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Ausgezeichnet mit dem Hugo-, Nebula- und Locus-Award - und jetzt ein globales Twitter-Phänomen! Zwei Feindinnen in einer Zeit des Krieges. Verbotene Nachrichten, heimlich ausgetauscht auf den verlassenen Schlachtfeldern. Und eine ganz große Liebe, die Raum und Zeit überwindet. Amal El-Mohtar und Max Gladstone verbinden in diesem Kurzroman in wunderbar poetischer Sprache eine weltumspannende Zeitreisegeschichte mit einem Liebesroman in Briefform. »Dieses Buch hat einfach alles – ein wahres Feuerwerk!« Madeline Miller, Autorin von »Ich bin Circe« und »Das Lied des Achill«
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Simon Weinert
© Amal El-Mohtar und Max Gladstone 2019
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»This Is How You Lose the Time War«, Saga Press, New York 2019
Published in agreement with the authors, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA
© Piper Verlag GmbH, München 2022
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Covergestaltung: zero-media.net, München
Coverabbildung: FinePic®, München
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Cover & Impressum
Widmung
Nach ihrem Sieg …
Betrachtet meine Werke …
In einem MRT-Gerät kocht …
Hinterlistigste Blau, …
Rot rätselt sich durch ein Labyrinth …
Liebe Rot an Zähnen und Klauen, …
Blau nähert sich dem Tempel …
Liebste Blue (Da Ba Dee), …
Im Wald fallen Bäume …
Meine voll gesättigte Rot, …
Überall um sie herum …
Mein liebes Mood Indigo, …
Atlantis versinkt …
Mein achtsamer Rotkardinal, …
Das nächste London …
Liebste 0000FF, …
Wie die Prophetin sagt: …
Guten Morgen-Rot, …
Es ist Nacht und Blau …
Liebe Blau, …
Rot stürzt sich in Erfolge, …
Meine liebe Miskowaanzhe, …
Blaut tritt in das …
Liebste Lapislazuli, …
Rot gewinnt in der fernen Zukunft …
Meine Liebe, …
Blau flicht Grashalme …
Meine Blaupause, …
Rot hat sich aufgemacht, …
Liebe Erdbeere, …
Selbst sehr lange Aufträge …
Liebe Blau, …
Die Kommandantur bestellt Rot …
Mein eigen Herzblut, …
Wäre Blau weniger professionell, …
Lieb Blau, …
Rot legt sich ein Ende …
Liebe Rot, …
Blau steht inmitten …
Hör auf …
Rot trifft zu spät …
Ach, Rot …
Rot schlägt Zeit tot …
Rot ist nicht dumm …
Zunächst befindet sie sich …
Rots Welt besteht nur noch aus …
Mein liebes Hyper Extremely Red Object, …
Danksagungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Dich.
PS: Ja, Dich.
Nach ihrem Sieg steht Rot allein da.
Blut klatscht ihr die Haare an den Kopf. In der letzten Nacht dieser sterbenden Welt bildet ihr Atem Dampfwolken.
Das hat Spaß gemacht, denkt sie, doch noch während sie den Gedanken formuliert, wird er schal. Immerhin war es eine saubere Sache: an den Fäden der Zeit hinaufklettern in die Vergangenheit und dafür sorgen, dass niemand diese Schlacht überlebt, damit niemand die von ihrer Agentur eingerichteten Zukünfte verhindern kann – die Zukünfte, in denen ihre Agentur herrscht, in denen Rot überhaupt existiert. Sie ist gekommen, um diesen Strang der Geschichte zu verknoten und anzusengen, bis er verschmilzt.
Sie hält die Leiche eines Mannes, ihre Hände stecken in seinen Eingeweiden wie in einem Handschuh und ihre Finger umschließen die Metallwirbelsäule. Sie lässt los, und das Exoskelett klappert gegen den Fels. Primitive Technologie. Antik. Wie Bronze im Vergleich zu abgereichertem Uran. Er hatte nie auch nur die geringste Chance. Genau dafür ist Rot da.
Auf jeden Auftrag folgt eine große und endgültige Stille. Ihre Waffen und Panzerung falten sich in sie hinein wie Rosen in der Abenddämmerung. Wenn sich die Pseudohautlappen darübergelegt haben und verheilen und das programmierbare Material ihrer Kleidung sich wieder zusammenfügt, sieht Rot einmal mehr einer Frau ähnlich.
Sie stapft über das Schlachtfeld, sieht sich um, geht auf Nummer sicher.
Sie hat gesiegt, ja, sie hat gesiegt. Sie ist sich sicher, dass sie gesiegt hat. Oder?
Beide Armeen liegen erschlagen. Zwei große Reiche haben sich gegenseitig aufgerieben, jedes ein Riff, an dem der Rumpf des anderen zerschellte. Für dieses Vorhaben ist sie hergekommen. Aus der Asche werden andere auferstehen, die den Zielen der Agentur mehr entsprechen. Und doch.
Auf dem Schlachtfeld war noch jemand anders. Keine von den billigen Plätzen wie die in ihrer Zeit verhafteten Leichen, die sich entlang des Wegs türmen, sondern eine ernst zu nehmende Akteurin. Jemand von der anderen Seite.
Nur wenige von Rots Agentenkolleginnen hätten die gegnerische Präsenz gespürt. Rot hat sie nur bemerkt, weil Rot geduldig ist, eigenbrötlerisch und vorsichtig. Sie hat für diesen Auftrag recherchiert. Sie hat das Ganze in ihrem Kopf vorwärts und rückwärts durchgespielt. Wenn Schiffe nicht dort waren, wo sie sein sollten, wenn Rettungskapseln, die hätten ausgeworfen werden sollen, nicht ausgeworfen wurden, wenn bestimmte Salven dreißig Sekunden zu spät abgefeuert wurden, fiel ihr das auf.
Zwei Vorfälle sind Zufall. Drei sind Feindeinwirkung.
Aber warum? Rot hat erledigt, wofür sie gekommen ist, glaubt sie. Aber Kriege bersten vor Ursachen und Wirkungen, Berechnungen und seltsamen Attraktoren, und das trifft noch viel mehr auf Kriege in der Zeit zu. Ein gerettetes Leben könnte für die andere Seite mehr wert sein als all das Blut, das heute an Rots Händen klebte. Eine Entkommene wird Königin oder Wissenschaftlerin oder, schlimmer noch, Dichterin. Oder ihr Kind wird es, oder eine Schmugglerin, mit der sie in einem fernen Raumhafen die Jacke tauscht. Und dann wäre das ganze Blut umsonst vergossen.
Mit etwas Übung wird das Töten einfacher, sowohl was die Mechanik als auch was die Technik angeht. Getötet zu haben allerdings nicht, zumindest nicht für Rot. Ihren Agentenkolleginnen geht es nicht so oder sie verbergen es besser.
Es sieht den Akteurinnen von Garden nicht ähnlich, Rot auf dem Schlachtfeld zu begegnen. In den Schatten bleiben und auf Nummer sicher gehen entspricht eher ihrem Stil. Aber eine von ihnen würde es tun. Rot kennt sie, auch wenn sie sich nie begegnet sind. Jede Akteurin hat ihre eigene Signatur. Sie erkennt Muster aus Dreistigkeit und Wagemut.
Rot könnte sich irren. Das tut sie aber nur selten.
Ihre Feindin würde sich über so ein Zauberkunststück freuen: Rots gewaltiges Kunstwerk des Mordens für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Aber Verdächtigungen reichen nicht. Rot muss Beweise finden.
Deshalb wandelt sie über das Gebeinfeld ihres Siegs und sucht nach den Samen ihrer Niederlage.
Ein Beben geht durchs Erdreich – nenn es nicht Erde. Der Planet stirbt. Grillen zirpen. Noch überleben Grillen zwischen den abgestürzten Schiffen und zertrümmerten Leibern auf dieser zerfallenden Ebene. Silbermoos verschlingt den Stahl und lilafarbene Blumen verschlucken erloschene Gewehre. Wenn der Planet noch lange genug durchhielte, würden die Ranken, die aus den Mündern der Toten wachsen, irgendwann Beeren tragen.
Doch das wird er nicht und deshalb wird es auch keine Beeren geben.
In einem Sprengkrater entdeckt sie den Brief.
Er gehört nicht hierher. Zwischen den Wracks der Schiffe, die einst zwischen den Sternen segelten, sollten sich Leichen türmen. Nach ihrer erfolgreichen Mission sollten hier nur Tod, Dreck und Blut zu finden sein. Über ihr sollten Monde zerfallen, die Schiffe im Orbit sollten sich in Feuerbälle verwandeln.
Aber hier sollte kein cremefarbenes Stück Papier liegen, leer und sauber bis auf eine einzige Zeile in einer breiten, ausladenden Handschrift: Vor dem Lesen verbrennen.
Rot spürt gern. Es ist ein Fetisch von ihr. Jetzt spürt sie Furcht. Und Ungeduld.
Sie hatte recht.
Sie sucht in den Schatten nach ihrer Jägerin, ihrer Beute. Sie hört Infraschall und Ultraschall. Sie dürstet nach einem Kontakt, nach einer neuen, lohnenderen Schlacht, aber sie ist allein mit den Leichen und den Splittern und dem Brief, den ihre Feindin ihr hinterlassen hat.
Es ist eine Falle. Natürlich.
Pflanzen ranken sich aus den Augenhöhlen, winden sich durch eingeschlagene Bullaugen. Rost rieselt in Flocken herab wie Schnee. Metall quietscht unter Druck und birst.
Es ist eine Falle. Gift wäre plump, aber sie riecht keines. Vielleicht steckt ein Noovirus in der Nachricht – um ihre Gedanken zu untergraben, einen Trigger zu säen oder Rot in den Augen ihrer Kommandantur einfach nur verdächtig aussehen zu lassen. Wenn sie diesen Brief liest, wird sie vielleicht registriert, bloßgestellt, erpresst, damit sie als Doppelagentin arbeitet. Die Feindin ist heimtückisch. Selbst wenn das nur der Eröffnungszug in einem längeren Spiel ist, würde Rot mit der Lektüre des Briefs riskieren, den Zorn der Kommandantur auf sich zu ziehen und als Verräterin dazustehen, wie treu sie auch sein mag.
Schlauer und sicherer wäre es, zu gehen. Doch der Brief ist ein geworfener Handschuh und Rot muss es wissen.
In der Tasche einer toten Soldatin findet sie ein Feuerzeug. Flammen spiegeln sich in den Tiefen ihrer Augen. Funken steigen auf, Asche rieselt nieder und Buchstaben in derselben breiten, ausladenden Handschrift erscheinen auf dem Papier.
Rots Mund zuckt: ein höhnisches Schmunzeln, eine Maske, das Grinsen einer Jägerin.
Der Brief verbrennt ihr die Finger, als die Unterschrift Gestalt annimmt. Sie lässt die Ascheflocken fallen.
Rot verlässt das Schlachtfeld, nachdem ihre Mission gescheitert und gleichzeitig gelungen ist. Sie steigt am Faden hinunter in Richtung ihres Zuhauses, in Richtung der geflochtenen Zukunft, die ihre Agentur gestaltet und bewacht. Außer Asche, Ruinen und Millionen von Toten bleibt keine Spur von ihr zurück.
Der Planet wartet auf sein Ende. Die Ranken leben, ja, und auch die Grillen, doch außer den Totenschädeln ist niemand mehr da, der sie bemerken könnte.
Düster dräuende Regenwolken. Aufglühende Blitze tauchen das Schlachtfeld in monochromes Licht. Donnergrollen. In der Nacht wird es regnen und der in Glas verwandelte Boden wird glitschig werden, wenn der Planet noch so lange durchhält.
Die glühende Asche des Briefs erlischt.
Der Schatten eines zerstörten Kanonenbootes zuckt. Ein leerer Schatten, der sich füllt.
Aus ihm steigt eine Sucherin heraus, die weitere Schatten mit sich führt.
Wortlos betrachtet die Sucherin die Auswirkungen der Schlacht. Sie weint nicht, zumindest nicht so, dass man es sehen könnte. Mit sachkundigem Blick durchschreitet sie die Zerstörung, steigt über Leichen hinweg. Sie bewegt sich in einer gewundenen Spirale, ihre meisterhafte Kunst stellt sicher, dass niemand ihr gefolgt ist auf den stillen Pfaden, die sie gewählt hat, um diesen Ort zu erreichen.
Der Boden bebt und birst.
Sie gelangt zu dem, was einmal ein Brief war. Kniend stochert sie in der Asche. Ein Funke steigt auf, den sie in ihrer Hand einfängt.
Aus ihrem Beutel nimmt sie eine flache weiße Scheibe und schiebt sie unter die Asche, verteilt diese dünn auf der weißen Fläche. Dann zieht sie ihren Handschuh aus und schneidet sich in den Finger. Regenbogenfarbenes Blut quillt hervor und tropft auf das Grau.
Sie verrührt das Blut mit der Asche zu einem Teig, knetet ihn und rollt ihn flach aus. Um sie herum schreitet der Verfall fort. Aus den Kriegsschiffen werden Moosberge. Große Kanonen bersten krachend in Stücke.
Sie trägt gebrochenes Licht und seltsame Klänge auf. Sie faltet die Zeit.
Die Welt bricht in der Mitte auseinander.
Aus der Asche wird ein Stück Papier, auf dem sich oben in saphirblauer Tinte Buchstaben ranken.
Der Brief sollte einmal gelesen und dann vernichtet werden.
Kurz bevor die Welt auseinanderfällt, liest sie ihn noch einmal.
Betrachtet meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!
Ein kleiner Scherz. Glaube mir, dass ich alle Variablen der Ironie berücksichtigt habe. Wenn Du allerdings mit den viel zu oft zitierten Werken des neunzehnten Jahrhunderts im frühen 6. Strang nicht vertraut bist, dann geht der Witz wohl nach hinten los.
Ich habe gehofft, dass Du kommen würdest.
Du fragst Dich, was das hier ist – aber Du fragst Dich vermutlich nicht, wer das hier ist. Du weißt – genauso wie ich es weiß, seit sich unsere Blicke während jenes Debakels auf Abrogast-882 trafen –, dass wir beide noch nicht miteinander fertig sind.
Ich muss Dir hiermit gestehen, dass ich selbstzufrieden geworden bin. Sogar gelangweilt vom Krieg. Deine Agentur flitzt die Fäden rauf und runter, während Garden geduldig Stränge pflanzt und zurechtstutzt und sich in den Zopf der Zeit gräbt. Eure nicht aufzuhaltende Energie gegen unser unverrückbares Ziel. Weniger eine Go-Partie als Tic-Tac-Toe, wo das Ergebnis schon vom ersten Zug an feststeht, endlos wiederholt, bis wir an den Punkt kommen, an dem wir in das Reich der instabilen, chaotischen Eventualitäten abbiegen – die Zukunft, die wir jeweils auf Kosten der anderen gewährleisten wollen.
Aber dann bist Du aufgetaucht.
Und meine Spielräume sind geschwunden. Bei jeder Routinebewegung musste ich fortan schon alles geben. Du hast dem Tempo Deiner Seite Tiefe verliehen, Durchhaltevermögen, und ich war plötzlich wieder voll ausgelastet. Du hast den Kriegsanstrengungen Deiner Schicht neues Leben eingehaucht und damit auch mir.
Bitte nimm meine Dankbarkeit rings um Dich wahr.
Ich muss Dir gestehen, dass es mir Genugtuung verschafft, mir vorzustellen, wie Du diese Worte in den züngelnden, wirbelnden Flammen liest, ohne dass Dein Blick zurückgehen, die Buchstaben auf der Seite bannen kann. Stattdessen musst Du sie in Dich aufnehmen, sie in Dein Gedächtnis einlassen. Und wenn Du Dich an sie erinnern möchtest, musst Du meine Gegenwart in Deinen Gedanken aufsuchen, in die sie verschlungen ist wie Sonnenstrahlen in Wasser. Wenn Du meine Worte Deinen Vorgesetzten melden willst, musst Du eingestehen, dass Du bereits infiltriert wurdest, ein weiteres Opfer dieses äußerst unglücklichen Tages.
Und so werden wir siegen.
Es ist eigentlich nicht meine Absicht zu prahlen. Ich möchte Dir mitteilen, dass ich Achtung vor Deiner Taktik hatte. Die Eleganz Deiner Arbeit lässt diesen Krieg weniger wie Verschwendung erscheinen. Apropos, die Hydraulik in Deinem kugelförmigen Flankengambit war wahrhaft ausgezeichnet. Ich hoffe, es tröstet Dich zu wissen, dass sie von unseren Mulchern gründlich verdaut werden wird, sodass in unserem nächsten Sieg über euch ein kleines Stück von Dir stecken wird.
Ich wünsche Dir fürs nächste Mal etwas mehr Glück.
Liebe Grüße,
Blau
In einem MRT-Gerät kocht ein Einmachglas voller Wasser. Blau sieht dabei zu.
Sobald Blau siegt – also immer –, wendet sie sich der nächsten Sache zu. Sie genießt ihre Siege im Nachhinein, zwischen ihren Aufträgen, sie ruft sie sich ins Gedächtnis, wenn sie unterwegs ist (den Faden hinauf in die stabile Vergangenheit oder hinunter in die ausfransende Zukunft), wie man sich an Gedichtzeilen erinnert, die man mag. Raffiniert oder brutal, je nachdem, wie es von ihr verlangt wird, kämmt oder verfilzt sie Stränge des Zeitzopfs, und dann geht sie wieder.
Sie hat nicht die Angewohnheit zu verweilen, denn sie hat nicht die Angewohnheit zu scheitern.
Das MRT-Gerät befindet sich in einem Krankenhaus des einundzwanzigsten Jahrhunderts, das bemerkenswert leer – evakuiert, stellt Blau fest –, aber nicht sehr auffällig ist, da es im Herzen eines grünen Waldes liegt, durch den einige Grenzen verlaufen.
Eigentlich sollte das Krankenhaus voll sein. Blau hatte die heikle Aufgabe einer Infizierung – eine ganz bestimmte Ärztin sollte neugierig auf einen neuen Bakterienstamm gemacht werden –, die Vorarbeit dazu, die Welt zur biologischen Kriegsführung hin oder von ihr weg zu lenken, je nachdem, wie die andere Seite auf Gardens Schachzug reagieren würde. Doch die Gelegenheit hat sich in Luft aufgelöst, die Hintertürchen sind geschlossen, und das Einzige, was Blau dort entdeckt, ist ein Einmachglas, auf dem steht: ZUMLESENZUMBLUBBERNBRINGEN.
Deshalb treibt sie sich beim MRT-Gerät herum und sinniert über die Qualen der Symmetrie, während sie die Zufälligkeit des Wassers aufzeichnet. Das magnetische Knochengerüst sitzt wie eine Lesebrille auf dem thermodynamischen Antlitz des Universums und registriert jedes Aufblühen und Platzen der sich verwandelnden Moleküle. Sobald das Gerät die Hitze des Wassers vollends in Zahlen übersetzt hat, nimmt Blau den Ausdruck in die rechte Hand und legt den darin enthaltenen Schlüssel auf den mit verschlüsselten Buchstaben übersäten Bogen in ihrer linken Hand.
Sie liest und macht große Augen. Sie liest und die Daten lassen sich immer schwerer aus den Tiefen ihrer zusammengeballten Faust herausziehen. Aber sie lacht auch und das Geräusch hallt durch die leeren Krankenhausflure. Sie ist es nicht gewohnt, dass man ihre Pläne durchkreuzt. Irgendetwas daran juckt sie, auch wenn sie gleichzeitig darüber brütet, wie sie die Niederlage in eine Chance phasenverschieben kann.
Blau zerkleinert den Datenbogen und den Code. Dann greift sie zu einer Brechstange.
Später betritt eine Sucherin die Verwüstung, die Blau in dem Krankenhauszimmer angerichtet hat, entdeckt das MRT-Gerät und verschafft sich Zugang zu ihm. Das Wasser im Einmachglas ist abgekühlt. Sie schüttet sich den lauwarmen Inhalt in die Kehle.
Hinterlistigste Blau,
wie fängt man einen solchen Brief an? Es ist so lange her, dass ich ein Gespräch begonnen habe. Wir sind nicht isoliert wie ihr, nicht so sehr in unseren eigenen Köpfen gefangen. Wir denken öffentlich. Unsere Gedanken geben einander Auskunft, korrigieren einander, erweitern einander, formen einander um. Deshalb siegen wir.
Schon in der Ausbildung kannten wir Kadettinnen uns gegenseitig so gut, wie man einen Kindheitstraum kennt. Ich habe Kameradinnen begrüßt, von denen ich meinte, sie noch nie gesehen zu haben, nur um festzustellen, dass sich unsere Pfade schon einmal in einer sonderbaren Ecke der Cloud gekreuzt haben, ehe wir voneinander wussten, wer wir sind.
Also: Ich weiß nicht, wie man in einen Briefwechsel tritt. Aber ich habe schon so viele Bücher gescannt und schon so viele Beispiele katalogisiert, dass ich mich an dieser Form versuchen will.
Die meisten Briefe beginnen mit einer direkten Anrede der Lesenden. Das habe ich oben schon abgehakt. Als Nächstes kommen Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse: Es tut mir leid, dass Du die gute Ärztin nicht angetroffen hast. Sie ist wichtig. Genauer gesagt: Die Kinder ihrer Schwester werden es sein, wenn sie sich an diesem Nachmittag mit ihnen trifft und mit ihnen über die wiederkehrenden Muster des Vogelgesangs spricht – was sie bereits getan haben wird, wenn Du diese Nachricht entziffert haben wirst. Ich soll Dir verraten, mit welchem gerissenen Trick ich sie weggezaubert habe, damit sie Deinem Zugriff entgeht? Autopanne, ein schöner Frühlingstag, ein verdächtig wirkungsvolles und billiges Softwarepaket, das sich ihr Krankenhaus vor zwei Jahren zugelegt hat und das es der guten Ärztin erlaubt, von zu Hause zu arbeiten. So verflechten wir Strang 6 mit Strang 9, und unsere herrliche kristalline Zukunft funkelt so hell, dass ich eine Sonnenbrille tragen muss, wie die Prophetinnen sagen.
Nachdem ich mich unserer letzten Begegnung entsann, dachte ich, dass ich wohl am besten sichergehe, dass Du nicht wieder welche von den billigen Plätzen für Deine Seite gewinnst. Deshalb die Bombendrohung. Nicht elegant, aber wirkungsvoll.
Ich danke Dir für Deine Subtilität. Nicht jede Schlacht ist eine große, nicht jede Waffe ist scharf. Selbst wir, die wir Kriege in der Zeit führen, vergessen den Wert eines Worts im richtigen Moment, eines Ratterns im richtigen Autogetriebe, eines Nagels im richtigen Hufeisen … Es ist so einfach, einen Planeten zu zermalmen, dass man leicht vergisst, was ein Flüstern bei einer Schneeverwehung anrichten kann.
Die Lesende anreden – erledigt. Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse – erledigt, zumindest beinahe.
Ich stelle mir vor, dass Du ungläubig über diesen Brief lachst. Ich habe Dich schon lachen sehen, glaube ich – in den Reihen des Stets Siegreichen Heers, als eure Trottel den Sommerpalast abgefackelt haben und ich gerettet habe, was von den fantastischen Räderwerkgerätschaften des Kaisers noch zu retten war. Du bist voller Hohn und Grimm durch die Korridore geschritten und hast eine Agentin gejagt, von der Du nicht wusstest, dass ich diese Agentin war.
Darum stelle ich mir vor, wie sich Feuer in Deinen Zähnen spiegelt. Du glaubst, Du hättest Dich in mich gegraben – hättest Samen gesät und Sporen in mein Gehirn geschleust. Such Dir die Pflanzenmetapher aus, die Dir am besten gefällt. Aber nun habe ich Dir Deinen Brief mit einem eigenen heimgezahlt. Nun haben wir einen Briefwechsel. Und wenn das Deine Vorgesetzten herausfinden, wird das eine Reihe Fragen aufwerfen, die Dir vermutlich unangenehm sein dürften. Wer hat wen infiziert? Das wissen wir, zu meiner Zeit, von unseren wiehernden Trojanern. Wirst Du mir antworten, Dich zur Komplizin machen, unsere selbstzerstörerische Datenspur fortsetzen, nur um das letzte Wort zu haben? Wirst Du den Briefverkehr abbrechen, sodass meine Nachricht in Dir ihre fraktale Mathematik weiterspinnt?
Ich frage mich, was mir lieber wäre.
Schließlich: Abschluss.
Das hat Spaß gemacht.
Viele Grüße an die großen und rumpflosen Steinbeine,
Rot
