften wir es, mehr schlecht als Recht, diesen Zustand aufrecht zu halten. Dann kam die Zeit, in der er das erste Mal alleine in Urlaub fuhr.

Im Sommer machte er mit mehreren Kollegen, einen Trip durch Norwegen. Ich zitterte die Wochen davor und hoffte, dass er es nicht in letzter Minute noch absagen würde. Schon am Tag seiner Abreise spürte ich die Entspannung in mir. Zehn Tage hatte ich meine Wohnung für mich. Zehn Tage, in denen es keinen Ärger, keinen Streit und keinerlei Aufregung geben würde. Meine Laune stieg, sobald die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen war. Es waren die schönsten zehn Tage in diesem Jahr 2001 gewesen die es bis dahin gegeben hatte. Ich genoss sie in vollen Zügen, lud Freunde ein, verbrachte nette Abende mit meinen Kindern und meiner Freundin. Ich sah die Blumen wieder blühen, hatte Spaß daran den Rasen zu mähen oder einen Spaziergang am Rhein zu machen. Meine Depression der letzten Monate, war auf einen Schlag wie weggeblasen. Wir lachten viel, über alles und jeden, und vergaßen für kurze Zeit alles Belastende um uns herum. Die Kinder entspannten sich herrlich und in diesen Tagen gab es überhaupt keinen Streit, weder unter den Kindern noch zwischen ihnen und mir. Wir verbrachten die Tage lärmend und lustig an unserem Pool, lagen faul in der Sonne, ohne schlechte Laune. Abends wurde gegrillt und bis spät in die Nacht hinein, mit den Kindern Gesellschaftsspiele gespielt. Am letzten Sonntag dieses Urlaubs, verabredete ich mich mit David und seiner Familie zu einem gemeinsamen Ausflug, in den Panoramapark. Ich wollte den Kindern noch einen netten Abschluss dieser schönen Zeit schenken. Ich ging davon aus das wir alle schon unterwegs wären, bevor Frank wiederkommen würde. Das war zumindest ein Herzenswunsch, noch einen Tag herausschinden. Einen Tag für mich und die Kinder den wir noch unbeschwert genießen konnten.

Aber ich hatte mich geirrt. Noch, bevor ich an diesem Morgen richtig wach war, stand er schon in der Tür und verkündete, dass er mit uns zusammen fahren würde. Meine Stimmung sank auf den Nullpunkt. Ich hatte ihn nicht vermisst in diesen zehn Tagen und ich wollte auch weiterhin nicht unbedingt meine Zeit mit ihm verbringen. Ich sah mich schon die 2 Stunden neben ihm im Auto sitzen, gezwungen ein Gespräch führen müssen. Ich hatte wieder einmal die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ihm war es wichtig die Zeit mit mir und den Kindern zu verbringen. Er wollte Gemeinsamkeit erzwingen, um mich unter Umständen umzustimmen und den Vorteil einer schönen Familie zu sehen. Mir war es aber alles Zuviel und ich wollte nur mit David und den Kindern alleine sein. Seine Frau, und auch seine Kinder waren für mich ein akzeptiertes Übel. Sie störten mich nicht, denn mir waren seine Blicke genug. Blicke die tief in mein Herz drangen und es mit Freude auf eine unbestimmte Zukunft füllten.

Deutlich machte ich darum meinem Unmut Luft. Wir trafen uns an Davids Haus und mein Gesichtsausdruck verriet meine Stimmung. David turnte in bester Laune um uns herum, die Kinder nervten mich und je besser die Laune der anderen war, umso depressiver wurde ich.

Ich fragte mich, wie ich diesen verteufelten Tag hinter mich bringen sollte und es ergab sich nur eine Antwort. Ich hatte mich so auf diesen Tag mit den Kindern gefreut aber gelingen konnte er für die Kinder nur, wenn ich nicht mitfahren würde. Ich wusste, dass ich es niemals schaffen würde meine Laune soweit in den Griff zu bekommen, dass es für alle erträglich wäre. Also machte ich einen Blick in die Runde und verkündete, dass ich jetzt wohl nach Hause gehen würde, da ich mich nicht imstande sehe den Tag mit Genuss durchzustehen und, dass ich niemandem die Laune verderben wolle. Betretenes Schweigen aus allen Richtungen. Die enttäuschten Gesichter der Kinder, taten mir körperlich weh. Ich drehte mich direkt um und ging schnellen Schrittes vom Platz. Noch bevor irgendjemand reagieren konnte, war ich schon außer Reichweite. Ich ging also mit mir selbst redend, die drei Straßen die wir voneinander entfernt wohnten und versuchte meine Tränenflut zu drosseln. Mein Selbstmitleid war grenzenlos. Und auch mein Ärger über mich selbst. Ich hatte mir einen schönen Tag mit meinen Kindern selbst versagt. Ich lud die Schuld auf ihn.

Wieder hatte er es geschafft, mir einen Tag zu vermiesen dachte ich. Einen Tag, den ich mit den Kindern geplant hatte und auf den wir uns gefreut hatten. Ich schwankte zwischen Wut, Enttäuschung und Selbstmitleid. Irgendetwas musste passieren. Ich konnte so nicht weiterleben. Frustriert kam ich Zuhause an und lief wie in einer Zelle eingesperrt hin und her, unfähig einen klaren Gedanken fassen zu können. Alles stürmte auf mich ein.

David, der mich seit Wochen belagerte und alles damit entschuldigte, dass er sich Sorgen machte. Der mich überreden wollte zurück zu gehen und meine Trennung zurück zu nehmen. Frank der mir jegliche Luft zum Atmen nahm und sich wunderte, dass ich mich wehrte. Die Kinder die mich mit traurigen Blicken tagaus tagein durchbohrten und mir indirekt die Frage stellten: „Mama warum tust du das?“ Mein schlechtes Gewissen, dass auf nichts mehr eine Antwort wusste, weil ich nicht mehr entscheiden konnte, was davon der Wahrheit entsprach und was nicht. Wie ein gehetztes Tier, suchte ich nach Antworten und fand keine. Am Ende mit meinen Nerven, rief ich bei meiner Freundin an und weinte mich bei ihr aus. Den ganzen Frust des Tages lud ich bei ihr ab. Sie hörte sich das alles geduldig an und sagte dann nur: „ Mach dich fertig, ich komme dich jetzt gleich abholen. Wir werden uns in die Stadt begeben und in neutraler Zone einen Kaffee trinken gehen. Vielleicht finden wir eine Lösung, war ihre Aussage.“

Damit legte sie den Telefonhörer auf ohne eine Erwiderung meinerseits abzuwarten. Ich erwartete nicht eine Lösung zu finden, dazu war ich zu aufgewühlt. Außerdem war meine Freundin Paula, nicht gerade eine lösungsorientierte Person. Sie war erst seit wenigen Wochen meine Freundin und in dieser Zeit in der wir uns kannten hatten wir viele ihrer Probleme besprochen. Eine Lösung hatte es allerdings aus ihrer Sicht nie gegeben.

Trotzdem, alles war besser als hier in diesem Haus auszuharren und sich den Tag vollends zu verderben. Also fuhren wir in die Stadt. Es war ein herrlich warmer Tag im Mai und die Biergärten auf den Stadtplätzen waren gut besucht. Wir suchten uns ein sonniges Plätzchen und versanken vor unserm Bier in Schweigen. Es war kein unangenehmes Schweigen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, beobachtete die anderen Menschen und Ruhe kam in mir hoch. Die Spannung der letzten Stunden ließ merklich nach, die Stimmung wurde um Grade besser und sogar ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit. Mindestens eine Stunde saßen wir so da, ohne dass jemand von uns das Wort ergriffen hätte. Ich bestelle uns ein weiteres Bier und als der Ober es vor uns abstellte und wir den ersten Schluck genossen hatten, stellte ich die entscheidende Frage: „Was glaubst du müsste ich tun, wenn ich Frank heute Abend eröffnen würde, dass er nun ausziehen müsste?“ Sie sah mich lächelnd an und meinte: „Na endlich wirst du vernünftig“! Wir ließen uns vom Kellner einen Bierdeckel und einen Stift geben und ohne ein weiteres Wort, begannen wir einen Punkteplan zu erstellen. Was muss getan werden, um selbstständig leben zu können?

Die Kinderbetreuung muss gesichert sein, ein Kindergartenplatz muss her, ein Job muss besorgt werden, die Konten müssen getrennt werden, ein Termin bei der Bank muss gemacht werden. Was tun, wenn er sich weigert? Wir versuchten alle Eventualitäten zu beachten und waren nach unserem dritten Bier fertig. Wir hatten unseren dreizehn Punkteplan erstellt. Ich wusste nicht, ob ich es wirklich wagen würde, meinem Mann am Abend seinen Auszug nahe zulegen aber es ging mir besser mit dem Wissen, dass es möglich wäre, wenn all diese Dinge die auf dem Plan standen erledigt wären.

Drei Monate war es jetzt her…

seit ich ihm am selben Abend noch gesagt hatte, dass es wohl besser wäre auszuziehen. Er wehrte sich damals mit Händen und Füßen und brüllte mir ins Gesicht, dass er das niemals zulassen würde. An diesem Abend stritten wir das erste Mal laut und heftig.

Nachdem er und die Kinder wieder Zuhause waren, bat ich ihn um ein Gespräch nach diesem, für alle verdorbenen Tag und ich wusste, dass es so nicht weiter gehen konnte. Der Zustand war unhaltbar und für alle unerträglich.

„Frank, bat ich: „Ich muss mit dir reden“! Wir setzten uns also in unseren Wintergarten den ich so liebevoll für uns alle gestaltet hatte. Nun saßen wir hier und mussten über das weitere Fortkommen unserer Familie reden. Es ging mir nicht gut an diesem Abend, ich war sehr aufgeregt.